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In kurzen Szenen erzähle ich in diesem Buch die Geschichte meiner Eltern, geboren 1906 und 1911, bis zu meiner Geburt 1951. Aber meine tiefere Motivation für diese Erzählung ist die Suche nach meinen Wurzeln, nach den Gründen, warum ich so geworden bin, wie ich bin, und wieso ich mein Leben so lebte, wie ich es bis jetzt gelebt habe. Bruchstückhaft hatten meine Eltern mir von ihren Herausforderungen erzählt. Ich schildere ihre Kindheit und Jugend, die Schwierigkeiten im Studium und ihre Probleme, in ihrer Liebe überhaupt zusammen sein zu dürfen, und danach ihre Konflikte als Paar. Die »kurzfristige Übung«, zu der mein Vater 1939 eingezogen wurde, dauerte 6 Jahre. Erst nach seiner Flucht fanden sie sich 1945 im Westen wieder. Zwischen die jeweiligen Szenen fügen sich die Briefe meiner Mutter an meinen Vater während des Krieges ein, der sie wie eine Droge brauchte, um der erdrückenden Situation als Arzt im Krieg innerlich zu entkommen. Im Hintergrund lässt sich immer der damalige Geist der Zeit erahnen, der diesen jungen Menschen entgegenschlug – vor und während des Ersten Weltkrieges, in der Weimarer Republik, in der Nazizeit – und von dem sie auch bewusst-unbewusst ein Teil wurden. So kann man in das Seelenleben dieser beiden Menschen blicken und miterleben, wie aus dem naturgegebenen freudigen Drang nach Entfaltung sich durch Hineinwachsen in die familiären Ansprüche, in gesellschaftliche (Männer-Frauen-)Rollen und die zeitlichen Gegebenheiten, »Schicksal« entwickelte. Welche Kraft auch immer in einem Menschen welche Art von relativer Anpassung in diesem Prozess entstehen lässt, hier war es – wie bei uns allen – mit viel bewusstem und unbewusstem Schmerz verbunden, hinzukam viel Kompensation durch Alkohol, um alles durchstehen zu können. Und es gab immer Mut und Liebe in diesen beiden Menschen, um in diesem Spannungsfeld sich selbst treu zu bleiben.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2022
Bettina Goßlich
Wurzelgeschenk
Eine Suche
Copyright: © 2022 Bettina Goßlich
Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Umschlag & Satz: Erik Kinting
Titelbild: leonardo255 (depositphotos.com)
Verlag und Druck:
tredition GmbH
An der Strusbek 10
22926 Ahrensburg
Softcover
978-3-347-62940-0
Hardcover
978-3-347-62941-7
E-Book
978-3-347-62942-4
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ICH FINDE DICH IN ALLEN DIESEN DINGEN
Ich finde dich in allen diesen Dingen,
denen ich gut und wie ein Bruder bin;
als Samen sonnst du dich in den geringen
und in den großen gibst du groß dich hin.
Das ist das wundersame Spiel der Kräfte,
dass sie so dienend durch die Dinge gehn;
in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte
und in den Wipfeln wie ein Auferstehen.
Rainer Maria Rilke
Inhalt
Vorwort
Kapitel 1: Schaukelpferd
Brief: Weihnachtsbrief
Kapitel 2: Engel
Brief: Verlobung
Kapitel 3: Rekemeier
Brief: Karleen Staatsexamen
Kapitel 4: Hühner
Brief: Schmerzen
Kapitel 5: Feindlied
Brief: Fleckfieber
Kapitel 6: Lehrervertreten
Brief: Warten
Kapitel 7: Aufstehen
Brief: Abreise
Kapitel 8: Meeresstaken
Brief: Eifersucht
Kapitel 9: Geigenunterricht
Brief: Darmverschlingung
Kapitel 10: Tanzstunden
Brief: Straps
Kapitel 11: Berufung
Brief: Schwere Gedanken
Kapitel 12: Beruf
Brief: Kaputt gesoffen
Kapitel 13: Jurastudium
Brief: Kriegsschönheit
Kapitel 14: Studium Jena
Brief: Hochzeitstag
Kapitel 15: Landsmannschaft
Brief: Rizinusöl
Kapitel 16: Studium München
Brief: Abfahrt
Kapitel 17: Hofbräuhaus
Brief: Einquartierung
Kapitel 18: Kennenlernen
Brief: Hässliches
Kapitel 19: Frau-Sein
Brief: Essen
Kapitel 20: Hintergrund
Brief: Der Kanari
Kapitel 21: Verlobung Rünthe
Brief: Geschreibsel
Kapitel 22: Information
Brief: Westfalen
Kapitel 23: Verlobung Stolp
Brief: Fasching
Kapitel 24: Haushaltsschule
Brief: Geburtstag
Kapitel 25: Praxis
Brief: Kriegswitze
Kapitel 26: Kurzfristige Übung
Brief: Totaler Krieg
Kapitel 27: Allein
Brief: Fliegeralarm
Kapitel 28: Besuch
Brief: Wenn wieder einmal
Kapitel 29: Flucht
Brief: Schnaps
Kapitel 30: Westen
Brief: Schimpfen
Kapitel 31: Brot
Brief: Sinn des Lebens
Kapitel 32: Widerstandskraft
Brief: Gelber Wagen
Kapitel 33: Raum
Brief: Die Poularde zu Weihnachten
Kapitel 34: Aufbruch
Brief: Silvester
Kapitel 35: Wunder
Brief: Das letzte schöne Fest
Kapitel 36: Kind
Brief: Rennpferd
Vorwort
Freunde haben mich gefragt, warum ich dieses Buch schreibe. Typisch für mich hatte ich es nicht überlegt. Ich hatte einfach den Impuls und bin ihm bis zum Ende gefolgt. Das Resultat des späten Nachdenkens lautet jetzt: Mein Leben und die innere Führung, die ich – spät erkannt – erleben durfte und immer noch darf, gingen durch Berg und Tal, durch Kälte und Hitze, mit langen inneren Hungerzeiten und anderen Prüfungen. Aber immer gesegnet, wenn ich es auch lange nicht so empfunden habe.
Wie alle sind auch meine Eltern durch vieles hindurchgegangen, mussten es, sind mehr oder auch weniger mutig vorangeschritten, in Ängsten, in Verdrängung von innerem Leid, mit innerer Kalt-Stellung, um zu überleben, um weitermachen zu können. Ich habe ihre Verzweiflung, Selbstanklage und unbewusste Anklage gegen das Leben von klein auf erlebt. Ich kannte sie und somit auch das Leben nicht anders. Erst im Verlust durch ihren Tod, den ich erst viel später wirklich fühlen konnte, habe ich ihr Leid verstanden und ihre Größe bewusst erkannt. Lebens-Leistung sagt man doch so schön. Am Ende, dem sie klar und mutig entgegensahen, waren sie mit ihrem Leben einverstanden. Das haben sie mir nicht nur gesagt, das war sichtbar und fühlbar.
Sich mit sich selbst zu beschäftigen, Zeit dafür zu haben und sie sich dafür zu nehmen, das ist der Luxus meiner Nachkriegsgeneration. Wir hatten 70 Jahre Frieden und genug zu essen. Das war der Generation meiner Eltern noch nicht in dem Maße gegeben. Der Prozess, mich mir selbst gegenüber zuzugeben, ist noch nicht beendet. Jedoch: Gesegnet bin ich damit, gelernt haben zu dürfen, was es heißt, seine Wurzeln zu finden. Gerne hätte ich meinen Eltern gegenüber meine Dankbarkeit und Liebe aussprechen können. Es war zu spät, als ich dazu in meinem Inneren fähig wurde. Glücklicherweise haben wir es gegenseitig spüren können, wenn wir auch sprachlos waren.
Sie haben mir die Szenen der in diesem Buch festgehaltenen Kapitel erzählt, manches ausführlich, manches nur angedeutet. Zu manchen Darstellungen ihrer Gefühle oder Reaktionen wurde ich durch die Briefe meiner Mutter angeregt. Es ist ein Lebensbild von zwei sensiblen, intelligenten Menschen, ihrem Aufwachsen, ihren Sehnsüchten und ihrem Leid, ihren Verdrängungen in der Zeit von 1906–1951. Wie sie mit ihren persönlichen und den kollektiven Begrenzungen umgegangen sind und offensichtlich nicht anders konnten.
Ich habe beim Schreiben dieses Buches gelernt, mich und meine Eltern und alle Menschen noch mehr zu akzeptieren: wie wir alle verwoben sind in der ewig bestehenden Spannung zwischen Mut und Fehlen, Aufgeben und Auferstehen. Während des Schreibens entwickelte sich immer mehr Mitgefühl – mit ihnen, mit mir selbst und anderen. Das ist wohl der Grund, warum ich es geschrieben habe: um meinen Eispanzer schmelzen zu lassen und so erst das Leben anders sehen und empfinden zu können.
Bevor mein Vater als Stabsarzt im Februar 1945 500 verwundete Kopfschüsse auf einem Schiff von Danzig nach Kiel begleitete, hatte er die Briefe meiner Mutter in eine Art Holzkiste gepackt. Riesige Nägel hielten deren Bretter zusammen. Sie stand fast 60 Jahre ungeöffnet auf dem Speicher. Erst nach dem Tod meiner Mutter habe ich sie aufgemacht und fand die Briefe. Leider sind die Briefe meines Vaters an meine Mutter in Gleiwitz geblieben. Sie hat sie zurückgelassen, bevor sie zusammen mit ihrer Mutter die Flucht antrat. Ich hatte gar nicht gewusst und auch nicht angenommen, dass mein Vater überhaupt Briefe an sie geschrieben hatte. Aber ihren Briefen habe ich entnehmen können, dass auch er ständig schrieb.
So rückten sich die inneren Bilder meiner Eltern in mir zurecht. Bis ich sie so sehen konnte, hat es Jahrzehnte an seelischer Klärung gebraucht, in denen ich meine Kälte bereute, aber mich darin auch erst selbst verstanden habe.
Sie waren wunderbare Wesen. Meine Intuition, mein Herz, hat es immer gewusst. Welche Gnade, durch sie und mit ihnen gelebt haben zu dürfen. Und es war heftig für mich als Kind, nicht wunderbar. Dennoch: Trotz ihrer leidvollen Erstarrung gaben sie Liebe in die Welt. Und natürlich an mich. Ihre Qualitäten in mir: meine Wurzeln.
Bettina Goßlich, November 2022
Kapitel 1: Schaukelpferd
H. G. 1910 Rünthe
»Herrrrrmannn!«
Die Töne des Rufens prallten auf seinen kleinen Körper, ließen sein Trommelfell sich zusammenziehen. Sie bewirkten, dass er die Augen schloss. In seinem Kopf zuckte es wie ein Blitz, ein Gedanke: Vielleicht wird sie mich nicht sehen, wenn ich die Augen zu habe. Wenn ich nicht gucken kann, dann kann mich auch keiner sehen, dann kann mich keiner holen … weg von mir …
Vorher hatte er die Sonne tanzen gesehen, im Laub des großen Kirschbaums, hatte in seinem Inneren mitgetanzt, dabei gefühlt, wie diese Angst aus ihm herausgefallen war und eine Leichtigkeit alles in ihm weit machte. Das war eben noch gewesen. Da wo Dürfen war und nur er selbst in der Unendlichkeit dieses frühen Sommertages, der sich in eine weitere Unendlichkeit von anderen Tagen reihte: Regentage, neblige Tage, kühle Tage, heiße Tage, Wassertage, Heutage, Grastage, Limonadentage, Schaukelpferdtage, Wolkentage, Sonnentage …
»Herrrmannn!«
Er zuckte zusammen, ein Zittern fegte über ihn hinweg. … Sie sucht mich, sie findet mich … gleich … Das Zittern stockte, alles wurde fest, kein Platz mehr, das Innen war weg … nichts …
»Frühstücken!«
Ja, er schmeckte schon im Voraus das Brot mit Butter, die Leberwurst, die Marmelade. Das will ich gerne, aber … gleich findet sie mich und dann, dann … »Au!«
Sie riss ihn am Arm. »Komm frühstücken, was machst du wieder?« Sie zog ihn mit sich: »Komm jetzt, schnell!«
Alles gemischt: die Angst vor dem Harten und seine Sehnsucht tief in ihm … Vielleicht würde sie mal wieder lieb zu ihm sein, wie manchmal, ganz manchmal. Aber er konnte sich nicht erinnern, wann und wo und wie das eigentlich war. Sie war das Schöne und das Schreckliche gleichzeitig. Er wusste, dass er immer wieder versuchte, sie zu beruhigen, sie nicht aufzuregen, damit ihr Schreckliches ihn nicht traf. Aber es war unausweichlich. Er fühlte ganz tief in sich diesen Drang, mit sich im Frieden zu sein, Raum in sich zu haben, in dem er sich verstecken konnte, vor ihr, vor dem schrecklichen Harten und ihrem schneidenden, unwidersetzbaren Muss!
»Kannst du nicht schneller? Komm!« Sie zerrte ihn die Treppe hinauf, den dunklen Flur entlang, ins Esszimmer … Alle saßen sie schon da: die ältere Schwester Marianne, starr und steif, das neue Baby im Kinderstuhl und Vater am Kopfende des riesigen schwarzen Tisches mit dem weißen Tischtuch.
»Komm, Hermann«, sagte Vater, »komm, setz dich, mein Junge. Setz dich doch, hast du Hunger, mein Kind?« Die Stimme ist ruhig, freundlich, aber fast unhörbar. Er hörte sie, aber sie durfte eigentlich nicht gehört werden.
Marmelade, Ei, Brot …
»Iss jetzt, Hermann, iss jetzt!« Ihre Stimme schlug in seinen kleinen Kopf ein.
Sein Körper sagte ihm: Ich kann nicht schlucken, ich weiß nicht, wie ich kauen soll, ich kann nicht schlucken … Seine blauen, etwas hervorstehenden Glaskugelaugen starrten in die Runde. Alle sahen ihn an.
Er hustete, er schluckte, versuchte zu schlucken, hustete, husten, schlucken, hus… schlll… Sein kleines Gesicht unter den weißblonden Haaren wurde röter, bläulich …
Das Brot kam aus seinem Mund wieder heraus, mit der Marmelade.
Dann wieder die Stimme seiner Mutter: »Hermann!«
Danach kaute er auf einer Brotrinde.
»Hermann, wo ist dein Schaukelpferd? Es war doch vorgestern noch auf dem Balkon, heute habe ich es nicht mehr gesehen, auch nicht in deinem Zimmer.«
»Hermann! Antworte, wenn man dich fragt! Wo ist es?«
Es fiel ihm ein … Eigentlich hatte er es wieder holen wollen, gestern Abend, nachdem es wohl genug im Feld gewesen war, um sich satt zu fressen …
»Wo ist es, was hast du damit gemacht?«
»Im Feld …«
»Wie, was – im Feld, in welchem Feld?«
Ihm wurde heiß. Ihre Stimme schlug wieder in seinen Kopf ein, der immer enger wurde. »Im Feld auf der anderen Seite …«
»Tausendmal habe ich schon gesagt, dass du nicht auf die andere Straßenseite gehen sollst! Und warum bringst du das Schaukelpferd ins Feld?«
Er hatte das Schaukelpferd zu Weihnachten bekommen und als er den Bauern letzte Woche gesehen hatte, wie er sein Pferd zum Feld führte und das Pferd dann fraß, da hatte er so gespürt, dass … »Es hatte Hunger!«
Seine Mutter verdrehte die Augen, verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Ich hole es und es bleibt in deinem Zimmer! Und du auch!«
»Aber es hatte doch Hunger …« Seine Augen begannen zu brennen und füllten sich mit etwas Heißem.
Alle starrten ihn an. Marianne kicherte. Wenn sie sich richtig fühlte, kicherte sie. So war das immer, wenn er etwas falsch machte. Sie kicherte oft.
Er riss sich zusammen und es wurde dunkel und kalt in ihm.
Weihnachtsbrief
München, 24.12.1932
Liebe Mutter, lieber Vater!
Habt herzlichen schönen Dank für Euer Weihnachtspaket mit den Fressalien und den Leckerbissen und den Geschenken in bar und ebenso auch herzlichen Dank, dass Ihr mir ohne Groll gestattet habt, dieses Jahr Weihnachten in 2000 Metern Höhe in Tirol verbringen zu dürfen. Ich werde dort am Heiligen Abend unter dem Christbaum viel und treu an Euch denken - wie in der Vergangenheit auch in der Zukunft. Und ich werde Euch auch immer froh danken, dass Ihr es mir erlaubt habt.
Aus W. habe ich auch ein schönes Weihnachtsgeschenk bekommen, und von Karleen ein Paar Manschettenknöpfe. Von L. kriegte ich ebenfalls ein Weihnachtpaket – also die Frage ist, ob ich mich beklagen kann – Nein!
Ich wünsche Euch, liebe Mutter und lieber Vater, dass Ihr das Weihnachtsfest froh und glücklich verlebt und bitte, nicht traurig oder böse zu sein, dass ich dieses Jahr nicht bei Euch bin. Nächstes Jahr bestimmt aber.
Lieb Mütterlein, lieber Vater, feiert frohe Weihnachtstage!
Ganz viele Grüße Euer Hermann
PS. Wir sind bis Mittwoch auf der Hütte bei Kufstein und dann in Innsbruck und Sylvester auf der Hütte bei Garmisch.
Sehr geehrte gnädige Frau,
sehr geehrter Herr Pastor!
Herzlichen Dank für Ihre freundlichen Weihnachtswünsche und für das herrliche Paket, durch dessen Inhalt ich mich auch gemeint fühle. Wir haben heute so viel gepackt von den heimatlichen Dingen wie nur in den Rucksack ging. Es kommt einem doch etwas komisch vor, so zum ersten Mal Weihnachten nicht nach Hause zu fahren. Aber es ist so wunderschönes Wetter, und man hat Ferienstimmung, und wir freuen uns auf die Sonne und die Berge. – Ich wünsche Ihnen ein recht frohes, gesundes Weihnachtsfest. Wir werden oft schreiben. Viele herzliche Grüße Ihre Karleen R.
Kapitel 2: Engel
K. R. 1915 Allenstein
»Karleen, Karlinchen!«, kam Mamis Stimme aus ihrem Zimmer, irgendwie anders als sonst.
Sie war doch so beschäftigt: Es war der erste Weihnachtsfeiertag und sie spielte mit ihren neuen Bauernhof-Figuren, musste den Stall doch mit den Holzklötzen fertigbauen, damit die Tiere darin fressen konnten. Sie hatte extra Steinchen als Futter gesammelt, gestern auch die Stelle wiedergefunden, von der sie wusste, dass die Steinchen da lagen. Sie hatte den Eisschnee und Erde mit einem kleinen Ästchen weggekratzt.
»Kaaarleen …«
Sie stellte die kleine Holzkuh in den Stall, dann sprang sie auf und rannte in ihr Zimmer, wo Mami war, zum Bettmachen und Aufräumen. – Sie rannte, sie konnte immer nur rennen, ihr kleiner drahtiger Körper platzte fast vor Kraft.
Ihre Mutter saß zusammengesunken auf Karleens Kinderstühlchen und hielt irgendetwas in der Hand. »Karleen, guck mal, weißt du, was das ist?«, fragte sie und hielt ihr das Etwas entgegen.
Sie erschrak, als sie das Ding erkannte. Aber das war … das war doch … Dieses Etwas war doch der Engel, der gestern noch auf dem Schrank neben der Krippe gestanden hatte. Ganz neu war er gewesen, der Kopf aus Wachs mit aufgemalten Augen. Kleine Wachshände hatten sich aus dem goldfarbenen Papierkleid mit den aufgeklebten blinkenden Steinchen herausgestreckt und eine kleine Kerze gehalten. Und er hatte auf kleinen Füßchen aus Wachs gestanden. Sie erstarrte. So war er gewesen der Engel, gewesen … Jetzt war er irgendwie … ein irgendwas. Er erinnerte sie jetzt mehr an die abgebrannten Kerzenreste am Weihnachtsbaum, zerflossen, mit einem Stück Stoff. Hier und da blinkte noch etwas Goldenes vom Kleid des Engels, da war ein Flügelrest aus Papier … Ein verdrehtes Füßchen konnte sie sehen, die Händchen nur noch Wachskugeln. Und wo mal das Köpfchen und ein Gesicht waren, starrte sie jetzt auf einen weißlichen Wachsklumpen, auf das eine Auge, das sie darin noch erkennen konnte …
»Karleen, was hast du denn mit dem Engel gemacht? Der schöne Engel …«
Erschrecken, dann Schmerz. Eine große Trauer kroch von den Füßen ihren Körper hinauf. Sie spürte ihn wieder, den wunderbaren Engel, den sie so angebetet hatte, gestern Abend im Schein des Tannenbaums; der sie angeschaut hatte mit einem Blick aus der anderen Welt, in der sie immer lebte. Er hatte ihr etwas gesagt, das sie spüren konnte – ohne Worte: Da gibt es etwas, das da ist und mehr ist als alles, was du sehen kannst. Ja, das hatte er gesagt. Und nun …
Eine Träne erschien. Er war so wundervoll gewesen, so voll von … so wie Mami und Vati zusammen und wie die Hühner und wie die Sonne und der Mond und die Sterne und die Wellen und das salzige Meer und wie der Walnussbaum und, und … Ich wollte ihn doch nur ganz nah bei mir haben, für immer, ihn ganz nah bei mir haben. Ich habe ihn mir geholt als Mami und Vati schon im Bett waren. Ich konnte doch nicht schlafen, ich war so aufgeregt, ich musste immer an den Engel denken. Im Bauch hatte ich dieses Kribbeln, weil der Engel mich doch angeguckt und sogar zu mir gesprochen hatte. Im Weihnachtszimmer musste ich erst noch den Stuhl an die Kommode stellen, damit ich überhaupt an ihn heranreichen konnte. Dann habe ich ihn mit ins Bett genommen und bin auch gleich eingeschlafen, den Engel im Arm … Und heute Morgen habe ich gar nicht mehr an ihn gedacht und bin einfach aus dem Bett gesprungen.
Mami hatte Tränen in den Augen.
Dicke Tropfen kullerten Karleen die Backen herunter. Sie zitterte.
»Ach, mein Kind, mein liebes Kind«, sagte Mami. »Er war aus Wachs, das wird ganz weich, wenn es warm wird. Aber du hast ihn ja lieb gehabt und gewärmt in deinem Arm. Komm, komm her …«
Karleen sank in ihre Arme und weinte um den Engel. Zusammen gingen sie danach zu Vati, um auch ihm den Engel, den unzerstörbar geliebten Engel, zu zeigen.
Niemals hat sie ihn vergessen. Jahrzehnte später sollte sie sich selbst noch einmal einen ähnlichen Engel aus Wachs kaufen.
Verlobung
Stolp, August 1933
Liebe Mutter, lieber Vater,
nun habe ich mich mit Karleen verlobt und will sie mein ganzes Leben liebhaben und Freud und Leid mit ihr teilen – aber was soll ich Euch das Alles weiter sagen – wir sind glücklich und bitten um Euren Segen.
Dass die Zeiten schwer und geplagt sind, hat uns nicht hindern können, im Herzen vor Gott und der Welt gemeinsam Not und den harten Daseinskampf überwinden zu wollen. Und wir wissen, dass wir das gemeinsam in unserer Liebe schaffen werden.
Karleens Eltern haben uns auch inständig vor Augen gehalten, dass sowohl Mut und Glaube als auch unsere Liebe die Welt nicht werden bezwingen können, aber Wahrheit und Treue haben immer noch gefestigt und Kraft zum Kampf um alles Wertvolle gegeben.
Karleen hat ihr Physikum bestanden und hört jetzt auf zu studieren. Sie weiß genug, um mir in meiner zukünftigen Praxis helfen zu können, vielleicht famuliert sie noch mal eine Zeitlang. Die nächste Zeit wird sie sich mit Kochen und diesen grundsätzlichen Dingen beschäftigen, und dafür 3 x wöchentlich die Töchterschule hier in Breslau besuchen, um die Kunst der Hausfrauenpflichten und Küche zu erlernen.
Ich aber hoffe, in kurzer Zeit ein Zuhause zu gründen, Karleen als Herrin dort walten zu lassen, Kinder dort laufen zu hören und damit wieder ein Glück zu finden in dieser dunklen Zeit. Über unserer Familie, die es dann bald geben wird, aber soll der Segen unserer Eltern herrschen.
Darum bitten wir Euch, liebe Eltern, um Euren Segen voller Liebe. Unser Glaube ist groß.
Unseren Kindern aber werden wir die tiefe Empfindung der Dankbarkeit weitergeben, die Ihr von Euren Eltern in meine Hände gelegt habt.
Euer Hermann
***
Liebe gnädige Frau, sehr geehrter Herr Pastor,
wie Hermann denkt, so denke ich auch. Wir haben uns lieb, so lieb, dass es nicht nur für eins, sondern für viele, viele Leben reicht. Und so bitte ich Sie, sich mit uns über unser Glück zu freuen, mich ein wenig lieb zu haben und zu glauben, dass ich Hermann alles Gute und Liebe tun und geben will, dessen ich fähig bin und dass wir unser ganzes Leben lang fest zusammenhalten werden.
Ihre Karleen Reinhardt
Kapitel 3: Rekemeier
H. G. 1912 Rünthe
»Hermann …«
Diese Stimme, wie ein Singen, sanft, stark, fröhlich, warm … Fräulein Rekemeier – ein Funkeln in diesem Haus mit den dunkel getäfelten Wänden, dem kalten Salon, in den man sowieso nicht hineinging, der tot, ungenutzt wie ein schwarzes Loch vor sich hin fror … Sie war die Hauslehrerin für Marianne und ihn. Natürlich gingen sie nicht zur Schule, zu irgendwelchen Dorfkindern. Seine Welt wurde von zwei Schwestern belebt.
Das Gesicht heiß von der Aprilsonne drehte er sich um, weg aus der Wärme des Vorfrühlingsgartens, auch weg aus seinen Träumen, weg von den weißen Wolken, die er gerade am Himmel hatte ziehen sehen, wie sie ihre Form veränderten – aus einem Schaf wurde ein Haus, ein Kopf, dann ein Löwe, noch ein Kopf … Schnell, ganz eilig lief er zum Haus, über den Balkon ins Lernzimmer. Da war Fräulein Rekemeier. Sie hatte braune Augen und dunkelblondes lockiges Haar. Hermann fiel mit seinen blauen Augen in die ihren … und dann sah er wieder die Sternchen auf ihrem Haar, wie die Lichtreflexe des Sonnenlichts auf den Blättern der Eiche draußen. Funkelnde Sternchen hatte sie auf den Haaren, viele Sternchen, tanzende Sternchen.
»Hermann, drei und fünf, wie viel ist das?«, fragte die Fee mit den Sternchen auf den Haaren.
Alles wurde starr in ihm, er stellte sich auf Rechnen ein. Er hielt den Atem an, irgendetwas Stechendes ging durch seinen Kopf, alles wurde enger … »Acht«, sagte er und atmete erst aus, als Fräulein Rekemeier sagte: »Stimmt.«
Dann sprach sie mit Marianne. Marianne war wie ein Schatten für ihn, ein kühler Schatten. Alle sagten: Marianne, du bist doch ein Jahr älter als Hermann, also musst du dich gut benehmen, sonst gibst du kein gutes Vorbild für Hermann ab! Er war froh, dass Marianne da war – wenigstens war da jemand –, aber irgendwie kroch ein Frieren über ihn, wenn sie in der Nähe war. Da war immer dieses diamantklare Wissen darüber, was richtig und falsch war. Sie wusste alles besser, sprach es aus und machte alles richtig. Mutter lobte sie immer, jeden Tag, ständig. Er war so … irgendwie anders.
Während Fräulein Rekemeier zu Marianne sprach, fiel sein Blick wie in einem Sog auf dieses feine Glänzen auf ihrem Gesicht, ein Zauber, der ihn wieder in eine andere Welt führte. Er würde diesen Glanz so gern mal anfassen und ihn dann mitnehmen, für immer, nur für sich … Nur für mich, dachte er.
Es war wie ein Erwachen, als Fräulein Rekemeier sagte: »Hermann, lies das mal. Wir sind da … bei dem zweiten Absatz.«
Lesen fiel ihm leicht, die Buchstaben formten sich in seinem Kopf zu Sätzen, obwohl er nicht genau verstand, worum es ging, in dem, was er im Moment an Buchstaben und Sätzen sah. Heute Nachmittag, da würde er andere Bücher lesen, seine Bücher, die von den anderen Welten, die verzaubert waren, so verzaubernd. Dann war sein Kopf so frei, dass er alles gleich verstand. Aber jetzt, im Unterricht … Da war wieder dieses Muss! Nur manchmal kam es vor, dass Fräulein Rekemeier ihn nach den Unterrichtsstunden ansprach und fragte, was er denn sonst so lese und ob er ihr davon erzählen könne. Dabei schien die Zeit zu schrumpfen, er war dann immer so aufgeregt. So schnell war es wieder vorbei … Wo er sich doch so danach sehnte, dass sie ihn ansah. Und vielleicht würde sie ihn ja heute noch mal ansprechen, wie letzte Woche …
Fräulein Rekemeier verließ das Haus und ihn nach einem Jahr und heiratete. Dann kam ein jemand, ein Mann.
Karleen Staatsexamen
Ansichtskarte: Conrad Kissling, Bierstuben an die Eltern von Hermann
Gleiwitz, 25. Juni 1937
Liebe Mutter, lieber Vater!
Möchte Euch mitteilen, dass ich heute mein Examen mit ‚gut‘ bestanden habe. Nun kann ich endlich in ungetrübter Freude an die Einrichtung unserer Wohnung gehen.
Leider hat Hermann immer noch keine Nachricht aus Berlin, wo er sein ärztliches Landvierteljahr zu verbringen hat.
Bleibt schön gesund und seid herzlich gegrüßt von Eurer Karleen
Jetzt haben wir alles durchgestanden! Froh!!
Von der Reservistenübung haben Sie mich für zwei Tage wieder zurückgeschickt, da es im ganzen Regiment keine Mütze gab, die auf meinen Kopf passte! Müssen sie erst besorgen!
Herzliche Grüße – Euer Hermann
Kapitel 4: Hühner
K. R. 1919 Rügenwaldermünde
»Karleen, Karleen, Karleeeeen …«
Ein Lied aus Vokalen und ein paar zwischengetönten Konsonanten sang sich aus dem Küchenfenster. Die breiten Strahlen der Abendsonne fielen auf den gedeckten Tisch.
»Karleeen, Karlinchen …«
Karleen drückte das Huhn noch ein wenig mehr an sich, fühlte die Wärme des Tieres durch die Federn hindurch auf ihrer Haut, durch den leichten Stoff ihres Kleidchens. Das Huhn saß in ihrem Schoss und sie schauten sich an.
Sie küsste Lore, ihr Lieblingshuhn, auf den roten, heißen Kamm, spürte das Blut darin pulsen und roch den warmen, sauberen Geruch des Tieres. Und sie konnte auch den Duft ihrer eigenen braunen Arme riechen, den Salzgeruch des Meeres. Sie waren heute Morgen zum Baden gegangen, Mami hatte sie festgehalten, während sie zusammen den großen Wellen entgegengesprungen waren. Dann war die wilde Weite in ihr: Ich bin die Welle, wir springen, weiter, weiter, weiter, mehr, mehr …
»Karleeeen …«
Sie setzte Lore wieder auf die Stange im Stall, wo die anderen Hühner sich gesammelt hatten, manche hatten schon ihre Köpfe zum Schlafen unter die Federn gesteckt.
Dieses Huhn hatte sie Lore getauft und es war ihres, genau wie die anderen. Alle waren ganz zahm. Morgen früh würde sie sie gleich wieder begrüßen, jedes einzelne, und ihnen Käsereste vom Abendbrot bringen. Sie fühlte den Wunsch, eins der Hühner mitzunehmen, ins Haus, aber es ging nicht, Mami hatte es gesagt, und wenn Mami was sagte, dann stimmte das. Das war einfach so. Es war vielleicht manchmal ein bisschen traurig, dass nicht alles zu machen war, wie sie selbst es wollte, aber …
Sie schob den Türriegel vom Hühnerstall zu und schloss auch die Klappenöffnung für die Hühner, damit der Fuchs nicht reinkommen konnte. Letztes Jahr hatte er drei Hühner totgebissen.
Sie wusste, sie würde heute Abend mit Mami zusammen beten für Lore und die anderen Hühner und überhaupt für alle und alles: Müde bin ich geh zur Ruh …
Dann sprang sie die Treppe hinauf, zwei Stufen auf einmal. Ich muss mal probieren, ob ich drei Stufen schaffe, dachte sie, bevor Sie die Wohnungstür aufstieß: »Ich bin da!«
