Wurzeln schlagen - Allan Jenkins - E-Book

Wurzeln schlagen E-Book

Allan Jenkins

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Beschreibung

Eine verwundete Seele. Im Garten wird sie wieder ganz. Allan Jenkins ist glücklich verheiratet und ein erfolgreicher Journalist. Fast täglich sucht er im Morgengrauen oder in der Abenddämmerung sein kleines Stück Land in einer Londoner Kleingartenkolonie auf, um sich dort über seine Pflanzen zu beugen. Er hegt und pflegt die grünen Schützlinge, freut sich über jede einzelne Blüte, jede einzelne Frucht. Die Pflanzen haben, was ihm selbst fehlt: Wurzeln. Sein Leben lang hat Allan darunter gelitten, seit die Mutter ihn verließ und eine Odyssee durch Heime und Pflegefamilien begann. Ausgerüstet mit viel Mut und einer Schaufel gräbt sich Allan durch seinen Garten und immer mehr in die eigene Vergangenheit, stellt sich den bitteren Enttäuschungen, denen er auf der Suche nach den Eltern ausgesetzt ist. Der Garten bietet dabei Raum und Halt. Sobald er die Erde zwischen seinen Händen spürt, lässt sich die Wahrheit, die nach und nach zutage tritt, ein bisschen leichter ertragen. Wo findet man Trost, wenn das Gefühl, nirgendwo hinzugehören, übermächtig wird? Was bedeutet es, sich als erwachsener Mann der großen Frage stellen zu müssen: Wer bin ich? Dies ist ein schonungsloses und berührendes Buch über ein Leben auf der Suche und gleichzeitig eine ungeheure Feier des Glücks, das der Mensch nur im Garten findet.

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Seitenzahl: 369

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Allan Jenkins

Wurzeln schlagen

Ein Jahr im Garten auf der Suche nach mir selbst

 

 

Aus dem Englischen von Christel Dormagen

 

Über dieses Buch

Eine verwundete Seele. Im Garten wird sie wieder ganz.

 

Allan Jenkins ist glücklich verheiratet und ein erfolgreicher Journalist. Fast täglich sucht er im Morgengrauen oder in der Abenddämmerung sein kleines Stück Land in einer Londoner Kleingartenkolonie auf, um sich dort über seine Pflanzen zu beugen. Er hegt und pflegt die grünen Schützlinge, freut sich über jede einzelne Blüte, jede einzelne Frucht. Die Pflanzen haben, was ihm selbst fehlt: Wurzeln. Sein Leben lang hat Allan darunter gelitten, seit die Mutter ihn verließ und eine Odyssee durch Heime und Pflegefamilien begann.

 

Ausgerüstet mit viel Mut und einer Schaufel gräbt sich Allan durch seinen Garten und immer mehr in die eigene Vergangenheit, stellt sich den bitteren Enttäuschungen, denen er auf der Suche nach den Eltern ausgesetzt ist. Der Garten bietet dabei Raum und Halt. Sobald er die Erde zwischen seinen Händen spürt, lässt sich die Wahrheit, die nach und nach zutage tritt, ein bisschen leichter ertragen.

 

Wo findet man Trost, wenn das Gefühl, nirgendwo hinzugehören, übermächtig wird? Was bedeutet es, sich als erwachsener Mann der großen Frage stellen zu müssen: Wer bin ich? Dies ist ein schonungsloses und berührendes Buch über ein Leben auf der Suche und gleichzeitig eine ungeheure Feier des Glücks, das der Mensch nur im Garten findet.

Vita

Allan Jenkins ist preisgekrönter Journalist und Herausgeber des Magazins «Observer Food Monthly». Zuvor arbeitete er als Gastro-Kritiker für die Zeitung «The Independent» und baute eine Weile in einer Ökokommune auf der Insel Anglesey Bio-Gemüse an. Heute lebt er in London.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel «Plot 29» bei Fourth Estate, London.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, April 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«Plot 29» Copyright © 2017 by Allan Jenkins

Vorwort Copyright © by Nigel Slater

Abbildungen Copyright © 2017 by Allan Jenkins

Foto des Autors Copyright © by Andrew Crowley

Einbandgestaltung AMMA Kommunikationsdesign, Stuttgart

Einbandabbildung Florikgius/Alaneg

ISBN 978-3-644-00155-8

 

Das Buch basiert auf persönlichen Erfahrungen des Autors. Einzelne Namen und eindeutige Charakteristika, Dialoge und Details wurden verändert beziehungsweise fiktionalisiert.

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Für Christopher

Vorwort

Es gibt zwei Arten von Gärtnern. Solche, die ein Stück Land erben und darauf Rasen aussäen, eine sorgsam gepflegte Grasfläche anlegen, ordentlich abgekantet, in geraden Linien gemäht und von allen bewundert. Und solche, die ihre Fläche nutzen, um etwas anzupflanzen, die sich um das, was darauf wächst, kümmern und es mit anderen teilen. Letztere graben tief in die Erde, sie pflügen und verbessern den Boden, pflanzen Samen ein und sehen ihnen beim Sprießen zu. Sie schützen und behüten alles, was dort lebt, und am Ende teilen sie die reiche Ernte mit anderen.

Auch einen Lebensbericht kann man auf zwei Arten schreiben. Man kann eine Geschichte hinpinseln, die jegliche Risse zukleistert und von heroischen Taten und Erfolgen erzählt. Oder man kann mutig den Spatenstich tiefer ansetzen und dann graben, um eine sehr viel reichere Geschichte zutage zu fördern. Eine, die Autor und Leser gemeinsam mit auf eine Reise nimmt, die mal überraschend, mal zart und gelegentlich verstörend ist.

Ich habe noch nie etwas wie Wurzeln schlagen gelesen. Ja, es ist die liebenswürdige, herzerwärmende Geschichte von der Rettung und Wiederherstellung eines aufgegebenen Schrebergartens, eine Geschichte vom Schutz, den jemand, der etwas von den Freuden und Tücken des Gärtnerns versteht, dem Boden angedeihen lässt. Zugleich enthalten diese Seiten aber auch eine sehr ungewöhnliche Lebensgeschichte, mutig, exzellent geschrieben und absolut berückend.

 

Nigel Slater, 2017

Natur

Immer wenn ich aufgewühlt, womöglich sogar wütend bin, ist das Gärtnern für mich wie eine Therapie. Wenn ich nicht reden möchte, suche ich Parzelle 29 auf oder ein noch wilderes Fleckchen Erde an einem Meer im Norden. Dort, zwischen Sämlingen und Bäumen, beruhigen sich mein Atem und mein Herzschlag allmählich. Meine Ängste und Sorgen verflüchtigen sich.

So ist es nicht immer. Manchmal möchte ich einfach nur Kartoffeln zwischen Blumen pflanzen, wie einst als Fünfjähriger mit meinem Bruder während eines verzauberten Sommers bei unseren neuen Eltern.

Parzelle 29 liegt in einer Londoner Kleingartenkolonie, in der Leute zum Gärtnern zusammenkommen. Nur dass ich dort manchmal, neben Studentenblumen und Sauerampfer, eben auch Trost anbaue. Ich ziehe kleine Pflanzen so heran, wie ich als kleiner Junge gern umsorgt worden wäre. Ich biete Schutz gegen Eindringlinge, ähnlich wie damals, als ich versuchte, Christopher zu beschützen.

Dies hier ist also mein Tagebuch und zugleich meine Kindheitsgeschichte, auch wenn die Erinnerungen so zerstückelt sind wie meine Familie. Ich versenke mich in die Parzelle, in die Natur und ihre Kultivierung. Ich gerate in Verzückung. Ich pflanze Erbsen für meinen Seelenfrieden.

Es geht natürlich nicht nur um Heilung, auch wenn sie dort wie die Bohnen im Überfluss zu finden ist. Manchmal geht es schlicht um das Vergnügen, Gemüse und Obst und Blumen gedeihen zu lassen, an denen man sich mit Menschen erfreuen kann, die man liebt.

Es treten auf:

Schrebergartenfamilie

Mary, Howard, Annie, Bill, Jeffrey, John, Ruth

Familie

Henriette

Ehefrau

 

Christopher, Lesley, Caron, Susan, Michael, Mandy, Adeboye, Tina.

Geschwister

 

Lilian und Dudley

Mum und Dad

 

Sheila

Mutter

 

Ray

Vater

 

Bill und Doris

Großeltern

 

Terry, Tony, Colin, Mike, Joyce

vier Onkel und eine Tante

 

Allan, Alan, Peter

Ich

Herrje, der Alte konnte mit dem Spaten umgehn.

Genau wie sein Alter.

Seamus Heaney, Vom Graben

Juni

Es ist der Monat der frühen Besuche, wenn man bereits vor fünf aufwacht, weil die Parzelle ruft. Die Zeit des Wachsens und der Haselzweigwigwams. Zeit, sich um die Aussaat zu kümmern. Während ich wach liege – oder in der Redaktion sitze –, stelle ich mir die zarten Sämlinge vor, der Gnade von Wind, Regen, Sonne und Schnecken ausgesetzt. Werden sie es durch ihre Kindheit schaffen? Mit meiner Hilfe vielleicht.

Gegen sechs bin ich in der Kleingartenanlage, die Luft ist weich, das Licht ebenfalls, das Rotkehlchen, vielleicht auch der Fuchs sind meine einzigen Gefährten. Die Bohnenschösslinge, gerade mal zwei Blättchen hoch, sind nun sehr verletzlich. Schaffen sie es an den Schnecken vorbei, die wie Rowdys auf der Lauer liegen? Binnen zwei Wochen werden sie frei sein und sich wie im Zeitraffer an den Haselstecken hochwinden. Nächsten Monat werden sie schon zwei Meter hoch sein, die Stängel ineinander verschlungen, und wie Bergsteiger an einer schwierigen Felswand nach der nächsten Stange tasten. Blüten werden aufgehen, Schoten werden sich formen. Doch für den Moment stehe ich erst mal nur am Rand, ein Vater am Schulsporttag, der leidenschaftlich anfeuert. Bald werden sie, wie Kinder, alt genug sein, um sich allein durchzuschlagen, doch noch bin ich für sie da, weniger, um irgendetwas zu tun – das Beet ist gehackt und gejätet, ziemlich makellos –, sondern eher als Freund, damit sie, so komisch es klingt, wissen, dass sie nicht allein sind.

Ich habe, glaube ich, an Sämlingen gelernt zu lieben; andere Kinder haben dafür kleine Hunde oder Kätzchen oder Plüschspielzeug. Es war die hoffnungsvolle Hilflosigkeit keimender Jungpflanzen, die nach mir rief, etwas Verletzliches, das betreut werden wollte. Das Bedürfnis zu beschützen, da zu sein, war stark; für meinen Bruder Christopher hatte ich das nicht gekonnt, hatte ihn im Kinderheim allein gelassen; ebenso wenig wie für meine Schwester Lesley, die ich bei ihrem Dad in Sicherheit wähnte, und für Caron, die sich selbst überlassen blieb, während meine Mutter auf der Suche nach neuen Männern, neuem Sex und Abenteuern war.

 

Samstag, 6 Uhr früh. Noch hat die Sonne die Parzelle nicht erreicht. Bill schläft schlechter, seit seine Frau gestorben ist, deshalb kommt er her, um die Zeit totzuschlagen, bis Costa Coffee um 8 Uhr aufmacht, wo er sich mit anderen Schlaflosen trifft. Seine Parzelle ist die ordentlichste, beinah wie mit der Nagelschere getrimmt, alles adrett in sauberen Reihen, die Pflanzen in perfektem Abstand, Sellerie bleicht in braunem Packpapier, Kletterbohnen winden sich an geringeltem Draht empor, die Büsche mit den schwarzen Johannisbeeren sind in Netze gehüllt. Seine Setzlinge zieht er zu Hause und pflanzt sie dann in streng vermessene Rillen. Das würde bei mir nicht funktionieren. Ich bin ein leidenschaftlicher Vertreter des Säens in situ, ich brauche den magischen Moment, wenn das ängstliche Absuchen einer Reihe mit dem Anblick aufgebrochener Erde belohnt wird, aus der sich ein winziger Stiel hervordrängt, wie eine Babyschildkröte, die sich aus dem Ei befreit, um sich ins Meer zu stürzen. Ich bin zwei Wochen nicht mehr hier gewesen, und der Salat ist völlig überwuchert. Reihen von Mondviolen mit Blüten wie Schiffspropeller, Gartenschaumkraut, mit gelben Stacheln gespickt. Die Bohnen werden von Schnecken belagert. Viele der etwa ein Zoll hohen Stiele sind angefressen, verkümmert, so wie Babyschildkröten, die wenige Meter vorm Wasserrand von herabschießenden Möwen angegriffen werden. Einige sind schlicht hinüber. Insgesamt stehen die Pflanzen voll im Saft und schießen rasch in die Höhe, perfekte Angriffsfläche für räuberische Schnecken. Irgendetwas hat eine Saubohnenschote abgerissen, aber es sind noch genügend übrig. Ich wandere zwischen den taugetränkten Blättern hindurch und werfe ein paar Schnecken über die Mauer. Später werde ich wiederkommen, um den Salat auszudünnen, damit mehr Licht in den Pflanzendschungel dringt, doch der Plan für den Nachmittag sieht vor, dass ich mich weiter um Marys Beete kümmere.

Parzelle 29 gehört Mary Wood. Seit 2009 ihr Mann Don starb, teilt sie sie mit meinem Freund Howard Sooley und mir. Nicht, weil ihr der Garten zu viel wurde (sie ist eine begnadete Gärtnerin), sondern weil dort mehr gedeiht, als sie allein essen kann. Doch momentan schwächelt Mary. Je mehr ihre Kraft abnimmt, desto mehr Unkraut und Wildwuchs ersticken die Parzelle. Ich bin hier, um ihren Gründünger auszureißen. Überall schwirren narkotisierte Bienen herum, offenbar vernebelt von einer Überdosis Nektar. Völlig benommen fallen sie auf die Erde, während ich Unkraut jäte. Ahornkeimlinge überschwemmen das Beet, der Mangold, der den Winter überstanden hat, ist voll aufgeblüht und einen Meter hoch, bedrohliche Nesseln sind noch höher. Ich arbeite schnell, sense, jäte, stelle wieder Ordnung her. Es fühlt sich wichtig und dringlich an, dass Marys Parzelle nicht ebenfalls einem feindlichen Angriff erliegt.

Ich säubere das Beet, bepflanze zwei kurze Reihen mit fünfzehn Zentimeter hohem umgesetzten Mangold, säe eine Reihe Rote Bete aus. Später komme ich noch einmal zurück, um mit Mary zu plaudern. Sie ist seltener hier als in den vergangenen Jahren, aber die Sonne und ihr Bedürfnis, die Gartenerbsen umzupflanzen, haben sie hergelockt. Sie hat jetzt einen Stuhl auf dem Gelände und setzt sich häufiger hin. Wir reden darüber, was sie in diesem Jahr anpflanzen möchte und wo. Ich schneide Stangen für eine Reihe Erbsen am Ende des Beets zurecht. Da ich nur wenig Zeit für unseren Teil der Parzelle aufbringen kann, säe ich am Rand Kapuzinerkresse aus.

Mein Gärtnerleben, auf bestimmte Weise mein Leben überhaupt, hat mit diesen einfachen Samen begonnen. Die meisten meiner Erinnerungen setzen um das Alter von fünf ein, vielleicht, weil es aus der Zeit Fotos gibt, vielleicht aber auch, weil vorher fast alles nur Chaos war, ein Chaos, das später auf dem Stuhl eines Therapeuten und in Gesprächen mit meiner «Geburtsfamilie» (ein listiger Begriff, den wir anstatt «richtige Familie» zu benutzen hatten), die ich erst viele Jahre später kennenlernen sollte, Schicht um Schicht freigelegt werden musste. Vielleicht liegt es aber auch schlicht daran, dass damals mein Leben in Sicherheit begann. Mit Lilian und Dudley Drabble.

Es gibt ein Foto von meinem Bruder Christopher und mir als kleinen Jungen zusammen mit Lilian. Christopher grinst schief und hält stolz sein neues fuchsfarbenes Kätzchen in den Armen. Es hat fast dieselbe Farbe wie sein Haar. Lilian hockt auf dem Boden, ihre siamesische Katze Tonka im Schoß. Ich habe den Arm um sie gelegt und blicke etwas misstrauisch in die Kamera. Die Kleidung von uns Buben wirkt seltsam groß. Nicht im Sinne von «da wächst du noch rein», sondern groß, weil sie gekauft wurde, ohne dass die dafür vorgesehenen Kinder jemals anwesend sind (es hat sie nie gegeben). Wir sind klein für unser Alter. Aber es sind neue Sachen für ein neues Leben in unserem neuen Zuhause mit unserer neuen Familie.

Lilian und Dudley heirateten, als beide um die vierzig waren. Sie lernten sich kennen, während Lilian Dudleys sterbenden Vater pflegte. Für eigene Kinder zu alt, wollten sie anfangs ein kleines Mädchen adoptieren, durften es aber nicht, vielleicht weil sie schon so alt waren. Lilian litt darunter ihr Leben lang. Sie hatte sich ein Wesen gewünscht, das ganz ihr gehörte, ein Wesen, das sie formen und bilden konnte, das hübsche Kleider tragen würde. Irgendwie blieb da immer eine Traurigkeit, die auch wir nie lindern konnten.

Stattdessen boten die Drabbles in ihrem Bilderbuch-Häuschen im Dartmoor Erholung für «beschädigte» Kinder an. Christopher und ich verbrachten dort ein Wochenende, schossen mit Pfeil und Bogen und lernten bitte und danke sagen (wir hätten «kehlig» geklungen, pflegte Dudley mir später vergnügt zu erklären).

Die Kinderheime in Plymouth waren damals wild und ungezähmt. Eine knurrende Meute, die Angst, Tränen und Blut ausschwitzte. Nicht immer nur die Jungen.

Wir lernten dort unsere Lektion über Kasten. Zuallererst waren da natürlich die Brahmanen: die «Phantastischen Fünf» Familien mit ihren normalen Eltern, «Mama und Papa» (kleine Wörter, die gelegentlich immer noch schwarze Löcher aus Kummer heraufbeschwören können).

Die Adoptierten waren die «Auserwählten», meistens Kinder aus der übermäßig fruchtbaren Unterschicht, die von der unfruchtbaren Mittelschicht aufgenommen wurden. Unwürdige, die, wenn man so will, würdig wurden; ein beinahe nicht vorstellbarer Statuswechsel – Freigang auf Bewährung aus dem Fegefeuer.

Pflegefamilien waren Auffangbecken auf Zeit – ein selektierendes, wechselhaftes Fastfamilienleben, immer auf Abruf. Hier übten wir, dankbar und liebevoll zu sein – stets das Klopfen an der Tür fürchtend oder erhoffend: den schrecklichen Besuch der Sozialarbeiterin, die einen weiter-, herum- oder zurückschickte.

Ganz unten natürlich die Unberührbaren, die Unliebenswürdigen. Die in Pflege gegebenen zerbrochenen Kinder mit dem Kainszeichen, die, die niemand haben wollte. Mein Bruder Christopher.

Pflegeheime funktionierten wie Tierheime – im Stich gelassene kleine Wesen, zusammengepfercht verwahrt, bis irgendjemand, wer auch immer, sie vielleicht zu sich nahm. Ich erinnere mich an Tage, an denen mein Haar besonders gründlich gebürstet wurde. Ich wurde angehalten zu lächeln, weil neue Eltern mich vielleicht sehen, mich heilen, mich lieben und aus den Händen der Stadt befreien wollten. Es gibt, muss man wissen, eine Fähigkeit, sich liebenswürdig zu verhalten, ein wuscheliger, unversehrter Disneyhund zu sein, voller Eifer und mit wedelndem Schwanz. Christopher konnte oder wollte es nicht lernen. Sein nervöser Tick machte die Leute nervös. Sein Gesicht zuckte, sein Mund verzog sich. Er war unterentwickelt, der Kümmerling des Wurfs, eventuell mit leichten Anzeichen drohenden Ärgers. Obwohl der Anschein trügen kann.

Ich bekam ein neues Zuhause, jaulte aber so lange sehnsüchtig nach Christopher, bis sie mich wieder zurück zur Meute schickten, noch so ein undankbarer, unwürdiger Junge. Bis die Tage bei Lilian und Dudley Drabble begannen, mit ihrem Haus an einem Fluss in Devon, einem Kätzchen, einem Kater und einem Zaubertütchen mit Kapuzinerkressesamen.

Ich pflanze sie immer noch, diese schwer zu bändigende, knallbunte Blume. Sie kann leicht zur Plage werden und ist stets die Erste, die dem Frost zum Opfer fällt, aber mein Gärtnerleben ist ebenso sehr von emotionalen Erinnerungen durchtränkt wie von Musik und Liebe. Also säe ich Kapuzinerkresse, weil sie, der wuchernden Ackerwinde ähnlich, mit Gedanken an den Jungen durchwoben ist, der ich war; an den Jungen, zu dem ich wurde; an den Bruder, den ich verlor; und vielleicht auch an den Vater, den ich nie kennenlernen werde. Und ich säe Stangenbohnen für Mary, weil Don, ihr verstorbener Ehemann, sie immer pflanzte. Auch Mary hat mir ein Zuhause geboten, einen Ort zum Pflanzen, als ich keinen hatte. Darum unterhalten wir uns über Erbsen und Radieschen, über Rucola und Kopfsalat; beides werde ich aussäen, wenn sie mit der Chemo beginnt.

Gegen Ende der Woche treffe ich mich mit Howard, um eine Stunde lang mit der Hand biodynamischen Kuhdung in Wasser aufzulösen. Gleich zu Beginn unserer Übernahme des Schrebergartengrundstücks beschlossen wir, es Jane Scotter von der Fern Verrow Farm in Herefordshire, der besten Gärtnerin, die wir kennen, gleichzutun. In den meisten Bereichen meines Lebens wäge ich sorgfältig Risiko und Gewinn gegeneinander ab, da ich mit knapp bemessenen Budgets und klarer Aufgabenteilung vertraut bin. Hier ist es anders; hier wachsen Bio-Pflanzen, Füchse bewegen sich frei, Blumen wuchern, Kinder rennen umher. Als Jugendlicher wurde ich vom Konfirmationsunterricht ausgeschlossen, weil ich nicht an die Kirche, die Wiederauferstehung und die Wunder glauben konnte; doch seitdem habe ich gelernt, meinen Unglauben zeitweilig außer Kraft zu setzen. Ich bin Journalist, und als solcher versuche ich keine Fragen mehr zu stellen, sondern zuzuhören. Beim Pflanzen richten wir uns nach dem Mondkalender und vermeiden nichtbiologische Schädlingsbekämpfung. Wir finden, dass unsere geernteten Früchte sich länger halten und besser schmecken – der Rucola ist schärfer, die Rote Bete süßer, der Sauerampfer saurer. Für uns funktioniert es. Wir fühlen uns stärker mit dem Boden verbunden. Es passt zu uns und dem Garten.

Der Prozess des Umrührens hat etwas zutiefst Meditatives, zwingt einen, sich zu konzentrieren, einfach eine Stunde lang stillzusitzen, in der Morgen- oder Abenddämmerung, ganz egal, wie das Wetter ist. Howard muss früh fort, also bin ich es, der die Mischung später auch in Marys Parzelle versprüht.

Am nächsten Morgen bin ich zeitig auf dem Gelände, um für Mary und mich Reihen auszusäen. Ich möchte dringend aufholen. Im Winter konnte ich die Parzelle wegen eines gebrochenen Fußgelenks vier Monate lang nicht aufsuchen. Mein Wohlbefinden ist stark mit der Nähe zur Erde verbunden, und nun war es unterbrochen. Plötzlich waren schrecklicherweise das Laufen und das Gärtnern, die beiden chemiefreien Heilverfahren, die ich in mein Leben fest integriert habe, zusammen mit meinen Knochen zerschmettert. Nun versuche ich, diese Verbindung wiederherzustellen, doch es dauert. Ich laufe inzwischen schon wieder am Kanal entlang zur Arbeit, gehe zu Fuß in die Heide oder an den Strand, aber ich habe das Einsetzen von Winterpflanzen verpasst, mit denen die braune Erde, die uns umgibt, begrünt wird. Es kommt mir so vor, als schmolle die Parzelle, wie ein Kätzchen oder ein Kind, das zu lange allein gelassen wurde. Die drei Bohnenpyramiden, die ich errichtet habe, sind nun jederzeit angreifbar. Biologische Schneckenkörner sind dringend erforderlich.

Später kommt ein benachbarter Schrebergärtner vorbei und bringt schlechte Nachrichten. William, der freundliche Vereinsvorsitzende, wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden. Ich war ihm immer dankbar, weil er Spannungen zwischen den Parzellenbesitzern und freiwilligen Helfern auf sanfte Art zu entschärfen verstand. Als Student hatte William seine südafrikanische Heimat gezwungenermaßen verlassen, weil die afrikaanssprachigen Behörden auf seine politischen Aktivitäten aufmerksam geworden waren. In London hatte er dann erfolgreich Stücke geschrieben, als Regisseur gearbeitet und Bücher rezensiert, und auf Fotos sieht man, wie schön er gewesen war, aber der William, den ich kannte, war ein scheuer, bebrillter Mann, der Tulpen und Pfingstrosen zog und bei dessen Parzelle ich immer stehen blieb, um übers Gärtnern, das Wetter und die Probleme mit dem Gemeinschaftsschuppen zu plaudern.

Womöglich gewinnen die Schnecken ihre Schlacht gegen die Kletterbohnen. Die jungen Salate sind schon erledigt. Der Knoblauch und die Frühlingszwiebeln, die noch vor wenigen Tagen grün und gesund aussahen, sind von Rost befallen und bröselig wie dünnes Papier. Sie müssen ausgerissen werden. Die wilden toskanischen Ringelblumen haben sich explosionsartig vermehrt und ersticken die anderen Pflanzen. Zum ersten Mal, seit ich die Parzelle bewirtschafte, benötigt der Garten im Juni einen Neustart. Der lebende Teppich, der normalerweise den Boden bedeckt, ist schütter und kraftlos. Zwei Wochen vor Mittsommer beginne ich von neuem. Manchmal möchte ich lieber nicht glauben, dass der eigene Garten etwas über einen selbst verrät, über den grünen Daumen, den man so gern hätte, über die angeborene Fähigkeit (oder Unfähigkeit), zu hegen und zu pflegen. So leicht es fällt, sich gut zu fühlen, wenn die eigene Parzelle gedeiht, so schwer ist es zu akzeptieren, wenn sie dahinsiecht. Der Fehler liegt bei dir, nicht bei den Samen, nicht beim Wetter oder beim Pilzbefall auf dem Gelände.

Hätte ich als kleiner Junge nicht solch einen raschen Erfolg mit dem Pflanzen gehabt, würde ich vermutlich heute nicht gärtnern. Es war das erste Mal, dass ich als Kind dachte, ich könnte vielleicht doch zu irgendetwas taugen. Damals in Süd-Devon gab Dudley Christopher und mir zwei handtuchgroße Beete im Garten und zwei Samentütchen. Christopher bekam afrikanische Studentenblumen (Tagetes): leuchtende orangefarbene fröhliche Pflanzen, oft als Blumengirlanden in Tempeln verwendet. Ich bekam Kapuzinerkresse: chaotische Kaskaden aus Rot, Orange und Gelb (Dad liebte leuchtende Farben), die rasch alles überwucherten. Kapernförmige Fruchtstände trockneten in der Sonne. Ich fand es überwältigend (finde es immer noch), dass so viel Leben aus einem so kleinen Tütchen kommen kann. Später wurde meine Kapuzinerkresse ein Opfer der Kriebelmücke, die alles Süße aussaugt – eine albtraumhafte Heimsuchung. Lilian zeigte mir, wie man Blätter und Stängel mit Seifenlauge besprüht und so die Zerstörung eindämmt, bis schließlich der Frost ihr Grün in ein welkes, geisterhaftes Grau verwandelte und ein silbriger tauartiger Schimmer das Ende ankündigte. Ich riss die Pflanzen aus, schüttelte die Samen fürs nächste Jahr heraus (obwohl die Selbstvermehrung stets reichte) und warf die leblosen Leichen auf den Komposthaufen, wo sie verrotten und sich in Erde verwandeln würden. Dass die Natur sich auf diese Weise erneuerte, faszinierte mich. Es war der Beginn einer großen Liebe.

Während meiner Anfangsjahre in der Laubenkolonie half ich bei einem Gartenverein für Grundschüler mit, wo Kinder zwischen fünf und elf mit Pflanzen umzugehen lernten. Kinder, die im Unterricht vielleicht Schwierigkeiten hatten, zur Ruhe zu kommen, arbeiteten jeden Freitag während der Mittagspause zusammen in der Kolonie. Sämlinge, die im Treibhaus vorgezogen worden waren, wurden in Hochbeete auf dem Spielplatz ausgepflanzt. Ich begleitete die Kinder bei ihren Besuchen auf dem Schrebergartengelände. Es befindet sich in Branch Hill und ist wie ein viktorianischer geheimer Garten: umzäunt, nur gerade ausreichend gebändigt, durch hohe Bäume geschützt. Wir gaben den Kindern Sonnenblumensamen und sahen zu, wie sie staunend beobachteten, dass die Pflanzen schneller wuchsen als sie selbst. Wir aßen Erbsen aus den Schoten und kosteten Kräuter. Eine Erinnerung blieb mir besonders im Gedächtnis haften: wie ein in Somalia geborenes Mädchen allmählich aufblühte. Zuerst stand sie scheu und mit gesenktem Kopf ganz hinten in der Gruppe, dann begann sie mitzumachen, probierte Sauerampfer, Liebstöckel und andere Kräuter, deren Geschmack ihr fremd war. Gegen Ende des Jahres wartete sie immer schon ungeduldig am Tor und wollte unbedingt die wunderbare Kapuzinerkresse haben, ihre «würzige Lieblingsblume».

 

1960. Christopher verwandelt sich; aus einem zu klein geratenen Kind wird ein schnell wachsender Junge. Auch die nervöse Scheu verliert sich. Er spricht häufiger und aufgeregter. Ist immer unterwegs mit seiner Angelrute oder auf der Suche nach Ködern. Ich habe nicht die Nerven, ängstliche Seeringelwürmer auf einen Haken zu fädeln. Wir essen nie Fische, die er gefangen hat. Er bringt auch nie welche nach Hause. Er mag ohnehin keinen Fisch zum Tee. Er ist ein Fleisch-und-Kartoffel-Junge. Sein Lieblingsessen: Heinz-Spaghetti auf Toast. Mit der Zeit zieht es ihn mehr und mehr ins Dorf. Er kann dessen Ruf deutlicher hören als ich: die Hundepfeife anderer Kinder. Ich sehe sie auf den Hügeln, am Horizont, als sichtete ich einen Fuchs. Binnen weniger Jahre wird er zu einem begnadeten Athleten, talentiert in vielen Sportarten. Es fällt ihm leichter, ein Junge zu sein, als mir. Er ist authentischer dabei. Autos und Fahrräder, Kricket und Fußball; später Bier mit den größeren Jungs. Bald nach unserer Ankunft baut Dudley uns eine Art Seifenkiste. Er malt sie leuchtend gelb und blau an. Chris’ sommersprossiges Gesicht strahlt, wenn wir hinter dem Haus den Hügel runterbrettern, er lacht, wenn wir zum Fluss rasen, mit kreischender Handbremse über den Wattweg schlittern und es schaffen, den Schlamm fast immer zu umkurven. Allmählich wird er von seiner Angst geheilt. Er nimmt an Größe und Gewicht zu. Schon nach wenigen Jahren in Aveton Gifford ist er ärgerliche zweieinhalb Zentimeter größer als ich.

 

Ich bin wieder in der Parzelle, und die Schnecken wüten weiter auf Marys Gartenstück. Ich weiß nicht, warum. Ich habe eine Menge Unkraut ausgerupft, und es gibt nur noch wenige Verstecke für sie. Vielleicht ist es einfach ihr Jahr. Ich habe Erbsen und Bohnen gesät und nachgesät, aber sie erledigen die jungen Keimlinge fast jedes Mal sofort. Wie Skelette liegen sie am Fuß der Stangen. Es ist ein Bohnenschlachtfeld. Ich gebe nach und kaufe endlich Bio-Schneckenkorn. Die biologische Gedankenpolizei würde finster blicken, aber es geht nicht an, dass ich eine reiche Ernte habe, während Marys Wigwam kahl bleibt. Ich lege Buschbohnen nach (in drei Farben: Gelb, Grün und Blau) und gehe eines Abends nach der Arbeit noch einmal hin. Niemand ist auf dem Gelände, es riecht nach Heu und englischem Sommer. Die Ringelblumenbüschel leuchten geradezu in der frühen Dämmerung. Ich stecke noch mehr Bohnen um Marys Stangen in die Erde und lege die ersten Spitzen der Saat von vergangener Woche frei, Keime, zusammengerollt wie Siebenschläfer. Ich ergänze die Erbsenstöcke und verteile schützendes Schneckenkorn. Mir läuft die Zeit davon. Noch eine Woche bis zur Sommersonnenwende, dann werde ich nicht mehr hier sein, um zu helfen. Denn dann fahre ich zu dem zweiten magischen Fleckchen Erde in meinem Leben, einem Nutzgarten mit Sommerhaus an der ostjütländischen Küste, wo ich vor allem Bäume pflanze.

Es fühlt sich immer komisch an, den Schrebergarten zu verlassen, und sei es für noch so kurze Zeit. Als ließe ich ihn im Stich und er verstehe es nicht. Es ist ein wiederkehrendes irrationales Gefühl (ein Thema, das sich durch mein Leben zieht). Aber dieses Mal ist es noch intensiver, verstärkt durch meine erzwungene Abwesenheit im Winter, als ich gebrochene Knochen hatte.

 

Der Garten in Dänemark ist anders. Er ist wie ein Echo von Devon. Ebenso küstennah, selbst der breite Streifen mit flachem Wasser und weißem Sand ist gleich. Doch er ist größer, wilder, und einsamer gelegen als die Parzelle in London – etwa 1500 Quadratmeter sandiger Lehm, 300 Meter vom Meer und einige Kilometer von dem Ort entfernt, in dem meine 90 Jahre alte dänische Schwiegermutter lebt. Nah genug jedenfalls, dass sie die Strecke radeln kann.

Wir besitzen dieses Stück Land und das Haus seit nunmehr zehn Jahren. Es ist vielleicht mein Ort der größten Geborgenheit.

Natürlich erinnert dort vieles an Dudley, an unser Haus, Herons Reach, an zu Hause. Das liegt am Klima, am Licht, an den flirrenden Libellen, den blauen Schmetterlingen und den Blumen: rosafarbene Nelken im Sommer, blasse Schlüsselblumen im Frühling – die gleiche scheue, bescheidene Blume, die ich Lilian immer zum Muttertag pflückte. Es liegt an den Finken und Meisen, die wir füttern, an der jedes Jahr wieder überraschenden Ankunft der Zugvögelschwärme, die hier haltmachen, um sich an den wilden Kirschen und den roten Vogelbeeren satt zu fressen. Es liegt an den Hasen mit orangefarbenem Rückenfell, die über die Wiese hoppeln, an den Füchsen und Dachsen, die ihre Spuren im Schnee hinterlassen. Es liegt an den Brombeeren, die den Strand säumen und tröstliche Bilder vergangener Spätsommertage hervorrufen, wenn wir mit Lilian die Hecken abpflückten, kleine Kannen mit Beeren füllten und ich mir Hände und Gesicht mit Saft bekleckerte. In einer meiner lebhaftesten Erinnerungen backen wir Brombeer- und Apfelkuchen, den Dudley so gern mit der fetten Sahne aus Devon aß (Lilian war keine große Köchin, aber sie konnte einen guten Kuchen backen). Doch das tiefste Echo von Devon hallt aus den Bäumen. Dudley pflanzte leidenschaftlich gern Bäume: Pappeln und Goldregen, die die neue Zufahrt zum Haus säumten, Japanische Zierkirschen wegen der Farben der herbstlichen Blätter, die ich zwischen den Seiten meines Schulbuchs presste; Äpfel (Cox Orange zum Essen, Bramley zum Kochen), Conference-Birnen und Victoria-Pflaumen. Als ich etwa sieben war, pflanzte er 200 fünfzehn Zentimeter hohe Weihnachtsbäume, um die ich mich zu kümmern hatte, das heißt, ich sollte das erstickende Gras kurz halten. Das war die Arbeit, die ich am wenigsten mochte, noch weniger, als die endlosen Quadratmeter Rasen zu harken. Es war stets eine große Frickelei mit den Bäumchen, und es ließ sich nie vertuschen, wenn mir die Schere ausrutschte und ich ein Stämmchen verletzte. Christopher blieb diese Arbeit erspart, weil er zu viele Bäumchen köpfte. Ein schlauer kleiner Fuchs, mein Bruder.

Vielleicht zu Ehren von Dudley, auch wenn solche Dinge nie so eindeutig sind, wie es hier klingt, pflanze ich auf Ahl meistens Bäume – ein paar alte dänische Apfel- und Pflaumensorten, drei Spalierbirnen, rote und schwarze Johannisbeerbüsche und dazu Kiefer, Fichte, Lärche, Birke und Buche. Ich habe sie ausgewählt, weil sie in diese Gegend passen: eine Halbinsel mit altem Baumbestand und überall dazwischen Sommerhäuser aus Holz. Als wir das Haus fanden, mussten wir erst einmal vergreiste Bäume entfernen, die das Grundstück umstanden. Wir fällten sie mit Hilfe unserer Nachbarn, derselben Nachbarn, die ihre Wochenenden opferten, um einen Schuppen für das Brennholz zu bauen, das sie dann mit uns zusammen zersägten und spalteten. Denselben Nachbarn, die im Winter unseren Kamin anzünden, bevor wir ankommen. Einsamkeit plus Gesellschaft, nach dieser Formel bin ich seit jeher auf der Suche, genauso wie in der Kleingartenkolonie, und auch sie ist ein Echo jenes Dorflebens in Devon, das es nicht mehr gibt und das auch nie meines war.

Genau wie bei der Laubenkolonie mache ich mir Gedanken um den Garten, wenn ich nicht da bin, fühle denselben Abschiedsschmerz, wenn ich ihn verlasse. Zum Winter vergrabe ich Tulpenzwiebeln am Rand, auch wenn die Chance gering ist, dass ich sie blühen sehen werde. Der Reiz besteht in dem Wissen, dass sie am Dialog mit ihrer Umgebung teilnehmen. Ich freue mich zwar, wenn mein Besuch in die Zeit ihrer Blüte fällt, aber ich muss nicht zwingend zu diesem Zeitpunkt dort sein. Es reicht mir, wenn ich die verblühten Blumen, die abgefallenen Blütenblätter in ihren verblassten Farben entdecke. Wie in der Laubenkolonie geht es mir um das Pflanzen als solches. Zwar bereitet es mir ein kindliches Vergnügen, wenn ich sehe, wie die Lärche in die Höhe schießt und nach dem Himmel greift, dennoch ist mir bewusst, dass ich sie höchstwahrscheinlich nicht mehr in ihrer majestätischen Vollendung als ausgewachsener Baum erleben werde. Aber irgendjemand wird es, vielleicht ein kleiner Junge, der an einem ihrer Äste schwingt oder im sommerlichen Gras spielt. Unterdessen mähe ich und denke hin und wieder an Dudley, wie er den Feldern und Hügeln Devons Rasen und Wiesen und Obstgärten abgewann, an die Baskenmütze (vielleicht wie er selbst ein Überbleibsel aus dem Krieg) auf seinem Kopf, den militärisch akkurat getrimmten Schnurrbart (dito), an seine eng gegürtete Kordhose, die grasgrünen Flecken auf seinen Schuhen, und ich warte und beobachte.

Ich sehe, dass die Lärche die drei neuen Birken überflügelt, während ihr Schwesterbaum in der anderen Ecke Sonnenlicht und Schatten einfängt. Ich sehe die hellgrünen neuen Triebe an den Schösslingen, die ich über eine Anzeige in der Lokalzeitung gekauft habe. Manchmal schiebe ich die kleinen Bäume so lange auf dem Grundstück hin und her, bis sie ihren Platz gefunden haben und bleiben. Ich sehe, wie die wilde Kartoffelrose Fuß fasst und sich ausbreitet. Die Gemeindeverwaltung unterhält eine Hassliebe zu den wuchernden, duftenden Blumenböschungen, die sich den ganzen Strand entlangziehen, und rasiert sie jedes Jahr von neuem ab. Sie seien russisch, behaupten sie, obwohl es die Rosen am Strand schon gibt, solange die Leute denken können. Die Dänen haben ein gestörtes Verhältnis zu Eindringlingen von außen, während ich natürlich der Kartoffelrose die Daumen drücke.

Ich beobachte, wie die scheuen Rotschenkel abends umherflattern und Ameisen fressen. Das Männchen stößt seinen warnenden Morgenruf aus, wenn ich mich dem Brutkasten nähere, in den sie jedes Jahr zurückkehren (ich wende mich nach links und mache einen großen Bogen ums Haus, um sie nicht zu stören). Ich beobachte, wie der Buntspecht seinem Jungvogel beibringt, Nahrung zu suchen, während eine Meise geschickt hinter ihnen herschleicht, für den Fall, dass sie etwas übersehen. Ich schaue dem Amselpaar zu, wie es, aufgeplustert und wichtigtuerisch, auf dem Rasen patrouilliert, ich lausche dem Männchen, wenn es im höchsten Ast der größten Birke singt. Auch auf sie nehme ich Rücksicht und meide den Holzschuppen, wenn sie dort nisten, was an einem kühleren nordischen Morgen, wenn ich Feuer machen möchte, lästig sein kann.

Ich bewundere die Wildblumenexplosion an der Südseite des Hauses: in einem Jahr ein umwerfender Wall knallroter Mohnblumen, im nächsten Jahr Margeriten, dann wieder nichts. Ich kaufe und streue wie verrückt Wildblumensamen, mit wenig oder keinem Erfolg. Ich pflanze neue Buchenhecken, damit etwas von dem Geborgenheitsgefühl zurückkehrt, das verloren ging, als der Baumdoktor blindwütig durch den Garten tobte. Ich versetze die Reineclaude-Pflaume, um zu schauen, ob sie an einem etwas schattigeren Platz glücklicher ist. Hauptsächlich übe ich mein Auge jedoch darin, die kleinen Veränderungen seit meinem letzten Besuch wahrzunehmen: die golden schimmernden Käfer, die Frösche, den Klee oder das scheue Leberblümchen. Auf meinen rituellen Morgenspaziergängen beuge ich mich in den Tau hinunter, um genauer hinschauen zu können. Alles hier ist bereit für den Frühling und den Sommer, für das frische Laub, das die Nachbarparzellen aussperrt, sie fortschiebt, als grüne Schutzzäune, wenn man so will, die nur so wimmeln von neuem Leben, dem täglichen Morgendämmerungschor.

 

Sonntagmorgen, Ende Juni. Ich sitze im ersten Bus, meine Mitpassagiere sind Hausangestellte auf dem Weg nach Hampstead, zu den größeren Londoner Wohnungen, wo sie putzen und sich um den Haushalt kümmern. Ich bin seit zwei Wochen nicht mehr in der Gartenkolonie gewesen und gespannt, ob meine notfallmäßig ausgesäten Bohnen aufgegangen sind. Mir hat der Garten gefehlt. Mein Herz schlägt höher, als ich ankomme. An jeder von Marys Bohnenstangen klettern eifrig Ranken. Marys Sommerparzelle ist gerettet. Okay, Pfahlwurzeldisteln gedeihen, das Unkraut explodiert, viele der Erbsen- und Saubohnenpflanzen sind verweht und umgefallen, einige Samen haben nicht gekeimt, aber insgesamt nichts, das sich nicht mit ein oder zwei Tagen mit der Handhacke richten ließe. Plötzlich ein rostroter Blitz, ein Tupfer Weiß auf einem vorbeihuschenden Schwanz, ein Fuchs flitzt vor mir über den Weg. Meine erste Sichtung in diesem Sommer. Ein gutes Omen. Mag sein, dass Omen etwas für Landkinder sind, mag aber auch sein, dass die Parzelle mir mein gebrochenes Bein und meine Abwesenheit verziehen hat. Ich säe selbstgesammelte rote Tagetes-Samen und mache mich an die Arbeit. Eine Frühstückspause zu Hause, zwei Stunden für die Sonntagszeitung und wieder zurück, weil ich die Kartoffelreihen anhäufeln will. Die ersten Knollen können demnächst geerntet werden. Der Mangold steht mit seinen vielen Blättern prächtig da. Während eines Wolkenbruchs hacke ich mich durch jede Reihe und richte die Erbsen wieder auf. Ich liebe Gartenarbeit bei Regen. Er schließt die Außenwelt aus und hilft dir, dich zu konzentrieren. Nur du und dein Tun: eine Meditation mit Hand und Hacke. Ein Moment der Verbundenheit. Ich binde die Erbsen an und muss an einen Freund denken, der mir Samen per Post schickt. Ich schicke ihm meinerseits eine bunte Mischung aus der ganzen Welt zurück, die ich gesammelt oder geschenkt bekommen habe. Er schickt mir baskische Erbsen und kleine, intensiv schmeckende Tomaten, weil sie ihn und seine Region repräsentieren. Die Erbsen muss man jung pflücken, und manchmal denke ich, wenn ich sie esse, an Ferran Adrià mit seinem El Bulli. Und ich denke an Lilian.

 

2011. Es ist einer der letzten Abende vor der Schließung des besten Restaurants der Welt. Dom Perignon hat 50 Gäste in Privatmaschinen eingeflogen: Investoren, die ihr Geld in Wein anlegen, Silicon-Valley-Milliardäre, Filmstars mit ihren Liebhabern, ein zweiter Restaurantkritiker und ich. Wir werden von einem Hubschrauber wie in einer Szene aus Apocalypse Now am Strand abgesetzt. Wir essen 50 kleine Gerichte – Eier, aus Gorgonzola geformt, kleine pikante Würfel vom Hasen, Seegurkenstreifen, Rosenblüten-Wan-Tans und eben die Erbsen. Angeregte Diskussionen, der 73er Dom Perignon fließt in Strömen. Ich sitze an einem Tisch mit bedeutenden Würdenträgern, als mich, mitten während der Mahlzeit, eine Woge erfasst. Der Raum und der Lärm verschwimmen, ein Brocken angestauter Emotionen löst sich, und ich merke, dass mein Gesicht nass ist. Ich weine stumm. Ferran Adriàs Erbsen, die in meinem Mund zerplatzen, haben den Zugang zu Erinnerungen freigesprengt. Ich sitze nicht mehr gegenüber vom Roller Girl aus Boogie Nights; ich bin vielleicht sechs, hocke in Shorts und gestreiftem Hemd auf der rosafarbenen Veranda unseres Hauses in Devon. Lilian ist bei mir; in ihrem gelb gemusterten Sommerkleid mit der blauen Schmetterlingsbrosche sitzt sie lächelnd neben mir und palt geduldig Erben in ihr verbeultes Aluminiumsieb. Und als ich eine Schote nehme und ihr helfe, begreife ich, dass Sicherheit für immer so schmecken wird: wie Gartenerbsen, frisch aus der Schürze deiner neuen Mum gepflückt.

Juli

Die Saubohnen sind jetzt fast verschwunden, übrig sind nur etwa ein halbes Dutzend im Frühling gesäter Crimson-Flowering von Mads McKeever aus dem Samengeschäft Brown Envelope Seed in Cork. Ich bin Anfang 2007 über die «Samen-Botschafter» auf diese alte Sorte – und auf Brown Envelope – gestoßen. Andrew Still und seine Frau Sarah sind Samenjäger aus Oregon, wo viele begeisterte Pflanzenzüchter leben. Andrews Leidenschaft gilt dem Kohl, und das Paar war gerade auf einer Europatour, die tief in Sibirien begonnen hatte und bei Mads an der Westküste Irlands endete. Zusammen mit Andrew und Sarah kamen auch die Geschichten. Die beiden erschienen an einem kalten Wintermorgen in der Parzelle mit ihren Päckchen von Tim Peters von Peace Seeds, dem Züchter von Gulag Star, einer Wintersalatkreuzung aus russisch-sibirischem Kohl und Senfgewächsen, und unserer ersten Flashback-Calendula. An dem Tag lernte ich auch die Trail of Tears-Bohnen kennen, die ihren Namen, «Marsch der Tränen», von den Cherokee haben, die im Winter 1838 von ihrem Stammland in den Carolinas vertrieben und nach einem langen Fußmarsch in Oklahoma angesiedelt wurden. 1977 kamen die Bohnen zum ersten Mal durch Dr. John Wyche, einen «Cherokee-Nachkommen, Gärtner, Samenretter, Zirkusbesitzer und Zahnarzt», auf der American Seed Savers Exchange, einer Samen-Börse, auf den Markt. Heute können sie bei Züchtern historischer Pflanzen getauscht und gekauft werden. Ich habe die Samen gesammelt und ernte noch immer von den Pflanzen, die Andrew und Sarah uns damals schenkten. In diesem Jahr haben die Trail of Tears zwei von Marys Stangen erklommen, als Ergänzung für die mühsam um ihr Leben kämpfenden anderen Bohnen.

Schneckenkörner und Sonne haben ihr Werk getan, diesmal wird der Wigwam sich begrünen. Ich jäte den Boden um die Stangen herum und passe auf, dass ich die Geranien nicht abbreche, die Mary dort gepflanzt hat. An anderen Stellen breitet sich die mörderische Ackerwinde offenbar unheilvoll aus, aber Mary hat ein weiteres kleines Winterbeet freigelegt. Ich dünne die Ringelblumen aus, die jetzt auf beiden Seiten der Parzelle wuchern; blühende Stängel stehen zu Hause neben meinem Bildschirm, während ich in den frühen Morgenstunden schreibe. Es ist herrlicher Hochsommer und somit Zeit, mit einem Hut und Sonne auf dem Rücken zu gärtnern, Zeit, Salat, Erbsen und Rettich für die Küche zu ernten, und beinah Zeit, Spinat zu säen. Die Sommersonnenwende liegt einige Wochen zurück, die Tage sind wärmer, die Nächte aber schon wieder ein bisschen länger. Es wird Zeit, mit dem Planen und dem Pflanzen für den Winter zu beginnen.

Der Sommer hält für mich immer auch Erinnerungen an früher bereit, an Herons Reach, an das Haus am Flussufer, das Lilian und Dudley kauften, um die Jungen großzuziehen. Wenn ich von jener Zeit spreche, von meinem frühen Leben, ist oft die Rede von «dem Jungen» (oder den Jungen) und dem, was ihm (oder ihnen) widerfahren ist. Ich benutze selten die Wörter «ich» oder «wir». Das mag mit Verwirrung zu tun haben oder mit der Absicht, eine schützende Distanz zu schaffen. Mir ist aber aufgefallen, dass andere Menschen mit ähnlichem Hintergrund sich ebenso verhalten. Es könnte auch mit dem Abwerfen von Identitäten zu tun haben, ähnlich den hauchdünnen Schlangenhäuten, die ich oft auf dem Friedhof von Aveton Gifford fand. Und es könnte mit Namen zu tun haben. Mum und Dad mochten den Namen Alan nicht und beschlossen, mich stattdessen Peter zu nennen (mein zweiter Vorname). Und nach einer Art Probezeit – ich muss die Prüfung bestanden haben – wurde ich zu Drabble (Christopher lehnte das ab und blieb trotzig bei Jenkins, ein Graben zwischen uns). Nun, da wir endlich in Sicherheit waren, dachten sie, sie könnten uns ungefährdet voneinander loslösen.

Das verängstigte Stadtkind Alan Jenkins verblasste, zumindest fürs Erste. Der blondhaarige Dorfbub Peter Drabble mit den strahlenden Augen schlüpfte aus seinem Kokon, war geboren.

Und während wir spielten, wurde auch das Haus erweitert, modernisiert und umbenannt. North Efford (nördlich des Fjords): ein Landarbeiterhäuschen verwandelte sich in Herons Reach. Ein Anbau wurde hinzugefügt, Licht wurde hereingelassen, das Äußere bekam einen neuen rosafarbenen Anstrich; rostroter wilder Wein wurde an der Außenwand hochgezogen. In jenem langen, glücklichen Sommer, dem ersten, der sich tief in mein Gedächtnis eingegraben hat, wedelte Dudley mit seinem Zauberstab, machte einen Durchbruch für die Verandatür, kaufte das große Feld hinter dem Haus, legte eine Auffahrt an, schaffte die Grundlage für einen Rasen und ein kleines Feld. Er pflanzte noch mehr Bäume. So wie ich schüttelte das Haus seine dunkle Vergangenheit ab. In der Küche wurde süße Erdbeermarmelade gekocht, im Garten waren die Geräusche von Jungen, der Knall eines Kricketschlägers gegen einen Ball zu hören, Pflaumen und Äpfel wuchsen im Obstgarten. Dudley erschuf ein Heim für seine neue Familie.

Während dieser Umbauphase hausten wir in einem Wohnwagen. Er war hell, hatte einen Frühstückstresen und Klappbetten; allerdings hielten wir uns nur zum Schlafen dort drinnen auf. Christopher spielte Kricket oder Fußball, während ich in Bäume kletterte und den Fluss erkundete, Aale und Stichlinge fing und sie so lange in einem Glas aufbewahrte, bis sie starben.

Wir hatten unterschiedliche Haare, unterschiedliche Augen und lächelten auf unterschiedliche Weise. Er hatte haselnussbraune Augen, um die ich ihn fast beneidete, rötliches Haar, das ich mochte, und Sommersprossen, die ich gern gehabt hätte, aber ohne den dazugehörigen Sonnenbrand. Er war schmächtig, während ich stämmiger war, sein Grinsen war breiter, dafür war ich mit meinem schneller zur Hand.

Mein Lieblingsfoto von Christopher stammt aus jenem idyllischen Sommer 59. Er sitzt im Eingang des Wohnwagens, und ein stolz blickender Dudley hat den Arm um ihn gelegt. Christopher ist glücklich – sein nervöser Tick verschwindet allmählich. Er wird umarmt. Er wird geliebt.

Das offenherzige Lächeln sollte allmählich verschwinden, sein fröhliches, sich verhaspelndes Geplapper verstummen. Er zog sich in sich selbst zurück, wenn auch noch nicht vollständig.

 

4. Juli. Alle Tomatenpflanzen, vielleicht ein Dutzend, die in Töpfen auf der Dachterrasse wachsen, tragen Früchte. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sie dort stehen, denn es waren Tomatensamen, die mich zu Parzelle 29 brachten. Es ist Juli 2006, ich bin Herausgeber einer überregionalen Sonntagszeitung, jongliere mit Millionenbudgets, einer Millionenleserschaft und über zwanzig Angestellten. Meine Tage verbringe ich mit Fotografen, Autoren, Agenten, Prominenten und Modeschöpfern mit empfindlichen Egos. Aber alles, woran ich denke, ist, wie es wohl meinen Tomatensetzlingen ergeht, wenn das Wetter sich ändert. Wie kommen sie mit Kälte oder Hitze zurecht? Das nächste Titelbild fürs Observer Magazine kann warten. Mich verfolgen hilflose Pflanzen. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren hat meine Arbeit einen Rivalen. Ich habe das Gefühl, anderswo gebraucht zu werden.

Und ich bin nicht allein. In der Redaktion sind einige von uns zurzeit wie besessen. Wir tauschen junge Pflänzchen und vergleichen ihre Größe. Wir reden kaum von etwas anderem.

Zu Hause in Kentish Town habe ich seit Jahren eine Dachterrasse, auf der ich Blumen und Pflanzen in Töpfen ziehe. Ich bin mit einer Architektin verheiratet, die die Moderne und klare Linien liebt, also in saubere Reihen gesäte Gräser und Palmen. Jedes Jahr machen wir Kompromisse und einigen uns auf ein paar Geranien – ein Relikt aus meinem ersten Londoner Teenagerjob in einem Gartencenter in Kensington. Aber die unordentlichen Tabletts mit Tomatenpflanzen werden langsam ein Problem. Wo sollen die alle hin?

Wahrscheinlich wird meine Besessenheit nur auf der Arbeit verstanden. Unter den Tomatenpflanzern beim Observer Magazine ist ein Wettbewerb ausgebrochen. Jemand bringt zum Beispiel seine hohen Schösslinge mit und gibt damit an. Wir zeigen einander Tomatenfotos. Und dann kapiere ich: Wir brauchen einen Ort zum Pflanzen. Vielleicht könnten wir ja außerhalb des Büros gemeinsam säen, gemeinsam schreiben, gemeinsam gestalten? Das ergäbe eine andere Dynamik. Keiner wäre der Chefredakteur, wir würden ein utopisches Ideal erschaffen. Wir würden, stelle ich mir vor, in aller Harmonie Tomaten anbauen, so wie die alte englische Digger-Gemeinschaft aus dem 17. Jahrhundert oder wie eine Landkommune in den sechziger Jahren. Ich bin nicht mehr zu bremsen.