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Im Jahr 1957 war ich fünf Jahre alt. Mein Vater beschloss, mit der ganzen Familie für die Dauer eines Jahres nach Afrika zu reisen. Er arbeitete dort in Libyen als Feuerwerker. Das Land war durch den Krieg mit Minen verseucht, die beseitigt werden mussten. Ich erlebte eine aufregende Zeit, zusammen mit meinen Geschwistern, Eltern und dem Großvater. Eine zweite Reise führte uns im Jahr 1960 für die Dauer von vierzehn Monaten abermals in dieses Land. Viele tausend Kilometer Autofahrt, Seereisen mit Sturm, der Besuch einer italienischen Schule, wochenlange Aufenthalte im Wüstencamp, Fußmarsch durch ein Minenfeld, viele Abenteuer am Strand und weitere unzählige Ereignisse sind in diesem Buch geschildert.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Dieses Buch ist meinen Eltern voller Dankbarkeit gewidmet. Leider konnten sie es nicht mehr lesen. Mein Vater starb im Jahr 2001, meine Mutter kurz vor Fertigstellung 2019. Ihr ganzes Leben schwärmten sie in Gesprächen immer über diese unvergessliche Zeit. Ihr Mut und die Abenteuerlust meines Vaters haben meine Kindheit mit vielen schönen Erinnerungen und Erlebnissen bereichert und geprägt.
Vorwort
1.
Kapitel
Reisevorbereitungen
Aufbruch ins ferne Land
Die Seefahrt begann.
Afrika
Haus gegenüber Post
Timimi
Suchaktion in Timimi
Erstes Bad im Meer
Königskonvoi bei Timimi
Wüstencamp
Irrfahrt in der Wüste
Nächster Umzug
Erneuter Umzug – Haus auf der Anhöhe
Weihnachten 1957
Januar 1958
Nächster Umzug
Radio Deutschland
Tobruk – Deutsches Ehrenmal
Aufbruch in Richtung Heimat – Juli 1958
Wieder zu Hause
2.
Kapitel
Aufbruch zur zweiten Reise 24. Dezember 1960
Tripolis
Neujahr – Jahreswechsel 1960/61
Erster Schulbesuch
Die Karawane
Ramadan
Endlich Ferien
Leptis Magna
Heimreise von Großvater und Bruder
24. Dezember 1961
Neujahr 1962
Heimat
Nachwort
Meine erste Kindheitserinnerung ist die an mein Elternhaus.
Hier herrschte ständig reges Treiben. Außer meinen Eltern wohnten noch mein Großvater und eine Tante mütterlicherseits mit im Haus. Sie waren als Heimatvertriebene in unserem Dorf gestrandet. Meine Mutter lernte meinen Vater, 1920 geboren, nach dessen Rückkehr 1946 aus der Kriegsgefangenschaft kennen.
Er wurde mit 19 Jahren eingezogen, kam zum Afrika-Korps und kämpfte bis zur Kapitulation im Mai 1943 an der Seite der Italiener unter Rommel, auch in der Schlacht bei Tobruk gegen die Engländer. Nach der Gefangennahme wurde er wie viele seiner Kameraden gegen amerikanische Soldaten ausgetauscht. Die Kriegsgefangenen wurden über Casablanca mit dem Schiff nach Louisiana verschickt und blieben dort bis Mitte Mai 1946. Er erzählte immer wieder, dass es großes Glück war, dort gelandet zu sein – im Gegensatz zu den Soldaten in Russland hatten sie das große Los gezogen. Sie wurden anständig behandelt, konnten gegen geringen Lohn arbeiten, bekamen gutes Essen und wurden im Krankheitsfall medizinisch versorgt. Es ging ihnen offensichtlich besser als den Menschen in der Heimat während des Krieges. Nach seiner Entlassung kehrte er über Le Havre als Unteroffizier nach Hause zurück und kam nach 3jähriger Gefangenschaft am 27. Juli 1946 in seiner Heimat an. Hier lernten sich meine Eltern kennen und lieben.
1948 heirateten sie, 1950 entstand ihr neues Heim: Mein Elternhaus.
Es war für mich als Kind immer interessant und spannend, wenn meine Mutter von der Flucht aus der damaligen Tschechei – heute tschechische Republik – erzählte und welchen Demütigungen und Entbehrungen die Flüchtlinge ausgesetzt waren. Sie war damals 19 Jahre alt und arbeitete in dem Büro einer Baufirma, als die Vertreibung begann. Ihre Eltern mussten nachmittags das Haus nur mit Handgepäck verlassen und durften nie wieder dorthin zurück. Der Vater war Schneider und arbeitete noch eine Zeit lang bei tschechischen Besatzern, die Mutter wurde in einem Gutshof zur Arbeit verpflichtet. Nach etlichen Wochen wurden sie in ein Lager verschickt und mussten so lange bleiben, bis die ganze Familie einschließlich meiner Mutter und zwei Tanten dort wieder zusammentraf.
Meine Mutter konnte vor Eintreffen der Tschechen im Elternhaus durch das Fenster entkommen und versteckte sich mehrere Tage bei einer Freundin, bis sie wieder entdeckt wurde. Sie musste dann erneut in der alten Firma arbeiten, die inzwischen von einem Tschechen übernommen war. Mehrere Wochen diente sie noch dort, ehe sie ebenfalls zusammen mit vielen anderen Vertriebenen in Eisenbahnwaggons in das Lager verschickt wurde, in dem auch die Eltern bereits waren.
Meine Großmutter mütterlicherseits kenne ich nur von Fotos.
Nach der langen Flucht mit mehreren Zwischenlagern kam die Familie in unser Dorf. Nach Erzählungen meiner Mutter wurden sie wie Sklaven aufgestellt und die Dorfbewohner suchten sich die Menschen – nach welchen Gesichtspunkten auch immer – aus. Nahe unserem Dorf befand sich auf einer Anhöhe ein Schloss. Es wurde im Dreißigjährigen Krieg ziemlich zerstört, aber in den noch bewohnbaren Häusern, die heute komplett renoviert sind, siedelte eine bürgerliche Familie, die sich ihren Lebensunterhalt mit Landwirtschaft erarbeitete. Dort wurden die Flüchtlinge aufgenommen. Meine Mutter ärgerte sich Zeit ihres Lebens über diesen Ausdruck. Sie waren ja nicht geflohen, sondern aus der Heimat vertrieben worden. Im Dorf waren sie nicht besonders willkommen und es dauerte lange, bis sie völlig von der Gemeinschaft akzeptiert wurden.
Sie halfen bei allen Arbeiten im Haus, Garten und im Feld, um sich ihr Brot zu verdienen. Meine Großmutter hatte sich bei der Heuernte am Holzrechen Blasen an den Händen gescheuert. Diese entzündeten sich so heftig, dass sie eine Blutvergiftung bekam. Die medizinische Versorgung war zu dieser Zeit nicht besonders gut und der Arzt kam erst, als sie in Krämpfen lag, also nicht mehr zu retten war und verstarb. Mein Großvater hat danach nicht wieder geheiratet.
Nach Rückkehr meines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft und der Heirat waren er und meine Mutter mehrere Jahre als Handelsleute unterwegs. Sie kauften bei Bauern in den umliegenden Dörfern Eier und Geflügel und fuhren diese wöchentlich samstags – Sommer und Winter – in die etwas entfernteren Städte und boten die Waren zum Verkauf, bei Schnee, Regen oder eisiger Kälte. Später erweiterten sie den Handel noch mit dazu gekauften Küken, die an Bauern weiterveräußert wurden. Es war jahrelang hart verdientes Brot und zehrte an den Kräften. Gekaufte Gänse wurden geschlachtet, in unserem Keller gerupft und ebenfalls auf dem Markt feilgeboten. Ein Kellerraum stand jedes Wochenende unter Dampf vom kochenden Wasser, das zum Rupfen der Federn benötigt und in einem großen Kessel erhitzt wurde. Eine benachbarte Frau half meiner Mutter bei dieser schweißtreibenden Arbeit. All diese Knochenarbeit veranlasste meinen Vater wahrscheinlich, das Angebot zur Ausbildung als Feuerwerker in Betracht zu ziehen. Zumal der Verdienst zur damaligen Zeit für diese Arbeit überdurchschnittlich gut war.
Die Soldaten, die im Rommel-Feldzug waren, erhielten regelmäßig eine Zeitschrift namens »Oase« über die Vorkommnisse in Libyen. Darin stand eine Anzeige, in der Arbeiter zur wirtschaftlichen Entwicklung in dem Land gesucht wurden. Mein Vater hatte dies gelesen und der Gedanke daran ließ ihn nicht mehr los. Es wurden junge Männer gesucht, die sich als Feuerwerker ausbilden lassen sollten, um in der libyschen Wüste Minen zu räumen. Der damalige König Idris wollte eine Wasserleitung von Derna nach Tobruk bauen, um im Land die Trinkwasserversorgung zu gewährleisten.
Also bewarb mein Vater sich und nach einigen Treffen und Gesprächen wurde er eingestellt. Die Ausbildung fand in Düsseldorf statt. Die Firma Mannesmann fungierte als Subunternehmer für das Land Nordrhein-Westfalen. Mein Vater reiste zum ersten Mal im Februar 1957 nach Libyen und arbeitete dort nach seiner Ausbildung als Feuerwerker.
Den Begriff Feuerwerker verband ich als Kind immer mit dem Feuerwerk am Himmel, das an Silvester oder anderen Festen in die Luft geschossen wurde. Zum ersten Mal erfuhr ich, dass es ein gefährlicher Beruf zum Räumen von Munition aus den beiden Weltkriegen war.
So nahm die Geschichte ihren Lauf.
Im Jahr unserer Reise 1957 hatte ich eine zwei Jahre ältere Schwester und einen zwei Jahre jüngeren Bruder, war also die Mittlere und zum damaligen Zeitpunkt knapp fünf Jahre alt.
Im Juni begannen für uns Kinder die ersten sichtbaren Veränderungen im Haus. Eine riesige Korbkiste mit den Maßen von ungefähr einem Meter Länge, je achtzig Zentimeter hoch und breit, stand im Flur und füllte sich langsam. Es war ein Mix aus allen möglichen Haushaltsgeräten und Wäscheteilen. Jeden Tag kamen Utensilien dazu und wir staunten, welche Vielfalt sich in dieser Kiste stapelte. Es herrschte eine unwirkliche Stimmung im Haus und nichts stand mehr an seinem Platz. Für uns Kinder war es einfach nur aufregend.
Für mich ist es heute nicht nachvollziehbar, warum ich mich als 5jährige an so viele Details erinnere. Jahre später und bis heute, wenn ich mich mit meiner Mutter über diese Zeit unterhielt, staunte sie, was ich alles noch wusste und beschreiben konnte. Über die Jahre habe ich von ihr die fehlenden Hintergrundinformationen erzählt bekommen, die dann mein Bild vervollständigten.
Dann kam die letzte Nacht in unseren eigenen Betten. Am nächsten Morgen sollte die Reise beginnen.
Das Auto, ein Mercedes 170 S mit Stoffschiebedach, wurde vollgepackt. In jeder Lücke, unter den Sitzen und im Kofferraum, wurde so viel wie möglich verstaut, was mit auf die Reise sollte. Selbst der Fußraum hinter den Vordersitzen wurde mit vielen Kleinigkeiten ausgefüllt, so dass eine Hälfte hinter der Rückbank fast genauso hoch war wie die Sitze. Für uns Kinder wurde dadurch eine große Schlaffläche geschaffen. Die Seite, auf der mein Großvater sitzen musste, blieb noch einigermaßen frei, damit er Platz für seine Füße hatte.
Die Nachbarn standen in unserem Hof und die Verabschiedung ging nicht ohne Tränen. Es war zur damaligen Zeit nicht alltäglich, eine solche Reise in ein unbekanntes Land mit der ganzen Familie zu unternehmen. Es gab noch viele guten Wünsche und Ratschläge. Dann ging es endlich los: Meine Eltern, mein Großvater, meine ältere Schwester, mein jüngerer Bruder und ich.
Die Fahrt währte nicht lange, da kam es zur ersten Panne. Ein Reifen platzte. Es konnte fast nichts Schlimmeres passieren. Mein Vater musste den kompletten Kofferraum ausräumen, um an das Reserverad zu gelangen. Der halbe Hausstand stand auf der Straße. Der Reifen wurde gewechselt und das gesamte Gepäck wieder eingeräumt, was einige Zeit in Anspruch nahm. Vor der Abreise wurde mit viel Geschick und Geduld jedes Teil sorgfältig verstaut und fand jetzt nicht mehr den gleichen Platz. Nach schieben, drücken und rücken war es aber geschafft: Der Kofferraumdeckel ließ sich wieder schließen.
Die Route führte uns Richtung Süden über Österreich nach Italien. Da ja eine feste Schiffspassage zur Überfahrt auf einem Frachtschiff gebucht war, blieb nur wenig Zeit zum Schlafen. Deshalb fuhr mein Vater so lange es ging ohne Pause. Die Stopps waren stets kurz, nur um unsere Bedürfnisse zu erledigen. Brote hatte meine Mutter auf Vorrat gemacht und diese wurden im Auto gegessen. Wir Kinder schliefen auf den Rücksitzen und es war für uns einigermaßen bequem, da ja fast der komplette Fußraum vollgepackt und dadurch eine große Liegefläche entstanden war.
Durch einen heftigen Knall wurden wir nachts abrupt aus dem Schlaf gerissen und ein Ruck ging durch das Auto. Mein Vater war am Steuer eingeschlafen und gegen eine ca. sechzig Zentimeter hohe Brückenmauer gefahren. Sofort waren alle hellwach. Panik und Ratlosigkeit herrschten. Der Kotflügel des Autos war so weit eingedrückt, dass das Blech in den Radkasten geschoben und der Mercedes nicht mehr fahrtüchtig war – und dies mitten in der Nacht außerhalb eines Ortes. Wir hatten noch nicht einmal Rom erreicht und schon schien die Reise beendet. Meinen Eltern saß der Schreck sichtbar in allen Gliedern. Selbst mein Vater, der sonst ziemlich spontan wieder zu Worten fand, stand eine Weile still am Auto und war am Boden zerstört. Doch die freundlichen Italiener, die auch nachts unterwegs waren, halfen uns. Mit einigen Worten italienisch – Resten aus der Zeit mit den Truppen aus Afrika – unterhielt sich mein Vater mit ihnen. Wie immer, mit ausschweifenden Gesten, gab er zu verstehen, dass sie gemeinsam den Kotflügel so weit aus dem Radkasten ziehen sollten, damit das Auto wenigstens rollen konnte. Der Motor hatte nichts abbekommen und war noch intakt. Mit vereinten Kräften schafften sie es, das Blech herauszuziehen, damit das Rad wieder frei war. Dann fuhren wir hinter einem Helfer in den nächsten Ort. Auf dem Hof des netten Italieners angekommen stand mitten in der Nacht die ganze Familie auf, um uns unterzubringen und mit Essen und Trinken zu versorgen. Das mitgeführte Zelt wurde im Garten aufgeschlagen und wir Kinder schliefen dort, mit Decken versorgt, weiter.
Am nächsten Morgen durften wir im Haus frühstücken und so war es wenigstens für uns Bambini eine willkommene Abwechslung, jedoch sehr zum Leidwesen meiner Eltern, die ihren Zeitplan nicht einhalten konnten.
Der Mercedes wurde in eine benachbarte Werkstatt gefahren. Das verbogene und geknickte Blech wurde so weit wie nötig abgetrennt und wir konnten noch am gleichen Tag weiterfahren. Die Zeit drängte, wir mussten das Schiff erreichen. Während unseres gesamten Aufenthaltes in Afrika blieb das Fahrzeug in diesem Zustand und wurde erst nach unserer Rückkehr in Deutschland wieder repariert.
Ich erinnere mich noch gut an die Durchfahrt durch Rom. Es war Mittagszeit. Mein kleiner Bruder war zu diesem Zeitpunkt gut 2½ Jahre alt und hatte sicherheitshalber noch Windeln, konnte aber schon ansagen, wenn er sein Geschäft erledigen musste. Also wurde er kurzerhand im Auto auf den Topf gesetzt, während wir Rom durchquerten. Das Bild hat sich mir unvergesslich eingeprägt – ein Kleinkind im fahrenden Auto auf dem Topf nahe am Petersplatz und am Dom. Zur damaligen Zeit war das Gelände nicht so großräumig abgesperrt.
Wir ließen die Hauptstadt hinter uns und fuhren durch bis in den Süden von Italien, wo wir dann mit einer Fähre von Reggio die Calabria nach Syrakus auf Sizilien übersetzen sollten. Doch zuvor gab es da noch ein Problem: Es wurde eine Pockenschutzimpfung verlangt, die meiner Schwester und mir fehlte. Mein Bruder hatte sie bereits im Säuglingsalter bekommen, deshalb bestand nur für uns Mädchen das Handicap.
Also versuchte mein Vater, einen Arzt aufzutreiben, der uns noch impfen musste, bevor wir überhaupt auf ein Schiff durften. Nach vielen Fragen und auch mit Hilfe der Besatzung des Schiffes fand sich letztendlich ein Dottore, der die Impfung durchführte. Die Narbe habe ich heute noch, da der Impfstoff durch Einritzen in die Haut verabreicht wurde. Schmerzen und eine Entzündung waren natürlich die Folge, unter der wir Mädchen noch bis zur Ankunft in Afrika zu leiden hatten.
Nachts schliefen wir alle im geparkten Auto am Hafen. Am nächsten Morgen durften wir auf die Fähre und setzten nach Sizilien über. Die Auffahrt auf das Schiff bereitete einige Schwierigkeiten, da der Mercedes durch das viele Gewicht sehr wenig Bodenfreiheit hatte und die Stoßstange an der Rampe aufsaß. Durch kräftiges Anheben einiger Helfer wurde das Hindernis dann überwunden, ebenso bei der Ausfahrt in Syrakus.
Auf der Fähre Mein Bruder, Mutter, Schwester, ich und Großvater
Im Hafen angekommen, sahen wir auch schon unser Schiff – einen Frachter namens Ichnusa. Wir Kinder staunten über die Größe und durften sogar an Bord. Das war spannend und aufregend zugleich und der Schiffssteward hieß uns willkommen. Er hatte uns sofort ins Herz geschlossen. Zu dieser Zeit war es nicht üblich, Passagiere an Bord zu nehmen, aber irgendwie hatte es mein Vater in Zusammenarbeit mit seiner Firma arrangiert. Den Preis der Überfahrt für die ganze Familie habe ich nie erfahren, die Gelegenheit, danach zu fragen, habe ich leider versäumt.
Die Verladung des Autos gestaltete sich allerdings sehr schwierig. Es gab keine Vorrichtung zur routinemäßigen Verschiffung eines Pkws, da es ein Frachtschiff war und die Ladung stets per Kran an Bord gehievt wurde. Also musste improvisiert werden. Das Auto wurde auf ein großes, armdickes Eisengitter gefahren, an dessen Ecken jeweils eine Kette eingehängt war. Dann nahm der Kran diese über dem Auto zusammen an die Haken. Das Gewicht des Fahrzeugs konnte er dabei nicht berücksichtigen, da er die Verteilung der Last nicht kannte. Er hob das Gitter mit dem Auto in die Höhe und es entstand eine dermaßen starke Schlagseite, dass alle die Luft anhielten und nicht glaubten, das Fahrzeug jemals heil auf das Schiff zu bringen. Auch die Mannschaft hatte es sich wohl einfacher vorgestellt. Das Ganze wurde wieder zur Erde abgelassen, neu auf der Unterlage platziert und die Ketten entsprechend dem Gewicht des Fahrzeugs an anderen Positionen eingehängt und abermals angehoben. Mehrere Männer zogen an Seilen, die an den Eisenstreben befestigt waren, um den Mercedes auf seiner Unterlage einigermaßen im Gleichgewicht zu halten. Oben auf Deck nahmen Matrosen die Ladung in Empfang. Mit vereinten Kräften gelang es, das Auto unbeschädigt im Laderaum abzusetzen.
Unsere Kabine, die für uns vorbereitet war, entsprach natürlich nicht den heutigen Erwartungen. Wir waren die einzigen »Passagiere« an Bord, da es ein Frachtschiff war. Aber mein Vater war wohl froh, dass er überhaupt eine bezahlbare Passage bekommen hatte. Für uns Kinder war es Aufregung pur. Wir durften nur in Begleitung eines Erwachsenen aus der Kabine, die mit sechs Betten ausgestattet war. Zum ersten Mal schliefen wir in Stockbetten. Die Bullaugen der Kabine befanden sich nur ca. einen Meter über dem Wasserspiegel und die Gischt sprühte bis an die runden Scheiben.
Autoverladung per Kran
Wir fuhren den ganzen Tag und legten gegen Abend in Malta im Hafen an. Der Frachter lud und entlud dort Container und Kisten. Und was wir bisher noch nie gesehen hatten war ebenfalls vor Ort: Ein amerikanischer Flugzeugträger mit dem Namen Enterprise. Die Größe des Schiffes überstieg meine Vorstellung. Es war mir als Kind unbegreiflich, dass so etwas schwimmen konnte. Mein Vater erklärte mir kindgerecht, welchen Zweck es in Kriegszeiten hatte. Es war jedoch nur mit wenigen Flugzeugen bestückt, dafür umso mehr mit Karussells, Schaukeln, Rutschen, Autoscootern, alles, was wir bisher nur vom Jahrmarkt kannten. Die Musik hallte durch den Hafen und wir standen sehnsüchtig und staunend an Deck und konnten doch nicht hinüber. Es war der 4. Juli, der Nationalfeiertag der Amerikaner – für uns Kinder damals kein Begriff – nur unerreichbares Vergnügen.
Das Abendessen ging dieses Mal eilig von statten, denn wir wollten natürlich schnellstens wieder nach oben. Als es dunkel wurde, begann ein Feuerwerk, wie wir es noch nie gesehen hatten. Wir durften bis zum Ende zuschauen. Aufgeregt und noch immer mit funkelnden Augen fielen wir an diesem Abend todmüde ins Bett – zum ersten Mal in einer Schiffskabine. Was für ein Tag!
Am nächsten Morgen lief das Schiff aus Richtung Bengasi.
Der Stewart verwöhnte uns Kinder beim Frühstück mit allem, was wir kannten: Brot, Marmelade, Kakao, sogar frische Brötchen, die es bei unserem morgendlichen Frühstück zu Hause nicht sehr oft gab. Anschließend gingen wir in Begleitung meines Großvaters auf Erkundungsreise. Das Schiff war ein unerschöpfliches Gelände für neugierige Kinder.
Das Mittagessen fanden wir besonders lustig. Die Suppe und das Trinken schaukelten im Rhythmus des hin- und herbewegenden Schiffes. Auch das Gehen war witzig, aber schnell hatten wir uns an die schwankenden Planken gewöhnt. Allerdings durften wir uns im und auf dem Schiff nie alleine aufhalten und meine Eltern oder mein Großvater ließen uns nicht aus den Augen. Wir verbrachten die Zeit mit Spielen bis zum Abendessen und wurden dann wieder bestens versorgt. Zwischendurch steckte uns der Stewart auch Schokolade, Bananen und Bonbons zu. Uns fehlte es an Nichts.
Nach einer weiteren Nacht und dem Frühstück gingen wir an Deck. In der Ferne sahen wir Land. Unser Vater erklärte, dass wir jetzt bald in Afrika ankommen würden. Afrika war für uns nur ein Wort, mit dem wir aber keinerlei Vorstellung verbanden. Zu Hause hatte mein Vater uns in einem großen Reiseatlas das Land gezeigt, das wir jetzt ansteuerten. Also standen wir lange an der Reling und warteten gespannt, was auf uns zukommen und wie es weitergehen würde. Stunden später legten wir im Hafen von Bengasi an. Wir packten unsere wenigen Sachen in der Kabine zusammen und kamen nach oben, wo der Stewart bereits auf uns wartete. Es war in den wenigen Tagen eine herzliche Beziehung zu ihm entstanden – er hatte uns nach italienischer Art und Weise verwöhnt und für uns Kinder immer Zeit. Auch die kleinen Zuwendungen in Form von Süßigkeiten hatten natürlich ihr Übriges getan. Jetzt kam der Moment des Abschieds.
Dann gingen wir von Bord. Am Kai angekommen, standen wir erwartungsvoll und beobachteten mit Spannung, wie das Auto wieder auf das Festland gehievt wurde. Diesmal hatte die Mannschaft allerdings die Lehren aus der ersten Verladung gezogen. Das Fahrzeug stand noch immer ausbalanciert auf dem Eisengestell und das Abladen verlief ohne Komplikationen.
Wir waren auf dem neuen Kontinent, aber noch lange nicht am Ziel: Derna, ungefähr dreihundert Kilometer entfernt. Dort war bereits ein Haus für uns angemietet, in das wir einziehen sollten.
Nach Erledigung der Zollangelegenheiten stiegen wir in das Auto und die Fahrt begann. Wir konnten den Blick nicht von den Fenstern abwenden. Wie ein Film lief die Landschaft an uns vorüber. Die Frauen, die aussahen wie Pinguine, völlig in Schwarz und nur ein Schlitz, aus denen ein paar Augenpaare blickten. Männer in Weiß gekleidet, mit langen Hosen und Hemden darüber, die bis unter die Knie reichten. Esel vor Wagen gespannt, auf denen Männer und Frauen saßen. Einfache Bretter über die Räder gebaut, ohne seitliche Absicherung und ohne Sitze, die Füße baumelten zwischen dem Zuggeschirr. Zum ersten Mal sahen wir Palmen, die die Straße säumten. Es waren nur wenig Autos unterwegs, überwiegend Transportfahrzeuge, ähnlich unseren Lkws. Sie sahen alle sehr alt aus. In der Ferne konnten wir das Meer sehen, da die Straße in Küstennähe verlief. Aufgeregt und neugierig sogen wir das Neue auf wie einen Schwamm und die Zeit verging im Flug. Mit einigen Pausen erreichten wir gegen Abend Derna. Da mein Vater bereits seit Februar in Libyen war, hatte er im Vorfeld die Möglichkeit genutzt, für unseren Aufenthalt eine Wohnung mit Hilfe seines Arbeitgebers zu finden. Gegenüber befand sich als markanter Punkt das Postamt. Derna war zu dieser Zeit keine sehr große Stadt und recht überschaubar mit ungefähr 25.000 Einwohnern.
Wir waren am Ziel.
Das Haus stand an einer kleinen Straße und unsere Wohnung befand sich im ersten Stock. Also beeilten wir uns, die erste Besichtigung vorzunehmen.
Die Möblierung war nicht so üppig, wie wir es von zu Hause gewohnt waren. Aber alles Notwendige war vorhanden. Eine Küche, ein Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer, ein Bad und eine Toilette – und für uns besonders interessant, ein Balkon mit Blick zur Straße, vor der in Zukunft das Auto parkte. Wir Kinder, ausgenommen mein kleiner Bruder, halfen eifrig mit beim Hochtragen des Gepäcks, was sehr viel Zeit in Anspruch nahm. Wir waren ja »wichtige« Helfer, die aber nicht allzu lange Lust hatten. Deshalb bezogen wir bald Posten auf dem Balkon und beobachteten die Szenerie auf der Straße. Jetzt war auch unser Jüngster in unserer Mitte, der natürlich von alledem nichts verstand und ungeduldig quengelte, da er Langeweile hatte. Als das Nötigste nach oben verfrachtet war, besorgte mein Vater noch Brot, Wurst und Käse. Auch unser mitgebrachtes deutsches Rauchfleisch kam auf den Tisch. Danach wurden die Betten notdürftig gerichtet und wir Kinder gingen aufgeregt, aber müde, schlafen.
Vor unserem Haus auf der Straße
Am nächsten Morgen erwachten wir in neuer Umgebung und in einem neuen Land, das uns über ein Jahr mit wechselnden Wohnungen und vielen Abenteuern erwartete.
Nach dem spärlichen Frühstück wurde das verbliebene Gepäck aus dem Auto in die Wohnung gebracht. Unter anderem war jetzt die überdimensionale Korbkiste dabei, die meine Eltern hochschleppten. In umgekehrter Reihenfolge wie zu Hause beim Einpacken wurde jetzt Stück für Stück aus der Schatztruhe entnommen und in jedem Raum verteilt, um dann später an Ort und Stelle geräumt zu werden. Meine Eltern und mein Großvater hatten alle Hände voll zu tun, bis die Kisten und Koffer, Kartons und Einzelteile entpackt waren. Danach begannen die Aufräumarbeiten in jedem Zimmer. Wir Kinder vertrödelten den restlichen Tag und standen meinen Eltern im Weg, die eifrig alles ordneten. Zum Abendbrot gab es noch die Reste vom Vortag. Müde wurden wir allesamt ins Bett verfrachtet und ich schlief tief und fest bis zum nächsten Morgen.
Wir konnten es kaum erwarten, mit den Eltern einkaufen zu gehen. Sobald das Gröbste im Haus erledigt war, marschierten wir los: Eltern, Großvater, Kinder. Eine deutsche Familie auf ihrem ersten Erkundungsgang in der neuen Stadt. Der erste Ausflug führte zu dem örtlichen Souk. Mein Vater hatte sich bei einem Araber – wie üblich mit Zeichensprache – nach dem Weg dorthin erkundet. Angekommen bekamen wir solch eine Fülle von Waren aller Art zu sehen: Gewürze, Gebäck, Gemüse, Obst, Stoffe, Haushaltswaren, Schmuck, Bekleidung, Werkzeug – und alles in einem einzigen langen überdachten Gang mit kleinen Nischen. Als erstes fiel mit der Duft nach Gewürzen auf, der mir in die Nase stieg und unvergesslich blieb. Wir wurden von den Verkäufern ebenso bestaunt wie umgekehrt. Unsere Kinderhände zuckten manches Mal nach den Köstlichkeiten, von denen viele in greifbarer Höhe meistens in großen Säcken oder auf niedrigen Regalen standen: Nüsse, Obst, Gemüse, kleines Gebäck und Schokobonbons. Aber die Eltern hielten uns fest an den Händen. Afrikaner sind ein sehr kinderfreundliches Volk, wie wir später noch öfter feststellten, manches Mal zum Leidwesen meiner Eltern. Mein kleiner Bruder wollte so manche Dinge besitzen und griff nach den Leckereien. Als es ihm von meinem Vater verboten wurde, legte sich der Knirps vor Zorn schreiend auf den Boden. Es gab dann einen Klaps auf den Hintern, was die Araber aber in Aufregung versetzte. Die Verkäufer bedrängten meinen Vater, redeten und schimpften auf ihn ein, was er sich erlaube, Kinder zu schlagen. In Zukunft hielt sich mein Vater in der Öffentlichkeit zurück und beschränkte sich auf Gesten und Worte.
Libysches Geld – Dinar und Piaster – hatte mein Vater bereits. So war es kein Problem, die Einkäufe zu bezahlen. Jedoch lief das völlig anders als bei uns in Deutschland. Die Waren hatten keinen festen Preis, sondern es wurde lange und offensichtlich mit viel Spaß und Wohlwollen gefeilscht. Das konnte mein Vater sehr gut. Es machte Vergnügen, dem Handel zuzusehen. Obwohl er von der Sprache nicht viel verstand, konnte man verfolgen, wie der Sachstand gerade war. Die Zeichensprache funktionierte sehr gut. Mein Vater ließ immer lange nicht locker und seine Taktik war es, wenn er mit dem Preis noch nicht einverstanden war, einfach weiter zu gehen. Meist kamen die Händler dann nachgelaufen und fast immer gab es eine Einigung zur vermeintlichen Gunst meines Vaters. Er freute sich dann diebisch und verabschiedete sich lachend mit Handschlag vom Verkäufer. Er war der geborene Händler. Es lag ihm im Blut oder er hatte es für seine Geschäfte in der Heimat lernen müssen. Meiner Mutter war dies – hier und auch in späteren Zeiten oft sehr peinlich und manches Mal lief sie weiter und tat so, als ob sie nicht zu ihm gehörte.
Aus Kinderbüchern und Erzählungen wusste ich, dass in Afrika viele dunkelhäutige oder schwarze Menschen lebten. Aber die, die uns bisher begegneten, hatten zwar eine dunklere Hautfarbe, aber nur wenige waren wirklich ganz schwarz. Mein Vater erklärte, dass wir im Norden Afrikas waren und erst viel weiter südlich die »ganz Schwarzen« lebten. Ich gab mich mit dieser Auskunft zufrieden. Vielleicht verirrte sich ja auch einmal ein Schwarzer Mann hierher und ich konnte ihn dann bestaunen.
Auf dem Nachhauseweg hörten wir vom Turm der Moschee den Muezzin rufen. Eilig liefen die Menschen in eine Richtung. Manche Männer hatten kleine Teppiche unter dem Arm, legten diesen irgendwo im Freien auf den Boden, knieten sich darauf und verneigten sich unter Gemurmel immer wieder. Mein Vater erklärte mir zu Hause, dass es die Art der Araber war, zu beten. Für mich war es völlig unverständlich, aus heiterem Himmel auf den Teppich zu knien und sich zu verneigen. Auch der spätere Besuch einer Moschee mit den vielen davorstehenden Schuhen hatte mich sehr erstaunt. Natürlich gingen wir nicht in die Moschee, bewunderten sie aber doch von außen, da es ein sehr gepflegtes und schönes Gebäude mit einem hohen Minarett war. Oben war ringsum ein begehbarer Gang, auf dem der Muezzin mit seinem Lautsprecher rundherum ging und zum Gebet rief. Unverzüglich strömten aus allen Richtungen Männer in die Moschee. Die Frauen gingen erst hinter ihnen in das Gebäude. Den Grund erklärte mir mein Vater so: Damit die Männer von den Frauen nicht abgelenkt werden konnten, nahmen diese in den hinteren Reihen gesondert Platz ein. Eine seltsame Vorstellung für mich, denn zu Hause sahen sie ihre Frauen ja auch. Aber so war es eben im Islam. Es gab manches, das ich damals in dieser Religion schon unlogisch fand.
Vollgepackt gingen wir auf direktem Weg wieder in unsere Wohnung zurück.
Die nächsten Tage blieb mein Vater noch zu Hause, um zu helfen, alles an Ort und Stelle unterzubringen. Auch erkundeten wir gemeinsam die nähere Umgebung, damit sich Mutter und Großvater in Zukunft einigermaßen zurechtfinden würden. Der wichtigste Weg war der zum Souk und den Geschäften, in denen man alles für den täglichen Gebrauch einkaufen konnte. Wir Kinder natürlich immer im Schlepptau dabei.
Langsam gewöhnten wir uns auch an den Anblick der schwarz verschleierten Frauen und an die Männer mit den weißen langen Hemden und den für uns seltsam gewickelten Kopfbedeckungen. Unser Ausblick vom kleinen Balkon aber war die Hauptattraktion. Hier durften wir ohne Aufsicht bleiben und fanden es herrlich, das Treiben unten auf der Straße zu beobachten. Da sich gegenüber das kleine Postamt befand, herrschte hier immer reger Betrieb. Auch die Unterhaltung der Menschen unter uns konnten wir hören – natürlich verstanden wir nichts. Aber schon die eigentümliche Sprache mit ihren seltsamen Lauten klang interessant in unseren Ohren.
Auf unserem Balkon, rechts meine Schwester, daneben mein Bruder und ich
Schon bald begann der Alltag und wir fanden unseren eigenen Rhythmus. Mein Vater musste morgens sehr früh aus dem Haus. Seine tägliche Fahrt zur Arbeit führte ihn in das achtzig Kilometer entfernte Timimi. Dort war für die nächsten Monate seine Arbeitsstätte. Aber er kam täglich zurück. Wir lebten uns wirklich gut ein. Bald lernten wir die Bewohner in der umliegenden Nachbarschaft kennen und man winkte sich gegenseitig schon zu. Die fehlenden Sprachkenntnisse waren dabei kein Hindernis und auch unten auf der Straße begann ein langsames Annähern mit den Kindern aus den angrenzenden Wohnungen. Dabei lernten wir auch die Namen der Kinder und die ersten Worte auf Arabisch. Die Zahlen bis Zehn, Wasser, Brot und Essen konnten wir sehr schnell und auch unsere deutschen Begriffe für diese Dinge wollten die neuen Nachbarskinder wissen. Alles verlief harmonisch und die Sprachbarriere war für beginnende Freundschaften kein Hindernis. Bald wurden wir auch in das Haus eines der Kinder eingeladen und zum ersten Mal sahen wir eine orientalische, fremde Wohnungseinrichtung, die ganz anders aussah wie unsere: Überall lagen dicke Teppiche auf dem Boden, es gab keinen Esstisch und Stühle, sondern nur dicke Kissen auf dem Boden und einen kleinen niedrigen Tisch. Staunend verließen wir die Wohnung.
An den warmen Abenden gingen wir öfter am nahen Stadtrand in einer Siedlung spazieren. Ein Brunnen dort lockte uns besonders. Hier saßen weiß gekleidete Araber und tranken schwarzen Tee. Wir Kinder waren stets willkommen und unsere Eltern ließen uns auf dem überschaubaren Platz auch schon alleine laufen und den Männern zusehen. Sie bastelten für uns Wasserspritzen aus Bambusrohr. Dabei steckten sie einen dünneren Bambusstock in einen dickeren und dichteten den Zwischenraum mit einem Lappen ab. Es funktionierte ähnlich wie eine Luftpumpe. Wir zogen das Wasser aus dem Brunnen und bespritzten uns gegenseitig. Ein großer Spaß für Groß und Klein – wir konnten nie genug davon bekommen. Es war jedes Mal ein Kraftakt für die Eltern, uns wieder nach Hause zu bringen.
Spiel am Brunnen mit Spritzen aus Bambusrohr
So vergingen die ersten Wochen mit immer neuen Entdeckungen. Wir gewöhnten uns rasch an den Alltag. Es gab – im Gegensatz zu Deutschland – viel Obst für uns Kinder. Bananen, die wir zu Hause nur selten und meist in braunem Zustand bekamen (mein Vater kaufte sie Samstagmittag immer vor Ladenschluss bei einem Obsthändler zum Sonderpreis). Hier gab es sie frisch in leuchtendem Gelb und manchmal hing sogar eine große Staude auf unserem Balkon und wir durften ungefragt die Früchte abnehmen. Eine Köstlichkeit. Orangen, Melonen rot und gelb, Trauben, Datteln, Granatäpfel und bis dahin unbekannte Sorten von Südfrüchten, hier gab es alles in Hülle und Fülle. In der Heimat bekamen wir sie selten, denn meine Eltern hatten für derlei Extras kein Geld. Hier durften wir alles ausprobieren. Ein völlig neues und exotisches Geschmackserlebnis.
Eines Abends hatte mein Vater eine freudig überraschende Nachricht für uns. Wir durften am nächsten Tag mit nach Timimi. Dort wohnte ein deutscher Arbeitskollege von ihm. Schon schliefen wir aufgeregt ein und am nächsten Morgen packte meine Mutter für uns alle einen großen Korb mit Essen. Die Fahrt konnte beginnen. Unterwegs sahen wir auf der einen Seite das Meer, auf der anderen Straßenseite nur gelben Sand und ab und zu einen kleinen Ort mit einigen wenigen verstaubten Häusern und angeleinten Eseln. Es gab kilometerlang keinen grünen Strauch oder Baum, nur braune, trockene Erde.
Kaum angekommen, bekamen wir nach der Begrüßung des Hausherrn eine Limonade. Bei uns gab es meistens nur Tee. Damit war bereits die erste Hürde des fremden Mannes zu uns überwunden. Der Kollege meines Vaters hieß Dietmar und so durften wir ihn auch nennen. Offensichtlich liebte er Kinder und wir schon bald auch ihn. In seinem Haus befand sich zudem eine Attraktion. Ein Chamäleon war fester Bewohner in seiner Küche und durfte sich frei im Raum bewegen. Meistens hing das Tier am Fenster oder den Gardinen. Nach anfänglicher Scheu verloren wir alle Ängste und durften es auf unseren Armen laufen lassen. Es wurde mit Fliegen gefüttert und wir konnten nicht oft genug bestaunen, wie die Zunge aus dem Maul schnellte und das Insekt darin verschwand. Bald hatten auch wir die Fütterung dieses Tieres gelernt: Man fing eine Mücke, hielt sie an den Flügeln fest und mit einem schnellen Zungenschlag war sie im Maul verschwunden. An Tierquälerei dachten wir natürlich damals noch nicht. Fliegen waren für uns immer ein lästiges Insekt. Dass die Farbe des Chamäleons sich je nach Umgebung änderte, war noch eine Steigerung und wir waren einige Zeit mit der Bewunderung für dieses seltsame Geschöpf beschäftigt.
