Xavier Clemente - juergen von rehberg - E-Book

Xavier Clemente E-Book

Juergen von Rehberg

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Beschreibung

Ein Priester wird ermordet auf den Stufen des Altars aufgefunden, mit einem nach unten zeigenden Kreuz in den Händen. Der Ermordete war mit Missbrauchsvorwürfen in Verbindung gebracht worden. Der abgerissene Knopf einer Weste neben der Leiche führt rasch zur Verhaftung eines Verdächtigen. KHK Johann Wagner ermittelt im Hintergrund, da er in früheren Jahren als Mitglied des ehemaligen "Vierblättrigen Kleeblatts" selbst in die Missbrauchsfälle des Priesters involviert war.

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Seitenzahl: 91

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Xavier Clemente hatte die Demütigungen, die ihm während seiner Schulzeit widerfahren waren, längst in den tiefsten Gewölben seiner Seele verscharrt, als sie viele Jahre später abrupt zum Leben erweckt wurden.

*****

Als hätten die Enthüllungen über den Missbrauch durch den Herrn Pfarrer der Gemeinde Hintermorsbach die Festen der katholischen Kirche nicht schon genug erschüttert, war die Meldung über sein plötzliches, unerwartetes Dahinscheiden die Sahnekirsche auf der Torte des Skandals.

Pfarrer Sebastian Obermaier, geachteter und geliebter Seelsorger der Gemeinde, war ermordet worden. Man fand ihn auf der Stufe zum Altar liegend, in seine Soutane gehüllt, mit einem umgekehrten Kreuz in den Händen haltend.

Das umgekehrte Kreuz, auch „Petruskreuz“ oder „Kreuz des Südens“ genannt, steht als Symbolik für die Ablehnung der Kirche und ihrer Institution.

Die Missbrauchswelle durch einige Männer der Kirche, welche sich in den vergangenen Jahren zu einem Tsunami entwickelt hatte, war nun auch in der kleinen Gemeinde Hintermorsbach angekommen.

Entsprechend groß war das Entsetzen bei der Bevölkerung und sowohl die Einwohner als auch die Granden der Gemeinde distanzierten sich von ihrem Herrn Pfarrer, der von Stund an vom Paulus zum Saulus mutiert war.

Der Bürgermeister Florian Neuhauser, der Schuldirektor Josef Böhmer, der Baumeister Anton Kramer, sie alle waren allsonntäglich mit dem Herrn Pfarrer nach der Messe beim Stammtisch im „Dorfkrug“ zusammengesessen und haben dem Wirt, Maximilian Pertramer, einen ordentlichen Umsatz beschert.

Doch das änderte sich abrupt, als bekannt wurde, dass sich der Herr Pfarrer an Knaben verging, die ihm anbefohlen waren.

Die regionale, wie auch die überregionale Presse suhlte sich in der Geschichte und die Yello Press frohlockte über den journalistischen Leckerbissen.

Und jetzt auch noch der Mord.

Die Telefone liefen heiß. Der Bischof rief den Landrat an, der verwies den Anrufer an den Polizeipräsidenten, und der leitete das Gespräch an das für den Bezirk Hintermorsbach zuständige LKA weiter.

Der Leiter des LKA beauftragte seinen besten Mann mit dem Fall, mit der dienstlichen Anweisung, Fingerspitzengefühl bei der Bearbeitung des kniffligen Falls walten zu lassen. Und so kam KHK Johann Wagner mit seiner Mannschaft ins Spiel…

*****

„Was kannst du uns sagen, Berti?“

KHK Wagner sah den Gerichtsmediziner erwartungsvoll an.

„Ein einzelner Stich ins Herz“, kam die lapidare Antwort von Dr. Zeilinger, der seinen Blick von der Leiche dabei nicht abwendete und hinzufügte:

„Das ist aber nur mein vorläufiger Befund. Genaueres erst nach der Obduktion.“

„Ich weiß, mein Freund“, erwiderte Johann Wagner. „Und was sagst du zu dem Kreuz?“

„Schwer zu sagen“, antwortete der Mediziner, der sich jetzt seinem Freund zugewandt hatte, „der Täter war vielleicht ein Agnostiker oder er mochte die Kirche als solche nicht besonders.“

„Oder den Herrn Pfarrer“, erwiderte der Hauptkommissar.

„Ja, vielleicht“, sagte der Mediziner, „aber Gott sei Dank ist es dein Job, das herauszufinden und nicht meiner. Ich wünsche dir viel Vergnügen damit. Leicht wird es sicher nicht werden.“

„Da könntest du recht haben, Berti“, erwiderte der Hauptkommissar und wendete sich nun an KK Brunner, der neben ihm stand.

„Wer hat die Leiche gefunden?“

„Eine gewisse Erni Spörl“, antwortete KK Brunner, „sie ist für die Reinigung der Kirche zuständig.“

„Und wo ist die Frau?“

„Sie ist mit Jackie in die Sakristei gegangen“, sagte KK Brunner, „der armen Frau geht es nicht gut. Der Schock sitzt wohl ziemlich tief.“

KHK Wagner bewegte sich in Richtung Sakristei und KK Brunner folgte ihm.

KOK Jaqueline Moser hatte der Putzfrau ein Glas Wasser besorgt, das diese hastig geleert hatte und jetzt mit zittrigen Händen fest umklammert hielt.

„Grüß Gott, Frau Spörl. Ich bin KHK Wagner und das ist mein Kollege, KK Brunner. Die Frau Moser kennen Sie ja bereits.

Haben Sie sich schon ein wenig von dem Schock erholt und können Sie uns ein paar Fragen beantworten?“

Frau Spörl nickte. Der KHK sah sich die Frau genauer an. Dem Aussehen nach schätzte er sie auf gute Sechzig, also ein Alter, dem schon ein Altersgeld zustand. Johann Wagner vermutete, dass ihre Tätigkeit als Reinigungskraft nicht vordergründig auf dem Wunsch nach Verdienst basierte, sondern vielmehr ein Dienst an Mutter Kirche war, der ihr eventuell ein Platzerl im Himmel ermöglichen könnte.

„Wie alt sind sie denn, Frau Spörl?“

Diese Frage überraschte die alte Frau genauso wie die beiden Kollegen von KHK Wagner.

„Ich werde in einem Monat achtundsechzig, Herr Kommissar“, antwortete Frau Spörl und bestätigte damit die Vermutung von Johann Wagner.

„Das sind Sie ja schon in Rente, Frau Spörl“, sagte der Hauptkommissar, „und trotzdem arbeiten Sie noch?“

Die alte Frau lächelte und antwortete:

„Ich sehe das nicht als Arbeit, Herr Kommissar, es ist vielmehr ein Dienst aus Liebe zu unserem Herrn.“

KHK Wagner, ein gläubiger, aber der Kirche abgewandter Mensch, sah in das Gesicht einer Frau, die gerade etwas Schreckliches erlebt und ihre Worte dennoch mit einem Lächeln begleitet hatte, und er empfand Bewunderung.

„Wie lange kannten Sie Pfarrer Obermaier?“

„Seit er hier in unserer Gemeinde ist“, antwortete Erni Spörl.

„Und mochten Sie ihn?“

„Ja, sehr. Er war ein guter Hirte für unsere Gemeinde.“

KHK Wagner zögerte einen kurzen Augenblick, bevor er die nächste Frage stellte:

„Was sagen Sie zu den Missbrauchsvorwürfen gegen Pfarrer Obermaier?“

Erni Spörl sah den Hauptkommissar lange an und lächelte.

„Wer frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein…“

Johann Wagner war nicht wirklich überrascht, als er diesen Satz aus dem Mund der alten Frau hörte.

Er wandte sich an KOK Moser und sagte:

„Mach du hier weiter; ich schaue mir noch einmal die Leiche an ...“

*****

„Gut, dass du kommst, ich habe noch etwas gefunden.“

„Und was ist das?“, fragte KHK Wagner den Gerichtsmediziner, der ihm einen kleinen Gegenstand entgegenhielt.

„Ein Knopf“, antwortete Dr. Zeilinger.

„Aha.“

Der Gerichtsmediziner sah seinen Freund an und lächelte.

„Begeisterung sieht anders aus“, sagte er dann, worauf der KHK erwiderte:

„Was erwartest du? Du zeigst mir einen Knopf und ich soll in Jubel ausbrechen?“

Der Mediziner lächelte erneut und sagte:

„Ja; solltest du. Denn was ich da in meiner Hand halte, ist kein gewöhnlicher Knopf. Er stammt vom Teil einer Tracht, die nicht gerade billig war.“

KHK Wagner war hellhörig geworden.

„Wieso weißt du das? Ich meine, dass der Knopf von einer kostbaren Tracht stammt?“

„Weil ich selbst so eine habe“, antwortete der Mediziner.

Jetzt lächelte der Kriminalhauptkommissar.

„Du – und eine Tracht? Echt jetzt?“

„Grins nicht so blöd“, erwiderte der Mediziner leicht gereizt. „Nur, weil du für Brauchtum nichts übrighast, musst du dich nicht darüber lustig machen.“

„Entschuldige bitte, alter Freund. Es war nicht böse gemeint“, ruderte der KHK eilig zurück, „sage mir lieber, was es mit dem Knopf auf sich hat.“

Dr. Zeilinger wartete einen kurzen Moment und antwortete dann:

„Es gibt im Ort nur einen Schneider, der eine solch kostbare Tracht herstellt. Er ist eine wahre Koryphäe und liefert sogar ins Ausland.“

„Und wie heißt der gute Mann?“

„Es ist die Schneiderei Christoph Fuhrmann in der Entengasse. Richte ihm einen lieben Gruß aus, wenn du zu ihm gehst.“

„Das werde ich tun, mein Lieber, und sei mir nicht böse wegen vorhin“, sagte der KHK und wendete sich ab.

„Warte, ich habe noch etwas.“

Der Mediziner hielt dem Hauptkommissar eine kleine Plastiktüte entgegen und fügte hinzu:

„Es ist ein Haar, dass ich bei der Leiche gefunden habe. Es ist schwarz und passt nicht zu dem Toten.“

„Männer- oder Frauenhaar?“, fragte der KHK und Dr. Zeilinger antwortete:

„Auf den ersten Blick, ein Männerhaar. Aber Genaueres nach der Analyse.“

„Danke, Berti. Du bist einfach der Beste.“

„Verschwinde, du Schleimbeutel und sieh zu, dass du den Täter findest.“

In diesen Worten konnte man erkennen, dass die Balance zwischen Gerichtsmediziner und Ermittler wieder hergestellt war und dass kleine Wortscharmützel einer wahren Freundschaft nichts anhaben können…

*****

Der gefundene Knopf, der bei der Leiche lag, war ein echter Glücksbringer.

Dem Gerichtsmediziner war es gelungen, anhand eines kleinen Fingerabdrucks, der auf dem Knopf war, diesem einen Namen zuzuordnen.

Es ging um Alois Huber, Sohn des Familienunternehmens „Metzgerei Huber“. Alois war sowohl Mitglied im Gemeinderat als auch im Schützenverein, und er war ein äußerst umtriebiger Zeitgenosse.

Eigentlich war er „ein wilder Hund“, wie man hierzulande einen solchen Menschen zu nennen pflegt. Und mit dem Gesetz war er auch schon öfter in Konflikt geraten. Daher auch sein Fingerabdruck im System.

Alois Huber hatte alkoholisiert mit seinem Auto ein Mädchen auf dem Fahrrad angefahren und schwer verletzt. Das brachte ihm nicht nur den Führerschein entzug ein und Punkte in Flensburg, sondern auch eine dreimonatige Strafe, die jedoch auf Bewährung ausgesetzt wurde.

Dieses milde Urteil fand nicht bei jedermann Zustimmung und seine Rechtschaffenheit wurde stark angezweifelt.

Man munkelte, dass die Familie Huber der Geschädigten ein ordentliches „Schmerzensgeld“ zukommen ließ, und das noch vor der Verhandlung. Der Verteidiger sah auch von einer Anfechtung des Urteils ab.

*****

Dr. Wolfram Berger war noch nicht lange im Amt. Er war kein Einheimischer und aus dem hohen Norden hierher versetzt worden. Sehr zur Freude von KHK Wagner.

„Sie wollten mich sprechen?“

Dr. Berger begrüßte den KHK mit Handschlag und bat ihn, Platz zu nehmen.

„Das ist unser erstes Zusammentreffen, Herr Wagner. Ich hoffe, wir werden gut zusammenarbeiten.“

„Vielen Dank, Herr Doktor, dass Sie Zeit für mich haben.“

Es waren nur wenige Worte bis hierher, aber beide Männer schätzten den Gehalt des Gesagten. Sie waren getragen von Empathie und gegenseitigem Respekt.

„Was kann ich für Sie tun, Herr Wagner?“

„Sie haben sicher von dem Mord an dem Priester gehört“, begann der KHK, „es gibt erste Hinweise auf einen potenziellen Täter.

Es handelt sich um den Sohn einer alteingesessenen Familie, der auch Mitglied im Gemeinderat ist. Und ich fürchte, das könnte die Untersuchung etwas schwierig machen.“

„Dass eines ganz klar ist, Herr Wagner: Ich mache keinen Unterschied zwischen einem honorigen Bürger und einem armen Schlucker. Beide sind dem Gesetz unterworfen. Ich hoffe, wir sind uns da einig.“

KHK Wagner sah den Staatsanwalt erstaunt an. Er hatte sich eine solche Haltung erhofft; aber nicht zwingend erwartet.

„Zu einhundert Prozent, Herr Staatsanwalt. Ich bin ein absoluter Gegner von jeglichem Klüngel. Leider begegnet er uns hier immer wieder.“

„Das freut mich, Herr Wagner. Ich glaube, wir sind ein gutes Team, das merke ich jetzt schon. Aber jetzt sagen Sie mir, was ich für Sie tun kann.“

KHK Wagner trug dem Staatsanwalt die Fakten vor, Alois Huber betreffend, und bat am Ende um einen Durchsuchungsbeschluss.

Dr. Wolfram Berger stimmte dem Ansuchen, ohne zu zögern, zu und verabschiedete danach seinen Besucher mit einem festen Händedruck.

KHK Wagner verließ das Büro des Staatsanwalts mit einem Gefühl der Zufriedenheit und der Genugtuung. Seine bisherigen Erfahrungen mit der Staatsanwaltschaft waren meist weniger befriedigend. Johann dachte kurz daran, dass er sich eine Freundschaft mit Dr. Berger gut vorstellen könnte.

*****

Es war schon dunkel, als Johann Wagner und Jaqueline Moser gemeinsam nach Hause fuhren.

„Zu Hause“, das war die Wohnung von Jaqueline. Johann hatte seine Wohnung seit geraumer Zeit untervermietet. Er tat dies, als er sich sicher war, dass diese Beziehung dieses Mal halten würde.