Verlag: Riva Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Yellow Bar Mitzvah E-Book

Sun Diego  

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E-Book-Beschreibung Yellow Bar Mitzvah - Sun Diego

Kaum ein Künstler polarisierte in den letzten Jahren so stark wie Sun Diego. Mit seiner musikalischen Vision modernisierte und prägte er den Sound von Deutschrap, revolutionierte mit seiner Zweitkarriere als SpongeBOZZ die Battle-Kultur und etablierte sich als einer der erfolgreichsten Rapper Deutschlands. Doch wer ist der Mann hinter der Maske wirklich? Zum ersten Mal überhaupt erzählt Dimitri Chpakov seine ganze Geschichte. Erzählt von einer schweren Kindheit, die von seinem kriminellen Stiefvater geprägt war. Von seiner Zeit auf der Straße, von Armut, Bandenkriminalität und der eigenen Perspektivlosigkeit. Eine Geschichte über die russische Mafia, arabische Großfamilien, Psychopathen und Messerstecher – und die Liebe zur Musik. Yellow Bar Mitzvah beschreibt das Festhalten an einer Vision und den Kampf gegen seine eigenen Teufel, der Sun Diego an die Spitze der deutschen Charts führte. "Das derzeit schillerndste Phänomen im deutschen Battle-Rap." Jüdische Allgemeine "Sun Diego ist der beste Rapper, den Deutschland derzeit hat." Die Welt "Der Hype um den Rapper nimmt grade erst Fahrt auf." BigFM

Meinungen über das E-Book Yellow Bar Mitzvah - Sun Diego

E-Book-Leseprobe Yellow Bar Mitzvah - Sun Diego

BAR MITZVAH

SUN DIEGO

DENNIS SAND

 

BAR MITZVAH

Die sieben Pforten vom Moloch zum Ruhm

SUN DIEGO

DENNIS SAND

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die Orte und Namen in diesem Buch wurden anonymisiert, um die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten zu wahren.

Die Bilder und Dokumente stammen aus dem Archiv des Autors.

Für Fragen und Anregungen:

info@rivaverlag.de

Originalausgabe

3. Auflage 2018

© 2018 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Silke Panten

Umschlaggestaltung: 8P Design

Umschlagabbildungen: BBM (Autorenfoto Sun Diego), Katja Kuhl (Autorenfoto Dennis Sand)

Satz: inpunkt[w]o, Haiger (www.inpunktwo.de)

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

eBook: ePubMATIC.com

ISBN Print 978-3-7423-0571-8

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0122-9

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0123-6

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter: www.m-vg.de

Inhalt

Prolog

En Soph

Aleph

Beth

Gimel

“Galerie”

Daleth

He

Waw

“Dokumente”

Epilog

Anmerkungen

Danksagung

AUS DEN ARCHIVEN

Ein bislang unveröffentlichtes Sun Diego-Exclusive aus den allerersten Tagen der Moneyrain-Zeit. Zum Downloaden unter:

m-vg.de/sun-diego

Prolog

Gute Menschen fürchten böse Taten, doch würde es das Böse nicht geben, wüssten wir nicht, was es heißt, gut zu sein. Das Böse ist ein Gift, das sich schleichend ausbreitet. Es beginnt harmlos. Es beginnt mit einem Gedanken. Doch aus Gedanken werden Worte, aus Worten werden Taten und aus Taten werden Gewohnheiten. Es sind ebendiese Gewohnheiten, die den Charakter eines Menschen bestimmen. Meine Mutter glaubt an Karma. Sie glaubt daran, dass wir für Sünden, die wir in einem vergangenen Leben begangen haben, heute bezahlen müssen. Ich glaube nur daran, dass ich heute alles tun muss, damit das Morgen besser wird. Und dass der Kampf, den ich für dieses bessere Morgen kämpfen muss, ein Kampf ist, den ich mit mir selbst austragen muss. Mit dem Bösen, mit dem Ha-Satan in mir.

Als ich mich im Halbschlaf aus meinem Bett quälte, hatte ich bloß diesen einen Gedanken, dieses eine Wort im Kopf. Eloha. Ich hatte mich die ganze Nacht mit Digi in meinem Studio eingeschlossen und wie ein Besessener an dem Song gearbeitet. Dazu hatte ich gefühlte 150 Jibbits geraucht und mir Gedanken darüber gemacht, wie ich die Hook rund kriegen könnte. Und jetzt wankte ich durch mein Schlafzimmer, mit Eloha im Kopf und einem unguten Gefühl im Magen. Es war ein ekelhafter Tag, kalt und verregnet. Ungemütliches Oktoberwetter. Alles fühlte sich seltsam entfremdet an. Ich konnte es selbst nicht so richtig verstehen. Aber obwohl ich in meinem Schlafzimmer stand, hatte ich das Gefühl, dass dieses Schlafzimmer eben nicht mein Schlafzimmer war. Dass dieser Ort nicht mein zu Hause ist. Die Uhr an der Wand funktionierte nicht mehr, der Sekundenzeiger tippte nur noch auf der Stelle. Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war. Ich hatte mein Zeitgefühl verloren.

Der Regen wurde stärker. Ich schaute aus dem Fenster und konnte nicht glauben, was ich da sah. Verdammt, das war kein normaler Regen mehr. Der Regen war rot. Wie Blut. Ich massierte mir die Schläfen. Das konnte doch nicht sein. Ich muss gestern zu viel geraucht haben. Ich schloss die Augen, atmete noch einmal tief durch und schaute wieder raus. Ich sah die Häuserblocks aus meiner Nachbarschaft. Die grauen, trostlosen Betonfassaden. Es regnete immer noch, aber der Regen sah wieder wie Regen aus. Mein Kopf tat weh. Ich zog mir was über, ich musste raus, brauchte dringend frische Luft. Ich griff mir meine Alpha-Jacke und ging Richtung Haustür, als ich den Schock meines Lebens bekam. Da stand ein Mann in meiner Wohnung. Direkt vor meiner Haustür. Der Kerl war bestimmt zwei Meter groß, hatte eine spitze Nase, einen langen, dünnen Bart und trug einen krassen Pelzmantel. Er sah aus wie die Kasachen aussahen, die ich aus den Geschichtsbüchern in der Schule kannte. Er stand einfach so da. Ich hatte keinen Plan, wer der Typ war und wie er in meine Wohnung kommen konnte. Instinktiv wollte ich nach meinem Messer greifen, das ich in der Kommode lagerte. Aber es war weg. Ich ging langsam auf den Unbekannten Zwei-Meter-Mann zu. Ich spürte meinen Pulsschlag, bekam kaum Luft. Mein Herz krampfte sich zusammen.

»Hallo?«

Der Typ reagierte nicht.

Ich versuchte so aggressiv wie nur möglich zu wirken.

»Wer bist du? Wie kommst du in meine Wohnung? Antworte!«

Der Kerl schaute mich nur ganz ruhig an.

»Ich bin der Türhüter«, sagte er.

»Was redest du für eine kranke Scheiße?! Warum bist du in meiner Wohnung?«

Er verzog keine Miene, lehnte sich nur ganz gemütlich an die Wand. Was war das nur für ein Albtraum? Ich hatte das Gefühl, man zog mir den Boden unter den Füßen weg. Ich hatte keine Ahnung, was hier für ein Film ablief, aber es war richtig beängstigend. Irgendjemand musste sich einen üblen Scherz mit mir erlauben. Ich hatte das Gefühl, ich würde gleich verrückt werden. Ich musste raus. Ich musste dringend hier raus. Als ich gerade die Tür öffnen wollte, stellte sich der Kerl bedrohlich vor mich.

»Lass mich vorbei.«

»Es ist möglich«, sagte der Pelztyp. »Aber nicht jetzt.«

»Wie, nicht jetzt? Junge, bist du behindert?«

Der Kerl schaute mich todernst an. »Du kannst ja versuchen durch die Tür zu gehen. Aber selbst wenn du an mir vorbeikommst, wird es sechs weitere Türen geben und vor jeder dieser sechs Türen wird ein weiterer Hüter stehen und jeder dieser Hüter ist mächtiger als ich es bin.«

»Was laberst du da für eine hängengebliebene Scheiße?«

Ich fasste mir an den Kopf. Ich hatte wieder diese ekelhaften Schmerzen. Ich brauchte frische Luft. Sofort. Ich lief in mein Badezimmer und riss das Fenster auf. Der Regen war mittlerweile noch schlimmer geworden und der Himmel hatte sich schwarz gefärbt. Als wäre es tiefste Nacht. Der kleine Bach auf der anderen Straßenseite war übergelaufen, es gab eine richtige Überschwemmung. Von meinem Fenster wirkte es fast so, als würde vor meiner Haustür das Meer beginnen, so extrem war es. Ein eiskalter Wind zog durch das Bad. Es schien, als würde ein Sturm aufziehen. Ich wich einen Schritt zurück.

»Mann, Dima. Komm klar, das bildest du dir ein. Das bildest du dir alles nur ein. Du bist todesdrauf.«

Und dann passierte schon wieder so eine abartige Scheiße. Da kamen einfach drei Tiere aus dem Bach, der jetzt ein Meer war. Ein Löwe, ein Bär und ein Panther und alle hatten Flügel und waren überdimensional groß. Wie in so einem Fantasystreifen. Und als ob das nicht schon krank genug gewesen wäre, stieg noch ein viertes Tier aus dem Meer auf. Kein Plan, was das für ein Ding war. Es war grässlich entstellt, hatte riesige Füße, seine Zähne waren aus Eisen und es hatte elf Hörner auf seinem Kopf. So was hatte ich noch nicht einmal in den abgedrehtesten Horrorfilmen gesehen. Der Himmel färbte sich langsam rot. Ich schloss das Fenster, zog den Vorhang wieder zu und atmete immer schneller. Diiiikkaaaaa, was geht? Ich war mir ziemlich sicher, dass ich kurz davor war, eine Psychose zu bekommen. Ich würde jeden Moment einfach durchdrehen. Was habe ich da gestern nur für ein Zeug geraucht?

Ich schaute in meinen Flur und sah, dass der Kasache mit dem Pelz immer noch bewegungslos vor meiner Haustür stand. Ich schloss mich ein, lehnte mich gegen die Badezimmertür und atmete durch. »Du bist gerade auf dem krassesten Trip deines Lebens, Dima. Komm runter! Komm bloß runter. Das kann unmöglich real sein.«

Mein Kopf fühlte sich mittlerweile an, als würde er explodieren.

Und plötzlich war da dieses Geräusch. Ein kreischendes Ringen. Es kam in unregelmäßigen Abständen. Drrrriiiiing.

Ich stellte mich ans Waschbecken, ließ das Wasser laufen und schaute in den Spiegel. Meine Augen waren rot unterlaufen, ich sah richtig fertig aus. Ekelhaft. Drrriiiiiing. Das Geräusch bohrte sich in meinen Kopf. Ich fing an, mir kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Ich musste dringend wieder runterkommen. Drrrrrriiiing. Ich musste dringend wieder klarkommen. Das war doch nicht normal. Als ich wieder in den Spiegel schaute, sah ich für einige Sekunden nicht mehr mich selbst. Ich sah ein fürchterlich verzerrtes Gesicht. Es sah aus wie eine kaputte Version von mir. Die Gesichtszüge eingefallen, überall an meiner Stirn und meinen Wangen klebten Dreck und Blut. Die Augen von meinem Spiegel-Ich waren leer. Es sah aus wie der Teufel. Ich schreckte zurück. Drrrrrriiiing. Ich wollte aus der Wohnung raus. Vorbei an dem Kasachen, einfach weg, aber … Drrrrrriiiiiing … ich verlor komplett die Orientierung, stolperte … Drrriiiiiiing … und dann wurde mir schwarz vor Augen.

Panisch schreckte ich hoch und riss meine Augen auf. Ich schaute mich um. Mein Schlafzimmer. Meine Wohnung. Ich atmete durch. Was für ein abgefuckter Traum! Und dann hörte ich das Klingeln. Drrrriiiiiing. Irgendwann begriff ich, dass es meine Tür war. Ekelhaft. Ich griff noch halbblind nach meinem Handy. Kurz vor 10 Uhr. Wer zur Hölle machte um diese Zeit so einen gottverdammten Aufstand?

Eigentlich konnte das nur Digi sein. Mein Beat-Mann. Aber der würde doch nicht um diese Zeit kommen. Ich rollte mich langsam aus dem Bett. Es klingelte weiter.

»Ja, Mann, ich komme ja«, schrie ich durch die leere Wohnung und rieb mir die Augen. Vielleicht war das auch mein Subwoofer. Ich hatte mir letzte Woche ein neues Gerät bestellt. Für mein Studio.

»Wer ist da?«, fragte ich in die Gegensprechanlage.

»Herr Dimitri Chpakov?«, hörte ich eine ernste Frauenstimme.

»Ja.«

»Hier ist die Steuerfahndung, öffnen Sie bitte die Tür, wir haben einen Durchsuchungsbefehl.«

Ich lehnte mich gegen die Wand. Ich wusste ja, dass es passieren würde. Dass sie eines Tages vor meiner Tür stehen werden. In meinem verpennten Zustand war ich sogar irgendwie halbwegs froh, dass sie kamen. Damit konnte ich die Sache endlich abschließen. Dachte ich. Ich hatte seit Jahren keine Steuererklärung abgegeben. Das Finanzamt stellte bereits einen Antrag auf Insolvenz. Sollten sie den ganzen Scheiß doch mitnehmen, mir eine Strafe aufdrücken und endlich aufhören zu nerven. Ich öffnete die Tür und machte mich bereit.

Zwei Frauen kamen in die Wohnung.

»Herr Chpakov?«

»Yo.«

Sie hielten mir einen Zettel unter die Nase.

»Wir haben eine richterliche Anordnung, ihre Wohnung zu durchsuchen …«

»Okay«, sagte ich und zog mir meine rote Alpha-Jacke über. Es war verdammt kalt geworden.

»… und auch alle anderen Räume, die sie nutzen. Keller, Dachgeschoss, ist hier noch mehr?«

»Unten ist mein Studio«, sagte ich. Die beiden Frauen nickten sich zu. Nach und nach kamen immer mehr Menschen in meine Wohnung. Erst waren es Männer in schwarzen Anzügen. Zwei, drei, vier, irgendwann liefen fünf von ihnen durch die Zimmer. Dann kamen zwei besonders eklige Kerle. Der eine hatte lange, ungepflegte Haare. Dazu trug er ein schwarzes Shirt über seinen fetten Bauch. Der andere war einfach ein pickliger Lulatsch.

Garantiert irgendwelche IT-Lappen, dachte ich.

»Herr Chpakov, das sind unsere IT-Experten«, sagte die Frau von der Steuerfahndung. »Die werden sich hier auch einmal umschauen.«

Der Fettsack grinste mich mit einem debilen Fettsackgrinsen an.

»Viel Spaß«, sagte ich genervt und ging auf den Balkon, wo ich mir erst einmal einen Joint drehte. Hoffentlich platzen dem Langen nicht die Pickel in meiner Wohnung auf, dachte ich noch.

Ich setzte mich an die frische Luft und schaute auf die Straße. Mieses Viertel. Irgendwelche Kanaken stritten sich vor dem Wettbüro auf der anderen Seite. Wahrscheinlich ging es wieder um Fußball. Um Galata gegen irgendwas. Es regnete in Strömen. Scheißwetter. Scheißtag. Ich fuhr mit der Hand über das Geländer meines Balkons. Schaute mir die Einschusslöcher an. Die waren von meinem Nachbarn. Irgend so ein Psycho-Kanake, der hier vor einiger Zeit mal rumgeballert hat, weil der Vermieter ihn wegen Randale rauswerfen wollte.

Die Leiterin von der Steuerfahndung stellte sich neben mich auf den Balkon. Sie schaute skeptisch auf meinen Joint.

»Auch einen Zug?«

»Nein, vielen Dank. Wissen Sie eigentlich, wie lange wir gebraucht haben, um Sie zu finden?«

»Keine Ahnung.«

»Vier Jahre. Wo zum Teufel waren Sie?«

»Mal hier, mal da. Warum haben Sie mich nicht einfach angerufen?«

»Sehr witzig.«

»Schauen Sie, ich habe keine Geheimnisse. Sie können die ganzen Unterlagen alle mitnehmen. Ich habe nichts verheimlicht. Ich hab’s einfach nur nicht gemanagt bekommen, unter all dem Stress was abzugeben.«

»Viel zu tun, Herr Chpakov?«

Mehr als du dir vorstellen kannst, du Hurentochter, dachte ich.

»Mehr als Sie sich vorstellen können«, sagte ich.

Ich drehte mich um und sah, wie der Fettsack von der IT den Laptop meiner Frau durchsuchte und die anderen Lakaien meine Wohnung verwüsteten.

»Alter, ist das wirklich nötig?«

»Sorry«, sagte die Steuerfahnderin. »Es wird leider bei solchen Durchsuchungen immer mal etwas … unordentlich.« Ich nahm ihr ab, dass es ihr unangenehm war. Wahrscheinlich schämte sie sich für den fetten IT-Typen selbst ein bisschen.

Die Männer in den Anzügen nahmen derweil alles auseinander. Sie rissen die Schubladen raus, öffneten alle Schränke und durchwühlten alles, was irgendwie zu durchwühlen war.

Der IT-Sohn spiegelte derweil mein Handy, meinen Laptop und den Laptop meiner Frau. Gut, dass mein Sohn nicht da war, dachte ich nur. Gut, dass Nel das nicht mit ansehen musste. Meine Frau war vor einer Woche mit ihm in den Urlaub gefahren. Während ich zusah, wie die Typen meine Wohnung auseinandernahmen, kam einer der Männer zu uns auf den Balkon.

»Kann ich Sie mal kurz sprechen?«, sagte er zu der Steuerfahnderin, die offenbar die Chefin von allen war. Dann nahm er sie zur Seite und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Dabei behielt er mich die ganze Zeit im Blick. Die Frau nickte und schaute mich dann mit großen Augen an.

»Ich bin sofort wieder da«, sagte sie mit leiser Stimme. Ich rauchte meinen Joint weiter und beobachtete, wie sich die Kanaks auf der anderen Straßenseite prügelten.

Nach ein paar Minuten kam sie wieder. Und war ziemlich bleich im Gesicht.

»Alles okay?«, fragte ich sie.

»Herr Chpakov, es tut mir sehr leid, aber ich muss die Polizei verständigen.«

»Wieso?«.

»Wir haben … ein paar Dinge in Ihrem Studio gefunden. Ich habe keine andere Wahl. Ich muss die Polizei rufen.«

Ich dachte kurz nach, was sie wohl … fuuuck! Verdammte Scheiße! Ich dummer Idiot. Erst jetzt fiel mir ein, was alles in meinem Studio rumlag. Und ich Trottel habe denen einfach die Tür aufgemacht. Hätte ich weitergeschlafen, hätte das Hurensohnkommando wieder nach Hause fahren müssen. Scheiße!

Ich nahm einen tiefen Zug von meinem Joint.

Es dauerte keine fünf Minuten und ich konnte von meinem Balkon aus sehen, wie immer mehr Einsatzwagen vor meiner Haustür parkten. Schwarze Zivilwagen mit Blaulicht. Und immer weiter stiegen irgendwelche uniformierten Typen aus. Fünf Mann. Zehn Mann. Fünfzehn Mann. Irgendwann waren zwanzig Kripos in meinem Studio. Sie waren noch brutaler drauf als die Finanzheinis. Sie gingen sogar an die Lüftungsschächte und kontrollierten wirklich alles, was man nur kontrollieren konnte. Nach ein paar Minuten kam ein uniformierter, älterer Mann auf den Balkon. Er hatte einen grauen Schnäuzer und lockige Haare.

»Herr Chpakov, mein Name ist Schmidt. Sie wissen, warum wir hier sind?«

»Ich kann’s mir schon denken«, sagte ich und drehte mir einen neuen Joint. Er warf mir einen scharfen Blick zu.

»Wollen Sie?«

»Lassen Sie das. Wir haben hier eine nicht geringe Menge an Cannabis gefunden. Dazu mehrere Waffen. Eine AK47, Kalaschnikow. Einen Revolver. Zwei Äxte. Einen Totschläger. Haben Sie noch mehr im Haus?«1

»Puh, ich habe so ein bisschen den Überblick verloren«, sagte ich und zündete mir den neuen Jibbit an.

»Machen Sie bitte den Joint aus, das geht nicht.«

»Schon klar.«

»Herr Chpakov, ich werde Ihnen jetzt Handschellen anlegen und Sie mit in Ihr Studio nehmen. Wir können Sie nicht hier oben lassen. Machen Sie bitte keine Faxen. Dann legen wir Ihnen die Handschellen auch vorne an.«

»Muss das sein?«

»Ja«, sagte er. Ich streckte meine Hände aus und er legte mir die ekligen Metalldinger an. »Kommen Sie bitte mit runter.«

Er führte mich durch meine mittlerweile komplett auseinandergenommene Wohnung in mein Studio. Ich sah das Kinderzimmer meines Sohnes. Sie hatten sogar sein Spielzeug zerlegt. Ich hätte heulen können. In meinem Studio sah es nicht besser aus. Die Rechner wurden konfisziert. Die Sofas auseinandergebaut. Es war zum Kotzen. Der Kripo-Chef nickte mir zu und gab zwei seiner Männer ein Zeichen, dass sie mich bewachen sollten. Die Typen waren bewaffnet und hatten Schutzwesten an. Klar, dachte ich. Sie hatten eine Kalaschnikow bei mir gefunden. Wahrscheinlich gingen sie davon aus, ich wäre ein Terrorist. Ich setzte mich auf einen Stuhl und beobachtete, wie mein Studio in Einzelteile zerlegt wurde. Ein paar Meter von mir entfernt stand der fette IT-Mann vom Finanzamt und unterhielt sich mit einem anderen IT-Lappen, den die Kripo mitgebracht hatte. Irgend so ein Nerd-Talk.

»Den neuen AES-Standard kriegt man kaum noch geknackt«, sagte der Fette. »Der ist zwanzigfach verschlüsselt, da gehen wir in die Knie. Wie macht ihr das?«

Ich warf ihm einen tödlichen Blick zu.

Die Zeit schien nicht zu vergehen. Alles war zäh und zog sich ewig hin. Irgendwann schaute ich auf die Uhr. Ich saß jetzt schon eine Stunde hier. So ein Dreck. Immer wieder kamen Kripos zu mir und stellten mir Fragen.

»Wo führt dieser Luftschacht hin?« – »Können Sie uns das Passwort für ihren Laptop geben?« – »Haben Sie noch Kellerräume angemietet?«

Immer wieder kreuzten irgendwelche Nachbarn auf, die gafften. »Ey, könnt ihr nicht mal die Tür zumachen?«, fragte ich den Kripo. »Geht nicht«, blaffte er mich kühl an.

»Scheiße.«

Ich schloss die Augen und hoffte, dass es irgendwann einfach ein Ende nehmen würde. Und dann hörte ich jemanden meinen Namen rufen.

»Entschuldigen Sie bitte«, rief ein Kerl in den Raum. »Ist hier ein Dimitri Chpakov?«

Ich öffnete meine Augen und drehte mich um. Da stand der DHL-Typ mit seiner gelben Uniform und hielt ein Paket hoch. Mein Subwoofer!

»Hier.«

Die Beamten nickten mir zu, dass ich aufstehen dürfte. Ich ging zu dem Paketboten rüber. Es schien ihn in keinster Weise zu stören, dass hier gerade 40 uniformierte Männer rumliefen. Wahrscheinlich hatte er schon ganz andere Scheiße gesehen. Er wollte mir das Paket in die Hand drücken, als er meine Handschellen sah.

»Oh«, sagte er. »Ich stell es einfach auf den Boden. Können Sie hier bitte unterschreiben?«

Er gab mir den kleinen Plastikstift in die Hand und hielt mir das Elektropad hin, sodass ich es irgendwie schaffte, trotz Handschellen zu unterschreiben.

Der Typ verzog keine Miene. »Okay, danke. Dann ciao und einen schönen Tag noch«, sagte er beim Rausgehen.

»Ja, Mann. Ciao.«

Nach einer weiteren Stunde Demütigung packten mich die Kripos an der Schulter und führten mich raus zu ihrem Polizeiwagen.2

»Wie geht es jetzt weiter?«, fragte ich.

»Sie kommen erst mal mit. Eine Haftrichterin wird entscheiden, was mit Ihnen passiert. Stellen Sie sich auf einen längeren Aufenthalt ein.«3

Fuck. Ich setzte mich in den Polizeiwagen und schaute aus dem Fenster. Es regnete noch immer in Strömen. Wir fuhren los. Die Farben der Stadt spiegelten sich in den Pfützen. Ich lehnte mich zurück. Wie bin ich da nur reingeraten?, fragte ich mich.

Die Geschichte eines Menschen ist die Summe seiner Krisen. Jede Krise ist eine Prüfung, die uns die Gelegenheit gibt, über sich selbst hinauszuwachsen. Sich seinen Schatten zu stellen. Sich zu beweisen. Doch in meinem Fall hat sich der Schatten der Katastrophe schon lange über mein Leben gelegt, bevor es eigentlich begonnen hatte. Wie ein Fluch, dem man nicht entkommen kann.

En Soph

EIN VORSPIEL

Rostov on Don, Russland. 19. November 1941

Der Krieg hatte sich angekündigt, lange bevor er sein Gesicht zeigte. Für die Menschen in Rostov begann er mit einem entfernten Geräusch. Es klang wie ein Gewitter. Ein Gewitter, das immer lauter wurde, immer näher kam. In der Nacht lagen die Menschen in ihren Betten und hörten den Artilleriebeschuss. Später gab es auch Nächte, da hörten sie Schreie. Die Menschen in Rostov wussten, was das bedeutete. Sie wussten, dass die Deutschen gekommen waren. Dass der große ferne Krieg nun direkt vor ihrer Haustür stand. Sofja hatte bereits die Koffer gepackt. Sie saß in ihrer kleinen Küche an einem Holztisch und diskutierte mit ihrem Bruder Henri.

»Wir müssen hier weg«, sagte sie. »Das wird nicht gut ausgehen.«

Sie hatte sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Sie hatte ihren wichtigsten Besitz in zwei Koffer gepackt und war bereit, alles Weitere zurückzulassen. Ihre gesamte Existenz. Ihr ganzes Leben. Henri schüttelte beinah unmerklich den Kopf. »Wir haben doch keine Wahl«, sagte Sofja beschwörend.

Aber Henri blieb hart. »Ich werde nicht gehen.«

»Sei nicht dumm«, sagte Sofja. »Mein Mann ist schon an der Front, ich will nicht auch noch meinen Bruder verlieren!«

»Ich werde diese Stadt verteidigen. Und wenn ich dabei sterben sollte.«

»Denk doch an uns«, flehte Sofja Henri an. »Denk an Naemi und Leopold. Sie sind noch so jung. Willst du, dass die Nazis sie bekommen? Du weißt doch, was passieren wird. Was sie mit uns Juden machen. Du kennst doch die Geschichten«, sagte sie mit Tränen in den Augen.

Die Geschichten. Das waren keine einfachen Geschichten, die man sich erzählte. Das waren Horrorstorys, die man sich nicht schlimmer hätte ausdenken können. Im besten Fall, so hieß es, würden die Deutschen die Männer einfach in Kriegsgefangenschaft nehmen und die Frauen und Kinder an Ort und Stelle erschießen. In den schlimmeren Fällen wurden die Frauen von den Soldaten brutal vergewaltigt. Vor den Augen ihrer Männer und Kinder. Und in den allerschlimmsten Fällen, da war man Jude. Und als Jude wurde man verschleppt und nach Deutschland gebracht und in Konzentrationslager gesteckt. Das war das Allerschlimmste. Entweder wurde man dort grausam vergast oder es passierten noch sadistischere Dinge.

In Rostov gab es bereits Gerüchte über Menschenversuche an Juden. Tatsächlich waren diese Versuche im Dritten Reich an der Tagesordnung. In dem Konzentrationslager Dachau wurden die ersten medizinischen Experimente durchgeführt. Berüchtigt wurden aber die Forschungen von Dr. Josef Mengele, die er im Konzentrationslager Auschwitz beaufsichtigte. Aus Gründen der »medizinischen Forschung«, wie er es nannte, infizierte er gesunde jüdische Kinder mit einem Bakterium, dass die Gesichtshaut verfaulen und abfallen ließ. Er experimentierte mit Zwillingen, denen er Fremdstoffe, Bakterien und Krankheitserreger injizierte, um zu sehen, wie sie wirkten. Er forschte an Augen und träufelte Kindern Chemikalien ein, die sie erblinden ließen. Alles im Namen der Forschung. »Krankheiten,« so begründeten das viele NS-Ärzte, die an solchen Experimenten beteiligt waren, »könne man nur bekämpfen, wenn man sie erforscht.«

Und dieser Josef Mengele war im Jahr 1941 in Russland. An der Front. Damals noch als einfacher Arzt, aber das wusste Sofja nicht, als sie mit ihrem Bruder über ihre Zukunft stritt.

»Lass uns gehen, bitte.«

»Geh du«, sagte Henri. »Bring deine Kinder in Sicherheit. Ich werde kämpfen.« Leopold war vier, Naemi gerade mal zwei Jahre alt.4

Die Nazis hatten ihren Russlandfeldzug am 22. Juni 1941 begonnen. Seitdem marschierte die Wehrmacht unnachgiebig in Richtung Osten vor. Rostov lag auf ihrem Weg. Rostov war schon damals eine der größten Städte im Land, ein strategisch wichtiger Ort nahe der ukrainischen Grenze. Die Nazis schienen unaufhaltsam. Nichts konnte ihren Vormarsch stoppen. Die Rote Armee spürte, dass sie auf verlorenem Posten stand. Und dennoch waren die Soldaten motiviert, ihr Land bis auf den letzten Mann zu verteidigen. Henri konnte nicht anders, als zu kämpfen. Er wollte nicht als Feigling dastehen. Nicht als Deserteur.

Als Sofja ihren Koffer nahm und mit ihren Kindern die Stadt verließ, war der Winter bereits eingebrochen. Es schneite. Die Deutschen standen schon vor den Toren der Stadt und lieferten sich Kämpfe mit den sowjetischen Soldaten. Es war die Zeit, als sich die Menschen das entfernte Grollen der Artillerie zurückwünschten. Jetzt hörten sie nur noch die Salven der Maschinengewehre. Sofja zog ihre Jacke zu, nahm ihre Tochter auf den Arm und ihren Sohn an die Hand und verließ mit den anderen Zivilisten die Stadt. Sie drehte sich nicht mehr um. Tagelang lief sie mit Hunderten anderer Frauen und Kinder durch die russische Pampa, in der ständigen Angst, dass die Nazis sie aufgreifen würden. Sie wusste, dass das ihr Todesurteil wäre. Sie betete jede Nacht dafür, dass die Soldaten die Nazis zurückhalten würden. Sie betete, dass ein Wunder geschehen würde. Sie betete, dass ihr Bruder Henri sich retten könnte. Auf der Reise wurde Naemi krank. Sie bekam die Masern, dazu eine Lungenentzündung. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten sie Taschkent in Usbekistan. Sofja und ihre Kinder waren in Sicherheit.5

Als der Krieg 1945 zu Ende war, ging Sofja gemeinsam mit Naemi und Leopold zurück nach Rostov. Dort traf sie ihren Mann wieder, der als Soldat gedient hatte. Doch als die beiden in ihre alte Wohnung gehen wollten, mussten sie feststellen, dass dort schon eine andere Familie lebte. Die Wohnung war kaum noch wiederzuerkennen. Die Möbel waren komplett zerstört. Die Schränke eingetreten, die Teppiche geklaut. Von den Familienfotos gab es keine Überreste mehr. Wahrscheinlich hatte jemand ihren gesamten zurückgelassenen Besitz einfach irgendwo verhökert.

Auch Henri war verschwunden. Sofja fragte überall nach ihm. Bis ein Soldat ihr endlich sagen konnte, was mit ihrem Bruder passiert war. Henri wurde von den Deutschen in Kriegsgefangenschaft genommen. Sie brachten ihn nach Italien, wo man ihn in ein Konzentrationslager steckte. Ein Jahr lang musste er dort schwere Zwangsarbeit verrichten. Aber er hatte Glück. Er wurde nicht erschossen. Er wurde nicht in die Gaskammer gesteckt. Sie ließen ihn leben. Die Nazis beuteten seine Arbeitskraft aus und gingen davon aus, dass er irgendwann einfach an Erschöpfung sterben würde. Kurz vor Kriegsende gelang ihm die Flucht. Von da an verloren sich alle Spuren. Erst viele Jahrzehnte später kam heraus, dass Henri nach Palästina geflohen und von dort nach Kanada weitergereist war. Er baute sich ein neues Leben auf und arbeitete als Künstler. Er malte Bilder und schrieb Gedichte. Meine Uroma Sofja sollte ihn zu Lebzeiten nicht wiedersehen.

Aleph

Der Mensch ist, was er träumt, denn die Träume eines Menschen sind der Antrieb seiner Taten. Meine Mutter hatte immer nur einen Traum. Den Traum, ihre Familie zu beschützen. Vielleicht waren es die Erzählungen ihrer Mutter, die Erzählungen von Flucht und Vertreibung, die Erzählungen von Leid und Elend, die sich eingebrannt hatten und diesen Traum formten. Vielleicht waren es aber auch einfach ihre eigenen Erfahrungen, mit einem Mann, der gegen sie die Hand erhob, als sie noch schwanger war. Was auch immer sie antrieb, meine Mutter ist bereit gewesen, alles zu geben, um ihren Traum zu verwirklichen. Um mich zu beschützen. Träume sind etwas Mächtiges.

Für meine Mutter war es die schwerste Entscheidung ihres Lebens, die Ukraine zu verlassen und meinen Vater, den ich niemals kennengelernt habe, einfach sitzen zu lassen. Mein Vater war ein Säufer. Er hat meine Mutter geschlagen. Und sie wollte nicht, dass ihr einziger Sohn in einem solchen Haushalt aufwachsen muss. Das brachte sie zum Nachdenken. Aber es war ein anderer Vorfall, der letztendlich ausschlaggebend für ihre Entscheidung war. In dem Atomkraftwerk Tschernobyl kam es 1986 zu einer Kernschmelze. Es gelangte radioaktives Material in die Luft. Wir lebten in einer Stadt, die 500 Kilometer davon entfernt war. In Czernowitz. Meine Baba Naemi, meine Oma, war die leitende Kinderärztin in unserem Landkreis und so sah sie, dass in den Jahren nach dem Unglück immer mehr sogenannte »Vorfälle« gemeldet wurden. Es wurden missgestaltete Kinder geboren.

Albino-Kinder. Kinder, denen die Haare ausfielen. Es herrschte große Aufregung. Und da meine Mutter zu genau diesem Zeitpunkt mit mir schwanger war, nötigte meine Baba sie, dass sie nach Moskau ziehen und sich untersuchen lassen soll. Glücklicherweise schien alles okay zu sein. Am 17. März 1989 wurde ich geboren. Vollkommen gesund. Und gesegnet mit einer großen Klappe und einem Talent für Hochgeschwindigkeitsrap.

Und dennoch war Tschernobyl vielleicht das letzte Teil eines Puzzles, das meiner Mutter bestätigte, dass es richtig wäre zu gehen. Dass die Ukraine kein Ort ist, an dem ihr Sohn aufwachsen soll. Dass es bessere Alternativen gab. Sie wusste, dass sie alles aufgeben würde, was sie sich aufgebaut hatte. Meine Mutter war Musikerin. Sie hatte die Musikhochschule absolviert und war ausgebildete Gesangs- und Klavierlehrerin und sang auf verschiedenen Veranstaltungen. Noch als sie schwanger war, hat sie auf Hochzeiten gesungen. So wurde ich schon vor meiner Geburt ständig mit Musik konfrontiert. Aber das gab meine Mutter nun alles auf. Sie tauschte Sicherheit gegen Hoffnung. Den Status quo gegen eine Perspektive. Es war ein Risiko. Und sie war bereit, es einzugehen. Meine Mutter telefonierte in dieser Zeit viel mit einer alten Freundin von ihr. Antonia. Antonia lebte bereits seit ein paar Jahren in Deutschland. Immer wieder machte sie meiner Mutter Mut, doch nachzukommen. Und irgendwann fasste meine Mutter zusammen mit meiner Baba den Entschluss, das wirklich zu tun. Ihren Traum wahr zu machen. Antonia kümmerte sich um die organisatorischen Sachen und schickte uns ein Besuchervisum und ein One-Way-Zugticket von Kiew nach Berlin. Als meine Mutter, meine Baba und ich in den Zug stiegen, hatten wir zwei Koffer voll mit Bettwäsche, Klamotten und Töpfen dabei. Außerdem noch 200 DM Bargeld. Das war unser ganzes Hab und Gut.

Die Fahrt dauerte zwei Tage. Wir erreichten Berlin im tiefsten Winter. Dezember 1992. Ich war drei Jahre alt. Als wir am Bahnhof Zoo ausstiegen, bekam ich erst einmal einen Kulturschock. Das war eine komplette Reizüberflutung. Alles war voller Menschen. Und diese Menschen sprachen eine Sprache, die ich nicht verstand. Es klang alles so fremdartig. Ich klammerte mich an meiner Mutter fest. Als wir uns von den Gleisen wegbewegten und die große Pforte am Bahnhof durchschritten, sah ich Frauen in kurzen Röcken und offenen Pelzjacken mit kaum etwas darunter. Dabei lag in der Stadt zentimeterhoher Schnee. Meine Mutter beugte sich zu mir runter, um mir meine Jacke zuzumachen, da fiel mein Blick auf einen Mann, der zitternd auf dem Boden saß. Er starrte mich an, aber seine Augen waren komplett leer. Ich hatte das Gefühl, er nahm mich gar nicht wahr. Sein Gesicht war ganz braun und eingefallen, seine Klamotten schäbig. Er wippte immer vor und zurück. Ganz langsam. Sein Mund war leicht geöffnet. Aber am meisten Angst machten mir seine Augen. Sie waren komplett leer.

»Mama, was ist mit ihm?«, fragte ich, da sah ich, wie er aus seinem langen Mantel eine Spritze rauszog.

»Komm, Dima«, sagte meine Mutter und zog mich weg.

Es war eiskalt. Ich fror und verfluchte dieses neue Land, in das wir gekommen waren. Ich fühlte mich richtig unwohl. Wir liefen ewig umher, bis meine Mutter endlich Antonia fand. Sie stand auf dem Parkplatz und kam uns mit offenen Armen entgegengelaufen. Sie begrüßte meine Mutter und meine Baba und streichelte mir über den Kopf.

»Und Dima«, fragte sie mich auf Russisch. »Was ist dein erster Eindruck von Berlin?«

Ich zuckte mit den Schultern.

Sie lachte. »Das habe ich damals auch gedacht. Es ist kalt. Kommt, ich bringe euch in meine Wohnung.« Dann stiegen wir in ihr Auto und fuhren ein wenig herum. Nach einer halben Stunde erreichten wir ihr Apartment. Es war klein und nur spärlich eingerichtet. Die Wände der beiden Zimmer waren kahl.

»Tut mir leid«, sagte Antonia. »Mehr als mein Wohnzimmer kann ich euch nicht anbieten.«

»Bleiben wir jetzt für immer hier?«, fragte ich meine Mutter.

»Nur vorübergehend, Dima.«

»Wo soll ich schlafen?«

Meine Mum schaute sich um und fuhr sich mit der Hand durch ihre Haare. Ja, wo sollten wir alle schlafen?

Wir mussten improvisieren. Meine Baba und meine Mutter schoben zwei Sessel und einen Karton zusammen und legten dort provisorisch eine Matratze drauf. Auf diesem wackeligen Konstrukt schlief meine Mutter. Baba und ich teilten uns die Couch.

»Allzu lange können wir hier nicht bleiben«, flüsterte Baba meiner Mutter zu.

»Ich weiß«, sagte sie. »Ich werde mich gleich morgen um was Neues kümmern.«

Am nächsten Tag stapften meine Mutter und ich durch die schneebedeckten Berliner Häuserschluchten. Es war noch kälter als am Vortag. Ich dachte, ich müsste erfrieren. Wir waren auf der Suche nach einer Telefonzelle. Einer ganz besonderen Telefonzelle, wie meine Mutter sagte. Antonia hatte uns eine Wegbeschreibung auf ein Stück Küchenpapier gemalt. Sie war allerdings nicht sonderlich aussagekräftig.

Nach einer guten Viertelstunde hatten wir unser Ziel dann dennoch entdeckt. Ein kleines, gelbes Telefonhäuschen neben drei Müllcontainern. Als wir in die Telefonzelle gingen, sahen wir, dass sie halb kaputt war. Irgendwelche Russen hatten so oft mit einem Hammer auf den Münzeinwurf eingeschlagen, dass er komplett verbeult war. Das war das Besondere an dieser Telefonzelle. Man musste jetzt bloß noch ein 1-DM-Stück reinschmeißen und konnte stundenlang telefonieren. Russischer Pragmatismus.

Meine Mutter machte ein paar Anrufe und bekam den Hinweis, dass sie sich bei der Jüdischen Gemeinde in Hannover melden sollte. Dort könnte man uns vielleicht eine Unterkunft organisieren. Sie müsste aber persönlich vorbeikommen. Meine Mutter schrieb sich eine Adresse auf und bedankte sich.

»Werden wir dann da wohnen?«, fragte ich sie.

»Hoffentlich.«

Wir hangelten uns von Tag zu Tag. Von Hinweis zu Hinweis und von Hoffnung zu Hoffnung. Wir hatten einfach keinen Plan, wie es weitergehen sollte.

An unserem dritten Tag in Deutschland stieg meine Mum in einen Zug nach Hannover, um unseren weiteren Aufenthalt zu klären, während ich mit Baba zurückblieb.

»Heute machen wir ein tolles Programm«, sagte Baba. »Wir besuchen einen alten Freund von mir.«

Der Mann hieß Boris. Baba kannte ihn wohl schon seit Jahrzehnten, hatte ihn aber seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Sie hatte sich mit ihm auf dem Alexanderplatz verabredet. Meine Baba sprach noch kein Wort Deutsch, aber einen Satz lernte sie bei Antonia auswendig: »Wo ist Alexanderplatz?«

Damit wollte sie sich durchhangeln. Antonia wollte ihr noch eine Liste geben mit weiteren wichtigen Sätzen, aber Baba winkte ab. »Wo ist Alexanderplatz« reichte ihr. Dort würde sie dann ja Boris treffen und der hätte schon die Orientierung. Es ging auch alles gut. Wir liefen zu Fuß durch die Stadt, alle paar Minuten fragte Baba »Wo ist Alexanderplatz?« und bekam die Richtung angezeigt. Wir verständigten uns mit Körpersprache und dank Babas Powersatz kamen wir irgendwie am Fernsehturm an. »Sogar pünktlich«, freute sich Baba.

Unter dem Fernsehturm wartete schon Boris. Ein älterer Herr in einem dicken Wintermantel. Er kniff mir in die Wange und brachte uns in ein Café, in dem wir den ganzen Tag verbrachten. Baba unterhielt sich ganz super.

Irgendwann fragte Boris sie, wo wir denn eigentlich wohnen würden. Baba sagte ihm, dass unsere Wohnung gegenüber von einem Autohaus läge.

»Gegenüber von einem Autohaus?«, fragte ihr Freund.

»Ja«, sagte Baba. »Wir müssen jetzt zu diesem Autohaus.«

»Hast du eine Adresse?«

»Nein«, sagte Baba.

»Einen Stadtteil?«

»Nein.«

»Irgendwas? Woran erinnerst du dich?«

»Ein Autohaus, wir wohnen gegenüber von einem Autohaus. Was ist daran so schwer? So viele Autohäuser kann es doch nicht geben.«

»Naemi, es gibt Tausende Autohäuser in Berlin, gibt es noch etwas, woran du dich erinnerst?«

»Da waren Fahnen vor dem Autohaus.«

Boris schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen.

»Bring mich doch einfach zu dem Autohaus«, sagte Baba und wurde wütend. Und so liefen wir quer durch Berlin. Im kältesten Winter, an den ich mich erinnern kann. Von einem Autohaus zum nächsten. Als wir nach mehreren Stunden endlich unsere Unterkunft wiedergefunden hatten, war ich vollkommen am Ende. Ich legte mich zitternd auf unsere Couch und spürte meine Füße nicht mehr.

Als meine Mum spät nachts wieder nach Hause kam, hatte ich 40 Grad Fieber und dachte, ich müsste sterben.

»Was ist denn mit Dima passiert?«, fragte meine Mutter, als sie mich sah.

»Er hat sich wohl erkältet«, sagte meine Baba und zuckte mit den Schultern. »Wir sind heute ein bisschen durch Berlin gelaufen.«

Meine Mutter traute sich nicht, einen Krankenwagen zu rufen, weil unser Aufenthalt noch nicht geklärt war. Sie saß die nächsten drei Tage an meinem Krankenlager in dem kleinen Wohnzimmer neben ihrem aus Sesseln und Kartons gebauten Bett und pflegte mich gesund. Ich war mir selber nicht ganz sicher, ob ich die erste Woche Deutschland überleben würde.

»Ich weiß, dass gerade alles ganz schlimm für dich ist, mein Schatz. Aber ich verspreche dir, dass es besser werden wird. Dass alles gut werden wird. Dass wir ein schönes Leben hier führen werden.«

Ich nickte. Mir war nicht klar, ob meine Mutter mir oder sich selbst Mut zusprach. Aber es war auch egal. Wir konnten es beide gebrauchen. »Und ich habe noch eine gute Nachricht für dich, Dima. Wir haben einen Platz in einer neuen Unterkunft.«

Ich nickte.

»Sie ist in der Nähe von einer schönen Stadt. Sie heißt Osnabrück.«

Osnabrück. Ich versuchte, mir den Namen einzuprägen.

Als ich wieder auf den Beinen war, machten wir uns auf den Weg nach Bad Rothenfelde, einem kleinen Kurort vor den Toren von Osnabrück. Das Flüchtlingsheim war ein großes Haus in der Natur. Wir waren hier mitten im Nichts. Es war so viel ruhiger als im großen, lauten Berlin. Durch den Schnee wirkte alles wie in einem Märchen. Ich glaubte damals, das wäre so eine Art Winterwunderland, wie ich es aus dem Fernsehen kannte. Aber das Leben in der Unterkunft selber war dann doch nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Dafür war es viel zu beengt. Wir bekamen ein kleines Zimmer mit zwei Stockbetten zugeteilt. Auf dem Flur gab es ein großes Gemeinschaftsbadezimmer mit einer Dusche und einer Toilette für sechs Familien. Es war ziemlich schäbig. Unsere Türen konnten wir nicht abschließen. So etwas wie Privatsphäre gab es nicht. Und jeden Samstag mussten wir alle gemeinsam in die Synagoge fahren. Wir aßen dort jüdisches Sabbatbrot. Challah. Ich habe es gehasst. Ich werde den Geschmack niemals vergessen.