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Ursula Trüper entstammt einer Dynastie von Missionaren, die im 19. Jahrhundert in "Deutsch-Südwestafrika", dem heutigen Namibia siedelten. Was sie lange nicht wusste: Ihr Vorfahr heiratete seine erste Taufschülerin, Zara. Zweihundert Jahre lang wurde die Schwarze Ahnin als Familiengeheimnis gehütet, erst durch einen Versprecher der Mutter wurde sie offenbart. Jetzt erforscht die Historikerin Trüper ihre Geschichte und enthüllt eine Familie, die Kolonialismus, Rassismus, Völkermord und Herrenmenschentum am eigenen Leib erlebte - als Täter und als Opfer. Ihr Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Diskussion der Deutschen Kolonialgeschichte, die gerade erst beginnt.
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Seitenzahl: 512
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Titel
Impressum
Anmerkung zur Sprachregelung
Stammbaum der Familie Schmelen
Vorwort
Dora oder »das fremde Blut in uns«
Zara oder das Streben nach Freiheit
Die Geschichte der Familie Schmelen im historischen Kontext
Danke!
Quellen und Literatur
Endnoten
URSULA TRÜPER
Zara oderdas Strebennach Freiheit
Eine koloniale Familiengeschichte in Schwarz-Weiß
QUADRIGA
Originalausgabe
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Dr. Matthias Auer, Bodman-Ludwigshafen Die Fotos im Bildteil entstammen, wenn nicht anders angegeben, dem Privatarchiv der Autorin.
Umschlaggestaltung: SO YEAH Design, Gabi Braun Einband-/Umschlagmotiv: © Bridgeman Giraudon, Berlin
eBook-Erstellung: Jilzov Digital Publishing, Düsseldorf
ISBN 978-3-7517-2882-9
quadriga-verlag.de
lesejury.de
Einige der in den Missionsquellen des 19. Jahrhunderts und auch in der älteren ethnologischen Literatur noch gebräuchlichen Begriffe sind heute problematisch. So vermeide ich die Termini »Sippe«, »Stamm« oder auch »Ethnie«: »Stamm« beziehungsweise »Sippe« sind keine wertneutralen Bezeichnungen, sondern wecken die Assoziation von »primitiven Gesellschaften«. Zudem ist der Begriff »Stamm« mit einem kolonialen Geschichtskonzept befrachtet. Beispielsweise versuchte der Missionar und Amateurhistoriker Heinrich Vedder in seinem Buch Das alte Südwestafrika darzulegen, dass das vorkoloniale Namibia von einer nicht enden wollenden Serie von »Stammeskämpfen« erschüttert worden sei, die dann – glücklicherweise – die deutschen Kolonialherren erfolgreich beilegten.1
Darüber hinaus legen diese Begriffe die Vorstellung nahe, dass die soziale Organisation einer so bezeichneten Gemeinschaft ausschließlich auf verwandtschaftlichen Beziehungen beruht. Dies trifft aber auf die Khoekhoe- und Herero-Gesellschaften des vorkolonialen Namibia nicht zu. Zwar waren verwandtschaftliche Beziehungen von großer Bedeutung, aber keineswegs das einzige Kriterium für die Organisation von Gemeinschaften. Gerade sie waren ausgesprochene »Mischgesellschaften«. Die starre Zuordnung der einzelnen Gemeinschaften zu »Stämmen« ist eine Folge von Kolonialismus und Apartheid.2
Einige Bezeichnungen für die verschiedenen Bevölkerungsgruppen Südafrikas und Namibias haben im Verlauf der Jahrhunderte einen negativen Bedeutungswandel erfahren. So werden zum Beispiel die Begriffe »Bastard« oder »Baster«, »Buschmann« und »Hottentotte« im frühen 19. Jahrhundert bei Weitem nicht so abwertend gebraucht wie vor dem Hintergrund einer immer rassistischer werdenden Gesellschaft im 20. Jahrhundert.3 Das Gleiche gilt für die Begriffe »Neger« und »Mohr«.4
Ich werde im Folgenden von »People of Colour« statt von »Coloureds« oder »Bastards« sprechen, von »San« statt von »Buschmännern« und von »Khoekhoe« oder »Nama« statt von »Hottentotten«. Eine Ausnahme mache ich lediglich, wenn der Begriff in einem Zitat vorkommt.
Der Begriff »Schwarz« hingegen ist eine Selbstbezeichnung.5 Allerdings sind die Bezeichnungen der Hautfarben »Schwarz«, »Weiß« und »Coloured« nicht neutral, sondern wurden (und werden) in einem rassistischen und kolonialen Kontext verwendet. Um anzudeuten, dass es sich bei ihnen nicht um biologische Tatsachen, sondern um politisch-soziale Zuschreibungen handelt, schreibe ich im Folgenden diese Adjektive mit großem Anfangsbuchstaben. Auch hier behalte ich lediglich bei Zitaten die ursprüngliche Schreibweise bei.
Auch Begriffe wie »Kraal« für eine afrikanische Ansiedlung oder »Pontok« für ein Herero-Haus sind abwertend gemeint. Der Begriff Kraal wird heute nur noch für ein Viehgehege benutzt.
Ich vermeide zudem den Ausdruck »Häuptling«, wenn ich den Anführer einer afrikanischen Gemeinschaft bezeichnen will. Auch dieser Begriff erweckt die Assoziation einer »primitiven Gesellschaft«. Das Gleiche gilt für das englische Wort »Chief«, das ebenfalls im kolonialen Zusammenhang entstanden ist. Die führenden Persönlichkeiten der Khoekhoe-Gemeinschaften des vorkolonialen Namibia und Südafrika bezeichneten sich selbst mit dem Wort »Kaptein« – Hauptmann –, eine Rangbezeichnung, die sie von den holländischstämmigen Siedlern übernommen hatten. Die Herero nannten ihre Anführer »Omuhona« (großer Mann; Plural Ovahona). Beide Begriffe werden heute noch von den traditionellen Anführern der Khoekhoebzw. Herero-Gemeinschaft selbst gebraucht, daher benutze ich sie im Folgenden.
Mein Urahn Johann Hinrich Schmelen kam 1778 zur Welt. Er wurde in eine Zeit hineingeboren, in der sich viele seiner Zeitgenossen für die Idee begeisterten, dass alle Menschen das Recht haben sollten, nach seinem oder ihrem ganz persönlichen Glück zu streben, und dazu gehört zwingend, frei zu sein. »Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glück« (Amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776).
Nicht das Recht auf ein glückliches Leben wurde den Menschen versprochen, das konnte niemand. Sondern das Recht für jeden Einzelnen, eigenmächtig und »frei« nach dem zu streben, was er oder sie als »Glück« ansah, das eigene Leben nicht mehr als gottgegeben hinzunehmen, sondern es aus eigener Kraft zu gestalten. Nicht nur reiche Bürger, die in dieser Zeit überall auf der Welt Plantagen und Fabriken gründeten, waren von dieser Verheißung beseelt, sondern auch viele Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter. Auch Schmelen, der neunte Sohn eines Kleinbauern und gelernte Schmied, nimmt den untergeordneten Stand, in den er hineingeboren ist, nicht mehr einfach hin, sondern macht Gebrauch von seiner Freiheit und sucht sein Glück. Und zwar nicht im wirtschaftlich und politisch rückständigen Deutschland, sondern in der Fremde. Das tun viele seiner ebenfalls nach Freiheit und Glück strebenden Zeitgenossen, von denen die meisten nach Amerika auswandern. Schmelen hingegen geht als Missionar nach Afrika. Missionar werden, das ist eine wichtige Chance für abenteuerlustige fromme junge Männer aus armen Verhältnissen. Anders als ein Studium ist die Ausbildung kostenlos und es ist kein Problem, wenn die Bewerber nur Volksschulbildung haben und weder Latein noch höhere Mathematik beherrschen. Vor allem für junge Männer aus dem Handwerker- und Bauernstand übt dieser Beruf eine große Anziehungskraft aus. Hatte man dann nach mehreren Jahren sein Missionarsexamen in der Tasche, eröffnete sich eine neue Welt. Plötzlich hatte man die Chance, sich auf neue Menschen, Landschaften und Lebensverhältnisse einzulassen. Plötzlich war man in der Lage, sich nicht in den ausgetretenen Pfaden der eigenen Vorfahren zu bewegen, sondern etwas Neues aufzubauen. Das war nicht ungefährlich und konnte zuweilen zu einem frühen Tod führen. Aber es muss ein berauschendes Gefühl gewesen sein in dieser starren und streng hierarchisierten Welt, endlich des eigenen Glückes Schmied sein zu können. Ja, man konnte scheitern. Aber man konnte auch Erfolg haben.
Als 150 Jahre später meine Großmutter Dora Hegner ihren künftigen Verlobten kennenlernt, ist von diesem revolutionären Elan der 1770er Jahre nichts mehr zu spüren. Auch Dora strebt – im Rahmen ihrer Möglichkeiten, und die sind damals für eine bürgerliche Frau ohne Vermögen nicht besonders groß – nach Glück. Und Glück hieß damals für eine konservative unverheiratete Frau aus dem Bürgertum vor allem: einen adäquaten Ehemann finden. Dora ist für die damalige Zeit schon ziemlich alt, 37 Jahre, als dieser endlich am Horizont auftaucht. Aber er ist eine höchst wünschenswerte Partie, er ist charmant, hat Humor, verfügt über ein gesichertes Einkommen und hat eine achtbare soziale Stellung im Leben. Was also braucht es mehr, um glücklich zu sein?
Doch inzwischen haben die tonangebenden europäischen Länder Kolonien und erwirtschaften ihren Reichtum mit Sklavenarbeit. Das ist schwer vereinbar mit den revolutionären Forderungen von einst. Sollen die Sklaven und Bewohner der kolonisierten Länder nicht ebenfalls das Recht auf Freiheit und das »Streben nach Glück« haben? Diese Frage wird damals in liberalen und philanthropischen Kreisen durchaus gestellt. Die Lösung aus diesem Dilemma: Rassismus. »Die Rassen sind nicht zu den gleichen Leistungen und Aufgaben in der Geschichte berufen, und die niederen Rassen haben den Zwecken der höheren zu dienen. Die Zwecke der höheren sind aber die ›Ziele der Menschheit‹, da in ihnen allein der höchste Gehalt der geistigen Menschenkraft zur Blüte gelangt,« so der zeitgenössische Anthropologe Ludwig Woltmann. Es geht nun nicht mehr um Rechte, die irgendjemand einfordern könnte, sondern um quasi naturgegebene und damit unveränderliche Eigenschaften.
Doras Kindheit und Jugend fällt in die erste Blütezeit eines »wissenschaftlichen Rassismus«. Natürlich gab es auch schon in früheren Zeiten rassistische Vorurteile. Doch nun nimmt sich die Wissenschaft des Themas an. Moderne Verfahren wie Schädelvermessungen und die wiederentdeckten Mendelschen Gesetze werden eingesetzt, um zu beweisen, dass bestimmte »Rassen« von Natur aus zum Herrschen bestimmt sind, während andere zu nichts anderem taugen, als von den ersteren unterworfen und ausgebeutet zu werden.
Damals kommt das Wort »Eugenik« in Gebrauch, oder, wie man in Deutschland sagt, »Rassenhygiene«. »Das Wort Eugenik, das der griechischen Sprache entlehnt ist, enthält den Begriff des Glücklichgeborenseins, d.h. geboren mit glücklichen Erbanlagen,« schrieb 1907 der Arzt Ludwig Schallmayer in seinem Buch »Auslese als Faktor zu Tüchtigkeit und Entartung der Völker«.
An die Stelle des Rechts jedes Einzelnen, nach seinem oder ihrem ganz persönlichen »Glück« zu streben, war die Idee getreten, dass es menschliche Rassen gab, die aufgrund ihrer »günstigen Erbanlagen« bereits »glücklich geboren« und zum Herrschen über die weniger »Glücklichen« bestimmt waren. Von »Freiheit« ist nicht mehr die Rede.
Das ist Doras Geheimnis, das sie schließlich ihrem Verlobten »gesteht«. Sie selbst ist nicht »glücklich geboren«, jedenfalls nicht vollständig. Ihr Urgroßvater Schmelen, jener beherzt nach Freiheit und seinem persönlichen Glück strebende Schmied und Missionar, hatte einst eine Afrikanerin geheiratet. Dora ist die Nachkommin einer »Hottentottin« …
Gütersloh am Vorabend des Ersten Weltkrieges ist eine beschauliche Kleinstadt mit knapp 20 000 Einwohnern. Das Stadtbild ist noch stark geprägt von schmalen zweistöckigen Fachwerkhäusern, von denen einige von unten bis oben mit Schieferschindeln verkleidet sind. In den umliegenden katholischen Dörfern wird der Ort spöttisch »Nazareth« genannt, nach dem biblischen Ort, denn er ist eine Hochburg der pietistischen »Erweckungsbewegung«. Den Angehörigen dieser protestantischen Glaubensrichtung sagt man allgemein große Frömmigkeit im Alltag und wenig Veranlagung zu Lebensfreude nach. Es gibt in Gütersloh sogar einen Verlag, der zu dieser Zeit noch davon lebt, ausschließlich religiös-erbauliche Literatur herauszubringen, den C. Bertelsmann Verlag. Zwar hat die neue Zeit bereits Einzug gehalten: Ein wichtiger Arbeitgeber vor Ort ist beispielsweise die Firma Miele, die damals vor allem Autos sowie Milchzentrifugen, Buttermaschinen, Wasch-, Wring- und Mangelmaschinen produziert. Doch das steht nicht im Widerspruch zum konservativ-pietistischen Gepräge dieser Stadt.
Nur 100 km von Gütersloh entfernt liegt Barmen, eine weitere Hochburg der Erweckungsbewegung. Dort hat die Rheinische Missionsgesellschaft ihren Sitz. Diese Institution schickt Jahr für Jahr junge Männer und Frauen in alle Welt, um in Südwestafrika, in Südostasien und in China »den Heiden das Evangelium zu verkünden«, wie sie es ausdrückt. Die Verbindungen der Gütersloher Kirchengemeinden zur Mission sind traditionell eng. Allenthalben existieren sogenannte »Hülfsvereine«, die sich die materielle und ideelle Unterstützung des Missionsgedankens auf die Fahnen geschrieben haben. Es gibt Frauen, die sich regelmäßig treffen und gemeinsam für die »Bekleidung der Heiden« Socken, Jacken und Mützen stricken. In vielen Familien steht eine Missionssammelbüchse auf der Wohnzimmerkommode, die man bei Geburtstagen oder Kindstaufen herumgehen lässt und dann einmal im Jahr einem Vertreter der Mission übergibt. Nicht zu vergessen den »Missionsneger« – eine Spardose, auf der ein kleiner Afrikaner kniet und dankbar nickt, wenn man einen Groschen in den Schlitz wirft. Aufschrift: »Ich war ein armer Heidensohn / Doch kenn ich meinen Heiland schon / Und bitte darum jedermann / Nehmt euch der armen Heiden an.« Darüber hinaus werden regelmäßig gut besuchte Vorträge angeboten über die fernen Länder, in denen die Rheinische Missionsgesellschaft tätig ist. Höhepunkt all dieser Aktivitäten ist das alljährliche Missionsfest, bei dem nicht selten Menschen aus Übersee auftreten und mit bewegter Stimme (und von ihrem Missionar übersetzt) die Geschichte ihrer Bekehrung erzählen.
Im Laufe der Jahre hat sich Gütersloh geradezu zu einer Art Außenstelle der Rheinischen Missionsgesellschaft entwickelt. Hier befindet sich beispielsweise das Internat für die Missionarssöhne, die nach Deutschland geschickt werden, um dort eine deutsche Schul- und Berufsausbildung zu erhalten, das Johanneum (für die Missionarstöchter macht man nicht so viele Umstände). Wenn sie sich als gute Schüler erweisen, werden sie auf das Evangelisch Stiftische Gymnasium geschickt, das es heute noch gibt. Damit steht ihnen der Weg zum Studium und zu einer akademischen Karriere offen, der Traum ihrer zumeist aus dem Handwerker- und Bauernstand stammenden Eltern.
Auch viele Missionare im Ruhestand lassen sich in Gütersloh nieder, wenn sie von ihren fernen Missionsorten nach Deutschland zurückkehren. Einer von ihnen ist mein Urgroßvater, der Missionar Hermann Ludwig Hegner, der damals mit seiner Familie in einem der schiefergedeckten kleinen Häuser lebt …
Es gibt ein Familienfoto aus dieser Zeit, das vermutlich in einem Gütersloher Fotostudio aufgenommen wurde: vorn in der ersten Reihe mein Urgroßvater Hegner und Elisabeth, seine Frau. Zwischen ihnen Tochter Marie mit einem Buch auf dem Schoß. Marie hat das Lyceum besucht und absolviert gerade eine Ausbildung als Kindergärtnerin, der klassische Beruf für eine unverheiratete höhere Tochter. Hinter ihnen Sohn Willi, der noch aufs Gymnasium geht, und Otto mit seiner Verlobten Agnes. Otto studiert Theologie oder hat soeben sein Examen gemacht und wird demnächst seine Laufbahn als evangelischer Pfarrer beginnen. Und ganz links Dora, meine Großmutter. Es gibt auch noch einen weiteren Sohn, Hermann, der aber nicht anwesend ist.
Dora hat natürlich nicht studiert wie ihre Brüder. Das wäre in der damaligen Zeit und in den konservativen Kreisen, in denen sich die Hegners bewegen, auch höchst ungewöhnlich gewesen. Sie hat aber auch nicht, wie ihre Schwester Marie, das Lyceum besucht oder einen Beruf erlernt. Wie aus ihrem Lebenslauf hervorgeht, schickte man sie direkt nach der Grundschulzeit »zur Ausbildung im Haushalt« beziehungsweise zur »Unterstützung der Hausfrau« in verschiedene Pfarrhäuser.6 Danach hat sie ihren Eltern den Haushalt geführt. Dora gehört zu den Frauen, die auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vielen Familien anzutreffen sind. Nur rudimentär ausgebildet, werden sie früh in der Hauswirtschaft ihrer Eltern eingesetzt mit der Perspektive, irgendwann zu heiraten. Und wenn kein Bräutigam auftaucht? Das ist dann eine veritable Katastrophe.
Ist Dora unglücklich? Darauf kommt es nicht an. In ihrem Nachlass findet sich ein Album, in das sie als 16-Jährige allerlei kurze Prosatexte und Gedichte geschrieben hat, die sie bedenkenswert fand. Eines ist überschrieben mit »Glücklichsein« und geht so:
»Glücklichsein heißt: ertragen können / Was an Leid das Leben mißt. / Glücklichsein heißt: andern gönnen / Was dein eigen Wünschen ist. / Glücklichsein heißt: froh entbehren / für die Menschen, die du liebst. / Glücklichsein heißt: nichts begehren / Wo du selber alles gibst. / Glücklichsein heißt: deine Hände / Legen fest in Gottes Hand. / Und mit Lächeln dann am Ende / Heimgehn in das bess’re Land.« Und ihr Bruder Hermann schreibt ihr ins Poesiealbum: »Das wahre Glück, oh Menschenkind / O glaube doch mitnichten / Dass es erfüllte Wünsche sind. / Es sind erfüllte Pflichten.«7 Auch Doras Freundinnen üben sich in derartiger Entsagungslyrik, Doras Poesiealbum ist voll davon. Es entspricht dem Zeitgeist, nicht nur in den pietistischen Kreisen, in denen sich die Hegners bewegen. »Du bist nichts, dein Volk ist alles«, wird es 20 Jahre später heißen.8 Da sind die Deutschen schon so sehr an die Abwertung, ja Verachtung ihrer persönlichen Wünsche und Glücksvorstellungen gewöhnt, dass sie sich bereitwillig in einen neuen Weltkrieg hineinziehen lassen.
Als Dora den vermutlich allerersten Liebesbrief ihres Lebens bekommt, im Sommer 1915, ist sie 37 Jahre alt und weit über jedes Heiratsalter hinaus. Vermutlich hat sie sich längst mit ihrem Schicksal abgefunden. Sie hält sich nicht für hübsch. Beispielsweise findet sie, sie habe eine »Kartoffelnase«. Darauf weist sie ihre jüngere Schwester Marie, von der sie heftig bewundert und wohl auch ein wenig beneidet wird, immer wieder hin. Außerdem ist sie extrem schlank, um nicht zu sagen mager. Das entspricht dem damaligen Schönheitsideal ganz und gar nicht. Dora inszeniert sich in dieser Zeit als eine allem Irdischen entsagende Pietistin: ernster Blick, dunkle, sackartige Kleidung, akkurater Mittelscheitel, das Haar eng an den Kopf gebürstet und im Nacken zu einem kleinen Dutt zusammengefasst, den sie selbstironisch »Hallelujazwiebel« nennt. Weder Korsett noch Büstenhalter, die sie einer wirklichen Christin für unwürdig hält. Geduldig erträgt sie, dass ihr die kleinen Jungen auf der Straße zuweilen »Schlappminchen« hinterherrufen. Und dann ist ja Krieg. Praktisch alle jungen Männer sind an der Front. Damit ist ihre Chance, sich jemals zu verlieben oder gar einen Ehemann zu finden, endgültig gegen null gesunken.
Doch Dora lässt sich nicht in die Rolle der bespöttelten alten Jungfer drängen. Sie ist eine stolze Frau. Sie entstammt einer alten Missionarsdynastie. Nicht nur ihr Vater, sondern auch ihr Großvater und ihr Urgroßvater waren Missionare. Diese drei Männer genießen großes Ansehen in den Kreisen, in denen Dora verkehrt. Es gibt sogar kleine Missionstraktate, in denen ihre Lebensgeschichten beschrieben werden.
Selbstbewusst nimmt sie ihre Rolle in der Gesellschaft der Gütersloher Missionsfreunde und -freundinnen ein. Von ihren Verwandten, Bekannten und Freundinnen, von denen es viele in Gütersloh gibt und die sie regelmäßig zu ihren Geburtstagen, Verlobungs- und Hochzeitsfeiern einladen, wird sie sehr geschätzt. Ihre Geschwister fragen sie in allen wichtigen Fragen um Rat. Seit ihrem 20. Lebensjahr führt sie ihren Eltern den Haushalt. Nach dem Tod der Mutter, die schon lange kränkelte, ist sie nun die alleinige Hausherrin. So hat sie zwar keinen Ehemann, aber doch eine allgemein akzeptierte Position im Leben.
Da erhält sie am 12. Juni 1915 den folgenden Brief:
Wertes liebes Frl. Hegner! Nachdem der Herr mich meinen eigentlichen Reisezweck neulich – nämlich, Sie zu sehen und kennen zu lernen – so schön noch in stiller Abendstunde hatte erreichen lassen, drängt es mich nun innerlich immer mehr zu einem Briefe an Sie mit bedeutungsvollem Inhalte.
Ich habe mich ernstlich vor Gott geprüft und im Gebet nach Klarheit meines Weges und Handelns gerungen, nun wage ich es, Ihnen zu bekennen, dass es in meinem Herzen an diesem Abend hieß: »Diese ist’s!« Ihr Bild und Wesen, Ihre natürliche Zutraulichkeit zu mir, dem anfangs recht Verlegenen, stehen noch lebendig vor meiner Seele. Vor Gottes Angesicht möchte ich nun Ihnen sagen, dass ich Sie von ganzem Herzen liebe. Wenn ich Sie nun bitte, mich wieder zu lieben, so ist es mir sehr wohl bewußt, dass ich damit etwas Großes und Köstliches von Ihnen begehre. Aber im Blick auf meinen Herrn und Gott […] drängt es mich, Sie hiermit zu fragen, ob Sie meine Liebe zu Ihnen erwidern u. meinen beiden verwaisten Kindern die l. heimgegangene Mutter ersetzen könnten.9
Heiratsanträge dieser Art sind damals nicht selten in Missionskreisen. Es geht schließlich nicht darum, eine romantische Liebesbeziehung zu knüpfen, sondern eine Gefährtin zu finden für die gemeinsame »Arbeit im Weinberg des Herrn«, wie es im Missionsjargon heißt. Der Heimaturlaub ist meist nur kurz, da bleibt keine Zeit für eine lange Werbung. Gott selbst und – was vielleicht noch wichtiger ist – die Missionsdirektoren sind schließlich mit der Verbindung einverstanden. »Nicht verschweigen möchte ich Ihnen«, schreibt denn auch der Autor dieses Briefes, »dass ich die erste Anregung für mein erstrebtes Ziel von unserem Herrn Direktor in Gemeinschaft mit einem Inspektor erhalten habe. Diese beiden Herren und noch manche anderen sagten mir das Allerbeste über Sie aus. […] Einer beglückenden Antwort entgegensehend bin ich in aufrichtiger Liebe und Verehrung Ihr Philipp Zimmermann, Missionar.«10
Was mag in Dora vorgegangen sein, als sie – aus heiterem Himmel – diesen Heiratsantrag erhält? Natürlich ist sie überrascht. Aber vermutlich fühlt sie sich auch geschmeichelt. Denn Missionar Philipp Zimmermann ist eine höchst wünschenswerte Partie. In den Kreisen der Missionsfreunde weiß man, dass er bis vor Kurzem auf der Insel Borneo tätig war, in der holländischen Kolonie Niederländisch-Indien.11 Dora hat sicher auch von dem tragischen Tod seiner Frau gehört, die im Januar 1914 kurz nach der Geburt des dritten Kindes gestorben ist. Mit seinen beiden mutterlosen kleinen Söhnen ist Philipp damals nach Deutschland zurückgekommen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges hat dann verhindert, dass er in sein Missionsfeld zurückkehren konnte. Nun ist er in der Gemeinde Coesfeld als sogenannter Pfarrverweser eingesetzt, in Vertretung des dortigen Hofpredigers, der sich als Feldgeistlicher an der Front befindet.
Dass Dora eventuell Nein sagen könnte, scheint Missionar Zimmermann nicht in Betracht zu ziehen. Es liegt etwas Kränkendes in der Sicherheit, mit der er davon ausgeht, dass diese nicht mehr junge Frau seinen Antrag annehmen wird, auch wenn sie ihn praktisch überhaupt nicht kennt.
Leider sind Doras Briefe an Philipp nicht mehr erhalten. Daher weiß ich nicht, was sie geantwortet hat, doch in seinem nächsten Schreiben gibt sich Missionar Zimmermann schon bedeutend weniger siegesgewiss.
Sehr verehrtes Fräulein Hegner! Ihren lieben Brief erhielt ich. Und wenn mir sein Inhalt zunächst auch eine schmerzliche Enttäuschung bereitete und mich in nicht geringe innere Not brachte, so muss ich doch bei ruhigem Nachdenken Ihnen recht geben. Ich fühle mit Ihnen und es tut mir jetzt aufrichtig leid, dass ich Ihnen keine Gelegenheit gegeben hatte, mich kennen zu lernen. Man ist eben immer noch viel zu sehr Egoist, der nur an sich denkt. Ich dachte nicht mehr daran, dass auch Sie Zeit nötig hätten, um sich über mich klar zu werden. Rechnen Sie, bitte, mir diese Unbesonnenheit nicht zu.12
Dann lässt Philipp seinen Charme spielen und umwirbt Dora:
Wie fein und zart haben Sie mir zu antworten verstanden. Ich sehe in Ihrer warmen Rücksichtnahme auf mein enttäuschtes Herz eine gute Grundlage für spätere Liebe. Ach, wie sollte ich Ihnen zürnen können! Ich schätze Sie nur umso höher, nachdem Sie mir einen solch aufrichtigen Brief geschrieben haben, für den ich Ihnen herzlich danke. […] Es gilt für mich nun von neuem, betend zu ringen und Ihr Herz, wenn es des Herrn Wille ist, zu erobern. […]
Und nun zu Ihren lieben Vorschlägen. Auch hier vermag ich zwischen den Zeilen zu lesen, was mich hoffen und Köstliches ahnen lässt.13
Denn Dora hat ihm offensichtlich vorgeschlagen, man solle sich doch, bevor von Liebe und Ehe die Rede sei, erst einmal näher kennenlernen. Beispielsweise in Bielefeld, im Haus der »Tante Rott«. Die Missionarswitwe Maria Rott war einst die Hausmutter des Bielefelder Pensionats für Missionstöchter, das Dora in ihrer Kindheit besucht hat. Inzwischen ist sie wohl für ihren ehemaligen Pensionsgast eine Art mütterliche Freundin geworden.
Philipp geht auf den Vorschlag ein, nicht ohne zu erwähnen, dass er natürlich »die liebe alte Tante Rott« schon lange aus seiner Missionstätigkeit kenne. Das schafft Vertrauen. Ansonsten schildert er seiner potenziellen Braut seitenlang, wie viele anderweitige Pflichten er habe. Dora soll nicht denken, er ließe nun alles stehen und liegen, um sie sehen zu können. Erst in zwei Wochen, am 4. Juli, könne er sich für ein Treffen mit ihr freimachen, schreibt er, streicht dann aber dieses Datum durch und verlegt den Zeitpunkt vor auf den 27. Juni.
Vermutlich weiß Dora, dass Philipp Zimmermann nicht mit seinen Kindern zusammenleben kann, für die im Hause des Hofpredigers offensichtlich kein Platz ist. Und auch, dass die beiden, der siebenjährige Gottfried und der sechsjährige Theodor, bei einer Tante in Wiesbaden untergebracht sind, muss Dora gewusst haben, denn sie schlägt ihm zunächst ein Treffen in Wiesbaden vor. Doch dies lehnt Philipp ab. Jetzt, da alles noch so ungeklärt ist, will er sich entweder mit Dora treffen oder seine Kinder besuchen. Aber nicht beides zusammenmischen.
Doras alter Vater ist offensichtlich nicht mehr in der Lage, das Amt des Familienpatriarchen auszuüben, daher berät sie sich brieflich mit ihrem Bruder Willi, der irgendwo in der Nähe von Bielefeld als Soldat stationiert ist. Willi antwortete umgehend:
Gewiss, herzliebe Dora, ein schwerer Entschluss wartet Deiner. […] Du weißt ja, dass unsere Gedanken und herzlichen Wünsche Dich, mag Deine Entscheidung nun ausfallen, wie sie will, begleiten werden. Wie sie ausfallen wird, ist mir ja mehr als zweifelhaft. Denn es muss ja ein besonderer Mann sein, der bei Dir Gnade finden soll, soweit ich mich unserer früheren Unterhaltungen erinnere.14
Und Philipp findet dann tatsächlich »Gnade« bei Dora. Sein nächster Brief beginnt mit der Anrede: »Meine herzliebe Braut!« Danach schreiben sich die beiden bis zu ihrer Hochzeit am 13. Dezember 1915 fast jeden Tag einen Brief.
Es sind sehnsüchtige, zärtliche und fordernde Briefe, die Philipp an die ferne Braut in Gütersloh schreibt. Wichtige Dinge werden ausgehandelt. Wer sehnt sich mehr nach dem anderen? Er selbst, findet Philipp. Immer wieder betont er, dass er Dora erst erobern müsse. »Mein liebes verschlossenes Gärtchen« nennt er sie. Und er deutet an, dass das auch so sein müsse. »Ich sehe es jetzt auch ein, dass meine Seele es nicht ertragen hätte, wenn Du Dich mir alsbald ganz erschlossen hättest.«15 Als Kind seiner Zeit ist Philipp davon überzeugt, dass eine Frau in erotischer Hinsicht erst durch den Mann »geweckt« werden müsse. Vermutlich ist auch Dora selbst dieser Überzeugung. Eigenständige sexuelle Wünsche und erotische Sehnsüchte – so etwas ist auch im frühen 20. Jahrhundert für eine konservative bürgerliche Frau schlechterdings nicht denkbar. Erkenntnisse wie etwa in Sigmund Freuds Sexualtheorie sind noch lange nicht ins Allgemeinwissen vorgedrungen. Schon gar nicht in den frommen Kreisen, in denen sich Dora bewegt. Es ist für uns heute kaum mehr vorstellbar, welche Verdrängungsleistungen unverheiratete Frauen damals erbringen mussten, um vor dem persönlichen Umfeld, aber auch vor sich selbst jedes sexuelle Begehren zu verleugnen.
Dora muss sich erst langsam an den Gedanken gewöhnen, dass sie mit diesem gut aussehenden, sie beharrlich umwerbenden Mann in absehbarer Zeit nicht nur Tisch, sondern auch Bett teilen wird. Doch irgendwann kann Philipp ebenso diskret wie triumphierend feststellen: »Mein gutes Kind kriegt’s auch bald mit der stillen Sehnsucht zu tun, unter der ich schon lange leide? So was bei meinem schlanken lieben Mädel merken zu dürfen, das ist mir unbeschreiblich köstlich.«16
Ansonsten schildert Philipp seiner Braut ausführlich, was er den ganzen Tag über so tut in seiner Gemeinde, worüber er predigt, dass er einen christlichen Jünglings- und später auch einen ebensolchen Jungfrauenverein gegründet und Kriegsanleihen gezeichnet hat, dass er beim Fürsten zu Salm-Horstmar zum Frühstück eingeladen war und bei dieser Gelegenheit der Fürstin die Hand küssen musste (»Schade, dass ich den Handkuss nicht an Dir üben konnte, so musste ich eben immer wieder meine alte Hand küssen – unter galanter Verbeugung natürlich! – Lach nicht!«17), dass die Hofpredigersgattin, deren abwesenden Mann er vertritt und in deren Haus er wohnt, nicht nur heftig mit einem jungen Gymnasiasten flirtet, sondern auch ihn, Philipp, schlecht versorgt, ja, ihn geradezu hungern lässt.
Philipp schreibt auch ein wenig über seine Herkunft. Über seine verstorbene Mutter: »Ich war die Erhörung ihrer Gebete.« Und über seinen Vater, der in dem kleinen Dorf Oberschwarzach bei Heidelberg lebt. Philipps Vater Georg Zimmermann war zunächst Weber von Beruf gewesen, hatte später zusätzlich noch die Weißgerberei erlernt und leitet mittlerweile eine Lederfabrik. Sein Vater wolle sich demnächst zur Ruhe setzen, schreibt Philipp und erwähnt bei dieser Gelegenheit, dass er auf sein Erbe verzichtet habe zugunsten der Schwester, die den Vater im Alter pflegen werde. Und dass er selbst dem Vater eine kleine Rente ausgesetzt habe. »Wir beide und unsere Kinder haben immer noch genug«,18 beruhigt er Dora.
Dora wiederum schreibt an Philipps Vater und an die beiden kleinen Jungen, deren Mutter sie werden soll.
Im Juli 1915 verloben sich Dora und Philipp offiziell. In den Briefen ist nun viel die Rede von Wurstpaketen, die Dora ihrem Philipp nach Coesfeld schickt, um ihn vor dem Hungertod zu bewahren, und von Apfeloder Birnenkisten, die Philipps Vater von seiner kleinen Landwirtschaft in Oberschwarzach nach Gütersloh sendet. Philipp wird immer mehr ein Teil der Familie Hegner, er schreibt an Doras Brüder im Feld, er vergisst nie, Doras alten Vater und »unsere liebe Marie« zu grüßen. »Marie hat auch ein Eckchen in meinem Herzen.«19 Er kündigt an, er werde bei nächster Gelegenheit mit Dora gemeinsam einen neuen Mantel für sie kaufen: »So, wie Du ihn gern wünschst – nicht schwarz. […] Wir suchen ihn aus. Verzeih meine Zudringlichkeit, Du kennst ja mein Herz.«20 Lange überlegen die beiden, wie Dora am besten an den für die Eheschließung benötigten Geburtsschein kommen kann, was nicht einfach ist, denn sie ist auf der Missionsstation Berseba in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika zur Welt gekommen. Doch irgendwann ist auch dieses Hindernis beseitigt, und alles scheint sich unaufhaltsam auf die Hochzeit von Dora und Philipp hinzubewegen.
Und dann plötzlich dieser Brief! Was mag Dora damals an ihren Verlobten geschrieben haben? Aus Philipps Antwort kann man es ungefähr erahnen:
Und nun die Frage, auf die Du eine Antwort haben möchtest. Gleich zum Voraus muss ich Dir sagen, dass diese Frage für mich nicht besteht oder bestanden hat. Ich wusste es ja vorher. Abgesehen davon, dass Du so weiß wie jede andere europäische Dame bist, ja noch weißer, so habe ich nur auf Deinen inneren Wert gesehen. Aber auch nach außen hin beglücken und entzücken mich Deine Gestalt und Dein Wesen bis ins tiefste Herz hinein, das Dir ganz, ganz allein gehört. Also liebstes Herz, bitte hänge solchen Gedanken nicht nach. […]
Verstehen tue ich Dich nicht, was Du mit dem Satz meinst, ob ich meine Kinder einem gleichen Schicksal übergeben will. […] Ja, liebste Dora, seid Ihr Kinder denn einem besonderen Schicksal überliefert gewesen, das Euch drückte? Ich und alle anderen Menschen können das nicht sehen, haben vielmehr den felsenfesten Eindruck, dass des Herrn Segen wunderbar mit Euch war. Ihr seid alle wertvolle Menschen geworden. […] Und wenn Du, so der Herr in seiner Freundlichkeit es will, mir ein »kleines süßes Mädchen« einmal schenkst, dann ist freilich meine Freude voll, aber über dies Kind waltet dann kein anderes »Schicksal« als Gottes Gnade und Segen.21
Offensichtlich ist Dora – wenn auch recht spät – zur Ansicht gelangt, sie müsse ihren künftigen Ehemann in ein Familiengeheimnis einweihen: Doras Urgroßvater, der berühmte Missionar Johann Hinrich Schmelen, eben jener, über den sogar ein Missionstraktat erschienen ist, hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Afrikanerin geheiratet! Eine Schwarze!!
Diese Mesalliance verschweigt man in der Familie, so gut es geht. Man kennt nicht einmal ihren Namen. Auch das Missionstraktat über Schmelen erwähnt sie nur kurz. »Zwar braun von Angesicht und mit schwarzkrausem Haar« sei sie gewesen, »aber eine aufrichtige, einfältige und ihren HErrn innig liebende Seele.«22 Sie habe ihrem Mann geholfen, Teile der Bibel in ihre Muttersprache »Hottentottisch« zu übersetzen. Mehr wissen die Hegners nicht über die Schwarze Ahnin.
Das ist das große Geheimnis, das Dora ihrem Verlobten »gesteht«. Sie ist die Nachkommin einer »Hottentottin«.
Philipp ist davon nicht sonderlich beeindruckt.
Gelacht habe ich ob der Frage, ob ich Dich dennoch heiraten wolle. Ja, meinst du denn nicht? Lieber heute als morgen! […] Ja, Schatzi, Dein Philipp will Dich heiraten. Du gehörst ihm und er Dir, von der Fußzeh bis zum Scheitel. Jetzt ist’s genug. Gelt, liebe Braut, nachdem wir uns darüber ausgesprochen haben, reden wir nicht mehr davon. Hättest Du nicht begonnen, nie hätte ich davon angefangen.23
Diese Haltung ist damals keineswegs so selbstverständlich, wie man heute denken würde, sie ist sogar ziemlich ungewöhnlich. Denn die Liebesgeschichte von Dora und Philipp fällt in eine Zeit, in der ein »wissenschaftlich« begründeter Rassismus seine erste Blütezeit erlebt.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich in Europa eine neue »Wissenschaft« etabliert, die sich praktisch ausschließlich damit beschäftigt, menschliche »Rassen« zu klassifizieren und eine Hierarchie unter ihnen festzulegen: die Anthropologie. Mit ihrer Hilfe können gesellschaftlich entstandene Machtverhältnisse und Weiße Privilegien zu natürlichen und unveränderlichen Gegebenheiten erklärt werden. 24
Die Vorurteile, die damals wieder und wieder ausgebreitet werden, sind nicht eigentlich neu. Doch in früheren Zeiten wurde die Diskriminierung vor allem an kulturellen Unterschieden festgemacht, beispielsweise an der Frage »Christ« oder »Heide«, »gebildet« oder »ungebildet« oder auch am sozialen Status einer Person, und war deshalb im Prinzip überwindbar, durch die Aneignung von Bildung, durch den Erwerb von Reichtum und nicht zuletzt durch die Taufe (worauf es die Missionare bei den Menschen in ihrem jeweiligen Missionsfeld anlegten).25 Und es gab immer wieder Lebensgeschichten, die zeigten, wie absurd rassistische Zuschreibungen waren. Beispielsweise die Karriere des Schwarzen Aufklärungsphilosophen Anton Wilhelm Amo aus Ghana, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Professor an den Universitäten Halle und Jena lehrte. Behauptungen wie die seines Kollegen Immanuel Kant, die Menschheit sei »in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. […] Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege«, konnten immer wieder durch die Praxis widerlegt werden.26 Doch nun wird die Diskriminierung von Menschen durch exakte naturwissenschaftliche Methoden untermauert, beispielsweise durch Schädelvermessungen. Und soll damit als unveränderlich festgeschrieben werden.
Einer der Vordenker der neuen »Wissenschaft« ist der französische Diplomat Arthur de Gobineau. Bereits in den 1850erJahren veröffentlicht er in Frankreich seinen Essai sur inégalité des races humaines. Diese Schrift hat in der Folgezeit einen großen Einfluss auf die rassistischen Diskurse in aller Welt. Damals kommt der Begriff »Arier« in Gebrauch. Gobineau befasst sich ausführlich mit ihnen, dem Weißen »Urvolk«, das seiner Meinung nach sämtliche positive Eigenschaften in sich vereinigt. Von Asien aus habe es sich über die Welt verbreitet. Aus der Vermischung der Arier mit den »Urnegern« seien die »Semiten« und »Hamiten« entstanden, außerdem durch Vermischung mit den »Gelben« finnischen Ureinwohnern Europas die modernen europäischen Völker. Da nur Arier zu nennenswerten Kulturleistungen in der Lage seien, drohe durch die Vermischung des hochwertigen arischen Blutes mit dem minderwertigen anderer Rassen – er nennt diesen Vorgang »Entartung« – irgendwann der Untergang der Kulturwelt.
Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer wissenschaftlich begründeten Rechtfertigung des Rassismus ist Charles Darwins Buch On The Origin of Species by Means of Natural Selection. Es erscheint im Jahr 1859 in London und wird auf Anhieb ein Bestseller.
In der Szene der Rassentheoretiker macht man sich bald auch Gedanken über die praktische Anwendung der neuen Theorien. Obwohl Darwin selbst seine Selektionstheorie nicht auf das Zusammenleben der Menschen überträgt, wird sie in den folgenden Jahrzehnten sowohl auf die Gesellschaft im eigenen Land (»Ausmerzung« von »Asozialen«, Kriminellen, Kranken) als auch auf die Völker außerhalb der eigenen Grenzen (Rassismus) angewandt – zunächst noch in der Theorie. 1864 organisiert beispielsweise die international renommierte Anthropological Society in London eine Tagung zum Thema »Das Aussterben der minderwertigen Rasse«. Es geht um das Recht der »überlegenen Rassen«, die für ihre Interessen »lebenswichtigen« Gebiete zu kolonisieren. Offen wird die Frage diskutiert, ob es grundsätzlich möglich sei, dass die »minderwertigen Rassen« friedlich mit der »überlegenen Rasse« koexistieren könnten – oder ob ihre Ausrottung unausweichlich sei.27
Wenige Jahre später, 1869, veröffentlicht der britische Forscher und Autor Francis Galton, ein Cousin von Charles Darwin und von diesem stark beeinflusst, ein weiteres einschlägiges Werk: Hereditary Genius. Galton führt den Begriff »Eugenik« in die Diskussion ein, im Deutschen oft mit »Rassenhygiene« übersetzt. Darunter versteht er das Bestreben, durch »gute Zucht« den Anteil positiv bewerteter menschlicher Erbanlagen zu vergrößern. »Das Wort Eugenik, das der griechischen Sprache entlehnt ist, enthält den Begriff des Glücklichgeborenseins, d. h. geboren mit günstigen Erbanlagen«28, erläutert der deutsche Arzt Wilhelm Schallmayer diesen Begriff.
Schallmayers Satz liest sich geradezu wie eine Gegenthese zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: dass alle Menschen das Recht auf »Leben, Freiheit und das Streben nach Glück« hätten. Diese Verheißung, dass jeder Mensch, ohne Ansehen der Person, berechtigt sei, seines eigenen Glückes Schmied zu sein, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben, die das Bürgertum mehr als 100 Jahre zuvor dem Adel mit seinen Privilegien entgegenhielt, scheint nicht mehr zu gelten. Stattdessen gibt es das »Glücklichgeborensein«, und wer keine »günstigen Erbanlagen« besitzt, hat eben Pech gehabt. »Glücklich geboren« sind demnach vor allem die Angehörigen der »Weißen Rasse«. Sie sind von der Natur zu Herren über den Rest der Welt bestimmt. Doch auch innerhalb der Weißen gibt es Menschen, die keine »günstigen Erbanlagen« aufweisen, die geistig oder körperlich schwach oder krank sind. Sie dürfen ihre »ungünstigen Erbanlagen« auf keinen Fall weitergeben. Letztendlich müssen sie ausgemerzt werden.
Eine Fülle von populären Schriften, Vorträgen und wissenschaftlichen Abhandlungen zum Thema »Rasse« entsteht in diesen Jahren. Besondere Beachtung erregt die Vorlesungsreihe des französischen Zoologen und Juristen Georges Vacher de Lapouge, gehalten in den Jahren 1886 bis 1892 in Montpellier. Lapouge macht detaillierte Schädelmessungen zur Grundlage seiner Rassenforschung. Bei ihm ist es das Längen-Breiten-Verhältnis des Kopfes, das darüber entscheidet, ob jemand von der Natur zum Herrn bestimmt ist oder zum Sklaven. Seiner Geschichtsphilosophie zufolge ist die gesamte Menscheitsgeschichte ein Kampf der »Herrenvölker« gegen die »niederen Rassen«. Fortschritt entstehe nur durch die Unterjochung der Letzteren durch die Ersteren. Schon damals, lange vor der NS-Zeit, fordert Lapouge die Politik auf, einen »Rearisierungsprozess« einzuleiten, indem die »Hochwertigen« gezielt gezüchtet und die »Minderwertigen« sterilisiert werden sollten. Während Lapouges Ansichten in Frankreich auf keine allzu große Resonanz stoßen, ist ihr Einfluss in den anglophonen Ländern erheblich – und auch in Deutschland.
1885 gründet der Ingenieur und Gobineau-Anhänger Otto Ammon eine Anthropologische Kommission. Auch er befürwortet politische Maßnahmen zur Reduzierung der »Minderwertigen«, die er vor allem unter den Arbeitern ausmacht. Beispielsweise fordert er ein Dreiklassenwahlrecht, das den politischen Einfluss des Wählers von seinem Vermögen abhängig macht, das Weiterbestehen des Sozialistengesetzes sowie eugenische Fortpflanzungsbeschränkungen.
Auch der Mediziner Ludwig Woltmann trägt zur Verbreitung derartiger Ideen in Deutschland bei. Er ist ein untypischer Vertreter der deutschen Sozialanthropologenzunft, die meist eher dem konservativ bis reaktionären politischen Spektrum angehört. Woltmann hingegen ist Sozialdemokrat und versucht zeitlebens, Marxismus und Sozialdarwinismus miteinander zu verschmelzen. »Die Rassen sind nicht zu den gleichen Leistungen und Aufgaben in der Geschichte berufen, und die niederen Rassen haben den Zwecken der höheren zu dienen. Die Zwecke der höheren sind aber die ›Ziele der Menschheit‹, da in ihnen allein der höchste Gehalt der geistigen Menschenkraft zur Blüte gelangt«29, so sein Credo.
1899 erscheint in Deutschland eine Schrift, die ihr Verfasser schlicht Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts betitelt. Der britische Wagner-Fan Houston Stewart Chamberlain legt damit das Standardwerk für den rassistischen und ideologischen Antisemitismus im frühen 20. Jahrhundert vor. Das zweibändige Werk beschreibt die gesamte abendländische Geschichte als einen Kampf der Rassen. Chamberlain charakterisiert die Germanen als die kulturschöpferische Rasse, die für die Aufrechterhaltung der christlichen Kultur gegenüber den Einflüssen des Judentums verantwortlich sei. Die germanische Kultur müsse vor »fremden« Einflüssen und den Folgen »rassischer Durchmischung« geschützt werden. Chamberlains Werk wird intensiv von der damals entstehenden deutschen völkischen Bewegung rezipiert. Zu seinen Bewunderern zählt neben Kaiser Wilhelm II., der Chamberlain wiederholt an den kaiserlichen Hof einlädt, auch der junge Adolf Hitler.
Im Jahr 1900 lobt der deutsche Großindustrielle Friedrich Alfred Krupp ein Preisausschreiben aus, in dem die Frage beantwortet werden soll: »Was lernen wir aus den Prinzipien der Descendenztheorie in Beziehung auf die innerpolitische Entwicklung und Gesetzgebung der Staaten?«30 Unter »Deszendenztheorie« verstand man die Idee, dass sich in der Natur nur die an ihre Umwelt am besten Angepassten fortpflanzen, wie sie etwa Charles Darwin vertrat (survival of the fittest). Nicht nur in dem Krupp’schen Preisausschreiben wird diese These damals auch auf die menschliche Gesellschaft übertragen. 60 Wissenschaftler und Publizisten beteiligen sich an dem mit 30 000 Mark dortierten Wettbewerb. Den ersten Preis erringt der Arzt Wilhelm Schallmayer mit seinem Aufsatz »Vererbung und Auslese«, in dem er ein weiteres Mal den Züchtungsgedanken propagiert. Auch der SPD-Mann Woltmann beteiligt sich mit einem Text über »Politische Anthropologie« und erhält den dritten Preis.
Im folgenden Jahr gründet Woltmann eine Monatszeitschrift, die Politisch-Anthropologische Revue. 1905 gibt der Mediziner Alfred Ploetz das Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie heraus und gründet bald darauf gemeinsam mit dem Ethnologen Richard Thurnwald die weltweit erste Gesellschaft für Rassenhygiene, deren Ziel die Höherzüchtung der »arischen Rasse« ist. Ungefähr zu dieser Zeit wird Gobineaus Hauptwerk unter dem Titel Versuch über die Ungleichheit der menschlichen Rassen ins Deutsche übertragen.
In dem klaren System von Herren und Sklaven, das damals entwickelt wird, stören vor allem die »Mischlinge«, Menschen mit Schwarzen und Weißen Vorfahren. Sind sie nun zu den »Minderwertigen« zu rechnen oder eher zu den »Glücklichgeborenen«? Soll man also die Ehe zwischen Schwarzen und Weißen erlauben oder nicht?
Mehr noch als in Deutschland, wo damals nur wenige Schwarze Menschen leben, erregt das Thema »Mischehen« in den deutschen Kolonien die Gemüter. Beispielsweise in DeutschSüdwestafrika. Vor der deutschen Kolonialzeit sind dort Ehen zwischen »Schwarz« und »Weiß«, in aller Form standesamtlich geschlossen, nicht gerade häufig, aber es gibt sie. Sogar noch 1908 zählt man in Deutsch-Südwestafrika 24 ordnungsgemäß geschlossene »Mischehen«.31 Wie in jeder anderen Ehe sind dort die afrikanische Ehefrau und die gemeinsamen Kinder erbberechtigt und erwerben die Staatsangehörigkeit des europäischen Ehemannes und Vaters.32 Insbesondere in Missionskreisen steht man diesem Thema zunächst positiv gegenüber. 1887 fordern führende Vertreter der Rheinischen Missionsgesellschaft in einer Denkschrift betreffend die Schließung von Ehen zwischen Weißen und Farbigen in den deutschen Schutzgebieten sogar die Erleichterung solcher Ehen, um die zahlreichen illegalen Konkubinate zwischen Weißen Männern und Schwarzen Frauen einzudämmen. Reguläre Ehen hingegen, so die Auffassung einiger Missionare, dienten der »Verbreitung des Christentums«, des »Deutschtums« und der »Hebung tieferstehender Volksstämme«.33
Dieser Vorschlag wird erwartungsgemäß von den Kolonialbehörden nicht aufgegriffen, und die Missionsleitung fügt sich. Sie verbietet ihren Missionaren sogar, »Ehen zwischen Weißen und Eingeborenen, welche staatlich nicht anerkannt werden«, wenigstens kirchlich zu legitimieren.
Es würde […] zu den schwersten Konflikten mit dem Staate führen und unhaltbare Zustände im Gefolge haben, wenn wir staatlich nicht anerkannte Ehen einsegnen wollten. […] Mögen wir auch nach mancher Seite hin bedauern, dass der Staat Ehen zwischen Weißen und Eingeborenen nicht anerkennt, so ist unsere Aufgabe die, mit gesetzlichen Mitteln dahin zu wirken, dass der Staat seine ablehnende Haltung diesen Ehen gegenüber aufgibt.34
Mit dem ausbrechenden Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika 1904 bis 1908 sieht dann der stellvertretenden Gouverneur Hans Tecklenburg eine Möglichkeit, »gemischte« Ehen in Deutsch-Südwestafrika endgültig zu verhindern. 1905 erlässt er eigenmächtig, entgegen der Anweisung aus Berlin, eine Weisung an alle Standesbeamten in der Kolonie:
Standesamtliche Trauungen zwischen Weißen und Eingeborenen beziehungsweise Bastards […] sind […] bis auf Weiteres nicht mehr vorzunehmen. Ich bemerke ausdrücklich, dass dieselben […] wegen der rechtlichen, politischen und sozialen Folgen als durchaus unerwünscht erachtet werden.35
Damit sind rechtskräftig geschlossene Ehen zwischen Schwarz und Weiß in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika nicht mehr möglich, auch wenn sie nie explizit verboten werden. Aus den sexuellen Beziehungen über die Colourline hinweg, die es natürlich nach wie vor in großer Zahl gibt, lassen sich keinerlei rechtliche Ansprüche ableiten. Kinder, die aus diesen Beziehungen hevorgehen, gelten als »Eingeborene«, sie haben weder ein Recht auf das Erbe noch auf die Staatsangehörigkeit ihres Vaters. In einem Bericht an die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes erläutert Tecklenburg ausführlich die Gründe für seine Anweisung:
Kann ein deutscher Staatsangehöriger mit einer Eingeborenen eine Ehe eingehen […], so werden die eingeborene Frau, die von beiden erzeugten Mischlinge und deren Abkömmlinge nach §§ 5 und 3 des Indigenatsgesetzes vom 1. Juni 1870 deutsche Staatsangehörige und damit den für die Deutschen hierzulande geltenden Gesetzen unterworfen. Die männlichen Mischlinge werden wehrpflichtig, fähig zur Erlangung öffentlicher Ämter und des künftig einmal einzuführenden Wahlrechts und anderer an die Staatsangehörigkeit geknüpften Rechte teilhaftig. Die eingeborene Frau und die Abkömmlinge werden der für die Eingeborenen notwendigen Sondergesetzgebung, z. B. hinsichtlich Alkoholgenuss, Passzwang, Waffentragens, Gerichtsbarkeit entzogen. Diese Konsequenzen sind in hohem Grade bedenklich und bergen eine große Gefahr in sich: Durch sie wird nicht nur die Reinerhaltung deutscher Rasse und deutscher Gesittung hier, sondern auch die Machtstellung des weißen Mannes überhaupt gefährdet.36
1908 beginnt der Freiburger Arzt und Anthropologe Eugen Fischer eine systematische Untersuchung der »Rassenmerkmale« von 2567 »Rehobother Bastards« durchzuführen. Es handelt sich dabei um eine Gruppe von Menschen mit Schwarzen und Weißen Vorfahren, die in der südwestafrikanischen Kleinstadt Rehoboth leben. Bei dieser Untersuchung wendet Fischer erstmalig die damals gerade wiederentdeckten Mendel’schen Erbgesetze auf die Anthropologie an, wodurch der »wissenschaftliche« Charakter seiner Forschungen besonders unterstrichen werden soll. Fischers aufwendige Untersuchung wird finanziert durch ein Stipendium der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Ihr Ziel ist, die Grundlage für eine »praktische Eugenik« zu legen.
Wenn die Bastards irgendwie dem Weißen gleichgesetzt werden, kommt ganz unweigerlich Hottentottenblut in die weiße Rasse. Auf die Dauer könnte das auf keine Weise vermieden werden. Noch wissen wir nicht sehr viel über die Wirkungen der Rassenmischung. Aber das wissen wir ganz sicher: Ausnahmslos jedes europäische Volk […], das das Blut minderwertiger Rassen aufgenommen hat – und dass Neger, Hottentotten und viele andere minderwertig sind, können nur Schwärmer leugnen –, hat diese Aufnahme minderwertiger Elemente durch geistigen, kulturellen Niedergang gebüßt.37
Inzwischen hat sich auch die Rheinische Missionsgesellschaft zur scharfen Gegnerin von »Mischehen« gewandelt. 1912 veröffentlicht der Missionar Carl Wandres, ein Kollege von Doras Vater, im Auftrag seiner Vorgesetzten eine Handreichung für Missionare:
Die Mischehen sind nicht nur unerwünscht, sondern geradezu unmoralisch und geben dem Deutschtum einen Schlag ins Gesicht. Mischehen sind stets eine Versündigung an dem Rassenbewusstsein. Ein Volk, das gegen diese Ehre sündigt, sinkt unbedingt auf eine niedrigere Stufe […]. Was die Mischlinge betrifft, so müssen wir nach reichlicher Erfahrung sagen, dass die Mischlinge ein Unglück für unsere Kolonie sind. Diese bedauernswerten Geschöpfe sind fast alle sehr stark erblich belastet. Es zeigt sich bei ihnen: Lug und Trug, Sinnlichkeit und dummer Stolz, Neigung zu Unehrlichkeit und Trunksucht und last but not least sind sie fast alle durch die Bank syphilitisch. Es kann dies auch gar nicht anders sein, denn der Vater taugte nicht viel und die Mutter erst recht nichts.38
Und in seiner Eigenschaft als Präses für die Nama-Mission fasst Wandres »die Stellung der Missionare des Namalandes« folgendermaßen zusammen: »Wir sind Gegner der Mischehen und bitten, dass diese mit allen gesetzlichen Mitteln verhindert werden.«39
Zwar spricht sich die Rheinische Missionsgesellschaft noch immer gegen ein explizites Mischehenverbot aus, doch der Ton hat sich inzwischen grundlegend geändert. Die Ehen früherer Missionare mit afrikanischen Frauen, die es in Einzelfällen gegeben habe, seien ein »gut gemeinter Irrtum« gewesen, schreibt beispielsweise Missionsinspektor Spieker (der dabei vermutlich an Doras Urgroßvater Schmelen und seine afrikanische Frau denkt). Einen Missionar, der in heutiger Zeit eine Ehe mit einer Afrikanerin eingehen wolle, werde man ohne Zweifel entlassen.40
Am 2. Mai 1912 findet die sogenannte Mischehendebatte im Deutschen Reichstag statt. In einer einleitenden Rede warnt der Staatssekretär des Reichskolonialamts, Wilhelm Solf, eindringlich vor einer ungehinderten Eheschließung zwischen Schwarz und Weiß. Dabei wendet er sich ausdrücklich an die SPD, die mittlerweile die stärkste Reichstagsfraktion stellt und von der er wohl den größten Widerstand befürchtet. Gegenüber den »Farbigen« sei »auch der Proletarier Herr«, betont er. Nicht der »Wohlhabende« komme »draußen« in Versuchung, eine »eingeborene Frau zu heiraten«, sondern der »arme Mann, der kleine Mann«.
Die SPD enttäuscht seine Erwartungen nicht. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Georg Ledebour beispielsweise erklärt, er halte es nicht für »einen wünschenswerten Zustand«, »wenn Ehen zwischen Eingeborenen und Weißen geschlossen werden oder wenn da ein außerehelicher Geschlechtsverkehr, aus dem Mischlinge hervorgehen«, stattfinde. Zudem empört er sich darüber, dass »weiße Frauen hier in Deutschland mit Negern angebandelt« hätten. »Gewisse Frauen« bekundeten für »exotische Völkerschaften« eine »perverse Neigung«, was er als Phänomen bürgerlicher Dekadenz wertet.
Auch die anderen Parteien bekunden ihre Ablehnung von »Mischehen«. Viel ist die Rede von »gesundem nationalen Rassenbewusstsein« beziehungsweise der Notwendigkeit, die Ablehnung von »Rassenschande« besser im »Volksbewusstsein« zu verankern. Lediglich die Zentrumspartei spricht sich gegen ein »Mischehenverbot« aus, nicht zuletzt wegen ihrer zahlenmäßig geringen Bedeutung. Zwar sei man »gegen die Vermehrung der Mischlinge«, doch, so der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger, »99 Prozent aller Mischlinge in den Kolonien« stammten aus dem »außerehelichen Geschlechtsverkehr«. Es sei also unlogisch, die Mischehe zu verbieten.
Die Mehrheit im Reichstag fordert schließlich die Regierung auf, einen Gesetzentwurf vorzulegen, der die »Gültigkeit der Ehen zwischen Weißen und Eingeborenen in allen deutschen Schutzgebieten sicherstellen« und die Rechte von deren Kindern bestimmen solle. Das eingeforderte Gesetz kommt jedoch nie zustande. Denn zwei Jahre später bricht der Erste Weltkrieg aus, an dessen Ende Deutschland alle seine Kolonien verliert. Damit wird ein »Mischehengesetz« überflüssig.41
All diese Debatten hat Dora vermutlich mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Dass für ihren Verlobten derartige Kriterien keine Rolle spielen, dass er sich so eindeutig zu ihr bekennt, dass er über die Frage, ob er sie »dennoch« heiraten wolle, nur lachen kann – es muss wie eine Erlösung für sie gewesen sein.
Dora Hegner kommt am 2. Dezember 1878 in dem kleinen Dorf Berseba im heutigen Namibia zur Welt. »Groß-Namaland« nennt man diese Weltgegend damals. Sie wird noch von keiner Kolonialmacht beansprucht.
Dora ist das zweite von insgesamt fünf Kindern. Außer dem älteren Bruder Hermann und den jüngeren Brüdern Otto und Willi hat sie noch eine kleine Schwester: Marie. Doras Vater Hermann Ludwig Hegner ist Missionar bei der Rheinischen Missionsgesellschaft. Und auch Doras Mutter Elisabeth stammt aus einer Missionarsfamilie, sie ist eine Tochter des früh verstorbenen Missionars Franz-Heinrich Kleinschmidt.42
Als Dora zur Welt kommt, ist es grade mal sieben Jahre her, dass im fernen Frankreich, im Schloss Versailles, das deutsche Kaiserreich proklamiert wurde. Die vielen kleinen deutschsprachigen Fürstentümer sind nun eine geeinte Nation. »Gründerjahre« nennt man diese Anfangsphase des deutschen Staates. Nach dem gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 stimulieren die französischen Reparationszahlungen ein hektisches Wirtschaftswachstum in Deutschland. Innerhalb weniger Jahre entwickelt sich das Land von einer Ansammlung kleiner rückständiger Staaten zu einer wirtschaftlichen und politischen Weltmacht, die mit Frankreich und England in Konkurrenz tritt – und bald ebenfalls Anspruch auf Kolonien erhebt und seinen »Platz an der Sonne« einfordert.43
Die Hegners bekommen davon wenig mit auf ihrer abgelegenen Missionsstation. Es dauert Monate, bis Briefe oder Zeitungen aus Deutschland im Groß-Namaland eintreffen.
Das Dorf Berseba, in dem Dora und ihre Geschwister ihre frühe Kindheit verbringen, existiert noch heute, eine kleine Ansiedlung im Süden Namibias, heiß und trocken ist es da, bis auf wenige Regenmonate im Jahr. Seit 1850 sind dort wechselnde Missionare tätig, die ihm auch seinen biblischen Namen gegeben haben. Sein ursprünglicher Name ist!Autsawises, was »Feld der schwarzen Ebenholzbäume« bedeutet.44 Hier haben sich die beiden großen Nama-Familien Goliath und Isaak niedergelassen, die /Hai-/Khaua, auch Berseba-Nama genannt. Wie alle Nama leben sie als Viehzüchter. Zur Zeit der Hegners hat Jakobus Izaak (ǂKhaxab gaib /Aiomab) das Amt des Kapteins inne.45
Die Nama, unter denen Doras Vater als Missionar tätig ist, gehören zur großen Volksgruppe der Khoekhoe, manchmal auch Khoikhoi geschrieben.46 Nach ihnen ist das »Klein-Namaland« im Nordwesten Südafrikas und das »Groß-Namaland« im südlichen Namibia benannt.
Die Khoekhoe sind Ureinwohner des südlichen Afrika und bewohnten ursprünglich den gesamten westlichen Teil Südafrikas, das heutige Süd- und Zentralnamibia und Teile von Botswana.
»Khoekhoe« ist eine Selbstbezeichung und bedeutet »Menschen der Menschen« oder »richtige Menschen«.47 Für richtige Menschen hielten sich die Khoekhoe, weil sie Rinder besaßen. Damit grenzten sie sich ab von den anderen Ureinwohnern des südlichen Afrika, den San, die keine Rinder besaßen, sondern ihren Lebensunterhalt als Jäger und Sammler bestritten, und die man damals abschätzig »Buschleute« nannte.48
Noch zur Zeit der Hegners war das gesamte Leben der Khoekhoe rund um die Bedürfnisse ihrer Herden organisiert, die für sie nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell von großer Bedeutung waren. Aufgrund des trockenen Klimas lebten sie als Nomaden. In der regenarmen Jahreszeit brachen sie ihre Hütten ab und zogen dorthin, wo es Wasser und Weideland für ihre Rinder gab. Dabei betrachtete jede Khoekhoe-Gemeinschaft eine bestimmte Region mit ihren Wasserstellen und den Gräbern der Vorfahren als ihr eigenes Gebiet. Wenn sich Fremde dort ansiedeln wollten, mussten sie der gastgebenden Gemeinschaft einen gewissen Tribut entrichten. Dies war eher eine Pacht als ein Kaufpreis, denn Weidegebiete und Wasserstellen gehörten der Gemeinschaft und konnten nicht verkauft werden.
Die Sprache der Khoekhoe wird Khoekhoegowab genannt. Besonders auffällig sind ihre vier Klicklaute, die man heute ǂ, /, // und! schreibt.49 Als im 17. Jahrhundert die ersten Weißen am Kap der Guten Hoffnung landeten, waren sie nicht in der Lage, diese Sprache mit ihren Klicklauten auszusprechen. Sie nannten die Khoekhoe daher »Hottentotten« – Stotterer. Ein geradezu klassischer Fall eurozentrischer Arroganz: Nicht sie selbst waren zu dumm oder zu faul, eine afrikanische Sprache zu erlernen, sondern die Afrikaner sprachen eine stotternde, irgendwie »falsche« Sprache.
Außer den alteingesessenen Nama waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts weitere Khoekhoe-Gemeinschaften ins Groß-Namaland eingewandert. Von landgierigen Weißen Siedlern aus Südafrika vertrieben, hatten sie sich auf die lange Wanderung in den Norden begeben und irgendwann den Orange River überschritten. Man nannte sie Orlam, was »klug«, aber auch »verschlagen« bedeutet. Wie die Nama sprachen sie Khoekhoegowab, vermochten also, sich mit den alteingesessenen Bewohnern des Groß-Namalandes zu verständigen. Und wie sie waren sie Viehzüchter. Aufgrund ihres früheren Kontakts zu Weißen konnten viele von ihnen außerdem Niederländisch sprechen, besaßen moderne Feuerwaffen, Pferde und Planwagen, trugen europäische Kleidung und gaben sich europäische Namen. Viele waren auch bereits mit dem Christentum in Berührung gekommen.
Zwischen Nama und Orlam wurde damals nicht scharf unterschieden. Die /Hai-/Khaua von Berseba beispielsweise werden noch heute »Berseba-Nama« genannt, obwohl sie einst aus der Kapkolonie eingewandert sind.
Die einflussreichste Khoekhoe-Gemeinschaft zur Zeit der Hegners waren die /Khowesin, auch Witbooi genannt. Sie waren Orlam, und ihre Ansiedlung Gibeon lag nur ungefähr 100 km nördlich von Berseba. Einer ihrer Chronisten, der Missionar Gottlieb Meyer, berichtet, dass die Witbooi ursprünglich in der Region um Kapstadt zu Hause gewesen seien. »Man erzählt hier heute noch«, so Meyer, dass ihr Kaptein Kido Witbooi »zusammen mit dem alten Kapitän Jakobus Izaak von Berseba durch die Holländer mit einem Kanonenschuss so in Schrecken gejagt wurde, dass er einen großen Teil seiner Habe fahren ließ und sich eiligst mit seinem Stamm auf die Flucht machte«.50 Man kann davon ausgehen, dass es nicht nur ein harmloser Kanonenschuss war, der die Witbooi in die Flucht schlug. Bei ihren Versuchen, das Land der Afrikaner in Besitz zu nehmen, kannten die wohlbewaffneteten Weißen Siedler der Kapkolonie keine Skrupel.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten sich die Witbooi zunächst im Nordwesten Südafrikas niedergelassen, in Pella, wo der Kaptein »unter dem Einfluss der Londoner Missionare gestanden und auch Lesen und Schreiben gelernt hat«.51 Bald darauf überschritten sie den Orange River und ließen sich schließlich an einem Ort nieder, dem sie den biblischen Namen »Gibeon« gaben. Seit dieser Zeit waren Rheinische Missionare bei ihnen tätig.
Als Missionar Hegner die Witbooi kennenlernt, ist Moses Witbooi deren amtierender Kaptein. Sein ältester Sohn!Nanseb !Gabemab, auch Hendrik Witbooi genannt, wird in Missionskreisen weit und breit gerühmt wegen seines vorbildlichen Lebenswandels und seiner Frömmigkeit. Von seinem Missionar Olpp hat er Lesen, Schreiben und das Tischlerhandwerk erlernt und ist wegen seiner Frömmigkeit und Ernsthaftigkeit bereits als junger Mann zum Kirchenältesten gewählt worden. Wenn sein Vater stirbt, wird er ihm ins Amt des Kapteins nachfolgen.
Die Missionare der Rheinischen Missionsgesellschaft sind sehr angetan von Hendrik Witbooi. Ein überzeugter Christ als Kaptein einer einflussreichen Khoekhoe-Gemeinschaft, so hoffen sie, wird ihnen ihre Arbeit wesentlich erleichtern. Niemand ahnt, dass dieser kleine Mann, der allgemein »Kort«, der Kurze, genannt wird und als außergewöhnlich schüchtern gilt, einmal ein gefürchteter Kämpfer gegen die deutsche Kolonialherrschaft werden wird.
Nördlich des Groß-Namalandes leben die Herero, weshalb man dieses Gebiet damals auch als »Hereroland« bezeichnet. Wie die Nama und Orlam sind auch sie nomadisierende Viehzüchter. In alten Texten werden die Herero auch zuweilen »Damara« oder »Dammra« genannt. Man unterschied »Berg-Damara« und »ViehDamara«. Erst, als die ersten Missionare ihre Sprachen erlernten, merkten sie, dass diese beiden Gruppen nicht miteinander verwandt sind. Die »Vieh-Damara« werden heute »Herero« genannt und sprechen die Sprache Otjiherero. Die »Berg-Damara« werden heute immer noch »Damara« oder »Dama« genannt. Sie sprechen Khoekhoegowab wie die Nama und Orlam. Im 19. Jahrhundert besaßen sie keine eigenen Rinder, sondern lebten gemeinsam mit den Nama als deren Viehhirten.
Der wichtigste Herero-Anführer zur Zeit der Hegners ist Omuhona Kamaharero, auch Maharero genannt.52 Er und seine Gemeinschaft leben in Okahandja, einer Ansiedlung etwa 70 km nördlich von Windhoek. Der 1820 geborene Kamaharero hat sich nie taufen lassen, aber er arbeitet eng mit den Missionaren der Rheinischen Missionsgesellschaft zusammen. Seine Söhne besuchen die Missionsschule, wo sie sich taufen lassen und Unterricht erhalten »im Lesen und Schreiben sowie in Fächern wie Religion, Rechnen, Erdkunde, Naturkunde, Musik, Niederländisch und Englisch«.53 Vermutlich lernen sie auch Deutsch, denn ihre Lehrer waren deutsche Missionare.
Für die Bewohner des Groß-Namalandes spielten die Kategorien »Nama« oder »Herero« damals eine eher untergeordnete Rolle. »Die jeweilige Lebensumwelt der Menschen basierte nicht in erster Linie auf Ethnizität im heutigen Sinne, sondern bestand aus ihrem unmittelbaren Verwandschaftsnetz, das die Strukturen des Alltagslebens festlegte«, so die britische Historikerin Marion Wallace. Bei beiden Gruppierungen handelte es sich um Mischgesellschaften, es gab Ehen, Freundschaften und Handelsbeziehungen zwischen Herero und Nama, und viele Menschen sprachen beide Sprachen. »Im 19. Jahrhundert und davor bildeten sich afrikanische Gesellschaften hauptsächlich um mächtige Führerpersönlichkeiten heraus, die militärischen Schutz, Zugang zu Vieh, Land und Weidegründen sowie zunehmend auch die Gelegenheit, Handelsgüter zu erwerben, bieten konnten.«54 Wenn ich im Folgenden also weiterhin von »den Herero« und »den Nama« rede, muss man sich stets vor Augen halten, dass dies eine grobe Vereinfachung ist.
Da Wasser und Weideland nur in begrenztem Maß zur Verfügung steht, gibt es immer wieder Streit um die Ressourcen, von kleinen Rangeleien bis hin zu handfesten Kriegen. Zuweilen genügt ein kleiner Funke, um das Pulverfass zum Explodieren zu bringen.
Omuhona Kamaharero wendet sich daher immer wieder an Vertreter Großbritanniens oder Südafrikas mit der Bitte, ihm gegen lokale Khoekhoe-Gruppen und die ersten einwandernden Weißen beizustehen und letztendlich die Herrschaft über das Nama- und Hereroland zu übernehmen. Doch das britische Interesse an Südwestafrika beschränkt sich zu dieser Zeit noch ausschließlich auf den Hafen Walvis Bay, und auch die Regierung in Kapstadt will sich nicht in lokale Konflikte jenseits ihrer Grenze hineinziehen lassen.
Auch viele Missionare wünschen sich, dass in ihrem Missionsfeld endlich eine Kolonialmacht Ruhe und Ordnung schaffen soll. Am besten Deutschland. Damals besitzt die Rheinische Missionsgesellschaft noch das missionarische Monopol im heutigen Namibia.55 Und sie wird von einem ausgesprochenen Kolonialbefürworter geleitet: ihr leitender Inspektor, Friedrich Fabri, hatte 1879 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel Bedarf Deutschland der Colonien? 56 Eine Frage, die er entschieden bejaht. Das Buch trägt wesentlich dazu bei, dass sich in Deutschland nicht nur Fabrikbesitzer und Großagrarier für koloniale Bestrebungen begeistern, sondern auch viele Menschen aus dem Mittelstand. Ein Jahr nach Erscheinen seines Kolonialbestsellers ersucht Fabri in aller Form das Deutsche Reich, das Groß-Nama- und das Hereroland offiziell als Kolonie zu übernehmen. Allerdings stößt er zunächst auf taube Ohren.
So ist die Situation, als eines Abends im August 1880 einer der Herero-Hirten auf dem Viehposten Gurumanas südlich von Windhoek bemerkt, dass eine tragende Kuh fehlt. Er und seine Männer beschuldigen sofort die sich in der Nähe aufhaltenden Khoekhoe-Hirten des Diebstahls, binden einen von ihnen an ein Wagenrad und beschlagnahmen einige ihrer Kühe. Es folgt eine blutige Auseinandersetzung, und mehrere Hirten werden erschlagen. In dieser Situation erscheint die vermisste Kuh mitsamt ihrem neugeborenen Kalb an der Wasserstelle, ein Beweis, dass man den Khoekhoe Unrecht getan hat. Aus Rache rauben diese nun ihrerseits den Herero sämtliche Rinder – darunter auch die 1500 »heiligen Ochsen« von Kamaharero, die dazu ausersehen sind, bei seinem Begräbnis geschlachtet zu werden.
Als diesem der Vorfall zu Ohren kommt, ist er außer sich vor Wut. Er ordnet an, dass sämtliche Khoekhoe, die sich zu dieser Zeit in seinem Gebiet befinden, getötet werden sollen. Außerdem lässt er die Khoekhoe-Ansiedlungen Windhoek und Gobabis überfallen und zerstören. An die 200 Khoekhoe, Männer, Frauen und Kinder, sollen damals ihr Leben verloren haben.57
Währenddessen ist Hendrik Witbooi zusammen mit einigen Gefährten im Herero-Gebiet unterwegs. Er will dort Pferde gegen Rinder eintauschen und hat keine Ahnung von den Ereignissen in Gurumanas, als er plötzlich von einer Anzahl bewaffneter Herero umstellt wird. Zu seinem Erstaunen greifen sie ihn jedoch nicht an. Stattdessen befehlen sie ihm und seinen Begleitern, augenblicklich nach Hause zu gehen. Sie rüsten die verdutzten Witbooi sogar mit Pferden aus.
Am nächsten Tag hat Hendrik Witbooi eine religiöse Vision, die er später dem Missionar Olpp in einem Brief schildert.
Als ich aus dem Einschnitt zwischen den großen Khanigukhabergen herauskam, vernahm ich eine Stimme, die am 23. August 1880 folgende drei merkwürdigen Worte zu mir sprach: 1. Es ist vollbracht! 2. Der Weg ist geöffnet! 3. Ich gebe Euch einen schweren Auftrag!58
Jeder Witbooi, der das hört, weiß, worauf diese Vision anspielt. Sie bezieht sich auf ihren alten Traum, irgendwann ein neues, ihrer Größe und Stärke angemessenes Siedlungsgebiet zu finden. Schon Hendrik Witboois Großvater Kido hatte die Ansiedlung Gibeon nur als Provisorium angesehen. Und auch unter der Regentschaft von Moses Witbooi gab es immer wieder Bestrebungen, weiter in den Norden zu ziehen. Dort aber leben die Herero, die dies nicht kampflos hinnehmen werden. Eine Vision, die verheißt, dass »der Weg geöffnet« ist, verspricht also den Witbooi, dass ihre Suche nach einem neuen Siedlungsgebiet trotz aller Widerstände erfolgreich sein wird.
Bald nach diesem Ereignis beginnt Hendrik Witbooi, sich in Gibeon in die Politik seines Vaters Moses einzumischen. Viehraubzüge, die unter der Regentschaft seines Vaters gelegentlich vorgekommen waren, lehnt er ab. Er wendet sich vor allem an die jüngere Generation in Gibeon und fordert sie auf, das von ihren Vätern geraubte Vieh aus ihren eigenen Beständen zurückzugeben und auf diese Art wiedergutzumachen, »was unsere Eltern verdorben haben«.59 Viele Witbooi unterstützen ihn. Sie sind schon länger unzufrieden mit der Amtsführung des alten Kapteins.
Im Mai 1884 hält sich Missionar Hegner gemeinsam mit dem Kaptein von Berseba, Jakobus Izaak, in Gibeon auf und wird Zeuge, wie Hendrik Witbooi – zur Erbitterung seines Vaters – mit einem großen Gefolge bewaffneter Männer dort einrückt. Die Männer treten jedoch keineswegs aggressiv auf, sondern grüßen höflich den Kaptein und schlagen dann ein Lager auf, mitten in Gibeon, in der Nähe der Kirche. Dann schreibt Hendrik Witbooi einen Brief an seinen Vater, in dem er ihn ersucht, ihm zu vertrauen und ihm freie Hand zu lassen bei seinen künftigen Aktionen. Daraufhin bittet Moses Witbooi den Missionar, der inzwischen zum »Präses«, also zum Leiter der Nama-Missionare im Groß-Namaland, aufgestiegen ist, mit seinem Sohn zu reden.
Hegner stellt den rebellischen Thronanwärter daraufhin zur Rede:
