Ziemlich bester Schurke - Josef Müller - E-Book

Ziemlich bester Schurke E-Book

Josef Müller

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Beschreibung

Müllers Buch ist nur auf den ersten Blick ein pralles Gangster-Epos. Wer genauer hinsieht, entdeckt ein Buch der Weisheit und Selbsterkenntnis: den Bericht eines reichen Mannes, der alles verlieren musste, um den wahren Reichtum zu finden.

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Seitenzahl: 458

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Für die Münchner Schickeria war Josef Müller der Geheimtipp, bei dem man sein Geld anlegte. Doch die Wahrheit über den atemberaubenden Aufstieg des Starnberger Steuerberaters in den internationalen Jet-Set ist eine andere: Sein Leben hatte eine kriminelle Komponente – mit einem sanften Einstieg und James-Bond-reifen Folgen. Bald verfolgten ihn nicht nur die Gläubiger, sondern auf einer abenteuerlichen Flucht auch das FBI.

Müllers Buch ist nur auf den ersten Blick ein pralles Gangster-Epos. Wer genauer hinsieht, entdeckt ein Buch der Weisheit und Selbsterkenntnis: den Bericht eines reichen Mannes, der alles verlieren musste, um den wahren Reichtum zu finden.

«Hatte ich nicht alles, alles, alles? In verzweifelten Spiralen kreiste ich um Gegenstände, Zustände, Personen, Ereignisse, die ich unbedingt noch ‹haben› musste, damit ich zufrieden war. Ich grübelte ohne Ende über das fatale Loch in meinem perfekt designten Glückorama: Hallo, was konnte das denn sein? Mir musste doch etwas fehlen, schließlich war ich ja, mitten im Glück, irgendwie alles, bloß nicht glücklich.»

– Josef Müller

Josef Müller

Ziemlich bester Schurke

Kontakt

[email protected]

Facebook: Ziemlich Bester Schurke

Blog: www.ziemlich-bester-schurke.de

Josef Müller

Ziemlich besterSchurke

Wie ich immer reicher wurde

www.fontis-verlag.com

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2013 by `fontis - Brunnen Basel

Redaktion: Bernhard Meuser

Umschlag: Reinhold Banner, Grafik Designer, AugsburgFoto Umschlag vorne und Foto Klappe: Daniel BiskupFoto Umschlag hinten: Josef MüllerFotos Innenteil: © Josef Müller, außer die letzten 5 Bildseiten: Daniel BiskupE-Book: mbassador GmbH, Luzern

Inhalt

Kein Vorwort

1.Es stimmt, ich war ein Schurke

2.Auf der Überholspur

3.Roll on!

4.Gnadenlos Geld machen!

5.Die Logik der Gier

6.Der Sündenfall

7.Gangstergeschichte am Bosporus

8.Das Millionenspiel I: Negerschecks und blaue Koffer

9.Das Millionenspiel II: Geld stinkt!

10.Das Millionenspiel III: Pleite unter Kunstfreunden

11.Das Millionenspiel IV: Die Wahrheit über Bruce

12.Nobel geht die Welt zugrunde

13.Liebe, Angst, Vergessen

14.Fliehen Sie!

15.Die Verschwörung der chinesischen Glückskekse

16.Gut geplant ist halb geflohen

17.Unterschlupf mit Meerespanorama

18.Wie ich von Familie Dean adoptiert wurde

19.Second Life in Reality

20.Das FBI auf meinen Fersen

21.Schaut her, ich bin’s!

22.Müller on the rocks

23.Der Traum

24.Die Change-Manager kommen an Bord

25.Luftnummer mit Taube

26.Blind Date – oder: Alles auf Anfang

27.Ostern für Sad Max

28.Mein neues Leben ist on track

Epilog

Danksagung

Anmerkungen

Anhang

Kein Vorwort

«Für alle, die Dich wirklich kennen,

die Du geschädigt, gedemütigt, belogen, betrogen

und mit einer Eiseskälte

skrupellos ausgenommen hast

– und das sind ja nicht wenige –,

ist Deine wundersame Wandlung

noch einmal ein Schlag ins Gesicht!

Der Heiligenschein steht Dir nicht, Josef Müller!»

Aus einer E-Mail an den Autor

1

Es stimmt, ich war ein Schurke

Zwischen mir und meinem Gesprächspartner am Telefon mochten gut und gern 3000 Seemeilen liegen. Aber die knappe, kalte Drohung, die der Mann aus sich herauszischte, schoss mir wie glühende Lava ins Ohr.

Am anderen Ende der Leitung befand sich einer, mit dem nicht zu spaßen war. Der Name des Mannes war Bruce. Es gab Zeiten, da hielt ich Bruce für einen «Good Guy», einen verrückten Hund, einen coolen Typen, einen Superkumpel, auch für einen Freund, oder was ich damals so «Freund» nannte.

Bruce war großzügig; er verbreitete internationales Flair um sich herum, und er sah nun wirklich nicht schlecht aus: jung, drahtig, erfolgreich. Man konnte prima mit ihm in Bars abhängen, die Weltpolitik kommentieren oder mit sündhaft teuren Motoryachten die küstennahe See durchpflügen. Zu den Ritualen gehörte auch, dass man permanent ein paar dieser parasitär herumhängenden Models startklar machte für die Nacht – und ab und an eine Nase Kokain miteinander teilte, wenn der Kick nachließ.

Jetzt drohte mir «mein Freund» mit einem Killer, den er mir ganz gewiss auf den Hals schicken würde, wenn ich nicht innerhalb kürzester Zeit eine hohe Summe seiner Millionen, die er mir anvertraut hatte, an seine Frau transferieren würde – Geld, das ich dummerweise gerade an der Börse verzockt hatte.

Die Illusion, dass es sich bei meinem Freund Bruce um einen soliden amerikanischen Geschäftspartner handelte, dem ich bei einer größeren interkontinentalen Geldtransaktion behilflich war, besaß ich schon lange nicht mehr. Bruce war einer der gesuchtesten amerikanischen Drogengangster. Und ich war sein Geldwäscher. Er war der Gangster, und ich war der …

Ja, was war ich bloß? Ich ließ es in der Grauzone, denn ich wollte nicht darüber nachdenken, wer ich war und welches Mäntelchen ich mir umhängen müsste. Mein Dasein bestand aus einem Mix aus Sein und Schein, mit dem es sich prächtig leben ließ: Josef Müller, der vitale «Dreadnought», der Fürchtenichts und Kraftprotz im Rollstuhl, der es allen, allen, allen gezeigt hatte. Josef Müller, der clevere, unorthodoxe Geschäftsmann, der aus dem Nichts kam, aber einen untrüglichen Riecher für Geld und Erfolg besaß. Josef Müller, der Selfmademan, der ökonomisch durch jede Wand ging. Josef Müller, der Grandseigneur – Botschafter von Zentralafrika, Konsul von Panamá, Mann von Welt –, der sich aus kleinen Verhältnissen in Fürstenfeldbruck bei München in den internationalen Jetset hochgebeamt hatte. Josef Müller, der Genussmensch und Frauenliebhaber …

So ungefähr sah mein Selbstbild aus. Identität konnte man das nicht nennen, denn ich war gar nicht bei mir. Ich lebte ein Puzzle von geliehenen Identitäten, in denen ich mich pausenlos spiegelte. «A Hund is er scho» – sagen die Bayern, wenn sie finden, dass jemand ganz besonders unangepasst, clever und stark ist. Ja, «a Hund» wollte er sein, der Müller! Den Daumen sollten sie heben, mit den Augen sollten sie zwinkern bei der Nennung seines Namens. Zwanzig Sekunden genügten, und der Hund kam auf den Hund.

Ich sackte in mich zusammen; ein Nervenbündel, dessen schweißnasse Hände einen Hörer umkrallten. Alles, was ich war und zu sein glaubte, wurde in einem Moment zerschossen. Zerschossen durch die zischende Stimme von Bruce, dem Drogenboss, zerschossen durch einen mysteriösen Anruf aus der Zelle des Hochsicherheitstraktes eines Gefängnisses in Florida.

«Bruce ist kein Killer … Bruce ist doch kein Killer, he!, er doch nicht», beschwor ich mich selbst. Aber eigentlich hatte ich genug gesehen. Bruce agierte in einem Umfeld, in dem ein Menschenleben nichts zählte. Die diskrete Bande von Kubanern und anderen Latinos, die ihn, seine Familie und seine Freunde umgab, ob man sich nun am Pool, auf Reisen oder an der Bar befand, trug Waffen unter den Sakkos. Die geschniegelten Herrschaften dienten offiziell der Personensicherung, waren aber lebensgefährlich für alle, die sich den Anweisungen des Clans nicht willenlos ergaben. Für 1000 Dollar plus Tickets einen, besser zwei Latinokiller zu engagieren, sie über den Teich zu schicken, um mich hinzurichten – das, so konnte ich mir ausmalen, musste für Bruce, sogar vom Knast in Florida aus, ein Kinderspiel sein.

Die nächsten Wochen waren Horror pur. Ich wagte kaum, das Haus zu verlassen, schreckte zusammen, wenn es nur klingelte, wollte partout nicht zur Tür gehen. Verließ ich trotz meiner panischen Ängste das Haus, sah ich hinter jeder Ecke einen Pistolero lauern. Ich fixierte jede Gestalt, die in meine Nähe kam. Hatte der Mann da nicht dunkle Haare? Dieser Typ da, mit der Sonnenbrille! Sah er nicht aus wie ein Latino? Wie viel hatte ihm Bruce versprochen? In Parkhäusern meinte ich das dumpfe Ploppen einer schallgedämpften Waffe zu hören. Wenn ich mit dem Auto durch die Stadt fuhr, schreckte ich schon zusammen, wenn jemand neben mir an der Ampel hielt. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete ich den Fahrer. He!, sah er nicht wie ein gedungener Mörder aus? Ganz sicher würde er gleich das Seitenfenster herunterlassen, blitzschnell die Waffe auf dem Beifahrersitz ergreifen, das Mündungsrohr auf mich anlegen, abdrücken und mit Vollgas durchstarten.

Mit der Zeit stieg in mir die Hoffnung, dass sie mich nicht gleich umlegen würden. Bruce wollte ganz bestimmt wissen, wo seine Millionen sind. Denn dass er mir die Geschichte mit dem Pech meiner Börsenspekulation nicht glaubte, war mir klar. Er musste annehmen, dass ich ihn übers Ohr gehauen hatte.

So bekam ich über Nächte hinweg Albträume, in denen ich mich immer wieder von zwei seiner düsteren Jungs gefoltert sah, und zwar drehbuchmäßig, brutal, blutig. Ganze Thriller, von denen ich wohl in meinem Leben zu viele gesehen hatte, liefen in meinem Hirn ab. Mein inneres Filmzentrum erfand physische Qualen, mit denen mich meine Peiniger zwingen wollten, den Aufenthaltsort des Geldes preiszugeben.

Wie sollte ich ihnen aber klarmachen, dass es das schöne Geld von Bruce, all die vielen Millionen, die ich auf so abenteuerliche Weise nach München geschmuggelt hatte, gar nicht mehr gab? Es hatte sich in nichts aufgelöst. Weggeschmolzen, wie Schnee in der Sonne. Hier, Jungs, die Auszüge! Seht doch selbst. Keine Dollar mehr. Null, absolut null – Zero. Bitte glaubt mir doch!

Nacht für Nacht wachte ich auf, schweißgebadet, und hatte schreckliche Angst vor der Rache von Bruce, Angst sogar vorm Wiedereinschlafen, denn mich erwartete nur die Hölle neuer, schlimmer Träume.

In Wahrheit existierte die Gefahr nicht. Aus irgendeinem rätselhaften Grund musste Bruce entschieden haben, (jetzt) nicht gegen mich vorzugehen. Es genügte, dass die Angst da war. Dass sie da war und zur großen, bedrohlichen Macht in meinem Alltag wurde.

Im Feuer dieser Angst verstand ich langsam, wer ich wirklich war: ein Mitspieler des Bösen. Das Böse war keine Fiktion in schlechten Kriminalromanen; es existierte, quoll aus allen Ritzen, brach in meine sauber kontierte Welt ein, entwickelte eine unsichtbare, aber tödliche Omnipräsenz. Ich stand in aktiver Geschäftsverbindung mit dem Bösen, war Teil des bösen Systems, das sich jetzt gegen mich richtete und mich zu vernichten drohte. Morgen Früh vielleicht – auf dem Parkplatz von Edeka. Oder im Wald. Oder an einem Sommertag im Biergarten. Kopfschuss. Ende.

Als ich noch ein Kind war, hatte meine Mutter immer den alten Spruch zur Hand gehabt: «Sag mir, mit wem du umgehst – und ich sage dir, wer du bist.» Wie alle Kinder mochte ich den Spruch nicht. Ich wusste schon selbst besser, wer zu mir passte und wer nicht. Das musste ich mir nicht von den Eltern sagen lassen. Jetzt aber – im Feuer der Angst – kam mir zu Bewusstsein, dass ich einen Gangster meinen «Freund» genannt hatte. Wie weit war ich denn heruntergekommen? War ich selbst zum Gangster geworden? Ich habe das ehrlich erwogen. Damals zum ersten Mal, später immer wieder. In Morgenstunden, in denen mir der Suff und die Drogen des Vortages noch in den Kleidern hingen, in einsamen Nächten auf der Flucht, im Gefängnis.

Ich habe es hundertmal durchgekaut, und ich kann sagen, ein Gangster – nein, das war ich nicht. Die Mädels hatten es immer gut bei mir. Ich war nie kalt, bin nie über Leichen gegangen. Ja, ich bin sicher, es gab Gesetze, gegen die ich nicht verstoßen habe. Trotzdem hätte mir mit ein wenig Fantasie aufgehen können, dass all das schöne Geld, das mir zufloss wie der Mississippi dem Ozean, mit Blut und Tränen bezahlt wurde, mit Hunger, Elend, Ausbeutung, Suchtverfall, Menschenhandel und eben mit Mord. Trotzdem – ein Gangster war ich nicht.

Aber damit ist meine mühsame Ehrenrettung auch schon zu Ende. Es stimmt, ich war ein Schurke. Ich war Teil des Systems, habe schief in einer schiefen Welt gelebt, habe fünfe grad sein lassen, habe gelogen, betrogen und getrickst, Bilanzen geschönt und Schönheiten bilanziert. Ich war, wenn man so will, sogar ein ziemlich bester Schurke – ein weitgehend prinzipienloses, durchtriebenes, geldgieriges Wesen, etwas zwischen Biedermann und Spitzbub, Steuerarrondierer und Halbganove.

Ja, ich habe Menschen geschädigt und gedemütigt, bin leichtfertig mit fremdem Eigentum umgegangen, habe einige Dumme ausgenommen und Freunden etwas zugeschustert, habe um mein Leben geprasst, geschlemmt, gekokst, gesoffen und gehurt. Dass es jenseits meiner Champagner-, Kaviar- und Luxusfrauen-Welt Massenelend und Hungertod, Aids-Tragödien und Kindersoldaten gab, geschah außerhalb meines Horizonts. Ich hatte damit nichts zu tun. Ich war eben ein Egozentriker und Schurke. So war es. Punkt.

Dass ich freilich, wie mir jemand schrieb, der mich sonst treffend charakterisiert hat, andere mit «Eiseskälte skrupellos ausgenommen» hätte, bestreite ich, wo ich sonst alles bekenne. Es ist nicht wahr. Der berühmte Freiherr Knigge hat in seinem Buch Über den Umgang mit Menschen auch ein Kapitel geschrieben, in dem etwas vom richtigen Umgang mit meinesgleichen zu lesen ist. Darin befindet Knigge, Schurken seien «Leute, die von Grund aus schlecht sind … obgleich ich dafürhalte, dass – ein bisschen Erbsünde abgerechnet – eigentlich kein Mensch von Grund aus ganz schlecht, wohl aber durch fehlerhafte Erziehung, Nachgiebigkeit gegen seine Leidenschaften oder durch Schicksale, Lebenslagen und Verhältnisse, so verwildert sein könne, dass von seinen natürlichen guten Anlagen fast keine Spur mehr zu sehen ist».

Knigge hilft mir etwas: Ja, ich war ein schlimmer Hund. Andererseits befand ich mich doch auch in bester Gesellschaft. Business und Moral sind in den letzten Jahrzehnten eine neue Beziehung miteinander eingegangen. Der einst berühmte «ehrbare Kaufmann» bringt es zu nichts mehr – allenfalls uns zum Schmunzeln. Im Geschäftsleben sind so viele geistig verwildert; durch die Verhältnisse sind ihnen die guten Anlagen, die Ahnungen von Anstand, die Restbestände von Erziehung, die Zehn Gebote, alle irgendwie feststehenden Maßstäbe, abhanden gekommen. Cleverness rules. Wie oft habe ich den Satz gehört: «Das nehm’ ich auf meine Kappe!»? Wahrscheinlich hat ihn «Mister Lehman» auch zu seinen «Brothers» gesagt. Es kommt schon nicht raus! Fragt doch keiner danach!

Das Wichtigste scheint zu sein, dass mir keiner auf die Schliche kommt: nicht die Steuerbehörde, nicht meine Frau, nicht die Polizei, nicht der Allmächtige. Solange keiner von meinen Schweizer Konten weiß, bin ich Moralist. Der Mega-GAU ist die Entdeckung, nicht das Vergehen selbst. Die Entdeckung erst macht dich a-sozial; sie macht dich zum Schurken. Das ist übrigens jederzeit vergleichbar mit den aktuellen Fällen, die zurzeit durch Deutschlands Medienlandschaft gepeitscht und bis zum Geht-nicht-mehr ausgeschlachtet werden.

Bei mir war es einfach so, dass ich bis über beide Ohren fixiert war auf Geld und Erfolg. Ich diente diesen beiden Götzen mit Hingabe und Vollendung, ein Sklave, der sich selbst ausbeutet und wirklich alles gibt. Und weil meine Herren so hart waren, belohnte ich mich mit königlichen Genüssen. Zwischen exotischen Limousinen, Luxussuiten, Edelklamotten, Trüffel, Kaviar, Drogen und Frauen bestand nur ein gradueller Unterschied. Das Gute war nicht das Gute an sich. Es gab nichts objektiv Gutes. Gut war, was sich mir zum Genuss darbot, was ich mir einverleiben konnte. Der Rest war Dreck. Ich kannte keine andere Ethik. Zumindest fühlte ich sie nicht.

Es kam vielleicht hinzu, dass ich mit siebzehn Jahren durch einen grausamen Unfall in den Rollstuhl gezwungen wurde; ein Geschick, das für einen Vitalitätsbolzen und geborenen Unternehmer wie mich einfach nicht passte. Ich akzeptierte von da an keine Limitationen, auch nicht solche vom Schicksal, vom Himmel oder von weiß Gott woher. Ich wollte nicht nur das gleiche volle, satte, runde Leben wie alle anderen. Ich wollte mehr davon, deutlich mehr!

Pure Lust am Leben trieb mich immer hin zum größeren Spiel, zu starken Erfahrungen, riskanten Einsätzen. Ich gründete nicht eine Firma; es mussten gleich deren fünf und mehr sein. Mir genügte nicht ein Rolls Royce. Es musste gleich eine ganze Kollektion der teuersten Automobile der Welt her – von Maybach bis Ferrari. Mir genügte nicht eine erotische Eroberung; es mussten immer neue Betttrophäen her. Und wenn ich mit meinem rollenden Charme an eine Grenze kam, kaufte ich mir Liebe. Das horizontale Gewerbe hat gut von mir gelebt, wobei ich mich in bester Münchner Gesellschaft befand: Sänger, Journalisten, Politiker, Firmenbosse, Theaterleute.

Das Buch, das Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in der Hand haben, gibt zu manchen Missverständnissen Anlass. Erstens ist es kein weiteres Schurkenstück. Von bestens eingeführten Schurken (wie mir) nimmt man nämlich an, dass sie fortlaufend neue Schurkereien produzieren, wie Bäcker fortlaufend Backwaren produzieren, solange sie nicht die Profession wechseln. Ich, Josef Müller, bin immer noch derselbe Mensch, aber ich bin kein Schurke mehr – und dieses Buch ist kein Schurkenstück.

Ein Schurkenstück wäre es, wenn ich nun zum Ende hin, wo ich «11-Millionen-Euro-Betrüger» (so jedenfalls nannte mich anfangs die Boulevardpresse) mit nichts anderem mehr Reibach machen kann, mein filmreifes Leben selbst zu Markte trage – und dabei all die Geschädigten, Geprellten, Betrogenen («Josef Müller, wo ist mein Geld!?») zu unfreiwilligen Komparsen einer geilen Story mache.

Absahnen ist nicht mehr; das Geld bleibt mir ja nicht. Der frühere Hartz-IV-Empfänger Josef Müller hat so immense Schulden, dass sich seine vielen Gläubiger auch bei einer Steven-Spielberg-Verfilmung seiner Vita keine allzu kühnen Hoffnungen machen sollten. Trotzdem: Sollte ich den entstandenen Schaden gegenüber meinen Gläubigern je wenigstens teilweise wiedergutmachen können, so möchte ich das gerne tun.

Zweitens habe ich das Buch nicht geschrieben, um meine Person mit Glanz und Gloria zu versehen, meine gesellschaftliche Reputation final noch etwas anzuheben, meine Untaten literarisch zu verklären, einen Bestseller zu landen, um endlich wieder reich und glücklich zu werden. Reich werde ich nie wieder. Glücklich bin ich.

Drittens habe ich die Ereignisse dieses Buches nicht zu Papier gebracht, um vorab zu meiner Heiligsprechung beizutragen. Es geht durch die Bank um eine fatale Reise in die völlig falsche Richtung. Es geht um höchst fragwürdiges, nicht zur Nachahmung empfohlenes Handeln. Es geht um brutale ethische Aussetzer, meinen sukzessiven Wirklichkeits- und Werteverlust. Es geht um meine chronische Nichtdistanz zum Unsinn, den ich seinerzeit verbrochen habe, schließlich auch um die realen Gefühle, die ich dabei empfand. Ich hab geprasst und hab es genossen. Ich habe gehurt und hatte jede Menge Spaß dabei. Ich war ein ziemliches Arschloch – und werde meine Katastrophen weder mit Goldglanz versehen noch meine horrenden Blackouts im Nachhinein in die Sauce des Erbaulichen tunken.

Viertens habe ich das Buch nicht geschrieben, um mich über andere zu erheben oder andere Menschen zu beurteilen. Ich selbst hielt mich lange Zeit für Mister Oberwichtig, einen Großen unter manchen anderen Größen, mit denen ich mich umgab oder deren Gesellschaft ich suchte; ich war aber nur ein Kleiner, ein Seelenkrüppel, Geldjunkie und jämmerlicher Spielball meiner Lüste.

Von den «Größen», auf die ich einst baute, hat sich keiner gemeldet, als ich im Gefängnis saß. Aber ein bildhübsches 28-jähriges Mädchen, damals noch eine Prostituierte, kümmerte sich rührend um mich. Sie brachte mir ständig Geld, schrieb mir Briefe und sandte mir schöne Hemden und Hosen ins Gefängnis. Sie wusste, ich liebe schöne Hemden und schicke Klamotten. Das habe ich ihr bis heute nicht vergessen. «Wenn du die Menschen verurteilst», sagte Mutter Teresa einmal, «hast du keine Zeit, sie zu lieben.»

Fünftens sollte ich endlich sagen, was Sache ist: Ich habe im Gefängnis eine starke Erfahrung gemacht, habe eine bis heute anhaltende Umwertung meiner Werte erfahren. Kurz gesagt, habe ich erkannt, dass der Dienst am Geld eine zu anspruchsvolle Religion ist. Sie fordert immer deine ganze Seele. Gnadenlos. Du musst das Geld zu deinem Gott machen, musst sein Sklave sein, musst es anbeten, wenn du es haben willst. Diese Religion – sie ist recht verbreitet – kostet dich dein Leben.

Nun, ich habe sie gewechselt. Ich sitze nicht mehr in eurer Kirchenbank. Okay, ich weiß, was meine Gläubiger jetzt denken: Typisch Josef, keinen Cent in der Tasche, ein Pleitier und Habenichts, und gleich spielt er den heiligen Franz. Sauber! Er hat immer schon aus allem was gemacht, und sei es auch aus Dreck Gold.

Meine Antwort: Nein, es ist nicht typisch Josef. Wenn ich noch ein bisschen der Alte wäre, würde ich schon wieder an tausend Geldschrauben drehen. Ich bin in bester körperlicher und geistiger Verfassung. Ich wüsste noch immer, wie man zack, zack, zack ein bisschen – oder auch ein bisschen mehr – Geld macht. Aber es interessiert mich nicht. «Was nützt es dir, wenn du die ganze Welt gewinnst, aber deine Seele verlierst», hat jemand vor 2000 Jahren notiert. So denke ich nun auch. Ich habe meinen ursprünglichen Glauben wiedergefunden, halte ihn für die bessere Religion. Wesentlich besser als die, die meine Seele und mein Leben so brutal und gnadenlos forderte und sie beinahe für immer bekommen hätte. Knapp war das – unheimlich knapp.

Nun kriechen ja viele zu Kreuze, wenn ihnen der Schotter ausgeht, die biologische Uhr tickt oder die Leber zwickt. C.G. Jung, der Schweizer Seelenforscher, meinte schon 1932, jeder Mensch kranke «in letzter Linie daran, dass er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht hat, was mit Konfession und Zugehörigkeit zu einer Kirche natürlich nichts zu tun hat».

Aber genau das meine ich nicht. Ich bin das denkbar ungeeignetste Objekt für Seelenklempner. Diesem Herrn Jung hätte ich eine todsichere, steuerunschädliche Anlageempfehlung verkauft. Auf die Couch hätte er mich für Geld und gute Worte nicht gebracht. Ich bin von Beruf Steuerberater – und vom Charakter her auch: so nüchtern, penibel und pragmatisch, als hätten mich meine Eltern auf einem ostpreußischen Katasteramt gezeugt. Ich hasse Psychofritzen, Schwarmgeister, Prediger, Gurus und Visionäre … Ups, das gerade war ein Rückfall. Hass bringt nichts. Also lassen Sie sich überraschen, wie das mit mir gelaufen ist.

Ich kann dieses Buch nicht beginnen, ohne mich bei allen Menschen von Herzen zu entschuldigen, die ich in meinem Leben geschädigt, belogen oder gedemütigt habe. Sie werden dieses Buch vielleicht nicht ohne eine gewisse Verbitterung zur Hand nehmen. Ich kann nicht mehr sagen als: Ich bereue meine Handlungen und Taten aufrichtig. Ich wollte, ich könnte sie ungeschehen machen. Leider kann ich die Uhr nicht zurückdrehen, materiellen Schaden nicht wiedergutmachen, seelische Wunden nicht schließen. Ich hoffe, dass wenigstens einige meine ehrliche Entschuldigung annehmen können.

Den anderen, die es nicht können, will ich sagen: Denken Sie über Vergebung nach. Vielleicht gibt es in Ihrem Umfeld Menschen, die Ihnen vergeben müssten, um einen neuen Anfang und eine zweite (dritte, vierte) Chance zu haben. Dieses Buch hat damit zu tun, dass ich genau dieses glaube: Vergebung ist möglich. Rechnungen, die nicht beglichen werden können, müssen nicht auf Teufel komm raus beglichen werden. Wir müssen uns nicht permanent gegenseitig richten.

Dostojewskij hat in seinem Roman Die Brüder Karamasow ein paar bedenkenswerte Sätze über die Aufteilung der Welt in Gute und Böse gesagt: «Denke vor allem daran, dass du niemandes Richter zu sein vermagst. Denn es kann auf Erden niemand Richter sein über einen Verbrecher, bevor nicht der Richter selber erkannt hat, dass er genauso ein Verbrecher ist wie der, der vor ihm steht, und dass gerade er an dem Verbrechen des vor ihm Stehenden vielleicht mehr als alle anderen auch die Schuld trägt. Wenn er aber das erkannt hat, dann kann er auch Richter sein.»

Die Lektion, dass wir uns gegenseitig mit gerechteren und gnädigeren Augen betrachten sollten, lernte Dostojewskij übrigens im Gefängnis.

Und noch etwas: Gerechtigkeit ist nicht alles, wenn es die Liebe gibt.

2

Auf der Überholspur

Es war in der Zeit, als die schärfsten denkbaren Frauen noch «Brigitte» hießen.

Aufgeschlossene Nachkriegseltern konnten ihre hoffnungsvollen Töchter nur «Brigitte» nennen. Das lag an einer französischen Stilikone namens Brigitte Bardot. Ein sexy Mädel konnte höchstens noch «Helga» heißen. «Helga» war der Titel des Aufklärungsschockers von 1967. Unter Brigitte und Helga stellt man sich heute Damen vor, die sich mit dem Rollator zur Dauerwelle bewegen. Coole Typen hießen «Dieter» oder «Karl-Heinz», nicht unbedingt mehr «Josef»; das war katholisch und von gestern. Was in meinem Fall auch stimmte; ich kam aus einer katholischen Familie in Fürstenfeldbruck, aber ich war an Brigitte dran – und Brigitte war der Hammer. Brigitte war die Traumfrau der Region. Und ich war siebzehn und rechnete mir gute Chancen aus, ihr Herz zu erobern.

Außer der Hoffnung auf Liebeswonnen mit Brigitte besaß ich noch ein besonderes Auto, nämlich einen Ford Mustang. Die Karre war mein ganzer Stolz. Dass ich, Josef, kaum dem Stimmbruch entwachsen, einen solch brettlharten Untersatz mein Eigen nennen durfte, verdankte ich einem besonderen Umstand.

Mit einer Sondergenehmigung hatte ich bereits im Alter von sechzehn Jahren meinen Führerschein gemacht. Der Grund war der schlechte Gesundheitszustand meines Vaters, der im Rahmen seiner Handelsvertretung Waren ausliefern musste. Ich half ihm dabei. Zum Trost aller Menschen mit einem schlechten Gesundheitszustand sei es gesagt: Mein Vater lebte daraufhin noch vierzig Jahre. Nun, ich brauchte ganze sechs Fahrstunden, bestand einen unglaublich bekloppten medizinisch-psychologischen Eignungstest mit der Note 1 und absolvierte die Prüfung. Dann hatte ich ihn – den berühmten «Lappen», der meinen heimischen Kosmos sprengte und mir die Tore zur Welt aufmachte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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