Zimmer 30 - Olaf Thamm - E-Book

Zimmer 30 E-Book

Olaf Thamm

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Beschreibung

"Na was glaubt ihr denn, wie Gott aussieht?", fragte die Religionslehrerin an einem sonnigen Tag im Mai 2012 in den Klassenraum der 3. Klasse in der Grundschule in Rüdesheim hinein. Alle Kinder sahen sich fragend an, da meldete sich ein neunjähriger Junge. "Ja Lukas", sagte die Lehrerin, "was glaubst du, wie könnte Gott aussehen?" "Ich weiß wie der aussieht, ich habe ihn gesehen", meinte Lukas ruhig aber direkt. Klar, alle Kindergesichter gingen mit offenem Mund Richtung Lukas. Seine Lehrerin blieb gelassen. "Wie, du hast Gott gesehen? Erzähl uns doch davon." "Ja, ich hab' doch solange im Krankenhaus gelegen wegen meinem Herz und ich lag doch auch im Koma, und einmal kam so eine helle weiße Gestalt und meinte: 'Komm Lukas, kämpfe, ich hole dich noch nicht!'“

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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2021

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»Eigene Schmerzen ertragen wir leichter

als die Leiden unserer liebsten Angehörigen.«

Friedrich von Bodenstedt

»Es gibt Dinge im Leben, die dich zweifeln lassen,

zweifeln lassen an dem Jetzt und Hier,

Dinge, die dir deinen Glauben

und deine Zuversicht nehmen,

Dinge, an denen du zerbrichst,

an denen dein Leben zu Grunde geht,

Dinge, die dich ganz tief drin treffen,

die dich aber auch wieder etwas näher zu Gott bringen.«

Olaf Thamm

Für Lukas

Für alle Familien, die ein Organ gespendet haben.

Für alle Familien, die ein Organ empfangen haben.

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1: Wir sind die Thamms Eine typische Familie

Kapitel 2: Wie alles begann Das erste Mal

Kapitel 3: Das Leben mit der Angst Das zweite Mal

Kapitel 4: Die Faust im Nacken Unser Leben im Krankenhaus

Kapitel 5: Alles neu macht der April Die große OP

Kapitel 6: Phönix aus der Asche Das Leben mit dem neuen Herzen

Danksagung

Anhang

Auszüge aus Arztberichten im Jahre 2012

Auszug aus dem 1. Untersuchungsbericht nach der Transplantation im Juni 2017

Auszüge aus den Arztberichten zur Implantation eines Stents im Februar 2018

Auszüge aus dem Arztbericht mit Abstoßungsstufe 2, Juli 2019

Vorwort

Ich bin kein Schriftsteller oder Buchautor, das werdet ihr schnell feststellen.

Und ich habe in meinem Leben viele Bücher angefangen, aber vielleicht nur vier oder fünf davon fertiggelesen, und meistens waren es Biographien. In der Grundschule hieß es sogar, ich sei Legastheniker. Wer mich kennt, der weiß, dass ich auch kein guter Redner oder einer für große Worte bin, ich bin eben ein ganz normaler einfacher Kerl.

Trotzdem habe ich probiert, das erlebte und gelebte Ereignis auf Papier zu bringen, aufzuschreiben. Einiges war notiert, »schreiben Sie sich alles auf«, sagten die im Krankenhaus. Aber das meiste kam aus dem Kopf, aus der Erinnerung und in Gesprächen mit Ulla, meiner Frau, und der Familie.

Jedenfalls ist das, was ihr zu lesen bekommt, ehrlich, direkt, so erlebt und niedergeschrieben, wie es geschah, und von mir alleine verfasst (na ja, eine gute Freundin meinte, lass mich lieber mal drüberschauen).

Das ist die Geschichte eines Jungen und seiner Familie, der seit seiner Kindheit mit Herzproblemen zu kämpfen hatte. Sie durchleben mehrmalige Krankenhausaufenthalte, eine Schrittmacher- und Defibrillator-Implantation, später gefolgt von einer Herztransplantation. Die Geschichte erzählt von Leid, Kummer, Ängsten und vielen Schmerzen, von kompletter Hingabe, aber auch von Freude, Spaß, Begegnungen, Zusammenhalt und echten Freunden.

Warum ich dieses Buch schrieb?

Ich glaube, es half mir dabei, das ganze Erlebte besser zu verarbeiten.

Außerdem möchte ich – und das ist mir erst bewusst geworden, als ich schon dabei war, das Buch zu schreiben – etwas mehr für das Thema Organspende sensibilisieren und die Notwendigkeit der Spendenbereitschaft etwas mehr in dein Bewusstsein bringen. Die meisten Leute, mit denen ich darüber sprach, meinten nur, dass sie noch nie an sowas gedacht hätten.

In Deutschland herrscht ein erheblicher Mangel an Organspendern.

In den letzten Jahren hat die Zahl der Organspender immer weiter abgenommen.

2017 hatten wir den Tiefststand, mit gerade mal 797 Personen, die ein Organ spendeten.

2018 gab es im Vergleich dazu immerhin 20 % mehr Spender, also knapp unter 1.000, dem stehen aber zurzeit etwa 9.500 Menschen gegenüber, die auf ein neues Organ warten.

Im Januar 2020 wurde im Bundestag wieder über das Thema abgestimmt. Leider ist es bei der »Entscheidungsregel«, die wir in unserem Land haben, geblieben.1

Ohne eine Organspende wäre Lukas nicht mehr am Leben. Gleiches gilt für Lukas Schwertel und Gonzalo Pereira. Alle drei leben, weil andere bereit waren zur Organspende. Wir sind sehr dankbar für diese zweite Chance.

Vielleicht kann unsere Geschichte ja dazu beitragen, dass sich in den Köpfen der Menschen was verändert.

1 Quelle: www.die-debatte.org/organspende-aktuelles vom 20.01.2020

Kapitel 1: Wir sind die Thamms

Eine typische Familie

Wir sind die Thamms. Also die Familie Thamm. Wir sind eine ganz normale, fünfköpfige Familie. Ja, wir haben drei Kinder, was ja hier heute in Deutschland auch nicht immer als normal angesehen wird. Wir wohnen in Rheinland-Pfalz, genauer im Nahetal, in Rüdesheim. Rüdesheim bei Bad Kreuznach, bitte nicht zu verwechseln mit dem anderen Rüdesheim auf der »Eebsch Seit« (= auf der anderen Rhein-Seite).

Da gibt es meine tolle Frau Ulrike, die alle nur Ulla rufen, unsere große Tochter Lena, die dieses Jahr 26 Jahre alt wird, unsere mittlere Tochter Lara, sie ist 22, und dann noch unser Nachkömmling Lukas, er ist 18, und natürlich noch mich, Olaf.

Ich arbeite in einer Klinik als Physiotherapeut (Drei-Burgen-Klinik in Bad Münster). Früher, bevor Lukas krank wurde, arbeitete ich zusätzlich noch zweimal in der Woche in einer Praxis in Bad Kreuznach, in welcher auch Ulla heute noch an der Anmeldung arbeitet.

Zu Hause, nach Feierabend, absolvierte ich dann noch diverse Hausbesuche, wie erwähnt, zweimal in der Woche bis 19 Uhr in der Praxis, und direkt im Anschluss noch bis 20 Uhr Kurse für die AOK. Dann noch meine Tätigkeit als Übungsleiter im Turnverein.

Ja, das Leben ist teuer, und eine fünfköpfige Familie braucht etwas mehr Geld. Also war in der Woche wenig Zeit für die Kinder, meist gingen sie schon zu Bett, wenn ich gerade heimkam. Aber sonstige freie Zeit und die Wochenenden galten den Kindern. Wir bekamen es sogar hin, einmal im Jahr mit allen in Urlaub zu fahren. Meist nur kurz und einfach, aber das war uns schon wichtig. Jeder weiß, wie schnell diese schöne Zeit mit den Kindern vorbei ist.

Wir Eltern werden dieses Jahr beide 54. Wir bewohnen ein kleines Einfamilienhaus, und wir hatten sogar 2017 schon unsere Silberhochzeit.

Unsere mittlere Tochter Lara ist 2018 ausgezogen, sie wohnt jetzt in Fürfeld und drei Jahre früher ist Lena, nach Hüffelsheim gezogen. Alles nicht so weit weg, beide Dörfer liegen im Kreis Bad Kreuznach.

Unser Verhältnis ist super. Mindestens einmal pro Woche wird telefoniert oder sie kommen vorbei (Das war schon immer meine Aussage: Wenn sie gerne wiederkommen, dann hast du alles richtig gemacht).

Übrigens in Hüffelsheim lebt unsere ganze Verwandtschaft: Ullas Eltern und Geschwister, mein Bruder, unsere Eltern wohnten auch in dem Ort, aber Papa Rainer und Mama Sabine sind leider schon verstorben.

In unserer Familie gibt es etwas eher Ungewöhnliches, denn mein Bruder Christian hat die Schwester von Ulla geheiratet, Petra. Also haben wir dieselben Schwiegereltern, Hilde und Walter, und denselben Schwager, nämlich Ullas und Petras Bruder Wolfgang, den alle Wolli rufen.

Christian und Petra haben zwei Mädchen, Eva (29) und Maike (26). Wolli wurde dieses Jahr 50 und ist seit Jahren mit Meike (49) aus dem hohen Norden verheiratet. Ja das ist unsere ganze große Familie. Die jungen Damen haben mittlerweile auch feste Freunde, die den Familienkreis erweitern und bereichern.

Wir verstehen uns wirklich alle sehr gut (kleine Unebenheiten gibt es natürlich auch bei uns) und sind alle für den anderen da. Alle Geburtstage und Feste im Jahr werden gemeinsam gefeiert und zelebriert.

Also alles in allem eine normale durchschnittliche Familie, wie es sie millionenfach in Deutschland gibt. Aber das, was sich bei uns ereignete, sollte uns alle auf eine harte Probe stellen, und das für ein lange, lange Zeit.

Aber jetzt möchte ich euch erst nochmal die Hauptperson dieses Buches etwas näherbringen, unseren Lukas. Lukas Thamm. Am 28. Juli 2002 erblickte er das Licht der Welt. Als kleiner Bruder von zwei Mädchen und mit zwei älteren Cousinen, war er natürlich der »kleine Prinz« in unserer Familie. Ein kleiner blonder Kerl (so blond wie der Michel aus Lönneberga), verspielt, sportlich, immer gut gelaunt und mit einem Lachen und einer guten Seele ausgestattet, die wirklich jeden traf. Also ein richtiger Sonnenschein, der natürlich auch seine Schattenseite hat, so wie das eben bei jedem so ist.

Er besuchte in unserem Ort den Kindergarten und ging in Wallhausen in die Vorschule, bevor er 2009 in der Grundschule Rüdesheim eingeschult wurde. Nach der vierten Klasse kam er nach Hargesheim in die Alfred-Delp-Schule, wo er dieses Jahr 2020 mit einem Realschulabschluss seine schulische Laufbahn beendet hat. Seit August 2020 ist er in der Ausbildung.

Handwerklich ist er sehr begabt, denn seine ersten Lebensjahre verbrachte er mehr oder weniger auf der Baustelle unseres Einfamilienhauses. Schnell waren alle Hämmer, Zangen, Kellen und Schaufeln seine besten Freunde.

Und immer an der Seite von Opa Walter, erlernte er schnell die Kniffe eines Handwerkers. Überall, wo es was zu »schaffe« gab, war er mit von der Partie, bei seinem Opa.

Er spielte gerne Fußball, und ging auch mit mir in die Turnhalle an die Geräte. Aber wichtig war jeder Stock oder Stab, der sofort umfunktioniert wurde in jegliche Schusswaffen, Schwerter oder irgendetwas, mit dem man kämpfen konnte. Ein Junge eben.

Wichtig war aber auch viel raufen, sich balgen, aber auch kuscheln und viel gutes Essen (so wie die ganze Familie).

11. April 2018

Wir sind mal wieder in Heidelberg. Routineuntersuchung von Lukas, alle drei Monate eine. Die Fahrt dauert immer so 1 ½ Stunden, 120 Kilometer.

Aufgestanden wird dann um 6.00 Uhr und um 6.30 Uhr ist meist Abfahrt. Bis kurz vor Heidelberg läuft es meist ganz gut, doch dann kämpfst du mit dem Berufsverkehr in der Stadt. Wir nehmen immer den frühsten Termin, 8.00 Uhr, dann haben wir hinten raus immer genug Luft. Meist sind wir dann so gegen 11.00 Uhr fertig, aber es dauert auch manchmal bis 13.00 oder 14.00 Uhr.

Wenn du in Heidelberg dann in das Gebiet der Unikliniken abfährst, geht’s vorbei an riesigen Kliniken. Eine Kopfklinik, ein Nierenzentrum, ein Strahlentherapiehaus und jede Menge Studentenwohnheime. Und dann siehst du schon links den großen Kasten und dann fahren wir nach rechts ins Parkhaus. Immer wenn wir von dem großen Parkhaus rüber gehen, liegt die Klinik zu unserer linken Seite. Oben in der dritten Fensterreihe kann man die Zimmer der Station sehen. Große Fensterfronten, ca. 4 x 4 Meter, mit einem 60 x 60 Zentimeter kleinen Fensterchen zum Lüften.

Über einen breit gepflasterten Vorplatz, der links und rechts von blühenden Kirschbäumen eingefasst ist, geht es zum Haupteingang. Durch eine gewaltige Schiebetür gelangt man in die große Vorhalle, an der Information vorbei, links herum und dann geht’s zu den zwei Fahrstühlen.

Vorher zieht Lukas immer seinen Mundschutz an und die Hände werden desinfiziert. Meist werden wir von Schwestern, Putzfrauen, Ärzten oder Lehrern gegrüßt, »Hallo Lukas, wie geht’s dir?«, fragen alle. Ja, wir sind hier sehr bekannt.

Hoch in den dritten Stock, vorbei an der Aufnahme der Onkologischen Kinderstation, rechts herum durch die Glastür (mit dem Türöffner in zwei Meter Höhe, damit keine Kinder drankommen) auf die Station K3 der Kardiologischen Kinderklinik in Heidelberg.

Nachdem wir uns bei den Schwestern angemeldet haben und nach einem kleinen Plausch nehmen wir wie schon immer auf der grünen langen Bank Platz, um auf Lukas’ Voruntersuchung zu warten.

Mein Blick geht immer wieder auf die Tür von Zimmer 30. Unser Zimmer 30, ein 2-Bett-Zimmer mit Platz für zwei Beistellbetten.

Eine Schleusentür führt in einen kleinen Vorraum mit Garderobe auf der linken Seite und rechts zwei Regale mit allen möglichen Pflastern, Verbänden und medizinischen Utensilien.

Durch eine breite Tür kommt man in das eigentliche Zimmer.

Zur linken befindet sich ein kleines Bad mit Toilette, begehbarer Dusche, Waschbecken und Regalen für Waschutensilien, ausgelegt für zwei Patienten. An der gleichen Seite zwei Betten und auf der anderen Seite ein Wickeltisch, ein Tisch mit zwei Stühlen und oben ein Wandfernseher mit integriertem DVD-Spieler. Alles ist in schlichtem Weiß gehalten, bis auf den grauen PVC-Boden.

Ja vor einem Jahr waren hier die Wände links und rechts noch voll mit Postern und Bildern.

Mein Gott, denke ich so für mich, wie haben wir das alles gemeistert und überstanden, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und sogar Jahr für Jahr.

Sieben Jahreszeiten haben wir hier verbracht, erlebt, gelitten und gebetet.

Kapitel 2: Wie alles begann

Das erste Mal

Es war ein ganz normaler Samstagabend, im Februar 2010. Ich glaube, wir bereiteten uns gerade auf den Haribo-Mann vor, wie die Kinder, zu Gottschalks »Wetten, dass ...?« sagten, das war immer ein Fest für die ganze Familie. Mit Chips, Flips, Limonade und viel Kuscheln, zusammen auf unserer großen Couch.

Lukas und ich waren im Wohnzimmer, auf dem Teppich am Raufen, wie fast jeden Abend, als ich in einer Pause mit meinem Kopf auf seiner Brust lag und spürte, wie sein Herz raste. Wir haben das dann auf die Anstrengung beim Toben zurückgeführt.

Wir waren uns aber einig, dass wir trotzdem »Dr. Bobs« Rat hören sollten. »Dr. Bob«, so nennen die Kinder unseren guten Freund und Nachbarn Udo auch heute noch liebevoll, wenn sie mal krank sind. Aufgrund seines beruflichen Werdegangs kennt er sich wirklich sehr gut in medizinischen Sachen aus.

Natürlich verlangte er für seine Untersuchung und Beratung einen Schoppen2, aber auch er meinte, dass das Herzrasen vom Toben sei.

Zu dieser Zeit hatte Lukas aber auch sehr oft Bauchweh und Kopfschmerzen und lag fast jeden zweiten Tag mit einer Wärmflasche für den Bauch auf der Couch. Natürlich waren wir regelmäßig beim Kinderarzt für die Untersuchungen im gelben Heft und haben in Blut, Urin und Stuhl alles gründlich untersuchen lassen, aber kein Arzt konnte etwas Genaues feststellen. Die Kinderärztin meinte nur, dass er vielleicht alles mit dem Bauch verarbeitet wie seine große Schwester Lena. Die kleinste Aufregung, sei es privat oder in der Schule, machte ihr immer Bauchweh.

Bei einer weiteren unzufriedenstellenden Untersuchung bei unserer Haus- und Kinderärztin meinte sie: »So jetzt reicht es mir, wir überweisen den Kleinen mal ins Krankenhaus mit Verdacht auf Blinddarm, dann können die ihn mal auf den Kopf stellen.«

Mann, das ist vielleicht ein Mist, und ich glaube, das haben schon viele von euch erlebt. Du rennst von Arzt zu Arzt, und jeder will dir natürlich auch helfen: »Geh doch mal zu dem oder zu der, oder probier doch mal dieses oder jenes aus, aber geholfen hatte letztlich nichts.« Sowas macht dich verrückt. Ich hab schon immer mit den Kindern mitgelitten, wenn die was hatten.

Also sind wir am 22. März 2010 ins Diakonie Krankenhaus in Bad Kreuznach eingerückt. Meine Frau war tagsüber bei ihm und ich durfte dann die Nacht bei ihm verbringen. Aufnahmeuntersuchung mit Blutabnahme, Blutdruckmessen, Temperatur und in den Hals geschaut. Blinddarm? Lukas war in dieser ersten Nacht sehr unruhig und er wackelte immer mit seinem Kopf, als ob er einen Tremor3 hätte.

Am nächsten Tag stand dann eine größere Untersuchung an und Ulla erzählte mir abends, dass der Arzt oft gesagt habe: »Zappel doch nicht so rum, Lukas, sonst kann ich dich ja gar nicht richtig untersuchen.«

An dem Abend brachte ich Lukas ein neues Kuscheltier mit, einen Eisbären, den er direkt Purzel taufte (jedes meiner Kinder bekam immer ein Kuscheltier mitgebracht, wenn es krank war). So wurde es langsam Nacht und Lukas ging es irgendwie immer schlechter. Er wurde immer unruhiger, wackelte noch mehr mit dem Kopf und klagte ständig über diese Bauchschmerzen. Als die Nachtschwester kam und nach seinem Zustand fragte, meinte ich: »Dem geht’s gar nicht gut, schauen Sie sich den doch mal an.«

»Wir machen mal ein EKG-Bild, der Arzt wollte mal eins sehen!«, erwiderte sie.

Mann oh Mann, dachte ich, wie lange braucht die denn, um alle Anschlüsse anzulegen, schon 30 Minuten, immer wieder musste sie auf dem Beschreibungszettel nachsehen, und Lukas machte es ihr nicht wirklich leicht, er wurde immer unruhiger. Als das EKG endlich geschrieben war, ging sie direkt raus, um es dem zuständigen Arzt zu bringen.

Und dann ging plötzlich alles sehr schnell.

Innerhalb von Minuten war unser Zimmer voll mit Ärzten und Schwestern, die Lukas abholten, um ihn direkt auf die Intensivstation zu verlegen und mich auf dem Weg fragten, ob Lukas was am Herzen habe und ob es eine Herzkrankheit in der Familie gebe?

»Nein, keine Ahnung, was ist nur mit meinem Jungen los?«, fragte ich völlig aufgelöst.

Im Intensivzimmer wurde er umgebettet, an den Monitor angeschlossen, bekam Zugänge gelegt, Sauerstoff in die Nase und eine Blutdruckmanschette angelegt. Und dann das erste Bild auf dem Monitor: Herzrhythmusstörungen mit 275 Puls – ein lebensbedrohlicher Zustand.

Mir fiel alles aus dem Gesicht. Ich bekam Panik, Angst und musste weinen.

Drei Schwestern und drei Ärzte standen um das Bett herum. Es wurde telefoniert, er bekam Medikamente über die Zugänge, immer wieder in die Augen geleuchtet und ständig wurde sein Herz abgehört. Laufend kam jemand anderes dazu und es wurde sogar ein Defibrillator neben sein Bett gestellt. Und immer die gleichen Fragen – ist Lukas herzkrank? War so was schon mal? Gibt es eine Herzkrankheit in Ihrer Familie?

Ich kam mir vor, als wäre ich gar nicht richtig anwesend. Ich verstand, dass ich gefragt wurde, immer wieder, aber die Frage erreichte mich nicht – ich schaute mein Gegenüber nur an, bekam gar nichts mit, als würde ich durch ihn durchschauen, gar nichts hören und verstehen.

Da lag mein kleiner Junge in so einem Riesenbett, auf einer Intensivstation, voll mit Kabeln und Spritzen, mit Blutflecken auf dem Laken und sein Brustkorb wackelte im Takt seines Pulses. Ich habe in meinem Leben noch nie solche Angst gehabt. Ich meine nicht das, was wir so kennen: Im Dunkeln nach Hause gehen, Angst vor dem Zeugnis, Prüfungsangst, oder die Angst vor dem ersten Anschiss zu Hause und die Angst vor der Klassenarbeit. Nein, ich meine Todesangst. Solche, die dich erstarren lässt, so, dass Kopf und Geist nicht mehr klar denken können, die Angst vor dem Tod, die Angst, dass dein Kind stirbt! Und du stehst da und kannst nichts tun.

Dann nahm sich endlich mal ein Arzt meiner an: »Herr Thamm, Sie sehen ja selbst, was hier los ist, es ist leider sehr ernst. Lukas hat starke Herzrhythmusstörungen, Sie sehen das ja auf dem Monitor, an seinem verrückten EKG-Bild und seinem hin- und her springenden Puls. Ich stehe telefonisch schon die ganze Zeit mit Heidelberg in Verbindung, das sind Spezialisten für Herzkrankheiten bei Kindern, und wir haben uns mit der Medikation abgesprochen. Wir haben uns gemeinsam dafür entschieden, dass Heidelberg ihn holt. Die sind schon mit einem Team unterwegs, da ist er wirklich gut aufgehoben, es tut mir sehr leid. Rufen Sie am besten Ihre Frau an, dass sie auch nochmal kommt, um Lukas zu sehen.«

Wumm – wie ein Tiefschlag, mit dem Hammer auf den Kopf, mitten ins Herz. Erstmal bin ich schnell nach unten, eine rauchen. Ich hab nur geweint, gezittert, Kopfkino – noch ’ne Kippe und dann zum bis dahin schlimmsten Telefonat meines Lebens. Oh Gott, ich zitterte und weinte so, ich konnte kaum sprechen. Ich glaube, es war so gegen 1.30 Uhr.

»Schatz, hör mir gut zu, die wollen Lukas nach Heidelberg verlegen. Wenn du ihn vorher nochmal sehen willst, dann komm jetzt, ich erklär dir alles hier und fahr langsam.« »Oh Gott«, schluchzte sie, »was ist mit meinem Kind?«, und legte auf. Ich war so durcheinander, ich musste jemand anrufen, mich mitteilen, was loswerden. Ich rief Udo an. Der war auf einer Tagung in Hannover, er fiel auch aus allen Wolken. Ich quatschte mich aus, danach ging ich zu Lukas. Ich stand die ganze Zeit an seinem Bett und sah, wie dieser kleine Körper immer wieder geschüttelt wurde. Er war die ganze Zeit wie weggetreten. Einmal, nur einmal in dieser Zeit sagte er was zu mir, es prägte sich wie ein Brandeisen in meinen Körper: »Papa, Papa mein Herz tut so weh!« Diese Hilflosigkeit am Bett deines Kindes macht dich fertig. Endlich nach gefühlten drei Stunden stand meine Frau vor mir. Sie sah die Angst und Verzweiflung in meinen Augen, fing an zu weinen und sagte nur: »Ich will mein Kind sehen.« Der zuständige Arzt nahm sich ihrer an und erklärte ihr die ganze Situation nochmal. So saßen wir da neben dem Bett, schweigend, weinend, Lukas’ Hände haltend und umgehauen von dem, was uns da gerade passierte.

Nach einer Ewigkeit traf dann dieses Team aus Heidelberg ein. Wir mussten das Zimmer verlassen, es wurde eine Patientenübergabe durchgeführt und dann kam der Arzt zu uns: »Hallo Herr und Frau Thamm, ich bin Dr. Springer und bei Ihrem Sohn, das ist Intensivpfleger Rainer.« Hand in Hand, starr vor Angst und Ungewissheit hörten wir ihm zu. Leise und mit einer beruhigenden Art erklärte er uns den Stand der Dinge. »Also Herr und Frau Thamm, Sie haben ja gesehen wie es Lukas geht, mit seinen Rhythmusstörungen, was Ihnen ja der hier behandelte Arzt schon erklärt hat und ich möchte Ihnen auch nichts vormachen, es sieht leider nicht gut aus für Lukas. Genaueres zu seinem Zustand und weiteren Behandlungsstrategien kann ich Ihnen dann erst morgen sagen, wenn wir ihn bei uns haben und unsere Untersuchungen ausgewertet sind. Ich denke, Sie sollten sich jetzt von Lukas verabschieden. Ich kann Ihnen aber versprechen, dass er bei uns in guten Händen ist und ich alles Menschenmögliche für ihn tun werde. Fahren Sie nach Hause und probieren Sie etwas zu schlafen, das war für Sie alles sehr stressig. Kommen Sie dann morgen Vormittag zu uns.«

Ja, so standen wir dann bei Lukas an seiner Transportliege, haltend, küssend, streichelnd und ihm Mut und Zuversicht zuredend und dann schaust du zu, wie dein Kind im Fahrstuhl verschwindet. Stumm, wie gelähmt, fassungslos und wie in einem Albtraum standen wir noch einen Moment lang da, um dann heimzufahren.

Es war 3.30 Uhr, als wir im Auto saßen. Es fiel kein Ton. Jeder war mit seinen Gedanken und Tränen beschäftigt. Zu Hause lief alles sehr ruhig ab, als ob jeder wie in Trance wusste, was er zu tun hatte. Ulla packte eine Tasche für Lukas, ich für mich, machte mir dann noch ein paar Notizen, was zu fragen, zu telefonieren, zu erledigen war, um dann am Tisch nochmal richtig loszuweinen in meiner Verzweiflung. Ich probierte dann wirklich, etwas zu schlafen, aber wie zu erwarten, ging es einfach nicht. Nach einer tröstenden Umarmung und einem doppelten Espresso saß ich dann gegen 6.30 Uhr im Auto Richtung Heidelberg. Universitätsgelände. Nach mehrmaligem Fragen hatte ich das Gebäude dann endlich gefunden. Kardiologische Kinderklinik Heidelberg. Ein Hochhaus. Oben im fünften Stock befand sich die Intensivstation.

Man musste an dem Haupteingang klingeln, durch eine Schleuse gehen, wo man einen sterilen Kittel anzog, um dann in den Hauptraum der Intensivstation zu gelangen. Ein großer Raum lag vor einem voll mit Schreibtischen und Monitoren und angrenzend nach links, rechts, oben und unten befanden sich vier Intensivzimmer. Viele Pfleger und Ärzte rollten mit ihren grünen Intensivklamotten mitten in dem Raum auf Bürostühlen hin und her, zwischen den Monitoren, Akten, und Schränken.

Aus einem angrenzenden Büro sah ich dann Dr. Springer, der auch direkt auf mich zukam. »Hallo Herr Thamm. So schnell hätte ich Sie gar nicht erwartet, aber wenn er mein Sohn wäre, hätte mich auch niemand halten können. Kommen Sie, wir gehen zu ihm.« Da lag er, in einem Intensivzimmer, der kleine Kerl in so einem großen Bett, schlafend, mit Sauerstoffschlauch in der Nase, links und rechts mit venösen Zugängen, fünf Perfusoren4