Zitroneneis - Victor Vila - E-Book

Zitroneneis E-Book

Victor Vila

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Beschreibung

Coming of Age in den Sechzigern und Reifeprüfung in den Siebzigern: Der erste Sex, die erste eigene Bude, das erste Auto, die erste Liebe, damit beginnt die Zeitreise in die 1960er und -70er Jahre. Victor Vila nimmt uns mit in eine Zeit voller Träume und Abenteuer, in der Sexualität irgendwie vitaler war und die Arbeitswelt eine, von der heutige Jugendliche nur träumen können! Der junge Victor ist fasziniert von seiner attraktiven Arbeitskollegin Brigitte. Sie ist jedoch liiert und unerreichbar für ihn. Und doch entwickelt sich eine romantische Affäre, die nicht ohne Folgen bleibt …

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EPUB
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Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Victor Vila

Zitroneneis

Süß und herb

wie das Leben

Roman

Copyright © 2021 Victor Vila

Alle Rechte vorbehalten.

Titel: Zitroneneis

Untertitel: Süß und herb wie das Leben

Sprache: Deutsch

Autor: Victor Vila

Umschlaggestaltung: Victor Vila

Kontakt: [email protected]

Lektorat: Friederike M. Schmitz, www.prolitera.de

Verlag & Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

www.tredition.de

978-3-347-27919-3 (Paperback)

978-3-347-27920-9 (Hardcover)

978-3-347-27921-6 (e-Book)

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Inhalt

1 Prolog

2 Das Universum

3 Annäherung

4 Brigitte

5 Die Dunkelkammer

6 Die Sechziger

7 Spritztour

8 Die weiße Rose

9 Das Duell

10 Finsternis

11 Erste Schritte

12 Feuertaufe

13 Internat

14 Soldatenzeit

15 Isabella

16 Paris

17 Freiheit

18 Flaschenpost

19 Sofies kurze Fahrt

20 Das neue Leben

21 Das Fenster zur Straße

22 Ungeschliffener Diamant

23 Sonne und Sand

24 Das Unternehmen

25 Gerüchte

26 Dunkle Wolken

27 Einschnitt

28 Der Traum von Reichtum

29 Der Versuch einer Ehe

30 Trennung auf Raten

31 Im Kaufhaus

32 Absonderlichkeiten

33 Fluchtversuche

34 Alex

35 Ein Anruf

36 Abschied

37 Beisetzung

38 Zeitsprung

39 Epilog

Prolog

Das weiße Blatt auf dem Bildschirm vor mir ängstigt mich und ich frage mich:

Will ich das wirklich? Über mein Leben, über mich selbst schreiben?

Der Rechner steht auf dem Schreibtisch vor dem Fenster. Mein leerer Blick wandert, am weißen Blatt vorbei, aus dem Fenster hinaus in den Garten. Eine Amsel landet auf dem Strauch gegenüber. Und während ich immer noch abwesend beobachte, wie sie mit den typisch ruckartigen Kopfbewegungen ihren Landeplatz und die nähere Umgebung erkundet, wandern meine Gedanken zurück, weit zurück, bis zur unbeschwerten Zeit meiner ersten großen Liebe. Ich spüre Stolz und Wehmut. Und ich frage mich wieder:

Warum drängt es mich zum Schreiben? Will ich das wirklich tun?

Zeit meines Lebens habe ich nicht im Traum daran gedacht. Ab und zu sollte man etwas Neues tun, alte Gewohnheiten über Bord werfen, sich verändern. Habe ich mal gelesen. Das mache ich gerade – mich verändern, Neues tun, übrigens nicht zum ersten Mal, aber nach langer Zeit wieder. Und der Impuls zum Schreiben, der kam so: Vor vielen Jahren bat ich meine Mutter, ihre stürmische Lebensgeschichte aufzuschreiben. Nach erheblicher Gegenwehr tat sie es schließlich, in ihrer Muttersprache, in Spanisch. Von der Kraft der Erzählung war ich überrascht, obwohl ich ihre Geschichte kannte. Ich versprach, ihre Erinnerungen zu übersetzen, zu bearbeiten und zu veröffentlichen. Das hat lange gedauert – zu lange. Sie hat es nicht mehr erlebt. Mein Versprechen aber habe ich gehalten.1 Und während der Arbeit, vor allem beim Verfassen des Epilogs, passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte:

Ich fing Feuer. Ein neues Universum tat sich auf. Die Recherchen, die Jagd nach Fakten aus der Zeitgeschichte, das »in Worte fassen« von Anekdoten und Erinnerungen, das Ringen um Formulierungen und Synonyme.

All das machte unbändig viel Freude!

Mehr noch, nach der Vollendung wurde ich belohnt wie selten zuvor. Ich spürte Stolz und Erleichterung. Eine schwere Last war von mir abgefallen und an ihrer Stelle erfüllten mich Hochgefühle und tiefe Zufriedenheit.

Aus diesem Grund reihen sich jetzt Buchstaben auf dem Bildschirm aneinander, deshalb habe ich jetzt begonnen, etwas Eigenes zu schreiben. Dieses Buch soll Ereignisse aus meinem Leben preisgeben, die tief in mir verborgen sind, die niemand kennt und die mir helfen werden, mich selbst zu verstehen – so hoffe ich. Und ich hoffe, erneut belohnt zu werden, belohnt mit den gleichen Empfindungen wie seinerzeit nach der ersten Buchveröffentlichung. Es wird keine reine Autobiografie werden, aber doch überwiegend biografisch sein. Manches werde ich weglassen oder verändern, manches werde ich hinzufügen – und ab und zu auch was erfinden. Weil ich zum Teil Informationen nicht habe und auch nicht mehr einholen kann, und weil manche, die in den Geschichten vorkommen, sich nicht mit Fehlern oder zu ihrem Nachteil beschrieben sehen sollen, ganz gleich, ob sie noch leben oder nicht. Weil zudem veränderte oder erfundene Geschichten das große Ganze besser ausleuchten und sie helfen, die Zeit und die Menschen in ihr besser abzubilden und weil sie das Geschehen entlang der Lebenslinie transparenter machen. Erinnerungen an Ereignisse bleiben ohnehin bei jedem Einzelnen unterschiedlich im Gedächtnis, und daher weiß ein jeder von derselben Begebenheit eine andere Geschichte zu erzählen. Dieses Gedächtnis, das uns Streiche spielt und vieles durcheinanderbringt, je länger Ereignisse zurückliegen und je öfter wir uns daran erinnern! Dann nämlich neigt es dazu, Wunsch und Realität zu mischen, sodass du dir am Ende selber nicht mehr sicher bist, ob es so war oder doch anders.

Und schließlich ist vieles auch deshalb erfunden, weil ich mir wünsche, es wäre so gewesen, frei nach dem Bonmot von Karl Valentin: »Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut!« – weil es nah daran war und weil es sich so zugetragen haben könnte. Weil das, was du erfindest, auf einmal wahrer wird als du selbst. Und doch werde ich versuchen, nah am Geschehen zu bleiben, so wie ich es erlebt habe, und hoffen, dass die, die sich darin erkennen, verstehen, warum es so geschrieben ist, wie es geschrieben ist, und mir verzeihen, wenn sie es nicht mögen.

Zugegeben, es gibt noch einen weiteren Grund, warum Menschen ihre Memoiren schreiben: die Angst vor Finsternis, vor dem Vergessenwerden. Rationale Menschen mögen wissen, dass nach dem Tod nichts und niemand auf sie wartet. Ich bin kein Phantast – aber auch nicht nur rational. Wenn du am Ende einer langen Wegstrecke spürst, dass keine großartigen Veränderungen mehr folgen werden, und du dir bewusst wirst, dass es nicht selbstverständlich ist, dass dein Herz immer noch schlägt und schlägt, dann möchtest du doch eine Spur von alledem hinterlassen, was dich ausgemacht hat, was du erlebt hast, was dich interessiert hat, was du gefühlt hast. Vielleicht um andere zu inspirieren und um, auch wenn deine Zeit abgelaufen sein wird, doch noch weiterzuleben – in der Fantasie und Vorstellungskraft des Lesers. In ihr wirst du wachgeküsst und nimmst wieder Gestalt an und lebst das Leben, das du so geliebt hast, ein zweites Mal. Ein drittes Mal. Ein viertes …?

Ich weiß, du wirst dieses Buch lesen, auch wenn ich nicht mehr bin – und meine Gedanken werden die deinen sein und während du liest, werde ich sein. Und dann werden wir uns gemeinsam an die Magie jener Augenblickeerinnern, die das Leben selbst einmal schrieb. Einmal. Zweimal. Viele Male …

Na also, die leere erste Seite ist nicht mehr leer, und die Angst vor den ersten Zeilen ist verflogen. Längst vergessene Ereignisse und Figuren tauchen jetzt aus der Vergangenheit auf. Für einen Moment holt mich die Gegenwart zurück, der abwesende Blick wird von der wegfliegenden Amsel eingefangen und ich bin wieder hier. Hier, am Schreibtisch, mit zwei Fingern tippend, und sehe zu, wie sich Geist materialisiert, am Bildschirm Gestalt annimmt und, aus dem Gefängnis der grauen Zellen befreit, zu neuem Leben erwacht. Und dann fliegen mit der Amsel auch die Gedanken wieder davon, davon zur Volksdruckerei, meiner Arbeitsstelle Anfang der Sechzigerjahre, und zur ersten großen Liebe. Die erste – die fast immer rein und unschuldig ist, eben weil sie die erste ist. Die alle anderen überstrahlt, weil sie noch frei ist von Vertrauensbrüchen, von Enttäuschungen, anders als jene, die nachfolgten, und von denen hier noch die Rede sein wird.

1 Emilia Busse, DIE NEBEL DER LIEBE, Books on Demand – später unter dem Titel 5 MONATE MITDIR bei Amazon.

Das Universum

Sie hieß Brigitte, und sie war umwerfend attraktiv. Nicht wenige Lebensläufe hat sie beeinflusst und manchem Schicksal gab sie die Richtung vor, so wie der Polarstern den Seefahrern. Und wie der Polarstern überstrahlte sie die anderen Gestirne im Universum. Sie hatte alles: Jugend, Charme, Schönheit und Ausstrahlung. Alles, was sie brauchte war in ihr. Mit unwiderstehlicher Anziehungskraft zog sie die Bewunderung, aber auch den Neid vieler auf sich. Durch ihre vibrierend verführerische und zugleich kühl-elegante Erscheinung war sie zur Kultfigur geworden. Nicht nur Ästheten verfielen bei ihrem Anblick in schwärmerische Andacht, es gab niemanden, der sich ihrem Zauber entziehen konnte. Ihre bloße Gegenwart beflügelte unsere Vorstellungskraft und Neugierde, eine qualvolle Neugierde auf sinnliche Freuden, die ihr Äußeres versprach.

Wie andere Bewunderer auch, spürte ich innere Wärme und erotische Fantasien aus unbestimmten Tiefen aufsteigen, die Körper und Geist fesselten, so wie die fantastischen Dinge, die unerwartet aus dem Zylinder eines Magiers erscheinen. Ich fragte mich, wie die Schöne wohl schmecken würde – und eine Kugel Zitroneneis erschien vor meinem geistigen Auge. Lockend, kühl und süß-herb. Sie hieß Brigitte, und sie würde wie Zitroneneis schmecken.

Die Welt, in der sie sich bewegte, war die der verschiedenen Abteilungen der Druckvorstufe. Diese lagen in der zweiten und zugleich obersten Etage des Universums, im lang gestreckten Produktionsgebäude der Volksdruckerei. Die Herren Sachbearbeiter, also die »Warmduscher« und »Dauer-Kaffeetrinker« aus den höheren Sphären des angegliederten, hoch aufragenden Verwaltungsgebäudes, scharwenzelten gerne um sie herum. Sie steckten in uniformierten Anzügen und Weißhemden und unterschieden sich durch leichte Abweichungen in Muster und Rottönung der Krawatten. Rot mussten sie sein, wollten die Träger nicht ausgegrenzt werden. Ihr Job war es, Kundenaufträge entgegenzunehmen und sie der Produktion zuzuführen.

Erste Anlaufstelle dazu war der smarte Herr Dorn, Abteilungsleiter der Lithografie, der mit höflich distanzierten Umgangsformen eine natürliche Souveränität ausstrahlte. Die Warmduscher gaben sich die Klinke in die Hand und kamen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Kein Auftrag war so unbedeutend, dass er nicht hätte aufgeblasen werden können, um bei der Übergabe ganz nebenbei mit Brigitte Berger zu flirten – und die anscheinend an Höhenluft gewöhnten Sachbearbeiter verfügten tatsächlich über große Lungen. Sie schwebten majestätisch mit ihren Luftballons knapp unterhalb der Decke in unsere Abteilung ein, nur um bei Brigitte Berger Eindruck zu schinden. Der lässig elegante Herr Dorn verstand es aber hervorragend, die Luft aus den Ballons zu lassen und die Jungs wieder auf den Boden herunterzuholen. Die Volksdruckerei war ein gewerkschaftseigener Großbetrieb mit nahezu 600 Mitarbeitern, der vorwiegend Nabelschau betrieb. DGB und SPD waren, bis auf Ausnahmen, die exklusiven Auftraggeber. Daher auch die roten Krawatten. Und nein, rote Socken gehörten damals noch nicht zum Dresscode der SPD.

Die Arbeitsstelle genoss unter Facharbeitern und Angestellten der »Schwarzen Kunst« höchstes Ansehen. Anfang der 60er Jahre hatte der Mangel an Fachkräften Löhne und Gehälter ordentlich steigen lassen. Bei der Gewerkschaft beschäftigt zu sein war noch eine Steigerung. Es bedeutete: Gute Bezahlung und optimale Arbeitsbedingungen. Wir waren so etwas wie die glücklichen Kinder im Arbeitnehmer-Schlaraffenland. Selbst soziale Forderungen, die sich in Tarifverhandlungen nicht durchsetzen ließen, waren in unserem Kosmos, der nichts mit der betriebsamen Arbeitswelt da draußen zu tun haben schien, eingeführt. Ach ja, und arbeiten sollte man, wenn man denn höflich darum gebeten wurde, notfalls auch. Für die Direktion der tiefroten Gewerkschafts-Druckerei in den luftigen Führungsetagen des Verwaltungsgebäudes wäre eine unzufriedene Belegschaft der Ober-Gau gewesen. Daher sollte sich niemand über unerfreuliche Arbeitsbedingungen beschweren können, niemand. Und so hatten sich überdurchschnittlich viele Egozentriker, arbeitsscheue Müßiggänger und anderweitig gestörte Typen im Panoptikum von Absurdistan zusammengefunden.

Mein Kollege in der Reproduktionsfotografie, Uwe Baum, ein introvertierter, schnodderiger junger Mann von gutem Aussehen, aber zuweilen von furchterregenden cholerischen Anfällen geplagt, war ein Beispiel dafür. Ein Vorgesetzter, Abteilungsleiter der Chemigrafie, war ein aus Sachsen stammender, feinnerviger Nachkomme eines bekannten deutschen Philosophen, extrem gutmütig und mit unermesslicher Langmut ausgestattet. Dennoch gelang es Uwe, ihn aus der Fassung zu bringen. Der Gutmensch mit Weisungsbefugnis sprach leise und einschläfernd eintönig. Seine ermüdenden Reden legten sich nach kurzem Zuhören wie Mehl auf die Ohren. Daher nannten wir ihn »Mehli«. Mehli brachte die brandaktuellen Pressefotos, die von uns für die Gewerkschaftszeitung reproduziert und für den Zeitungsdruck bearbeitet werden mussten. Uwe saß meistens lethargisch vor der Bildzeitung an einem Tisch und pulte in seinen kurz geschnittenen, schwarzen Haaren nach imaginären Läusen, die in Wirklichkeit als Schuppen auf BILD und Frühstückstisch rieselten. Bei dieser Beschäftigung ließ er sich nicht gerne stören. Die Pressefotos, die der Philosophenspross mit den höfischen Manieren brachte, waren oft von minderer Qualität, was die Reproduktion erschwerte. Für Uwe war das stets Anlass, den sächselnden Mehli zu provozieren. Lässig fegte er mit seinem Unterarm die Originale mitsamt den Schuppen über die Tischkante in den nebenstehenden Papierkorb und ließ sich grollend vernehmen:

»Das kann man ja nicht anfassen, von diesem Dreck bekommt man ja den Tripper.«

Er meinte die Fotos, nicht die Schuppen. Der Chemigrafie-Leiter pflegte dann die wertvollen Unikate aus dem Papierkorb zu fischen und etwas zu stammeln wie:

»Aber Herr Baum, das können Sie doch nicht tun.«

Dieser lauste sich aber bereits wieder und schenkte der Angelegenheit keine weitere Aufmerksamkeit. Der Sanftmütige wartete noch einige Sekunden, ehe er sich entfernte. Er wusste, jede weitere Einlassung hätte die Stimmung des finsteren Uwe verschlimmert. Nicht schlecht staunte unser Mehli eines Tages, als er sich, mit den neuesten Pressefotos bewaffnet, einem Plakat über dem Papierkorb gegenübersah, auf dem mit großen Lettern stand:

»Original-Ablage: Abteilungsleitung Chemigrafie«.

Nachsichtiger und sanftmütiger ist mir nie jemand mehr begegnet. Ein distinguierter und feiner Mensch mit durch und durch guten Manieren. Selbst der aus gutem Hause stammende Direktor der Druckerei wirkte neben ihm wie ein Landsknecht. Der Sachse ließ sich nicht provozieren und war auch nicht aus der Ruhe zu bringen, was andererseits auch seltsam emotionslos wirkte.

Als er erneut Arbeit gebracht und damit die Ruhe gestört hatte, äffte ihn die sonst gemütliche Gerda Kunzenbacher hinter seinem Rücken nach. Die Kolleginnen und Kollegen in der Nähe amüsierten sich prächtig, und die eher schüchterne Gerda war sichtlich stolz, dass auch sie sich getraut hatte, sich über den friedfertigen Abteilungsleiter lustig zu machen. Der aber drehte sich unerwartet um und bekam die volle Ladung der Parodie mit. Gerda errötete und versuchte sich ganz klein zu machen, was ihr angesichts ihrer Leibesfülle schwerfiel. Ihre wasserstoffblonden Haare umrahmten die angenehm hübschen Züge im rosigen Gesicht, die ihr in diesem Moment völlig entglitten waren. Die Verlegenheit und der um Hilfe flehenden Blick standen ihr außergewöhnlich gut. Ich war versucht, sie tröstend in den Arm zu nehmen, wenn nicht vollumfänglich, so doch teilweise. Der gutmütige Philosophenurenkel jedoch kam kurz darauf zurück und überreichte der verblüfften Gerda eine Tafel Schokolade, mit den Worten: »Für Sie, Frau Kunzenbacher, ich weiß, dass ich nervig sein kann.«

Gegenüber dem Schreibtisch des stets elegant gekleideten Abteilungsleiters der Lithografie, Stefan Dorn, mit der lässig gebundenen dunkelroten Krawatte über dem weißen Hemd, waren wie in der Schule reihenweise Tische aufgestellt, Leuchttische. Diese Arbeitsplätze, an denen ca. zwei Dutzend Lithografen ihrer Tätigkeit nachgingen oder in Untätigkeit »abhingen«, waren mit Arbeitsmitteln wie diversen Stiften, Pinseln, Watte, Deckfarbe, kleinen Gefäßen, Schalen mit Chemikalien und größeren Glasbehältern mit Wasser ausgestattet. Berühmt-berüchtigt waren die Wattebausch-Schlachten, die dann stattfanden, wenn Herr Dorn nicht auf seinem Kommandostuhl saß, was nicht selten vorkam. Dann flogen zu Beginn der Auseinandersetzungen aus den hinteren Reihen klatschnasse Wattebäusche auf die Hinterköpfe der davor Sitzenden. Wohl wissend, was sich da zusammenbraute, räumten die meisten Damen und einige Weicheier fluchtartig das Feld. Alsbald entwickelten sich die schönsten Gefechte, wobei die nassen Watteklumpen zwischen den Reihen hin und her flogen. Nicht selten landeten sie auf den mit frischer Deckfarbe aufwendig bemalten Filmblättern zur Herstellung von Druckplatten, die unschuldig auf den leuchtenden Arbeitstischen lagen; die stundenlange Mühsal war für die Katz gewesen. Sowie sich die rote Krawatte von König Dorn seinem Thron näherte, hörte der ganze Zauber schlagartig auf und alle beugten sich über ihre Arbeit und pinselten erneut auf ihren Farbauszügen herum. Dumm nur, dass manche Wattebatzen, die als Blindgänger an der Decke kleben geblieben waren, im ungünstigsten Augenblick herunterplumpsten. Der 34-jährige Stefan Dorn bewies bei diesen Gelegenheiten sein ausgeprägtes Feingefühl und übersah die Klumpen, wenn sie nicht direkt vor seiner Nase landeten.

Die Gefechte erinnerten mich an Schulstreiche aus Kindertagen. Wären damals die Tintenfässer nicht fest in den Schulbänken eingelassen gewesen, hätten sie Flügel bekommen. So aber zischten in Abwesenheit des Lehrers die mithilfe von Gummiringen abgefeuerten, fest zusammengefalteten kleinen Papierschnipsel durch das Klassenzimmer. Kennt jeder noch aus der eigenen Schulzeit. Mit gnadenloser Strenge und dem häufigen Einsatz eines Holzlineals, das immer zum Tanz bereit auf seinem Pult lag, versuchte unser leidgeprüfter Pauker unentwegt, aber erfolglos, sich bei den vierzig Plagegeistern Respekt zu verschaffen. Mit dem zweckentfremdeten Messinstrument schlug er, den Sündern zur Strafe, entweder auf die flache Innenhand oder auf die getürmten Fingerspitzen. Groß war das Gelächter, als er das Lineal wieder einmal, schon voller sadistischer Vorfreude, missbrauchen wollte, aber vergeblich daran zerrte, weil es auf dem Pult festgenagelt war.

Der Platz von Otto Feldmann in der Lithografie befand sich in der zweiten Reihe. Beim gefürchteten Wattebausch-Krieg war er immer das erste Opfer. Es war zu verlockend, ihm einen Nacken-Treffer zu verpassen, weil er sich am meisten darüber aufregte. Lustig, wie er sich, mit seinem Sprachfehler laut losstotternd, beschwerte. Otto litt unter psychischen Störungen und belegte einen der Pflichtarbeitsplätze für behinderte Menschen. Dabei war Otto außerordentlich begabt. Seine Geduld und sein Hang zum Detail befähigten ihn, auch die anspruchsvollsten Arbeiten zu erledigen. Er konnte aber heftig reagieren, wenn man ihn reizte. Und das taten einige Kollegen gerne. Einmal bearbeitete er ein großformatiges Gruppenfoto, auf dem einige bekannte Gewerkschaftsfunktionäre zu sehen waren, als der Kollege Hermann, über seine Schulter blickend, kommentierte: »Na, Otto, da hast du dich aber geschickt in die Gruppe einkopiert, man merkt es ja kaum.«

»Das ist mein Bruder, du Arschloch!«, gab Otto empört zur Antwort. Er hatte einen nicht behinderten Bruder, von dem bis dahin niemand gewusst hatte. Die Überraschung war perfekt und diesmal lachten alle über Hermann. Leise vor sich hin feixend freute sich Otto, über die absichtslos gelungene Bloßstellung des Kollegen, wie ein Schneekönig auf dem Eisthron.

Hermann, mit stramm über dem Bauch gespanntem Kittel, war durch seine Statur mit omnipotenter Präsenz ausgestattet, zudem gefiel er sich in der Rolle des Moderators. Nicht, dass er sich von den beliebten Wattebausch-Schlachten ferngehalten hätte, ganz im Gegenteil, da mischte er kräftig mit, aber auch bei Diskussionen oder Unterhaltungen aller Art war Hermann stets dabei. Gefragt oder ungefragt mischte er sich ein und tat zu jedem Thema seine Ansicht kund. Und er hatte immer eine dezidierte Meinung – zu jedem und allem. Sein lautes Organ und seine dominante Art waren einschüchternd, sodass er nicht mit Widerspruch zu rechnen brauchte. Es sei denn, sein Vorgesetzter vertrat einen anderen Standpunkt. Dann gab sich Hermann ein- und nachsichtig. Seinem hierarchischen Weltbild folgend, ordnete er sich der Obrigkeit unter. Bei deren Abwesenheit aber war er, als offizieller Stellvertreter, Platzhirsch in der Lithografie. Der jungen Nachkriegsgeneration angehörend, sprach und dachte der latent antisemitische und zum Rassismus neigende Kommisskopf wie ein alter Nazi. Gefürchtet waren seine Einlassungen zum Dritten Reich und zur Wehrmacht, über die er schwadronierte, als wäre er dabei gewesen. In Anwesenheit von Hermann bemühten wir uns, diese Themen nicht anzuschneiden. Gerne machte er sich lustig über Südländer, Farbige und Andersartige ganz allgemein. Und bereitwillig erzählte er bei geeigneten Anlässen Judenwitze aus einem schier unerschöpflichen Fundus. Ins Wanken kam seine Gesinnung allerdings, als Jahre später die Israelis im Sechstagekrieg über die vermeintlich übermächtige Araber-Allianz triumphierten. Da hob er sie aufs Schild und huldigte ihnen. Unmittelbar danach begann er, für sich und sein Weltbild, zu unterscheiden zwischen Juden und Israelis. Seine Interessengebiete waren das Dritte Reich, die Wehrmacht und Waffen aller Art. Vielleicht war er in einem früheren Leben Krieger gewesen, wahrscheinlicher aber entstammte er einem der vielen Elternhäuser, die noch den großdeutschen Ideologien anhingen und die es eigentlich nicht mehr gab, weil es sie, nach dem Untergang des »Tausendjährigen Reiches« nicht mehr geben durfte.

Frank Rist, einer der am besten bezahlten Lithografen, bekam von den Watte-Scharmützeln nicht viel mit. Als der Existentialist, für den er sich hielt – was er durch einen kurz geschnittenen, schwarzen Vollbart zu dokumentieren suchte – sah er Arbeit nur als notwendiges Übel, um seine Träume finanzieren zu können. Durch seinen asketischen Lebensstil war er in der Lage, sich teure, individuelle Erlebnisreisen in exotische Länder zu leisten. Die Vor- und Nachbereitung dieser interessanten Kultur- und Abenteuerreisen forderten, neben dem aufwendigen Ausbau einer großen Scheune zum Hauptwohnsitz, seine ganze Energie. Infolgedessen war er bei der Arbeit immer müde, was niemanden verwunderte. Unter den an der Wand nebeneinander aufgereihten Wasserbecken zur chemischen Behandlung der lithografischen Arbeiten befanden sich die mit Schiebetüren versehenen Unterschränke für die Aufbewahrung von Chemikalien, Handtüchern und anderen Utensilien. Dort schlief Frank Rist – wie Diogenes in der Tonne.

Und da waren noch all die anderen Irrsinnigen, mich eingeschlossen, die an diesem Ort einen großen Teil ihres Daseins verschwendeten und die die typische Folklore der Volksdruckerei komplett machten. Haarspalter Dieter, der pedantische Kopierer; Rolf, der servile Hans-Dampf in allen Gassen; die heiße Walli, Polizistin und Bildzeitung in einem; das unsichtbare Fräulein König, kurzsichtig und farblos; Ernst, der kleinkarierte Erbsenzähler mit der behaarten Nasenspitze; »Zwockel«, der geschwätzige Österreicher mit Geltungsdrang, pockennarbigem Gesicht und krausem Haar, Spezialist für endlose Monologe, mit denen er seine Opfer folterte, es sei denn, es handelte sich um Hermann. Dann allerdings entbrannte ein höchst unterhaltsamer Disput, ein »Krieg der Worte«, der stets in gegenseitigen Beleidigungen endete; der dicke Franz, der, einem Chamäleon gleich, seine Hautfarbe blitzschnell von kreidebleich bis puterrot zu wechseln vermochte; Viola, die hagere, hoch gewachsene, rothaarige Finnin, geheimnisvoll und unergründlich wie ein tiefer See; der stylische »Giacomo«, stets nach der aktuellsten Herrenmode dandyhaft angezogen, der sich durch seine Frisur mit dem ungewöhnlichen Mittelscheitel und den auffälligen Accessoires wie ein Pfau auf dem Laufsteg der Eitelkeit in Szene zu setzen wusste.

Den bunten Strauß aus Figuren und Charakteren vervollständigten zwei Fotolaborantinnen, das gertenschlanke und sensible »Blümchen« und die schüchterne Inge, die für ihren unglaublich großen und spitz zulaufenden »Vorbau« unter ihrem weißen Kittel, mit dessen Hilfe sie ihre Gesprächspartner immer auf respektvolle Distanz zu halten wusste, einen Waffenschein gebraucht hätte; des Weiteren die beiden Lehrlinge: der zum Leichtsinn neigende, sommersprossige Volker und Werner, einäugiger Spaßvogel mit ausgeprägtem englischem Humor, der mit seinem Glasauge schaurige Scherze trieb. Schließlich war da noch unser pausbäckiger Quotenalkoholiker Jürgen mit seiner dicken Hornbrille auf der roten Nase, der, wie die Amerikaner, seine hochprozentigen Flaschen in braunen Papiertüten fremden Blicken zu entziehen suchte, sowie der überspannte Kiffer Emil, welcher sich nach Kräften mühte, die Hippie-Ära bei uns einzuläuten. Stets war er auf der Suche nach neuen bewusstseinserweiternden Erfahrungen und unkonventionellen Lebensformen in Wohngemeinschaften. Zudem vertrat er eigenwillige Ansichten über freie Liebe und kompromisslosen Pazifismus. Im Widerspruch zu seinem zurückhaltenden und eher schüchternen Naturell war er vom Äußeren her eine der auffälligsten Erscheinungen bei uns. Seine halblangen, seidig schwarzen Haare, die er ständig mit der dafür typischen und ruckartigen Bewegung aus seinem Sichtfeld zu schnicken suchte, passten ausgezeichnet zur schwarzen Kleidung, die er ausschließlich trug. Sein morbides Outfit wollte er keineswegs durch den üblichen weißen Kittel verderben, den alle in der Lithografie trugen – er verweigerte ihn konsequent. Emil war von mittlerer Größe, seine talgige Haut war von leicht dunkler und gelblicher Tönung. Seine ohnehin schwarzen Augen wirkten durch die permanent tiefen Augenringe düster, so wie die von Zorro »mit Maske«. Dennoch war sein Blick, wenn er einen denn ansah, sanft und warm. Er war alles in allem gutaussehend, aber irgendwie wirkte er ein wenig verschlagen. Wenn er sprach, tat er das leise in einem weichen und melodischen Singsang, den direkten Blickkontakt dabei vermeidend. Seine dunklen Augen suchten, unruhig hin und her wandernd, Fixpunkte, an denen sie sich festhalten konnten. Das war die Milchflasche auf seinem Leuchttisch oder auch die Steckdose an der Wand.

Es war Sommer, ich war zufrieden und das Universum war, so wie es war, ganz in Ordnung. Wenn Hitze den ohnehin schwach ausgeprägten Arbeitsdrang zu ersticken drohte, ließ ich mich gerne zum »Eis holen« schicken. Und dann, wenn meine Zunge über die Zitroneneiskugel strich, dachte ich an Brigitte.

Annäherung

Unsere Prinzessin Brigitte Berger saß in der ersten Reihe der Arbeitstische vis-à-vis von König Dorn. Nicht selten wurde sie zu Besprechungen hinzugezogen und wir ahnten, dass das nicht der beruflichen Qualifikation geschuldet war. Offensichtlich verfügte sie über andere Qualitäten. Die Krönung war der Augenblick, auf den die meisten, zumindest die männlichen Geschlechts, warteten:

Sie stand auf!

Und bewegte sich auf unnachahmlich laszive Art in Richtung Besprechungsraum. Ihre Hüften sanft und rhythmisch wiegend, schritt sie aufreizend langsam, aufrecht und selbstbewusst an den Arbeitsplätzen der Kollegen vorbei. Ihr Gang war verstörend und atemberaubend. In diesen Momenten, in denen man der flirrenden Erotik von Frl. Berger wehrlos ausgeliefert war, schien die Zeit stillzustehen. Auch alles andere stand still. Der Pinsel in der Hand war eingefroren, die Atmung trotz halb offenem Mund ausgesetzt. Erst Sekunden später, wenn sie aus dem Blickfeld entschwand, fing die Uhr an der Wand wieder an zu ticken und der Sekundenzeiger zog seine gewohnte Bahn. Mit einem tiefen Zug setzte der Atem wieder ein und der Mund klappte zu, nachdem die Lippen mit einem unauffälligen Wischer des Handrückens vom Sabber befreit worden waren. Und schließlich ließ sich auch der Pinsel wieder bewegen.

Himmel!

Ich dachte wir wären zum Arbeiten hier!

Genussvoll registrierte Brigitte die verstohlen begehrlichen Blicke, die sie aufsaugte wie die Biene ihren Nektar. Sie hatte naturblondes Haar, veilchenblaue Augen und runde, volle Erdbeerlippen in einem attraktiven Gesicht, und ihr Körper war weiblich – ausgesprochen weiblich. Üppiger Busen, schmale Taille, makellos schöne Beine unter formvollendeten Hüften – so war sie von Mutter Natur auf fast unfaire Weise ausgerüstet. Ihre Schönheit war hier, an diesem Ort, die reinste Verschwendung. Für die meisten von uns war sie so unerreichbar wie der Fixstern am Nachthimmel oder das Wasser der Fata Morgana in der Wüste. Und wie alle anderen himmelte ich das fesselnd attraktive Vollblutweib mit den unverschämt femininen Formen an. Im Stillen machte sie sich bestimmt lustig über die Aufmerksamkeit, die ihre beachtlichen Formen erregten. Ich nicht. Auch im Traum dachte ich nicht daran, einmal selbst im Mittelpunkt ihres Interesses zu stehen. Und doch kam es so. Ich ahnte jedoch nicht, in welchem Netz von Emotionen ich mich mit unabsehbaren Folgen verfangen sollte. Doch der Reihe nach …

Wir, das Fußvolk, trugen Kittel, je nach Beruf und Tätigkeit entweder beige, grau oder weiß. Meiner war grau. Brigitte Berger trug als Lithografin einen in strahlendem Weiß, aber was für einen!

Er war zu kurz und hauteng, die oberen Knöpfe standen offen, sodass man in ihrem Ausschnitt sehen konnte, was sie sehen lassen wollte. Gut, dass sich die wohlgeformten Rundungen, die jeden Augenblick aus ihrem Gefängnis zu springen drohten und deren Ausladung die Blicke fesselte, zum größten Teil unter dem gespannten weißen Kittel verbargen. Überaus selbstsicher und anmutig setzte sie ihre weiblichen Reize ein. Besonders wenn sich jemand in ihrer Reichweite befand, der zu ihrem Beuteschema passte. Aber oft auch, um ihre Eitelkeit zu befriedigen. Ihre schnippisch schauenden Augen und der leicht spöttische Zug um ihre Mundwinkel verrieten, dass die Naivität, die sie zur Schau stellte, vorgetäuscht war. Ein Spiel, das nur Mittel zum Zweck war. Mit provokanten Bewegungen und der prächtigen Oberweite angelte sie ihr in Trance versetztes Opfer. Der Fisch zappelte dann wehrlos im Netz, bis ihr Interesse am Fang nachließ und sie die Angel mit kessem Schwung an anderer Stelle erneut ins Wasser warf.

Für Affären und Techtelmechtel wäre unsere Diva immer zu haben, hieß es. Ihre Verehrer sollten ihr aber zu Füßen liegen. Bloßes Verlangen hätte ihrer Selbstgefälligkeit nicht genügt. Ausgerechnet Paule, dem sympathischsten unter den Bürogockeln, hatte sie vor Kurzem den Laufpass gegeben. Der ließ sich seitdem leider nicht mehr bei uns blicken. Brigitte hatte ihn durchschaut, im wahrsten Sinne des Wortes. Den Schleier der Galanterie, der nackte Begierde verdeckte, hatte sie zerrissen. Er war jetzt gläsern und sie schaute nur noch durch ihn hindurch, ohne ihn wahrzunehmen. Jetzt war sie mit unserem smarten Litho-Leiter Stefan Dorn eine Beziehung eingegangen – und alle wussten es. Oft verschwanden die beiden in der Dunkelkammer, bisweilen stundenlang. Ja, es gab solche zeitaufwendigen Arbeiten, etwa bei der Entwicklung von Farbauszügen. Diese wurden benötigt, um Bilder im Vierfarbdruck wiederzugeben. Und doch wusste jeder, was da im Dunkeln wiedergegeben wurde und was sich da alles entwickelte.

Es lohnte sich also, Avancen zu wagen, insbesondere wenn Brigitte ihre Signale sandte. Im Erfolgsfall jedoch war es ratsam, getreu dem Leitspruch »ein Kavalier genießt und schweigt«, alles für sich zu behalten. Stolz über die Eroberung des »Garten Edens« durfte man nicht zeigen. Die Anerkennung musste flachfallen, denn Stefan Dorn war unumschränkter »Chef im Ring«, und zudem verfolgten die lieben Kollegen alle Aktivitäten um Brigitte mit Argusaugen. Es war wie Spazierengehen im Dschungel der Eitelkeiten, oder besser: im Minenfeld der Begierden. Es herrschte eine seltsame Übereinkunft, dass über Brigittes Liebesaffären nicht geredet wurde. Sie waren tabu. Alle »Grafen«, Lithografen, Chemigrafen, Reprofotografen und auch Setzer sowie die aufgeblasenen Sachbearbeiter, sie alle wollten es sich mit ihr und mit Stefan nicht verderben. Die Herren der Schöpfung hofften auf eigene Chancen, sollte die Affäre ein Ende nehmen. Die weiblichen Angestellten lauerten auf Gelegenheiten, sich mit Brigitte zu schmücken oder um ebenfalls mit dem attraktiven Abteilungsleiter in der Dunkelkammer Farbauszüge zu entwickeln. Jedenfalls suchten sie die Nähe des Fixsterns, um Glanz abzubekommen, um eigene Chancen auf Kontaktanbahnungen zu erhöhen. Niemand hätte was gegen die Turteleien haben können in diesem sinnlichen Spielfeld der Lust. Der rollige Stefan Dorn schon gar nicht. Und von Eitelkeit war auch er nicht frei. Groß gewachsen, mit sportlicher Figur, hellblauen Augen und seidigen mittelblonden Haaren, schlenderte er gerne wie der Starchirurg unter den schmachtenden Blicken seiner liebeshungrigen Patientinnen durch seine Schönheitsklinik. Seinen Job riskieren wollte im Arbeitnehmerparadies niemand, und letztendlich verfügte Brigitte über eine liebenswürdige und charmante Art, mit Männern umzugehen. Mit viel Einfühlungsvermögen bezirzte sie das starke Geschlecht, je nach Charakter und Persönlichkeit, entweder mit Klasse und Intelligenz, mit Kreativität und Fantasie oder mit Naivität und weiblicher Raffinesse. Eines davon passte immer, etwas jedoch passte nicht in das schöne Bild: Wie ein verglühender Komet hatte sie den Drang, sich ständig der Stärke ihrer Leucht- und Anziehungskraft aufs Neue zu versichern, so als ob ihr Licht zu verlöschen drohte.

Dachte sie etwa schon mit 24 Jahren, an die Vergänglichkeit von Schönheit und Jugend?

Leicht und flatternd wie ein Schmetterling flirtete sie mit jedem, der ihr Interesse zu wecken vermochte – und das waren einige. Für Brigitte Berger stand das Kürzel BB, in Anspielung auf Ähnlichkeit und Sexappeal von Brigitte Bardot. Die Initialen ihres Namens passten perfekt. Ihr subtiler Umgang mit Vorgesetzten und Kollegen und die Virtuosität, mit der sie auf der Klaviatur der Romanzen und Amouren spielte, brachte die anderen Mitarbeiterinnen an den Rand der Bedeutungslosigkeit.

Frau Gruber und Frl. König beispielsweise hatten angesichts der Überlegenheit von BB in Sachen »weibliche Reize« ihre Anstrengungen auf diesem Gebiet längst aufgegeben und konzentrierten sich auf andere weibliche Tugenden Waltraud Gruber, von gedrungener Gestalt, durchaus sympathisch, aber sichtlich vernachlässigt und dürstend nach trauter Zweisamkeit, versuchte es mit mütterlicher Fürsorge. Und so hatte ein loser Knopf an meinem Kittel nicht den Hauch einer Chance, bei der »heißen Walli« unbemerkt zu bleiben. Nachdem sie ihn festgenäht hatte, wollte sie augenzwinkernd dafür belohnt werden. Ich kam nicht umhin und bedankte mich mit einem flüchtigen Kuss auf ihre Wange. In den Pausen saßen Waltraud, Brigitte und ich auf dem niedrigen Sims eines der großen Fenster zur Sonnenallee, der eine gute Sitzgelegenheit bot. Die Wuchtbrumme Waltraud hatte immer reichlich zu essen und sie vergaß nie, Kostproben ihrer Delikatessen anzubieten. Mit Brigitte ungestört ein paar Worte zu wechseln, war fast unmöglich. Wie ein Schatten klebte Walli an ihrer Seite. Und bei den neckischen Frotzeleien und Anspielungen, die Brigitte so gerne einsetzte, machte sie stets mit. Ich hielt es für ratsam, Walli auf angemessenem Abstand zu halten. Andernfalls hätte sie mich vermutlich mit Haut und Haaren verschlungen.

Elke König, die farblose Tochter eines ranghohen Gewerkschaftsfunktionärs, hatte eine manische Vorliebe für Fingernägel; mit freiwilligen Dienstleistungen auf diesem Gebiet versuchte die graue Maus mein Interesse für sie zu wecken. Ihre leicht gewellten kastanienbraunen Haare umrahmten das blasse Gesicht und die dunklen Augen mit leichtem Silberblick, der durch die Brille mit den dicken Gläsern erst richtig auffiel. Ich bekam dauernd eine perfekte Gratis-Maniküre. Dabei weichte sie mir zuvor im Wässerungsbecken der Dunkelkammer sorgfältig Hände und Nägel ein. Bald kam es zu körperlichem Kontakt. Gegenüber weiblichen Annäherungen war ich nicht besonders resistent, und so bemerkte ich dann doch einige unerwartete Vorzüge an ihr. Sie fragte mich bei einer dieser Fingernagel-Orgien, ob sie, der Hitze in der Kammer wegen, ihren Kittel ausziehen könnte.

Welch eine Frage!

»Na klar«, erwiderte ich und hoffte auf eine andere Art von Orgie. Über die nötige Fantasie verfügte ich im Übermaß. Ohne mich anzuschauen hatte sie ihre Frage gestellt. Der Tonfall ihrer Stimme war so unverdächtig wie die routinierte Beschäftigung mit meinen Nägeln. Doch als sie das Licht anknipste und die Tür von innen abschloss, ging mir ein Licht auf: Befreit von der unvorteilhaften Arbeitskleidung, kam eine durchtrainierte, schlanke und wohlgeformte Figur zum Vorschein. Die schwarze Unterwäsche tat ein Übriges, um mich von Elkes Qualitäten zu überzeugen. Während meine Hände zum Einweichen im Wasser bleiben »mussten«, ließ ich Elke gewähren – und sie war mit ihren Fertigkeiten ungemein überzeugend. So viel zur unscheinbaren Elke König.

Fortan fragte ich mich, wie viele Schätze sich wohl hinter so unauffälligen Fassaden verbargen wie hinter denen von Elke! Ich mochte ihre animalisch dominante Art, die sie auch beim Schneiden der Fingernägel zeigte. Es kam nicht selten vor, dass sie einen Nagel zu kurz oder zu viel von der Haut abschnitt und der Finger blutete. Wenn ich dann aufschrie und mich laut beschwerte, entgegnete sie mit gleichgültiger Miene: »Stell dich nicht so mädchenhaft an.«

Die Liebesspielchen in der Dunkelkammer hatten was von einem Déjà-vu für mich. Während der Lehrzeit, ich war gerade sechzehn und mitten in der Pubertät, wurde ich von der Leiterin des Fotostudios im Entwickeln von Kodachrome-Umkehrfilmen unterrichtet. Diese Lehrstunden brannten sich tief in mein Gedächtnis ein.

Sie war Mitte Zwanzig, schön, elegant und attraktiv. In völliger Dunkelheit nahm ich unter ihrer Anleitung den Planfilm aus der Kassette und klammerte ihn an einen Filmhalter, dann nahm sie, begleitet von seltsamen Klopfgeräuschen, meine Hand und führte sie zu den einzelnen Bädern, die zum Entwickeln, Fixieren und Wässern dienten. Das Ganze dauerte lange und ich war froh, dass es stockdunkel war. So sah sie die Erregung nicht, die sie allein durch die Handberührung in mir entfachte. Und die seltsamen Klopfgeräusche hörte sie nicht, weil es das junge Herz war, das tief in meiner Brust hämmerte. Ihren Ausführungen über die chemischen Vorgänge beim Entwickeln von dreischichtigen Filmen folgte ich, vollauf entrückt auf ganz andere Art. Ich lauschte nicht dem Sinn ihrer Worte, sondern suchte in ihrem Klang vergeblich nach erotischen Signalen. Unwiderstehlich entführte mich die eigene Fantasie in die wildesten Träume und ich fieberte der nächsten Lehrstunde in der Hoffnung auf Erfüllung meiner pubertären Wunschträume entgegen. Mutig stellte ich mir vor, wie sie meine Hand an bestimmte Stellen ihres Körpers führen würde. Ein Traum, der mich oft mit feuchtem Happy End im Schlaf verfolgte, sich aber leider nie erfüllte.

Brigitte

Wie viele Liebesgeschichten und heimliche Affären sind aus Gründen der Diskretion unwiederbringlich verloren gegangen!

Ich möchte einige davon aufschreiben – auch für mich selbst, denn beim Schreiben wird sie wieder lebendig, die Zeit, als die Zukunft voll war von süßer Verheißung und die Welt auf einen zu warten schien.

Beim Schreiben erlebst du das Glück jener Zeit ein zweites Mal, einer Zeit des radikalen Denkens; der Ungeduld; von entweder oder, von richtig oder falsch, von schwarz oder weiß. Jahre der verlässlichen Werte und der Unschuld. Und je mehr Details aus den Tiefen der Erinnerung in Worte und Zeilen fließen, desto mehr tauchen auf – und du kommst mit dem Schreiben kaum nach. Erinnerungen schlagen eine Brücke in die Vergangenheit, zu deinen Wurzeln. Erst in der Retrospektive werden Zusammenhänge erkennbar, die du damals nicht erkannt hast. So wie sich kleine Teile erst aus großer Entfernung zu einem Gesamtbild fügen, so fügen sich, in der zeitlichen Entfernung, die scheinbar zusammenhanglosen Ereignisse deines Lebens zum Gesamtbild deiner Persönlichkeit. Und du stellst am Ende erstaunt fest, dass du ein anderer bist. Die dabei gewonnene Klarheit schützt dich auch vor der Verklärung deiner Vergangenheit. Es ist ja die Rede von der eigenen Jugend, von der Sturm-und-Drang-Zeit, von dem emotionalsten Lebensabschnitt, an den du dich gerne erinnerst und so gut zu erinnern glaubst, als wäre es gestern gewesen. Du schreibst, und es ist alles wieder da, hier und heute. Oder es ist andersherum: Während du dir die Ereignisse ins Gedächtnis rufst, fällst du durch das Wurmloch Einsteins in die Vergangenheit und du befindest dich eben dort – was auf dasselbe hinausläuft.

Ja, und weiter ist Schreiben vielleicht der Versuch, diese seltenen magischen Momente im Leben festzuhalten; um sie zu vergegenwärtigen, sie sozusagen »Standby« zu halten, um in Phasen des Innehaltens, der Nachdenklichkeit über den Sinn des Seins oder der Suche nach sich selbst auf sie zurückgreifen zu können. Der Lebensweg ist hoffentlich keine Sackgasse, aber doch eine Einbahnstraße. Er verläuft immer in eine Richtung, vorwärts, nie rückwärts. Nur in der Erinnerung gibt es den Weg zurück, so wie jetzt, während diese Seiten geschrieben werden. Und so wie die Vorfreude auf schöne Dinge und Ereignisse zum Leben gehört, gehört auch die Nachfreude bei der Erinnerung an die besonderen Momente voller Poesie und Zauber dazu. Und da du heute weißt, dass die Zukunft nie hält, was sie verspricht, ist es aufheiternd, dich ab und an in die Ära zurückzuversetzen, in der die Zukunft noch eine Vision war. Nostalgie bietet dir die Chance, die Uhr zurückzudrehen, jung zu bleiben.

Aber, was mir wichtig erscheint, ist, dass man beim Zurückblicken Dinge erkennt, die vorher unsichtbar waren. Der Zeitfluss in der Vergangenheit wird während des Schreibens durchlässig, wird zu einer zweidimensionalen Ebene, die dir erlaubt, Ereignisse und Figuren zeitlich zu verschieben und sie auf neue Felder zu setzen. Neues Verstehen, neue Blickwinkel und Sichtweisen öffnen sich, Zusammenhänge werden deutlich, was nicht immer Vergnügen bereitet. Unschuld geht dabei verloren, weil ich erkenne, wie vieles anders, besser oder ehrenwerter hätte verlaufen können, wäre ich ein besserer Mensch gewesen. Du schaust auf die Uhr und es ist 1968, einen Atemzug später 1962 und zwei Gedankensprünge weiter 2021. Jetzt, wo die Ereignisse weit zurückliegen, wird unerklärliches Verhalten erklärbar. Du bist nicht mehr die Ameise, die auf einem Dickhäuter herumkrabbelt und den Elefanten nicht sieht, sondern der Astronaut, der aus dem Weltraum auf die Erde blickt und Dinge sieht, die sonst nicht zu erkennen sind.

Hier also ist meine Geschichte mit Brigitte, die Geschichte einer Affäre, die sich zur ersten großen Liebe verdichtete. Jeder weiß, wie diese Erfahrungen in der Regel enden. Damals fühlte ich mich aber so sicher wie die Passagiere auf der Titanic. Die ahnten auch nicht, wie die Reise enden würde. Genauso wenig können wir vorausahnen, wohin Schicksal, Polarstern, Zufall oder was auch immer uns führen werden. Und so nahm das Geschehen seinen Lauf …

Es begann in der Dunkelkammer, wo sonst!

Idealer Übungsraum für Schäferstunden-Praktikanten und zugleich sicherer Ort zur Anbahnung von heimlichen Affären und deren Aufbewahrung. Es gab in der Druckvorstufe gleich drei davon, die von Lithografen und Reprofotografen genutzt wurden.

Zuerst waren da Brigittes unmissverständliche Signale. Zweideutigkeiten, die immer eindeutiger wurden und kleine Provokationen, die mein männliches Selbstverständnis herausforderten. Kein Wunder, ich war neunzehn Jahre alt, dem Aussehen nach aber eher siebzehn und unerfahren im Flirten, was vermutlich in Großbuchstaben auf meiner Stirn stand. Ihrem Zauber war ich hoffnungslos verfallen. Deutlicher: Ich war rattenscharf auf sie, nur – mir war auch bewusst, dass ich nicht der Einzige war. Deshalb rechnete ich nicht damit, bei ihr landen zu können. Doch es kam anders.

Regelmäßig kam sie jetzt in der Frühstücks- und Mittagspause an meinem abgelegenen Arbeitsplatz in der Fotografie. Wir setzten uns dann entweder an den Tisch in der Dunkelkammer, wobei das Sonnenlicht den sonst dunklen Raum durch die offene Tür erhellte, oder gleich auf den Fenstersims in die pralle Sonne. Ihre blassrosa Haut schien dann noch eine Nuance blasser und transparenter. Unter der alabasterfarbenen Haut am Busenansatz konnte man schwach einige blau schimmernde Adern erkennen. In Widerspruch zur Verletzlichkeit, die man bei ihrem Äußeren hätte vermuten können, stand ihre ungehemmt lebhafte und fröhliche Ausstrahlung, die von unstillbarem Lebenshunger zeugte. Wie und warum auch immer: Das Gesamtkunstwerk »Brigitte Berger« stellte für mich eine unwiderstehliche Versuchung dar und ich setzte alles daran, um dieses Schmuckstück für mich einzunehmen. Nur wie? Das war die Mutter aller Fragen!

Und was wären die Folgen? Das war die nächste Frage!

Erstens kannte ich niemanden, dem ich mich hätte anvertrauen wollen und zweitens wäre ich, wenn ich es doch getan hätte, des Größenwahns bezichtigt oder als Träumer ausgelacht worden. So wünschte ich mir, ich hätte in den schlaflosen Nächten die Sterne am Himmel befragen können.

Einen Spaß machten wir uns daraus, Walli auszutricksen, die beharrlich unsere Gesellschaft suchte. Was ihr erfreulicherweise nicht immer gelang. Schaffte sie es doch, verbrachten wir die Pausen zu dritt und das Gespräch drehte sich dann vorwiegend um »wer mit wem«, freilich immer Brigitte ausnehmend. Ich konnte mich bei diesen Gelegenheiten gelassen meinem belegten Brot und dem halben Liter Milch widmen – der täglichen Milchflasche, die wir Fotografen wegen des Umganges mit Chemikalien gratis von der um unsere Gesundheit besorgten Geschäftsführung erhielten. Nachdem wir einige Male unsere Pausen allein verbracht hatten, brachte Brigitte ein Buch mit, das sie in der Tischschublade, in der ich meine Sachen aufbewahrte, deponierte. Sie wolle mir daraus vorlesen, hatte sie gesagt, und dabei gelächelt und geblinzelt, da sie offensichtlich ein Augenzwinkern nicht hinbekam. Meine Angebetete hatte wohl einkalkuliert, dass ich mir das Werk vorher ansehen würde.

Da lag sie richtig – klar doch!

Und ich staunte nicht schlecht, als ich sah, um was für ein Buch es sich handelte. Es war das Decamerone von Boccaccio. Der Ruf dieses erotischen Klassikers war auch bis zu mir gedrungen. Die Vorfreude auf die kommenden Lesestunden ließen meinen Blutdruck steigen. Ich musste mich selbst kneifen, um mich zu vergewissern, dass es kein Traum war. Nein, ich war wach.

Hatte die Balz endlich gewirkt?

Der Hinweis konnte nicht deutlicher sein. Die Fata Morgana löste sich beim Näherkommen auf und meine Träume nahmen reale Gestalt an:

Die »Bardot« hatte mich auf ihrem Radar!

Und so las sie mir am nächsten Tag eine Novelle aus dem Buch vor. Bei delikaten Passagen schmunzelte sie und sah mich kokett über ihre Lesebrille an, die sie sonst beim Lithografieren trug. Ich spürte, wie sich in meiner unteren Mitte die Wärme staute. Mir war ohnehin heiß genug. Zudem wurde mir die Hose eng. Gut, dass der halblange Kittel gewisse Schwellungen verbarg. Die Luft war aufgeladen von knisternder Erotik. So ging das Tag für Tag. Ich konnte nicht mehr über meine Lage nachdenken. Mein Verstand war schachmatt gesetzt. Einige Fragen beschäftigten meine grauen Zellen aber doch:

»Warum komme ich nicht weiter? Bin ich ihr zu grün?«