Zum Abschied ein Fest - Helmut Kindler - E-Book

Zum Abschied ein Fest E-Book

Helmut Kindler

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Beschreibung

In seinen Erinnerungen legt Helmut Kindler Schicht um Schicht seines Lebens frei. Prägend war für den jungen Kindler die Beschäftigung mit politischen Theaterstücken, prägend wurde die Arbeit als Schauspieler und Regieassistent für sozial- und gesellschaftskritische Bühnenstücke. Seine politische Heimat – links von der Mitte – fand er im Berlin der 20er Jahre, in der Auseinandersetzung mit dem erstarkenden Faschismus. Im Februar 1933, unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung, gab Kindler das Theater und sein Berufsziel, Regisseur zu werden, auf und begann eine Karriere als Journalist. Er arbeitete als Redakteur beim Deutschen Verlag in Berlin. Als erklärter Feind des Nationalsozialismus trat er einer Widerstandsgruppe bei, half jüdischen Mitbürgern, wurde verhaftet, kam vor den Volksgerichtshof und tauchte bald darauf ab in den Untergrund. Helmut Kindler sah in den vielseitigen Erfahrungen, die er von 1929 bis 1945 sammeln konnte, eine Lehrzeit für seine Verlegertätigkeit, erst als Zeitschriften-, dann als Buchverleger. Der wirtschaftliche Erfolg seiner Zeitschriften «Revue», «Das Schönste», «Bravo» und anderer ermöglichte es Kindler, in seinem Buchverlag jenen kritischen Autoren ein Forum zu bieten, denen er schon in den Nazijahren begegnet war, und jene großen Enzyklopädien – «Kindlers Literatur Lexikon», «Kindlers Kulturgeschichte», «Kindlers Malerei Lexikon», «Grzimeks Tierleben» und «Die Psychologie des 20. Jahrhunderts» – zu veröffentlichen, die den Namen Kindler weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt gemacht haben.

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EPUB

Seitenzahl: 760

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Helmut Kindler

Zum Abschied ein Fest

Die Autobiographie eines deutschen Verlegers

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

In seinen Erinnerungen legt Helmut Kindler Schicht um Schicht seines Lebens frei. Prägend war für den jungen Kindler die Beschäftigung mit politischen Theaterstücken, prägend wurde die Arbeit als Schauspieler und Regieassistent für sozial- und gesellschaftskritische Bühnenstücke. Seine politische Heimat – links von der Mitte – fand er im Berlin der 20er Jahre, in der Auseinandersetzung mit dem erstarkenden Faschismus. Im Februar 1933, unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung, gab Kindler das Theater und sein Berufsziel, Regisseur zu werden, auf und begann eine Karriere als Journalist. Er arbeitete als Redakteur beim Deutschen Verlag in Berlin. Als erklärter Feind des Nationalsozialismus trat er einer Widerstandsgruppe bei, half jüdischen Mitbürgern, wurde verhaftet, kam vor den Volksgerichtshof und tauchte bald darauf ab in den Untergrund.

Helmut Kindler sah in den vielseitigen Erfahrungen, die er von 1929 bis 1945 sammeln konnte, eine Lehrzeit für seine Verlegertätigkeit, erst als Zeitschriften-, dann als Buchverleger. Der wirtschaftliche Erfolg seiner Zeitschriften «Revue», «Das Schönste», «Bravo» und anderer ermöglichte es Kindler, in seinem Buchverlag jenen kritischen Autoren ein Forum zu bieten, denen er schon in den Nazijahren begegnet war, und jene großen Enzyklopädien – «Kindlers Literatur Lexikon», «Kindlers Kulturgeschichte», «Kindlers Malerei Lexikon», «Grzimeks Tierleben» und «Die Psychologie des 20. Jahrhunderts» – zu veröffentlichen, die den Namen Kindler weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt gemacht haben.

Über Helmut Kindler

Helmut Kindler (1912–2008) war ein deutscher Verleger und Autor.

Inhaltsübersicht

Nina, Dir zu ...Die Gliederung meiner ...PrologVon der Poesie des KorbflechtensTeil I Das gesprochene WortKapitel 1 Mein zwölfter GeburtstagKapitel 2 Drei KlassikerKapitel 3 Das große Jahr (1928)Kapitel 4 Von Flex zu RemarqueKapitel 5 Piscatorschüler (1929)Kapitel 6 Vier Herren unterhalten sichKapitel 7 Meine erste GageKapitel 8 Schulabgang (1930)Kapitel 9 Horváth und ZuckmayerKapitel 10 Kino und KabarettKapitel 11 VaterlandKapitel 12 Eine Freundschaft (1932)Kapitel 13 Mein Abschied vom TheaterTeil II Das geschriebene WortKapitel 14 Hitler an der MachtKapitel 15 Mein Freund Leo Kerz emigriertKapitel 16 Feuilletons in drei großen ZeitungenKapitel 17 Und dann liebt man diese StadtKapitel 18 Insel BerlinKapitel 19 KompromisseKapitel 20 Von Berlin nach WarschauKapitel 21 Gedanken in der ZelleKapitel 22 AngstKapitel 23 Max Bohne ist nicht Max BohneKapitel 24 2. Mai 1945 – Berlin kapituliertKapitel 25 Die Lieder sind verwehtKapitel 26 Auf dem Jüdischen Friedhof in WeißenseeKapitel 27 Mein Abschied vom JournalismusTeil III Das gedruckte WortVerleger in BerlinVerleger in MünchenVerleger in ZürichEpilogVon der Poesie der EinbildungskraftDanksagungAnmerkungNamenregister

Nina, Dir zu danken, schrieb ich dieses Buch

Die Gliederung meiner Autobiographie in die drei Hauptteile

»Das gesprochene Wort«,

»Das geschriebene Wort«,

»Das gedruckte Wort«

verdanke ich einem Brief

des Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland,

Richard von Weizsäcker.

In dem Brief, den er mir zu meinem

75. Geburtstag am 3. Dezember 1987

schrieb, heißt es: »Ihre Leidenschaft galt

stets dem Wort, zunächst dem gesprochenen,

dann dem geschriebenen, später dem

gedruckten.«

Prolog

Von der Poesie des Korbflechtens

Freilich erfahren wir erst im Alter, was uns in der Jugend begegnete.

 

Goethe

 

Es war wie das Schlußbild eines Films: eine einsame Landstraße, baumgesäumt, die auf den ersten Blick verlassen wirkte, ausgestorben, bis das Auge einen Menschen erspäht, der sich immer weiter entfernt. Es muß ein Mann sein, ein älterer Mann, der gegen Ende der Straße, da, wo die gegenüberstehenden Bäume scheinbar immer enger zusammenrücken, ins Unendliche geht – zu einem Punkt wird, der verschwindet. Wer ist dieser Mann? Sein Gesicht kann ich nicht beschreiben. Ich habe ja nicht einen Mann gesehen, sondern nur den Rücken eines Menschen, einen gebeugten Rücken, rheumagebeugt oder ischiasgebeugt, wer weiß, offenbar schmerzgebeugt.

Diesen Schmerz versuchte der Mann einzudämmen, zu lindern, erträglicher zu machen, indem er beim Gehen die rechte Hand gegen den Rücken preßte. So entschwand er meinen Augen.

Dieses verblassende Bild hatte sich meiner Netzhaut eingeprägt, als mein Vater mir, dem Zehnjährigen, seinen Großvater beschrieb, in knappen, dabei anschaulichen Worten. Also von meinem Urgroßvater ist die Rede, von meinem Urgroßvater, den ich nie gesehen habe. Als er starb, war ich noch nicht auf der Welt.

Wie gesagt, mein Vater hatte mir geschildert, wie er als Kind seinem Großvater, den er liebte, nach einem Besuch im elterlichen Haus nachgeblickt hatte, bis dieser Großvater in der Ferne verschwand. Den schmerzgeplagten Gang seines Großvaters hatte mir mein Vater, indem er von ihm sprach, mitleidend vorgemacht, andeutungsweise. Und er hatte mir seinen Großvater als charaktervolle Persönlichkeit zu schildern vermocht – mit Hilfe eines einziges Satzes, der tief in mein Knabenhirn eindrang. Mein Vater sagte zu mir: »Dein schmerzgebeugter Urgroßvater war ein aufrechter Mann.«

Es hätte meinem Vater weh getan, wenn ich bei der Vorstellung »Ein gebeugter aufrechter Mann« das Gesicht verzogen hätte. Und heute würde ich es mir übelnehmen, wenn mir diese Kennzeichnung paradox erschiene.

Ich übernehme den Satz: Mein Urgroßvater war ein gebeugter aufrechter Mann.

Was hätte er doch alles mit seiner Hand, mit der er nun so häufig den ihn quälenden Rücken zu besänftigen versuchte, zustande gebracht.

Das, was er mit seinen Händen ein Leben lang gemacht hatte, war auch seinem Sohn noch ziemlich geläufig, und der Enkel, mein Vater, versuchte, mindestens die elementaren Geheimnisse seines geliebten Handwerks zu ergründen: das Handwerk eines Korbmachers. Mein Urgroßvater hatte es sich ausgesucht. Korbflechten war eine Fähigkeit, die früher in manchen Familien auf dem Lande für eigene Bedürfnisse ausgeübt wurde. Korbwaren »haben«, lesen wir in Stifters Nachsommer, »so gut wie bedeutendere Gegenstände ihre Geschichte«. Man brauchte Wiegen für die Neugeborenen, man brauchte auch Waschkörbe, Henkelkörbe für das Einsammeln von Früchten, Futterkrippen für die Ställe, Tragkörbe für die Weinernte, Brutkörbchen für das Nisten der Hühner, vielleicht auch Bienen- oder Angler-Körbe. Natürlich verlangte Korbflechten als Beruf besondere Kunstfertigkeit.

Kürzlich habe ich in Camacha auf Madeira Korbmachern zugesehen, die im Gebirge in 700 Meter Höhe inmitten von Weidenpflanzungen arbeiteten.

Ich ließ mir sagen, daß die Weidenruten »geköpft« werden, um möglichst lange, glatte Ruten zu bekommen. Das heißt, man nimmt der Weide alle Zweige, die dann in Gestalt langer Ruten nachwachsen und eine neue Krone bilden. Wird das Köpfen Jahre hindurch wiederholt, vernarbt das obere Ende des Stammes schließlich, und der Baum wird zur »Kopfweide«.

Überwältigend war die Vielfalt der Handarbeiten, die ich sah, von kleinen, grazil geflochtenen Schachteln und Körbchen bis zu herrlichen Korbsesseln, bewundernswert der Motivreichtum der Muster, schmückend, zierend, dekorativ: geometrische Ornamente, geschwungene Leisten, Mäanderformen, Girlanden, Gitterdekore, stilisierte Blätter, Rankenwerk und Rosetten, teppichartige Wirkungen voller überraschender Einfälle. Ich sah in Camacha, daß die geschmeidigen Weidenzweige geschält oder ungeschält verarbeitet werden. Will man sie schälen, so zieht man sie im frischen Zustand durch eine elastische hölzerne oder eiserne Zange und löst die geplatzte Rinde mit den Händen ab. Nach dem Schälen werden die Ruten an der Luft und Sonne möglichst schnell getrocknet. Zu ganz feinen Arbeiten spaltet man die Ruten in drei oder vier Schienen. Dies geschieht mit dem Reißer, einem etwas kegelförmig gedrechselten Stück von hartem Holz, welches von der Mitte bis an das obere dünne Ende so ausgeschnitten ist, daß es drei oder vier keilförmige, wie Strahlen von einem Mittelpunkt auslaufende Schneiden bildet. Zur Verwandlung der dreiseitigen Spaltstücke in glatte Schienen zieht man sie wiederholt durch den Korbmacherhobel und dann durch den Schmaler, um die Seitenkanten zu beschneiden und alle Schienen gleich breit zu machen. Beim Flechten selbst fertigt man zuerst den Boden des Korbes und dann die Seitenwände. Dies geschieht auf einem einfachen Gestell, der Maschine, auf welcher der Boden befestigt wird. Eckige Körbe werden über hölzernen Formen geflochten.

Der Beruf des Korbmachers ist selten geworden. Im Tessin dürfte es nur noch drei oder vier Leute geben, die Körbe flechten. Und auch in Graubünden, wo einst Obersaxen als Hochburg der Korbflechterei galt, setzt sich das Erbe nicht auf die Jugend fort. Heute hat sich die Industrie der Produktion von Korbmöbeln angenommen, und Designer entwerfen einfallsreiche Modelle.

Mein Großvater, der die Korbmacherei im Gegensatz zu seinem Vater auch nur noch nebenher, man könnte sagen zum Vergnügen ausübte, konnte Sinn und Bedeutung dieses Handwerks lediglich in einfachen Worten ausdrücken. So sagte er zum Beispiel: »Das Korbflechten stärkt Geist und Seele.« Er empfand Genugtuung an einer Beschäftigung, die einem Menschen Phantasie, Fingerfertigkeit und Konzentration abverlangt. »Ist dieser Korb nicht nützlich und schön?« begann mein Großvater das Gespräch, wenn er aus der reichhaltigen Sammlung seines Vaters ein besonders gelungenes Stück entnahm und der komplizierten Verschlingung und Verschränkung des Flechtmaterials mit dem Zeigefinger nachspürte. Bewundernd verwies mein Großvater auf die Korbböden: kreisförmige, spiralenförmige, sternförmige, strahlenförmige. Ich habe damals nur ein begrenztes Interesse für die Kostbarkeiten aus dem reichhaltigen Sortiment aufgebracht. Aber wahrgenommen habe ich sie doch. So sehe ich in der Erinnerung einen Torten- und Kuchenständer mit drei Stockwerken vor mir, der nur bei festlichen Gelegenheiten benutzt wurde. Meine Großmutter wachte über all die Korbwaren, staubte sie täglich sorgfältig ab. Den überlieferten Schaukelstuhl, in dem mein Großvater abends die Zeitung las, überließ er mir, seinem Enkelsohn, wenn ich in den Ferien zu Besuch kam. Mein Großvater wußte natürlich mehr von seinem Vater zu erzählen als mein Vater von seinem Großvater. Demnach hatten meine Urgroßeltern ein kleines Anwesen in Langenöls und nahe dem Haus zwei Morgen Land gepachtet mit einem Roggen- und einem Zuckerrübenfeld. Das Roggenfeld lieferte meinem Urgroßvater das Stroh für einfachere Flechtwaren, aber auch für Wassereimer – Wassereimer aus Stroh, deren Böden und Seitenflächen mit Harz abgedichtet wurden. Das Zuckerrübenfeld war meinem Urgroßvater willkommen, weil es seiner Meinung nach den besten Grund für eine kleine Weidenplantage abgab, die er mit großen Mühen anlegte und Jahr für Jahr hegte und pflegte. Puschkin widmet eines seiner Gedichte der Weide: »Und voller Dank hat sie mit mir gelebt,/Um, wenn ich schlaflos lag, mit Trauerzweigen/Sich mir, Träume fächelnd, herzuneigen.« (Aus dem Russischen von Urs Heftrich.) Schließlich ist die Weide das edelste Gewächs in den Händen eines Korbmachers. »Die Weide biegt sich – aber brechen tut sie nicht«, zitierte mein Großvater meinen Urgroßvater. Die Weide wird als Königin unter den Flechtpflanzen bezeichnet. Ja, mein Urgroßvater soll nicht davon abzubringen gewesen sein, zu betonen, daß von der Weide besondere Kräfte ausgehen. Flechtarbeiten aus Weiden hätten, so meinte er, eine heilende Ausstrahlung. Was er nicht wußte: Weide heißt lateinisch salix.

Tatsächlich wird von der Weide Salicyl gewonnen, ein Mittel, das Schutz gegen Pilze und Bakterien bietet. Wenn junge Hunde an den Hundekörben knabbern, bleiben sie von der kaum heilbaren Staupe für ihr ganzes Leben verschont.

 

Den im Phantasiefilm sich entfernenden Großvater habe ich in meinem späteren Leben noch einige Male vor meinem inneren Auge gesehen. Als Verleger machten meine Frau und ich 1970 die Bekanntschaft einer Autorin, Isabella Bielicki, auf die wir durch einen Beitrag in der von Alexander Mitscherlich herausgegebenen Zeitschrift »Psyche« aufmerksam geworden waren. Er befaßte sich mit pädagogischen Fragen aus psychotherapeutischer Sicht und war von seltener Klarheit. In dem Artikel war auch davon die Rede, welche Rolle Großeltern zukommt. Ich fühlte mich angesprochen. Erstens, weil meine Frau mich mit ihren langjährigen tiefenpsychologischen Studien angesteckt hatte; zweitens als Verleger, den die Autorin des Beitrags interessierte; drittens als Großvater, der am Leben seiner Enkel teilnehmen wollte. Es kam zu einem Briefwechsel, danach zu einem Besuch bei der Verfasserin in Mainz, die gerade im Begriff war, sich dort als Kinderärztin niederzulassen. Kurz zuvor war sie mit ihrem Mann, einem Psychiater, und den Söhnen aus Warschau in die Bundesrepublik übersiedelt. Die Familie, jüdischer Herkunft, hatte, wie auch andere der wenigen Überlebenden des Holocaust, den antisemitischen Druck von seiten der Regierung wie der Bevölkerung Polens nicht mehr ertragen können und war in die Bundesrepublik gezogen. In Polen erwiesen sich Antisemitismus und katholische Kirche auch unter kommunistischer Herrschaft als therapieresistent.

Isabella Bielicki war gern bereit, ein Buch für den Kindler Verlag zu schreiben, legte meiner Frau und mir dar, was ihr als Psychologin, als Ärztin und Pädagogin am Herzen lag. Sie sprach von einem Grundbedürfnis aller Babys, das sie aus dem vorgeburtlichen menschlichen Dasein ableitete.

Sie sagte, den wehrlosen kleinen Geschöpfen fehle die Wiege, die Korbwiege. Eine solche Korbwiege hatte in der Korbsammlung meines Großvaters in Kerzdorf ihren Platz gefunden. Ja, ich sah sie plötzlich vor mir. War die Wiege nicht über Jahrhunderte bei allen Völkern in Gebrauch, wie man antiken Bildern und Darstellungen entnehmen kann? Doch eines Tages, vor etwa 200 Jahren, hatte die Wiege ausgeschaukelt. Ein Braunschweiger Hofarzt hatte 1790 behauptet: »Die Milch wird durch die ständige Bewegung im Magen verkäst.« Zahlreiche Kollegen schlossen sich damals diesem Irrglauben an. Diese Meinung hat sich allerdings gründlich geändert. Frau Bielicki erinnerte daran, daß die Frucht im Mutterleib während der ganzen Schwangerschaft in einem flüssigen Medium aufgehängt ist. »Ständig ist die Frucht im Mutterleib der wiegenden, rhythmischen Bewegung des Körpers der Mutter ausgesetzt. Sie wird gewiegt von dem rhythmischen Pulsschlag des mütterlichen Herzens, von ihrem Atem, von jeder Bewegung und Regung. Die Bewegung des Körpers der Mutter wirkt durch den Gleichgewichtssinn der Frucht – einen vollendeten Aufnahmeapparat – als ein natürlicher und unentbehrlicher Reiz für die richtige Entwicklung des Kindes; von Anfang an ist er einer der wichtigsten Wege für den Kontakt mit der äußeren Welt, mit der Mutter.

Bei den europäischen Völkern spielten die Wiegen und die Wiegenlieder, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, wahrscheinlich die Rolle des sanften Übergangs vom ›Wiegen‹ im Mutterschoß zum selbständigen Wiegen auf den eigenen Beinen.« (Nachzulesen in Isabella Bielicki, »Dein Kind braucht Liebe«, das 1971 im Kindler Verlag erschien.)

Ich hoffe, meine Enkeltochter Jessica, die sich mit 19 Jahren in Istanbul verheiratet hat, wird einmal ihrem Kind eine Korbwiege gönnen.

 

Eine andere »Wiederbegegnung« mit meinem Urgroßvater verdanke ich um dieselbe Zeit einem poetischen Werk: Die Erinnerung stellte sich bei der Lektüre eines Buches ein. Das kam so: Wolfgang von Einsiedel, einer der letzten deutschen Privatgelehrten, verantwortlich für die Umsetzung des von Graf Bompiani in dessen Verlag in Mailand herausgegebenen Werkes »Dizionario delle Opere di tutti i Tempi e di tutte de Letterature« in ein entsprechendes deutschsprachiges Werk – das als »Kindlers Literatur Lexikon« bekannt werden sollte –, Wolfgang von Einsiedel hatte im Laufe der Vorarbeiten damit begonnen, diejenigen Literaturen aufzulisten, aus denen jeweils Werke bedeutender Autoren behandelt, das heißt analysiert und interpretiert werden sollten. Zahlreiche Fachgelehrte halfen ihm dabei. Die Liste wurde immer umfangreicher. Von Bompiani blieb nur noch wenig übrig. Ich stieß beim Lesen der Listen auf mir völlig Unbekanntes, darunter die neuprovenzalische Literatur, die sogar einen Nobelpreisträger aufzuweisen hatte: Frédéric Mistral. Gabriela Mistral, die Dichterin, die 1945, einundvierzig Jahre nach Frédéric Mistral, den Nobelpreis verliehen bekam, war mir durchaus ein Begriff. Teile der Werke der chilenischen Dichterin kannte ich schon, bevor ich 1955 chilenischer Honorarkonsul in München wurde, und mir fiel auch ein, daß Gabriela Mistral, die mit bürgerlichem Namen Lucila Godov Alcayaga hieß, sich aus Bewunderung für den provenzalischen Dichter seinen Namen als Pseudonym für ihre Lyrik gewählt hatte. Aber erst 1962 oder 1963 las ich sein sicher berühmtestes Buch Mirèio, das Hans Roesch in deutscher Übersetzung Mireille nennt. Mistrals Epos wurde seinerzeit im europäischen Schrifttum in eine Reihe gestellt mit Shakespeares Romeo und Julia, mit Bernardin de Saint-Pierres Paul et Virginia und Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe, denn wie diese gehört Mireille zu den Dichtungen, in denen die aufkeimende Liebe zweier junger Menschen das Thema ist, eine Liebe, die unerfüllt bleibt und einen tragischen Verlauf nimmt. Aber was mich an dem Buch fesselte, war etwas anderes: Vater und Sohn waren Korbflechter.

Im ersten der zwölf Gesänge erfährt der Leser bereits, daß vor ihrem Häuschen unmittelbar am Ufer der Rhone, von Fluten umspült, zwei Männer handwerkern, ein alter und ein junger, Vater und Sohn, der Korbmachermeister Ambrosius und der Korbmachergeselle Vinzenz.

Und die zweite Strophe des siebenten Gesangs von Mireille lautet:

Der Alte sitzt vor seinem Rhonehüttchen

– es ist kaum größer als die Schale einer Nuß –,

vorm Wind geschützt, auf einem Baumstumpf

und schält die Rinde von den Weidenzweigen;

der junge Mann, der auf der Schwelle hockt,

biegt mit den kräftigen, geschickten Händen

die weißen Ruten flink zum Korbgestell zusammen.

Frédéric Mistrals Mireille empfand ich als Hommage für meinen Urgroßvater.

Meine Gedanken überspringen den so oft besungenen Strom der Rhone, an dem der Korbflechter und sein Sohn ihrer Beschäftigung nachgehen. Meine Gedanken halten Tausende von Kilometern entfernt inne, an einem unscheinbaren Flüßchen, dem Queis (heutiger Name Kwisa), der vom Isergebirge an der kleinen Ortschaft Wingendorf vorbeiführt, nahe dem bescheidenen Gehöft, in dem mein Vater geboren wurde. Meine Großeltern wohnten dort, bevor sie Jahre später, als mein Vater und seine vier Brüder versorgt waren, in ein bequemeres Haus im nicht weit entfernten Kerzdorf zogen, wo die Erinnerungsstücke an meinen Urgroßvater das Wohnzimmer schmückten.

In Wingendorf also machen wir halt und gehen zu dem weidenumstandenen Queis, der mit der Kindheit meines Vaters eng verbunden ist. Er erzählte manchmal davon, daß er sich mit einem Bauernburschen eine Flasche Kirsch mit Rum geteilt habe und beide torkelnd ins Wasser gefallen und beinahe ertrunken seien. Kirsch mit Rum war in dieser Zeit in Schlesien sehr beliebt. Ich bin dem Getränk (2/3 Kirschlikör, 1/3 Rum) als After-Dinner-Genuß bis heute zugetan. Ein andermal watete er im Queis mit dem jungen Töchterchen eines benachbarten Bauernhofes, das ihm seinen ersten Kuß erlaubte. War die Erzählung meines Vaters nicht vergleichbar der Liebesgeschichte zwischen Vinzenz und der zauberhaften Mireille, die Mistral in seinen Versgesängen beschworen hat? Und wachsen nicht am Rhonearm Weiden wie am Uferrand des Queis? Und war das Haus von Ambrosius und Vinzenz nicht ebenso häufig von steigenden Fluten der Rhone bedroht wie das Haus der Großeltern in Wingendorf, wenn der Queis Hochwasser führte? Mein Vater hat es meinem Bruder und mir manchmal erzählt: Der sonst harmlose Queis schwoll bei Schneeschmelze im Gebirge so mächtig an, daß er zu einem reißenden Fluß wurde, über die Ufer trat, mit Geröll, Steinen und Holzblöcken gegen das Haus brandete. Das änderte sich erst nach dem Bau der Talsperren von Marklissa und Goldenberg.

Wenn mein Vater meinte, der Queis berge manche Geheimnisse, so hielten wir das für recht phantasievolle Ausschmückungen seiner Kindheitserlebnisse. Wenn wir es noch hinnahmen, daß mein Vater als Junge im Flußsand Muscheln gesucht hatte, so zweifelten wir doch an seiner Erzählung, wonach er mehrfach eine Muschel, die eine Perle enthielt, gefunden haben wollte. Und über seine kühne Behauptung, im Queis hätten er und seine Brüder Goldkörnchen aufgespürt – wobei sie sich geschworen hatten, diese Entdeckung niemandem zu verraten –, diese Geschichte nahm ich ihm nicht ab. Hingegen zweifelte ich nicht daran, daß er aus den Ruten wildgewachsener Weiden am Queis seinen ersten selbstgefertigten Korb zustande gebracht hat.

Als mir meine Eltern zur Konfirmation ein vielbändiges Konversationslexikon schenkten, ein antiquarisches Exemplar des »Meyer« aus dem Jahr 1890, sagte mein Vater: »Schlag doch mal im Band 13 unter dem Stichwort Queis nach.« Dort las ich, daß der Queis 1020 m über dem Meeresspiegel auf dem Hohen Iserkamm entspringt. Er fließt in nördlicher Richtung und mündet nach einem Lauf von 105 Kilometern zwischen Sprottau und Sagan in den Bober, den größten linken Nebenfluß der Oder. Der Queis »bildet die Grenze zwischen Schlesien und der Lausitz und enthält Perlmuscheln und Goldsand«.

Bücher, immer wieder Bücher, die Erinnerungen heraufbeschwören:

Ich kann nicht mehr sagen, wann ich Horst Langes Roman Schwarze Weide gelesen habe. Erschienen ist er während der Nazijahre im Henry Goverts Verlag. Lange lebte mit seiner Frau, der Dichterin Oda Schaefer, bis zu seinem Tod 1971 in München. Die Taschenbuchausgabe, die, nachdem die Originalausgabe vergriffen war, im Kindler Verlag erschien, konnte er 1965 hoch erfreut in Empfang nehmen.

In seinem Roman schildert Lange die dramatischen Ereignisse in einem kleinen schlesischen Dorf, durch das sich ein verschilfter Bach, die »Schwarze Weide«, schlängelt, dem das Dorf seinen Namen verdankt. Dieser Bach schwillt an und überschwemmt die kleine Ortschaft mit seinen reißenden Fluten. In meiner Vorstellung sah ich Wingendorf und den idyllischen Queis, der sich, wie wir gehört haben, bei Unwetter und Schneeschmelze in einen gefährlich überflutenden Strom verwandelte. Eine Passage gegen Ende des Buches erinnerte mich an Ferien, die ich bei meinen Großeltern in Schlesien verbracht hatte. Ich war vielleicht zwölf Jahre alt. Mein Großvater, der wußte, daß ich Klavierstunden bekam, nötigte mich während einer Rast nach einem ausgedehnten Spaziergang in einer Dorfwirtschaft, in der ein Klavier stand, ihm etwas vorzuspielen. Mein Spiel muß erträglich gewesen sein, denn nach der Rückkehr sagte er, wie sehr er sich freue, daß ich musikalisch sei (was ich keineswegs war); er habe eine Überraschung für mich. Und er entnahm der Schublade einer Kommode eine kleine Flöte. Ich solle einmal versuchen, darauf zu spielen. Das mißlang. »Ich schenke dir diese Flöte. Dann kannst du darauf üben. Ich habe sie selbst geschnitzt, sie ist aus Weidenholz gefertigt.«

In Horst Langes Roman macht der Autor – oder ist es der Held des Romans? – am Ufer des friedlichen Baches aus trockenem Schilf und toten Erlenästen ein Feuer und läßt sich alsbald auf einem Weidenstumpf nieder. »Ich wählte«, so schreibt er, »unter den biegsamen Gerten diejenige aus, welche am dicksten war und die wenigsten Augen zeigte, schnitt sie ab und zerteilte sie dort, wo sie mir brauchbar zu sein schien. Dann begann ich die Rinde rundum vorsichtig mit dem Griff meines Messers locker zu klopfen. Es war mir früher nie gelungen, eine Weidenflöte zu machen, die Töne gegeben hätte; immer zerstörte die Ungeduld, welche in meinen Fingern saß, alles, kaum daß es der Vollendung nahe gewesen war, aber jetzt wollte ich es noch einmal versuchen … Es hatte lange gedauert, bis die Rinde vom weißen Holz abkam, das sich so glatt anfühlte, als wäre es mit Seife eingerieben. Ich trocknete das hohle, feuchte Rohr, nachdem ich die Fingerlöcher und die Mundkerbe eingeschnitzt hatte, über der Glut meines Feuers, setzte den Stöpsel ein und führte die Flöte an meine Lippen. Endlich, nach mehreren vergeblichen Bemühungen, gab es ein schwaches, hauchiges Pfeifen. Ich blies stärker, die Rinde begann unter meinen Fingerspitzen zu vibrieren, der Laut wurde dunkler und voller, und zuletzt, indes ich die Löcher zudeckte und wieder öffnete, brachte ich drei, vier Töne hervor, die dem Ruf des Pirols glichen und die ich wieder und wieder mir selbst vorspielte.«

Mich überkam beim Lesen dieser Passage ein beklemmendes Gefühl. Denn das Geschenk meines Großvaters, die kleine Flöte, hatte mir so gut wie nichts bedeutet. Freude und Dank hatte ich vorgetäuscht und nicht nachempfunden, wie stolz der Großvater auf seine kleine Weidenflöte war und wieviel Liebe daraus sprach, daß er sie mir schenkte.

Nie habe ich Töne herausgebracht, die dem Ruf des Pirols glichen.

 

Ich schließe, fünfundsiebzigjährig, diesen Rückblick in die Kindheit mit Goethes Marienbader Korb, worüber Eckermanns Gespräche vom 24. September 1827 über eine Fahrt mit Goethe nach Berka Auskunft geben: »Im Wagen zu unseren Füßen lag ein aus Binsen geflochtener Korb mit zwei Handgriffen, der meine Aufmerksamkeit erregte. ›Ich habe ihn‹, sagte Goethe, ›aus Marienbad mitgebracht, wo man solche Körbe in allen Größen hat, und ich bin so an ihn gewöhnt, daß ich nicht reisen kann, ohne ihn bei mir zu führen. Sie sehen, wenn er leer ist, legt er sich zusammen und nimmt wenig Raum ein; gefüllt dehnt er sich nach allen Seiten aus und faßt mehr, als man denken sollte. Er ist weich und biegsam und dabei so zähe und stark, daß man die schwersten Sachen darin fortbringen kann.‹ Er sieht sehr malerisch und sogar antik aus, sagte ich. ›Sie haben recht‹, sagte Goethe, ›er kommt der Antike nahe, denn er ist nicht allein so vernünftig und zweckmäßig als möglich, sondern er hat auch dabei die einfachste, gefälligste Form, so daß man also sagen kann: er steht auf dem höchsten Punkt der Vollendung. Auf meinen mineralogischen Exkursionen in den böhmischen Gebirgen ist er mir besonders zustatten gekommen. Jetzt enthält er unser Frühstück. Hätte ich einen Hammer mit, so möchte es nicht an Gelegenheit fehlen, hin und wieder ein Stückchen abzuschlagen und ihn mit Steinen gefüllt zurückzubringen!‹«

Dieses Gespräch, das mir erneut die Augen öffnete für die Kunstfertigkeit des Korbflechtens, ist für mich eine Laudatio an den Vater des von mir geliebten Großvaters.

 

Vielleicht interessiert es den Leser zu erfahren, wann ich diese Rückschau geschrieben habe. Es war, wenige Tage nachdem ich im Jahr 1987 folgendes Gedicht von Heinrich Böll zu lesen bekam:

Wir kommen weit her

Liebes Kind

und müssen weit gehen

keine Angst

alle sind bei Dir

die vor Dir waren

Deine Mutter, Dein Vater

und alle, die vor ihnen waren

Weit weit zurück

alle sind bei Dir

keine Angst

wir kommen weit her

und müssen weit gehen

liebes Kind

 

Dein Großvater

8. Mai 1985

Böll hatte dieses Gedicht seiner Enkeltochter Samay am 8. Mai 1985 in ihr Poesiealbum geschrieben.

Und ich sollte hinzufügen, daß ich die »Wiederbegegnung« mit meinem Urgroßvater und seinem Handwerk, dem Korbflechten, der Literatur verdanke. Nicht zuletzt verdanke ich sie Büchern, die ich später verlegt habe. Sie dokumentieren bereits drei von mehreren Schwerpunkten des Kindler Verlags: die Psychologie (mit dem Band Dein Kind braucht Liebe von Isabella Bielicki), das enzyklopädische Programm (mit Kindlers Literatur Lexikon, in welchem Frédéric Mistrals Buch Mireille behandelt wird) und die Belletristik (mit dem Roman Schwarze Weide von Horst Lange).

Ich will damit sagen: Diese Rückschau konnte ich nur schreiben, weil ich 1945 Verleger wurde. Deshalb gehört sie an den Anfang meiner Autobiographie.

Teil I Das gesprochene Wort

Kapitel 1 Mein zwölfter Geburtstag

Stets war ich begierig, Schilderungen meines Vaters aus seiner kriminalistischen Berufsarbeit erzählt zu bekommen. Seine Kindheitsvorstellungen von polizeilicher »Allmacht« waren im Laufe der Jahre nüchternen Einsichten gewichen. Ursprünglich hatte er als Kind in dem kleinen Dorf in Schlesien, in Wingendorf, wo er aufgewachsen war, angstvoll und hingerissen zugleich zu dem uniformierten Polizisten hoch zu Pferde aufgesehen, der von Zeit zu Zeit durch die Dörfer ritt, um seinem vorgesetzten Amt in Lauban möglichst berichten zu können: »Keine besonderen Vorkommnisse.«

In seiner Kindheit war dieser uniformierte Polizist für meinen Vater eine alle und alles überragende Gestalt. Wie schön, wenn er das einmal werden könnte.

Er wurde es nicht. Jedenfalls nicht in Schlesien und nicht auf dem Dorf, sondern in Lichtenberg, damals noch einer der östlichen Vororte der kaiserlich-königlichen Hauptstadt Berlin. Der Umgang mit Pferden machte meinem Vater Freude, der dienstliche Umgang mit Menschen hingegen machte ihm zu schaffen. Es lag ihm nicht, »auf einem hohen Roß« zu sitzen. Er empfand sich, nachdem Kaiser und König 1918 abgedankt hatten, als Bürger unter Bürgern. Er wechselte in die zivile Polizeiverwaltung und bald darauf zur Kriminalpolizei. Aus dieser Zeit stammen die Erzählungen, von denen ich nicht genug bekommen konnte.

Es waren die Fälle, die auch in den Zeitungen standen und mit denen er selbst nur selten oder wenig zu tun hatte. Da gab es die großen Verbrechen, die Morde und Raubüberfälle, die nächtlichen Straßenräuber, die Einbrecher, die Eisenbahndiebe, die Erpresser, die Betrüger und so weiter. Besonderes Aufsehen erregten die Fassadenkletterer, die es heute nicht mehr gibt. Die glatten Betonklötze der Neubauten erweisen sich als zu schwierig für dieses »Gewerbe«. Robert M.W. Kempner[1], der als junger Jurist bei einem der berühmtesten Strafverteidiger Berlins, Rechtsanwalt Dr. Erich Frey, als Referendar tätig war und der es bis zu seiner Amtsenthebung durch Hermann Göring bis zum Justitiar der preußischen Polizei gebracht hatte, berichtet in seinen Lebenserinnerungen, daß Dr. Frey einen Fassadenkletterer mit der Behauptung verteidigte, der Angeklagte habe in einer Wohnung im vierten Stock nur baden wollen. »Wer zu Frey kam, kam frei«, hieß es.

Als Kriminalbeamter hatte mein Vater ein kleines Büro im Schlesischen Bahnhof, der samt Umgebung zu den verrufensten Gegenden von Berlin gehörte. Manchmal besuchte ich ihn, ließ mir erklären, mit welchen Mitteln Gangster sich der Koffer Reisender bemächtigten, welche Gefahren gleich bei Ankunft in Berlin auf Menschen lauerten, die von weit her zum ersten Mal in die Hauptstadt kamen, wo sie glaubten, Arbeit finden und ihr Glück machen zu können. Viele lernten nicht das Glück, sondern das Unglück kennen. Für sie hatte mein Vater ein Herz. Ich erinnere mich, wie er einmal nach Hause kam und meine Mutter bat, ihm von der Haushaltskasse zwanzig Mark zu geben. Er hatte einer Frau mit vier kleinen Kindern, der man im Zug ihr Gepäck und ihre Handtasche gestohlen hatte, sein Taschengeld geschenkt und außerdem im Bahnhofsrestaurant fünf Tassen heiße Schokolade spendiert. Ein anderes Mal wurde er beschenkt: Er kam mit einer Torte nach Hause, dem Geschenk eines jungen jüdischen Einwanderers, der, wie so viele, aus den Ghettos in Polen nach Berlin gekommen war. Mein Vater hatte ihm einige Mark geliehen, nachdem er ihn auf einem Bahnsteig angesprochen hatte, wo der junge Mann hilflos auf und ab gegangen war. Er war wider Erwarten nicht abgeholt worden und wußte nicht, wie er in die Grenadierstraße kommen sollte, wo seine Schwester wohnte. Eine Woche später brachte er das geliehene Geld zurück – und eine Torte.

Mein Vater war beliebt, am wenigsten allerdings bei manchen uniformierten Polizisten, die sich daran störten, daß er zu »weich« war und seine Pistole dienstwidrig stets zu Hause in der Schublade ließ. Aber so »weich« mein Vater auch gewesen sein mochte, energisch konnte er seine Überzeugung vertreten: Man darf einen Menschen nicht zum »Verbrecher stempeln«.

Der Einstellung meines Vaters zur Kriminalität kam entgegen, daß sich gerade in der Beamtenschaft der preußischen Polizei unter Ministerpräsident Otto Braun während der Weimarer Republik Menschenfreundlichkeit, Toleranz und demokratisches Verständnis entwickelt hatten. Die größten Verdienste um die Integrierung der Polizei in den preußischen Staat gebühren dem Polizeivizepräsidenten Bernhard Weiss. Robert M.W. Kempner hat meiner Frau Nina und mir erzählt, wie sehr sich Dr. Weiss um die Demokratisierung der Polizeibeamten bemüht hat. Das wurde auch von der Bevölkerung Berlins wahrgenommen. »Die Polizei, dein Freund und Helfer« – dieser Satz ist wohl damals entstanden.

Am aufregendsten fand ich die Geschichten, die mein Vater von »Sarowka« erzählte. »Sarowka« war eine Kneipe gegenüber dem Schlesischen Bahnhof, einer der vielen Bouillonkeller, wie die Berliner sagten. Die Besonderheit von »Sarowka« bestand darin, daß dort der mächtigste Verein der sogenannten Unterwelt verkehrte, der Verein »Immertreu«. Immer wieder mußte mein Vater dieses Lokal berufsmäßig aufsuchen. Im allgemeinen wurden Kriminalbeamte bei »Sarowka« von den »Immertreu«-Leuten in der Weise empfangen, daß sie mit den Beamten an der Theke etwas bestellten, meist: »Für den Herrn eine Molle und ein Korn.« Da mein Vater so gut wie nie Alkohol trank, wußten die bei »Immertreu«, daß sie ihm, wenn er erschien, ein Malzbier anbieten mußten. Mein Vater revanchierte sich dann und bestellte jedesmal für einen oder mehrere der Herren auf seine Kosten ein Bier.

Gelegentlich mußten uniformierte Polizisten das Lokal betreten, um jemanden festzunehmen. Das erwies sich als schwierig, denn die uniformierten Polizisten waren weniger beliebt als die zivilen Kriminalbeamten. Wenn nur drei oder vier Polizisten überraschend eindrangen, wurden sie von den »Immertreu«-Männern umstellt und so eingezwängt, daß sie sich nicht mehr rühren konnten. Schließlich sagte einer der Männer: »Holen Sie mal Herrn Kindler.« Wenn der erschien, öffnete sich die Umzingelung, mein Vater wurde mit Handschlag begrüßt, das Malzbier bestellt, und diejenigen, die festgenommen werden sollten, erklärten meinem Vater: »Mit Ihnen kommen wir mit.« Mein Vater, das wußte man, fesselte nie Festgenommene oder Verhaftete. Er war aber nicht der einzige unter den Kriminalbeamten, die auf diese Weise mit Menschen umgingen. Der Leiter des Morddezernats, Kriminalkommissar Gennat, einer der erfolgreichsten Kriminalisten, war durch seine kumpelhafte Art, die des Mordes oder des Totschlags Verdächtigen zu behandeln, eine Berühmtheit geworden. Mein Vater erhielt zu allen festlichen Veranstaltungen des Vereins »Immertreu« eine Einladung; für Gennat war jedesmal ein Ehrenplatz reserviert. Alle Ringvereine feierten Feste. »Immertreu«, wußte ich von meinem Vater, war der bekannteste. In ihm aufgenommen zu werden galt für einen Ganoven als Auszeichnung und eine besondere Ehre.

»Immertreu« veranstaltete jährlich einen großen Ball, zu dem nicht nur die Creme der Unterwelt erschien, sondern auch Prominenz aus Kunst und Wissenschaft. Es spielten mehrere Kapellen, darunter die Kapelle der Berliner Kriminalpolizei, selbstverständlich ohne Honorar. Ehrengäste waren der Polizeipräsident und Polizeivizepräsident und die höheren Beamten wie Kriminalkommissar Gennat vom Morddezernat. Es waren auch viele Geschäftsleute unter den Gästen, unbescholtene, redliche Kaufleute, vielfach waren sie Ehrenmitglieder von »Immertreu«, und zwar dadurch, daß sie statt einer öffentlichen Einbruch- und Diebstahlversicherung eine monatliche Zahlung an »Immertreu« leisteten. Dadurch waren sie vor Überfällen, Einbruch und Diebstahl sicher.

All das, was ich über »Sarowka« hörte, machte mich neugierig, und eines Tages, als mich meine Eltern nach einem Geburtstagswunsch fragten, sagte ich, mein einziger Wunsch sei ein Besuch mit meinem Vater bei »Sarowka«.

Es war mein zwölfter Geburtstag, den ich dort mit meinem Vater verbrachte. Ich schätze, daß es dreißig Männer waren, die sich in Schale geworfen hatten und sich äußerst wohlerzogen benahmen, als sie meinen Vater und mich zu einem blumengeschmückten Tisch führten. Nachdem wir Platz genommen hatten, begann einer der Herren an einem der anderen Tische auf einer Mundharmonika »Hoch soll er leben!« zu spielen, und alle stimmten in den Gesang ein. Gastgeber war »Bizeps-Karl«, wie er sich vorstellte. Breitschultrig stand er fest auf seinen Füßen; selbstsicher und gut gelaunt, hieß er meinen Vater und mich willkommen. Sein Schwiegervater wurde »Latten-Willi« genannt, der uns erzählte: »Meine Tochter, die Juwelen-Else, ist seit drei Jahren glücklich mit meinem Schwiegersohn, dem Bizeps-Karl, verheiratet.«

Es wurde aufgetragen. Zuerst Rollmöpse mit einem Schnaps. Dann Buletten mit Kartoffelsalat. Dazu Bier und, aufmerksam, wie man war, Malzbier für meinen Vater. Allerdings nicht für mich, den Zwölfjährigen. Die Nachspeise bestand aus roter Grütze. Nach dem Essen erhob sich Bizeps-Karl, holte ein Papier aus seiner Tasche, auf das er seine Festtagsrede zu meinem Geburtstag geschrieben hatte. Er hat sie dann liegenlassen, und ich habe sie mir angeeignet. Das war meine Revanche für ein Erlebnis, auf das ich noch zu sprechen kommen werde. Bizeps-Karl streckte sich und begann seine Rede:

»Kriminalität, lieber Helmut«, sprach er zu meiner Verwirrung mich gleich an, »hat Tradition. Kriminalität hat es immer gegeben. Zu allen Zeiten. Sie gehört einfach zu unserer Gesellschaft. Gäb’s keine Kriminalität, würde der Staat zu wackeln beginnen. Zu wackeln«, wiederholte er, um dann auszuführen: »Denn dann gäb’s ja auch keine Staatsanwälte, keine Richter, keine Rechtsanwälte, keine Bürohengste, die Protokolle schreiben und Akten registrieren. Es gäbe keine Zuchthäuser, es gäbe keine Gefängnisse, es gäbe keine Polizisten, dein Vater säße nicht hier, unseren Verein hätten wir auch nie gründen können. Also, wie ich schon sagte, das ganze Staatsgefüge mit Tausenden von Beamten und Angestellten, mit Häusern und Büros, mit Institutionen aller Art wäre nicht vorhanden, die Arbeitslosigkeit wäre unvorstellbar hoch.«

Jetzt machte er eine kleine Pause, blickte freundlich in die Runde, um sich dann wieder mir zuzuwenden.

»Ich sagte, die Kriminalität hat Tradition. Das gilt auch für unseren Verein. Und so will ich dir, lieber Helmut, erzählen, wie er entstanden ist.« – »Au ja«, rief einer vom Nebentisch, was Bizeps-Karl veranlaßte, den Anwesenden zu sagen: »Ihr wißt das alles. Aber für unseren Geburtstagsjungen ist das wahrscheinlich alles neu. Also anjefangen hat das Janze« – allmählich kam er in den Berliner Tonfall – »1895, vor 29 Jahren, und zwar in der ›Schnurrbartdiele‹. Die jibt es heute nicht mehr. In der ›Schnurrbartdiele‹ verkehrten die Ringkämpfer. Wir, das heißt unsere Vorgänger, gingen immer zu den Ringkampfveranstaltungen. Die waren seinerzeit sehr populär. Freunde von meinem Schwiegervater hier und fünf oder sechs seiner Kollegen, die damals gerade aus dem Knast kamen, verkehrten noch in der ›Schnurrbartdiele‹. Für Ringkämpfer und Athleten haben Leute wie wir immer etwas übrig.« – »Haben wir«, bemerkte der Vorlaute am Nebentisch. Aber Bizeps-Karl las sofort weiter von seinem Zettel ab: »Die Ringkämpfer gründeten in der ›Schnurrbartdiele‹ den Ringverein. Aber dann, eines Tages, ist der Boß der Ringkämpfer, als der mal übern Durst jetrunken hatte, in ’n Müggelsee jefallen und ersoffen. Ertrunken«, verbesserte er sich. »Und da hat mein Schwiegervater mit seinen Freunden den Ringverein übernommen. Der Name ›Ringverein‹ ist uns geblieben, hat Tradition. Es jab bald noch andere Ringvereine. Wir jaben uns den Namen ›Immertreu‹. Die Mitglieder sind Brüder, Knastbrüder. Manche Vereine nehmen auch Luden auf, die ihre Pferdchen laufen lassen. Laß dir von deinem Vater sagen, wat det heißt. Mit zwölf biste in ein Alter jekommen, wo dir als Heranwachsender dein Vater Aufklärung schuldig ist. In Berlin jibt’s ne Menge Luden und zahllose Pferdchen, die für sie anschaffen. Mit denen wolln wir nichts zu tun haben. Wir achten auf Anstand und Sitte.«

Riesiger Beifall. Ich wußte nicht recht, ob ich auch klatschen sollte. Aber da mein Vater es nicht tat, unterließ ich es auch. Bizeps-Karl setzte, von dem Beifall motiviert, jetzt mit beschwörender Stimme seine Rede fort: »Wir sind, merk dir das, Helmut, keine Verbrecherorganisation.« Und in leiserem Tonfall: »Jewiß, wir haben mal wat verbrochen. Det stimmt. Ick hoffe, du hast noch nichts verbrochen.«

Wieder ein, man kann sagen, gütiger Blick zu mir.

»Wenn man für det, wat man nich hätte machen sollen, seine jerechte Strafe absitzt, und man kommt raus, fängt die Bestrafung erst an. Du bist aus der Jesellschaft ausgeschlossen. Det heißt, wat sich so Jesellschaft nennt. Denn zu dieser feinen Jesellschaft jehören ja auch nich wenige, die Knastbrüder wären, wenn sie sich hätten erwischen lassen. Es jibt viele, denen man nichts nachweisen kann: Stehkragenbetrüjer, Finanzschieber.« Jetzt nickte mein Vater zustimmend. Bizeps-Karl strahlte, als er fortfuhr: »Wir möchten aber ooch mit Menschen verkehren, möchten mit Menschen zusammenkommen, die det erlebt haben, wat wir erlebt haben. Die wissen, wat Knast bedeutet. Mit denen wollen wir jemütliche Abende verbringen, wie heute abend mit dir, lieber Helmut, und deinem von uns hochjeschätzten Vater. ›Ehre Vater und Mutter‹, heißt et – und daran halten wir fest. Treu, immer treu. Det sind wir. Wir wissen Treue und Vertrauen zu schätzen. Wir denken, du wirst det verstehen, nämlich daß wir Freunde brauchen wie andere Menschen auch. Wie andere lieben wir auch Jeselligkeit, Sport, Kegeln, Billard, Musik und von Zeit zu Zeit ein schönes Fest. Und weil uns die Jesellschaft oder die, die sich dafür hält, von ihrem Leben ausschließt, müssen wir uns verbinden, brüderlich, um das Leben, das nicht immer leicht ist, zu ertragen.«

Immer wieder gelang es Bizeps-Karl zeitweise, Hochdeutsch zu sprechen.

»Ich wiederhole: brüderlich. Das bedeutet, wir helfen einander. Wir kümmern uns um Bräute, Frauen und Kinder derjenigen Vereinsmitglieder, die in Nöten sind, in Haft zum Beispiel. Die Familien dieser Männer unterstützen wir, aus Menschlichkeit, versteht sich, und damit sie nicht auf die schiefe Bahn kommen. Wenn eine Frau ihrem Mann, der hinter Gittern sitzt, nicht treu ist, werden wir ungemütlich.«

Das fanden die anwesenden »Immertreu«-Mitglieder auch; man hörte das Gemurmel und unterdrücktes Lachen an allen Tischen. Unser Redner kam in Stimmung: »Das heißt, wir knöpfen uns die Dame vor und reden ihr ins Gewissen. Beim zweiten Mal halbieren wir die Unterstützung, und beim drittenmal kriegt se ne jehörige Abreibung. Vor allem liegen uns unsere Mitglieder am Herzen, die ihre Strafe verbüßt haben, die holen wir ab und bringen sie nach Hause. Zu Hause entkorken wir ne Flasche Sekt. Dann jibt’s ne Torte mit Schlagsahne für die janze Familie. Am nächsten Tag begleitet einer unserer Brüder den Entlassenen, damit er irgendwo ne anständige Anstellung kriegt. Wir haben Freunde, Budiker zum Beispiel, die Kellner brauchen. Wir haben namhafte Geschäftsleute, die sich bei uns versichert haben. Die sind uns auch jefällig. Wenn wir einem honorigen Geschäftsinhaber einen entlassenen Häftling für die Portokasse empfehlen, kann er sich drauf verlassen, det die Kasse imma stimmt. Denn mit Kleinjeld geben wir uns nicht ab.« An dieser Stelle gab’s kein Weiterreden. Orkanartig weitete sich der Applaus zu jubelnder Begeisterung aus. Diesmal klatschte ich mit. Bizeps-Karl kam zum Schluß, seinen Zettel hatte er aus der Hand gelegt. »In diesem Sinne wünschen wir dir hier alle ein gutes, glückliches neues Lebensjahr und entkorken ne Flasche Sekt, und da wird auch dein Vater ausnahmsweise mitmachen. Hoff ick jedenfalls.«

Sektflaschen wurden entkorkt, jeder kam an unseren Tisch, stieß mit mir und meinem Vater an. Der Mundharmonikaspieler, Spitzname »Koteletten-Emil«, spielte meisterhaft ein Lied nach dem anderen. Es wurde ein überschäumender Abend, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Witze wurden erzählt, von Prozeßtricks wurde gesprochen, von Anwälten, vom berühmten Dr. Frey, der war Ehrenmitglied bei »Immertreu«. In allen schweren Fällen verpflichtete »Immertreu« ihn als Anwalt und sorgte für pünktliche Honorarzahlung.

Ein Witz, den ich an diesem Abend zu hören bekam, ist mir noch gegenwärtig: »Der Richter sagt zum Angeklagten: ›Wie konnten Sie einen Mord begehen für eine Mark, die Ihr Opfer in der Tasche hatte.‹ – ›Herr Vorsitzender. Hier ne Mark und da ne Mark. Det läppert sich zusammen!‹«

Das Gelächter wollte nicht verstummen, bis Bizeps-Karl zu meinem Vater sagte: »Wie spät ist es eigentlich?« Mein Vater griff zu seiner Taschenuhr, griff aber ins Leere. Keine Taschenuhr. Bizeps-Karl grinste. Sein Schwiegervater ebenfalls. »Die haben Se vielleicht zu Hause verjessen.« Mein Vater: »Nein, die habe ich nicht vergessen, ich weiß doch, was ich bei mir habe.« Dann wollte er seine Brieftasche herausziehen, aber es gab auch keine Brieftasche. Die anderen Taschen, in denen er verschiedene Utensilien, unter anderem einen Kamm, hatte, waren ebenfalls leer.

»Na, wie haben wir das jemacht?« triumphierte Bizeps-Karl, langte in seine Tasche und sagte: »Hier ist Ihre Uhr, hier ist Ihre Brieftasche, hier ist Ihr Kamm, fehlt Ihnen sonst noch was?« Mein Vater mußte lachen. Bizeps-Karl oder seine Freunde hatten ein Meisterstück im Taschendiebstahl demonstriert. Ich fand das großartig.

»Ich hab’ mich revanchiert«, sagte ich und hielt ihm seine Rede entgegen.

Es wurde musiziert und gesungen, und um Mitternacht wurde eine heiße Erbsensuppe serviert. Als wir Abschied nahmen, intonierte der Mundharmonikaspieler »Üb immer Treu und Redlichkeit«.

Wir fuhren nach Hause. »Üb immer Treu und Redlichkeit«, sagte mein Vater.

Es war ein herrlicher Geburtstag.

Kapitel 2 Drei Klassiker

Die Räuber (1926)

Mein Vater bekam als Kriminalbeamter zuweilen Freikarten für einen Theaterabend. In jeder Vorstellung saß »für alle Fälle« ein Kriminalbeamter.

Einmal, 1926, erhielt mein Vater zwei Freikarten für das renommierte »Staatstheater« am Gendarmenmarkt, und zwar für eine Premiere. Das Glück, eine Premiere besuchen zu können, hatte er noch nie gehabt. Was aber problematisch war: Die Aufführung fiel auf den 12. September – auf den Geburtstag meines Vaters, den fünfundvierzigsten. Mittags hatte es eines seiner Leibgerichte gegeben: »Schlesisches Himmelreich«. Das Rezept hat der Autor des im Kindler Verlag 1980 erschienenen Romans Sonntags Schlesisches Himmelreich, Christian Opitz, verraten: »Räucherspeck und Rauchfleisch, insgesamt ein Pfund, werden mit einem Lorbeerblatt, Gewürzkorn und einer Zwiebel weich gekocht. Ein Pfund gemischtes Backobst, tags zuvor eingeweicht, wird nun mit zwei Eßlöffeln Zucker gekocht und mit etwas Stärke sämig gebunden. Dazu reicht man Schlesische Hefeklöße, die mit in warmer Milch aufgelöster Hefe, Mehl, Eiern, Butter, Zucker, Salz und etwas Muskat zubereitet werden. Man serviert das Gericht in einer großen Schüssel, in die man das in Scheiben geschnittene Fleisch, das heiße Backobst und die Klöße füllt, über die etwas heiße, braune Butter gegossen wird.«

Diesen Abend wollte mein Vater, es war noch dazu ein Sonntag, mit meiner Mutter verbringen. Sie aber meinte, das Schauspiel Die Räuber von Schiller, das müßte unbedingt ich sehen; sie würde gern zu Hause bleiben, Heinz-Werner, meinen neun Jahre jüngeren Bruder, ins Bett bringen, dann noch etwas lesen und natürlich auf uns warten. Mein Vater hatte zur Feier des Tages eine Bowle angesetzt.

Ich war zwar begierig darauf, das »Staatstheater« kennenzulernen, aber ausgerechnet Die Räuber, die hatte ich erst vor kurzem gesehen – in einer Vorstellung im »Theater der höheren Schulen«, einer Institution, die an Nachmittagen in einem der Berliner Theater Klassiker spielte. Als Schüler konnte man ein preisgünstiges Abonnement abschließen, was mir meine Eltern gern ermöglicht hatten.

Ich ahnte nicht, was mir – und meinem irritierten Vater – bevorstand. Ich sah ein Stück, das ich noch nicht gesehen hatte. Oder doch? Ja, es waren Die Räuber. Nein, es waren nicht Die Räuber. Es war alles anders, ganz anders als die Vorstellung, die ich vor wenigen Monaten gesehen und gehört hatte. Die Bühnenbilder waren anders, auch die Kostüme der Darsteller – was heißt Kostüme? Es waren keine »Kostüme«, vielmehr trugen die Schauspieler moderne Kleidung. Bei Franz Moor beispielsweise sah man die Hosenträger unter einer offenen Arbeitsjoppe. Und die Schauspieler sprachen auch anders als die, die ich gesehen hatte, sie gestikulierten anders, führten sich anders auf. Und mitreißende Musik verstärkte die Dramatik. Es war aufregend, erregend, und wenn ich auch nicht alles begriff – ich war überwältigt.

Auf dem Programmzettel stand: Regie Erwin Piscator. Ich hatte den Namen noch nie gehört. Später erfuhr ich, daß Piscator mit der Inszenierung der Räuber im »Staatstheater« seinen endgültigen Durchbruch errungen und einen Skandal ausgelöst hatte. Am Tag nach der Premiere hatte mir mein Vater vorgelesen, was im »Berliner Lokal-Anzeiger« zu lesen stand: eine vernichtende Kritik.

Jahre später, als die Nazis regierten, wurde mein Vater angehalten, den »Lokal-Anzeiger« abzubestellen und statt dessen den »Völkischen Beobachter« zu abonnieren. Zwar bestellte er den »Lokal-Anzeiger« ab, aber er abonnierte auf Vorschlag meiner Mutter – die »Berliner Morgenpost« aus dem Ullstein Verlag. Zwar konnte die »Berliner Morgenpost« auch nicht umhin, sich nationalsozialistisch und völkisch zu gebärden, aber meine Mutter, der die Heiratsschwindlervisage Hitlers vom ersten Tage an zuwider war, meinte, um Nuancen würde sich die »Morgenpost« doch noch vorteilhaft vom »Lokal-Anzeiger« unterscheiden. Mindestens soviel war richtig: Ein Beamter, der nicht den »Völkischen Beobachter« oder den »Angriff« las, war in den Augen der Vorgesetzten, der Kollegen, der Freunde und Nachbarn kein Nazi. Wer den »Völkischen Beobachter« las, unterschrieb seine Briefe bestimmt mit »Heil Hitler«, aus Überzeugung oder Opportunismus. Unter den Abonnenten des »Berliner Lokal-Anzeigers« gab es sicher viele Leser, die zwischen deutschnationaler und nationalsozialistischer Gesinnung unterschieden und ihre Distanz gegenüber dem Hitlerregime zum Beispiel darin zum Ausdruck brachten, daß sie ihre Post »Mit deutschem Gruß« abfertigten. Bei Lesern der »Berliner Morgenpost« durfte man vermuten, daß viele von ihnen ihre Briefe weder mit »Heil Hitler« noch »Mit deutschem Gruß« unterschrieben.

Zudem fanden meine Eltern die »Morgenpost« berlinischer als andere Blätter. Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg aus Berlin nach München übersiedelten, weil dort seit 1949 beide Söhne mit ihren Familien lebten, bestellte mein Vater aus Berlin die »Berliner Morgenpost« und war zufrieden, auch wenn sie mit einem Tag Verspätung eintraf.

Um noch einmal auf Piscators legendäre Räuber-Premiere zurückzukommen: Drei oder vier Jahre später erzählte er mir, dem Theatereleven, was er beabsichtigt hatte: alles Private zurückzudrängen, das Politische zu betonen.

Die Räuber haben sich viele Interpretationen gefallen lassen müssen, von Regisseuren, Dramaturgen, Kritikern und Literaturwissenschaftlern. Für mich ist Schillers Stück das große Drama gegen die Tyrannis.

Shylock (1927)

Im Jahr nach der Räuber-Premiere konnte ich, kurz vor meinem 15. Geburtstag, meinen Vater noch einmal ins »Staatstheater« begleiten. Gespielt wurde Shakespeares Kaufmann von Venedig. Voller Spannung wartete ich, daß der Vorhang aufging.

Bald war ich verstört, verwirrt, aber auch entzückt (von dem Liebreiz der Frauen). Ich konnte dem Handlungsablauf nicht ganz folgen. Meinem Vater, der das Stück auch noch nie gelesen oder gesehen hatte, machte es einige Mühe, mir in der Pause Personen und Vorgänge zu erklären. Nach der Pause kamen Szenen, die mich entsetzten. Was für ein Gedanke: Shylock, ein Darlehnsgeber, stellt die Forderung an den Bürgen seines Schuldners, einem Kaufmann in Venedig, falls dieser die geliehene Summe nicht pünktlich zurückzahlen würde, sei er berechtigt, dem Bürgen ein Pfund Fleisch aus seinem Körper nahe dem Herzen zu schneiden.

Gegen Ende des Stückes stellt sich heraus: Der Schuldner kann nicht zahlen. Der Darlehnsgeber besteht auf seinem Recht.

So spannend die Geschichte ist, ich fand sie unerträglich. Und auch als es dank eines Tricks dazu kommt, daß der Darlehnsgeber auf sein vermeintliches Recht, sein unmenschliches Recht, verzichten muß, bin ich nicht getröstet. Dieser, wie mir schien, schurkische Darlehnsgeber, Shylock, war ein Jude. Der Schauspieler, der die Rolle verkörperte, hieß Fritz Kortner. Ihm möchte ich im Leben nicht begegnen, dachte ich. Und doch erregte er mein Mitleid. Als es in einem verzweifelten, haßerfüllten Ausbruch aus ihm herausstürzt: »Ich bin ein Jud. Hat nicht ein Jud Augen? Hat nicht ein Jud Hände, Sinne, Neigungen, Leidenschaften … wie ein Christ?« und er das Menschenrecht einklagt, das dem Juden verweigert wird, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten.

Kritiker haben sich oft beim Kaufmann von Venedig schwergetan. Die Lösung, Shylock durch eine List auszumanövrieren, hatte schon Fritz Engel unter Kaiser Wilhelm im »Berliner Tageblatt« zu der Bemerkung veranlaßt, das sei eigentlich kaum noch in der Operette statthaft.

Als komische Figur von Shakespeare konzipiert, war Shylock, ein Jud mit krummer Nase und schmuddeligem Bart, hämischem Lachen im Parkett preisgegeben. In subtileren Inszenierungen belächelte man Shylock, manchmal rührte er das lustspielgeile Publikum sogar. Meines Erachtens geht Shylocks Schicksal mit dem Mummenschanz ringsum einfach nicht zusammen, die ganze Lustspielkomposition bricht auseinander.

Friedrich Luft hat 1966 die Auffassung vertreten: »Das Stück bleibt nach Auschwitz unspielbar.«

Für mich bleibt unbegreiflich, daß Der Kaufmann von Venedig nach wie vor auf Spielplänen erscheint. Und was veranlaßt, frage ich mich, jüdische Regisseure, sich ausgerechnet dieses Stückes anzunehmen? Bezeugt es das löbliche Bedürfnis, der Thematik, die ihnen doch am ärgsten zu schaffen machen dürfte, nicht auszuweichen: Seht her, wie selbstkritisch wir sind!? Oder bezeugt es den ihnen oftmals attestierten Selbsthaß? Heute vertrete ich – bei allem Respekt vor dem Genie Shakespeares – den Standpunkt: Eine Aufführung des Stückes, schon im Kaiserreich schwer zu ertragen, in der Weimarer Republik von Kortner in ein Trauerspiel verwandelt, ist meines Erachtens nicht mehr zu verantworten. Was hat sich, frage ich, der gefeierte Regisseur Max Reinhardt gedacht, als er sich darauf einließ, seine letzte Inszenierung dieses Werkes am 18. Juli 1934 auf dem Campo di San Trovasa in Venedig mit italienischen Schauspielern vorzuführen? Ich machte einige Tage Ferien in Venedig.

Reinhardts Einstudierung ließ ich mir natürlich nicht entgehen. Gewiß war es reizvoll, den Kaufmann von Venedig am Ort des dramatischen Geschehens zu spielen. Daß Italien faschistisch war, schreckte Reinhardt offenbar nicht. Aber wie konnte er es über sich bringen, im Sommer 1934 den Juden Shylock dem Vergnügen der Zuschauer auszuliefern? Unter ihnen sah ich zahllose deutsche Touristen und unter ihnen Nazis mit Parteiabzeichen. Zu einem Zeitpunkt, als die Diskriminierung der Juden in Deutschland längst begonnen hatte! Gleich nach der Berufung Hitlers zum Reichskanzler wurden Juden verhöhnt und gedemütigt. Der Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 bildete den ersten Auftakt für eine große Verhaftungswelle. Noch in der Nacht zum 28. Februar wurden zahlreiche Menschen verschleppt. Die Aktion war sorgsam vorbereitet. Und mit der Notverordnung des Reichspräsidenten von Hindenburg am 28. Februar wurden die demokratischen Grundrechte, Artikel 114 der Weimarer Verfassung, aufgehoben. Die Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit war nicht mehr gegeben. Die Pressefreiheit war eingeschränkt. Die Grundlage zur »vorbeugenden« Inhaftierung politischer Gegner und Juden ohne Gerichtsverfahren war geschaffen. Am 23. März beschließt der Reichstag gegen die Stimmen der SPD das »Ermächtigungsgesetz«. Neben polizeilichen »Schutzhaftlagern« entstanden in den ersten Monaten des Jahres 1933 wilde Lager der SA und der SS, in denen Antifaschisten und Juden festgehalten, gequält und verschiedentlich auch ermordet wurden. Nach einiger Zeit wurden diese Lager aufgelöst, man ging daran, die Verfolgung von Hitlergegnern und Juden systematisch in Gang zu setzen: Die ersten großen Konzentrationslager entstanden – in Oranienburg und in Dachau. Im April 1933 wurde der Boykott gegen jüdische Ärzte, Rechtsanwälte und Geschäftsinhaber beschlossen, im selben Monat die Ausschaltung jüdischer Beamter und Universitätslehrer verfügt. Die Auflösung der Gewerkschaften erfolgte am z. Mai. Am 10. Mai 1933 kommen die Schriften von Brecht und Freud, von Kästner, Heinrich Mann und Remarque, von Tucholsky, Zuckmayer und vielen anderen auf den Scheiterhaufen – Schriften von Juden und Nichtjuden. Am 22. Juni wird die SPD verboten. Ab 14. Juli darf es nur noch eine Partei geben: die NSDAP. Im Sommer 1934 hat die Verfemung der jüdischen Künstler, Publizisten und Wissenschaftler längst die Weltpresse mobilisiert. Max Reinhardt aber spielt den Shylock nicht weit vom Ghetto in Venedig, in dem damals etwa 2000 Juden lebten, woran heute, nach der Nazibarbarei, nur noch ein Museum und eine Gedenkstätte erinnern. Deutsche Touristen, in Venedig überall anzutreffen – hier sieht man sie selten.

Wer interessiert sich schon dafür, was Jahre später mit den jüdischen Mitbürgern Venedigs geschehen ist?

 

1957 kam es zwischen dem großen Theatermann Kortner, damals 65, und mir, dem um zwanzig Jahre Jüngeren, in der Halle des Münchner Hotels Vier Jahreszeiten zu einem denkwürdigen Gespräch über den Shylock.

Als ich ihm erzählte, ich hätte ihn vor dreißig Jahren im Kaufmann von Venedig in Berlin gesehen, meinte er: »Ich war blutjung, als ich den Shylock das erste Mal spielte. Nicht in Berlin, sondern in Wien unter Max Reinhardt. Ich habe ihn häufig gespielt, einmal auch unter der Regie von Berthold Viertel. An die Vorstellung in Berlin, die Sie 1927 gesehen haben, erinnere ich mich genau, schon deshalb, weil ich mit Jürgen Fehling, dem Regisseur, viele Auseinandersetzungen über den Shylock hatte.«

Sein Bericht brachte mich dazu, ihm zu sagen: »Sie müssen Ihre Erinnerungen schreiben.«

Kortner: »Jetzt schon? Ich habe noch einiges vor.« Aber Stunden später, als wir uns verabschiedeten, gab er mir die Hand, lachte und versprach, mein Autor zu sein.

 

Von da an trafen wir uns häufiger. Bald kam Kortner jede Woche regelmäßig an einem Mittwoch um zehn Uhr in den Verlag, um mit mir über seine Erinnerungen zu sprechen. Er las mir jedesmal vor, was er inzwischen geschrieben hatte – las ab von kleinen Zetteln, die er aus der oberen Uhrtasche seines Jacketts zog. Dann sprachen wir darüber. Die darauffolgende Woche kam er, um mir den korrigierten Text vorzulegen, nunmehr säuberlich getippt. Gleichzeitig zog er neue Zettel aus der Jackentasche und las die Fortsetzung. So ging das Woche für Woche.

Mit dem Thema Shylock hatte unsere Autoren-Verleger-Beziehung begonnen. In der Halle des Hotels kamen wir sehr bald auf den Antisemitismus zu sprechen. Ich sagte: »Man sollte den Kaufmann von Venedig heute nicht mehr spielen.« Kortner antwortete nicht. Es geschah öfter, daß wir uns bei schwierigen Themen ziemlich lange schweigend gegenübersaßen. Indem wir schwiegen, miteinander schwiegen, kamen wir uns näher. In dieser Nacht brachte ich ihn bis vor sein Haus. Zum Abschied sagte er: »Ich werde über den Shylock nachdenken.«

Eine Woche später fragte ich ihn: »Haben Sie über den Shylock nachgedacht?« Er steckte sich eine Zigarre in den Mund, die er sich aber nicht anzündete. »Ich denke immer noch nach.«

Diesem Satz folgte wieder nur Schweigen. Wir konnten es beide meisterhaft.

Nathan (1945)

Bei unserer nächsten Zusammenkunft sagte ich: »Sie sollten den Nathan spielen.« Mit Nina, meiner Frau, hatte ich Lessings Nathan der Weise1945 in Berlin gesehen. Das »Deutsche Theater« im sowjetisch besetzten Sektor der Stadt hatte die erste Spielzeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit diesem Stück eröffnet. In dieser Aufführung hatte ich den Juden Nathan in mein Herz geschlossen und glaubte mich endlich von dem Juden Shylock befreit. »Ein Erlebnis für alle, die nach der Schumannstraße pilgerten. Die Theatersaison hat ihre erste Weihe empfangen«, schrieb Paul Wiegler, der von mir Verehrte, dem ich für manchen Rat während der Nazijahre zu danken habe. Den Nathan spielte Paul Wegener. Er übernahm die Rolle trotz körperlicher Beschwerden. Er spielte seine Rolle auch noch am Abend des 11. Juli 1948, an dem er auf der Bühne zusammenbrach. Zwei Tage später starb er.

Hatte mich Nathan von Shylock befreit? Als Nathan in der Pogromerzählung von der Ermordung seiner Frau und seiner sieben Söhne berichtet, sah ich im Geist wiederum Shylock vor mir. Shylock, immer wieder Shylock.

Kortner hatte 1957 meinen Vorschlag, »Sie sollten den Nathan spielen«, scharf und blitzschnell mit Nein beantwortet.

In den nächsten Monaten arbeiteten wir in der üblichen Weise an dem Manuskript seiner Memoiren weiter, das heißt, er schrieb, ich war sein Zuhörer, zumeist begeistert zustimmend, gelegentlich zögernd kritisch. Für Änderungen, die ich ihm vorschlug, war er aufgeschlossen. Ich brachte ihn dazu, manches sehr viel ausführlicher zu schildern, anderes zu streichen.

Sein Schweigen zum Shylock und sein Nein zum Nathan verfolgten mich bis in den Schlaf. Ich hatte ein Traumgesicht: Kortner als Shylock und Kortner als Nathan. Ja, Shylock ist Nathan, und Nathan ist Shylock.

Auf mein nächstes Treffen mit Kortner bereitete ich mich sorgfältig vor. Mit Lessing hatte ich mich schon in der Schule beschäftigt, hatte in der Untersekunda im Deutschunterricht ein Referat über Lessings Emilia Galotti übernommen. Damals, um 1929, als Sechzehnjähriger bereits mit dramaturgischen Überlegungen und Fragen der Interpretation von Theaterstücken beschäftigt, da ich Regisseur als Berufsziel vor Augen hatte, damals hatte ich in meinem Vortrag behauptet, Lessing habe mit der Emilia Galotti ein politisches Anliegen aufgegriffen: den Kampf gegen fürstlichen Despotismus. Gewiß, vordergründig spiele sich ein persönlicher Konflikt zwischen fürstlichem Liebhaber und tugendhaftem Bürgermädchen ab, aber an diesem Konflikt demonstrierte der Dichter, daß Emilia Galotti ein Opfer der Fürstenwillkür wird. Es sei ein revolutionäres Stück.

Unser Deutschlehrer korrigierte mich behutsam: Lessings Emilia Galotti habe zu ihrer Zeit sicher als politisches Fanal gewirkt, aber da Emilias Vater es nicht über sich gebracht hatte, den Prinzen zu töten, sondern die Tochter erdolchte, könne man nicht von einem revolutionären, sondern nur von einem vorrevolutionären Stück sprechen. Goethe kam ihm und mir mit dessen Äußerung über Emilia Galotti zu Hilfe: »Der entscheidende Schritt zur sittlich erregten Opposition gegen die tyrannische Willkürherrschaft.«

Am Tag darauf wurde ich zum Direktor gerufen und in die literarische Arbeitsgemeinschaft der Schule aufgenommen, die an und für sich nur literaturinteressierten Schülern der Oberstufe offenstand.

Für mein weiteres Gespräch mit Kortner mußte ich mich auf Nathan vorbereiten. Vier Dinge wollte ich vorbringen. Erstens: Wie kam Lessing dazu, dieses Theaterstück zu schreiben? Zweitens: Lessings Nathan trägt Züge seines Freundes Moses Mendelssohn. Drittens: Die aufklärerisch-humanistische Gesinnung des Stückes ist zu betonen. Viertens: Nathan ist ein großangelegtes dramatisches Gedicht.

Als wir uns nach einigen Tagen wiedersahen, fragte ich Kortner: »Wollen Sie mir nicht sagen, warum Sie den Nathan nicht spielen wollen?«

Kortner: »Ich will Ihnen zunächst sagen, warum ich Ihre Auffassung von Shylock nicht teile. Ich antworte Ihnen mit Heinrich Heine, der geschrieben hat, daß Shakespeares Drama uns eigentlich weder Juden noch Christen zeigt, sondern Unterdrücker und Unterdrückte.«

Ich unterbrach ihn: »Das hätte Brecht sagen können.«

Kortner nickte und fuhr fort: »Sie fragen nach dem Nathan. Kennen Sie das Stück? Haben Sie es gesehen?«

Ich schilderte ihm meinen Eindruck von der Aufführung 1945 in Berlin.

Kortner: »Ich empfehle Ihnen, das Stück zu lesen. Vielleicht kommen Sie dahinter, warum ich zum Nathan nein gesagt habe.«

Aus meinem vorbereiteten Plädoyer wurde nichts. Ich hörte mich nur sagen: »Lessing verleiht wahre Herzensgüte, die doch angeblich den christlichen Menschen auszeichnen soll, der jüdischen Gestalt, dem Nathan. Hingegen zeichnen sich die Christen in dem Stück, denken Sie nur an den Tempelherrn, durch Vorurteile aus.« Und ich erklärte, in dem Stück auch bei der Lektüre nichts entdeckt zu haben, was ihn, Kortner, abgestoßen haben könnte.

Kortner verwies auf den 4. Aufzug, 7. Auftritt: »Nathan! Nathan! Ihr seid ein Christ! – Bei Gott, Ihr seid ein Christ! Ein beßrer Christ war nie!«

Und nach einer Weile, seinen Blick forschend auf mich gerichtet: »Das soll ich mir sagen lassen?«

»Aber Herr Kortner«, beschwor ich ihn, »Nathan erwidert doch dem Klosterbruder: ›Wohl uns, denn was mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir zum Juden.‹«

Kortner: »Ich habe mir gedacht, daß Sie das zitieren würden. Ich kann mich damit nicht zufriedengeben. Es ist eine Replik. Die hat nichts von der Aussagekraft des Klosterbruders.«

Ich machte ein zweifelndes Gesicht. Kortner aufgebracht: »Ich habe es erlebt! Beifall nach den Sätzen des Klosterbruders! Orkanartiger Beifall! Nach Nathans Erwiderung rührte sich keine Hand.«

Ich war ratlos. Hatte Kortner recht? War der Beifall der Zuschauer verräterisch? War Kortner hier tiefer in die Szene eingedrungen?

Während der weiteren Arbeiten an seiner Autobiographie und den damit verbundenen regelmäßigen Zusammenkünften kam Kortner noch einige Male auf den Nathan zu sprechen. Ich sah ein, daß die vielen in Jamben gehaltenen Verse den Schauspieler dazu verführen könnten zu deklamieren, was Kortner haßte, und daß der Zuschauer keiner geringen Anstrengung ausgesetzt sei, dem Gedankengut des Stückes zu folgen. Nathan der Weise sei, so Kortner, ein Lesedrama.

Auch Piscator erzählte mir 1956, er habe als Zuschauer einer Aufführung des Nathan in Düsseldorf eine fatale Publikumsreaktion erlebt, über die er in sein Tagebuch notierte: »Gestern abend Nathan