Zum Träumen romantisch: Drei Romane in einem Band - Brigitte D'Orazio - E-Book

Zum Träumen romantisch: Drei Romane in einem Band E-Book

Brigitte D'Orazio

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Beschreibung

Lassen Sie sich zum Lesen verführen von drei Liebesromane in einem Band: „Zum Träumen romantisch“ von Brigitte D‘Orazio jetzt als eBook. Die üppige Pracht von blühenden Mandelbäumen auf Kreta, die frische Mittelmeer-Brise an Bord eines Kreuzfahrtschiffes und die Gaumenfreude, die ein italienisches Ristorante im sonnigen Hamburg zu einem Erlebnis machen – wie wunderbar ist es, die Schönheit der Welt mit allen Sinnen genießen zu können! Die Erfolgsautorin Brigitte D’Orazio entführt Sie an diese besonderen Orte und lässt Sie teilhaben an berührenden, dramatischen und bezaubernden Liebesgeschichten, in denen charmante Männer darauf warten, ihr Herz an ganz besondere Frauen zu verlieren… Jetzt als eBook kaufen und genießen: der romantische und preisgünstige Sammelband „Zum Träumen romantisch“ von Brigitte D’Orazio enthält die Einzelbände „Fundstücke des Glücks“, „Kapitäne küsst man nicht“ und „Ti amo heißt Ich liebe dich“. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 408

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Über dieses Buch:

Die üppige Pracht von blühenden Mandelbäumen auf Kreta, die frische Mittelmeer-Brise an Bord eines Kreuzfahrtschiffes und die Gaumenfreude, die ein italienisches Ristorante im sonnigen Hamburg zu einem Erlebnis machen – wie wunderbar ist es, die Schönheit der Welt mit allen Sinnen genießen zu können! Die Erfolgsautorin Brigitte D’Orazio entführt Sie an diese besonderen Orte und lässt Sie teilhaben an berührenden, dramatischen und bezaubernden Liebesgeschichten, in denen charmante Männer darauf warten, ihr Herz an ganz besondere Frauen zu verlieren …

Über die Autorin:

Brigitte D’Orazio ist ein Pseudonym der erfolgreichen Autorin Brigitte Kanitz, unter dem sie ihre romantischen Unterhaltungsromane veröffentlicht. Sie arbeitete viele Jahre als Redakteurin für Zeitungen und Zeitschriften in Hamburg und in der Lüneburger Heide. Heute lebt sie gemeinsam mit ihren Zwillingstöchtern an der Adria.

Brigitte D’Orazio veröffentlichte bei dotbooks die Romane Die Sterne über Florenz, Villa Monteverde und Tierärztin mit Herz sucht Glück auf dem Land sowie die Kurzromane Das Haus in Portofino, Geliebte Träumerin, Der Fünf-Sterne-Kuss, Sing mir das Lied von der Liebe – diese vier Titel auch erhältlich im Sammelband Zum Verlieben schön –, Fundstücke des Glücks, Kapitäne küsst man nicht und Ti amo heißt Ich liebe dich – diese drei Titel auch erhältlich im Sammelband Zum Träumen romantisch.

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Sammelband und eBook-Neuausgabe Juli 2016

Copyright © der Originalausgaben 2014 dotbooks GmbH, München.

Copyright © der Sammelband-Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Maria Seidel unter Verwendung von Bildmotiven von Thinkstockphoto/sborisov; lindavostrovska; Piotr Krze-Clak

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-446-7

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Brigitte D’Orazio

Zum Träumen romantisch

Drei Romane in einem Band

dotbooks.

Inhalt

Ti amo heißt Ich liebe dich

Fundstücke des Glücks

Kapitäne küsst man nicht

Lesetipps

Ti amo heißt Ich liebe dich

Das italienische Restaurant »Trullo« ist bekannt für seine hervorragende Küche und die schönste Kellnerin der Stadt. Isabella hat allerdings mehr mediterranes Temperament, als gut für sie ist – wieder und wieder verliebt sie sich hemmungslos, nur um dann schnell festzustellen, dass die Traumprinzen allesamt Frösche sind. Dabei wünscht sich die junge Frau nichts so sehr wie einen Mann, der ihre Gefühle wirklich wert ist. Hauptsache, er hat Feuer im Blut und ist nicht so ein langweiliger Deutscher wie der Stammgast, den sie heimlich »Stockfisch« nennt. Doch manchmal täuscht der erste Eindruck …

Kapitel 1

»Isabella!« Die Stimme ihres Vaters donnerte von der Küche bis in den Gastraum. »Komm sofort her! Die Pasta wird kalt!« Isabella zuckte gleich zweimal zusammen. Zum einen wegen der Lautstärke, zum anderen, weil er sie bei ihrem vollen Namen rief. Normalerweise nannte Sandro Martini seine Tochter zärtlich Bella, und sie musste schon mehrere Sünden gleichzeitig begehen, damit er so böse wurde. Aber im Moment war sie sich keiner besonderen Schuld bewusst. Sie war doch nur einen Moment stehen geblieben, um diesen wunderbaren Mann an Tisch zwei zu bestaunen. Kein Grund für Sandro, gleich so auszurasten. Aber in letzter Zeit passierte das oft. Wegen Kleinigkeiten, über die er früher gelacht hatte, verlor er jetzt die Fassung. Isabella fragte sich, was dahintersteckte.

Ihr Vater wurde von großen Sorgen gequält, aber er vertraute sich ihr nicht an. Eher wird Apulien noch einmal von den Griechen besiedelt, dachte sie bitter, als dass der alte Dickkopf mich wie einen erwachsenen Menschen behandelt. Für ihn bin ich immer noch das kleine Mädchen, auf das er aufpassen muss, damit es keinen Unsinn anstellt.

Seufzend fuhr sie sich durch ihre kupferfarbene Mähne und warf einen letzten Blick in Richtung Tisch zwei. Dio mio!, was für ein Mann! Groß und dunkel, definitiv bildschön und elegant gekleidet. Armani, natürlich, was sonst. In ihre dunklen Augen trat ein Leuchten. Ich bin verliebt, dachte sie glücklich. Was an sich nichts Ungewöhnliches war. Isabella Martini besaß, abgesehen von ihrer Haarfarbe, nicht nur die typische mediterrane Schönheit, sondern auch das entsprechende Temperament. In der Zeit, in der andere Leute ein Glas herben apulischen Landwein austranken, konnte sie ihr Herz verlieren.

Glücklicherweise gelang es ihr auch ebenso leicht, sich wieder zu ent-lieben, sonst wäre ihr Leben eine einzige Katastrophe gewesen. Mit fünfundzwanzig, so dachte sie manchmal, sollte ich vielleicht ein bisschen ruhiger werden. Aber das war leichter gedacht als getan. Besonders wenn so ein Mann wie dieser Gast von Tisch zwei das Ristorante »Trullo« besuchte und ihre Knie weich werden ließ.

»I-s-a-b-e-l-l-a!!«

Noch ein Seufzer, noch ein sehnsüchtiger Blick auf den Armanimann, und sie eilte in Richtung Küche.

An der Durchreiche stand ihr Vater und funkelte sie zornig an. »Die Orecchiette für den Herrn Studienrat stehen hier schon seit einer Ewigkeit rum«, knurrte er. Was eine maßlose Übertreibung war, fand Isabella. Auf den öhrchenförmigen Nudeln aus Vollkornmehl dampfte noch das kräftig gewürzte Lammragout, und der Teller war so heiß, dass sie ihn kaum anfassen konnte.

»Reg dich ab, Papa, ich geh ja schon. Und dein hochgeschätzter Herr Stoccafisso kann ruhig mal ein paar Minuten warten.« Sie sah, wie Sandro knallrot wurde, und zog zur Sicherheit den Kopf ein.

»Untersteh dich, unseren treuesten Stammgast noch einmal Stockfisch zu nennen!«, brüllte er so laut, dass ein paar Gäste in der Nähe den Kopf hoben. Daraufhin wurde er noch röter, was eine echte Leistung war, und verschwand schnell wieder in der Küche.

Isabella grinste. Sie liebte es, den Gästen Spitznamen zu geben, und sie fand, bei dem Studienrat hatte sie gut gewählt. Dr. Hagen Friedrichs wirkte auf sie steif und trocken – eben wie ein gedörrter Kabeljau. Sie schnappte sich eine Stoffserviette, nahm damit den Teller hoch und bewegte sich hüftenschwingend durchs Lokal bis zu dem kleinen Ecktisch am Fenster, wo Papas liebster Stammgast auf seine Pasta wartete. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie zufrieden, wie der Armanimann jeder ihrer Bewegungen folgte.

»Bitte«, sagte sie und knallte den Teller auf den Tisch. Hagen Friedrichs verzog keine Miene. »Dazu hätte ich gern einen halben Roten.«

»Was?« Sie hatte den Kopf abgewandt, in Richtung Tisch zwei.

»Würden Sie mir bitte einen halben Liter Rotwein bringen, schöne Isabella?«

Jetzt hatte Hagen ihre volle Aufmerksamkeit. Schöne Isabella? Was war denn in den gefahren? Angestrengt starrte sie auf sein abgewetztes dunkelbraunes Cordsakko, Marke Kaufhaus Sonderangebot. Dann wanderte ihr Blick nach oben und blieb an der entsetzlichen Hornbrille hängen. Tja, die Augen dahinter, grün-grau-blau vielleicht, waren gar nicht so übel. Und die Haare, dunkelbraun, hätten mit einem anständigen Schnitt auch nicht schlecht ausgesehen. Überhaupt, wenn man sich mal diese scheußliche Brille wegdachte, besaß der Stoccafisso sogar ein richtig gutes Gesicht.

»Geht’s Ihnen nicht gut?«, fragte sie, in Gedanken wieder bei der schönen Isabella.

»Doch, prächtig. Ich habe nur Durst.«

Eine hochgezogene Augenbraue ragte über den Rand der Brille, und Isabella ärgerte sich schon wieder, weil Hagen sie jetzt seinerseits gründlich musterte. Auf einmal fühlte sie sich gar nicht mehr wohl in ihrer Haut, und sie wünschte sich wie schon oft, eine von diesen coolen modernen jungen Frauen zu sein, die sie so sehr bewunderte. Stets perfekt geschminkt und gekleidet, mit schlanker Taille und ausgeglichenem Gemüt. Aber für eine Modelfigur liebte sie das Essen viel zu sehr, ihr Temperament war bekanntlich alles andere als cool, und ihr Modegeschmack war eher eigenwillig. Hatte der Kerl vielleicht etwas an ihrem Outfit auszusetzen? Nur weil sie zu dem etwas zu engen Minirock ein Männerhemd trug? Pah! »Es ist mir so was von egal, was Sie von mir denken!«, klärte sie ihn auf.

»Wie bitte?«

»Mit Ihrem spießigen Sakko sind Sie auch nicht gerade der Hit.«

»Verstehe.« Hagen wirkte jetzt sichtlich verwirrt.

Isabella wollte plötzlich nur noch weg von ihm. »Rotwein kommt sofort«, sagte sie und eilte zur Theke. 

Hagen sah ihr nach, wie sie sich aufreizend langsam durchs Lokal schlängelte und dabei ihre merkwürdigen Haare über die Schultern warf. Wie unhygienisch, dachte er und schaute schnell auf seinen Teller, ob er dort nicht ein paar Strähnen fand. Dann musste er über sich selbst lachen. Hatte er dieses Mädchen eben wirklich Schöne Isabella genannt? Nicht zu fassen! Er, Dr. Hagen Friedrichs, Studienrat und seit kurzem Vizerektor der Geschwister-Scholl-Realschule, machte doch einer kleinen Italienerin keine Komplimente. Wo käme er da denn hin! Aber es hatte ihn einfach geärgert, wie sie diesen neuen Gast mit den Augen verschlungen hatte. Wenn ihr Vater sie nicht gerufen hätte, würde er jetzt vor einem kalten Teller Pasta sitzen. Hagen war es nicht gewohnt, dass man ihn im »Trullo« übersah. Na ja, und da wollte er das Mädchen mal provozieren. Prompt hatte sie ihn angestarrt wie eine Erscheinung, und für einen Moment war er versucht gewesen, seine Verkleidung abzulegen. Die Haare mit den Fingern nach hinten streichen, das Sakko ausziehen, die Brille, die sowieso nur aus Fensterglas war, weglegen. Dann hätte die schöne Isabella nämlich mal gesehen, dass er in Wahrheit ein verdammt gutaussehender Mann von Mitte dreißig war.

Doch er hatte der Versuchung widerstanden. War auch viel zu riskant. Die Schule lag gleich um die Ecke des Ristorante, und jeden Moment hätte ein Kollege, oder noch schlimmer, eine Kollegin hereinkommen können. An seiner früheren Schule hatte Hagen jahrelang Probleme mit seinem guten Aussehen gehabt. Die Männer im Kollegium zeigten mehr oder weniger offen ihren Neid, die Frauen machten ihm schöne Augen, einige Schülerinnen ebenfalls, und die Jungs nahmen ihn nicht ernst. Irgendwann wurde die Situation für ihn unerträglich. Er bat um seine Versetzung, und diesmal sorgte er vor. Mit Erfolg. Den Respekt, den er sich erworben hatte, würde er für nichts in der Welt aufs Spiel setzen.

Hagen atmete tief durch und sah sich um. Isabella hatte die Theke erreicht, im »Trullo« herrschte jetzt um die Mittagszeit Hochbetrieb. Rot-weiß karierte Tischdecken und darauf Tropfkerzen in alten Korbflaschen verbreiteten trotzdem eine anheimelnde Atmosphäre. An den Wänden hingen Poster von den berühmten runden apulischen Zipfelmützenhäusern, den Trulli, die dem Ristorante ihren Namen gegeben hatten. Es roch nach scharfem Käse und in Olivenöl gebratenem Brot. Von der Decke hingen getrocknete Rosmarinsträuße, Knoblauchkränze und an langen Fäden aufgereihte Peperoncino-Schoten herab. Aus unsichtbaren Lautsprechern klangen die Stimmen von Al Bano und Romina Power und beschworen ihre ganz eigene Felicità, ungeachtet der Tatsache, dass das Paar im wahren Leben schon seit vielen Jahren getrennt war. Hagen kam es so vor, als sei die Zeit für Sandro Martini stehengeblieben, seit er vor dreißig Jahren nach Deutschland gekommen war. Apulien blieb sein Heimatland, der Ort seiner Sehnsucht, obwohl er höchstens einmal im Jahr zu Besuch hinfuhr. Und Isabella, in Deutschland geboren und aufgewachsen, hätte genauso gut in jede süditalienische Trattoria gepasst – mal abgesehen von den unsäglichen Haaren.

Hagen fuhr sich über die Stirn. Schluss jetzt! Er war zum Essen hier, weiter nichts. Endlich nahm er eine Gabel voll Orecchiette auf und merkte gar nicht, dass seine Pasta nun endgültig kalt geworden war.

***

Für zwei Minuten hatte Isabella nicht mehr an den Armanimann gedacht. Genauso lange, bis Kristina zu ihr sagte. »Der Herr von Tisch zwei wartet auf seinen Prosecco.«

»Oh, ich gehe schon.« Vergessen war der Stockfisch, das Leuchten kehrte in ihre Augen zurück. »Bring du doch bitte den Rotwein zum Studienrat.«

Kristina maß sie mit einem wissenden Blick. Sie war doppelt so alt wie Isabella und sah sich gern als ihre mütterliche Freundin. Als junge Studentin war Kristina Lundgren vor dreißig Jahren aus Schweden nach Deutschland gekommen und in der Stadt hängengeblieben. Seitdem jobbte sie halbtags im Ristorante. Damals, um sich ihr Studium zu finanzieren, heute, weil ihr Arbeitsentgelt als wissenschaftliche Assistentin zum Leben nicht ausreichte. Als Isabellas Mutter Maria vor drei Jahren starb, hatte Kristina dem trauernden Mädchen und dem untröstlichen Sandro zur Seite gestanden. Seitdem war sie aus dem »Trullo« nicht mehr wegzudenken. Aber manchmal, fand Isabella, ging Kristina mit ihrer Rolle als Ersatzmutter zu weit.

So wie jetzt, zum Beispiel. »Sei vorsichtig, Liebes. Der Mann ist nichts für dich.«

»Was du mit deiner großen Erfahrung natürlich gut beurteilen kannst«, gab Isabella giftig zurück. Ihre Worte trafen einen wunden Punkt. Kristina schlug die Augen nieder. Es war allgemein bekannt, dass sie seit Jahren allein war und unter ihrer Einsamkeit litt.

»Tut mir leid«, sagte Isabella schnell. »Ich wollte nicht …«

»Ist schon gut. Beeil dich mit dem Prosecco. Und nimm auch gleich den Brotkorb mit.«

Je näher Isabella Tisch zwei kam, desto schnell schlug ihr Herz in der Brust. Diese aristokratische Nase! Das energische Kinn! Der Armanimann war es gewohnt, sich durchzusetzen. Was er wohl von Beruf war? Geschäftsmann? Wissenschaftler? Nein, Anwalt, entschied Isabella, Juniorpartner in einer alteingesessenen Sozietät und auf dem Weg nach ganz oben. Ein strahlendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, aber der Armanimann bemerkte es nicht. Er war in ein paar Akten vertieft, die er vor sich auf dem Tisch ausgelegt hatte.

Jemand anderes sah ihr Lächeln und kippte daraufhin ein Glas Rotwein in zwei Schlucken hinunter.

Isabella hatte Tisch zwei jetzt fast erreicht. Das Proseccoglas auf dem kleinen Tablett schwankte ganz leicht, so zittrig fühlte sie sich. Das ist er, dachte sie. Mein Märchenprinz, auf den ich schon mein ganzes Leben lang warte. Oh, verflixt! Warum habe ich kein hübsches Sommerkleid angezogen? Sie besaß zwar gar kein solches Kleid, aber das tat im Moment nichts zur Sache. Sie wünschte, sie hätte wenigstens ihr Haar zu einem dezenten Knoten zusammengesteckt, wusste aber aus Erfahrung, wie sinnlos ein solcher Versuch war. Nach spätestens einer Stunde machten sich ihre wilden Locken wieder selbständig und standen ihr vom Kopf ab, als hätte sie gerade einen Stromschlag abbekommen.

Nichts zu machen. Sie musste dem Armanimann so begegnen, wie sie war. Aber wenigstens konnte sie ein damenhaftes Benehmen an den Tag legen. Das hätte auch geklappt, wenn sie zwischendurch mal zu Boden geblickt hätte, anstatt nur ihn anzustarren. Dann hätte sie nämlich die Handtasche entdeckt, die von einer Stuhllehne herabgefallen war, und wäre nicht darüber gestolpert. Isabella stieß einen Schrei aus, schwankte einen Moment hin und her wie ein vom heißen Südwind durchgeschüttelter Feigenbaum, schien sich zu fangen, kippte dann aber nach vorn, genau auf Tisch zwei zu.

»Aiuto!«, rief Isabella.

»Verdammt!«, rief der Armanimann, als sich der Prosecco genau über seinen Akten ergoss. Duftende Brotscheiben mit dunkler Kruste fielen auf seinen Anzug, Krümel kullerten über das gestärkte Hemd, die Krawatte bekam ein paar Tarallucci ab, kleine, mit Rosmarin gewürzte Teigkringel.

Direkt nach den Lebensmitteln folgte Isabella und landete zu ihrem größten Bedauern nicht auf dem Mann, sondern auf der Tischkante.

»Aua.« Sie rappelte sich auf und rieb sich die schmerzende Schulter. Mit einem Blick in das zornige Aristokratengesicht fügte sie schnell hinzu: »Tut mir furchtbar leid.« Sie schickte einen langen Augenaufschlag und ein grandioses Lächeln hinterher.

»Ähm. Halb so wild. Das sind nur Kopien.«

Ganz klar, sie hatte ihn bereits verzaubert. Nun half sie ihm, Brot und Gebäck von seinem Anzug zu pflücken, und kam ihm dabei doch noch ganz nahe. Sein Atem strich über ihr Haar, und für Sekunden stieg ihr der Duft eines teuren Rasierwassers in die Nase. Isabella überlegte, ob es angebracht war, jetzt noch in Ohnmacht zu fallen. Dummerweise hatte sie sich aber nur die Schulter und nicht den Kopf gestoßen. Auf der Suche nach weiteren Krümeln beugte sie sich tiefer über die Krawatte, woraufhin der Armanimann kräftig nieste. Eine vorwitzige Locke hatte ihn gekitzelt.

»Hoffentlich werden Sie nicht krank«, sagte Isabella.

»Dazu braucht es schon mehr als einen Brot- und Prosecco-Überfall«, gab er grinsend zurück.

Humor hatte er auch. Isabella liebte humorvolle Männer! Sie versenkte ihren Blick in seinem und spürte genau, wie er schneller atmete.

»Bitte«, sagte er, und sie war bereit, ihm jeden Wunsch zu erfüllen – natürlich in geschmackvollen Grenzen. Ein leichter Kuss vielleicht, ganz zart auf die Wange …

»Bitte!« Jetzt ächzte er. »Ob Sie wohl ein wenig von mir abrücken könnten? Ich bekomme keine Luft mehr.«

»Oh.« Im selben Moment wurde Isabella unsanft zurückgerissen. Sandro Martini war herbeigerannt gekommen, um den zauberhaften Moment zu zerstören. Es gab Momente, da hasste sie ihren Vater.

»Ich muss mich für meine tolpatschige Tochter entschuldigen«, sagte er förmlich und hielt dabei Isabellas Oberarm fest umklammert.

Tolpatschig!, dachte sie wütend. Als wäre ich dreizehn.

»Es ist doch nichts passiert«, wiegelte der Armanimann ab. »Und Isabella kann ja nichts dafür, wenn eine Handtasche genau in ihrem Weg liegt.«

Er kannte ihren Namen. Innerlich jubilierte sie und befreite sich aus dem Griff ihres Vaters. War er vielleicht nur ihretwegen hier? Hatte er sie schon einmal gesehen, sein Herz an sie verloren und dann Erkundigungen über sie eingezogen? Ach nein, verdammt! Sandro hatte ja vorhin so laut nach ihr gebrüllt, dass inzwischen sogar der schwerhörige Rentner von Tisch drei wusste, wie sie hieß.

Sandro Martini verbeugte sich vor dem Gast. »Erlauben Sie mir trotzdem, Sie zum Essen einzuladen.«

»Gut«, kam es nach kurzem Zögern zurück. »Aber nur wenn Sie gestatten, dass ich Isabella zu einem Glas Prosecco einlade, damit sie sich von dem Schrecken erholen kann.«

Sandro schüttelte den Kopf. »Das ist leider unmöglich. Wir haben viel zu viel zu tun und …« In diesem Moment betrat Eleni das Ristorante. Die junge Griechin arbeitete als Aushilfe im »Trullo«. Jetzt steuerte sie direkt auf Tisch zwei zu, nachdem sie Isabellas beschwörenden Blick aufgefangen hatte.

»Padrone«, sagte sie mit einer gewissen Ehrerbietung in der Stimme zu Sandro. »Ich konnte heute früher von der Uni weg. Gibt es Arbeit für mich?«

»Reichlich«, knurrte Sandro und zog mit ihr ab.

Der Armanimann machte eine einladende Handbewegung, und Isabella setzte sich ihm gegenüber.

Ein paar Tische weiter schob Hagen seinen Teller Orecchiette weg. Ihm war der Appetit vergangen. Er warf einen Geldschein auf den Tisch und verließ das Lokal, ein wenig verwundert, weil er so wütend war.

Kapitel 2

Hagen verließ das Ristorante »Trullo«, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen. Sollte die verrückte Isabella doch flirten, mit wem sie wollte. Ihn interessierte das nicht. Ein paar Meter weiter blieb er stehen und atmete tief die frische Luft ein. Der Frühsommer zeigte sich von seiner besten Seite. Nicht zu heiß, nicht zu kalt – genau das richtige Wetter für sein Vorhaben. Hagen zögerte. Ursprünglich hatte er geplant, nach dem Mittagessen noch einmal in die Schule zu gehen, die nur zwei Häuserblocks entfernt lag. Er war erst seit einem halben Jahr Vizerektor und, zumindest in den Augen des Rektors, noch in der Probezeit. Auf seinem Schreibtisch wartete eine Menge Papierkram. Hagen machte zwei Schritte in Richtung Schule, drehte sich dann um und ging in die entgegengesetzte Richtung davon. Er wusste, er würde sich heute sowieso nicht mehr konzentrieren können. Was er jetzt brauchte, war etwas ganz anderes. Fünf Minuten später erreichte er seine Wohnung und beeilte sich beim Umziehen.

***

Kristina Lundgren beobachtete mit wachsender Sorge, wie Isabella es sich an Tisch zwei gemütlich machte. Erst hatte sie über dem armen Mann den Brotkorb ausgekippt und seine Akten in Prosecco gebadet, nun saß sie ihm gegenüber und klimperte mit den Wimpern. Dieses Mädchen war einfach unmöglich! Aber Kristina konnte ihr nicht wirklich böse sein. So lange war es schließlich nicht her, dass sie selbst jung gewesen war, und sie erinnerte sich sehr gut an das Gefühl, frisch verliebt zu sein. Es war etwas ganz anderes als das, was sie jetzt empfand. Dieser leise Schmerz in ihrem Herzen, dieses Wissen um die Hoffnungslosigkeit – das war schwer zu ertragen.

Sandro Martini kam zu ihr an die Theke und schlug mit der Faust fest auf das robuste Pinienholz. »Diesmal treibt meine Tochter es zu weit«, knurrte er. »Ich werde ihr Lokalverbot erteilen.«

Kristina senkte den Blick. Sandro sollte ihren Schmerz nicht sehen. »Das kannst du nicht. Wer soll dann die Gäste bedienen?«

»Ich werde Eleni fragen, ob sie Vollzeit arbeiten will.« Eleni Teodorakis studierte Deutsch an der Uni und finanzierte sich ihren Lebensunterhalt als Aushilfskraft. Sie war erst neunzehn und erinnerte Kristina daran, wie sie selbst vor mehr als dreißig Jahren als junge Studentin aus Stockholm nach Deutschland gekommen war. Jung, voller Lebensfreude und bereit, eine fremde Welt zu erobern. Kristina verstand selbst nicht, warum sie heute so viel über ihre Vergangenheit nachdachte. Vielleicht, weil ihre Zukunft so trist und dunkel vor ihr lag?

»Das wird sie nicht schaffen«, sagte sie zu Sandro. »Außerdem, wer weiß, ob sie uns überhaupt noch lange erhalten bleibt.«

»Wie kommst du darauf?«

»Hast du nicht bemerkt, wie bedrückt sie in letzter Zeit aussieht?«

»Wer, Eleni?«

Das war mal wieder typisch für Sandro. Von den Gefühlen anderer Menschen hatte er keine Ahnung, nicht einmal, wenn er täglich mit ihnen zu tun hatte. Kristina biss sich auf die Lippen, um nichts Falsches zu sagen.

»Vielleicht hat sie Heimweh«, meinte sie dann.

»Heimweh. Madonna santa! Haben wir das nicht alle? Du, ich, und sogar Anna.«

Anna Santos war die spanische Putzfrau im »Trullo«. Sie stammte aus Granada.

Nein, wollte Kristina erwidern. Ich habe kein Heimweh. Ich sehne mich nach etwas ganz anderem. Aber Sandro hätte sie nicht verstanden. Daher fragte sie nur: »Möchte der Gast von Tisch zwei jetzt ein neues Glas Prosecco?«

»Zwei«, knurrte Sandro. »Er hat meine Tochter dazu eingeladen.«

Kristina konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Ich kümmere mich darum.«

»Und ich verschwinde wieder in die Küche. Sonst zerkocht mir der dumme Karl noch die Meeresfrüchte.«

Kristinas Grinsen wurde breiter. Womit wir das Personal jetzt durch hätten, dachte sie. Karl Weber war der zweite Koch im Ristorante, der einzige Deutsche in dieser Multikulti-Truppe, was Sandro ihm offenbar ankreidete. Streit war bei den beiden an der Tagesordnung, aber meistens gab Karl nach, denn mit seinen sechzig Jahren wusste er, dass er keine neue Anstellung mehr finden würde. Kristinas Grinsen verschwand und machte einem sorgenvollen Ausdruck Platz. Die Frage war, wie lange sich Sandro überhaupt noch sein Personal würde leisten können. Aber bisher weigerte er sich, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Sie sah ihm nach, wie er jetzt hinter der Flügeltür verschwand. Oller Dickkopf, dachte sie. Rasch holte sie dann eine Flasche Prosecco aus dem Kühlschrank, entkorkte sie und goss zwei Glaser randvoll. Dann wies sie Eleni an, den Gast an Tisch zwei zu bedienen. Sie gönnte Isabella den kleinen Moment der Freude, auch wenn dieser Mann natürlich nicht der Richtige für das Mädchen war. Aber kam es denn im Leben darauf an, sich immer nur mit den richtigen Menschen abzugeben? War es nicht viel wichtiger, einen Zipfel vom Glück zu erwischen, wenn es möglich war?

Kristina Lundgren beschloss, dass sie jetzt auch ein Glas Prosecco brauchte.

***

»Prost«, sagte der Armanimann. Er hatte sich bisher noch nicht vorgestellt, also blieb Isabella in Gedanken bei dem Spitznamen, den sie ihm mit Blick auf den Anzug verpasst hatte.

»Salute«, erwiderte sie, darauf bedacht, ihre Stimme rauh und erotisch klingen zu lassen. Sie konnte noch gar nicht glauben, dass sie wirklich hier bei ihm saß. Eben hatte sie ihn noch aus der Ferne angehimmelt, und schon wurde ein Märchen wahr. Ich bin verliebt, dachte sie, und diesmal ist es etwas anderes. Diesmal ist es ernst.

»Sie schauen ja so böse«, sagte er.

»Ich? Ach was. Ich finde es wunderbar, mit einem Armanimann Prosecco zu trinken.«

»Mit wem?«

Isabella lief rot an, nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas, verschluckte sich und musste husten. Er beugte sich vor, klopfte ihr leicht auf den Rücken und lächelte sie an. »Geht’s wieder? Übrigens, ich heiße Robert von Weißenstein. Aber bitte nennen Sie mich Bob, wie alle meine Freunde.«

»Oh.« Ein Aristokrat. Hatte sie doch gleich gewusst. Isabella setzte sich gerade hin, hob ein wenig das Kinn, legte einen geheimnisvollen Ausdruck in ihre Augen, so wie es sich für eine feine Dame gehörte. Fang bloß nicht an zu reden, beschwor sie sich selbst. Eine Dame schweigt, hört zu und lächelt ein wenig geistesabwesend.

»Wie gefällt Ihnen die Arbeit hier?«, fragte Bob im Plauderton. Das hätte er nicht tun dürfen, denn schon legte Isabella los: »Mein Vater ist ein Tyrann. Er glaubt immer noch, er lebt in Süditalien und kann hier rumkommandieren wie ein Mafiaboss. Er behandelt mich wie seine Leibeigene und gönnt mir kein bisschen Vergnügen. Ich muss den ganzen Tag nur rennen, und abends sind meine Füße auf Ballongröße angeschwollen.«

Dio mio! Hatte sie wirklich von ihren Füßen gesprochen? Isabella überlegte, ob es angeraten war, sich unter dem Tisch zu verkriechen.

»Soweit ich informiert bin«, sagte Bob sachlich, »heißt die Mafia in Apulien Sacra corona unita, zu Deutsch Heilige vereinigte Krone.«

»Stimmt.« Dankbar sah sie ihn an. Kein Wort zu ihren Füßen. »Sie kennen sich aus, aber für einen Anwalt ist das ja bestimmt auch wichtig.«

»Ähm, für wen?« Diesmal lag eindeutig ein belustigtes Blinzeln in seinem Blick, und Isabella verfluchte den Moment, in dem sie sich in ihn verliebt hatte.

»Ich dachte nur … wegen der Akten.« Sie wies auf den vom Prosecco feuchten Papierstapel.

»Ach, das. Nein, das sind die Kopien meiner Bewerbungsunterlagen. Ich bin Einzelhandelskaufmann, leider schon seit einer Weile ohne Job.« Seine Mundwinkel wanderten leicht nach unten. »In einer Stunde habe ich ein Vorstellungsgespräch im Supermarkt hier um die Ecke. Da ist eine Stelle als stellvertretender Filialleiter vakant.«

Vakant, klang sehr schön, dachte Isabella, der Rest weniger. Einzelhandelskaufmann, ein arbeitsloser noch dazu. Kam so etwas in ihrem Märchen vor? Eher nicht.

»Jetzt sind Sie enttäuscht, nicht wahr?«

»Nee«, sagte sie schnell. »Das ist doch ein toller Beruf, Lebensmittel verkaufen und so. Braucht doch jeder.«

»Klar.«

»Ich … glaube, ich muss jetzt zurück an die Arbeit, sonst dreht mein Vater noch durch.«

»Gehen Sie nur, schöne Isabella. Und vergessen Sie mich nicht so schnell.«

»Niemals«, versprach sie mit einem bemühten Lächeln, stand auf, ging in Richtung Küche und nahm sich vor, nie wieder einen Mann nach seinem Anzug zu beurteilen. Ein ganz bestimmter Kerl in einem hässlichen Cordsakko bildete da natürlich eine Ausnahme. So einer wie der Stockfisch Hagen Friedrichs käme nie – nie! – als Kandidat in Frage.

Kristina fing sie an der Theke ab. »Na, schon vorbei, die große Verliebtheit?«

Das weckte Isabellas Widerspruchsgeist. »Wie kommst du darauf? Er ist der tollste Mann der Welt, und morgen gehe ich mit ihm aus.«

»Den Teufel wirst du tun«, erklang hinter ihr die Stimme ihres Vaters. Er trug eine große Platte mit gegrilltem Tintenfisch und reichte sie Isabella. »Für Tisch drei. Und diesen Lackaffen im geliehenen Anzug siehst du nicht wieder. Das verbiete ich dir!«

»Du kannst mir gar nichts verbieten«, erwiderte Isabella böse. »Und von wegen geliehen. Bob ist …«

»Hier.« Sandro zog ein feuchtes Stück Papier aus der Hosentasche. »Das ist vorhin vom Tisch gefallen. Kannst du ihm auf dem Weg gleich wiedergeben. Er wedelte ihr mit dem Blatt unter der Nase herum. »Siehst du das? Die Abrechnung seines Arbeitslosengeldes. Glaubst du im Ernst, damit kann er sich Armani leisten?«

Isabella verspürte den brennenden Wunsch, ihrem Vater die Calamariplatte ins Gesicht zu knallen. »Du hast mir nachspioniert!«

»Irgendjemand muss dich ja davor bewahren, in dein Unglück zu rennen.«

»Sandro, Isabella, bitte.« Kristina sah von einem zum anderen. »Beruhigt euch, die Gäste schauen schon.«

Sandro schaltete augenblicklich um vom wütenden Vater zum jovialen Gastronomen. Isabella aber war tief verletzt. »Ich hasse euch alle«, sagte sie leise. »Niemand hat das Recht, über mich zu bestimmen.«

Mit gesenktem Kopf ging sie durch den Gastraum und servierte schweigend die Tintenfische. Kristina und Sandro würden sich noch wundern! Isabella war fest entschlossen, sich ihre Wut zu bewahren. Sie würde ihre Arbeit tun, aber niemand konnte von ihr erwarten, dass sie dabei gute Laune verbreitete.

Doch schon nach kurzer Zeit gewann ihr südliches Temperament wieder die Oberhand, und ihr Lachen brandete durch das Lokal wie die Meereswellen an die weißen Strände Apuliens.

***

Im Wald war die Luft kühl und frisch. Hagen achtete auf seine Atemzüge. Stolz stellte er fest, dass er auch nach einer halben Stunde noch ganz normal atmete. Ich bin wirklich gut in Form, dachte er zufrieden und legte auf einem Stück geraden Waldweg einen Zwischensprint ein. Schon nach den ersten Minuten hatte er allen Ärger hinter sich gelassen. So war das immer: Kaum trug er seine Sportklamotten, verwandelte er sich in einen anderen Menschen. Jetzt war er nicht mehr der Studienrat für Geschichte und Erdkunde, der eine Scheidung und mehrere gescheiterte Beziehungen hinter sich hatte. Jetzt war er ein Sportler, der sein Leben fest im Griff hatte. Schon spürte er, wie er in den Runner’s High geriet, jenes berühmte Hochgefühl, das jeder Langstreckenläufer kannte. Hagen wusste, dass Endorphine, die körpereigenen Glückshormone, für diesen rauschartigen Zustand sorgen. Sie werden bei besonderen Belastungen vermehrt ausgeschüttet und haben nicht nur eine schmerzlindernde Wirkung, sondern versetzen den Sportler in Euphorie. Und er wusste auch, dass diese Art von Rausch süchtig machen kann. Er hatte schon von vielen Hochleistungssportlern gehört, die in Depressionen verfallen waren, nachdem sie längere Zeit aussetzen mussten.

Aber sollte er sich deshalb verrückt machen? Hagen verlangsamte sein Tempo und lief nun in ruhigerem Trott weiter. War es nicht hundertmal besser, sich beim Sport gut zu fühlen, als zu Hause in der ungemütlichen Wohnung zu sitzen und darüber nachzudenken, warum das eigene Leben so schiefgelaufen war? Wenn er nicht arbeitete oder sich beim Sport auspowerte, dann grübelte Hagen wie unter Zwang über seine absolute Unfähigkeit in Liebesdingen nach. »Du bist kalt«, hatte ihm seine Ex-Freundin gesagt. »Wenn ich neben dir sitze, muss ich immer frösteln.« Als ob sie selbst der Inbegriff einer warmherzigen Frau gewesen wäre!

Hagen stoppte an einer mächtigen Rotbuche und machte ein paar Dehnübungen. Vielleicht brauche ich einfach einen ganz anderen Typ Frau, dachte er plötzlich. Nicht so eine coole und taffe Deutsche, sondern eine temperamentvolle … An diesem Punkt seiner Überlegungen sprintete er wieder los, ließ alles hinter sich, lief und lief, bis sein Atem endlich doch schwer und keuchend ging.

Kapitel 3

Gegen drei Uhr nachmittags wurde es ruhig im Ristorante »Trullo«. Kristina, Eleni und der Koch Karl waren nach Hause gefahren und würden erst um halb sieben wiederkommen. Sandro Martini sah sich um und setzte sich dann an den kleinsten Tisch direkt neben der Theke. Anna Santos fegte den Boden auf. Von Zeit zu Zeit murmelte sie etwas von ihrem Rücken, der zu alt wurde, um sich jeden Tag zu bücken, aber davon abgesehen arbeitete sie leise und zügig. Das war Personal, wie Sandro es liebte. Still und zuverlässig. Ganz anders als seine Tochter, bei der er jeden Tag mit einer neuen Katastrophe rechnen musste. Anders auch als Karl, mit dem er immer streiten musste, weil der einfach nicht kapierte, dass in eine leichte Tomatensoße keine Sahne gehörte und dass Brotscheiben für die Bruschetta zuerst geröstet wurden und erst danach mit einer frischen Knoblauchzehe eingerieben und mit Olivenöl beträufelt wurden. Sandro knirschte geräuschvoll mit den Zähnen, nippte dann an seinem Espresso, den Kristina ihm noch zubereitet hatte, bevor sie zur Pause ging. Kristina! Aus der Frau wurde er auch nicht mehr schlau. Er kannte sie seit dreißig Jahren, und er hatte sich immer auf sie verlassen können. Aber nun war sie launenhaft geworden. Mal schien sie innerlich zu leuchten, mal wirkte sie todtraurig. Und was sollte heute ihre Bemerkung über Eleni? Sandro konnte keine Veränderung an der jungen Griechin feststellen. Er fand, sie hatte wie immer ihren Job gut erledigt, alles andere interessierte ihn nicht. Trotzdem nagte das jetzt an ihm. Mit einem tiefen Seufzen stand Sandro auf, holte eine Flasche Grappa und gönnte sich einen ordentlichen Schuss in seinen Espresso. Dann beugte er sich über seine Geschäftsbücher. Es war höchste Zeit, die Abrechnungen für Mai zu machen.

Aber sosehr er sich auch zu konzentrieren versuchte, seine Gedanken glitten immer wieder ab. Schließlich gab er es auf und sah hoch. Anna war inzwischen in der Küche, und er hatte den Gastraum für sich. Sein Blick wanderte über die Landschaftsbilder seiner Heimat, und sofort fühlte er sich zurückversetzt in die sonnendurchfluteten Tage der Kindheit, die nur in der Erinnerung glücklich waren, weil er die Armut, den Hunger und das abgezehrte Gesicht der Mamma vergessen hatte. Die Sehnsucht überfiel ihn mit geballter Kraft, und Sandro wünschte sich, er könnte endlich mal wieder heimfahren, wenigstens für ein, zwei Wochen. Er wollte auf seiner alten Maschine über Feldwege durch sein geliebtes Itria-Tal zuckeln, durch Weinfelder, Mandel- und Obstbaumplantagen. Er würde hochrädrige Mulikarren überholen und schließlich den Anblick der Trulli genießen, der archaischen Rundbauten, die von den deutschen Touristen so treffend Zipfelmützenhäuser genannt wurden. Er wollte in seine Heimatstadt Ostuni fahren, der weißesten aller weißen Städte Apuliens, wo schwarzgekleidete Frauen auf Holzstühlen vor den blaugetünchten Haustüren saßen, ein Schwätzchen hielten und dabei strickten oder Bohnen fürs Abendessen pulten. Und er wollte das Grab seiner Frau Maria besuchen. Das war ihr einziger Wunsch gewesen, nach fast drei Jahrzehnten in Deutschland: In der Heimat begraben werden.

Aber Sandro machte sich nichts vor. In nächster Zeit war an eine Reise nicht zu denken. Um die Finanzen des Ristorante stand es schlecht, sehr schlecht sogar. Schon Ende der neunziger Jahre waren die Einnahmen deutlich zurückgegangen, inzwischen rettete er sich von Monat zu Monat.

Als Anna ihre Arbeit beendet hatte und sich vom Padrone verabschieden wollte, wich sie erschrocken zurück. Noch nie in all den Jahren hatte sie ihn weinen sehen.

***

Isabella sah sich im fast leeren Gastraum um. Es war Sonntagabend, und nur ein altes Ehepaar war zum Essen ins Ristorante »Trullo« gekommen. Kein Wunder, das Lokal lag in einem Geschäftsviertel. Nur wenige der vierstöckigen Häuserblocks aus den fünfziger Jahren wurden noch bewohnt, die anderen waren in Büros oder Läden umgewandelt worden. Es gab die Realschule und zwei Supermärkte, aber die Wohnqualität des Viertels nahm mit jedem Jahr ab, und immer mehr Leute zogen weg. Isabella seufzte. Deswegen herrschte am Wochenende im »Trullo« meist gähnende Leere. Von montags bis freitags lief der Mittagstisch sehr gut. Die Gewinnspanne war aufgrund der günstigen Preise allerdings gering. Und kaum war es Freitagabend, blieben die Gäste aus.

Heute war es besonders schlimm. Der laue Juniabend hatte die Menschen raus aufs Land gelockt, wo sie unter freiem Himmel picknickten oder in einem Gartenlokal saßen.

Ja, dachte Isabella, wenn wir einen Garten hätten, wär’s etwas anderes. Aber am Vordereingang gab es nur einen knapp anderthalb Meter breiten Bürgersteig, nach hinten ging es auf einen hässlichen, mit Beton verschandelten Hof hinaus. Sie zupfte an ihren rosafarbenen Shorts herum, zog dann den Bauch unter dem etwas zu knappen giftgrünen T-Shirt ein und stieß einen weiteren jammervollen Laut aus.

»Was jaulst du da rum wie auf der Seufzerbrücke?«, herrschte ihr Vater sie an. »Nur weil wenig los ist, heißt das noch lange nicht, dass es keine Arbeit gibt.«

»Es ist nicht nur wenig los, es ist überhaupt nichts los, Papa«, korrigierte sie ihn und dachte gar nicht daran, auf Befehl zu springen. »Die zwei alten Leutchen sitzen seit einer Stunde über ihren Seeigeln. Ich glaube kaum, dass sie in diesem Leben noch etwas bestellen werden.«

»Maleducata!«, rief Sandro.

»Ach nee? Na, wenn ich schlecht erzogen bin, ist das aber nicht meine Schuld.«

Für einen Moment sah es so aus, als wollte Sandro ihr eine Ohrfeige verpassen. Nur zu, dachte Isabella bitter. Dann bist du mich endgültig los. Die Luft im Raum war plötzlich aufgeladen, jeden Moment konnte Sandro explodieren.

Es war Kristina, die durch ihr rasches Eingreifen die Situation rettete. Sie kam hinter der Theke hervor und packte Sandro am Arm. »Komm, mein Lieber, wir beide brauchen jetzt einen ordentlichen Schluck Grappa.«

So schnell, wie sein Zorn aufgelodert war, so schnell fiel er auch wieder in sich zusammen. »Isabella begreift es einfach nicht«, sagte er müde. »Wir machen eine kleine Krise durch, aber wir dürfen uns deswegen nicht gehenlassen. Bald wird es wieder so sein wie früher, daran müssen wir fest glauben.« Er sah seine Tochter und Kristina beschwörend an.

Isabella brachte es nicht übers Herz, ihm zu widersprechen. Nie wieder würde es hier wie früher sein, als das Viertel noch zum großen Teil von italienischen Einwanderern bewohnt wurde, die jeden Samstag und Sonntag ins »Trullo« kamen, um ihr Heimweh bei einem guten Schluck Rotwein runterzuspülen und das deutsche Kantinenessen bei einem Teller bissfester Spaghetti mit Meeresfrüchten zu vergessen. Dabei störte es niemanden, dass viele von ihnen gar nicht aus Apulien stammten. In der Fremde wuchsen die Menschen aus Sizilien, Kampanien und der Basilicata zusammen, wie es in der alten Heimat nie möglich gewesen wäre. Selbst der eine oder andere Mittel- oder gar Norditaliener wurde in den Kreis aufgenommen und bekam von Maria Martini genauso viel mütterliche Zuwendung wie jemand aus ihrer Heimatstadt. Das war es, was den Zauber des »Trullo« ausmachte und ihm gute Geschäfte bescherte. Und in der deutschen Nachbarschaft sprach sich Sandros gute Küche auch bald herum, und an jedem Wochenende schufteten die Familie und ihre Angestellten bis zum Umfallen. Ein echter Steinbackofen wurde angeschafft, und bald waren die Gäste bereit, eine Stunde und mehr auf eine typische Kartoffelpizza mit Sardellenfilets oder auf eine hauchdünne knusprige Pizza mit Zwiebeln und geriebenem Pecorino zu warten.

Der Niedergang kam schleichend, immer mehr Leute zogen fort, immer weniger Gäste saßen abends im Ristorante. Und weder Sandro noch Maria wussten Rat. Reklame machen? Sie kannten sich da nicht aus. Woanders neu anfangen? Dazu fehlten ihnen das Geld und der Mut. Aber der Mittagstisch lief ja noch, und so konnte es ewig weitergehen. Aber dann wurde Maria krank, hatte Schmerzen im Bauch, ging nicht zum Arzt, bis es zu spät war. Bis »il male brutto«, wie die Italiener ein Krebsleiden nennen, den Sieg davontrug. Natürlich ging es auch danach weiter, irgendwie. Musste ja. Aber ohne Kristina hätten wir es nicht geschafft, dachte Isabella jetzt. Sie hat den Betrieb zusammengehalten, und unsere Seelen.

»Nun komm schon«, sagte Kristina zu Sandro. »Es bringt doch nichts, wenn ihr euch jeden Tag streitet.«

Er ließ sich mit in Richtung Theke ziehen, und Isabella sah den beiden nach. Was für ein merkwürdiges Gespann sie abgaben. Ihr Vater klein, gedrungen und mit grauen, fast nackenlangen Locken. Kristina langbeinig, noch immer naturblond und einen halben Kopf größer als Sandro. Und trotzdem hatten sie etwas an sich, das …

Isabella zog nachdenklich die Stirn in Falten. Ach was, dachte sie dann. Ausgeschlossen. Kristina arbeitet hier seit dreißig Jahren und hat noch nie irgendein Interesse an Sandro bekundet. Außerdem liebt Papa immer noch Mama, auch drei Jahre nach ihrem Tod. Der Gedanke an ihre Mutter ließ ihren Zorn verfliegen. Mama, du fehlst mir so, dachte sie traurig. Mir fehlt dein liebevolles Lächeln, mir fehlen deine Geschichten, aber vor allem fehlt mir dein Kampfgeist.

***

Das silberne Glockenspiel über der Eingangstür klingelte leise, und Isabella drehte sich mit einem hoffnungsvollen Lächeln um. Vielleicht geschah ja gerade heute ein Wunder, und ein Dutzend gut zahlender Gäste stürmte das Lokal. Ihr Lächeln erlosch, als sie den Mann in der Tür erkannte. Ausgerechnet Dr. Hagen Friedrichs, der Stoccafisso, wie sie ihn bei sich nannte, musste ihr heute endgültig den Tag verderben.

»Guten Abend«, sagte er steif und sah sich leicht verwirrt im »Trullo« um. »Bin ich der einzige Gast?«

»Nee. Wir haben noch Miss Daisy und ihren Chauffeur, die unseren Umsatz in die Höhe treiben.«

Eine Augenbraue hinter Hagens scheußlicher Hornbrille wanderte nach oben. »Wie bitte?«

Fast hätte sie laut herausgelacht. Aber dazu war sie heute viel zu deprimiert. Ihr süditalienisches Temperament ließ sie definitiv im Stich. Dieser humorlose Stockfisch würde nie verstehen, dass man einem älteren Pärchen, das irgendwie nicht richtig zusammenzupassen schien, einen Spitznamen wie den des gleichnamigen Films geben konnte; selbst wenn der Mann kein bisschen dem schwarzen Schauspieler Morgan Freeman ähnlich sah.

»Vergessen Sie’s einfach. Wieso kommen Sie an einem Samstagabend her? Was wollen Sie?«

»Ähm … vielleicht essen?« Er machte zwei Schritte auf sie zu, zögerte aber, als er ihren Gesichtsausdruck genauer betrachtete.

»Haben Sie nichts Besseres zu tun, als dabei zuzusehen, wie ein Ristorante vor die Hunde geht?«

»Liebes Fräulein Isabella, es lag gewiss nicht in meiner Absicht …«

»Verdammt noch mal! Wie reden Sie denn? Liebes Fräulein Isabella! Das ist doch krank.«

»Ich … habe nicht gewusst, dass hier am Wochenende so wenig los ist.«

»Wie denn auch? Sie kommen ja sonst auch nur zu unserem billigen Mittagstisch, bei dem wir kaum die Unkosten wieder reinkriegen. Sie sind genauso ein Abzocker wie alle anderen.«

Jetzt war sie zu weit gegangen, das sah sie an dem zornigen Aufblitzen in seinen Augen. Immerhin, der Typ war also doch nicht nur luftgetrocknet. In der langweiligen Hülle steckte sogar ein Anflug von Temperament.

Mit einem Seitenblick stellte Isabella fest, dass ihr Vater und Kristina außer Hörweite in der Küche waren, und atmete erleichtert auf. Das hätte sonst das nächste Donnerwetter gegeben.

»Entschuldigung«, sagte sie schnell. »Sie können ja nichts dafür. Ich habe einfach nur einen miesen Tag.«

Hagen lächelte, und wieder einmal dachte sie, dass er ohne diese unsägliche Brille, die bescheuerte Frisur und das dunkelbraune Cordsakko richtig gut ausgesehen hätte. »Kein Thema. Bekomme ich denn etwas zu essen?«

Sie lotste ihn in Richtung Ecktisch am Fenster, wo er von montags bis freitags immer saß, und baute sich vor ihm auf. Ihre Wut war noch keineswegs verraucht, und als sie sah, wie er nach der Speisekarte griff, fuhr sie ihn gleich wieder an: »Sie glauben doch nicht etwa, dass Sie heute hier à la carte speisen können?«

»Nein, pardon. So ein Aufwand wird sich für Miss Daisy, ihren Chauffeur und einen langweiligen Lehrer kaum lohnen.«

»Genau.« Falls er versucht haben sollte, witzig zu sein, war das glatt an ihr vorbeigegangen.

»Ich nehme an, dass der Steinofen für uns drei nicht extra angeheizt worden ist.«

Isabella schüttelte nur den Kopf.

»Keine Pizza also. Was … äh … können Sie mir denn sonst empfehlen?«

»Frischen Seeigel mit Zitronen. Für Sie lasse ich extra die Stacheln dran.«

»Aha. Und sonst?«

»Gegrillten Seeigel mit Knoblauchcreme.«

»Wunderbar und …«

»Dann hätten wir noch gekochten Seeigel, mit Reis und Tomaten gefüllt.«

Plötzlich lachte der Stoccafisso laut heraus, und für eine Sekunde hatte Isabella Lust, mitzulachen. Sie biss sich gerade rechtzeitig auf die Lippen.

»Bringen Sie mir doch bitte von jedem etwas, schöne Isabella. Wenn es nicht zu viel Mühe macht. Und dazu einen ganzen Liter Weißwein. Ich fürchte, den brauche ich.«

Wirklich wahr, der Typ gab sich alle Mühe, witzig zu sein. Und er hatte schöne Isabella gesagt. Na, immer noch besser als Fräulein Isabella.

Mit einem Nicken wandte sie sich ab und schüttelte dabei ihre kupferblonde Mähne über die Schulter.

Als Isabella an der Durchreiche zur Küche ankam, stutzte sie, und die Bestellung blieb ihr im Hals hängen. Direkt vor dem kalten Steinofen standen Kristina und Sandro beieinander – sehr nah beieinander, fand sie. Und etwas an Kristinas Haltung erinnerte Isabella sofort wieder an ihr Gefühl von vorhin. Bevor der Stockfisch hereingekommen war, hatte sie auch schon diese kleine Veränderung wahrgenommen. Jetzt sah sie es wieder. Als ob die Kristina, die sie zeit ihres Lebens kannte, sich plötzlich in eine andere Frau verwandelte, in eine Frau, die ihrem Chef eine Hand auf die Schulter legte, ihn sanft anlächelte und mit leuchtenden Augen betrachtete. Sandro schien das gar nicht zu bemerken. Er schimpfte leise vor sich hin, lehnte dabei entspannt am Ofen und nippte zwischen durch an seinem Glas mit Grappa.

Isabella scheute auf einmal davor zurück, diesen Moment zu zerstören. Was hatte Kristina neulich zu ihr gesagt, als Isabella den Armanimann anhimmelte? »Das ist nicht der Richtige für dich.«

Genau dasselbe hätte sie jetzt Kristina auch gern zugerufen. Doch nicht Papa! Der lebt doch nur in der Vergangenheit. Der behandelt mich immer noch wie eine Zehnjährige, und außerdem – außerdem kann er Mama nicht vergessen. Sie war seine große, seine einzige Liebe.

Aber sie tat natürlich nichts dergleichen. Schaute nur weg, räusperte sich dann laut, wartete, bis Kristina ein wenig von Sandro abgerückt war.

»Der Stoccafisso ist da. Er will dreimal Seeigel.«

Sandro schaute erst sein Glas, dann seine Tochter an. »Bist du übergeschnappt?«

»Nö. Frisch, gegrillt und gekocht. Mit Stacheln, wenn’s geht.«

»Isabella!«

»Frag ihn doch selbst, wenn du mir nicht glaubst.«

»Das werde ich auch.«

Sandro verschwand im Gastraum, und Isabella warf Kristina einen belustigten Blick zu. Aber die schaute zu Boden und wirkte peinlich berührt, wie ein Taschendieb, der auf frischer Tat ertappt worden war.

Drei Minuten später erschien Sandro wieder in der Küche und machte sich am Herd zu schaffen. »Wir beide sprechen uns später«, drohte er Isabella.

Sie dachte gar nicht daran, sich einschüchtern zu lassen. Sie wusste ein Geheimnis, von dem er keine Ahnung hatte, und das gab ihr ein merkwürdiges Machtgefühl.

***

Anderthalb Stunden später verließ Hagen ein wenig blass um die Nasenspitze das Ristorante. Die verdammten Seeigel werden mir die ganze Nacht im Magen liegen, dachte er und rieb sich über den Bauch. Er überlegte, noch eine Runde laufen zu gehen, entschied sich aber dagegen. Mehr als einen ausgedehnten Spaziergang konnte er seinem Verdauungssystem nicht zumuten. Während er durch die Straßen ging, registrierte er die vielen dunklen Gebäude um ihn herum. Als er in dieses Viertel gezogen war, hatte er nicht gleich mitbekommen, wie viele ehemalige Wohnhäuser in Geschäfts- und Büroräume umgewandelt worden waren. Deshalb auch das leere Ristorante, dachte er jetzt. Während der Woche kamen vor allem mittags die Gäste aus den umliegenden Büros oder, wie er, aus der Geschwister-Scholl-Realschule. Aber am Wochenende blieben sie aus. Wie lange konnte ein Lokal wie das Trullo wohl auf diese Weise noch existieren? Hagen war kein Geschäftsmann, aber man brauchte keine große Leuchte zu sein, um zu ahnen, dass Sandro Martini und seine Tochter Isabella nicht lange so weitermachen konnten. Aus Gründen, die Hagen nicht verstand, stimmte ihn diese Aussicht traurig. Schon bald würde er dieses Mädchen mit dem unsäglichen Modegeschmack nicht mehr täglich sehen. Er würde sich nicht mehr über ihr aufbrausendes Temperament ärgern können. Er beschleunigte seinen Schritt, froh darüber, dass er Laufschuhe zu einer leichten Sommerhose trug. Ein bisschen mehr Bewegung würden die Seeigel in seinem Bauch schon vertragen. Wenigstens, dachte er, während er sich das Sakko um die Hüften schlang, wenigstens muss ich dann nicht mehr mit ansehen, wie sie sich dem erstbesten Mann an den Hals wirft, nur weil er einen gutsitzenden Anzug trägt. Hagen schlug die Richtung in den nahen Stadtwald ein. Er wollte jetzt doch richtig laufen. Nur laufen und nicht mehr darüber nachdenken, warum er sich an einem Samstagabend so einsam gefühlt hatte, dass er ins »Trullo« gegangen war, in der Hoffnung, ein paar nette Worte mit Isabella zu wechseln. Ein paar nette Worte – das war ihm wirklich prima gelungen.

Kapitel 4

Am Sonntag hätte das »Trullo« auch geschlossen bleiben können, so wenig gab es zu tun. Mit der neuen Woche kehrten die Stammgäste zum Mittagstisch zurück, und das Personal rückte in voller Stärke an. Um kurz nach drei zog Anna Santos wie gewohnt durch den Gastraum, fegte, wischte und wechselte die Tischdecken. Normalerweise war um diese Zeit nur der Padrone da, alle anderen waren zur Pause gegangen. Aber heute hörte Anna aus der Küche Stimmen und wunderte sich. Sandro und Kristina sprachen da miteinander, und obwohl sie hier vorn im Lokal kein Wort verstehen konnte, bemerkte sie den besorgten Tonfall besonders in Kristinas Stimme. Sandro schien beruhigend auf sie einzusprechen, aber Kristina klang mit jeder Minute aufgeregter.

Anna Santos hatte in ihrem Leben schon viel mitgemacht. Armut, den Neuanfang in Deutschland und vor vielen Jahren den Tod ihres Mannes. Damals war sie dreißig gewesen und musste plötzlich sich und ihre Tochter Morena allein durchbringen. Vierzig Jahre Fabrikarbeit, nebenbei die Putzjobs und nie jemand, der einem zur Seite stand. Oh ja, das Leben hatte sie hart gemacht. Und trotzdem verspürte sie jetzt Angst. Etwas ging im »Trullo« vor sich, das hatte Anna schon lange erkannt. Sie war ja nicht blind. Während sie jetzt einen Staublappen nahm und damit über die niedrigen Deckenlampen fuhr, überlegte sie, was sie anfangen sollte, wenn das Ristorante schließen musste. Mit ihrer Rente würde sie schon irgendwie klarkommen, und Morena lebte heute glücklich in Granada. Aber was sollte sie dann bloß mit ihrer Zeit anfangen? Das war es, was Anna so viel Angst machte. Der Gedanke an die Einsamkeit.

Natürlich hatte sie auch schon überlegt, ob sie irgendetwas tun könnte. Sandro und Isabella waren ihr ans Herz gewachsen, Kristina war wie eine Freundin für sie, und auch die junge Eleni, die nur mittags als Aushilfskraft hier arbeitete, mochte sie gern. Selbst Karl, der Koch, war ein recht angenehmer Zeitgenosse. Wie auch immer, Anna hätte gern geholfen. Aber sie wusste nicht, wie. Weder besaß sie Ersparnisse, noch verfügte sie über das nötige Fachwissen. Aber als sie jetzt hinüber zur Theke schaute und die kauernde Gestalt entdeckte, änderte Anna ihre Meinung. Vielleicht gab es doch etwas, das sie tun konnte.

***