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Essstörung ist eine Erkrankung, die nicht nur den Betroffenen zerstört, sondern auch ganze Familien an den Rand der Verzweiflung bringen kann. Emilly ist ein 15 jähriges Mädchen, das an einer a-typischen Anorexie leidet und deren Familie lange nicht weiß, was ihr eigentlich fehlt. Gegessen hat sie schon immer wenig, aber ihre Eltern empfanden dies als normal. "Unsere Tochter ist ebend ein zartes Kind!" Erst Jahre später wird klar, dass sie nicht nur ein zartes Kind ist, sondern eine ernsthafte Erkrankung hat. Was macht eine solche Diagnose mit einer Familie? Wie geht vorallem eine Mutter damit um, dass ihr Kind krank ist und man ihr die Schuld daran gibt?
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Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Nun bist du da, mein kleines Wunder. Und schon jetzt, so wenige Minuten nach deiner Geburt, hast du einen starken Willen. Um dich ein wenig beim Atmen zu unterstützen, hält dein Papa dir einen Sauerstoffschlauch vor die Nase. Anstatt das du dir das gefallen lässt, kämpfst du mit ihm um diesen Schlauch und versuchst ihn weg zustoßen.
Ich schau dich immer an und wünsche mir, dass dein Leben voller Sonnenschein sein möge und du ohne größere Probleme durchs Leben gehen würdest.
Doch dieser Wunsch erfüllte sich nicht, doch das wusste ich damals noch nicht.
Eigentlich sind wir eine ganz normale Familie, so wie Millionen auch. Es gibt Höhen und Tiefen, wie lieben uns und manchmal gehen wir uns aus dem Weg, weil es Streit und Konflikte gibt. Machen wir als Eltern Fehler? Ganz sicher, denn keiner von uns ist mit einer Gebrauchsanweisung für die Kindererziehung unter dem Arm zur Welt gekommen. Jeder von uns tut täglich sein Bestes um aus seinen Kindern selbständige Menschen zu machen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Oh ja das war und ist auch mein Anspruch.
Kinder wollte ich schon immer. Bereits mit 13 Jahren war mir klar das ich eine Familie gründen wollte. Eigentlich konnte ich es kaum erwarten den Mann meines Lebens kennenzulernen und doch war ich so klar bei Verstand, um mir sicher zu sein das das mit der Familie erst ein Thema werden sollte, wenn ich mir selbst ein eigenes Leben aufgebaut hatte. Ich wollte erst meine Schule beenden und eine Ausbildung machen. Ich wollte einen Job finden und unsere Zukunft sichern. Das hiess erstmal eine Zeit lang arbeiten und das finanzielle etwas festigen.
Das mit der Schule und der Ausbildung klappte auch ganz gut und den Mann fürs Leben fand ich bereits mit 15 Jahren und nach kurzer Zeit war mir auch irgendwie klar das er der Vater meiner Kinder sein würde. Den Job fand ich in Bayern und wohl fühlte ich mich auch dort. Nachdem wir die erste gemeinsame Wohnung bezogen hatten, dauerte es zwei Jahre bis das Thema gemeinsames Kind auftauchte.
Irgendwann nahmen wir es sozusagen in Angriff und 1999 im September war es dann soweit. Du wurdest geboren und unser Glück schien perfekt. Wir hatten ein gesundes Kind und zu diesem Zeitpunkt warst du das auch. “Viel zu lange haben wir gewartet!” Das ist der Vorwurf den ich mir jeden Tag mache, aber was hätte ich ändern können bzw. wie hätte ich wissen können das du eigentlich krank bist? Dünn warst du immer schon. Nach deiner Geburt hast du dich mit dem Trinken etwas schwer getan. Ich war fest entschlossen dich zu stillen, aber so richtig klappen wollte es nicht. Du schliefst den ganzen Tag und wenn ich dich nicht geweckt hätte, so wie die Hebamme gesagt hatte, hättest du den ganzen Tag geschlafen ohne nur einmal etwas zu dir zu nehmen. Wir verpassten keine einzige Vorsorgeuntersuchung und ab dem 6. Lebensmonat, wir waren gerade dabei dich abzustillen, wurde auch dein Gewicht ein Thema. Du warst einfach zu leicht. Aber am Anfang schoben wir es auf die Umstellung deiner Nahrung, aber bald konnte das nicht mehr der Grund sein.
Mit acht Jahren beobachteten wir das erste Mal gezielt das du das Essen dazu benutztest Aufmerksamkeit zu erlangen. Ich machte mir echt Sorgen, denn immer wieder wurde mir von anderen gesagt das du sehr mager wirktest. Also wurde ich bei deinem Kinderarzt vorstellig
Und wieder sagte sie mir: “Machen sie sich keine Sorgen. Das mit dem Gewicht ihrer Tochter gibt sich schon wieder. Kontrollieren sie nicht was sie isst und reden sie nicht mit ihr über das Essen. Dann wird das schon wieder. Wir stellen einfach ein paar Regeln auf, dann klappt das schon, denn für eine Magersucht ist sie noch zu jung.” Ich fragte nach “Was für Regeln sollen das denn sein?”
“Nun ja machen sie es einfach so das Emilly sich mit an den Tisch setzten muss, wenn sie essen, egal ob sie selbst was isst oder nicht. Was sie sich nimmt muss sie essen und Süßigkeiten gibt es dann aber auch nicht. Und schauen sie nicht nach was sie in der Schule gegessen hat oder ob sie überhaupt gegessen hat.”
So richtig konnte ich nicht glauben das dies funktionieren sollte. Aber wie sollte ich daran zweifeln das es richtig war. Es war schließlich ein Arzt der mir diese Tipps gab und wem sollte ich denn sonst vertrauen wenn nicht ihr. Also glaubte ich das alles wieder gut wird. Aber nichts wurde wieder gut. Ok eine zeitlang funktionierten diese Tipps, aber lange hielt es nicht an. Und wieder standen wir vor dem Problem, das du nicht zunahmst und wenn du mal krank wurdest warst du im Anschluss daran noch dünner wie vorher. Es war meine Schwester die mich immer wieder darauf aufmerksam machte das du so dünn seist. Immer wieder hörte ich “Mija du musst etwas unternehmen. Emilly sieht aus wie verhungert.” Auch in der Öffentlichkeit schaute man dir unverholen hinterher und tuschelte hinter vorgehaltener Hand. Dir schien es nichts auszumachen, obwohl du dich ganz oft darüber ärgertest das selbst Erwachsene immer wieder zu dir sagten: “Hier nimm zwei Stück Schokolade, damit was auf dich drauf kommt!” Aber geändert hat selbst das nichts. Du verweigertest trotzdem das Essen oder wenn du aßt dann sehr wenig. Aber jemals auf die Idee zu kommen das es eine beginnende Magersucht ist, das war weit entfernt. Ich verschwendete nicht einen kleinen Gedanken daran das das was du tust krankhaft sei.
Du warst mitlerweile 12 Jahre alt und es wurde und wurde nicht besser. So langsam hätte bei dir sowas wie eine körperliche Pubertät einsetzen müssen, aber nichts. Also ging ich mal wieder zu einem Arzt mit dir. Es war mein Hausarzt, so ein typischer Landarzt und ich hatte die Hoffnung das er mir helfen würde und nicht alles wieder irgendwie beschönigt wie deine Kinderärztin. Er schickte uns in die Kinderklinik und bat darum mal die Schilddrüse zu untersuchen. Das wurde auch gemacht und ich musste viele Fragen beantworten und es war dieser Arzt dort der das erste Mal “Fütterstörung” in den Mund nahm. Zu Hause angekommen habe ich es gegooglet. Oh mein Gott ich konnt es nicht fassen. Ich dachte echt was da steht wurde aufgrund des Verhaltens meiner Tochter verfasst. Genau das was da stand warst du. Auch du begannst zu brüllen, wenn es ans essen ging,ich rannte teilweise mit dem Essen hinter dir her. Also wurde etwas übersehen. Jetzt musste ich mir doch Gedanken, ernsthafte Gedanken machen, denn deine Schilddrüse war ok und auch sonst warst du körperlich gesund.
Man schlug mir einen Arzt in der Nähe vor, einen Psychiater, der sich mit Essstörungen auskannte und meinte das psychologische Betreuung auch ganz gut wäre. War das wirklich nötig? Irgendwann musste aber auch ich mir eingestehen das es nicht normal ist, das du ein kleines Stück Brot abbeisst und dann eine gefühlte halbe Stunde darauf herum kaust und dann satt bist. Zu diesem Zeitpunkt waren wir aber bereits in ärztlicher Behandlung und diesmal war es jemand der sofort erkannte das du eine Essstörung hast. Er machte dir klar das es gefährlich werden kann, wenn du zu wenig isst. In einer Sprechstunde, es kommt mir vor als wäre es gestern, sagte er dir: “Emilly, wenn dein Körper zu wenig Nährstoffe bekommt, dann kann er nicht mehr deine Organe versorgen. Es kann dann passieren das dein Herz krank wird oder deine Nieren versagen.”
Ich dachte noch so bei mir:; Mann starker Toback!; aber er hatte ja Recht und eigentlich fand ich es auch gut, das er es dir klar machte. Er war es auch der das erste Mal die Worte “stationärer Aufenthalt” in den Mund nahm.
Nach dieser Sprechstunde brachst du in Tränen aus: “Mama ich habe Angst zu sterben!” “Wieso das denn?” “Naja er hat doch gesagt das meine Nieren kaputt gehen können und da kann man ja dran sterben!” Ich konnte dich beruhigen und sagte dir das das nicht einfach so passiert, da werden vorher Symptome auftreten auf die wir dann reagieren werden und dir helfen würden. Ich machte dir aber auch klar das du allein etwas daran ändern kann und das es nicht so weit kommen muss. Ich hatte die Hoffnung das diese Ansprache eventuell bei dir etwas ausgelöst hat was dich veranlassen würde etwas an deinem Essverhalten zu ändern. Doch dem war nicht so. Weihnachten 2011 verbrachten wir bei deiner Tante Lisa und Mia. Zu Nikolaus hattest du genauso wie dein Bruder einen Schokibeutel bekommen und an Weihnachten gab es auch noch Süßigkeiten. Irgendwann fiel mir auf das du sowohl von den Nikolaussachen wie auch von den
Weihnachtssüßigkeiten fast nichts gegessen hattest und das war selbst für dich ungewöhnlich, denn Süßigkeiten gingen immer. Dann war da noch die Sache mit dem Brot was du nicht aufaßt, sondern nur so vor dich hinknabbertest. Und da waren auch noch die bunten Nudeln die du normalerweise immer gern gegessen hast und plötzlich schmeckte jede Nudel anders und du weigertest dich das zu essen. Je mehr Tante Lisa auf dich einredete um so mehr verweigertest du. Ich sagte schon lange nichts mehr, weil ich wusste was dann passiert. So manche Diskussion führte ich mit meiner Schwester, aber zu einem Ergebnis kamen wir nie. Das einzige was ich wußte war, das sich dein Verhalten verschlechtert hatte und das es nicht so weitergehen konnte.
Deshalb kamen wir an der Klinik nicht mehr vorbei. Ich musste mir eingestehen das meine und die Kraft der ganzen Familie am Ende ist. Ich habe immer wieder versucht dir zu helfen aber es hat nichts gebracht. Keiner von uns wusste mehr was wir anders machen könnten und wie wir dich dazu bringen können zu essen. Wir waren es langsam leid immer wieder das Essen zum Thema machen zu müssen und uns von anderen Leuten anhören zu müssen was wir in deren Augen nicht alles falsch machen würden und was wir ändern sollten. Verdammt was wussten die denn schon! Ich hatte schon lange den Verdacht das du uns belügst, denn in der Schule konnten wir natürlich nicht kontrollieren was du zu dir nahmst und wenn du mir die Brotzeit wieder mit nach Hause brachtest und sagtest du hättest etwas von einer Freundin abbekommen,Brezel oder so, wie sollte ich beweisen ob es stimmt oder nicht. Klar hatte ich meine Zweifel und hinterfragte ständig ob du die Wahrheit sagts oder nicht,das Gegenteil konnte ich aber auch nicht nachweisen. Stattdessen maßregelte ich mich selbst und haderte mit mir. Ich dachte ständig wieso ich dir nicht vertraute und dir nicht glaubte. Wie sollte ich dir zeigen das du mir vertrauen kannst, wenn ich dir nicht vertraue? Es war echt zum Verzweifeln.
Und dann war es soweit. Wir hatten einen Termin in einer Klinik in unserer Nähe. Du warst sehr gespannt auf diese Station und du freutest dich darauf sie zu besichtigen.
Die Oberärztin empfing uns und erklärte wie der Ablauf hier sei. “Die Kinder die hier sind haben die unterschiedlichsten Probleme unter anderem eben auch Essstörungen. Du darfst jedes Wochenende nach Hause vorrausgesetzt du schaffst deine vorgegebene Gewichtszunahme. Das wären in deinem Fall 300 Gramm die Woche. Solltest du es nicht schaffen dann musst du leider das Wochenende auf Station verbringen.”
Sie erkundigte sich auch nach deiner Vorgeschichte. Eine Frage war: “Können sie festmachen ab wann dieses Problem das erste Mal auftrat?” Ich musste nicht lange überlegen: “Es begann mit einem halben Jahr, genau mit der Abstillphase. Von da an traten die Essprobleme auf. Heute ist sie 12 und es ändert sich nichts. Es gibt mal Phasen wo es besser ist aber dann wieder isst sie schlecht.”
Die Ärztin machte mir klar das der Aufenthalt zwischen 4 und 6 Monaten sei, aber auch länger sein kann. Je nach dem wie gut Emilly mitmacht. Du ließt dich selbst auf die Warteliste setzen und warst überzeugt, das es das Richtige für dich ist.”
Auf dem Heimweg viel mir dann alles wieder ein.
Du warst gerade 6 Monate alt. Wir hatten es uns auf der Couch gemütlich gemacht. Ich hatte immer meine Beine angwinkelt und du hast an meine Oberschenke gelehnt auf meinem Schoß gesessen. Ich aß eine Banane und deine kleinen Finger griffen immer wieder danach bis du es geschafft hattest mir ein Stück zu mopsen. Du schautest sie an und begannst sie genüsslich zu essen. Sofort dachte ich an die Worte der Hebamme im Geburtsvorbereitungskurses: “Wenn das Kind beginnt allein zu essen dann reicht die Muttermilch nicht mehr und es ist Zeit abzustillen.” Also dachte ichmir es ist nun soweit, Emilly ißt eine Banane also benötigt sie mehr. In den nächsten Tagen begann ich dann Brei zu kochen. Und damit fing das Dilemma so richtig an. Du aßt zwar aber es war wirklich nicht sehr viel, auch das was ich selbst kochte landete nicht alles in deinem Magen. Das einzige was dir wirklich schmeckte war ein Nudelgericht aus dem Gläschen. Doch ich konnte dir doch nicht ständig dieses Gläschen füttern. Dann warst du ca. ein Jahr alt und wir hatten die Breiphase hinter uns. Du bekamst jetzt z.B. Brot zum Abendessen. Doch die Probleme wurden nicht weniger.
Einige Abende liefen sehr ruhig ab und du aßt das was wir gemeinsam mit dir ausgesucht hatten, Brot mit deiner Lieblingswurst oder dem Lieblingskäse. Aber an anderen Abenden wieder hatten wir nur Geschrei und Gezeter. Schon wenn es hieß das wir jetzt essen begannst du zu schreien und hast dichso gesperrt das ich dich in dein Bett setzte und dir sagte: “Wenn du dich beruhigt hast hole ich dich wieder!” Du tobtest dich aus und dann plötzlich ging es. Vor dir standen immer zwei Schüsselchen, eins mit Brot, kleingeschnitten, und eines mit irgendeinem Obst oder Gemüse. Wir spielten dann immer einmal vom Brot einmal aus der anderen Schüssel essen. Oder wir spielten das allseits bekannte Spiel: Eins für Mama, eins für Papa etc. Mit acht Jahren benutztest du dieses Verhalten als Machtspiel, weil du der Meinung warst du bekämst zu wenig Aufmerksamkeit, was nicht so war, und du wusstest genau das du mit der Essensverweigerung unsere Aufmerksamkeit bekommst.
Wir mussten über 4 Wochen warten und du wurdest von Woche zu Woche ungeduldiger. Immer wieder hörte ich dich sagen: “Mann die 4 Wochen sind jetzt fast um und die haben sich noch immer nicht gemeldet. Jetzt wird es echt langsam mal Zeit!”
“Jetzt hab doch ein wenig Geduld!”, beruhigte ich dich immer wieder, “Du bist sicher nicht die Einzige die auf der Warteliste steht und wer vor dir ist kommt auch zuerst dran.”
Vor deiner Einweisung mussten noch viele Dinge geregelt werden. Unter anderm musste dein Lehrer darüber informiert werden das geplant war das du in eine Klinik gehst.
Mann musste ich mir Dinge anhören: “Also ich als Pädagoge erachte es als nicht gut wenn man das Kind aus seiner Umgebung reisst und das für so viele Monate. Da gibt es sicher eine andere Lösung, sowas wie ambulante Behandlung.” “Wir haben leider keine andere Wahl mehr, wir sind in ambulanter Behandlung und es ändert sich nichts und wir können diese Aufgabe einfach nicht mehr stemmen.
Wir sind mit unseren Kräften am Ende.”
Aber irgendwie fruchtete das alles nicht. Bei einem zweiten Gespräch, an dem dein Papa teilnahm verhielt sich dein Lehrer plötzlich sehr einsichtig und hatte nichts mehr gegen deinen Klinikaufenthalt.
Ich war nur noch entsetzt. Jeder wollte mir erklären was ich anders oder sogar besser machen könnte. Keiner von diesen Klugscheißern kann sich aber wirklich in meine Lage versetzen. Wir sind es doch die mit deinen Problemen leben müssen und wir sind es die jeden Tag mehr verzweifeln, weil wir nicht wissen wie wir dir helfen können. Irgendwie hatte ich irgendwann das Gefühl als Mutter versagt zu haben. Was hatte ich nur falsch gemacht, wieso kannst du nicht essen? Sich das einzugestehen,das man keine Kraft mehr hat dem eigenen Kind zu helfen ist sehr schwer. Man will doch als Mutter immer alles richtig machen und immer nur das Beste für sein Kind. Und ich konnte das nicht mehr.
Dann kam der 8.März 2012, der Tag deiner Einweisung in die Klinik. Also Koffer packen. Du warst ganz schön aufgeregt, denn nun ging es endlich los. Keinem von uns war zu diesem Zeitpunkt klar, wieviel Tränen und wieviel Kummer es noch geben wird. Vorallem wußte keiner so recht wie lang dieser Weg werden würde. War vielleicht auch gut so. Dein Papa hatte extra Urlaub für diesen Tag genommen und ich durfte mit Erlaubnis meiner Chefin Paula meinen Frühdienst bereits um 8:30 Uhr statt um 9:00 Uhr beenden. Ich war sehr dankbar dafür. Sie sollte mir mehr als einmal helfen, auch Anna.
Am Morgen hast du dich noch von deinem Bruder verabschiedet, denn er musste in die Schule gehen. Eigentlich hättest du ja ausschlafen können, aber bereits um sieben Uhr standes du auf der Matte.” Wieso schläfst du nicht mehr? Du musst doch nicht so früh aufstehen!” “Ach Mama ich konnte einfach nicht mehr schlafen, bin einfach zu aufgeregt und zu gespannt.” Ich sagte: “Schon komisch was, da warst du 4 Wochen lang total ungeduldig und jetzt wo es losgeht ist einem total mulmig.”
Irgenwann gegen 10:00 Uhr waren wir dann in der Klinik. Wir mussten dich natürlich offiziell anmelden. Um die Stimmung etwas aufzulockern sagte ich auf die Frage, die an dich gerichtet wurde,ob du verheiratet seist: “Sag die Wahrheit los. “Du lachtest und meintest du seist ja noch viel zu jung um verheiratet zu sein.
Auf Station empfing uns Frau D. und Frau J.. Frau D. sollte deine behandelnde Ärztin werden und Frau J. wurde deine Bezugsbetreuerin. Ich sah beide Frauen an und dachte mir so:; Oh Frau D. scheint ja sehr nett zu sein, aber Frau J. sieht ganz schön streng aus.;
Es fand die offizielle Aufnahme statt. Nach der Zeit die bereits vergangen ist kann ich mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern, aber ich weiss noch das mir der stechende Blick von Frau J. nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich fragte nich die ganze Zeit wieso sie mich ständig so musterte. Es war mir teilweise echt unangenehm. Und plötzlich war sie wieder da, meine Unsicherheit. Wieder diese Stimme im Kopf die sich ständig fragte: “Was wird sie wohl von uns und unserer Familie denken? Denk sie auch, schau mal das dünne Mädchen und die fette Mutter an.” Ich musste diese Stimme einfach verdrängen, denn hier ging es um unser Kind.
Ich glaube mich zu erinnern, das ich zum gefühlten tausenden Mal deine Geschichte erzählen musste. Du wurdest auch die verschiedensten Dinge gefragt. Uns erzählte man das du bereits am Wochenende wieder nach Hause kannst. Wir könnten dich am Samstag ab 9:00 Uhr abholen und am Sonntag bis 19:00 Uhr wieder zurückbringen. Ich spürte deine Angst bereits da. Dir wurde plötzlich bewußt, das es jetzt kein Zurück mehr gab. Also sagte ich dir: “Na schau mal nur zweimal schlafen und wir sehen uns wieder.”
Ich weiss nicht mehr wie lange diese ganze Prozedur gedauert hat, aber irgendwann waren die Fragen beendet und dir wurde dein Zimmer gezeigt. Du schautest mich mit großen traurigen Augen an und meintest angstvoll zu mir: “Du hilfst mir doch noch beim Koffer auspacken?” “Das weiss ich nicht, aber bestimmt!”
Uns wurden noch die Räumlichkeiten der Station gezeigt und dann kam der Abschied immer näher. Alles in mir zog sich zusammen, denn mir wurde nun bewußt, das wars nun. Jetzt muss ich dich hier lassen. Wir sollten uns von einander verabschieden. Du sahst mich an und in deinen Augen waren Tränen zu sehen: “Du wolltest mir doch beim Auspacken helfen?” Ich schaute völlig hilflos Frau D. an. Sie gab mir zu verstehen, je länger wir bleiben und den Abschied herrauszögern umso schwerer wird es letztenendes. Zu dir sagte sie: “Weisst du Emilly dabei kann dir die Bezugsbetreuerin helfen! Jetzt sagst du der Mama und dem Papa tschüß und in zwei Tagen seht ihr euch ja schon wieder. Und am Nachmittag geht es auf einen Ausflug.”
Du fielst uns um den Hals und am Liebsten hätte ich dich nie mehr losgelassen, doch ich wusste ja wofür wir das alles, diese Trauer und den Schmerz, durchmachten. Wir hofften alle das es bald besser sein würde und man dir hier hilft. Ich hatte große Mühe mir meine Tränen zu verkneifen. Aber ich wollte es dir nicht noch schwerer machen als es eh schon war. Doch kaum war die Staionstür hinter mir geschlossen, brach es aus mir herraus. Ich rutschte an einer Wand nach unten und brach in Tränen aus. Dein Papa nahm mich in den Arm und versuchte mich zun trösten. Nur leider gelang das nicht so. Ich war einfach nur traurig und ich glaubte das es nie anders sein würde. Sie hatten mir einfach meine Tochter genommen und die Vernunft das es das Beste sei war in diesem Moment nicht wichtig. Es tat einfach nur weh. Wie genau ich heimgekommen bin, keine Ahnung. Irgendwie mechanisch. Da sieht man mal wieder, wenn man einmal Auto fahren gelernt hat, dann kann man es automatisch. Es lenkte mich natürlich auch von meinem Kummer ab, denn ich musste mich ja auf die Straße konzentrieren. Daheim wartete ja noch ein Kind.
Daheim. Ja daheim war plötzlich alles anders. Es gab jetzt nur noch ein Kind und wie automtisch schaute ich auf die Uhr. Es war kurz nach eins und ich dachte, jetzt kommt gleich Emilly heim. Aber du kamst ja nicht heim. Ich wußte ja nur zweimal schlafen und du wärst fürs Wochenende zu Hause. Trotzdem war es komisch das du nicht da warst und das erste Mal vermisste ich die Streitereien zwischen dir und deinem Bruder, die Zickereien und die gelegentlichen Wutausbrüche. Nun sollte ich also einen Tagesablauf mit nur einem Kind gestalten.
Endlich war Samstag und wir konnten dich übers Wochenende nach Hause holen. Die ersten paar Mal machten wir Ausflüge, wir waren im Botanischen Garten und haben noch andere Sachen gemacht an die ich mich nicht meht so genau erinnern kann.
Aber es war immer lustig und du hast dich eigentlich weitgehends um dein Essen selbst gekümmert. Du benötigtest aber immer die Rückversicherung ob du ausreichend gegessen hattest. Wir mussten lernen in dem Moment wo wir das Haus verlassen um irgendwohin zu fahren immer etwas zu essen mitzunehmen, damit du deine Mahlzeiten einhalten kannst. Am Anfang nahmst du richtig gut zu und du warst richtig stolz auf dich selbst und wir waren es auch.
Es tat dir so gut und wir hatten das Gefühl alles richtig gemacht zu haben. Irgendwann kam aber dann die schlechten Phasen und dein Gwicht fiel anstatt zu steigen. Zweimal standest du kurz vor einer Sonde, schafftest aber dich selbst wieder nach oben zu kämpfen. Irgendwann wurde ein Mädchen aufgenommen, welches dann irgendwann auch eine Sonde bekam. Du interessiertest dich für meine Begriffe zu sehr dafür und ich mahnte dich immer wieder das du dieses Teil nicht brauchst. Du bekamst auch eine neue Zimmernachbarin, nachdem deine vorherige entlassen wurde. Du sahst Einige Kommen und Gehen und es gab auch manche Träne. Wie gesagt, die neue Zimmernachbarin kam und genau in einer Phase in der das Essen nicht so gut lief bekam sie eine Sonde. Ich dachte noch “Nein bítte nicht die Zimmernachbarin!” Mein Flehen wurde nicht erhört!
Regelmäßig fanden Elterngespräche statt. Sie dienten dazu, uns als Eltern auf den neusten Stand zu bringen und zum Erfahrungsaustausch. Wir erfuhren viel über deine Krankheit die dort unter Bezeichnung “A-Typische Eßstörung” vermerkt war. Diese Gespräche bestritt ich meist allein, weil Papa arbeitet. Er war aber stehts genauso informiert wie ich, denn ich gab alles sofort an ihn weiter. Manchmal war auch Chris dabei und es gefiel ihm ganz gut, denn er fand immer Jemanden der mit ihm Kicker oder Tischtennis spielte. Manchmal sagte er: “Ich würde auch gern dort sein, die haben so tolle Sachen da!” An ein Elterngespräch erinner ich mich noch ziemlich gut. Es war der 25.06.12. Es war das schrecklichste Gespräch was ich bisher hatte. Die Gespräche waren nie sehr leicht, aber das hatte mich schon ganz schön mitgenommen. Es begann wie alle Gespräche mit der Frage wie es uns so geht und wie es daheim mit dem Essen klappt. Ich konnte nur sagen das es bei uns daheim eigentlich sehr gut funktioniert und du eigenverantwortlich deine Mahlzeiten einnimmst und nur ab und an die Rückversicherung benötigst ob eine Portion die du dir selbst nimmst ausreichend ist. Dann wurdest du dazu gerufen. Du erzähltest das es im Augenblick nicht ganz so gut läuft. Du wurdest nach deinen Plänen deiner Zukunft gefragt und ich war erstaunt wie genau du wußtest was du wolltest. Du sagtest: “Ich möchte gesund werden, eine Ausbildung machen, heiraten und Kinder haben.” “Was möchtest du denn werden?”, wurdest du gefragt. “Tierpflegerin!” Auf die Frage welche Gedanken du manchmal hast sagtest du: “Ich denk schon manchmal wenn ich das jetzt esse dann werd ich fett.” Ich war geschockt. Dann tätigtest du Äußerungen die mir nicht mehr so genau im Gedächtnis sind, aber ich weiss noch das sie sehr heftig waren und mir schier den Atem stocken ließen und die Tränen in die Augen trieben. Ich war fertig mit der Welt und hatte das Gefühl dich eigentlich nicht wirklich zu kennen. Hatte ich wirklich so versagt? War es vielleicht doch meine Schuld, das du diese Problme hast? Die Frage wer an deiner Situation Schuld hat ließ mich nicht mehr los.
Doch immer wieder sah ich ja das es an meiner Essensversorgung für meine Kinder nicht liegen konnte, denn Chris ist ja normalgewichtig. Vielleicht hattest du doch einen Frütterstörung mit 6 Monaten und die wurde nicht erkannt. Vielleicht hätte man dir damals helfen können und uns wäre das Alles erspart geblieben. Also hatte die Kinderärztin Schuld. Es war mir wichtig irgendjemanden die Schuld zu geben, denn ich brauchte jemanden auf den ich Wut haben konnte. Nach dem Elterngespräch musste ich sofort nach Hause, denn auf Station war Mittagessen angesagt. Du warst traurig und verzweifelt. Du fingst sofort an zu weinen und der Abschied viel dir schwer, aber nicht nur dir. Ich hatte das Gefühl herzlos zu sein und dich im Stich zu lassen. aber dein Bruder war ja zwischenzeitlich auch nach Hause gekommen und brauchte etwas zu essen und seine Hausaufgaben mussten wir auch noch erledigen. Auf der Heimfahrt liefen mir haltlos die Tränen und das auch noch während der Autofahrt. Ich musste mich echt zusammenreissen, denn ich sah ja fast nichts mehr vor lauter Tränen. Ich wollte doch nicht gegen den nächsten Baum fahren. Ich machte mir auch die nächsten Tage immer wieder Vorwürfe und glaubte das ich wirklich versagt hatte und dich nicht wirklich kennen würde. Was war ich nur für eine Mutter? Ich suchte Hilfe bei Anna und Paula. Es tat so gut jemanden zu haben der einem einfach nur zuhört und nicht so blöde Ratschläge gibt. Alle anderen wollten mir immer sagen was besser wäre oder wie man was anders machen könnte. Diese Ratschläge konnte ich nicht gebrauchen und auch nicht das Gefühl das man der Meinung sei ich
