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Und plötzlich war da dieser Verkehrsunfall. Von dem einen Tag auf den anderen war nichts mehr, wie es einmal war: Ein fünfjähriges Mädchen wird angefahren und ist plötzlich wieder so pflegebedürftig wie als Neugeborenes. Das damalige Unfallopfer erzählt aus seinem bisherigen Leben, was der Unfall für sie und ihre Familie für Folgen hatte, und versucht, ihre Sicht auf das Leben zu vermitteln, um dem Leser die Möglichkeit zu geben, die Welt der Behinderten besser zu verstehen. So groß sind die Unterschiede letztlich nicht, denn abgesehen von den Einschränkungen haben Behinderte dieselben Probleme wie alle anderen auch, nur dass es für sie schwieriger ist, sie zu meistern. Die Autorin hat es geschafft, trotz ihrer schwerwiegenden Diagnose und den daraus resultierenden Einschränkungen ein weitestgehend normales Leben zu führen. Sie schildert den Weg dorthin und was es für sie bedeutet, das geschafft zu haben.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Franziska Steinfeld
Zwei Tage
Copyright: © 2022 Franziska Steinfeld
Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Umschlag & Satz: Erik Kinting
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
Softcover
978-3-347-60076-8
Hardcover
978-3-347-60077-5
E-Book
978-3-347-60078-2
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Namen wurden zum Schutz der Beteiligten geändert.
Vorwort
Ich bin 22 Jahre alt und definitiv nicht das Mädchen von nebenan, das eine perfekte Kindheit hatte. Im Alter von fünf Jahren erlitt ich einen schweren Verkehrsunfall. Hinter mir liegen schwierige Zeiten, in denen ich teilweise um mein Leben bangen musste. Ich möchte dich mit diesem Buch in meine Welt eintauchen lassen, um zu versuchen, dir eine andere Sichtweise gegenüber behinderten Menschen mit auf den Weg zu geben.
Ich bin ein humorvoller, freundlicher Mensch, hilfsbereit und habe immer ein offenes Ohr für Familie, Freunde und Arbeitskolleg*innen. Und ich bin behindert. Mir ist wichtig klarzustellen, dass eine Behinderung einen Menschen nicht automatisch zu einer Belastung macht. Viele Qualifikationen, die ein gesundheitlich eingeschränkter Mensch vorzuweisen hat, sind ein Gewinn für die Gesellschaft. In vielen Fällen lohnt sich ein zweiter Blick auf die Dinge.
Im Verlaufe dieses Buches erfährst du einiges über mich, mein Leben und meine Familie. Es kann gut sein, dass du irgendwann nicht mehr weiterlesen möchtest, weil es dir zu sehr an die Nieren geht, aber keine Sorge, die Geschichte geht gut aus. Wenn ich das leben konnte, kannst du es lesen.
Rückblick
Ich habe mich aus dem Rollstuhl in ein fast normales Leben zurückgekämpft. Wenn ich anderen Menschen von meiner Geschichte erzähle, können sie es mir kaum glauben, da man mir das inzwischen nicht mehr ansieht.
Es war der 27.04.2005. Gegen 16:30 Uhr kehrten mein Vater, meine vier Jahre ältere Schwester und ich, damals fünf Jahre alt, vom Einkaufen zurück. Wir parkten das Auto in der Garage und gingen mit dem Einkauf zur Wohnung. Die Hauptstraße, die dabei zu überqueren war, war aufgrund des Feierabendverkehrs sehr stark befahren. Wir blieben an der sich mittig befindenden Verkehrsinsel stehen und warteten gemeinsam darauf, dass die Ampel auf Grün sprang. Als das passierte, rannte ich auf die Straße, es war ja Grün …
An diesem Tag war es jedoch leider ganz anders als sonst: Ein Pkw fuhr über die rote Ampel und erwischte mich frontal. Durch den Aufprall wurde ich mehrere Meter durch die Luft geschleudert und schwer verletzt. Die komplette rechte Körperseite wurde getroffen, das rechte Bein stand hoch – es sah so aus, als ob ich den Unfall nicht überleben würde.
Glücklicherweise war eine Krankenschwester in der Nähe, die Erste Hilfe leistet und sich um alles kümmerte. Sie schnitt mir die Kleidung von oben nach unten auf, um zügig an mein Herz zu kommen, denn ich musste reanimiert werden.
Im Krankenhaus lauteten die ersten Diagnosen:
• schweres Polytrauma
• Schädelhirntrauma mit Marklagerblutung links, Stammganglienkontusion rechts und okzipitaler Schädelfraktur
• Begleitverletzungen (u. a. Lungenkontusion und Aspiration rechts, Oberschenkelfraktur rechts, Klavikularfraktur rechts mit Schulterluxation)
Später wurde das dann noch erweitert:
• frühes Komaremissionsstadium mit vegetativen Reaktionen, stark eingeschränkter Belastbarkeit und fehlender Orientierung
• Schluckstörung (darum wurde ich zunächst über eine nasogastrale Sonde ernährt)
• Faziale Parese rechts
• beinbetonte und rechtsbetonte spastische Tetraparese
• Verlust der Geh- und Stehfähigkeit
• linksbetonte Ataxie im Rumpf und in den Extremitäten
• Anarthrie, später Dysarthrophonie und sprachsystematische Störung
• schweres posttraumatisches hirnorganisches Psychosyndrom mit neuropsychologischen Defiziten
Infolge der schweren Verletzungen mussten sechs Operationen durchgeführt werden. Die erste erfolgte noch am gleichen Tag die restlichen fünf dann in monatlichen Abständen.
Nach der Erstdiagnose wurden folgende Medikamente verabreicht:
• Laxoberal
• Musaril
• Clonidin
Heute kann ich zu meinem Glück sagen, dass ich an keine Medikamente gebunden bin. Das Einzige, was ich nehmen muss, sind Vitamine in Form von Tabletten und das auch nur in der Winterzeit.
Die ersten zwei Tage nach dem Schicksalsschlag waren entscheidend, ob ich den Unfall überleben würde oder nicht. Zwei Tage, in denen meine Eltern um mein Leben bangen mussten. Als klar war, dass ich eine Chance hatte, wurde ich in ein künstliches Koma versetzt. Die Dauer war anfangs noch ungewiss.
Während ich im Koma lag, bekam ich oft Besuch von meiner Familie. Meine Oma kam des Öfteren mit, sprach mit mir, nahm meine Hand und achtete auf Reaktionen meinerseits. Die Ärzte waren der Meinung, ich würde nichts mitbekommen, dem war aber nicht so.
