Zwischen den Welten - Suleika Jaouad - E-Book

Zwischen den Welten E-Book

Suleika Jaouad

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Beschreibung

Mit 22 wollte Suleika Jaouad die Welt erobern. Sie war verliebt und nach Paris gegangen, um als Kriegsreporterin zu arbeiten. Doch mit einem Mal fand sie sich auf einem ganz anderen Schlachtfeld wieder. Es fing mit einem Jucken im Bein an, dann kamen sechsstündige Nickerchen und bodenlose Erschöpfung. Die Diagnose: Leukämie. Urplötzlich löste sich Suleikas Leben in Rauch auf, und die nächsten vier Jahre verbrachte sie im Krankenhaus, ließ Chemotherapien und eine Knochenmarkspende über sich ergehen. Den Kampf um ihr Leben dokumentierte sie in der preisgekrönten New York Times-Kolumne „Life Interrupted“. Nach 1.500 Tagen galt sie als geheilt. Doch wie sollte sie es schaffen, wieder in die Welt zurückzukehren, die sie verlassen hatte? Wie zurückerobern, was verloren gegangen war? Zusammen mit ihrem Terrier Oscar unternahm Suleika einen Roadtrip durch die USA. Was sie unterwegs und in der Begegnung mit anderen Menschen lernte, empfand sie als das größte Lebensgeschenk. Denn die Grenze zwischen gesund und krank ist für uns alle durchlässig, und die meisten werden zeit ihres Lebens zwischen diesen beiden Königreichen hin und her pendeln. Suleikas Geschichte ist die bewegende Chronik eines Überlebenskampfes – und eine Liebeserklärung an die Kraft und Magie des Neubeginns.

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Seitenzahl: 573

Veröffentlichungsjahr: 2021

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»Die größte Herausforderung kam nach dem Krebs. Ich war nicht mehr krank, aber gesund war ich auch nicht. Wie finde ich zurück in mein Leben, das so abrupt unterbrochen wurde?« Suleika Jaouad

Autorin

Suleika Jaouoad ist Emmy-Preisträgerin, Autorin, Vortragsrednerin, Krebsüberlebende und Aktivistin. Sie arbeitete in Barack Obamas President’s Cancer Panel, ihre Advocacy-Arbeit, Reportagen und Vorträge führten sie vor die United Nations, ins Kapitol und auf die TED-Hauptbühne. Wenn sie nicht mit ihrem VW-Bus Baujahr 1972 und ihrem Hund Oscar unterwegs ist, lebt sie in Brooklyn.

Suleikajaouad.com

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Twitter: @suleikajaouad

Instagram: @suleikajaouad

Buch

VON EINEM LEBEN, DAS ABRUPT UNTERBROCHEN WORDEN WAR

Mit 22 wollte Suleika Jaouad die Welt erobern, sie war verliebt und als Kriegsreporterin nach Paris gegangen. Doch plötzlich fand sie sich auf einem ganz anderen Schlachtfeld wieder: Erst ein Jucken im Bein, dann ständige bleierne Müdigkeit und bodenlose Erschöpfung. Die Diagnose: Leukämie. Suleikas Leben löste sich in Rauch auf, und die nächsten vier Jahre verbrachte sie im Krankenhaus. Nach 1.500 Tagen galt sie als geheilt. Doch wie sollte sie es schaffen, wieder in die Welt zurückzukehren, die sie verlassen hatte? Wie zurückerobern, was verloren gegangen war?

Zusammen mit ihrem Terrier Oscar unternahm Suleika einen Roadtrip durch die USA. Was sie unterwegs und in der Begegnung mit anderen Menschen erlebte, war für sie das größte Geschenk. Denn sie lernte vor allem eines: Die Grenze zwischen gesund und krank ist absolut durchlässig, jeder von uns pendelt in seinem Leben unablässig zwischen diesen beiden Welten hin und her. Suleikas Geschichte ist die bewegende Chronik eines Überlebenskampfes – und eine Liebeserklärung an die Kraft und Magie des Neubeginns.

SULEIKA JAOUAD

Zwischen den Welten

Was mich die Begegnung mit dem Tod über das Leben lehrte

Aus dem Englischen von Elke Link

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Between Two Kingdoms: A Memoir of a Life Interrupted« bei Random House, an imprint and division of Penguin Random House LLC, New York.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstausgabe Oktober 2021

Copyright © 2021 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur GmbH, München, in Anlehnung an die Gestaltung der Originalausgabe von © Jo Anne Metsch und unter Verwendung eines Fotos von Suleika Jaouad © Daniel Schechner

Redaktion: Antje Steinhäuser

DF | Herstellung: CF

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-19798-8V001

www.goldmann-verlag.de

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Für Melissa Carroll und Max Ritvo – ohne die es dieses Buch nicht geben würde.

Und für alle anderen, die den Fluss zu früh überquert haben.

Solang einer nicht gestorben ist, so lange hat er’s Leben.

– MIGUELDECERVANTES

INHALT

Vorbemerkung der Autorin

Teil Eins

1 DAS JUCKEN

2 MÉTRO, BOULOT, DODO

3 EIERSCHALEN

4 FLUG DURCHS ALL, WEG VON DER ERDE

5 IN DEN STAATEN

6 DIE SPALTUNG

7 FALLOUT

8 BESCHÄDIGTE WARE

9 BUBBLE GIRL

10 FERMATE

11 FESTGEFAHREN

12 DER KLINISCHE-STUDIE-BLUES

13 DAS HUNDERT-TAGE-PROJEKT

14 IM TANGO ZUR TRANSPLANTATION

15 AN DEN GEGENÜBERLIEGENDEN ENDEN EINES TELESKOPS

16 DIE HOPE LODGE

17 CHRONOLOGIE DER FREIHEIT

18 DIE PROMENADENMISCHUNG

19 TRÄUME IN AQUARELL

20 EIN BUNTER HAUFEN

21 STUNDENGLAS

22 ECKEN UND KANTEN

23 DIE LETZTE GUTE NACHT

24 DURCH

Teil Zwei

25 DAS REICH DAZWISCHEN

26 ÜBERGANGSRITEN

27 DER WIEDEREINTRITT

28 FÜR DIE HINTERBLIEBENEN

29 DER LANGE VORSTOSS

30 AUF DIE HAUT GESCHRIEBEN

31 DER WERT VON SCHMERZ

32 SALSA UND DIE PREPPER

33 »EINEN BROOKE HINLEGEN«

34 NACH HAUSE

EPILOG

DANKSAGUNG

Vorbemerkung der Autorin

ALSGRUNDLAGEFÜRdieses Buch dienten mir meine Tagebücher, Krankenakten und Interviews, die ich mit vielen Menschen geführt habe, die in dieser Geschichte vorkommen, sowie meine eigenen Erinnerungen. Ich habe auch Auszüge aus Briefen eingefügt, die der Kürze halber teilweise leicht bearbeitet wurden.

Um die Anonymität bestimmter Personen zu wahren, habe ich Details, die Rückschlüsse auf die Identität zulassen, abgewandelt und die folgenden Namen geändert, hier in alphabetischer Reihenfolge: Dennis, Estelle, Jake, Joanie, Karen, Sean und Will.

Teil Eins

1 DAS JUCKEN

ESBEGANNDAMIT, dass es mich juckte. Nicht im metaphorischen Sinne, als hätte es mich gejuckt, um die Welt zu reisen, oder wie in einer Quarterlife Crisis, sondern es juckte mich buchstäblich und körperlich. Es war ein Juckreiz, der einen rasend machte, der sich in die Haut krallte, der einen nachts wach hielt. In meinem letzten Jahr am College fing es an, zunächst an der Oberseite meiner Füße, dann wanderte er die Waden und Oberschenkel hoch. Ich bemühte mich, nicht zu kratzen, aber der Juckreiz war gnadenlos und überzog meine Hautoberfläche bald wie tausend unsichtbare Mückenstiche. Unwillkürlich wanderte meine Hand die Beine hinunter, und die Fingernägel furchten die Jeans, um mir Linderung zu verschaffen, bevor sie sich unter den Saum bohrten, um von da aus direkt ans Fleisch zu kommen. Es juckte mich während meines Teilzeitjobs im Filmlabor auf dem Campus. Es juckte mich unter dem großen Holzschreibtisch meiner Lesekabine in der Bibliothek. Es juckte mich, wenn ich mit Freunden in Kellerkneipen durch Bierpfützen tanzte. Es juckte mich, wenn ich schlief. Bald waren meine Beine überzogen von nässenden Schrunden, dickem Schorf und frischen Narben. Ich sah aus, als wäre ich mit Kratzdisteln verprügelt worden. Blutige Vorboten eines sich in mir aufbauenden Kampfes.

»Vielleicht haben Sie sich im Auslandsstudium einen Parasiten eingefangen«, meinte ein chinesischer Kräutermediziner und schickte mich mit übelriechenden Mittelchen und bitteren Tees nach Hause. Eine Schwester im medizinischen Zentrum des Colleges vermutete, es sei ein Ekzem, und empfahl mir eine Creme. Eine Allgemeinärztin mutmaßte, es sei stressbedingt, und gab mir Proben eines Beruhigungsmedikaments mit. Aber sicher schien es niemand zu wissen, und so versuchte ich, das Ganze nicht überzubewerten. Ich hoffte, es würde sich von selbst erledigen.

Jeden Morgen öffnete ich die Tür meines Zimmers im Wohnheim einen Spalt, warf einen Blick in den Gang und sprintete, in mein Handtuch gewickelt, in das gemeinsame Badezimmer, bevor jemand meine Beine sehen konnte. Ich wusch mich mit einem feuchten Waschlappen ab und sah zu, wie die scharlachroten Schlieren wirbelnd im Abfluss der Dusche verschwanden. Ich rieb mich mit Hamamelis-Elixieren aus der Apotheke ein und trank mit zugehaltener Nase die bitteren Tees. Als es draußen zu warm wurde, um jeden Tag Jeans zu tragen, investierte ich in blickdichte schwarze Strumpfhosen. Ich kaufte dunkle Bettwäsche, damit man die rostroten Flecken nicht sah. Und wenn ich Sex hatte, war das Licht aus.

Zu dem Juckreiz kam die Schläfrigkeit. Die Nickerchen dauerten zwei, dann vier, dann sechs Stunden. Keine noch so große Menge an Schlaf schien meinem Körper zu genügen. Ich nickte während Orchesterproben und Bewerbungsgesprächen ein, über Abgabeterminen und Abendessen, und wenn ich aufwachte, war ich nur noch erschöpfter. »Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so müde«, gestand ich meinen Freundinnen eines Tages auf dem Weg ins Seminar. »Ich auch nicht, ich auch nicht«, jammerten sie mit mir. Alle waren müde. Im letzten Semester hatten wir mehr Sonnenaufgänge erlebt als jemals zuvor, das Ergebnis der vielen in der Bibliothek mit der Fertigstellung unserer Abschlussarbeiten verbrachten Stunden, gefolgt von feuchtfröhlichen Partys, die bis Tagesanbruch gefeiert wurden. Ich wohnte mitten auf dem Campus der Princeton University, im obersten Stockwerk eines neugotischen Gebäudes, das Türmchen und Fratzen ziehende Wasserspeier zierten. Am Ende einer langen Nacht versammelten sich meine Freunde auf einen letzten Absacker in meinem Zimmer. Mein Zimmer hatte große Fenster wie die einer Kirche. Wir saßen gerne auf den Fensterbänken und ließen die Beine über den Rand baumeln, um zuzusehen, wie betrunkene Feiernde nach Hause torkelten und die ersten bernsteinfarbenen Strahlen den gepflasterten Hof streiften. Der Abschluss war in Sichtweite, und wir waren fest entschlossen, diese letzten gemeinsamen Wochen auszukosten, bevor wir in alle Winde zerstreut wurden, auch wenn das bedeutete, an die Grenze der körperlichen Belastbarkeit zu gehen.

Trotzdem machte ich mir Sorgen, meine Müdigkeit könnte andere Gründe haben.

Wenn alle anderen weg waren und ich allein im Bett lag, spürte ich, wie unter meiner Haut ein Festmahl stattfand; etwas zog durch meine Arterien und nagte an meinem Verstand. Während meine Energie schwand und der Juckreiz schlimmer wurde, redete ich mir ein, der Parasit hätte gesteigerten Appetit. Aber in meinem tiefsten Inneren bezweifelte ich, dass es je einen Parasiten gegeben hatte. Ich fragte mich langsam, ob das eigentliche Problem nicht vielmehr ich selbst war.

In den darauffolgenden Monaten verlor ich völlig die Orientierung, drohte unterzugehen und griff nach jedem Strohhalm. Eine Weile gelang mir das. Ich machte das Examen und schloss mich danach dem Massenexodus meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen nach New York City an. Auf dem Portal »Craigslist« fand ich ein Inserat für ein Zimmer in einem großen Loft über einem Laden für Künstlerbedarf an der Canal Street. Es war der Sommer 2010, und eine Hitzewelle hatte allen Sauerstoff aus der Stadt gesogen. Als ich aus der U-Bahn trat, schlug mir der Gestank von Müll ins Gesicht. Pendler und Horden von Touristen, die Fake-Designertaschen kaufen wollten, drängten sich auf den Gehsteigen. Die Wohnung lag im zweiten Stock ohne Aufzug, und als ich meinen Koffer vor die Eingangstür geschleppt hatte, war mein weißes Tanktop derart nass geschwitzt, dass es durchsichtig war. Ich stellte mich meinen neuen Mitbewohnern vor; es waren neun. Sie waren allesamt in ihren Zwanzigern und aufstrebende Irgendwas: drei Schauspieler, zwei Models, ein Koch, eine Schmuckdesignerin, eine Doktorandin und ein Finanzanalyst. Für achthundert Dollar im Monat bekam jeder von uns eine fensterlose Höhle, abgeteilt durch papierdünne Trockenbauwände, die ein Slumlord errichtet hatte, um möglichst viel Profit herauszuschlagen.

Ich hatte einen Sommerpraktikumsplatz am Center for Constitutional Rights ergattert, und als ich am ersten Tag dort erschien, empfand ich Ehrfurcht, im selben Raum zu stehen wie einige der mutigsten Bürgerrechtsanwälte des Landes. Die Arbeit fühlte sich wichtig an, aber es war ein unbezahltes Praktikum, und das Leben in New York City riss ein gewaltiges Loch in meinen Geldbeutel. Die zweitausend Dollar, die ich während des Studienjahrs gespart hatte, waren schnell verbraucht. Selbst mit meinen Abendjobs als Babysitterin und in Restaurants kam ich nur gerade so über die Runden.

Der Gedanke an meine Zukunft – immens und dennoch leer – erfüllte mich mit Schrecken. In den Momenten, in denen ich mir Träumereien erlaubte, begeisterte mich das aber auch. Es schien unendlich viele Möglichkeiten zu geben, was aus mir werden und wo ich landen könnte, wie eine Garnrolle, die sich viel weiter abspulte, als ich mit meinen Gedanken kam. Ich stellte mir eine Karriere als Auslandskorrespondentin in Nordafrika vor, wo mein Vater herkommt und wo ich als Kind kurze Zeit gelebt hatte. Ich spielte auch mit der Idee, Jura zu studieren, was ein klügerer Weg zu sein schien. Offen gesagt brauchte ich Geld. Ich hatte nur deshalb eine Ivy-League-Uni besuchen können, weil ich ein volles Stipendium bekommen hatte. Aber hier draußen, in der wahren Welt, hatte ich keine solchen Auffangnetze wie viele meiner Kommilitonen – Treuhandfonds, Familienbeziehungen, sechsstellig dotierte Jobs an der Wall Street.

Es war einfacher, sich wegen meiner unsicheren Zukunft zu sorgen, als einer anderen, noch beunruhigenderen Veränderung ins Auge zu sehen. Um gegen die Müdigkeit anzukämpfen, hatte ich während des letzten Semesters einen Energydrink nach dem anderen getrunken. Als die nicht mehr wirkten, gab mir ein Junge, mit dem ich kurze Zeit zusammen war, ein paar von seinen Adderall, um die Abschlussprüfungen zu überstehen. Aber bald waren auch die nicht mehr genug. Kokain gehörte in meinem Freundeskreis auf Partys dazu, und es waren immer Typen da, die hier und da umsonst eine Line anboten. Niemand zuckte auch nur mit der Wimper, als ich irgendwann mitmachte. Auch meine Mitbewohner im Loft in der Canal Street hatten sich als hartgesottene Partymacher entpuppt. Ich fing an, Aufputschmittel zu nehmen, so wie manche Leute sich noch einen Schuss Espresso in ihren Kaffee geben – ein Mittel zum Zweck, eine Möglichkeit, meine zunehmende Erschöpfung zu lindern. In mein Tagebuch schrieb ich: Halt dich über Wasser.

Am Ende des Sommers erkannte ich mich kaum mehr wieder. Das gedämpfte Schrillen meines Weckers zog sich wie ein stumpfes Messer durch einen traumlosen Schlaf. Jeden Morgen kämpfte ich mich aus dem Bett und stellte mich vor den Ganzkörperspiegel, um den Schaden zu begutachten. Meine Beine waren an immer neuen Stellen von Kratzern und trocknenden blutigen Rinnsalen bedeckt. Die Haare hingen mir in glanzlosen, zerzausten Wellen bis zur Taille, und ich war zu müde, sie zu bürsten. Sichelförmige Schatten unter großen, blutunterlaufenen Augen verwandelten sich in dunkle Monde. Zu ausgebrannt, um Sonnenlicht zu ertragen, erschien ich immer später bei meinem Praktikum, bis ich eines Tages überhaupt nicht mehr hinging.

Ich mochte den Menschen nicht, der ich wurde – eine Person, die sich kopfüber in jeden Tag stürzte, in ständiger Bewegung, aber ohne Gespür für eine Richtung; eine Person, die wie ein Privatdetektiv Nacht um Nacht Aussetzer rekonstruierte, eine Person, die ihren Verpflichtungen nicht nachkam, eine Person, die sich zu sehr schämte, um die Anrufe ihrer Eltern anzunehmen. Das bin ich nicht, dachte ich und starrte angewidert mein Spiegelbild an. Ich musste mich zusammenreißen. Ich musste einen Job finden, mit dem ich Geld verdiente. Ich brauchte etwas Abstand zu meinen Collegefreunden und den Mitbewohnern in der Canal Street. Ich musste zum Henker noch mal raus aus New York City, und zwar bald.

An einem Augustmorgen, ein paar Tage nachdem ich das Praktikum beendet hatte, stand ich früh auf, trug meinen Laptop zur Feuertreppe und ging Stellenanzeigen durch. Der Sommer war trocken gewesen, und die Sonne brannte herunter und bräunte meine Haut. An den Stellen an den Beinen, wo ich Narben vom Kratzen hatte, entstanden überall kleine weiße Pünktchen, wie Brailleschrift. Eine Suchanzeige für eine Rechtsanwaltsgehilfin in Paris fiel mir ins Auge, und aus einer Laune heraus beschloss ich, mich zu bewerben. Ich verbrachte den ganzen Tag mit der Formulierung meines Bewerbungsschreibens, in dem ich ausdrücklich darauf hinwies, dass Französisch meine Muttersprache sei und ich auch ein wenig Arabisch spräche, was mir hoffentlich einen kleinen Wettbewerbsvorteil verschaffen würde. Rechtsanwaltsgehilfin war nicht mein Traumjob – ich wusste nicht einmal genau, was diese Tätigkeit genau beinhaltete –, aber es schien mir etwas zu sein, was ein vernünftiger Mensch tun würde. Vor allem glaubte ich, ein Tapetenwechsel könnte mich vor meinem zunehmend kopflosen Lebenswandel bewahren. Ein Umzug nach Paris stand nicht auf meiner Wunschliste: Es war mein Fluchtplan.

Ein paar Tage, bevor ich die Stadt endgültig verließ, war ich auf meiner dritten Party an diesem Abend. Investmentbanker mit aufgestellten Kragen beugten sich schwitzend über raupendicke Kokslines und unterhielten sich angeregt über ihre Aktienbestände, Ferienhäuser in Montauk und so weiter. Es war fünf Uhr morgens, und das war nicht meine Szene. Ich wollte nach Hause.

Ich stand allein auf dem Gehsteig, eingehüllt in den blauen Rauch meiner Zigarette, und betrachtete den heller werdenden Nachthimmel. In dieser flüchtigen Stunde der Ruhe, nachdem die Müllwagen ihre Runden gedreht hatten und bevor die Cafés öffneten, schlief Manhattan. Ich wartete bereits zehn Minuten auf ein Taxi, als ein junger Mann, den ich von der Party wiedererkannte, zu mir schlenderte, um eine Zigarette zu schnorren. Es war meine letzte, aber ich gab sie ihm. Beim Anzünden hielt er schützend die Hand davor, die so groß war wie ein Baseballhandschuh. Lächelnd atmete er den Rauch aus. Wir beide traten verlegen von einem Fuß auf den anderen und warfen einander schüchtern kurze Blicke zu, bevor wir wieder die leere Straße entlangblickten.

»Wollen wir uns das teilen?«, fragte er. Ein einsames Taxi kam in unsere Richtung gefahren, und die Frage wirkte ziemlich harmlos, deshalb sagte ich ja, und wir stiegen ein. Erst nachdem ich dem Fahrer meine Adresse genannt hatte, fiel mir auf, dass der junge Mann mich gefragt hatte, ob wir uns das Taxi teilen wollten, bevor er überhaupt wusste, wo ich hinwollte.

Natürlich war mir klar, dass ich nicht mit fremden Männern ins Auto steigen sollte. Mein Vater, der in den Achtzigerjahren im East Village gewohnt hatte, als die Stadt noch vom Verbrechen regiert wurde, hätte das alles andere als gut gefunden. Aber der junge Mann hatte etwas Sicheres, Faszinierendes an sich. Seine struppigen und sonnengesträhnten Haare fielen ihm über die intelligenten blauen Augen. Der Körper schlank, das Kinn kantig, die Wangen mit Grübchen – er sah auffallend gut aus, hatte aber eine furchtbare Haltung und bewegte sich so zaghaft, dass er sich seines Aussehens nicht bewusst zu sein schien.

»Du bist wahrscheinlich der größte Mensch, dem ich je begegnet bin.« Ich betrachtete ihn aus den Augenwinkeln. Mit seinen hoch aufragenden eins achtundneunzig saß er auf der Rückbank, die Knie gegen die Lehne des Fahrersitzes gedrückt.

»Das höre ich öfter«, antwortete er. Er sprach leise und strahlte trotz seiner Statur etwas Sanftes aus.

»Nett, dich kennenzulernen. Ich heiße …«

»Wir haben uns vorhin schon unterhalten, weißt du nicht mehr?«

Ich zuckte mit den Achseln, dann lächelte ich ihn entschuldigend an. »Es war eine lange Nacht.«

»Du weißt nicht mehr, dass du mir die Innenseite deines Augenlids zeigen wolltest? Oder wie du ›Mary had a little lamb‹ auf Latein vorgesungen hast?«, neckte er mich. »Und wie du dir Bleistiftspäne über den Kopf gestreut und immer wieder Cascarones! gesagt hast, ganz unheimlich? Das weißt du alles nicht mehr?«

»Ha, ha, ha. Sehr witzig.« Im Scherz boxte ich ihn in den Arm. In diesem Moment begriff ich, dass wir flirteten.

Er streckte den Arm aus, um mir die Hand zu schütteln. »Ich heiße Will.«

Wir unterhielten uns während der ganzen Fahrt ins Zentrum, und mit jedem Block wurde die Atmosphäre zwischen uns intensiver. Bei meiner Adresse angekommen, stiegen wir beide aus dem Taxi aus und stellten uns auf den Gehsteig: Ich überlegte, ob ich ihn nach oben einladen sollte, er war zu höflich, um zu fragen. Ich war zuvor noch nie mit einem Fremden ins Bett gegangen – trotz einiger fragwürdiger Entscheidungen blieb ich stets ein bisschen Romantikerin und notorische Monogamistin –, aber ich war in Versuchung. Ich überlegte. »Hunger?«, fragte Will.

»Und wie«, antwortete ich; erleichtert steuerte ich ihn weg von meinem Hauseingang. Wir gingen die Canal Street entlang, vorbei an den verrammelten Haarverlängerungs-Salons, an den gebratenen Enten, die in den Fenstern der Delis hingen, und an Obstverkäufern, die ihre Pappkartonstände aufbauten. Wir betraten das Café um die Ecke, die ersten Kunden des Tages.

Bei Bagels und Kaffee erzählte mir Will, wie er vor Kurzem aus China hergezogen war, wo er für eine Sportorganisation Programme für die örtliche Jugend geleitet hatte. Ich war beeindruckt, dass er Chinesisch sprach. Zurzeit hütete er das Haus seiner Pateneltern und gönnte sich ein paar Wochen, um zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Er war gleichzeitig ernst und albern, auf eine nerdige, knochentrockene Art und Weise. Aber ich spürte, dass Will unter seiner unbekümmerten Fassade ein wenig verloren und ziemlich verletzlich war. Zwei Stunden später saßen wir immer noch da und redeten. Ich weiß noch, dass ich beim Gehen dachte: Ich mag dich echt. Mein zweiter Gedanke war: Schade, dass ich jetzt auf einen anderen Kontinent ziehe.

Nach dem Frühstück gingen Will und ich zurück zu meinem Haus und stiegen die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Wir verbrachten den ganzen Tag im Bett, schliefen immer wieder kurz ein, schwatzten und alberten herum. Ich war Jungs gewöhnt, die aggressiv zudringlich waren, bewaffnet mit einem ganzen Arsenal schlüpfriger Anmachsprüche, aber Will schien es zu genügen, einfach nebeneinanderzuliegen. Als er nach mehreren Stunden immer noch nicht versucht hatte, mich zu küssen, rollte ich mich zu ihm hinüber und machte den ersten Schritt. Am Ende kam es zu dem One-Night-Stand – der dann zwei und schließlich drei Nächte dauerte. Mit ihm war alles anders: Ich ließ das Licht brennen. Ich hatte nicht das Bedürfnis, irgendetwas zu verstecken. Er war der Typ, der einen großzügiger auf die Teile von einem selbst blicken lässt, die einen mit Selbstverachtung erfüllen. Er war der Typ, den kennenzulernen ich mir unter anderen Umständen Zeit genommen hätte.

An meinem letzten Morgen in New York drang zitronenfarbenes Licht durch die Küche, während ich Kaffee machte. Das wütende Gezeter der Taxis und das Ächzen der Busse unten war kaum hörbar. Auf Zehenspitzen schlich ich mich ins Schlafzimmer, holte ein paar letzte Kleidungsstücke und schob sie in meinen Koffer. Als ich den Reißverschluss zuzog, blickte ich zu Wills schlaksiger Gestalt hinüber, die sich in die Bettlaken verwickelt hatte; sein Gesicht engelsgleich im Schlaf. Er gab ein so friedliches Bild ab, wie er da lag, dass ich ihn nicht wecken wollte. Eine Kindheit, in der ich ständig auf Achse war, hatte mich der Abschiede überdrüssig werden lassen. Beim Gehen legte ich ihm einen Zettel auf die Schuhe:

Danke für das unerwartete Vergnügen.

Inshallah, eines Tages werden sich unsere Wege wieder kreuzen.

2 MÉTRO, BOULOT, DODO

WÄHRENDMANHATTANDEROrt ist, an den Leute ziehen, um Karriere zu machen, ist Paris der Ort, an dem man Fantasien von einem anderen Leben ausleben möchte, und genau das hatte ich vor. Nachdem ich meinen klappernden, wuchtigen roten Koffer hinter mir her aus der métro und auf die Straßen des Marais gezogen hatte, blieb ich alle paar Meter stehen, um die Straßencafés, die Bäckereien und die mit Efeu berankten Fassaden meines neuen Viertels zu bestaunen. Ich hatte das Glück gehabt, über ein paar Ecken eine möblierte Einzimmerwohnung in einem Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert in der Rue Dupetit-Thouars mieten zu können. Mit einem rumpelnden, schmiedeeisernen Lastenaufzug fuhr ich in den zweiten Stock hinauf. Als ich die Wohnungstür aufschloss, wollte ich vor Freude über den Kontrast zwischen der Canal Street und meiner neuen Bleibe am liebsten in die Luft springen. Licht! Ruhe! Privatsphäre! Parkettböden! Eine übergroße rosa Badewanne in der Form einer Muschel! Die Wohnung hatte zwar kaum vierzig Quadratmeter, aber mir kam sie vor wie ein Palast, und alles gehörte mir.

Ich verbrachte das Wochenende damit, mich einzurichten, auszupacken, ein Bankkonto zu eröffnen, neue Bettwäsche zu kaufen und die Küche zu schrubben. Am Montagmorgen fuhr ich mit der métro in die Anwaltskanzlei, die sich in einem eleganten Stadthaus am Parc Monceau im achten Arrondissement befand. Ein Geschwader von Anwaltsgehilfinnen begrüßte mich im Foyer und führte mich mit auf dem glänzenden Marmorfußboden klackernden Absätzen herum. Seit ich ein Teenager war, hatte ich alle möglichen Jobs gehabt – ich hatte Hunde ausgeführt, babygesittet, war persönliche Assistentin gewesen, Kontrabasslehrerin, Empfangsdame in einem Restaurant –, aber nun arbeitete ich zum ersten Mal in einem Unternehmen. Das Büro hatte sechs Meter hohe Decken mit kunstvollen Deckenleisten, an den Wänden hingen goldgerahmte Gemälde, und eine bogenförmige Prunktreppe führte weiter nach oben. Die Anwälte saßen an ihren Holzschreibtischen, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen einen Espresso. Ich fand das sehr französisch und sehr chic. Mittags ging eine Gruppe von uns zu einem ausgedehnten Lunch in ein Café um die Ecke. Wir bestellten Steaks und zwei Flaschen Wein, auf Rechnung der Kanzlei. Als ich zurückkehrte, bekam ich einen BlackBerry für Arbeitszwecke, und man zeigte mir den Schrank mit dem Büromaterial. Mit einem Stapel leuchtend gelber Anwaltsblocks und edlen Stiften ausgerüstet setzte ich mich an meinen Schreibtisch und fühlte mich sehr erwachsen, als ich mich zurücklehnte und mir eine Zigarette anzündete, während ich entzückt meine neue Umgebung betrachtete.

Statt die U-Bahn zu nehmen, beschloss ich, an meinem ersten Arbeitstag zu Fuß nach Hause zu gehen. In der Abenddämmerung hatten die schmalen, verwinkelten Gassen des Marais etwas Mittelalterliches. Nach und nach gingen die Straßenlaternen an, und beim Gehen malte ich mir aus, was für ein Mensch nun aus mir werden könnte. Weit weg waren die Freunde, die eigentlich gar nicht meine Freunde waren – Leute, die nichts als Unfug im Sinn hatten und Lust darauf, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen. Selbst das Jucken schien nachgelassen zu haben. Nachdem nun ein ganzer Ozean zwischen mir und alledem lag, stellte ich mir vor, hier ruhige, einsame Wochenenden zu verbringen, an denen ich die Stadt erkundete, in den Tuilerien picknickte und in dem kleinen Café, das ich um die Ecke entdeckt hatte, ein gutes Buch las. Ich würde mir ein Fahrrad besorgen, mit einem Korb, den ich jeden Sonntag auf dem Markt an der Place de la République mit Lebensmitteln füllen würde. Ich würde roten Lippenstift auflegen und hohe Absätze tragen, wie die anderen Anwaltsgehilfinnen. Ich würde lernen, wie man das berühmte Couscous meiner Tante Fatima kochte und in meiner neuen Wohnung Gäste bewirten. Fest entschlossen, weniger Zeit damit zu verbringen, über die Dinge, die ich vorhatte, zu reden, und mehr Zeit damit, sie wirklich zu tun, wollte ich mich für einen der Literaturworkshops bei Shakespeare and Company einschreiben, dem berühmten Buchladen am Seineufer. Vielleicht würde ich mir sogar einen Hund zulegen, einen rundlichen King-Charles-Spaniel, den ich Chopin nennen würde.

Aber ich hatte keine Freizeit, und wenn ich es überhaupt mal an einem Sonntag auf den Markt schaffte, blieben die Einkäufe in meinem Kühlschrank liegen, bis sie schließlich von Schimmel überzogen waren. Stattdessen wurde ich in ein Leben gedrängt, das die Franzosen als »métro, boulot, dodo« (U-Bahn, Arbeit, Schlaf) bezeichnen. Am Ende meiner ersten Arbeitswoche stand für mich fest, dass ich nicht für eine Laufbahn im Rechtswesen geschaffen war. Kreatives Schreiben lag mir mehr als Tabellen, Birkenstocks waren mir lieber als Stöckelschuhe. Die Kanzlei war auf internationale Schiedsverfahren spezialisiert, was sich für mich zunächst interessant anhörte, aber wenn ich die Schriftsätze, die auf meinem Schreibtisch landeten, las, fand ich die juristische Fachsprache undurchdringlich, den Inhalt todlangweilig und mühsam. Die meisten Tage verbrachte ich im Keller des Büros, las Korrektur, druckte aus und sortierte Tausende von Dokumenten in säuberlich geordnete Hefter, damit die Anwälte seelenlosen Firmen dabei helfen konnten, noch reicher zu werden. Nachdem von mir erwartet wurde, rund um die Uhr erreichbar zu sein, schlief ich mit meinem Bürohandy auf dem Kissen und stellte mir den Wecker auf mitten in der Nacht, damit ich nachsehen konnte, ob dringende Mails gekommen waren. Oft kam ich überhaupt nicht aus dem Büro; wir Anwaltsgehilfinnen überboten uns darin, die Nächte durchzuarbeiten. Darüber hinaus hatte ich einen gruseligen Chef, der Damenschuhkataloge in seiner Schreibtischschublade versteckte und mit seinem Handy Fotos von meinen Füßen machte, wenn er glaubte, dass ich es nicht mitbekam. Nachdem ich wieder einmal eine Neunzig-Stunden-Woche hinter mich gebracht hatte, schaltete ich auf meine Art ab: Ich kaufte mir unterwegs ein pain au chocolat und ging tanzen. Am Ende einer langen Nacht schleppte ich denjenigen, mit dem ich gerade unterwegs war, in eine alte Pianobar namens Aux Trois Mailletz, wo wir falsch am Klavier sangen und Wein tranken, bis wir dunkelrote Lippen hatten.

Mein Leben in Paris war nicht so, wie ich es mir in meiner Fantasie vorgestellt hatte, aber ich entwickelte eine neue Version. Unerwartet begann eine Korrespondenz mit Will, die kurzen »Na, wie läuft’s bei dir«-Textnachrichten wurden zu langen, witzigen E-Mail-Wechseln, gefolgt von dicken Umschlägen mit handgeschrieben Briefen und gedankenvoll kommentierten Artikeln aus dem New Yorker. Will schickte mir eine Postkarte von einer Hütte in den White Mountains in New Hampshire, wo er mit Freunden ein Wochenende verbracht hatte: Kein Strom, ein Holzofen aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, keine Geräusche außer Eulenrufen, dem Knistern des Feuers und dem Wind, schrieb er. Ich bekam Lust, eine Reise über die Landstraßen der USA zu machen. Hast du Lust auf einen Roadtrip? Bei der Vorstellung, wie wir beide zusammen durch das Land fuhren, machte mein Herz einen kleinen Satz.

Ans Ende jedes Briefes schrieben wir immer dasselbe – du musst nicht genauso lang antworten –, aber unser Austausch wurde im Laufe der Wochen und Monate immer intensiver und häufiger. Ich las jeden seiner Briefe immer und immer wieder, als wären sie verschlüsselte Karten, die geheime Hinweise enthielten und Einblicke in das Wesen der Person gewährten, die den Stift geführt hatte. Ich erzählte Will von meinen Irrwegen seit dem Examen und von meinem neuen Leben im Ausland: Ich habe meine ersten 36 Stunden in Paris in völliger Einsamkeit verbracht, mit ausgeschaltetem Laptop und Handy. Ich bin durch die ganze Stadt gelaufen, bis mir ein Absatz abgebrochen ist und ich mit dem Taxi nach Hause fahren musste. Doch trotz meiner Bemühungen, ein asketischeres Leben zu führen, hatte ich neue Freunde gefunden: Lahora, eine verwitwete Yogini, Zack, ein alter Kommilitone aus dem College, der eine Ausbildung zum Pantomimen machte, Badr, ein junger marokkanischer Geschäftsmann, der gerne tanzen ging, und David, ein älterer Expat, der sich kleidete wie ein internationaler Playboy und extravagante Partys schmiss. Einsamkeit kann man keiner Seele aufzwingen, die fliegen muss, antwortete Will. Wie konnte ich auf einen solchen Satz anders reagieren, als ins Schwärmen zu geraten?

Ich erzählte Will von meinem Traum, Journalistin zu werden, und schickte ihm einen Essay über den arabisch-israelischen Konflikt, an dem ich monatelang gearbeitet hatte. Was für ein Zufall, schrieb er; auch er habe journalistische Ambitionen. Er hatte vor Kurzem eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft bei einem Professor angenommen und hoffte, Arbeit als Redakteur zu finden, und er schickte mir kluge Anmerkungen zur Überarbeitung meines Entwurfs. Trotz unserer gemeinsamen Zeit während meiner letzten Woche in New York kamen diese kleinen Gemeinsamkeiten überraschend, denn wir lernten uns eigentlich erst richtig durch das Briefeschreiben kennen. Unsere altmodische Korrespondenz stellte eine sicherere, ehrlichere Alternative zu den Katz-und-Maus-Spielen des Flirtens dar. Bald war ich so hingerissen von meinem neuen Brieffreund, dass ich nur noch an ihn dachte, nur noch von ihm träumte, nur noch von ihm sprach. Ich hoffte, der Mensch hinter dem Briefpapier wäre so wunderbar wie derjenige, den seine Tinte entstehen ließ.

Es war ein Nachmittag im Spätherbst, ein richtig mühsamer Tag im Büro. Ich diskutierte mit Kamilla, der Anwaltsgehilfin, mit der ich mir einen Schreibtisch teilte, ob ich Will einladen sollte, mich in Paris zu besuchen. Ich war mir nicht sicher, ob ich den romantischen Subtext unserer Briefe richtig interpretierte, aber ich fürchtete, wenn ich nicht bald die Initiative ergreifen würde, würde sich unsere Korrespondenz verlieren. Im Lauf der nächsten Stunde verfasste ich mehrere unterschiedliche Entwürfe einer Mail an Will und versuchte, den richtigen Ton zu treffen, irgendwo zwischen ernsthafter Begeisterung und distanzierter Coolness. »Allez ma chérie, courage, wenn das so weitergeht, bleibst du noch die ganze Nacht hier«, sagte Kamilla und küsste mich auf die Wange, bevor sie ging.

Als ich schließlich mit einer Version zufrieden war, war es draußen dunkel und die Kanzlei beinahe leer. Ich zählte bis zehn und fühlte mich ziemlich kindisch, als ich mich nicht so recht traute, auf Senden zu drücken. Als ich schließlich allen Mut zusammennahm, empfand ich große Aufregung – die sofort von der gespannten Erwartung seiner Antwort abgelöst wurde. Die Zeit verstrich zäh. Ich rauchte eine halbe Schachtel Gauloises, surfte im Internet, ordnete meinen Schreibtisch neu. Um neun nahm ich schließlich die métro nach Hause. Ich checkte meine Mails. Immer noch nichts. Beunruhigt machte ich mir Nutella-Toast zum Abendessen. War ich zu weit vorgeprescht oder hatte die Stimmung doch missverstanden? Bevor ich ins Bett ging, wollte ich noch ein Bad nehmen, und wenn dann immer noch keine Antwort da war, wollte ich ihn mir aus dem Kopf schlagen.

Um Mitternacht sah ich ein letztes Mal nach. In meinem Posteingang befand sich eine Nachricht. Ich öffnete sie. Es war eine weitergeleitete Flugbestätigung. Ziel: Paris, Frankreich.

Weniger als einen Monat später kam Will an, gerade rechtzeitig zu Thanksgiving. Das Wochenende zuvor hatte ich mit hektischen Vorbereitungen verbracht. Ich schrubbte die Badewanne, bis sie glänzte, wischte den Staub vom Boden und schleppte die Bettwäsche in den Waschsalon. Ich ging zum Marché des Enfants Rouges, holte dort einen Laib Brot und einen stinkenden Camembert, außerdem ein Glas Cornichons, Aufschnitt und einen Strauß getrockneten Lavendel. Auf dem Heimweg kaufte ich noch Wein und schlüpfte im letzten Moment in den Salon auf der anderen Straße, um mir einen dringend benötigten Haarschnitt verpassen zu lassen. Am Morgen von Wills Ankunft stand ich im Morgengrauen auf und zog mich ganze sechs Mal um, bevor ich mich für meine schmeichelhafteste Jeans entschied, einen schwarzen Rollkragenpullover und dazu meine goldenen Glückscreolen. Als ich zum Flughafen aufbrach, war ich beinahe eine Stunde zu spät.

Ein feuchter Wind wehte durch die Rue Dupetit Thouars, während die Absätze meiner Stiefel fest und schnell auf dem regennassen Gehsteig klackerten. Ich war schon fast bei der métro, als mein Telefon pingte. Es war eine Nachricht von Will. Er sei früher als geplant gelandet und mit dem Taxi direkt zu meiner Adresse gekommen. Jemand habe ihn ins Haus gelassen, er warte vor meiner Wohnungstür. Eilends drehte ich um zu meiner Wohnung, nahm zwei Stufen auf einmal und hielt am Treppenabsatz im ersten Stock an, um mich zu fassen. Mein Herz raste wie ein hochgedrehtes Metronom, meine Stirn war schweißnass, und ich keuchte. In den letzten Wochen war mir aufgefallen, dass ich schneller außer Atem geriet. Ich nahm mir vor, mich bei einem Fitnessstudio anzumelden. Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht, atmete tief ein und bog um die Ecke.

»Hey, hey!«, rief Will, als er mich erblickte. Er stellte sich aufrecht hin und grinste strahlend. Wir zögerten einen Moment, bevor wir uns umarmten, und waren alle beide plötzlich zu schüchtern, um einen Kuss zu wagen, nicht einmal auf die Wange. In den Armen eines Mannes, der nicht ganz ein Fremder war, aber nicht viel mehr als das, hatte ich das erste Mal seit Monaten das Gefühl, auf festem Boden zu stehen.

»Bienvenue«, sagte ich, als wir uns voneinander lösten, und führte ihn hinein. Meine Einzimmerwohnung war winzig, und bis auf die Küche und das Bad bestand sie aus einem einzigen Mehrzweckraum. »Das ist das Schlafzimmer«, sagte ich und zeigte auf das Hochbett. »Mein Wohnzimmer.« Ich wies auf das leuchtend rote Sofa. »Und das da ist das Esszimmer.« Ich deutete auf den alten Überseekoffer, der mir gleichzeitig als Sofatisch, Schreibtisch und als Schrank diente. Es war die erste Wohnung, in der ich allein lebte, und auch wenn sie ein bisschen spartanisch war und ich immer noch keine Zeit gefunden hatte, Vorhänge zu kaufen, war ich stolz darauf. »Et voilà!«, sagte ich, als ich meine Führung beendete und dabei die großen Erkerfenster öffnete, um eine kleine Terrasse zum Vorschein zu bringen.

»Das Beste«, bestätigte Will.

Die Erinnerung an den Rest des Tages ist diffus und stellt sich bei mir nur in Schnappschüssen ein: das nervöse Plaudern im Wohnzimmer, während wir Kaffee tranken, der ausgiebige Spaziergang an der Seine, wo wir über den Anblick amerikanischer Auslandsstudenten lachten, die Baskenmützen trugen und ein fürchterliches Französisch sprachen. »Denk nicht mal dran, mich hier zu küssen«, warnte ich ihn, als wir den Pont des Arts überquerten, wo Liebespaare Vorhängeschlösser am Geländer der Brücke anbrachten. Er tat es erst später an diesem Abend, nachdem eine Flasche Rotwein uns etwas lockerer gemacht hatte.

Will folgte mir die Leiter hinauf zum Hochbett, ein billiges, klappriges Ding aus vier Holzpfosten und einer dünnen Sperrholzplatte, das der letzte Mieter etwas windig zusammengebaut hatte. Als wir nebeneinanderlagen, war das ein anderes Gefühl als in den drei Nächten, die wir in New York zusammen verbracht hatten. Eine zarte Verlegenheit erfüllte die Luft, als wir uns auszogen. Durch das Fenster fiel Mondlicht und ließ die Narben an meinen Beinen silbrig glänzen. Die Bettpfosten unter uns schwankten.

»Verdammt, IKEA«, sagte ich.

»Was ist, wenn das Bett zusammenbricht?« Will machte sich ernsthafte Sorgen.

»Stell dir vor, mein Dad liest morgen in der Zeitung: NACKTESAMERIKANISCHESPÄRCHENTOTINEINEMHAUFENIKEA-TRÜMMERAUFGEFUNDEN.«

Will sprang die Leiter hinunter. »Moment, ich muss schnell etwas überprüfen.« Er sah nach, ob die Schrauben richtig befestigt waren und rüttelte und schüttelte das Gestell, während ich lachte. »Ein Erdbebentest!«

Am Ende seines zweiwöchigen Besuchs kehrte Will nach New York zurück, aber nur, um seine Sachen zu packen und seine Stelle zu kündigen. Er zieht nach Paris, um mit mir zusammen zu sein – schrieb ich immer wieder in mein Notizbuch, bis es sich echt anfühlte. Als ich auf dem Weg zur Arbeit in der métro saß, lag ein dümmliches Lächeln auf meinem Gesicht. Freude ist ein unheimliches Gefühl, vertraue ihm nicht, schrieb ich dazu. Denn unter der Freude braute sich ein Sturm zusammen, eine düstere Vorahnung, ein blutiges, lichtloses Grauen, das sich unter meiner Haut breitmachte.

3 EIERSCHALEN

SEITDEMICHSIEBZEHNwar, war ich nie länger als ein, zwei Monate Single gewesen. Darauf war ich nicht stolz, und ich hielt es auch nicht für gesund, aber so war es nun einmal. Auf dem College hatte ich den Großteil der Zeit eine ernsthafte Beziehung mit einem hochintelligenten britisch-chinesischen Studenten der Komparatistik. Er war mein erster richtiger Freund, führte mich in schicke Restaurants in der Stadt oder machte mit mir Urlaub am Waikiki Beach. Aber während die Semester verstrichen, wurde ich immer ruheloser und wünschte mir, ich hätte mehr Erfahrungen gesammelt, bevor ich ihn kennenlernte. Im Sommer vor dem Abschlussjahr endete diese Beziehung, weil ich eine leidenschaftliche Affäre mit einem jungen äthiopischen Filmemacher hatte. Danach kam ein Bostoner, den ich bei Forschungsarbeiten über die Winterferien in Kairo kennengelernt hatte; er hatte einen Hang zu Unfug im großen Stil und Aktivismus und war kurz vorher festgenommen worden, weil er eine zehn Meter lange Palästinenserfahne an der Seite einer Pyramide ausgerollt hatte. Als wir eine Woche später in einer Bar mit Blick auf das Rote Meer illegal hergestellten Whiskey tranken, rief er bei seinen Eltern an. »Das ist das Mädchen, das ich heiraten werde«, verkündete er und reichte mir das Handy, bevor ich protestieren konnte. Nicht lange danach machte ich Schluss mit ihm. Um das Examen herum fing ich mit einem aufstrebenden mexikanisch-texanischen Drehbuchautor an. Wir waren zwei katastrophale Monate in New York zusammen, während ich ein Praktikum machte und er in einem trendigen Hotel downtown kellnerte. Wenn er betrunken war, wurde er fies, und er war meistens betrunken.

Diese Beziehungen hatten alle nichts Beiläufiges an sich. Wenn ich mich in einer befand, befand ich mich voll und ganz darin und war erfüllt von der Vorstellung eines gemeinsamen Lebens. Aber selbst während der intensivsten Phasen war ich mir dessen bewusst, dass in der Ferne schwach ein Exit-Schild leuchtete. Ich war verliebt in die Vorstellung, verliebt zu sein. Man kann es auch anders ausdrücken: Ich war zu jung, zu impulsiv und ging zu leichtfertig mit den Gefühlen anderer Menschen um, war zu sehr mit mir selbst beschäftigt und darauf konzentriert, herauszufinden, was für mich als Nächstes kam, statt mich mit gegebenen Versprechen aufzuhalten.

Mit Will war das anders. Er unterschied sich von allen Männern, mit denen ich zuvor zusammen gewesen war. Er besaß eine skurrile Kombination von Charaktereigenschaften – er war gleichzeitig Sportler, Intellektueller und Klassenclown – und konnte genauso mühelos einen Basketball im Korb versenken wie Gedichtzeilen von W. B. Yeats rezitieren. Ich war verblüfft über seine Achtsamkeit und wie er immer darauf aus war, dass sich alle Anwesenden in einem Raum entspannt fühlten. Er war fünf Jahre älter als ich und hatte eine stille, bescheidene Klugheit und einen spielerischen Geist, der ihn gleichzeitig viel älter und viel jünger erscheinen ließ, als es seinem Alter gemäß war. In dem Moment, als Will wieder auf der Schwelle meiner Pariser Wohnung stand, diesmal mit einem übergroßen Seesack, vollgestopft mit all seinen Habseligkeiten, verschwand das Exit-Schild. Ich war im Boot.

Will packte aus und stapelte seine Kleidung ordentlich zusammengelegt auf dem Bücherregal, das ich leergeräumt hatte, um Platz für seine Sachen zu schaffen. Er wühlte in dem Seesack, holte einen tragbaren Lautsprecher heraus und fragte, ob er Musik machen dürfe. Hip-Hop aus den Neunzigern wummerte durch das Apartment, immer wieder Warren G. Ich musste lachen, als er dazu rappte und über den Holzboden tanzte. Er nahm meine Hand und wirbelte mich durch die Küche, sodass wir beinahe eine Bratpfanne umstießen.

»Du bringst mich ganz durcheinander«, sagte ich und schlug mit einem Geschirrtuch nach ihm.

Ich machte einen Shepherd’s Pie zum Mittagessen, denn ich wollte Will mit meiner Kochkunst beeindrucken. Hochkonzentriert schnitt ich Karotten, dünstete Schalotten an, briet Hackfleisch an und zerstampfte Kartoffeln. Bis auf Rühreier, einen gelegentlichen Teller Nudeln und mein To-go-Dinner bestehend aus Nutella-Toast war es das erste richtig selbst gekochte Gericht, an das ich mich je gewagt hatte. Am Vormittag hatte ich meine Mutter angerufen, um nach dem Rezept zu fragen. Die Küche hatte die Größe eines kleinen Besenschranks, und das ohne Fenster oder Ventilator, sodass keine frische Luft hereinkam und es drückend heiß war. Ich wischte mir die Stirn mit dem Geschirrtuch ab, aber es bildeten sich gleich wieder Schweißperlen, während ich die Zutaten in eine Auflaufform schichtete und ein wenig Käse darüberstreute, bevor ich die ganze Chose in den Ofen stellte. Bald duftete die Wohnung nach Butter und frischen Kräutern; zum ersten Mal roch es wie ein richtiges Zuhause.

Im anderen Zimmer deckte Will den Tisch auf dem Überseekoffer. Ich ging zu ihm und öffnete die Fenster, um ein wenig Luft hereinzulassen. Draußen hatte es angefangen zu schneien, und ein paar träge Flocken trieben ins Innere. Will trat zu mir ans Fenster, schlang die Arme um meine Taille und zog mich zu ihm. »Ab morgen suche ich mir Arbeit.« Er vergrub das Gesicht in meinen Haaren. »Und auch eine Sprachenschule, wo ich Unterricht nehmen kann, zumindest bis ich genug Französisch kann, um zu sagen: ›Ich hätte gerne drei Baguettes und eine Orangina, bitte.‹«

Wills Oberkörpermuskeln drückten straff und warm an meine Schulterblätter. Ich schloss die Augen, lehnte mich an ihn und versuchte, mich zu erinnern, wann ich zum letzten Mal so glücklich gewesen war. Ich wusste es nicht. »Bleib so«, sagte Will und wich zurück. Er nahm seine Kamera vom Bücherregal und machte eine Aufnahme von mir vor dem Fenster, die meine Silhouette vor dem Winterhimmel zeigte. Als er mir das Foto zeigte, war ich ganz erschrocken über mein Aussehen. Meine Haut war furchtbar bleich, beinahe durchsichtig. Meine Augenlider waren blaugrün, als wären alle Adern an die Oberfläche gekommen. Selbst meinen Lippen schien jegliche Lebenskraft zu fehlen.

»Wie Perlen, diese Farbe«, sagte Will wohlwollend und drückte einen Kuss darauf.

Zwei Wochen später wurde Will siebenundzwanzig. Um seinen Umzug und seinen Geburtstag zu feiern, nahm ich mir ein paar Tage frei und überraschte ihn mit einem Umschlag, der zwei Bahntickets nach Amsterdam enthielt. Es war Januar 2011, und als wir aus dem Bahnhof traten, atmeten wir in der strahlenden Morgenluft kleine Wölkchen. Wir wollten die Stadt zu Fuß erkunden. Auf dem Plan standen: ein Besuch im Anne-Frank-Haus, ein Zwischenstopp auf dem Markt, um Matjes zu probieren und eine Bootsfahrt durch die Kanäle. Aber wir kamen nicht weit. Nach etwa jedem Block musste ich stehen bleiben, ein tiefer Husten quälte meinen Körper, sodass mir schwindelig wurde und hinter meinen Schläfen Stimmgabeln zu schwingen schienen.

Ich war so schlapp, dass wir den größten Teil des Wochenendes in unserem schäbigen Zwei-Sterne-Hotel im Rotlichtbezirk verbrachten. Die Hotelbettwäsche hatte überall Brandflecken, ein schmutziges Fenster blickte auf einen Kanal hinaus, und das Scheppern einer immer wieder aussetzenden Heizung hallte durch die trostlosen Korridore. Aber wenn man verliebt ist, ist es völlig egal, wo man ist, alles fühlt sich an wie ein Abenteuer. Bei unserer Ankunft drehte ich mich zu ihm und sagte aufgeregt: »Das ist mein absolutes Lieblingshotel!«

Obwohl es mir nicht gut ging, war ich fest entschlossen, dass unsere erste gemeinsame Reise unvergesslich werden sollte. Und so stand ich am Nachmittag von Wills Geburtstag in einem Coffee-Shop im Souterrain und kaufte eine Dose Magic Mushrooms von einem schlaksigen weißen Jungen mit Dreadlocks. »Ach komm, sei nicht so spießig«, sagte ich zu Will, der noch nie zuvor welche ausprobiert hatte und Bedenken zu haben schien. »Na gut«, willigte er schließlich ein. »Wenn die Maya recht hatten, kommt dieses Jahr sowieso das Ende der Menschheit. Machen wir es richtig.« Wir gingen ein paar Straßen weiter in ein äthiopisches Restaurant zum Abendessen, und als der Kellner nicht hinsah, streute ich eine Handvoll der Pilze über einen dicken Eintopf aus gewürzten Linsen. »Du bist verrückt, weißt du das?« Will schüttelte den Kopf, während er skeptisch die gestreckten Linsen mit einem Stück injera auftunkte.

Der Nebel hing tief über der Stadt, als wir uns nach dem Essen zum Hotel aufmachten. Wir trotteten durch die matschigen Straßen und über vereiste Brücken, wichen klingelnden Radfahrern aus, die an uns vorbeiflitzten. Im Rotlichtbezirk leuchteten Silhouetten hinter Fenstervorhängen. Eine Ampel wurde orange, rot, grün, dann explodierte sie in einem Regenbogen. Ich sah unser Hotel, dessen Neonschild flimmerte wie glühende Kohle. Wir gingen schneller, denn wir wollten in unserem Zimmer sein, bevor die Drogen die volle Wirkung entwickelten. Als wir da waren, hatten sich die Poren meiner Haut in kleine Schlote verwandelt, die Flammen ausspuckten. Ich riss mir die Kleider vom Leib und legte mich ausgestreckt auf die Matratze, um mich abzukühlen. Unterdessen fing Will an, mit Bettzeug und Kissen ein Fort zu bauen, sodass über dem Bett ein Zelt entstand. »Komm rein, das ist sehr gezellig«, sagte ich und klopfte auf den freien Platz neben mich. Gezellig, diesen unübersetzbaren niederländischen Ausdruck, der ungefähr so viel wie »gemütlich« bedeutet, hatten wir zu unserem neuen Lieblingswort erkoren. Will schlüpfte unter das Dach aus Laken und legte sich neben mich.

»Herrgott, du glühst ja«, sagte er, als er mir die Hand auf die Stirn legte.

In diesem Moment dachte ich, das bedeutete nur, dass die Drogen wirkten, und zwar gut. Aber während der nächsten Stunden stieg mein Fieber immer höher, bis es sich anfühlte, als würde mein ganzer Körper in Flammen aufgehen. Ich fing an zu zittern. Schweiß sammelte sich in den Höhlungen meiner Schlüsselbeine, und ich weiß noch, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben verletzlich fühlte. »Ich komme mir vor, als wäre ich aus Eierschalen«, sagte ich immer wieder zu ihm. »Bleiben wir einfach für immer hier, ja?«

Will machte sich zunehmend Sorgen und schlug vor, in die Notaufnahme zu fahren. »Ich will mich um dich kümmern«, sagte er.

»Non merci, ich bin zäh.« Ich präsentierte ihm meinen Bizeps.

»Wir können direkt mit dem Taxi hinfahren und sind in null Komma nichts wieder da.«

Ich weigerte mich und schüttelte ablehnend den Kopf, bis er aufgab. Ich wollte nicht zu den dämlichen Touristen gehören, die nach Amsterdam fuhren, ein paar Pilze einwarfen und im Krankenhaus landeten.

Am nächsten Nachmittag stiegen wir in einen Zug zurück nach Paris. Das Fieber und die Halluzinationen hatten sich verflüchtigt, nicht aber das Gefühl der Zerbrechlichkeit. Mit jedem Tag fühlte ich mich schwächer, weniger lebendig. Es kam mir vor, als würde jemand mein Innerstes ausradieren. Die Silhouette meines alten Ich war immer noch sichtbar, aber innerlich verwandelte ich mich in ein unleserliches Pergament.

4 FLUG DURCHS ALL, WEG VON DER ERDE

WIEDERINPARISangekommen, ging ich zum Arzt, aus dem üblichen Grund, weshalb zweiundzwanzigjährige junge Frauen zum Arzt gehen: Empfängnisverhütung. Das Ärztezentrum war ein schäbiges Labyrinth mit abblätternden Wänden, überfüllten Wartezimmern und flackernden Glühbirnen an den Decken. Die anderen Patientinnen, von denen die meisten Immigrantinnen zu sein schienen, manche mit nordafrikanischen Wurzeln wie ich, unterhielten sich in einer Mischung aus Arabisch und Französisch, während sie entweder versuchten, zappelnde Kleinkinder im Zaum zu halten, oder in Zeitschriften blätterten. Als ich mich umblickte, bekam ich plötzlich Heimweh. Der Übergang von meinem Kinderarzt mit den Lutschern in der Tasche, der mich den größten Teil meines Lebens behandelt hatte, zu dieser kalten, heruntergekommenen Großpraxis war eine schrille Erinnerung daran, dass ich jetzt auf mich allein gestellt war. Ich war kein Kind mehr, aber ich fühlte mich noch nicht gerüstet für die fluoreszierende, bürokratische Erwachsenenwelt.

Schließlich wurde mein Name aufgerufen. Eine Arzthelferin krempelte den Ärmel meiner Bluse hoch und suchte nach einer brauchbaren Vene. Solange ich denken konnte, hatte ich Angst vor Spritzen gehabt. Ich wandte das Gesicht ab, fixierte den Boden und hielt den Atem an, als die Nadel die Haut durchbohrte. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich einen purpurroten Strahl. Keine große Sache, sagte ich mir. Ich atmete aus, während sich das Röhrchen füllte. Fast fertig.

Etwa eine Stunde später wurde ich ins Sprechzimmer geführt, wo ein schnauzbärtiger Mann im Arztkittel hinter einem großen Holzschreibtisch saß. Ich nahm Platz. »Was führt Sie zu mir?«, fragte er mich auf Französisch.

»Ich würde gerne die Pille nehmen«, sagte ich.

»Das dürfte kein Problem darstellen.« Er warf einen Blick auf ein Blatt Papier und ging die Ergebnisse meines Bluttests durch. Mit einem leichten Stirnrunzeln hielt er inne. »Bevor wir die unterschiedlichen Möglichkeiten besprechen – fühlen Sie sich in letzter Zeit müde?«

Ich nickte eifrig.

»Ihr Blutbild zeigt, dass Sie an einer Anämie leiden – Sie haben zu wenige rote Blutkörperchen.« Ich musste beunruhigt ausgesehen haben. »Keine Sorge«, fügte er hinzu, »Anämie ist bei jungen Frauen recht häufig. Haben Sie starke Monatsblutungen?«

Ich zuckte die Achseln, da ich mir nicht sicher war, was genau »stark« bedeutete. »Wahrscheinlich schon.« Nach einem Jahrzehnt mit Krämpfen war für mich jede Menstruation eine zu viel.

»Dann könnte es daran liegen«, sagte der Arzt. »Ich verschreibe Ihnen die Pille und ein tägliches Eisenpräparat. Das sollte Ihnen bald mehr Energie verleihen.«

Auf der Heimfahrt mit der métro zählte ich die Haltestellen bis zur Rue Dupetit-Thouars, immer noch ganz benommen von der Tatsache, zu einem Mann und in eine Wohnung zu fahren, die beide mir gehörten. Mit von der Kälte geröteten Wangen platzte ich herein, umarmte Will und erzählte ihm von der Anämie und dem Eisenpräparat, während ich eine Flasche Wein öffnete. »Deshalb war ich ständig so verdammt fatiguée.« Ich war zuversichtlich gestimmt und lächelte ihn an. »Wie war dein Tag?«

»Mila hat geweint, weil sie sich den Ellbogen auf dem Karussell am Champ de Mars aufgeschürft hat, aber ich konnte sie beruhigen und alles war wieder gut. Ich würde also sagen, es war eine ziemlich bonne journée.« Will nahm Französischunterricht und arbeitete mittlerweile als »Manny« – eine männliche Nanny –, wie ich ihn zwar ausdrücklich nicht nennen durfte, es aber trotzdem tat, und zwar so oft wie möglich. Jeden Nachmittag, wenn ich in der Anwaltskanzlei war, holte er die vierjährige Mila vom Kindergarten ab und unternahm etwas mit ihr. Sie hatte Pausbäckchen und eine krause braune Lockenmähne. Am allerliebsten saß sie auf Wills Schultern, wo sie alles, was auf der Straße passierte, von oben betrachten konnte, während sie ein Croissant knabberte und allen, die ihr zuhörten, zurief: »Ich bin das größte Mädchen von ganz Paris!« Während Will von ihrem neuesten Abenteuer erzählte, zupfte ich ihm Croissantkrümel aus den Haaren.

Die Beschäftigung als Manny war nur als Übergangslösung geplant, nur bis Will in Paris Fuß gefasst hatte, und obwohl er sein amerikanisches Diplom damit nicht gerade nutzbringend verwendete, schien ihm das nichts auszumachen. Es war regelmäßiges Geld, das er unter der Hand bekam und wofür er kein Arbeitsvisum brauchte. Außerdem konnte man seine Nachmittage auch schlechter verbringen, als eine fremde Stadt mit einer vierjährigen Führerin zu erkunden. Ich hingegen war weniger optimistisch, was meinen Job betraf. Es fiel mir immer schwerer, den Arbeitstag durchzustehen. Der Juckreiz war schwächer geworden, seit ich nach Paris gezogen war, aber ich war so schlapp und erschöpft, dass ich bis zu acht Espressi am Tag trank. Ich machte mir langsam Sorgen, dass meine Erschöpfung andere Ursachen haben könnte. Vielleicht bin ich einfach nicht für das richtige Leben geschaffen, hatte ich in mein Tagebuch geschrieben. Aber der Arzt in der Gemeinschaftspraxis hatte eine andere Erklärung geliefert: Blutarmut, und das bedeutete, meine Abgeschlagenheit lag in mir, nicht an mir, und ich war dankbar für diese Unterscheidung.

Es wurde spät, und die Weinflasche stand nun leer auf dem Schrankkoffer. Ich erhob mich schwankend und verkündete, es sei längst an der Zeit, unsere Vorsätze, die wir uns ein paar Wochen zuvor an Silvester vorgenommen hatten, umzusetzen. Ich liebte das jährliche Ritual, eine Liste von Vorsätzen zu machen: Ich schrieb ständig Notizbücher voll mit To-do-Listen und Träumen. Alles, was wie ein Plan aussah, ganz egal, wie unsicher, glich die Unsicherheit und Unklarheit aus, die ich gegenüber der Zukunft empfand. Will war zwar kein großer Planer, aber er machte mit. Im kommenden Frühjahr, sagte er, wolle er sich an der Graduiertenschule bewerben, vielleicht am Sciences Po, dem Pariser Institut für politische Studien. Ich gelobte, mir einen neuen Job zu suchen, bei dem ich am Ende jedes Tages nicht völlig erledigt war und etwas anderes tun konnte, als Fotokopien zu machen oder meine Füße vor meinem Chef zu verstecken.

Während der nächsten zwei Monate versuchte ich, meine guten Vorsätze umzusetzen: Ich polierte meinen Lebenslauf auf, verschickte Bewerbungen und kontaktierte ehemalige Professoren und Betreuer. Meistens saß ich aber in dem trostlosen Wartezimmer der Gemeinschaftspraxis, wo ich ein halbes Dutzend Mal hinmusste, um mich wegen diverser Erkältungen, einer immer wiederkehrenden Bronchitis und Harnwegsinfektionen behandeln zu lassen. Jedes Mal wurde ich zu einem anderen Arzt geschickt. Jedes Mal erzählte ich meine Krankengeschichte von Neuem, und mit jedem Besuch wuchs die Liste meiner neuesten Leiden. Ich nahm die Eisenpräparate nach Anweisung, aber statt mich kräftiger zu fühlen, wurde ich immer ausgelaugter. In Anbetracht der wechselnden Ärzte fragte ich mich, wer eigentlich den Überblick über die ganzen Details behielt – wer auf mich achtgab, falls es überhaupt jemand tat.

Als ich eines Nachmittags wieder zu einer »Routine«-Blutuntersuchung dort war, stiegen mir Tränen in die Augen. »Was ist denn los?«, fragte die Schwester, die mir das Blut abnahm.

Ich war mir nicht mehr sicher.

Wenn man jeden Tag über viele Monate hinweg rund um die Uhr müde ist, dann merkt man nicht, dass man immer kränker wird. Als ich schließlich eine Überweisung zu einem Arzt im American Hospital of Paris bekam, war ich so schwach, dass ich es nur mit Mühe schaffte, die Leiter zu unserem Hochbett hinauf- oder hinunterzusteigen. An einem ungewöhnlich warmen Freitagnachmittag Ende März verließ ich die Wohnung, um zu einem Termin zu gehen. Eigentlich hätte die Fahrt mit der métro dreißig Minuten dauern sollen, aber ich brauchte Stunden und landete in einem Viertel von Paris, das ich nicht wiedererkannte. Ich lief im Kreis und suchte nach dem Krankenhaus, nur um irgendwann zu begreifen, dass ich an der falschen Haltestelle ausgestiegen war. Während ich auf den Bus wartete, der mich nach Neuilly-sur-Seine bringen sollte, eine Vorstadt im Westen von Paris, wo sich das Krankenhaus befand, wurde mir schwindelig. Um mich herum schimmerten prächtige Villen und teure Autos in der Sonne. Vögel flatterten zwischen den herzförmigen Blättern einer Linde hindurch. Eine Mutter ging Hand in Hand mit ihren zwei blonden Kindern die schattige Seite der Straße entlang. Mir drehte sich der Kopf. Ich sah Sternchen, und plötzlich wurden die Häuser, die Autos, die Vögel, die Mutter zu goldenen Punkten vor pechschwarzem Hintergrund. Eben stand ich noch da, und im nächsten Moment kippte ich zur Seite um und schlug mit dem Kopf auf dem Gehsteig auf.

»Ça va, Mademoiselle?«, fragte eine ältere Dame, als ich zu mir kam, die rissigen Lippen besorgt zusammengekniffen.

»Non«, antwortete ich und fing wieder an zu weinen. Ich konnte Will nicht erreichen, der mit Mila beim wöchentlichen Schwimmunterricht war, und meine Eltern waren viertausend Meilen weit weg. Ich flog durchs All, nahm immer mehr Tempo auf und wirbelte immer weiter weg von der Erde. Ich hatte mich noch nie so allein gefühlt.

Als ich schließlich im Krankenhaus ankam, dämmerte es bereits. Ein Mann, der sich als Dr. K. vorstellte, begutachtete mich kurz im Untersuchungszimmer und entschied sofort, mich ins Krankenhaus einzuweisen, um weitere Tests zu machen. »Vous n’avez vraiment pas bonne mine«, sagte er zu mir. (Übersetzt: Sie sehen scheiße aus.) Ein Pfleger schob mich in einem Rollstuhl in einen weißen Raum mit einem großen Fenster. Die Sonne ging unter, und ich sah zu, wie dunkle violette Wolken über den Horizont zogen und mit Regen drohten. Zum letzten Mal war ich bei meiner Geburt im Krankenhaus gewesen.

Das American Hospital of Paris sah anders aus als jedes Krankenhaus in den Staaten, das ich je gesehen hatte. Mein Zimmer war luxuriös, größer als meine Einzimmerwohnung, und die weißen Wände waren in Sonnenlicht gebadet. Ich freute mich auf die Frühstückstabletts, die jeden Morgen ungefragt an mein Bett gestellt wurden und mich mit dem Duft eines buttrigen Croissants und eines Café au Lait weckten. Mit dem Frühstück kam eine tägliche Dosis Prednison, ein Allerweltssteroid, das mir aus Gründen verschrieben wurde, die unklar blieben, aber innerhalb von zweiundsiebzig Stunden fühlte ich mich damit munter genug, hinunter in den Hof des Krankenhauses zu gehen, wo ich mir nachmittags die Zeit damit vertrieb, in mein Notizbuch zu schreiben, Zigaretten von den anderen Patienten in Frotteebademänteln zu schnorren und mit glasigen Augen die Blumenbeete anzustarren. Wenn Will Mila abends ins Bett gebracht hatte, kam er zu mir ins Krankenhaus. Er brachte Scrabble mit, und wir blieben lange wach, unterhielten uns und spielten ein Spiel nach dem anderen. Eine Krankenschwester hatte ihm eine Besucherliege angeboten, damit er über Nacht bleiben konnte.

»Danke, dass du da bist«, murmelte ich erschöpft, wenn wir in unseren getrennten Betten einschliefen.

»Es macht mich zum allerglücklichsten Menschen, mit dir zusammen zu sein, für mich waren das die glücklichsten Monate meines Lebens«, sagte Will und ergriff meine Hand. »Niemand ist wie du. Es gibt niemanden, der mich mehr dazu drängt zu leben – der mich mehr dazu bringt, ich sein zu wollen, als du. Dein Hunger danach, mehr zu wissen und dich besser zu kennen, bringt mich dazu, besser sein zu wollen. Was wir zusammen aufbauen, ist groß. Und bald bist du raus hier, und wir können mit unserem Leben weitermachen.«

Während meines einwöchigen Krankenhausaufenthalts machten die Ärzte alle nur denkbaren Tests, von HIV über Lupus bis hin zur Katzenkratzkrankheit. Alle negativ. Ich beantwortete unzählige Fragen: Nein, bisher keine Operationen oder Krankenhausaufenthalte, keine Vorerkrankungen, ein Großvater starb an Prostatakrebs, der andere an einem Herzinfarkt, aber abgesehen davon gab es keine Krankheiten in der Familiengeschichte, und ja, wenn man Tanzen in Nachtclubs dazuzählte, dann machte ich regelmäßig Sport. Als Dr. K. sich meine roten Blutkörperchen unter dem Mikroskop ansah, stellte er fest, dass sie vergrößert waren, und deutete an, dass ich womöglich eine Knochenmarkbiopsie benötigen würde. »Wie viel Alkohol trinken Sie?«, fragte er mich eines Nachmittags, als er über meinem Bett stand. »Zu viel«, piepste ich. »Ich habe gerade den Abschluss am College gemacht.« Er machte sich auf einem Block Notizen, während er aus dem Zimmer ging. Letztlich befand er dann, eine Biopsie sei für jemanden in meinem Alter unnötig. Ich vertraute ihm. Immerhin sollen Jugend und Gesundheit Hand in Hand gehen.

»Sie brauchen Ruhe«, schloss Dr. K. »Ihre roten Blutkörperchen geben mir immer noch Rätsel auf, aber ich sehe keinen Grund zur Beunruhigung. Ich mache jetzt Urlaub, aber in zwei Wochen bin ich zurück, dann sehen wir, wie es Ihnen geht.« Damit entließ er mich mit der Diagnose eines sogenannten »Burn-out-Syndroms« und schrieb mich einen ganzen Monat krank.

Auf der Heimfahrt aus dem Krankenhaus mit der métro schrieb ich in mein Notizbuch:

Wichtige medizinische Details – bitte merken:

Dr. K. trägt eine Prada-Brille.Will und ich wurden beinahe von einer Krankenschwester beim Sex im Bad meines Zimmers erwischt.Man kann Crème brûlée und Sekt aus der Krankenhauscafeteria direkt ins Zimmer bestellen.Ich bin mir ziemlich sicher, dass das hier ein Country Club ist, der als Krankenhaus getarnt ist.Was zum Henker ist ein »Burn-out-Syndrom«?

Zugegebenermaßen war ich ganz begeistert über die einmonatige Krankschreibung, aber aus dem Rest wurde ich nicht schlau. Ohne die tägliche Dosis Prednison ließ meine Energie bereits nach. Zusammengesunken in dem kalten Plastiksitz der métro sitzend und gegen den Schlaf ankämpfend, dämmerte mir, dass Dr. K. womöglich harte Arbeit und einen heftigen Lebenswandel für die einzigen Schuldigen hielt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er oder einer der anderen Ärzte, bei denen ich gewesen war, mich ernst nahmen. Aber ich kann auch nicht behaupten, dass ich selbst es tat. Ich machte den Mund nicht auf. Stattdessen tat ich die Zweifel ab, die sich in meinem Kopf im Kreis drehten. Immerhin hatten sie Medizin studiert, nicht ich.