Zwischen Kirche und Kiez - Karl Schultz - E-Book

Zwischen Kirche und Kiez E-Book

Karl Schultz

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Beschreibung

Womit man auf der Großen Freiheit in Hamburg wohl am wenigsten rechnet, ist eine katholische Kirche. "Dabei sind wir hier der älteste Club – seit 1658!", sagt Pfarrer Karl Schultz. Auf St. Pauli, wo es neben viel buntem Licht auch jede Menge Schatten gibt, finden Menschen nicht unbedingt den Weg in den Gottesdienst; also sucht Pfarrer Schultz sie da auf, wo sie sind. Und weil er Pfarrer ist und kein Polizist, vertrauen sich ihm auch jene an, die nicht allzu viel mit der Kirche am Hut haben. Das war schon so, als Schultz noch evangelischer Diakon in Rostock war. Vor über 20 Jahren konvertierte er zum katholischen Glauben und ist jetzt angekommen – auf dem Kiez, bei den Menschen.

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Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Karl Schultz

Zwischen Kirche und Kiez

Ansichten eines Pfarrers

 

 

 

Über dieses Buch

Womit man auf der Großen Freiheit in Hamburg wohl am wenigsten rechnet, ist eine katholische Kirche. «Dabei sind wir hier der älteste Club – seit 1658!», sagt Pfarrer Karl Schultz. Auf St. Pauli, wo es neben viel buntem Licht auch jede Menge Schatten gibt, finden Menschen nicht unbedingt den Weg in den Gottesdienst; also sucht Pfarrer Schultz sie da auf, wo sie sind. Und weil er Pfarrer ist und kein Polizist, vertrauen sich ihm auch jene an, die nicht allzu viel mit der Kirche am Hut haben. Das war schon so, als Schultz noch evangelischer Diakon in Rostock war. Vor über 20 Jahren konvertierte er zum katholischen Glauben und ist jetzt angekommen – auf dem Kiez, bei den Menschen.

Vita

Karl Schultz, geboren 1957 in Wittenburg, einer Kleinstadt in Westmecklenburg. Evangelisch sozialisiert, Religionspädagogik in Pommern und Sachsen studiert. Tätig in der evangelischen Diakonie und später in der Jugendarbeit. 1998 zur katholischen Kirche konvertiert, Philosophie und kath. Theologie studiert, nach der Priesterweihe 2003 Kaplan und Studierendenseelsorger in Lübeck und seit 2010 Kiezpfarrer in St. Joseph, Hamburg-Altona.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2022

Copyright © 2022 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Covergestaltung zero-media.net, München

Coverabbildung Udo Lindenberg

ISBN 978-3-644-01180-9

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Vorwort

Ansichtssachen

Weg wird Weg im Gehen

Das Jahr 2010

St. Joseph auf der Großen Freiheit

Der Mythos St. Pauli – ein Klischee?

Kirche der offenen Türen

St. Joseph by Night

Udos Zehn Gebote und der Beginn einer Freundschaft

Ein Bulle, ein Pfaffe und ein Lude

Kneipen und andere Nachbarn

Wohlers

Sünde

Trattoria 500 & Teigtasche

Silbersack & Elbschlosskeller

Die Olivia Jones Family

Davidwache

Der Millerntor-Club – FC St. Pauli

Kneipen und andere Nachbarn

Aspekte einer Gesellschaft und einer Kirche der Zukunft

Gedanken am Schluss

Tafelteil

Der Gemeinde St. Joseph auf der Großen Freiheit

und den Menschen auf dem Kiez

in dankbarer Verbundenheit

gewidmet

Vorwort

von Udo Lindenberg

Auf einmal stand er vor mir, der Gottesmann mit Hut und schwarzer Brille, und sprach mich an: «Ich bin Karl, der neue Kiezpfarrer, das ist doch auch dein Revier, der Kiez. Deine Bilder zu den Zehn Geboten müssen unbedingt in unserer Kirche St. Joseph auf der Großen Freiheit präsentiert werden.»

Gesagt, getan, da sind wir immer spontan flexibel. Im Januar/Februar 2017 wurde die Ausstellung in seiner Kirche realisiert. Es folgten zwei weitere 2017 in der Gaukirche St. Ulrich in Paderborn anlässlich des Liborifestes, ein Event, das von der Stadt und der katholischen Kirche gemeinsam im großen Stil veranstaltet wird, und 2018 in der Liebfrauen-Überwasserkirche in Münster anlässlich des Katholikentages – zwei Megaveranstaltungen ausgerechnet in den beiden «schwarzen» Bistümern, wo sich viele Katholiken an meinen Bildern erfreuten und sich inspirieren ließen. Nächste Orte sind in Planung, damit die Zehn Gebote etwas Licht in das gegenwärtige Dunkel bringen, denn der FC Vatikan hat mal wieder ein Eigentor geschossen: Segnungsverbot für Homosexuelle, das geht gar nicht, und das versteht auch keiner, nicht mal Karl. Und deshalb steht er absolut hinter der Ausstellung mit den etwas frechen und provozierenden Bildern, die zum Reflektieren, zum Dialog und zum Vordenken anstiften. Er ist der richtige Gottesmann auf dem Kiez. Er zeigt Haltung. Toleranz und Respekt, Offenheit und Freiheit sind Erkennungszeichen eines Mannes, der für seine Kirche malocht, obwohl sie ziemlich am Pranger steht, und teils zu Recht. Darunter leidet Karl wie ein geprügelter Hund. Bei vielen Gelegenheiten gelingt es ihm dennoch, eine Seite von Kirche zu vermitteln, die auch vorhanden ist – eine mitfühlende und solidarische Kirche und eine, die nicht von oben herab belehrend daherkommt. Da hat er keine Berührungsängste, der couragierte Gottesmann auf immer heißer Spur zwischen Kirche und Kiez. Er ist ein prima Kumpel und ein glaubwürdiger Sympathievertreter seiner angefochtenen Zunft, und deshalb ist er auch unser Panik-Seelsorger, ob am Grab, wo er gute und richtige Worte gesprochen hat, oder in der persönlichen Begleitung von Menschen aus der großen Panik-Family in Lebenskrisen – nie aufdringlich, aber immer am Start, wenn er gebraucht wird. In unseren Gesprächen während der Panik-Tour, auf dem Rockliner oder in der Panik-Zentrale taucht überraschend frohlockend sein Humor auf wie Phönix aus der Asche, das ist eine solide Basis. Für unsere Show und speziell für den «Jeremias»-Song war er unser Geheimrat für Kirchenfragen zu Themen wie Ehe, Zölibat und andere heiße Eisen. Er hat uns gut beraten. Die Dinge des Lebens aus seiner Sicht zu hören, bereichert viele Menschen – auch mich. Es müssten ein paar mehr Kirchenexperten seines Schlages unterwegs sein.

 

Hamburg, im Juni 2021

Udo Lindenberg

Ansichtssachen

«Wir fahren auf Sicht» ist aktuell eine oft gebrauchte Redewendung. Schnell wird deutlich, dass es sich um Sichtverhältnisse handelt, um das Sehen und um das Gesehenwerden. Vielleicht wäre statt Sicht auch das Wort Blick angemessen. Ähnlich wie das Hören ist auch das Sehen ein sinnlicher Vorgang, und zwar ein individueller. Es geht um meine Sicht, um meinen Blick, um mein Gesicht. Nicht dieses Stammwort von seinem Ursprung her bis zur Gegenwart etymologisch zu erklären, ist meine Ab-Sicht, sondern vielmehr den vieldeutigen Klang zum Schwingen zu bringen, der entsteht, wenn wir von An-Sicht, Rück-Sicht, Welt-Sicht, Weit-Sicht, Kurz-Sicht, Vor-Sicht, Nach-Sicht oder von Aus-Sicht sprechen. Da schwingen eben auch unsere Erfahrungen und Standpunkte mit oder unsere Sichtweisen, unsere Blickrichtungen, manchmal auch bloß unsere Träume und Phantasien – aber was heißt hier «bloß»? Die lebendige Sprache, so glaube ich, ist ein wesentliches Element der Mitteilung. Ich teile etwas mit, ich teile mit anderen etwas. Dabei nehme ich dieses Wort streng und wörtlich. Nicht nur als «Mitteilung» über irgendetwas, sondern als wirkliche Mit-Teilung, bei der eine Wirklichkeit, nämlich meine Wirklichkeit, im Spiel ist, an der einem anderen Menschen Anteil gegeben wird, an der ein Leser, eine Leserin durch die Lektüre dieses Buches Anteil erhält an meiner Wirklichkeit, an meinen Sichtweisen – und dazu wünsche ich allen im besten Sinne des Wortes viel Vergnügen!

 

An einem gewöhnlichen Montag im Jahre 2020: Wie so oft eilt mir die Zeit davon. Eingebunden in das alltägliche Vielerlei, bedrängt von Sorgen und dem Grau des Novembers, versuche ich, mit meiner bewährten Überlebensstrategie meine Tage zu meistern. Ich suche und greife pragmatisch nach dem, was sich Tag für Tag als Lösung anbietet, ich wurschtle mich durch. Ein paar Rituale helfen mir, den Tag – meine Zeit! – sinnvoll zu bestehen.

Die beherrschenden Meldungen des Tages: Erleichterung und Euphorie in Amerika und weltweit über den Wahlsieg von Biden und zugleich Entsetzen über die Reaktion von Trump. Der Wahlkampf war heftig, das Land ist gespalten. Wird es wieder zur inneren Einheit finden? War es überhaupt je innerlich geeint? Und wird Trump das Faktische anerkennen? «Alternative Fakten», ein sehr merkwürdiger Begriff, den man in der Rück-Sicht auf die Ära Trump als ein Merkmal seiner Amtszeit festhalten wird.

Auch in Europa, auch in Deutschland wirken die Fliehkräfte, treibt es uns gesellschaftlich auseinander. Fritz Riemann beschäftigt sich in seinem Buch: «Grundformen der Angst» mit solchen Phänomen wie der Fliehkraft. Sie, das Zentrifugale, ist die Kraft, die der Mitte flieht, also nach außen strebt – nach «rechts-außen» oder nach «links-außen». Wie viel Extremismus erträgt eine demokratische und offene Gesellschaft? Die erste deutsche Demokratie ist daran zerbrochen!

Und dann seit Monaten routinemäßig das aktuelle Pandemiegeschehen. Ja, und mittendrin auch jene, die ihre eigenen Realitäten, ihre eigenen Fakten haben, die in ihren eigenen Welten leben und das mit dem Begriff «Querdenken» legitimieren. An-Sichten prallen unversöhnlich aufeinander. In Leipzig eskaliert der «Protest» auf der Straße, genauso wie in Berlin, in New York, in Minsk, in Hongkong oder anderswo – leider ist Leipzig überall, auch eine Art von Globalisierung. Indes ist mir dieses völlig klar: Jede Straße hat ihre eigene Geschichte, ihre eigene Logik, ihre eigene Problematik, ihr eigenes Recht, ihre eigene Legitimität.

Es ist schwer oder fast unmöglich geworden, sich zu streiten. Argumente werden durch Emotionen ersetzt. Echokammer heißt das Stichwort: Viele halten sich nur noch dort auf, wo die eigene Meinung, die eigene Ansicht (er)zählt oder bestätigt wird. Die Bereitschaft oder mehr noch die Fähigkeit anzuerkennen, dass es auch andere An-Sichten gibt und dass auch sie ihr Recht haben, nimmt bedrohlich ab. Und auch hier sind «alternative Fakten» ein großes Problem. Über einen Fakt kann und muss man streiten dürfen und sollte das auch tun. Kontroversen gehören zu einem fruchtbaren Dialog. Und in der Tat können und müssen konkrete Fakten unterschiedlich betrachtet und beurteilt werden. Wenn aber eine Seite den Fakt als solchen gar nicht anerkennt, kann man sich eben auch nicht drüber streiten.

Meiner Ansicht nach hängt die komplizierte Gesprächskultur auch damit zusammen, dass noch vor einer Generation die öffentliche Debatte ausschließlich von Eliten geführt wurde. Ihnen standen alle Medien zur Verfügung, während gleichzeitig die sogenannten kleinen Leute abseits und unter sich am Stammtisch diskutierten. Erst mit und in den «sozialen Medien» können sich diese beiden Sprach-, Denk- und Gefühlswelten direkt begegnen und gleichberechtigt einbringen und darstellen. Es ist anstrengend, aufeinander zu hören, den jeweils anderen zu respektieren und gelegentlich zu unterstellen, dass auch seine Wahrheit Substanz hat: Es ist anstrengend, darauf verzichten zu wollen, zu müssen, eine «brennende Meldung» jeweils einseitig zu interpretieren, aber diese Anstrengung lohnt sich. Öffentliche und allen zugängliche Medien haben geltend gemacht: Es gibt kein Monopol auf Deutungshoheit.

Aber vielleicht sind diese «brennenden» Meldungen von heute bald wieder vergessen. Wirklich ruhige Zeiten gab es ja nie! Schon morgen oder übermorgen wird uns Neues und Aufregendes in Beschlag nehmen und die Schlagzeilen bestimmen.

Sind die vielen Ereignisse, ist vielleicht meine «zeitliche» Biographie mit all dem Vielerlei nur ein lichter Augenblick zwischen Noch-nicht-Sein und Wieder-zu nichts-Werden; ein Produkt des Zufalls, das vergeht, ähnlich einer Eintagsfliege, von deren Werden und Vergehen kein Aufhebens zu machen ist? Sind Geschick und Geschichte verloren oder belanglos? Auch das ist wohl Ansichts-Sache.

Meiner Ansicht nach ist es gut und wichtig, nach der Rück-Sicht, nach der Vor-Sicht, nach den Ein-Sichten und nach der Aus-Sicht zu fragen. Mit dieser An-Sicht stehe ich hoffentlich nicht allein da. Es ist ja die Sehnsucht so vieler, für die der mühselige Alltag mehr ist als ein bloßes Funktionieren-Müssen. Es ist das Verlangen derer, die noch fragen können, noch suchen wollen, für die es alle Tage mehr gibt als einen gewöhnlichen Montag im November.

 

Dieser Montag ist nicht gewöhnlich, es ist der 9. November, ein wahrhaft geschichtsträchtiges Datum, und wir haben Grund und Anlass, uns dieser Geschichte zu erinnern, zu stellen. Ich bin kein Historiker, ich bin allenfalls ein Geist unserer Zeit und jemand, der nur zu gut weiß: Wo Licht ist, sind auch Schatten. Aber wir haben nicht das Recht, uns nur sonnen zu dürfen. Wir meiden allzu oft die Schatten der Geschichte, auch der eigenen Lebensgeschichte, und tun so, als gäbe es sie nicht – zu viel Schuld, zu viel Verantwortung, zu viele Wunden, zu viel Dunkel, zu viel Kälte und zu wenig Licht und Wärme. Da steigt uns gelegentlich die Schamröte immer wieder ins Gesicht oder anders gesagt, meldet sich immer wieder unser Gewissen.

«Mal muss damit Schluss sein» – diesen Zwischenruf hören wir manchmal, nein, zu oft. Vielleicht denken wir ihn heimlich auch. Dieser Zwischenruf hat zuweilen politische Konjunktur, «es war doch nur ein Vogelschiss in der Geschichte unseres Volkes». Eine Erinnerungskultur, auch an den 9. November, ist ja nicht nur gut für die Geschichtsbücher, sondern auch für die Seelenhygiene eines Volkes, jeder einzelnen Seele. Sie sensibilisiert jede Generation aufs Neue.

 

«Es lebe die deutsche Republik!» Mit diesen Worten rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Balkon des Reichstages am 9. November 1918 die erste deutsche Republik aus. Er gehörte zu den profiliertesten Protagonisten und Repräsentanten seiner Zeit, der Weimarer Republik. Aber sie schwankte, diese erste deutsche Demokratie. In weiten Kreisen des Bürgertums, aber eben auch in der Arbeiterschaft. Der Verlust der Monarchie und der verlorene Erste Weltkrieg mit seinen Folgen für Deutschland waren noch nicht verdaut. Mit der Demokratie fremdelte man. Arbeitslosigkeit, Inflation und der «schwarze Freitag» gaben ihr eine ökonomische Labilität, die politischen Ränder links und rechts wurden gestärkt, so sehr, dass die Nationalsozialisten unter der Führung von General Erich Ludendorff und dem Weltkriegsgefreiten Adolf Hitler am 9. November 1923 einen Putsch in München wagten. Er scheiterte jedoch kläglich. Der Marsch zur Feldherrnhalle endete in der Festung Landsberg, jedenfalls für Hitler, der zu mehrjähriger Haft verurteilt wurde, aber wegen «guter Führung» davon nur neun Monate absaß. Neun Monate sind die Dauer einer Schwangerschaft. Der «Führer» ging schwanger mit einer menschenverachtenden Ideologie, gebar diese «Weltanschauung» in seinem Buch «Mein Kampf» und bereitete propagandistisch den 9. November 1938, die Reichspogromnacht, vor. Unvorstellbare brutale Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung. Brennende Synagogen und Zerstörung der jüdischen Geschäfte in aller Öffentlichkeit. «Ein Land ist nicht nur, was es tut – es ist auch das, was es duldet», formulierte Kurt Tucholsky nach dem 9. November 1938 und schrieb uns mit diesem zeitlosen Wort etwas ins Stammbuch, das an Aktualität nicht mangelt. Das «Dutzendjährige Reich» war eben kein Vogelschiss in der Geschichte! Der 9. November 1923 und 1938 legt sich wie ein langer Schatten, der bis in unsere Gegenwart reicht, über unsere Geschichte, über unser Land, über unsere Familien.

Aber nun darf auch das gesagt werden: Ab und zu heben sich die langen Schatten der Geschichte. Als einen Lichtstrahl habe ich den 9. November 1989 erleben dürfen, leibhaftig und irgendwie auch traumhaft, unwirklich, also surreal.

 

Es war an einem Donnerstagabend in Rostock. «Wende-Zeit». Es schien, als habe sich an diesem Abend des 9. November das Blatt der Geschichte wieder einmal gewendet. Ergebnis und Folge der Naziherrschaft war ja auch die Teilung unseres Vaterlandes in zwei deutsche Staaten – sichtbar durch die am 13. August 1961 erbaute Mauer, Synonym der in Beton gegossenen Trennung. Die Hauptargumente und Reaktionen der Machthaber in Ostberlin waren Stacheldraht und Schießbefehl, war ein autoritäres Regime, Gleichschaltung und flächendeckende Bespitzelung der eigenen Bevölkerung. Zynischer kann sich ein Staat, der sich Arbeiter- und Bauernstaat nannte, wohl nicht entpuppen.

Von 1987 bis 1992 war ich als evangelischer Diakon in der Kirchengemeinde St. Marien in Rostock tätig, also unmittelbar vor, während und nach der politischen Wende in der damaligen DDR. Mit Anfang dreißig zu erleben, dass eine Diktatur fast wie ein Kartenhaus zusammenfällt, und rückblickend bescheiden und auch etwas stolz sagen zu dürfen: «Du warst aktiv mit daran beteiligt», ist schon sehr bewegend. In der St.-Marien-Kirche war die Gebetsandacht zu Ende gegangen. Pastor Joachim Gauck, einer der geistigen und geistlichen Führer in der Wende in Rostock, hatte in der Andacht eindringlich davon gesprochen, dass man Recht Recht und Unrecht Unrecht nennen und der Angst den Abschied geben und den aufrechten Gang üben müsse. Für die anschließende Demonstration gab es dann Anweisungen, die wichtigste: Keine Gewalt! Mit einer Kerze in der Hand verließen etwa 15000 Menschen die fünf Hauptkirchen in Rostock. Vor den Kirchen schlossen sich noch weitere Gruppen an. Das war im November noch hoch gefährlich und riskant, denn bewaffnete «Organe» der sogenannten Bereitschaftspolizei und der Stasi lauerten in den Nebenstraßen, um eventuell loszuschlagen – wie es ja in Dresden, Leipzig oder Berlin geschah. In einem Sternmarsch bewegte sich der Demonstrationszug aus allen Richtungen auf den Schröderplatz zu und setzte von dort die Demonstration durch die August-Bebel-Straße fort, am Stasihauptgebäude vorbei bis zum Rathaus auf dem Neuen Markt, also entlang an den Machtzentren des Staates. Hier wurde die Nacht besonders dunkel und die Kerzen besonders hell. Vor der Stasi- und SED-Zentrale oder vor dem Rathaus, also vor den Machtzentralen des Regimes, entlud sich der Volkszorn. Das war besonders gefährlich, weil durch gezielte Provokationen die Situation jederzeit hätte völlig außer Kontrolle geraten und eskalieren können. Vorweg ging jemand mit einem Schmetterling, er war das Symbol der friedlichen Revolution in Rostock. Und während dieser Demonstration am 9. November 1989 verbreitete sich die unglaubliche Kunde: «Die Mauer ist gefallen!»

Bis zur ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 wurden die Andachten und nächtlichen Demonstrationen fortgesetzt, aber am 9. November erreichten sie einen vorläufigen Höhepunkt. Dieses halbe Jahr – Oktober 1989 bis März 1990 – hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Es war eine spannende, fordernde und auch eine humorvolle Zeit. Die Rufe der Demonstranten oder die Plakate legten Zeugnis davon ab, dass trotz großer Unsicherheit der Bann gebrochen war. Mit ungeahnter Kreativität und einem speziellen Humor (da war wohl auch Galgenhumor mit dabei!) verschafften wir uns Luft zum Atmen. Mitten im Herbst und Winter wurde es Frühling, ein Frühling der Freiheit. Vor allem war das eine Revolution der Nacht. Im Schutz der Dunkelheit stellten wir unsere Kerzen an markanten Orten ab, dort leuchteten sie besonders hoffnungsvoll und hell. Am nächsten Morgen waren die Spuren der Nacht beseitigt. Ich war immer wieder überrascht, dass tagsüber das öffentliche Leben funktionierte, teilweise so, als wäre nichts geschehen. Gerade in jenen Monaten bekamen die Fragen «Wer bin ich?» und «Wozu bin ich?» eine Relevanz und verlangten eine persönliche Positionierung. Ich stand politisch der Bewegung «Neues Forum» nahe und engagierte mich neben dem Dienst als Diakon in St. Marien so kraftvoll wie möglich, entschied mich aber bald, im kirchlichen Kontext tätig zu bleiben. Im Grunde hatte ich das Glück oder einfach nur die Aufgabe, die «Wendejugendlichen» zu begleiten, zu stärken, zu stützen, mit ihnen den Weg in bewegenden Zeiten zu gehen.

 

Und schließlich reflektiere ich diesen heutigen Montag, den 9. November 2020. Das Telefon klingelt, Susanne Frank, Lektorin im Rowohlt Verlag, bespricht mit mir das Buchprojekt und vereinbart zur weiteren Planung mit mir einen Termin. Für mich datiere ich nun den 9. November 2020 als den Start dieses Projektes und komme nicht umhin zu erwähnen, dass am 9. November 1945 dieser renommierte Verlag durch eine Lizenz der amerikanischen Besatzungsbehörde nach dem Krieg wieder an den Start gehen konnte, nach der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten, von der viele Autoren, die für den Verlag geschrieben hatten, existenziell betroffen waren. Für eine große Autorenschaft, für eine ebenso große Leserschaft und nicht zuletzt auch für die engagierte Belegschaft des Verlages war das ein großer Tag.

Zu den Lesern gehöre auch ich seit vielen Jahren. Zwei Bücher spielten in meiner Biographie eine große Rolle: Lutz Schwäbisch und Martin Siems, «Anleitung zum sozialen Lernen, Kommunikations- und Verhaltenstraining» erschienen 1974. Ob ganz privat oder in meiner beruflichen Laufbahn: Die Lektüre dieses Buches half mir sehr, Kommunikation zu verstehen und zu gestalten, Konflikte zu erkennen und zu bewältigen. Ich verdanke Hartmut Lippold, dem damaligen Ausbildungsleiter der Diakonenausbildung in Züssow bei Greifswald, dass dieses Buch für mich geradezu wegweisend werden konnte, und würde es zur Pflichtlektüre für alle machen, die einen sozialen Beruf ergreifen. Das zweite Buch las ich 1980 mit viel Begeisterung und Empathie: Wolfgang Borchert, «Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen mit einem Nachwort von Heinrich Böll», erschienen 1962. Dieses Buch vermittelte mir ein Gespür für Sprache und ebenso ein Gefühl für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration.

Und nun noch eine letzte Anmerkung zum Ort, an dem Rowohlt viele Jahre ansässig war: Aus Reinbek kam meine erste große Liebe. Birgit hieß die Süße. Es war eine tiefe und gleichzeitig tragische Beziehung, denn zwischen uns zog sich die innerdeutsche Todesgrenze. Wir konnten uns nur treffen, weil Bundeskanzler Willy Brandt die Entspannungspolitik durchsetzte und der sogenannte kleine Grenzverkehr möglich war. Ab und zu kam sie aus Reinbek in ihrem orangen VW-Polo in Rostock auf dem Alten Markt um die Ecke, wir hatten ein paar sehr intensive Stunden, einen schmerzvollen Abschied und wenig Perspektiven. Das bekam auch das neugierige Auge der Stasi mit. Erst nach der Wende erfuhr ich durch Akteneinsicht, dass der Stasi-Apparat unsere Korrespondenz, also unsere Liebesbriefe, abfing und somit auch unsere Flammen füreinander erstickte. Später habe ich als Jugenddiakon viele junge Menschen begleitet. Liebeskummer stand da oft auf der Tagesordnung. Nie bin ich lächelnd drüber hinweggegangen. Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass das eine tiefe und wichtige Seelenerfahrung ist – eine Erfahrung, die nicht ignoriert werden darf, weil der Mensch, der sich Leiden und Trauer, Trennungsschmerz oder Verlustangst ersparen will, zwar vielleicht kurzfristig bequemer durch eine Krise kommt, aber längerfristig doch unfähig, geradezu steril wird für die höchsten Erhebungen und Erfahrungen der Seele.

 

Und während ich schreibe, zerrinnt die Zeit! Aber ich habe Feuer gefangen und schreibe weiter – ohne Rücksicht auf meine Uhr, aber natürlich mit Rücksicht auf mich und auf andere. Rücksicht in dem Sinne, dass nicht alles gesagt und geschrieben werden muss, was vielleicht sogar scheinbar naheläge. Ich schreibe keinen Bericht, sondern ich erzähle von meinen Ansichten und Einsichten, ich erzähle aus meinem Leben, und da spielen andere Menschen immer eine große Rolle. Rücksicht nehme ich, wenn ich es mit der Wahrheit genau nehme. Ein großes Wort: Wahrheit. Dietrich Bonhoeffer hat in seiner Ethik die Frage gestellt: «Wie wird mein Wort wahr? Indem ich erkenne, wer mich zum Sprechen veranlasst und was mich zum Sprechen berechtigt; indem ich den Ort erkenne, an dem ich stehe; indem ich den Gegenstand, über den ich etwas aussage, in diesen Zusammenhang stelle.»[*]

Ich nehme Rücksicht im Wissen: «Kein Mensch ist eine Insel, allein vollständig: jeder Mensch ist ein Stück des Festlands, ein Teil des Erdreichs; wenn eine Scholle fortgespült wird von der See, ist Europa darum kleiner, genauso, wenn es ein Vorgebirge wäre, genauso, wenn es ein Haus deiner Freunde oder dein eigenes wäre; jedes Menschen Tod verringert mich, weil ich einbezogen bin in die Menschheit, und darum schicke niemals aus, zu erfahren, wem die Stunde schlägt, sie schlägt dir.»[*]

Ich nehme Rücksicht im Wissen: Viele und vieles haben mich geprägt und geformt. Ohne die anderen wäre ich heute nicht der, der ich bin. Meine Rücksicht ist gleichsam eine Hommage an sie alle. Und weil es um meine Beziehungen zu ihnen und um meine Vergangenheit geht, darum muss ersichtlich sein, worüber ich schreibe, sonst wären diese Zeilen hohl und ich ein beziehungsloser Schwätzer.

Mit Rücksicht meine ich vornehmlich Rückblick und halte mich an Sören Kierkegaard: «Leben lässt sich nur rückwärts erkennen, muss aber vorwärts gelebt werden.» Wir müssen nur eine sehr einfache Tatsache unserer Erfahrung ins Gedächtnis rufen, über die vermutlich niemand einen Zweifel hegt: Ich meine die Erfahrung, dass alle Ereignisse unseres Lebens im Nachhinein ein anderes Bild zeigen als in dem Augenblick, wo sie bedrängend, beglückend oder bestürzend auf uns einstürmten. Die Rückschau lässt Zusammenhänge erkennen, die zunächst verborgen waren, und verändert viele Maßstäbe; scheinbares Glück kann seinen Glanz verlieren, und scheinbar tote Wegstrecken der Krankheit, der Ohnmacht, der erzwungenen Untätigkeit können sich vielleicht als besonders fruchtbare Zeiten erweisen. Ich meine das nicht zynisch, aber vielleicht erkennen wir nur rückwärts unser Leben, das heißt: Vielleicht werden wir später einmal ganz anders über diese Zeit der Pandemie, der erzwungenen Untätigkeit, der vielen