1848 Die verunglückte Revolution - Peter Bothe - E-Book

1848 Die verunglückte Revolution E-Book

Peter Bothe

0,0

Beschreibung

Kurzbiografien der Protagonisten Louise Otto-Peters und Theodor Storm mit anschließendem Interview des Autors in Echtzeit

Das E-Book 1848 Die verunglückte Revolution wird angeboten von Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Biografien, Interview, Vermischung zeitlicher Ebenen, Transformation von Historie in Echtzeit

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 154

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die Frauenpolitikerin Louise Otto-Peters und der Schriftsteller Theodor Storm Lebensgeschichten und ein Interview

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Teil I

Zwei Biografien während der 1848er Revolution

Teil II

Das Interview

Vorwort

Das Jahr 1848 war durch gesellschaftliche Unruhen und politische Umbrüche geprägt. Die arbeitende Bevölkerung sowie die intellektuelle Avantgarde widersetzten sich den repressiven und reaktionären Bestrebungen der Regierenden.

In diesem Buch werden die Biografien von zwei schriftstellerisch wirkenden Personen vorgestellt, für die dieses Jahr prägend war. Beide sind fast gleichaltrig und am Anfang ihrer Karrieren. Doch wie verschiedenartig, wenn auch gleichermaßen ereignisreich, werden ihre Lebenswege verlaufen!

Hier der Schriftsteller, Rechtsanwalt und Richter

Hans Theodor Woldsen Storm aus Husum, der mit seiner Lyrik und Prosa zu den bedeutendsten Vertretern des bürgerlichen Realismus gehört. Storm ist vor allem für seine Novellen bekannt, empfand sich allerdings in erster Linie als Lyriker und sah die Gedichte als Ursprung seiner Erzählungen.

Dort die sozialkritische Schriftstellerin, Frauenaktivistin und Mitbegründerin der bürgerlichen, deutschen Frauenbewegung Louise Otto-Peters. Sie publizierte zunächst unter Pseudonymen eine Vielzahl von Gedichten, Erzählungen und Romanen. Unter dem Motto „Dem Reich der Freiheit werb` ich Bürgerinnen“ gründete sie 1849 eine Frauen-Zeitung und 1865 den Allgemeinen Deutschen Frauenverein..

Beide stammen aus ähnlichen, bürgerlichen Haushalten, entwickeln aber ihr schriftstellerisches Schaffen in unterschiedlichen Milieus. Dies wird anhand von lyrischen Beispielen und insbesondere im abschließenden Interview deutlich gemacht.

Bei historischen Zitaten habe ich die Originalversion beibehalten. In allen anderen Passagen wurde soweit wie möglich geschlechterneutral formuliert. Um eine bessere Lesbarkeit zu ermöglichen, habe ich auf Fußnoten verzichtet. Literaturhinweise sind dem Anhang zu entnehmen.

Teil I

Theodor Storm und Louise Otto-Peters

und die 1848er Revolution

„Wenn hoch vom Turm die Glocken klingen,

in mitternächtlich ernster Stund`

Des Jahres Scheidegruß zu bringen:

Dann lauschen wir, als werd`uns kund,

Was nun der neue Lauf der Horen

Uns Erdenpilgern bieten mag -

Das Jahr ward neuverjüngt geboren

Und festlich grüßt sein erster Tag.“

Diese ersten Zeilen des aus sechs Strophen bestehendes Gedichtes „Jahreswechsel“ sind in den 1860er Jahren geschrieben worden; sie könnten vom frühen Storm stammen, getragen und bedeutungsschwer, vielleicht ein wenig schwülstig–doch geschrieben hat sie Louise Otto-Peters. Rund 630 Kilometer liegen zwischen dem nordfriesischen Husum, dem sächsischen Meißen und damit den beiden!

Louise wird am 26.März 1819 als Tochter des Gerichtsdirektors Fürchtegott Wilhelm Otto und dessen Ehefrau Christiane Charlotte in Meißen geboren. Sie ist das Letzte von insgesamt sechs Kindern, von denen zwei recht früh starben.

Auch Louise ist nach der Geburt so schwach, dass ihre Eltern sie nottaufen lassen. Sie ist in ihrer körperlichen Entwicklung zurückgeblieben und wird erst lernt mit vier Jahren das Laufen lernen. Auch ihr soziales Umfeld ist dadurch eingeschränkt; gleichaltrige Spielfreundinnen sind nicht bekannt. Da die Mutter ihren Töchtern gern aus den griechischen Sagen vorliest und Schillertexte vorträgt, flüchtet sich die schwächliche Louise in die starken Gestalten der Schillerschen Werke wie den Marquis Posa oder die Jungfrau von Orleans.

Ihre Schwäche kompensiert sie durch einen unbändigen Wissensdrang, der aus heutiger Sicht sicher nicht alters adäquat erscheint und vielleicht mit ihrer Konstitution zu tun hat; sie rezitiert Passagen aus Gedichten und Balladen bevor sie lesen kann. Hier zeigt sich auch die Problematik der psychosozialen Verfassung von hochbegabten Kindern. Wie bei Storms Heirat ist auch die von Louises Eltern nicht ganz konfliktfrei; sind es auf Storms Seite die Vorbehalte beider Väter gegen eine Verwandtschaftsehe– seine Frau Constanze ist auch seine Cousine-, so ist es bei Louises Eltern der Standesunterschied der Familien.

Christiane Charlotte ist die Tochter des Porzellanmalers Matthäi, dessen Bruder ist Tanzmeister und dessen Sohn wiederum Musiker. Eigentlich völlig unakzeptabel für den angesehenen und vermögenden Meißener Arzt und Bräutigamvater!

Beide heiratswilligen Paare müssen demnach eine lange Verlobungszeit hinnehmen; bei Louises Eltern sind es vier Jahre! Dann sind auch die Bedenken des strengen Großvaters Wilhelm zerstreut–sicher befördert durch die Schwangerschaft der künftigen Schwiegertochter. Als er bemerkt, dass sein Sohn nicht von der Heirat abzubringen ist, schenkt er dem jungen Paar eines seiner Häuser und willigt-wohl mürrisch brummend-in die Ehe ein. Sie heiraten schließlich am 28. Mai 1810 und bereits im Dezember des Jahres ist die Geburt Louises ältester Schwester Clementine vermerkt.

Es mag sein, dass die Jahrzehnte spätere Rückschau Louises auf Kindheit und Jugend-psychologisch und menschlich nachvollziehbar-geschönt und verklärt erscheint; dennoch schildert sie treffend und wirklichkeitsnah das Leben in einem gut bürgerlichen Haushalt.

Insbesondere die Ausführungen zur Vorratswirtschaft und die detailgetreue Darstellung der Treppen-und Fußbodenreinigung zeigen, wie Alltagsangelegenheiten die kindliche Wahrnehmung und Psyche prägen. Auch das aus heutiger Sicht umständliche „Licht machen“ -die exakte Beschreibung des Blechkästchens mit Stab, Feuerstein, Schwefelfaden und davon abgetrennt der Zunder-ist für Louise ein so eindrückliches Erlebnis, dass sie es mit der Stimmungslage vergleicht, die sie beim Anblick ihres ersten gedruckten Gedicht gefühlt hat.

Louises und Theodors Jugendzeit ist geprägt durch die Epoche des Biedermeiers.

Man lebt zurückgezogen, schätzt Familienglück und Privatsphäre hoch ein und vermeidet jegliches politische Engagement. Schlagwörter sind Behaglichkeit, Naturverbundenheit und Heimatliebe.

Wilhelm Fürchtegott Otto ist Gerichtsdirektor auf dem Gut Robschütz und Ratsherr der Stadt Meißen; sein häufig gebrauchter Spruch zu den Töchtern - „Lernt etwas, dann braucht ihr nicht zu heiraten, wenn ihr nicht wollt!“-macht das über das übliche Maß eines großbürgerlichen Konservativen hinausgehende Fortschrittsdenken deutlich.

In diesem sozialen Umfeld wachsen die Kinder auf.

Louises ersten Jahre in der Schule ähneln der des jungen Theodor; sie besucht im Alter von sechs Jahren von 1826 bis 1828 eine Privatschule, die sich in ihrem Elternhaus befindet, anschließend noch einmal sechs Jahre auf einer weiteren Privatschule.

In ihrer Rückschau stellt Louise fest, dass in einem großen Raum alle Kinder, Mädchen wie Jungen, im Alter von sechs bis vierzehn Jahren unterrichtet wurden. Diese Tatsache, die heute in der Schulpädagogik als alters- und klassenübergreifender Unterricht wieder gefordert und teilweise praktiziert wird, hat großen Einfluss auf die Entwicklung des Mädchens. Sie ist schnell vom für die Jüngeren bestimmten Lernstoff abgelenkt und hört lieber den Themen der älteren Schüler zu. Natürlich führt dies zu Defiziten insbesondere beim Rechnen. Der Vater spricht ein Machtwort mit Mädchen und Lehrer.

Als die kleine Schule in ihrem Elternhaus wegen mangelnder Nachfrage geschlossen wird, kommt sie an der Stadtknabenschule in eine neu eingerichtete Klasse mit Jungen und Mädchen. Die Aufnahmeprüfung besteht sie mit Ach und Krach. In den Grundfächern hinkt sie dem Klassendurchschnitt hinterher, dafür ist sie den anderen Schülerinnen und Schülern aufgrund ihrer - durch die Mutter geprägte - Vorbildung in Geschichte und Literatur überlegen. Ihre Lehrer hinterlassen einen tiefen Eindruck auf das Mädchen; der Religionsunterricht wird zum Beispiel dazu führen, dass ihr „nie religiöse Zweifel gekommen sind“. Diese Einstellung wird in ihrem späteren politischen Leben noch von Bedeutung sein.

Es fällt auf, dass sie sich mit Kontakten zu Jungen wie Mädchen schwer tut.

Vielleicht rühren ihre sozialen Berührungsängste daher, dass sie sich selbst als „klein, unansehnlich und reizlos“ beschreibt–nur auf das üppige, dunkelblonde Haar ist sie stolz.

Wenn die Mutter in ihrer Damenrunde bemerkt, dass „Louise alles aufschnappt“, ist dies einerseits ein Hinweis auf ihre geistige Beweglichkeit und Auffassungsgabe, macht andererseits aber auch deutlich, dass das Mädchen Dinge wahrnimmt, die für die kindliche Psyche nicht immer zuträglich sind. Beim Besuch eines Wachsfigurenkabinetts ist ihre Phantasie von den Figuren der Ausstellung so eingenommen, dass sie Fieber bekommt und das Bett hüten muss.

Im Winter 1829/30 muss sie den Schulbesuch aufgrund einer schweren Erkrankung unterbrechen. Als die hinzugezogenen Ärzte keinen Rat mehr wissen, lässt die Familie einen Magnetiseur kommen, der dem Mädchen tatsächlich helfen kann; seit dieser Zeit ist das Kind allerdings mondsüchtig. Der Somnambulismus wird sie bis ins Alter von dreißig Jahren begleiten. Wieder bei Kräften kann sie nun weiter die Schule besuchen. Sie weiß, dass mit ihrer Konfirmation die Schulausbildung für Mädchen beendet sein wird und erreicht bei den liberalen Eltern, ihre Einsegnung um ein Jahr zu verschieben.

In den „Neuen Bahnen“ schreibt sie später über den früheren Mädchenunterricht: „Das Ziel für Knaben war: am Gymnasium die Aufnahmeprüfung zu bestehen–die Mädchen hatten keines!“

Diese Erkenntnis ist für sie das Leitmotiv ihres späteren politischen, journalistischen und schriftstellerischen Handelns sowie der Impetus für die noch folgenden frauenrechtlerischen Forderungen: das Recht der Frauen auf Bildung.

1832 trifft die Familie ein trauriges Schicksal; nach dem Tod ihres Bruders Heinrich im Jahr 1822, der an der „Auszehrung“ gestorben ist, ereilt Louises älteste Schwester Clementine 21jährig das gleiche Schicksal.

Clementine war für Louise nicht nur Schwester, sondern geschätzte und geliebte Gesprächspartnerin. Durch sie wird sie geistig angeregt und gefordert.

Im Oktober 1835 stirbt die Mutter an der gleichen tückischen Krankheit.

Um die 1830er Jahre beginnt die Industrialisierung Meißens; eine Eisengießerei, Zuckerraffinerie sowie eine Papierwaren- und Pianofortefabrik werden gegründet. Dies führt zu einem Zuzug von Menschen, die in diesen Betrieben arbeiten. Die räumliche Enge der Wohnsituation durch die gewachsene Einwohnerzahl, die häufig damit einhergehenden unzureichenden hygienischen Verhältnisse befördern diese Infektionskrankheit – die Tuberkulose -, deren Ursachen erst 1882 durch Robert Koch entdeckt werden.

Wie rigoros mit den Erkrankten umgegangen worden ist, schildert die Frauenrechtlerin George Sand recht anschaulich in ihrem Werk „Ein Winter auf Mallorca“ am Beispiel des schwindsüchtigen Frèdèric Chopin!

Als im Februar 1836 auch der Vater stirbt, bleiben die verwaisten Schwestern Antonie, Francisca und Louise unter der Obhut der Tante Amalie Matthäi im elterlichen Haus am Baderberg zurück. Die große Wohnung des ersten Stocks wird vermietet, im Erdgeschoss richten sich die Schwestern und die Tante ein. Amalie war von anderem Schlag als ihre Schwester und ihr Schwager; sie teilt weder die liberalen Ansichten des Schwagers, noch kann sie die geistigen und psychischen Befindlichkeiten Louises einschätzen, geschweige denn nachvollziehen. Doch die in früher Jugend erlernte Selbstständigkeit des Mädchens für die ganz praktischen Dinge sowie ihre außergewöhnliche kognitive Entwicklung lassen sie diese schwierige Situation bewältigen.

Da die politischen Veränderungen in Sachsen auch eine Neuregelung des Vormundschaftsrechts bewirkt haben, können die verwaisten Mädchen sich selbst einen Vormund wählen; der Advokat Adolf Lindner wird die Erbschaftsangelegenheiten regeln.

Es hat bei den Schwestern wohl keine Probleme bezüglich der elterlichen Erbschaft gegeben; Louise schreibt später, dass jede sich geschämt hätte, diesen oder jenen Gegenstand für sich zu beanspruchen.

Den Sommer 1936 verbringen die Mädchen zum großen Teil in dem Weinberghäuschen, das der Vater vor einigen Jahren gekauft hat. Dort geben sie sich der Erinnerung an die Eltern hin und trauern auf ihre Weise; die plötzliche Elternlosigkeit scheint die Schwestern noch mehr zusammengeführt zu haben.

Für Louise ist dieser Rückzugsort von besonderer Bedeutung, weil sie hier der geliebten Natur mit Flora und Fauna ganz nah sein kann. In geradezu schwärmerischem Duktus beschreibt sie Landschaft und Umgebung ihrer näheren Heimat. In dieser Zeit entstehen zahlreiche Gedichte; sie liest viel. Werke von Schiller, Jean Paul, George Byron, Klopstock werden von den Mädchen untereinander vorgetragen. Zudem hat sie Kontakt zu ihrem ehemaligen Lehrer aufgenommen, der ihr in der Trauerzeit eine große Hilfe ist.

Bekannte und Verwandte aus den elterlichen Familien sind ihnen weiter eine Stütze.

Louise bildet sich autodidaktisch fort und der Wunsch, selbst Schriftstellerin zu werden, wird immer größer; nach der Lektüre von „Urania“ von Christoph August Tiedge schreibt sie voller Begeisterung an den Dresdner, der ihr auch antwortet, und den sie später besuchen wird. Es ist wohl ihr erster echter Kontakt mit der Welt der Literatur.

Zu Louises Geburt ist Theodor-am 14. September 1817 geboren-schon anderthalb Jahre alt, wird wohl schon laufen, vielleicht auch sprechen können.

Es ist das Leben einer Großfamilie mit drei Generationen und der Kanzlei des Vaters und Advokaten Johann Casimir Storm unter einem Dach.

Die Beziehung zu seinen Eltern beschreibt Theodor später-schon mehr Realist als Schwärmer-als ausgesprochen kühl: „Ich entsinne mich nicht, dass ich derzeit von ihnen umarmt oder gar geküßt worden“. Kurz und knapp relativiert er dieses Verhalten: „Wir im Norden gehen überhaupt nicht oft über den Händedruck hinaus“.

Inwieweit diese Feststellung objektiv zutrifft, kann nicht gesagt werden; als Kindheitserlebnis ist sie offensichtlich eindrücklich gewesen.

Im überschaubaren Husum sind die Nachbarn nah, der große Haushalt mit Gesinde bietet allerlei Abwechselung; vielleicht hat er sich dort die nötigen „Streicheleinheiten“ verschafft. Die Lagergebäude der Zuckerfabrik seines Großvaters laden zum Auskundschaften und Toben ein. Er spielt mit gleichaltrigen Kindern aus der Nachbarschaft und tobt auf Dächern und Bäumen.

Der Besuch der Klippschule-eine private Schule ohne ausgebildete Pädagogen, in der die Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen hatten-ist für Theodor in einer fünfzigjährigen Rückschau „der Beginn der literarischen Bildung“.

Wie anders ist die Meinung Louises zu ihrer frühen Schulzeit, in der die Mädchen lediglich Lesen, Schreiben, Rechnen sowie die Hauswirtschaft zu üben hatten!

Besonders wichtig für das erzählerische Werk Storms scheinen indes sein Lebensumfeld und eine Person gewesen zu sein: seine nordfriesische Heimat und ihre Menschen mit einem ausdrücklichen Hang zu Spökenkiekereien und Spuk-und Gespenstergeschichten, sowie Lena Wies, die ältere Schwester seines Kindermädchens Katharina. Mit ihren Geschichten weckt sie Theodors Interesse, ja seine Begeisterung für Sagen und Märchen. Vielleicht hat sie auch seine spätere Einstellung zu Glaube und Kirche beeinflusst, denn ihr Spruch auf dem Sterbebett-Herr Probst, Se kriegen mi nich!-wird Eindruck hinterlassen haben.

Sie und die „Tonne“-ein Holzverschlag als Rückzugsort und Versteck der Kinder zum Erzählen, Tuscheln und Geheimniskrämern-sind die Grundlage für das narrative Talent Theodors.

Von 1826 besucht er als gut achtjähriger Junge die „Gelehrtenschule“ und paukt Homer, Horaz und Livius. Griechisch und Latein sind Pflicht; ebenso die Sprache des Landesherren, die dänische Sprache, die für den späteren Juristen unumgänglich sein wird.

Er hat keine große Meinung von seiner Schule, obwohl sie sicher die Grundlage für seine spätere schriftstellerische Tätigkeit gewesen ist.

Das Primat der Alten Sprachen hat zur Folge, dass er sich mit der Dichtungstheorie der Antike auseinandersetzen muss; Lyrik, Drama und Epik sind neben Übungen zur Rhetorik, Poetik und Dialektik Bestandteile des Unterrichts.

So üben sich nicht nur Theodor, sondern auch einige seiner Klassenkameraden früh in der Formulierung von Gedichten und Dramen.

In diese Zeit fällt auch seine erste Publikation:

„Sängers Abendlied“ wird am 17. Juli 1834 im „Husumer Wochenblatt“ veröffentlicht.

Er merkt später in einem Brief an seinen Sohn Ernst an, dass er in der Rückschau auf seine Schulzeit Schwierigkeiten mit der Verbindung von Dichtung und Wahrheit hat.

„Es wird-wenn es überhaupt was wird, was noch keineswegs gewiß-so eine Art Krautsalat“, wird er den Text zu einer Redefeierlichkeit nennen.

Europa steckt derweil in einem dramatischen Umbruch. In Großbritannien, Belgien und der östlichen Schweiz hatte bereits die Industrielle Revolution eingesetzt. Die Schlacht von Waterloo besiegelte das Schicksal Napoleons. Die Ideen der Französischen Revolution waren gescheitert, Europa wird auf dem Wiener Kongress nach altem Muster neu geordnet, die Herrschaft der Fürsten wiederhergestellt. Es kommt zur Gründung des Deutschen Bundes zwischen achtunddreißig, später einundvierzig Einzelstaaten.

Die Zeit ist geprägt von dem Interessenskonflikt zwischen den deutschen Fürsten, welche sich für eine Restauration einsetzten, und dem "Jungen Deutschland" (Studenten, Professoren und Intellektuelle), das nach Freiheit und einer politischen Einheit strebte. Es kommt außerdem zur Gründung von Burschenschaften, zuerst in Jena, später auch in anderen deutschen Städten. 1819 werden die Karlsbader Beschlüsse gefasst, welche die Burschenschaften verbieten, und die Überwachung von Universitäten einleiten. Für alle Staaten des Deutschen Bundes wird eine Vorzensur eingeführt. Sie betrifft alle Texte unter 20 Bogen (entspricht 320 Seiten). Damit fallen alle Schriften darunter, die für ein breites Publikum zugänglich sind, wie Zeitungen, Zeitschriften und viele Bücher. Verboten ist vor allem die Kritik an den herrschenden politischen Verhältnissen, wie an der Regierung oder an dem Adel.

Als dann der strenge Winter 1829/30 und die sich anschließende Missernte in einigen Regionen zu Preissteigerungen und Versorgungsengpässen führen, kommt es zu Protestbewegungen von Bauern wie Städtern; gegen Willkür und Steuerlasten wird mit „tumultuarischen Auftritten“ aufbegehrt.

Einige Staaten erleben revolutionäre Bewegungen; nach Protesten in Leipzig am 2. September 1830, dem so genannten „Polterabendlärm“, ereilen die Erschütterungen auch ganz Sachsen. Auf Druck breiter Bevölkerungsschichten sowie der politischen Eliten dankt der kinderlose sächsische König Anton ab und der beliebte Prinz Friedrich – Sohn des auf den Thron verzichtenden Bruders Maximilian – wird zum Mitregenten erklärt.

Louise ist elf Jahre alt und ihre an der aktuellen Politik interessierten Eltern, besonders der Vater, sprechen offen über die öffentlichen Geschehnisse und lassen auch ihre Kinder daran teilhaben.

Sie sind begeistert über die Demokratisierungsversuche in einigen deutschen Staaten, begrüßen den Sturz der Bourbonen-Dynastie und freuen sich über die Unabhängigkeitsbestrebungen der Polen, die im „Kadettenaufstand“ am 29. November 1830 ihren Höhepunkt finden.

Nach dem letzten Aufbäumen einer eigenständigen Protestbewegung mit den Leipziger Kommunalgardenunruhen Ende August 1831 bildet die Verkündung der Verfassung vom 4. September 1831 den Abschluss des unmittelbaren revolutionären Prozesses, der Revolution im engeren oder eigentlichen Sinn als räumlich-zeitlich begrenztem historischen Ereignis. Damit war ein wesentlicher Schritt bei der Überwindung spätfeudaler Zustände getan und - bei allen durch das konservative Wahlgesetz bedingten Einschränkungen - eine auf konstitutionellem Boden vollziehbare Durchführung weiterer grundlegender Staats- und Gesellschaftsreformen in Sachsen möglich geworden.

All dies ermuntert das Mädchen zu seinem ersten politischen Gedicht „Zur Feier der dem Lande gegebenen Verfassung“, das allerdings nicht überliefert ist.

Die Revolutionswelle im September 1830 erreicht auch den Norden des Staatenbundes. Gespeist wird die durchaus heterogene deutsche Aufstandsbewegung durch eine Mischung aus Sozialprotest, verfassungs- und zollpolitischen Forderungen, der sich auch ein Großteil der Menschen in den Herzogtümern Schleswig, Holstein und Lauenburg anschließt. In der nordfriesischen Landschaft um Husum ist ein besonderes Moment dieses Aufbegehrens von Bedeutung.

Der Rechtsprofessor der Kieler Universität, Nikolaus Falck, gibt 1819 eine Neuauflage der Heimreichschen „Nordfriesische Chronik“ heraus. Auch der Geschichtsprofessor Andreas Ludwig Jacob Michelsen, der in den Revolutionsjahren 1848/49 Abgeordneter im Paulskirchenparlament sein wird, veröffentlicht 1828 seine Untersuchung „Nordfriesland im Mittelalter“. Auf Grundlage dieses historischen Rückblicks entsteht der Wunsch nach einer Reform von Verfassung und Gemeinwesen; die freiheitliche kommunale Selbstverwaltung ist das Ziel dieser Überlegungen. Der Sylter Landvogt Uwe Jens Lornsen legt am 1. November 1830 seine Schrift „Ueber das Verfassungswerk in Schleswigholstein“ vor.

Die Flugschrift wird in der Druckerei C.F. Mohr über Nacht in einer Auflage von 9 000 Exemplaren gedruckt und soll einen „Petitionssturm“ entfachen.

Der Dänenkönig hat die Verwaltung zu reformieren; zudem wird Gewaltenteilung, mehr Mitsprache und insbesondere eine neue Verfassung gefordert. Schon in der Schreibweise wird deutlich, wohin die Reise für den deutschsprachigen und deutsch gesinnten Süden des Herzogtums Schleswig gehen soll.

Lornsen fordert die weitestgehende Eigenständigkeit Schleswigholsteins; er wünscht sich eine Repräsentativverfassung mit einem aus zwei Kammern bestehenden Parlament, das auch gesetzgebende Funktion haben soll.

Lornsen wird kurz nach Beginn seiner Landvogtzeit auf Betreiben von König Frederik VI. verhaftet und im Mai 1831 zu einer Festungshaft von einem Jahr verurteilt. Im Februar 1838 stirbt Lornsen als psychisch kranker Mann durch Suizid; seine Streitschrift hat keinen Einfluss auf die kommenden Verfassungsdebatten, dennoch wird er zum „kernfriesischen Freiheitskämpfer gegen das dänische Joch“ erklärt.

Zum Erstarken des nationalen Bewusstseins kommt es hier zusätzlich zu einer Rückbesinnung auf die Besonderheiten der friesischen Volksgruppe–insbesondere der Sprache.