Erinnerungen an ein Stück Leben - Peter Bothe - E-Book

Erinnerungen an ein Stück Leben E-Book

Peter Bothe

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Beschreibung

Die vorliegende Publikation besteht aus einundzwanzig short-stories. Sie sind als fiktional-biografische Erzählungen geschrieben. Der größte Teil der Geschichten spielt im Ruhrgebiet der 1960er bis 1970er Jahren; die letzten Kapitel beschäftigen sich mit der schwierigen Annäherung des Autors an seine "alte" Heimat. Die Besonderheit des Textes liegt in einigen Passagen im Gebrauch des regionaltypischen Idioms.

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EPUB
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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Statt eines Vorwortes...

Wir Blagen...

Museumsbesuch

Strotenkötter

Oppa Jendrich

Echte Kumpel oder Paluch aus Ostpreußen

Roswitha, my love

Alfred Kaszcinski sain kurzet Lebn

Die Currywurst und ich

Jupp, der über´n Zaun gesprungen ist

Agamemnon

Strotenkötter II

Mein Oller

In memoriam Hans Tilkowski

Haare, nix als Haare

Mater ecclesia

T-Shirt oder Hemd

Fünf Freunde und vierzig Jahre

In der Kunstausstellung oder Werk ohne Name

Nomen est omen oder nur Schall & Rauch

Recklinghausen 9/19

Statt eines Vorwortes...

Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen und habe fast dreißig Jahre dort gelebt. Fast alle Männer aus meiner Familie sind Bergleute gewesen. Ich sollte es einmal besser haben; deswegen schickte man mich auf ein Gymnasium. Dort erfuhr ich eine andere Wahrnehmung von meiner Familie als die, die ich kannte. Mein Elternhaus, unsere Wohngegend, meine Freunde entsprachen nicht den Vorstellungen, die man von dem Schüler eines humanistischen Gymnasiums erwartete. Zum Glück gab es Menschen - ob Jugendliche oder Erwachsene -, die mir halfen, in diesen Parallelwelten zu Recht zu kommen.

Trotzdem führte es dazu, dass ich eine Ambivalenz gegenüber meinen Eltern, meiner Heimat entwickelte. Als junger Erwachsener lernte ich mit dieser Dichotomie umzugehen.

Durch einen Umzug ging mir nach und nach der Bezug zu meiner Geburtsregion verloren.

Es war dann ein Schreibwettbewerb aus dem Ruhrgebiet mit der Themenvorgabe „Schmeckt´s?“, der mich auf die Idee brachte.

Ich erinnerte mich an eine Begebenheit aus meiner alten Heimat, bei der die Currywurst eine besondere Rolle gespielt hatte. Die Geschichte spielte sich vor fast fünfzig Jahren ab. Ich versuchte, dieses Erlebnis so exakt wie möglich nachzuerzählen. Und dazu gehörte auch die Verwendung des Idioms des Ruhrpotts. Von da ab wurde es schwierig! Mir wurde in der Schule unsere Alltagssprache ziemlich ruppig ausgetrieben worden. Dazu wollte ich die besondere Ausdrucksweise der dortigen Sprache berücksichtigen – kurz, knapp, ohne Schnörkel, verständlich für Jedermann.

Trotzdem – ich wollte es versuchen!

Und plötzlich war alles wieder da! Der Tonfall, die Spreche, Wörter wie bebaumölen oder Fissematenten.

Vierzig Jahre schleswig-holsteinische Westküste waren und sind nicht dazu imstande, die Wurzeln auszurotten.

In der Vorbereitung zur Currywurst-Geschichte habe ich mir aktuelle Ruhri-Literatur angeschaut – und ich war mit meinen verqueren Emotionen nicht alleine!

Als ich Sarah Meier-Dietrichs Text „Wo die Liebe hinfällt...“ und die abgewandelten Zeilen Theodor Storms „Am grauen Fluss, am Zechengrab und seitab liegt GE...“ gelesen hatte, entdeckte ich verloren geglaubte Verbundenheit wieder.

Dann kamen Nachrichten wie „Kulturhauptstadt“, die phantastische Umnutzung von Zeche Zollverein, der U-Turm von Dortmund plötzlich Szeneviertel, die Renaturierung von Emscher und Hellbach und ich wurde neugierig.

Ein Treffen mit alten Freunden von damals kam in Planung, mir fiel ein, dass ich ja auch noch Verwandtschaft im Pott hatte, um die ich mich kaum gekümmert hatte, und schließlich war ich über die vielen Jahre absoluter Fan des BVB geblieben.

Ja, da fühlte ich mich wieder mittendrin und begann, meine Geschichten aufzuschreiben! Nachdem ich einmal innehielt, um zu korrigieren, kam ein: „Wen interessiert denn eigentlich der Schnee von gestern?“ Ich schaute mir meine Schreibe genau an; es stimmte! Die meisten Menschen, die diese Geschichten vielleicht lesen würden, kennen den Ruhrpott gar nicht mehr so, wie ich ihn beschrieben habe. Alles nur der verklärende Rückblick eines in die Jahre gekommenen Mannes auf alte Zeiten!

Dann schaute ich noch genauer hin:

Das Mädchen Roswitha, von dem noch die Rede sein wird, könnte ihren Platz auch in der Echtzeit haben; sie war Opfer eines Übergriffs. Öffentliche Bekenntnisse wie #metoo gab es nicht. Oftmals wurden diese Ereignisse tot geschwiegen oder höchstens in der Familie, im engsten Freundeskreis thematisiert; denn es gab damals bemerkenswerterweise keine klare Differenzierung zwischen Tätern und Opfern!

Oder Alfons Paluch, der Heimatvertriebene, dessen Geschichte mir auf einmal ganz frisch und neu vorkam!

Wie oft habe ich meine Eltern über das Schicksal dieser Menschen sprechen hören. Und heute? Vielleicht erinnerten sich 2015 während der Migrationswelle noch die Menschen, die halfen, an die Situation, als Gastarbeiter angeworben und freudig begrüßt wurden. Der millionste Arbeiter aus Portugal bekam damals als Begrüßungsgeschenk ein Moped.

Heute gibt´s Prügel oder schlimmstenfalls Molotow– Cocktails!

Und all die schicksalhaften Unglücksfälle, die uns auch heute noch treffen können - wie sie damals die Familie und Freunde von Teddy Kaszcinski trafen.

Auch seine Geschichte soll hier erzählt werden.

Ich kam also zu dem Schluss: wer den alten Zeiten nachtrauert, kann lesen und sich fragen, was war damals eigentlich so gut? Wer feststellt, dass diese Ereignisse auch in die Zeit von Facebook, Twitter und Youtube passen, hat auch nicht unrecht.

Soll sich doch jeder daran bedienen, wie er will!

Jedenfalls habe ich für mich beim Schreiben herausgefunden, wie viel Herzblut ich noch für diesen Flecken Erde habe – egal, ob lärmende, klopfende und ratternde Industriemetropole der 1960er Jahre oder quirliger Hotspot für Kunst und Kultur, Innovation und Kreation von heute, auch mit seinen Negativerscheinungen.

Nicht alle Geschichten haben sich tatsächlich so zugetragen; ich habe teilweise Wirklichkeit und Fiktion zusammen gebracht. Sie könnten sich aber genauso abgespielt haben!

Wir Blagen...

„Wir sindan nomma wech, bein Hemmann, en Pils trinkn, un mach kain Scheiß!“, so oder ähnlich verabschiedeten sich meine Eltern des Öfteren. Ich lag schon meist im Bett und durfte noch lesen. Wenn ich dann die Haustür zuklappen hörte, stand ich auf, ging in ihr Schlafzimmer, das sein Fenster nach Westen zur Straße hatte, setzte mich auf die breite Fensterbank und schaute auf die Fahrbahn. Direkt vor unserer Wohnung stand eine Laterne, die einen zehn Meter-Lichtkegel auf den glänzenden Asphalt warf. Daneben befanden sich gleich die Schienen der Straßenbahn und rund dreihundert Meter entfernt Richtung Westen hörte man die Züge von Münster nach Essen. Das Geräusch der Eisenbahn war unheimlich; erst ein undefinierbares Rauschen, dann der klopfende Rhythmus der Schienenstöße. Bevor der Zug die Brücke zu überqueren hatte, musste Geschwindigkeit gedrosselt werden; die Bremsen quietschten, das Rattern über der Brücke wurde lauter und dann verschwanden Bahn und Geräusch nach Süden. Diese Wahrnehmung aus dem Dunkel erinnerte mich an ein konturloses, gefährliches Wesen, an eine undefinierbare Bedrohung denken, obwohl ich wusste, dass der Zug sie verursacht hatte. Mir lief jedes Mal ein Schauer über den Rücken.

Doch neben dem Gruselgefühl gab es ein kribbelndes, nicht unangenehmes Ziehen in der Magengegend; es war ein diffuses Empfinden, das ich nicht einordnen konnte. Erst als ich älter war, wurde mir die Bedeutung klar. Ich war bisher immer nur entweder bis nach Essen oder Münster mit dem Zug unterwegs, wusste aber, dass er bis Paris, München, Berlin oder wer weiß wohin noch fuhr. Einmal drin sitzen und nicht nur über Gelsenkirchen bis Hauptbahnhof Essen!

Ich wollte an die Nordsee, an die Alpen und am liebsten alles gleichzeitig, wollte raus aus dieser dunkelgrau verhangenen Stadt, in der nur vom Pütt und Fußball gesprochen wurde, richtige Wellen an den Füßen spüren und nicht bloß das Geplätscher der Kohlekähne auf dem Rhein-Herne-Kanal hören, wollte Schnee auf den Bergen anfassen, der strahlend weiß und nicht schon nach einer Stunde modderige Pampe war.

Wenn es hoch kam, sind wir an die Mosel gefahren, aber Weinberge sind nun mal keine Alpen, und die Mosel nicht viel besser als unser Kanal.

Es klingelte die Straßenbahn; hundert Meter von uns entfernt war die Haltestelle der Linien 5, 8 und 18. Manchmal benutzte ich mein billiges Fernglas von der Kirmes, um zu sehen, wer ein- oder ausstieg; im Dunkeln konnte man aber wegen der beleuchteten Fenster die Leute auch so erkennen. Um diese Zeit kam meist der mickrige Paluch nach Hause; er hatte Mittagsschicht und ging von der Haltestelle immer gleich zu Zappe, der Trinkhalle; ich hab nie verstanden, wieso diese kleine Bude Halle hieß. Aber so hieß sie nun mal. Ich wusste, da trank er drei, vier Underberg und zwei Pullen Bier. Auch Roswitha, meine große Liebe, stieg aus; sie muss so um die Sechzehn gewesen sein, arbeitete als Verkäuferin in der Innenstadt und hatte immer die neuesten Klamotten an. Mit den schwarzen, langen Haaren, den geschminkten Augen und einem tollen Busen war sie meine große Liebe. Ich war viel zu jung, als dass sie mich auch nur angesehen hätte. Dafür poussierte sie gern mit den Halbwüchsigen aus unserer Straße. Aber so richtig hat sie keinen ran gelassen. Heute wurde sie von Alfred abgeholt; Alfred, der sich gerne wie ein richtiger Halbstarker „Ted“ nannte. Auch Frau Strotenkötter, die schwerfällig die hohen Stufen der Bahn hinunterstieg, wohnte in der Nachbarschaft. Sie sah immer irgendwie bekümmert aus mit ihrem Schlottermantel und den dunklen Falten um die Nase. Wir mochten sie eigentlich nicht, weil wir wohl auch ein wenig bange vor ihr waren. Ich kam später ganz gut mit ihr klar; möglicherweise auch, weil sie mir ganz vertraut eine Menge aus ihrer Familie erzählt hat. Als Letzter tappte dann Opa Jendrich aus der Linie 5; er ist sicher in der Stadt gewesen, um in der Tierhandlung irgendwas für seine Bienen zu besorgen.

Die Linie 5 war die älteste Bahn der Straßenbahngesellschaft. Sie war ein stumpfnasiger, hoher Kasten, die man schon von weitem an ihrem Geklapper hören konnte. Der Stromabnehmer sprühte bei jeder Gelegenheit Funken. Die Türen ließen sich nur öffnen, wenn man durch einen Daumendruck zunächst die Verriegelung lösen und anschließend die Schiebetür auf zerren musste. Für uns Kinder, die morgens mit der Bahn in die Schulen der Innenstadt fuhren, war das ein ordentlicher Kraftakt. Oft gab es dann Gemecker, wenn es für die dahinter stehende Warteschlange nicht schnell genug ging. Drinnen roch es nach dem feuchten Holz der Sitzbänke und den dicht gedrängt stehenden Menschen. Die Linien 8 und 18 waren moderner, mit sich selbstständig öffnenden und schließenden Türen, Kunststoffpolstern und automatischer Haltestellenanzeige. Die Türautomatik funktionierte nicht immer reibungslos; da kam es schon mal vor, dass Leute eingequetscht wurden. Dann war groß Theater!

Auch tagsüber saß ich, wenn es regnete oder überhaupt scheiß Wetter war, gerne auf der Fensterbank. Dann fotografierte ich mit meiner kleinen Agfa-Pocket die vorbei fahrenden Autos; natürlich spielte die Marke eine Rolle. Gogos oder Käfer waren für mich kein Motiv. Es sei denn, die Nummernschilder wiesen darauf hin, dass die Autos von weit her kamen. Obwohl man nachher auf dem Foto das Kennzeichen nicht mehr lesen konnte, wusste ich immer ganz genau, aus welcher Ecke der Bundesrepublik der jeweilige PKW stammte. Meine Star-Fotos waren ein BMW Bertone und ein Maserati. Bald kannte ich fast alle Marken und Modelle, bekam ein extra Fotoalbum und wunderte mich, dass meine Eltern für die zig Autobilder das Geld ausgaben.

Als ich zehn oder elf Jahre alt war, wurde ich ernsthaft krank; ich hatte heftige Bauchschmerzen, einen heißen Kopf und war schlapp. Ich musste ins Bett und unser Hausarzt wurde gerufen.

Dr. Schädel hieß nicht nur so, sondern hatte tatsächlich einen riesigen Kopf und eine dröhnende Bassstimme. „Der Junge hat Blinddarm, der gehört ins Krankenhaus“. Nun bin ich noch nie in einem Krankenhaus gewesen und auch nie operiert worden. So hatte ich schon ziemlich Bammel!

Alles war mir fremd, das Hemd, das nur im Nacken geknotet wurde, aber sonst hinten alles offen ließ, das Essen, die Menschen. Vor der Operation hatte ich eigentlich keine Angst, sondern war höchstens aufgeregt. Nachdem ich eine Spritze bekam, von der ich nichts spürte, versank alles im Dunkel; als ich wieder aufwachte, spürte ich nur ein dickes Pflaster am Unterbauch. Neben mir lag ein Kerl mit eingegipsten Bein, so um die Zwanzig.

„Na, du Stippi, haste endlich ausjepennt?“ Ich verstand nur die Hälfte, bis ich rauskriegte, dass er aus Berlin kam. Wenn abzusehen war, dass demnächst kein Arzt oder keine Schwester auftauchen würden, musste ich ihm beim Aufstehen helfen, damit er ans Fenster gehen und eine durchziehen konnte. Da hab ich auch zum ersten Mal geraucht. Sonst hat der nur von Berlin, seinen tausend Frauen, die er gehabt hat, und von legendären Schlägereien gedröhnt.

Als dann bei einer Visite mir ein Arzt das Hemd hochschob, um sich die Operationsnarbe anzusehen, wurde ich puterrot, weil alle, auch die jungen Schwesternschülerinnen, meinen kleinen Pimmel sehen konnten. Der Berliner darauf, als alle gegangen waren: „Hey, Kleener, haste schon mal jepimpert?“ Dann zog er sein Krankenhaushemd hoch und meinte: „Haste de Haare am Sack, kannste auch pimpern. Kommt schon noch!“ Ich träumte nachts von Haaren am Sack.

Wieder zu Hause zeigte mir Mami - wir sagten Mami zu unserer Mutter - einen Brief unseres Gymnasiums, in dem mitgeteilt wurde, dass ich zur Aufnahmeprüfung zugelassen worden bin.

Ein großes Hallo in der Familie! Alle beteiligten sich an Zukunftsplänen für mich: Oma wollte, dass ich Priester werde, meine Mami dann auch, weil sie nicht widersprechen wollte, mein Vater sagte nichts. Ich musste drei Tage vormittags in diesem Riesenklotz von Schule Prüfungen in verschiedenen Fächern ablegen. Dann sollte es noch ungefähr eine Woche dauern, bis man Bescheid bekäme.

Die Schule war eine reine Jungenschule, dazu früher noch Klosterschule. Die Religionslehrer waren natürlich Priester, und die Schüler mussten jeden Mittwochmorgen vor der Schule in die schuleigene Klosterkirche zur Messe. Der Priesterwunsch von Oma und Mami war hier also bestens aufgehoben! Doch es sollte alles anders kommen…

Am ersten Tag hatte ich Herzklopfen und schweißige Hände, als ich die Schule betrat, über irre lange, glänzend polierte Flure den Klassenraum erreichte, in dem unsere erste Prüfung stattfinden sollte. Die Tür stand offen, und es saßen schon einige Jungs in meinem Alter in den Bänken. Natürlich wurde ich beäugt und inspiziert und wollte eigentlich gleich wieder umdrehen; ich sah sofort, ich gehörte nicht zu ihnen. Schicke Hosen und Pullover, blank geputzte Schuhe, manche sogar mit Hemd und Schlips. Die Haare nach der neusten Mode. Ich wollte nur weg. Aber da stand schon der Lehrer in dunkelgrauem Anzug mit blauer Fliege an der Tür und begrüßte uns. Von einem Zettel las er alle Namen vor und wir mussten uns melden, wenn wir dran waren. Bei den Nachnamen mit der Endsilbe -ski oder -iak zog er die Augenbrauen hoch, linste über den Brillenrand und guckte sich die Burschen länger als die anderen an. Es gab so drei, vier Jungs, die diese besondere Inspektion über sich ergehen lassen mussten. Die hatten fast alle Lehrer immer auf dem Kieker. Da gab es dann den Spruch: „Dat und Wat ist polnisch Platt! Hier wird vernünftiges Deutsch gesprochen!“ Der Gebrauch der Alltagssprache wurde instrumentalisiert, um das „Polnische“ zu diskriminieren. Dann wurde nach dem Beruf des Vaters gefragt. Dass es Schüler gab, bei denen auch die Mutter arbeitete, kam wohl an dieser Schule nicht vor. Wenn der Vater Rechtsanwalt, Arzt oder sonst ein hohes Tier war, musste die Frau natürlich nicht arbeiten gehen. Hieß es aber „Bergmann“ oder „Schlosser“ und die Noten waren später auch nicht besonders, dann kamen Äußerungen wie „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ oder „Von Dir habe ich auch nichts anderes erwartet“. Die blank gewienerten Jungs wurden von Mama oder Hausmädchen mit dem Benz oder BMW von der Schule abgeholt; wir mussten alleine mit der Straßenbahn nach Hause fahren.

So viel zur Chancengleichheit an dieser Schule!

Es ging aber auch anders - zumindest bei einigen Lehrern! Unser Mathelehrer war ein älterer, grauer Herr – grau im wahrsten Wortsinn; immer graue Anzüge, graue Krawatten, graue Haare, aber mit einem hintersinnigen Humor, den er gerne auch an uns Schülern ausprobierte. Da gab es keine Standesunterschiede. Und bei schlechten Leistungen wie bei mir in Mathe kamen keine hämischen Anmerkungen, sondern Sätze wie „Du hast eine Vier minus mit einem Minuszeichen, das so lang ist, dass sich ein Affe daran schaukeln kann“. Dann war alles halb so wild!

Zudem gab es eine Geschichte über Opi- so hieß er bei uns -, die wohl schon seit Schülergenerationen über ihn erzählt wurde: die Sache muss sich in der Oberstufe abgespielt haben. Ein besonders langer Schlaks hatte Mist gebaut; Opi zu ihm: „Klaus, ssetztenS sich, ich muss Sie rupfen!“ Was so viel wie „an den Haaren ziehen“ hieß; ein beliebter Griff der Lehrer, bei dem sie die kurzen Haare an den Koteletten langsam aufdrehten. Als Opi fertig war, griff besagter Klaus hinten in die Hosentasche, um seinen Kamm herauszuholen und sich die Haare wieder in Ordnung zu bringen. Darauf Opi in seiner Wiener Mundart: „Um Gottes willen, Klaus, lassens Messer ssitzen!“ Immer wieder gerne erzählt!

Auch unser Turnlehrer gehörte in diese Kategorie der besseren Pauker. Die Schüler mit den schlechten Zensuren in seinem Fach waren meist die Muttersöhnchen, verzärtelt und ihm nicht kernig genug. Aber anstatt sie bloß zu stellen wie es andere Kollegen gerne taten, gab er ihnen Übungen, die für sie leichter zu bewältigen waren. Er leitete auch die Ruder-Arbeitsgemeinschaft, an der ich gerne teilnahm. Im Winter übten wir in einem eiskalten Keller auf einem Wasserbecken die entsprechenden Ruderzüge, um keine „Krebse zu fangen“, wie er immer sagte. Uns froren bald die Finger am Holz fest, aber die Stimmung in dieser AG war immer gut. Im Sommer ging es dann nach Datteln auf den Dortmund-Ems-Kanal, an dem ein Bootshaus unserer Schule stand. Diese Nachmittage waren für uns wie Ferien! Endlich merkten wir auch mal, wie viele Kilometer wir ruderten; für mich war es besonders spektakulär, wenn es bei Kilometer 23 auf der Kanalbrücke über die Lippe ging. Man fuhr im Wasser über ein Wasser!

Es war das ganze Drumherum, das wir an diesen Sommertagen so liebten – es wurde gegrillt, unser Pauker spielte Gitarre und wir ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen. Zwischendurch zum Abkühlen in den Kanal; wir passten immer die schnellen und tief liegenden Schleppkähne ab, weil sie besonders hohe Wellen verursachten. Einige Mutige von uns schwammen entweder ganz nah im Schraubenwasser oder versuchten, die Bordwand zu erwischen, um sich dann auf den Kahn zu schwingen. Auf Deck angekommen dauerte ihr Aufenthalt allerdings höchstens ein paar Sekunden, denn der Schiffsköter war schnell und bissig. Ein paar ganz Verwegene rannten zu einer nahe gelegenen Brücke, die über den Kanal führte; dort warteten sie bis ein langsam fahrender Schubverband mit Kohlestaub vorbeifuhr, und sprangen dann in die Kohlehaufen. Das war natürlich irre gefährlich, weil sie exakt den Sprung abpassen mussten, um genau im Staub aufzukommen und nicht daneben. Es gab Riesenärger mit den Schiffsleuten, und als unser Lehrer davon erfuhr, drohte er mit Rausschmiss aus der AG, falls irgendwer noch mal auf solch blöde Ideen kommen sollte.

Mein Lieblingsfach war Biologie; ich wollte unbedingt Herzchirurg werden, nicht einfach Chirurg, sondern nur Herzchirurg. Ich hatte eine kleine Kladde, in der ich pausenlos alle möglichen Herzen zeichnete, mit roten Adern und blauen Venen, Hamsterherzen, Schweineherzen und natürlich auch Menschenherzen. Es war ein richtiger Spleen!

Als dann 1967 die erste geglückte Transplantation eines menschlichen Herzens gelang, war dieser Fimmel schon längst passé. Trotzdem war und blieb Biologie mein bestes und liebstes Fach.

Dann begann die Zeit, in der auf einmal Mädchen eine Rolle in unserem Leben spielen sollten. Einige redeten schon früher immer viel vom Knutschen und Fummeln. Doch zwischen Theorie und Praxis herrschte weiterhin ein himmelweiter Unterschied.

Mich erwischte es mit Petra, meiner ersten „Freundin“–sie ging auf unser Mädchengymnasium, eine Klasse unter mir. Petra wohnte mit ihrer Familie nur ein paar Minuten zu Fuß von uns entfernt. Im Sommer zottelte sie immer per pedes zur Schule, im Winter fuhr sie mit der Straßenbahn. Ich machte es genauso, lief ungefähr fünfzig Meter hinter ihr, immer darauf bedacht, nicht von ihr bemerkt zu werden; winters in der Straßenbahn stieg sie eine Station nach mir ein, und ich versuchte, in dem allgemeinen Gedränge unauffällig in ihre Nähe zu gelangen. Ich war so schüchtern wie nur was!

Sie trug die Haare so aufregend kurz wie Julie Driscoll, die Augen wie sie schwarz geschminkt, Rüschenklamotten und Schlapphüte; ihr „Markenzeichen“ waren allerdings winzige Wäscheklammern, die am Pullover oder an Hemdkragen befestigt waren.

Ich war total durcheinander, so verliebt war ich!

Irgendwann haben wir in unserem Jugendtreff nach Crispian St.Peters „You were on my mind“ einen Klammer-Blues getanzt und da merkte ich, dass meine Kindheit vorbei war.

Ein Museumsbesuch

Es ist Sonntag, halb Zehn, die Sonne hängt wie ein dicker, giftig-gelber Ballon an einem stahlblauen Himmel. Kleine Windhosen aus Staub, trockenen Blättern und Abfall tänzeln über dem Asphalt. Die Spatzen, sonst immer lärmig und aufgeregt, sitzen apathisch in den Dachrinnen und halten den Schnabel. Die Hitze hängt bleiern über der Stadt.

So langatmig und ein wenig schwülstig begann die Schilderung einer Begebenheit, die Herr Schreiber erlebt hatte.

Erhard Schreiber wohnte in der Nachbarschaft und war immer etwas Besseres. Er arbeitete auf dem Amt; heute ist er Rentner, nein: er ist Pensionär. Immer gepflegte Hände, ein Scheitel, wie mit dem Beil gezogen.

Er raucht nicht, er trinkt nicht, hatte in unseren Augen nichts, worüber man lästern konnte. Er war einfach stinklangweilig! Ein echter Tintenpisser!

So einer passt natürlich in ein Museum, fanden wir; er ist dem Verein unseres kleinen Museums beigetreten und hat sich zu ehrenamtlicher Arbeit bereit erklärt. So einen nahm man gerne!

Und diese Geschichte hat sich wirklich so zugetragen.

Also:

► Erhard Schreiber öffnet die Eingangstür des Museums; an diesem Morgen ist er für den Kassendienst eingeteilt worden.