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"Ich dachte: Das hat sicher jeder." So beschreibt Eric Stehfest, bekannter Schauspieler und DJ, seine Erfahrung mit paranoider Schizophrenie, mit der er sich Ende letzten Jahres in Therapie begab. Denn: Das hat eben nicht jeder und noch weniger sprechen darüber! Das möchte Eric mit seinem neuen Buch 9 Jahre Wahn ändern und über das schreiben, das sich die wenigsten von uns vorstellen können: Wie es ist, wenn man nicht nur einen Eric im Kopf hat, sondern drei. Auf romanhafte Art verfolgen wir Eric, wie er in der Tagesklinik seiner Therapeutin über die Episoden seiner paranoiden Schizophrenie erzählt und erfahren hautnah und ungeschönt, wie sich diese Phasen abspielen, wie sie sich anfühlen und welche Zerstörungskraft sie entfalten können. Nach seinem erfolgreichen Debüt 9 Tage wach, kommt nun die Fortsetzung über ein Leben an den Grenzen des Vorstellbaren.
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Seitenzahl: 387
Veröffentlichungsjahr: 2025
Die vorliegende Biografie stellt eine stark verfremdet und teilweise fiktionalisiert dargestellte Lebensgeschichte dar. Übereinstimmungen mit tatsächlichen Begebenheiten, lebenden oder verstorbenen Personen sind weder beabsichtigt noch gewollt und wären rein zufällig.
Ein abgelegenes Industriegebiet. Zwischen Tankstelle und Baumarkt ein freistehendes gelbes Haus. Tränen liegen auf der Straße.
Ein Tag wie jeder andere. Könnte wirklich schön werden heute, doch das Leben hat einen anderen Plan, Eric fühlt es. Überall im Wohnzimmer liegen Überreste von unfertigen Renovierungsarbeiten, eine körperlich spürbare Unruhe füllt den ganzen Raum. Spot an: Zwischen halbvollen Farbeimern und leeren Joghurtbechern stehen Edith und Eric, halten sich in den Armen, bewegen sich gleichmäßig von einer Seite zur anderen, während die Musik aus den viel zu großen Boxen den Raum ausfüllt. Edith, mit ihren pinken Haaren und den bunten Klamotten, scheint sich in Erics Armen vor dem Rest der Welt zu verstecken.
Flackernde Sonnenstrahlen fluten den Raum und lassen das Chaos im Wohnzimmer aussehen wie ein abstraktes Ölgemälde. Für einen kurzen Atemzug steht die Zeit still und alle ungelösten Probleme sind einfach eingefroren. Alles ruht in diesem Moment, nur Eric und Edith sind in Bewegung, so wie fast immer in den bewegenden letzten neun Jahren, in denen ein gemeinsamer Tanz kaum möglich war, weil das Leben jedem einzelnen so unglaublich viel Last auflud.
Doch jetzt tanzen sie, als ob es das letzte Mal ist. Das ganze Wohnzimmer wird zum Dancefloor, Nebel und Zigarettenqualm liegen in der Luft. Flackernde Lichter, brachiale Bässe bringen hunderte Menschen zum Schwitzen, die plötzlich im Raum sind und immer stärker in Ekstase geraten, während Edith und Eric hinter den digitalen Plattenspielern den Beat vibrieren lassen. Ein intensives Gefühl, ihre eigenen Songs präsentieren zu können. Hier sind sie frei, beim Auflegen gibt es keine Probleme. Die Musik befreit sie von jeglicher Last, lässt ihre gebrochenen Flügel wieder wachsen, sie, die sich in der Realität so oft wie Schmetterlinge in Zwangsjacken fühlen.
Für einen kurzen Augenblick lassen sie diese ganze verdammte Realität hinter sich, blenden die ungeöffneten Briefe aus, die sich stapeln und unberührt auf dem letzten freien Platz auf dem zugemüllten Schreibtisch liegen. Behörden und Ämter ziehen wie Aasgeier Kreise über die Köpfe der beiden Überlebensmeister.
Dieser Tanz solle niemals enden, denkt Eric. Er genießt diesen friedlichen Moment, drückt seine Geliebte sanft an die Brust. Seine Hand streift über ihre Schulter, versucht sich im Auge des Sturms an irgendetwas festzuhalten.
Nur nicht an die Realität denken. Da sind die Konten gepfändet, Schulden breiten sich aus wie der Müll im Wohnzimmer. Eric wurde beim Fahren ohne Führerschein erwischt, soll als Strafe 15.000 Euro zahlen oder Sozialstunden leisten. Offene Rechnungen, verpasste Anrufe, gelbe Briefe vom Finanzamt. Jeden Tag rechnet Eric damit, dass die Polizei vor seiner Tür steht und ihn aus diesem Leben herauszieht.
In guten wie in schlechten Zeiten zueinander stehen. Dieses Versprechen haben sich die beiden gegeben. Leichter gesagt als getan. In diesem Moment sind sie definitiv an einem Tiefpunkt angekommen. Der Druck ist so hoch, dass der Infarkt, der dieses Leben crashen wird, immer näher rückt, fast schon in greifbare Nähe.
Zu tun gibt es eine Menge, doch mehr, als sich gleichmäßig zur Musik hin und her zu bewegen, ist aktuell nicht möglich. Wird vielleicht nie wieder möglich sein, denkt Eric. Jeden Tag ignoriert er Anrufe. Irgendjemand will eh wieder nur Geld von ihm. Geld, das er nicht mehr hat. Ist alles dabei draufgegangen, unverarbeitete Traumata zu bezahlen. Wenn es dir verdammt schlecht geht, hast du nur zwei Optionen: Entweder gehst du zu einem Arzt und lässt dir helfen oder du hast so viel Geld, dass du dir Ruhe und Glück zumindest scheinbar kaufen kannst.
Eric wollte für sich und seine Familie ein schönes Leben. Dafür hatte er drei Jobs gleichzeitig, war immer unter Strom. Die freien Zeiten wurden damit verbracht, sich gemeinsame Momente als Familie zu kaufen. Eric hat nie gelernt, mit Geld umzugehen. Hals über Kopf stürzte er sich in diverse Geschäftsideen, die alle den Bach runtergingen. Natürlich alles privat bezahlt. Bezahlt hat Eric immer gern. Gemeinsam essen gehen mit Freunden: er zahlte immer für alle. Es gab ihm einfach gute Gefühle, dass immer mehr Menschen Zeit mit ihm verbringen wollten. Gefühle, die er sich selbst nie geben konnte. Noch nicht mal seine Regenbogenbraut, Edith, konnte das.
Nun steht er ausgebrannt und pleite im Dreck, hält seine letzte ihm noch gebliebene Gefährtin im Arm und hofft darauf, dass er nicht tot umfällt. Die Anklage hat einige Fragen an Eric: Warum war es ihm nicht möglich, sein Glück festzuhalten? Ist das alles seine Schuld? Hat er es verdient, bestraft zu werden?
Edith war immer stark, wenn es um Erics »Schübe« ging. Sie hat seinem Wahn Stand gehalten. Sie hat dafür gesorgt, dass niemand davon erfährt, dass in Erics Brust drei Herzen schlagen. Doch jede Anschuldigung von Eric, sie wäre keine treue Frau, jedes Schreien und jedes böse Wort, haben mit ihr etwas gemacht, sie ganz langsam und leise in Stücke gerissen. Edith war wie Eric viele Jahre drogenabhängig. Schlimme Dinge sind in dieser Zeit passiert. Eric half ihr, mit den Drogen aufzuhören. Er spielte den strahlenden Ritter und brachte damit ein Ungleichgewicht in ihre Ehe. Er, der strahlende Retter und sie diejenige, die um Hilfe betteln muss. Kaum möglich, unter diesen Voraussetzungen eine gleichberechtigte Ehe aufzubauen. Trotzdem wurden zwei Kinder geboren, und auch ein Hund wurde Teil der Familie. Eine Menge Verantwortung für zwei Menschen, die sich eigentlich erstmal um sich selbst kümmern sollten.
Die Musik spielt weiter, doch jetzt stürmen die Kinder wie ein SEK-Kommando das Wohnzimmer. Aaron und Aria, zwei strahlende, aufblühende Blumen, halten sich wie Hänsel und Gretel an der Hand, als ob sie den Weg nach Hause suchen. Märchenstunde mitten im Müllparadies. Ein leerer Karton verwandelt sich in eine uneinnehmbare Festung. Das Kinderlachen reißt Eric für einen kurzen Moment aus seiner »ich-verdränge-alles-Wichtige«-Trance, bis er wieder die Augen schließt und versinkt.
Und dann sind die Augen einen Moment zu lang geschlossen. Eric zählt bis zehn und als er sie wieder öffnet, dreht sich seine Welt gegen den Strom. Wer ihn von außen betrachten würde, sähe schwarze, geweitete Pupillen, das erste Anzeichen für den Körpertausch und das Auftauchen des »Anderen« in ihm, das ihm immer häufiger widerfährt. Schwitzige Hände, ein Zucken in der Schulter. Über ihren Köpfen ziehen dunkle Wolken auf, ein emotionales Unwetter kündigt sich an.
Edith hat sich entschieden, sie nimmt Eric mit allem Zubehör. Halt mich fest, Wahnsinniger, hört er sie flüstern. Nimm mich mit, ganz sanft. Zeig mir deine Wahrheiten, auch wenn sie uns den Boden unter den Füßen wegziehen.
Erics Bewusstsein verschwimmt. Verzeih mir, Geliebte. Ich verliere mich in diesem Augenblick, um an einem Ort aufzuwachen, an dem alles leicht ist. Ich sehne mich nach der Freiheit, mich sorglos in den Schlaf zu wiegen.
Eric sieht plötzlich, was er tun muss: Heute, meine Gefährtin, kann ich nicht bei dir bleiben, auch wenn ich es gern täte. Ich muss gehen, um als ein Anderer wiederzukommen. Wenn ich jetzt nicht gehe, werde ich alles in den Abgrund reißen. Bitte warte nicht auf mich. Ich weiß nicht, ob ich den Weg zurückfinde. Aber sei dir sicher, dass meine Liebe zu dir ewig bleibt. Wie eine Prophezeiung bilden sich diese Gedanken in seinem Kopf und er weiß, dass er diesen Weg gehen muss.
Edith schaut auf, fragt Eric, ob alles in Ordnung sei. Doch sie weiß in diesem Moment schon, dass es das nicht ist. Sie erkennt es an seinem Blick. Sie erkennt es schmerzlich:»Der Andere« ist zurück.
Um diesen Moment noch etwas auszukosten, tut sie so, als hätte sie nichts gehört oder gesehen. Sie legt ihren Kopf zurück auf Erics Brust, greift seine Hand fester, will ihn nicht gehen lassen, nicht dem »Anderen« übereignen. Der Beat aus den schräg stehenden Boxen wird lauter und intensiver, bis eine der Boxen umfällt. Doch davon lassen sie sich nicht beirren, tanzen weiter lächelnd dem Abgrund entgegen.
Eric hört das Lachen der Kinder, doch es ist nicht mehr schön, sondern klingt wie ein durchdringendes Fiepen, ein Ton des Wahnsinns. Gleichzeitig bellt der Hund, als würde ein fremder Mann das Grundstück betreten. Genau das passiert in diesem Moment in Erics Innerem. Er drückt krampfhaft seine Augen zusammen, taucht seine Wahrnehmungen in Dunkelheit. Mit geschlossenen Augen lassen sich unschöne Realitäten per Knopfdruck umschalten, doch »der Andere« bemächtigt sich seiner. Fiese Tiergrimassen und übernatürlich große, schreiende Gesichter klopfen Eric auf die Stirn. Die Musik verliert ihren gleichmäßigen Rhythmus, fängt an schief zu spielen. Alles woran Eric glaubt, löst sich auf.
Als er seine Augen wieder öffnet, liegt Edith regungslos am Boden. Warum liegt sie da? Eric weiß es nicht. Filmriss. Er schaut in den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Sein Spiegelbild grinst ihn an und spricht zu ihm: »Es ist deine Schuld. Du hast alles vermasselt. Du standest mal auf der Sonnenseite des Lebens und jetzt sieh dich an, sieh, was aus dir geworden ist, Versager. Wir waren ein unschlagbares Team, aber du musstest ja alles kaputt machen. Ohne mich bist du nichts. Ohne mich bist du ein Niemand.«
Eric ergreift innerlich die Flucht, sieht Blaulicht hinter den verschmierten Fensterscheiben. Er wusste, dass der Tag kommen würde, an dem sie ihn holen. Doch dieser Tag darf noch nicht heute sein. Seine Geliebte liegt am Boden, und mit ihr auch Erics Hoffnung auf ein besseres Leben. Er muss weg hier, um sich zu retten. Sie zu retten. Last exit to a better life. Eric setzt sich in sein Auto, lässt alles Vertraute hinter sich. Seine Beine fühlen sich wacklig an, doch er will die letzten Jahre tilgen. Raus aus dem Irrsinn. Die letzte Chance ergreifen. Er fährt los und weiß nicht, ob er jemals ankommen wird.
Was für ein Tag. Die Sonne kämpft sich durch dicke Zuckerwatte-Regenwolken. Es ist Mitte November, Eric sitzt apathisch in seinem Auto, fährt durch die langweilige Landschaft Thüringens auf dem Weg in ein selbstgewähltes Gefängnis. Einen Führerschein hat er nicht mehr, der wurde ihm weggenommen, weil er mal wieder zu schnell an sein Ziel wollte. Er raucht und schweigt, es ist still geworden in ihm, sein eigenes Leben hat ihm die Sprache verschlagen. Das ganze Leben ist eine endlos lange Prüfung, denkt er, und am Ende erwartet uns nichts als der Tod. Dieses Leben, es macht ihm Angst. Prüfungsangst, die seinen angespannten Körper lähmt.
Doch noch ist er nicht tot. Sein müder Fuß zittert, doch er drückt das Gaspedal bis aufs Bodenblech runter. Die Beschleunigung lässt ihn fühlen, für einen Moment ist er bei sich. Er braucht die äußere Geschwindigkeit, um sich angetrieben zu fühlen. Solange er sich bewegt, je schneller er sich bewegt, desto kleiner ist das Gefühl, dass das Leben stillsteht und am Ende angekommen ist. Wer sich bewegt, ist noch nicht angekommen, wer sich bewegt, hat noch Hoffnung.
Überhaupt: Die Hoffnung. Eric treibt der Gedanke an, einen Ort zu finden, an dem er seinen Zustand unter Kontrolle bekommt. Sich angetrieben fühlen ist ein Geschenk, das schnell zum Fluch werden kann. Wenn der Antrieb außer Kontrolle gerät, ist da nur noch getrieben sein. Getrieben werden von äußeren Kräften. Sich selbst jagen und gejagt werden. Eric ist das Wild, das hilflos durch den Wald rennt, auf der Flucht vor dem sicheren Tod. Die Jäger liegen auf der Lauer. Das Gewehr im Anschlag. Wartend darauf, dass das Zielobjekt sich selbst in die Enge treibt. Für einen gezielten, präzisen Schuss, der alles verändert.
Was passiert wohl, wenn Eric sich freiließe, schießt es durch seinen Kopf. Was passiert, wenn er dem, was er ist, freien Lauf lässt? Seit einigen Jahren befindet sich sein Geist im Dauerstress. Überlebensmodus galore, 24/7 Stresslevel am Anschlag. Er wird verfolgt. Wovon oder von wem, weiß er nicht. Ist auch nicht wichtig. Eric befindet sich in Gefahr. Er muss sowohl sich als auch seine Familie beschützen. Eine Ehe und zwei Kinder stehen auf dem Spiel. Sein Endgegner ist sein eigenes Spiegelbild, das ihn mit Vernichtungswillen angrinst.
Eine Aussicht auf Besserung seiner Situation fühlt er nicht. Ihm fehlen Erinnerungen an Gründe für die verstörenden Bilder und Visionen, die ihn zu zerstören drohen. Diese letzte Autofahrt soll ihm helfen, einen geeigneten Ort für seine Mission zu erreichen.
Schon wieder eine Ampel auf Rot. Eric muss stehen bleiben, die Bewegung unterbrechen. Er weiß: Weglaufen ist keine Option mehr. Er steht an der Ampel, schwitzt, und sucht nach etwas, woran er sich festhalten kann. Eine Medizin gegen schlechte Tage. Im Radio laufen unkreative Superhits der letzten Jahrzehnte. Die Ampel ist immer noch rot, wie ein Sinnbild dafür, dass er auf der Abwärtsspirale anhalten muss. Er öffnet das Handschuhfach und findet das Mittel für die Regelung seines Dopaminspiegels. Er hat gelernt: Hat er zu viel Dopamin, beginnen die Wahnvorstellungen. Hat er zu wenig, will er nicht mehr weiterleben. Es ist ein wahrhaft schmaler Grat zwischen Wahnsinn und Panik. Die richtige Dosis entscheidet darüber, ob Eric weiterfahren kann oder ob er stehen bleibt. Lange starrt er auf die unscheinbare Verpackung. Heute ist jedenfalls nicht der Tag, um Lebewohl zu sagen.
Nehmen oder nicht nehmen, das ist hier die Frage. Nehmen. Nicht nehmen. Er zögert. Zittert. Schwitzt. Er schaut die Packung an, die zurückzuschauen scheint. Wenn Eric sie nimmt, kommt er im Leben gut zurecht. Allerdings fehlt ihm dann der »Drive«. Deshalb nimmt er sie nicht. Ist ihm egal, dass er sie eigentlich nehmen muss, der Drive ist ihm wichtiger, wie sonst soll er fühlen, arbeiten, leben? Doch mit dem Drive kommen auch die Wahnvorstellungen zurück.
Eric weigert sich, krank zu sein. Immerhin ist er bis gestern noch täglich zum Sport gegangen und war mit zehn Projekten gleichzeitig beschäftigt. Der Drive war da und hat geholfen. Und jetzt? Geht das alles nicht mehr. Nichts geht mehr. Der Drive treibt ihn aus der Kurve, der Crash steht kurz bevor. Soll’s das schon gewesen sein? Hat Eric den Höhepunkt seines Lebens schon erreicht? Eine gruselige Vorstellung, dass bereits alles Schöne hinter ihm liegt. Wir sollen jeden Moment unseres Lebens intensiv erleben und genießen.
Das Einzige, was Eric im Moment genießen kann, ist, dass sein Telefon nicht klingelt. Niemand will was von ihm. Keiner mehr da, der anrufen könnte. Kein Austausch von Neuigkeiten. Neues gibt es ohnehin nicht zu erzählen. Außer dass Eric gerade auf dem Weg in eine Klinik ist. Er will sich selbst zwangseinweisen.
Sein Leben, ein einziges Chaos. Gefangen im Labyrinth aus Krankheit und Sinnsuche. Deshalb fährt er jetzt nach Psycho-City. Er sehnt sich nach Aussprache, nach einem Ort, an dem er endlich zur Ruhe kommen kann, und dann wieder richtig in Fahrt, im richtigen Tempo und mit einem echten Ziel.
Jetzt aber: Last exit, die nächste Ausfahrt muss er nehmen. Einen anderen Ausweg gibt es nicht mehr. Alle anderen Optionen würden bedeuten, dass Eric entweder verliert, was er liebt oder dass er gänzlich auf seine Existenz verzichten müsste. Abbrechen ist keine Option. Umdrehen auch nicht. Was soll schon passieren. Einmal alles umkrempeln und im Schleudergang durchwaschen. Was passiert bei einem Menschen mit paranoider Schizophrenie zwischen der einen und der anderen Sekunde? Manchmal ein ganzer Actionfilm, ein Psychothriller, von dem man nie weiß, wie er endet. An dessen Ende man nur auf ein Happy End hoffen kann. Überleben ist reine Glückssache. Das grellrote Licht der Ampel spielt Eric einen Streich. Sein rotgefärbtes Gesicht starrt ihn durch den Rückspiegel seines Autos an. Ungefragt fängt es an, mit ihm zu sprechen:
In dieser Gesellschaft gibt es keinen Platz für Menschen, die gerade nicht funktionieren. Kämpfe mit Behörden, Familie und Job enden vielleicht nie. Willst du nicht lieber wieder umdrehen, Eric? Umdrehen wäre so geil ... Beuge dich einfach deiner Angst! Wie jetzt? Du sagst: scheiß drauf? Scheiß auf deine Drecksangst? Ok … Du fährst einfach weiter und weiter und weiter, mit verbundenen Augen! Weil du weißt, wofür du das Risiko eingehst. In der Hölle auf Erden gibt es keine Garantie. Für nichts. Das Einzige, was wirklich sicher ist: wir kommen allein und wir gehen allein. Alles dazwischen ist purer Zufall. Die ganze Welt stinkt nach Angst. Angst, die missbraucht wird von denjenigen, die nie genug kriegen können. Du hast längst genug. Warum verlierst du ständig alles? Du willst doch einfach nur etwas behalten dürfen. Verlangst du zu viel? Bist du verdammt, alles zu verlieren? Wenn ja, solltest du aufhören, noch irgendetwas haben zu wollen. Vielleicht ist es das: Nichts mehr wollen. Das wird dich von allem befreien. DU ... WILLST ... NICHTS!!! Dein Auto ist dir heilig. Du fährst nicht, um zu fliehen, sondern um dich zu beschützen. Wenn du so darüber nachdenkst, kannst du nur hier in deinem Auto wirklich frei sein. Du hast schon oft mit dem Gedanken gespielt, einfach abzuhauen, denn bisher war jeder Tag deines Lebens ein einziger Kampf. Es ging immer nur darum, den Tag zu überleben. Gefahren lauerten überall. Wenn du nicht aufpasst, wirst du an der nächsten Ecke so hart getroffen, dass du vielleicht für immer zu Boden gehst. Deshalb bist du wie ein Soldat. Immer wachsam, mit dem Finger am Abzug. Was du nie wirklich gelernt hast, ist, wie man lebt. Ganz normal lebt. Auf einer Wiese im Park liegen, mit netten Menschen im Café sitzen. Die Zeit vergessen, ohne an morgen denken zu müssen. Manchmal müssen wir erst alles verlieren, um uns sehen zu können. Und jetzt siehst du dich. Allein. Hilflos. Was macht aus einem Menschen einen Psychopathen, auf den alle mit dem Finger zeigen? Du willst nur noch Frieden. Nicht mehr und nicht weniger. Wärst du in der Lage, dafür jemanden umzubringen? Auch wenn dieser jemand du selbst bist? Vielleicht musst du das. Und wäre es schlimm, da du ohnehin das Gefühl hast, nicht mehr du selbst zu sein? Warst du das jemals? Wer bist du? Vielleicht bist du längst tot und lebst in einem endlosen Alptraum, als Strafe für deine Taten? Also: Kämpfe! Töte dich, um aufzuerstehen! Wenn du etwas von ganzem Herzen liebst, dann wirst du genau das tun, auch wenn es dich dein altes Leben kostet. Wichtig ist nicht, wofür wir bereit sind zu leben, sondern wofür wir bereit sind zu sterben. Alle wollen das Richtige tun, aber was zur Hölle ist schon richtig? Was falsch? Du jagst dich selbst durch jeden Augenblick, hoffst, dass niemand deine Abgründe sieht. Alles ist permanent im Wandel. Wir stolpern von einem Moment zum nächsten, immer darauf bedacht, bloß nicht hinzufallen. Wir suchen nach Antworten und Lösungen, um am Ende festzustellen, dass wir gar nichts wissen und vielleicht auch niemals wirklich etwas wissen werden. Die Tage, die hinter uns liegen, sind Tage des Todes. Du musst nicht Gott spielen, um ein guter Vater sein zu können oder ein liebender Ehemann. Du musst einfach nur, du selbst sein. Denn das kann dir keiner nehmen. Mehr ist nicht zu tun. Doch wer bist du? Finde es heraus …
Die vergangenen neun Jahre lebte Eric in ständiger Angst, gleich würde etwas Schreckliches passieren. Panikmodus bis zum Anschlag. Jetzt ist er unterwegs in die Psychiatrie, die letzte Chance, das Blatt noch zu wenden. Sein Talent war es, als Künstler in seinem Wahn nicht aufzufallen. Solange er Jobs hatte, lief alles halbwegs normal. Außer für seine Frau, Edith. Edith ist die Einzige, die hinter die Fassade des Schauspielers Eric blicken kann, tief in die dahinter verborgenen Abgründe.
Eric hat Schauspiel studiert. Für etwas anderes hat es nicht gereicht. Nach dem Studium kamen schnell Jobs für das Fernsehen. Er etablierte sich in deutschen Soaps und in der Reality-TV-Welt. Für Millionen Menschen wurde er in kürzester Zeit zum Publikumsliebling, der mit seiner charmanten Art für Unterhaltung sorgte. Dass die Menschen sich in einen Irren verliebten, merkten sie nicht oder es war ihnen egal. Irre war auch, dass er es überhaupt so weit geschafft hat ohne professionelle Hilfe. Eric kämpfte jeden Tag gegen den Gedanken, krank zu sein, wollte unter keinen Umständen seine Karriere beschädigen. Für ihn gab es nichts Wichtigeres, als seinen beruflichen Traum zu leben. Dafür nahm er sogar in Kauf, mit gebrochenem Herzen über Liebe zu reden. Öffentlich. Ihm war sein Publikum wichtiger, als sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Wer das einmal auch nur ansatzweise erlebt hat, wird das verstehen. Wenn Millionen Menschen applaudieren, dich hochheben, ist es schwer, sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren.
Mit all dem soll jetzt Schluss sein. Genug Applaus für die Oberfläche, den Glanz, das »So tun als ob«. Eric wird sich in eine Psychiatrie einweisen und darauf vertrauen, dass ihm dort geholfen werden kann. Dabei gehört Vertrauen nun wirklich nicht zu seinen Stärken. Dafür sorgen das Chaos im Kopf und die schwarzen Löcher in den Erinnerungen, denn die meiste Zeit in den letzten neun Jahren hat er im Wahn verbracht.
Erics Gesicht wechselt die Farbe. Die Ampel hat das längst getan, sie steht auf grün. Freie Fahrt zur Heilung, doch Eric steht noch da und versinkt in Gedanken, bis der Autofahrer hinter ihm die Nerven verliert. Lautes Hupen zieht ihn aus seinem Gedankenfilm, in dem er wieder vor dem Spiegel steht. Für ein gepflegtes Gespräch zwischen zwei alten besten Freunden sollte immer Zeit sein. Ist doch ganz normal, dass die Person im Spiegel »du« zu dir sagt, nicht wahr?
Doch jetzt: Das Gaspedal durchdrücken und dabei nicht vergessen, wo die Reise hingeht. Eric muss an die Situation zu Hause denken, an den Tanz mit Edith. Warum lag sie plötzlich auf dem Boden? Hätte er Hilfe rufen müssen? Sein Herz pocht so heftig, dass er glaubt, es werde sich jeden Moment aus dem Gefängnis in seiner Brust befreien. Kurzer Blick in den Rückspiegel, checken, ob ihn jemand verfolgt. Mit unruhiger Hand die nächste Zigarette anzünden. Rauchzeichen aus dem Fahrzeug pusten. Die Musik auf Anschlag.
Während er das Auto beschleunigt, um dem Ort der Heilung näher zu kommen, kommt Eric seine Hochzeit in den Sinn, dieser Moment, in dem er sich dafür entschieden hat, mit Edith durchs Leben zu gehen. In seinem Ehegelübde sprach er davon, niemals aufzugeben, stets dafür zu kämpfen, das Familienglück zu beschützen. Edith, hochschwanger und den Tränen nah, sprach die Zauberformel: »Ja, ich will.«
Gäste gab es keine, sollte keiner mitbekommen, wie sich die zwei Glückskekse füreinander entscheiden. Nur eine Fotografin durfte Beweisfotos schießen. Mit einem schwarzen Dodge Challenger fuhren sie vom Standesamt ins Hotel. Das Auto war so laut auf der Autobahn, dass Edith sich die Ohren zuhalten musste. Die gesamte Autofahrt amüsierten sie sich köstlich, strahlten bis über beide Ohren. Vor dem Hoteleingang stand eine Pferdestatue, auf die Eric seine schwangere Königin hob. Edith liebt Pferde über alles, reitet seit ihrer Kindheit. In diesem Moment gehörte ihnen die Welt.
Außer ihnen gab es keine weiteren Gäste im Restaurant des Hotels. Sie saßen sich gegenüber, konnten die Augen nicht voneinander lassen. Mit den Ringen der Macht an ihren Händen, hielten sie das Champagnerglas in die Luft, um auf den Rest ihres Lebens anzustoßen. Fühlte sich verdammt gut an, nicht mehr allein zu sein. Für diesen Augenblick waren Edith und Eric fest davon überzeugt, nichts und niemand könne sie aufhalten, ihrem Glück Schaden zufügen.
Jetzt, vier Jahre später, hier in diesem Auto auf der Flucht vor sich selbst, ist von diesem Gefühl nicht mehr viel übrig. Doch vielleicht hilft das, was noch da ist, bei der Rettung.
Eric fliegt mit dem Auto durch die Zeit, denkt an viele Dinge der Vergangenheit, doch dann hat er sein Ziel erreicht. Er fährt auf den Parkplatz der Tagesklinik, die für ihn zum Sanatorium der Heilung werden soll. Fühlt sich ein wenig an, als wenn Hans Castorp den Zauberberg betritt. Eric hofft, dass er keine sieben Jahre bleiben muss, wie der Protagonist in Thomas Manns Roman. Heute ist der Tag, an dem er den Versuch starten will, seine Fehler wiedergutzumachen. Vielleicht ist es dafür längst zu spät, doch der Glaube an bessere Tage gibt ihm die Kraft, trotzdem diesen Schritt zu gehen.
Ein steriler Aufenthaltsraum für gescheiterte Seefahrer. Wie ein gefährlicher Bootstrip auf hoher See fühlt sich das Leben für Eric jedenfalls oft an. Menschen schleichen durch die Gänge der Station, immer auf der Suche nach einem neuen Sinn in ihrem kaputten Leben. Die Atmosphäre ähnelt einem publikumsfreien Zirkus, für den man keinen Eintritt bezahlen muss. Den übernimmt die Krankenkasse. Weiße Wände schreien unausgesprochene Flüche in die Ohren der Gefallenen. Geschmackloser Tee und wässriger Kaffee stehen wie traurige Dekoration am Rande der Szenerie.
Dieser Ort stinkt nach Medikamenten, die den Duft des Verbotenen versprühen. Medizin soll helfen, den Artisten der Station wieder Leben einzuhauchen. Wer isst nicht gern fünf Pillen am Morgen, um entspannt in den Tag zu starten? Ein wenig, wie mit den Drogen früher, nur dass sie jetzt auf der guten Seite zu finden sind.
Niemand darf den Namen dieses Ortes laut aussprechen. Es ist verboten, ihn in der Öffentlichkeit zu erwähnen. Psychiatrie. Klingt wie ein Fehler in der Matrix.
Eric fühlt sich wie ein Clown, der sich nicht schminken darf, weil er sonst für mindestens zehn Jahre ins Gefängnis muss. Als ungeschminkter Clown sitzt er jetzt hier in der Psychiatrie und hofft darauf, endlich wieder die Manege betreten zu können. Heute muss Eric zunächst mal Blut dafür opfern, um den Göttern der Station zu beweisen, dass er nicht gelogen hat, als er zu ihnen sagte, er nehme keine Drogen mehr. Ein fairer Deal, denkt er. Er gibt ihnen sein Blut und als Dankeschön erhält er Zugang zu einem Raum, in dem er sagen kann, was er will, denn zu sagen hat Eric eine ganze Menge, er will alles loswerden, den ganzen Ballast, der seinen Kopf verstopft.
Doch bevor es so weit ist, muss er sich erstmal seiner ihm zugeteilten Gruppe vorstellen. Vor Erics innerem Auge entsteht das Bild einer Runde voller blutrünstiger potentieller Serienmörder. Wozu sonst ist das hier die Psychiatrie? Doch die Enttäuschung folgt auf dem Fuße: Es handelt sich nur um ganz normale Menschen, die ohne Hilfe nicht mehr aufstehen können und wollen. Um das Ganze etwas spannender zu gestalten, stellt sich Eric auf einem Bein vor seine Gruppe. Die kommt ihm vor, wie eine Horde junger Detektive auf der Suche nach dem nächsten großen Fall, so wie die »Drei ???« oder »TKKG«. In einer Psychiatrie etwas zu finden, das aufgeklärt werden muss, sollte kein Problem sein. Die jungen Detektive haben auch schon einen grandiosen Namen für ihre freiwillige Zusammenkunft: Gruppe B. Ihr nächster großer Fall nennt sich »die Suche nach dem verschollenen Selbstwert«.
Bevor Eric sich richtig vorstellt, überlegt er, wie ehrlich er mit seinen neuen besten Freunden sein möchte. Welchen Eric sollen sie kennenlernen? Immerhin geht es hier doch auch um einiges, oder etwa nicht? Natürlich um seinen Therapieerfolg, aber ja wohl auch um das Ansehen in der Gruppe. Wie cool muss er rüberkommen, um in Gruppe B akzeptiert zu werden? Bisher ist Eric im Leben ganz gut damit gefahren, anderen nur einen Teil von sich zu zeigen. Den Teil nämlich, der immer eine gute Antwort auf provokante Fragen parat hat. Und provokant sind Fragen an ihn eigentlich immer, er ist einfach der Typ, der andere zu solchen Fragen provoziert.
Und da ist sie schon, die erste Frage. Eric ist auf alles vorbereitet, keine Frage, die ihn überraschen könnte. »Na, wie geht’s denn?«, wird er von einem aus der Gruppe gefragt. Und ihm fällt keine Antwort ein. »Wie geht’s denn?« Echt jetzt? Er fühlt sich fast schon ein bisschen beleidigt. Wie soll es ihm schon gehen? Was ist das überhaupt für eine komische Frage? In seinem Kopf rotiert es. Auf alles hätte er eine Antwort gehabt. Aber darauf?
Eric fällt es schwer, in den lieb gemeinten Smalltalk einzusteigen. Liegt vielleicht daran, dass er gerade eigentlich keine Lust hat, darüber nachzudenken, wie es ihm geht. Den Schmerz, den diese Frage bei ihm auslöst, verdrängt er lieber erstmal. Klar, seinem Gegenüber hätte ein einfaches »Hallo, gut soweit und selbst?«, sicher gereicht. Aber das kann er irgendwie nicht.
Eric spürt, dass er verlernt hat, wie man sich einer fremden Gruppe vorstellt. Er kann sich kaum noch daran erinnern, wann er das letzte Mal mit jemandem gesprochen hat, den er nicht kennt, so isoliert lebt er schon eine ganze Weile. Der Einzige, der ihm noch zuhört, ist er selbst.
Aber er ist doch nicht umsonst hierhergefahren. Er will an dieser Unfähigkeit unbedingt etwas ändern, also gibt er sich einen Ruck und spricht die magischen Worte: »Hallo, ich bin Eric.«
Wissbegierige Augen schauen ihn an, alle haben Lust, mehr über diesen Jungen zu erfahren. Doch will er das auch? Will er wirklich mehr über sich erfahren? Oder reicht es ihm zu wissen, dass er bisher alles, was ihm passiert ist, überlebt hat? Und ist das hier nicht einfach nur ein weiteres Kapitel, das er überleben muss? Er spürt, wie er das Ziel aus den Augen verliert. Wie er sich in dieser Runde für den gesunden Part hält, ein einsamer Wolf, eingeschlossen in einem Raum voller Wahnsinniger. Dieser Gedanke ist wie ein Schutz für ihn.
Die Gruppe aber passt nicht zu seinen Gedanken. Warum schlägt hier keiner seinen Kopf gegen die Wand oder wippt ununterbrochen den Oberkörper vor und zurück? So geht doch Psychiatrie, oder etwa nicht? Bestimmt sind alle nur vollgepumpt mit Medikamenten, die all den Wahnsinn unterdrücken. Eric muss vorsichtig sein. Er darf niemandem vertrauen.
In seine davongaloppierenden Gedanken bricht eine Stimme ein: »Hallo Eric. Komm, hier ist noch ein Platz frei. Setz dich zu uns. Mein Name ist Andreas. Ich bin wegen Depressionen hier. Ich bin der Gruppensprecher. Komm erstmal an. Wenn du möchtest, führe ich dich gleich durch die Station, damit du weißt, wo alles ist. Willst du einen Kaffee?«
Andreas, 38, ein Mittelgewicht mit dicker Brille, kurzen Haaren und so einer charmanten Grillabend-Mentalität. Ein komplett harmloser Typ, den man auf der Straße wohl eher übersehen würde, weil er sich nicht in den Mittelpunkt drängt, obwohl er das eigentlich öfter tun sollte. Doch Andreas will nicht im Mittelpunkt stehen, er kann es auch nicht. Andreas leidet unter Depressionen. Depressionen kommen leise, wie Nebel, der sich in Gedanken legt. Kein lauter Schmerz, sondern das Fehlen von allem: Freude, Hoffnung, Licht. Der Morgen schmeckt nach Müdigkeit, der Tag nach Pflicht, die Nacht nach schweren Träumen. Wer von außen schaut, sieht oft nur Stille. Doch innen ist es ein schwerer Kampf um jedes Lächeln, jedes Aufstehen, jedes Weiterleben. Dieser Mann redet mit Eric, ganz normal. Als wäre mit ihm alles ok. Dabei hatte er doch etwas ganz anderes erwartet. Wo sind nur die Verrückten und Durchgeknallten? Warum ist Andreas so ruhig und nett?
Mit einer Sache allerdings hatte Eric recht. Andreas hatte heute schon eine Menge bunter Pillen, Glücklich-Macher für den sonst betrübten Geist, die ihm helfen, offen und kommunikativ zu sein. Eric nickt nur, bevor er sich, ohne ein Wort zu sagen, auf einen der freien Stühle setzt. So kennt er sich eigentlich gar nicht. Normalerweise gibt Eric den Ton an, wenn er einen Raum betritt. Die Wände des Raumes jedoch erdrücken ihn. Alles, was Eric gerne sagen würde, prallt an diesen Wänden ab und verschwindet.
Doch auch, wenn er kein Wort herausbekommt, fühlt er sich wohl in der Runde dieser auserwählten Außenseiter. Der Reihe nach stellen sich alle kurz bei ihm vor. Da hätten wir Mark, 34, Depressionen und Posttraumatische Belastungsstörung. Er wirkt wie ein Soldat, der auf den sogenannten Tag X wartet, an dem die Welt ins Chaos gestürzt wird. Sein Humor ist schwärzer als schwarz, was seine sozialen Kompetenzen extrem beeinflusst. Ein recht großer Typ, der heimlich davon träumt, ein eigenes Restaurant zu führen. Wenn keiner hinsieht, kocht Mark gern für sich und seine Liebsten. Der sonst so harte Kerl zieht sich dafür sogar ein buntes Schürzchen drüber. Mark scheint allerdings ein Problem mit Eric zu haben, weil dieser sich dummerweise auf seinen Platz gesetzt hat. Darüber wird noch zu sprechen sein.
Neben Mark sitzt Moni, 56, ebenfalls Depressionen und dazu noch eine Angststörung. Eine kleine Frau mit großem Herzen. Immer einen motivierenden Spruch auf Lager, für alle anderen außer für sich selbst. Dieser Frau sieht man auf den ersten Blick nicht an, dass ihr Herz ständig rast und ihre Welt immer enger wird.
Heike, 63, Depressionen und Zwangsstörung. Eine große, stolze Frau, die davon träumt, noch einmal jung zu sein, frei von den ganzen Sorgen, die sie heute auf den Boden drücken. Erst jetzt, mit über sechzig Jahren, wird ihr bewusst, was in ihrer Kindheit und Jugend schiefgelaufen ist und sie heute extrem belastet. Es vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht weint, am Boden zerstört über die Tatsache, dass sie so viele schöne und wichtige Momente in ihrem Leben verpasst hat. Dennoch ist sie eine liebevolle, weitsichtige Frau, die ein Händchen dafür hat, andere Menschen so zu sehen, wie sie wirklich sind und nicht so, wie sie vielleicht sein sollten.
Jenny, 31, Depressionen und Suchterkrankung. In ihrem Leben wurde aus Genuss Notwendigkeit. Ihr ganzes Leben ordnete sich der Droge unter. Doch dahinter verbirgt sich ein Mensch, der kämpft und verzweifelt, hoffend auf ein Morgen ohne Ketten. Jenny arbeitet in einer Kita, sorgt sich um die Kleinsten unter uns. Aktuell kann sie ihren Beruf nicht ausüben. Zu groß ist der Druck ihrer Depression, oft morgens nicht aufstehen zu können, zieht ihr den Boden unter den Füßen weg.
Hannah, 19, bipolare Störung und Borderline. Zwischen Höhenflug und Absturz lebt ihr Herz, das viel zu viel fühlt. In der einen Woche wird die Welt umarmt, alles scheint möglich. Dann, plötzlich, fällt alles in sich zusammen, schwarz, schwer, sinnlos. Kein Pendel, sondern ein Sturm, der in beide Richtungen weht und keine Vorwarnung kennt. In ihr wohnen Leere und Lärm und keiner fragt, wer heute spricht. Sie will Nähe, so sehr, dass sie sich zerreißt. Sechs Gefährten machen sich auf den Weg, ihren Schicksalsberg zu erklimmen, um in den Flammen des Berges den Zerfall jeder Zelle ihres Körpers aufzuhalten. Sie alle verbindet die Idee einer neuen Identität, die frei ist von alten Gewohnheiten und der nie endenden Lähmung in ihrem Leben.
Eine der Pflegerinnen betritt den Aufenthaltsraum und erinnert Eric daran, dass er gleich sein erstes Einzelgespräch mit seiner Therapeutin hat. Andreas tritt an ihn heran: »Soll ich dir vorher noch kurz die Station zeigen?« Er nimmt den wortkargen Eric an die Hand, hilft ihm, den ersten Schritt in seinem neuen Lebensabschnitt zu machen: »Ab heute bist Du einer von uns. Wir sind wie eine kleine Familie. Du kannst mich jederzeit ansprechen, wenn Du etwas auf dem Herzen hast. Wir passen aufeinander auf. Ich weiß, wie Du dich gerade fühlst. Ich war an meinem ersten Tag hier komplett überfordert. Das sind eine Menge Eindrücke für Dich und das musst Du sicher erst einmal alles verarbeiten.«
Eric sagt nichts. Mit so viel Nächstenliebe kann er nicht umgehen. Er traut sich kaum, Andreas in die Augen zu schauen, willigt dennoch ein, sich die Station zeigen zu lassen. Rummelatmosphäre herrscht hier. Ein Haus voller Überraschungen. Eine Menge Räume, in denen Geist und Seele auf links gekrempelt werden. Zwischen Sport und Ergotherapie wird auch Eric versuchen dürfen, seinem Leben einen neuen Sinn zu verleihen. Die einzelnen Räume so nüchtern eingerichtet, dass jede Ablenkung verhindert wird. Eric wird durch die sterilen Katakomben geführt und muss dabei aufpassen, dass er sich nicht unkontrolliert übergibt, so viel Angst macht ihm der Gedanke, hier vor fremden Menschen sein Herz auszuschütten. Der Plastikboden macht jeden Schritt durch die Station zu einem einmaligen Hörerlebnis. Gemälde eines offenbar Wahnsinnigen schmücken die Wände der oberen Etage. Es gibt sie also doch hier, denkt Eric. Vielleicht verstecken sie die ganz Verrückten auch nur.
Über drei Stockwerke ziehen sich die Angebote. Im Keller wird fleißig gebastelt, dazu Fitness für die körperlich Versehrten. Im Erdgeschoss das Zimmer der Sozialarbeiterin, die sich um unangenehme Telefonate und ungeöffnete Briefe kümmert. Daneben die Schaltzentrale der Pfleger, wo jeden Morgen die Anti-Kummer-Pillen verteilt werden. Eine Küche, die selbstverständlich von den Irren des Hauses selbst gereinigt werden muss. Ein großer Spaß, wenn eine Horde trauriger Klöße gemeinsam den Abwasch machen muss. Da kommt jedes Mal Freude auf.
Tatsächlich hört Eric auf der Station oft ein Lachen. Flache Witze sind beliebt, um den Tiefgang der Krankheit und der Therapie etwas abzukühlen. Der Aufenthaltsraum dient der hohen Kunst des Wartens. Hier darf man lernen, dass Stehenbleiben manchmal besser ist, als unkontrolliert nach vorn zu stolpern.
In der ersten Etage befindet sich der heilige Gral. Die Hüterin des Schlüssels zum Medikamenten-Himmel hat hier ihr Reich. Wer es wagt, ein einziges Mal ehrlich zu ihr zu sein, wird unumgänglich von ihr medikamentös eingestellt. Sie sorgt dafür, dass Menschen nicht länger leiden müssen, sondern schickt sie über eine Abkürzung zurück zu einem halbwegs klaren Verstand. Dabei kennen hier alle den schmalen Grat zwischen Hilfe und Abhängigkeitsrisiko, auf dem man sich bewegt. Doch auch Eric weiß, dass es schließlich bisher keinen anderen Weg gab, seinen Verstand zu beruhigen. Deshalb spielen die kleinen Allzweck-Tabletten, die den Kopf auf Hochglanz reinigen sollen, hier eine große Rolle.
Gegenüber hat die scheinbar nie ruhende Therapeutin ihr Zimmer. Hier wird Eric in Einzelgesprächen ganz freiwillig dazu gezwungen werden, seine Wahrheit zu suchen und auszusprechen. Nach ganz oben dürfen alle Patienten, die eine kurze Auszeit von allem brauchen. Ruheräume für einen gepflegten Mittagsschlaf unter dem Einfluss hartnäckiger Psychopharmaka. Träume bleiben hier lieblos und ungedeutet auf der schmalen Fensterbank zurück. Wer will sich schon an den Dreck erinnern, der durch die Nervenbahnen fließt, während wir versuchen, für einen Moment Abstand von allem, was uns gefangen hält, zu nehmen.
Für einen mühsamen Augenblick fragt sich Eric, ob es wirklich die richtige Entscheidung war, hierherzukommen. Dieser Ort erinnert Eric an den trostlosen Geschmack von Milch und an das Gefühl, sich niemals wieder in etwas zu verlieben. Wenn es nach ihm gehen würde, hätte er die Räume ganz anders gestaltet, ihnen viel mehr kreatives Leben eingehaucht. Solche Gedanken sind natürlich nur eine weitere Vermeidungstaktik, die das Problem wegschieben sollen. Er lässt sich weiter durch die Räume führen, doch er spürt: Er kann nicht mehr. Er sehnt die Gespräche mit der Psychologin gleichzeitig herbei und hat Angst vor ihnen. Sie sollen helfen, Ordnung zu schaffen. »Sie können gleich mitkommen, Herr Stehfest« ruft es von der anderen Seite des Ganges. Ein kurzer, in wortlosem Zuspruch getränkter Abschied von Andreas und Eric betritt das Zimmer seiner Psychologin für ein erstes Kennenlernen.
Eric weiß, warum er hier ist. In seiner Brust schlagen drei Herzen, in drei verschiedenen Rhythmen. Auch wenn Eric eigentlich nur auf einem stinknormalen Stuhl in einem sterilen, minimalistisch eingerichteten Büroraum sitzt, fühlt es sich für ihn wie ein Gefängnis an. Sein Verstand spielt ihm mal wieder einen Streich.
In seinem Kopf liegt er im Beobachtungsraum einer Psychiatrie. Spürbar fixiert. Überall Kameras. Spiegelscheiben. Ärzte und Polizisten beobachten ihn. Eine Psychologin betritt den Raum. Luftblasen. Schattenboxen. Popel und Prügel. ADHS-Hyperfokus vom Feinsten. Eric tanzt im Sitzen, erfindet dazu Lieder. Völliger Wahnsinn. Boshafte Trauer und panische Todesangst durchfluten ihn. Er befindet sich in einem angsteinflößenden und gleichzeitig erschreckend anziehenden Rausch.
Eric tut so, als würde er schlafen, so dass die Psychologin nah an ihn herantreten muss. Eric schreit aus dem Nichts los, tut so, als sei er eine blutrünstige Bestie. Sie erschrickt, Eric lacht.
Ein dramatisches Schauspiel entwickelt sich, ein Kammerspiel ohne jedes Publikum. Oder vielleicht doch, hinter den Spiegeln und Kameras. Eric, einer von dreien, geht sofort zum Angriff über.
ERIC
Das haben Sie doch erwartet, nicht wahr? Eine blutrünstige Bestie. Einen Kannibalen. Hannibal Lecter höchstpersönlich. Sie als brillante Psychologin, die endlich einen Fall bearbeiten darf, der Sie international berühmt machen wird. Fragt sich nur, wer von uns beiden Filme schiebt.
DR. PYTON
Mein Name ist Frau Doktor Pyton.
ERIC
Sind sie zufällig verwandt mit diesem Monty?
DR. PYTON
Wissen Sie, wie Sie heißen?
Eric antwortet mit »Ja«. Überlegt allerdings einen Hauch zu lange.
ERIC
Mein Name ist Mackie. Oder Eric. Mein Name ist Eric. Warum zur Hölle wollen Sie das so genau wissen?
DR. PYTON
Warum sind Sie hier? Können Sie sich an irgendwas erinnern?
ERIC
Ich bin auf der Suche nach meiner Frau. Und meinen Kindern. Ich suche meine Familie. Vielleicht wissen Sie, was mit ihnen passiert ist? Dürfte ich vielleicht kurz Ihr Telefon benutzen?
Dr. Pyton schaut in Richtung Spiegelscheibe. Eric und Mackie wissen beide genau: Die Polizisten auf der anderen Seite machen sich Notizen.
DR. PYTON
Sie haben also keine Ahnung, wie Sie hier gelandet sind? Was ist das Letzte, an das Sie sich erinnern, bevor Sie hier aufgewacht sind?
ERIC
Ich habe getanzt. Ja, genau. Ich habe mit meiner Frau getanzt. Es war ein wirklich schöner Tag. Die Sonne küsste unsere Herzen. Unser Sohn rannte glücklich durchs Zimmer. Ich schloss vor Freude meine Augen. Wollte diesen Moment voll und ganz auskosten.
Eine Person betritt Erics Kopf. Es ist Edith. Er nutzt die Gelegenheit: »Edith? Hallo? Darf ich was sagen? Bitte. Jetzt komm schon.« »Was ist denn?«, fragt Edith. »Kennst du die Dreigroschenoper? Diese eine Figur aus dem Stück? Mackie Messer heißt der. Da gibt es so ein geiles Lied. Der Haifisch hat Zähne im Gesicht und die sieht man halt nicht. Auf jeden Fall, was ich sagen wollte: Ich glaub echt, dass ich dieser Mackie bin. Keine Ahnung warum. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dieser Mackie Messer bin. Guck … Ich habe ja auch immer ein Messer dabei. Ich brauche nur noch so einen braunen Mantel und diesen Mafiosihut.«
Edith verschwindet wieder aus seinem Kopf.
ERIC
Als ich meine Augen wieder öffnete, lag meine Frau am Boden. Daneben mein Sohn. Sie waren bewusstlos. Glaube ich jedenfalls. Ein Notarzt fuhr auf den Hof vor unserem Haus. Als nächstes erinnere ich mich nur an Fragmente. Alles durch Stroboskoplicht betrachtet. Blitze. Ich habe keine Schuhe an. Bin barfuß. Renne hoch zum Dach. Steige aus dem Dachfenster. Fühle mich wie Tom Cruise. Rutsche die Dachrinne herunter. Renne weiter. Verstecke mich unter einem Baum. Ich buddel ein Loch, in das ich mich verkrieche. Blaulicht. Suchtrupps. Das Geräusch einer Drohne über mir. Das ging schnell. Immer noch ratlos, warum sie mich suchen. Es ist kalt. Winter. Überall Schnee. Ich friere, ohne dass mir kalt ist. Was mache ich hier bloß? Ich liege hier regungslos. Stundenlang. Ich kneife die Augen zusammen und sitze als nächstes im Auto, auf dem Weg hierher. Wissen Sie denn, was passiert ist?
DR. PYTON
Wenn Sie so darüber reden, jetzt in diesem Moment. Wie fühlen Sie sich dabei? Oder anders, was steigt da in Ihnen hoch?
ERIC
Seit ich meine Tattoos habe, fühle ich mich wie auf der Flucht. Weil ich da, wo ich bin, nicht dazugehöre. Und jedes Mal, wenn ich versuche ein Teil von etwas zu sein, endet der Versuch vor Gericht. Weil anscheinend auf meiner Stirn »Achtung, ich bin kriminell« steht. Ich wette, wenn es legal wäre, mich mit Fackeln und Mistgabeln zu vertreiben, sie würden es tun. Jedenfalls fühl ich mich so. Wie ein Monster, das alle anderen sehen können, nur ich selbst sehe es nicht. Der vermeintlich Geisteskranke sieht weniger, als er denkt und weiß mehr, als er sagt. Ich bin ein Paradebeispiel für den Vorzeigefeind und ewigen Schuldner für alle anderen, die in der größten Psychiatrie der Welt sitzen, ohne es jemals zu wissen. In der »Wir-sind-die-Guten-und-ihr-die-Bösen-Psychiatrie«. Der Geisteskranke weiß, dass er krank ist. Ich weiß, dass ich krank bin. Der Gutbürger weiß leider nicht, dass er »Geistes-krank« ist. Man sollte ihn »Alles-krank« nennen. Ja, das sind sie … Die »Alles-Kranken« aus der »Wir-sind-die-Guten-und-ihr-die-Bösen-Psychiatrie«. Was war nochmal die Frage?
DR. PYTON
Sie wirken zerstreut auf mich. Vielleicht fangen wir nochmal von vorn an. Alles auf Anfang, sozusagen. Können Sie mir etwas über sich erzählen?
ERIC
Ich bewege mich wie eine Schlange, die sich häutet, ihre Beute frisst, sich durch Wüstenlandschaften und die höchsten Baumkronen schlängelt. Sich fortpflanzt, schläft, verdaut, zischt, würgt und vergiftet. All das gleichzeitig, während der Rest der Welt so tut, als würde ich nicht existieren. Dabei komme ich dem, was man unter »Leben« versteht, näher als der Rest der Welt dem, was er sich darunter vorstellt. Die Anderen sind gefangen in der Überzeugung, auf alles eine Antwort zu haben. Sich alles irgendwie erklären zu können. Gefangen in Allem, was Leben eben nicht ist, ja sogar Leben unmöglich macht. Was sie in Wirklichkeit tun, nennt man nicht leben, sondern sterben. Denn wer erst sich selbst, später alle anderen unterdrückt, stirbt, während er sein Leben verpasst, seine Zeit absitzt und sich selbst zum Gott ernennt. Einem Gott, der die Welt und die Menschheit durchschaut hat und so viel besser ist als alle anderen. Bis zu dem Tag, an dem sich ihre Muskeln entscheiden loszulassen und schrumpfen. An dem der Gott plötzlich merkt, dass er doch nicht unsterblich ist und ihn eines Tages, an einer schlecht beleuchteten Straßenkreuzung die Angst einholt. Denn obwohl er längst tot ist, hat er unbändige Angst davor, als armseliger Wurm zu sterben. Wer Angst hat vor dem Tode, wird nie richtig leben. Schade. Scheinbar hat ihm das nie jemand gesagt. Nun gut … Es wäre alles so viel einfacher, wenn sich die Menschen nicht so ernst nehmen würden.
All diese Gedanken flossen aus Eric heraus. Oder aus Mackie. Oder … Er schleuderte sie Dr. Pyton vor die Füße und hoffte, sie würde darüber stolpern.
DR. PYTON
Sie scheinen viel über sich und Ihre Umgebung nachzudenken. Werden Ihnen diese Gedanken denn manchmal zu viel? Haben Sie das Gefühl, dass diese Gedanken einem gewissen Zwang unterliegen? Wie lange leben Sie schon so?
ERIC
Neun Jahre. Neun Jahre Wahn. Falls Sie das meinen. Mehr gibt es nicht zu sagen. Obwohl, doch: Wie heißt es in wahnsinnig schlechten Filmkritiken aus dem Feuilleton: »Man weiß gar nicht richtig, ob man weinen oder lachen soll«. Ich kotz gleich. Mit einer derartig stumpfen Belanglosigkeit, die der Beweis dafür ist, dass in den meisten Fällen Seriosität und Intellekt in Kombination nur verstecken sollen, dass sich diese Besserwisser einen Scheißdreck um andere scheren, ja sie sogar insgeheim verachten. Weil niemand checkt, dass sie für ihre Rolle einfach ein paar Wörter mehr auswendig gelernt haben. Ein paar Wörter, die dafür sorgen, dass sie auf dem Thron sitzen und sich für ihr Schauspiel auch noch bezahlen lassen. Während die anderen, scheinbar weniger klugen, vor dem Fernseher sitzen, in der Platte leben und für die Besserwisser applaudieren.
DR. PYTON
Ich kann Ihnen leider nicht ganz folgen. Sie haben mir mitgeteilt, dass Sie auf der Suche nach Ihrer Familie sind und dass Sie kaum Erinnerungen daran haben, wie Sie überhaupt hier gelandet sind. Was allerdings Ihre Haltung zu den Filmkritikern damit zu tun hat, verstehe ich nicht ganz. Vielleicht können Sie mir dabei helfen, Ihnen besser folgen zu können. Ich möchte Ihnen dabei helfen, alles, was Ihnen durch den Kopf geht, zu ordnen. Hier sind Sie in Sicherheit und Sie müssen sich nicht getrieben oder verängstigt fühlen. Haben Sie aktuell Angst? Würden Sie Ihren Zustand als panisch beschreiben?
ERIC
