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Der große Trip geht weiter!
Bestsellerautor Eric Stehfest und seine Frau Edith haben trotz ihrer jungen Jahre bereits viel durchlebt: eine zerrüttete Kindheit, früher Drogenkonsum, Entzüge, Eskapaden. Dann die Liebe der beiden, eine Hochzeit, ein Sohn. Doch das Konstrukt der klassischen Ehe und die gesellschaftlichen Normen funktionieren nicht für sie. Während eine globale Katastrophe um sich greift, stellen sie sich ihren Ängsten und gehen den schmerzhaften, aber notwendigen Weg zu ihren wahren Persönlichkeiten. Sie wollen eine Bewegung lostreten und es auch anderen Menschen ermöglichen, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen. Denn nur gemeinsam können wir Krieger der Liebe werden und dem Gefühl der absoluten Einsamkeit begegnen. Wortgewaltig und ungebremst erzählen Edith und Eric, wie sie sich und ihre Welt in diesem Prozess neu erschaffen. »Rebellen lieben laut«: die lang ersehnte Fortsetzung des fulminanten Bestsellers »9 Tage wach«!
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Seitenzahl: 409
Veröffentlichungsjahr: 2020
Der große Trip geht endlich weiter – Bestsellerautor Eric Stehfest legt nach und erzählt zusammen mit seiner Ehefrau Edith Stehfest, was nach »9 Tage wach« passierte!
Das Buch
Bestsellerautor Eric Stehfest und seine Frau Edith haben trotz ihrer jungen Jahre bereits viel durchlebt: eine zerrüttete Kindheit, früher Drogenkonsum, Entzüge, Eskapaden. Dann die Liebe der beiden, eine Hochzeit, ein Sohn. Doch das Konstrukt der klassischen Ehe und die gesellschaftlichen Normen funktionieren nicht für sie. Während eine globale Katastrophe um sich greift, stellen sie sich ihren Ängsten und gehen den schmerzhaften, aber notwendigen Weg zu ihren wahren Persönlichkeiten. Sie wollen eine Bewegung lostreten und es auch anderen Menschen ermöglichen, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen. Denn nur gemeinsam können wir Krieger der Liebe werden und dem Gefühl der absoluten Einsamkeit begegnen. Wortgewaltig und ungebremst erzählen Edith und Eric, wie sie sich und ihre Welt in diesem Prozess neu erschaffen. »Rebellen lieben laut«: die lang ersehnte Fortsetzung des fulminanten Bestsellers »9 Tage wach«!
Die Autoren
ERICSTEHFEST, geboren 1989 in Dresden, ist Künstler und lebt mit seiner Familie in Berlin. Er studierte an der Hochschule für Musik und Schauspiel in Leipzig und wurde einem breiteren Publikum bei »GZSZ« bekannt. 2015 gründete er die Filmproduktionsfirma »Station B3.1«. 2016 tanzte er sich in die Herzen der Zuschauer von »Let’s dance«; 2019 siegte er bei »Dancing on Ice«. Eric ist der Erfinder und Eigentümer des Selbstfindungs-Cafés »Studio31« in Gera, wo er kontinuierlich am Aufbau eines Künstlerviertels und einer privaten Kunsthochschule arbeitet. Sein 2016 erschienenes Buch »9 Tage wach« über seine Jugend und Crystal-Meth-Sucht ist ein Bestseller, der 2020 verfilmt wurde und von der Stiftung Lesen als Schullektüre empfohlen wird.
EDITHSTEHFEST, geboren 1995 in Leipzig, hat sich nach einer turbulenten und drogenreichen Jugend ihr heutiges Leben als Sängerin und Schauspielerin hart erkämpft. 2019 erschien ihr erstes Soloalbum »EXIT« als Lotta Laut, außerdem wurde sie als Sprecherin für den deutschen Hörbuchpreis 2019 nominiert. 2020 gründet sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Eric Stehfest, Bernhard Range und Jeremias Koschorz die Band ESOHES. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.
EDITH und ERIC
STEHFEST
REBELLEN
LIEBEN
LAUT
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.Originalausgabe September 2020Copyright © 2020 by Wilhelm Goldmann Verlagin der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.Covergestaltung: UNO Werbeagentur München, unter Verwendung eines Fotos von © Juliane KoziolIllustrationen im Buch: © Christian Gruchalla (zoofracht | mixed media)Redaktion: René SteinGS & DF | Herstellung: kwSatz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-26375-1V003www.goldmann-verlag.de
Wer die Liebe erforscht, entdeckt Dinge, die noch nie da waren …
Wie alles begann
Es…
… war einmal im Jahre 1311. Tief in den Wäldern stand das kleine Haus einer jungen Frau. Sie lebte allein mit ihren Tieren und der Freiheit. Jeden Morgen hängte sie ihr Nachtkleid in den Wind. Sie war ein Kind der Sonne, betete in der Nacht für alle gefallenen Träume dieser Welt. Ein grauer Kater wich nie von ihrer Seite, schnurrte durch unbeschwerte Tage. Mit den ersten Lichtstrahlen sprang er jeden Morgen auf ihr Kissen, lockte sie vor die Tür. Sie stand auf, wusch ihr Gesicht und zog sich an. Barfuß spazierte sie durch den Kräutergarten. Tau küsste ihre Füße, nur der weiße Araberhengst verlangte nach Futter. Sie nahm zwei Eimer aus dem Stall, ging in Kreisen zu den vertrauten Weiden. Das letzte Gatter führte zu dreizehn Perlhühnern, ihr einziges Erbe. Sie streute Körner aus, nahm die gepunkteten Eier mit ins Haus. Der Wind versuchte, ihr unter der Türschwelle zu folgen. Das Feuer im Kamin brachte Licht in den dunklen Raum, wärmte den Tee frischer Kräuter. Sie sang dabei, sang in einer fremden Sprache. Die Worte, Gefühle, aneinandergereiht auf einer Perlenkette. Elfenlieder. Die Natur lauschte und antwortete. Ein Mobile aus Holz lieferte begleitend pentatonische Klänge. Das Rauschen des Baches umhüllte die Töne. Fallende Blätter gaben den Takt. Sie lief mit dem Kater auf eine kleine Lichtung, dankte jeden Tag Mutter Natur für ihre Güte. Stürme verschonten ihr Haus. Der Regen tränkte nährend ihre Beete. Wenn im Frühling kleine Lämmer über die Weide sprangen, zählten sie gemeinsam Maiglöckchen. Jeder Blütenkelch ein friedlicher Ton. Heilendes Grün verwehte trübe Ängste.
Die Menschen im Dorf redeten viel, verstanden nichts von der Liebe zur schweigsamen Einsamkeit. Sie hatten Angst. Angst vor dem Wolf. Der Wolf war ein Freund der jungen Frau, hielt Dämonen und Bewohner fern. Als Welpe hatte er sich mit seiner Pfote an einem scharfen Stein geschnitten. Die Frau hatte ihn den Winter über an ihrem Kamin schlafen lassen. Kräuter des Glücks und warme Verbände heilten schnell seine Wunden. Mit dem Frühling begrüßte er die Lämmer und schwor, sie zu verschonen. Er rannte anmutig in die endlosen Weiten des Waldes. Eines Nachts kam er zu ihrem Haus und sang das Lied vom Mann im Mond.
An grauen Tagen saß die junge Frau am Feuer, webte mit feinem Garn. Die Fäden schimmerten silbern, so achtsam gesponnen. Sie wusste bereits, welche Frauen einmal Wärme in dem Tuch finden würden. Ihre Lippen stimmten einen Gesang an, es ertönten die tiefen Sehnsüchte zukünftiger Trägerinnen. Die Frauen würden spüren, was ihnen im Leben fehlte. Ein neuer Kampfgeist gegen das Patriarchat. Es sprach sich unter den Frauen herum, dass ihre Tücher etwas Besonderes waren. Die Liste der zukünftigen Trägerinnen wurde immer länger.
An einem lauen Sommerabend erntete die Frau Erdbeeren, vernahm donnernde Hufe. Die Erde bebte. Der Wind hörte auf zu wehen. Alles lauschte. Es kam ein Reiter in weißem Gewand durch den Wald. Die Frau stellte sich auf, lief zum Gartentor. Ohne ein Wort rauschten die beiden an ihr vorbei. Sie öffnete die Stalltür, holte Wasser. Der Reiter sprang ab, stellte den verschwitzten Hengst unter. Sie musterte den Mann. Auf seiner Brust prangte ein rotes Kreuz. Sein weißes Haar lag in nassen Strähnen auf der Stirn, das Gesicht eingefallen, nur seine Augen leuchteten kampfbereit. Ein Ritter unter dem Schutz des Heiligen Grals. Sie nahm die Satteltaschen ab, bat ihn in ihr Haus. Er war wie ihr Wolf, ein verletztes und gejagtes Tier. Brauchte Schutz. Der Ritter zögerte, sein Schwert abzulegen. Sie ging auf ihn zu, löste die Eisenschnalle. Entwaffnet ließ er sich auf ihrem Hocker nieder. Er schaute sich um, sog den Duft der Kräuter und der frischen Erdbeeren ein. Sie stellte ihm einen Teller mit Brot und ein Glas Milch auf den Tisch. Der Ritter erhob seine Stimme. Warm und voller Balsam erzählte er ihr seine Geschichte.
Einst hatte er als Erster Rittmeister einem Kreuzzug in den Osten gedient. Vier Sommer verbrachte er in Jerusalem. Dort wurden die ersten Feuer geschürt. Er hatte gehofft, den Bränden mit einer Flucht zu entkommen. Die Ritter wurden Kirche und König ein Dorn im Auge. Sein Land, einst Passion und Paradies, verfolgte ihn. Mit dem Abend kam der Wolf. Der Ritter wollte hinaus, ihn verscheuchen. Die Frau mahnte ihn, seinem Geheul zu lauschen. Der Ritter legte sich sanft auf ein Fell neben dem Kamin. Die Frau verschwand in ihrer kleinen Kammer. Lange fand sie keinen Schlaf, ihr Herz pulsierte unter der Last der Sehnsucht.
Als der Morgen erwachte, fehlte der Kater auf ihrem Kopfkissen. Erschrocken sprang sie auf, rannte im Nachtgewand in den Kaminraum. Ihr Kater schlief eingerollt in den Armen des Ritters. Sie setzte sich neben die beiden, begann zu singen. Im letzten großen Krieg starb ihr Vater. Ihre Mutter erlag kurz darauf ihren Verletzungen, zu Tode geschunden während einer dreitägigen Vergewaltigung durch feindliche Söldner. Das kleine Mädchen hatte sich bei den Perlhühnern in einem Käfig versteckt. Vier Tage lang hatten die Hühner keinen Laut von sich gegeben. Die Soldaten nahmen die Stute der Familie, ließen ihr Fohlen wiehernd zurück. Weitere Tage blieb das Mädchen im Stall, aß Eier und trank die letzten Tropfen Wasser aus dem Hühnernapf. Als sie sich herauswagte, lag ihr Dorf niedergebrannt. Ihre tote Mutter bei den anderen Frauen auf dem Marktplatz. Leichentürme. Trophäen. Ausgeblutete, weiße Herzen.
Das Fohlen und die Perlhühner, ihre einzige Erinnerung an das Leben vor der Einsamkeit. Zu zweit hinter einer Mauer namens Unerreichbarkeit. Sie wurde des gebrochenen Blicks des Ritters gewahr. Seine Tränen auf den Wangen fing sie mit scheuen Fingern auf. Geschmack von Salz, kostbares Gut. Seine Hand suchte zaghaft die ihre. Wie der Sommerwind auf den Feldern trafen sich die Seelen in einem sehnsuchtsvollen Kuss. Der Wald rauschte im Rhythmus ihres Atems. Kinder der Liebe ließen ihre geschundenen Herzen verschmelzen. Als ihr Körper seine Haut berührte, barsten Sonnen. Warmes Licht zerbrach ihre Begierden in tausend Teilchen. Seine Resonanz ein tiefes Brummen. Beide sollten zum ersten Mal im tiefen Fall aufgefangen werden. Immer schneller werdende Wellen der Unvernunft. Im strahlenden Zenit brach ihr Blick. Die Matrix rief schonungslos eine Vision hervor: Die Welt würde düster werden und dahinsiechen. Das Spinnennetz einer tödlichen Krankheit würde sich wie ein Strang um die Kehlen schließen. Der Schwarze Tod würde auf unbekannten Wegen in die Häuser der Menschen schleichen. Kinder, Väter und Mütter sollten Hand in Hand sterben. Die Bevölkerung würde sich spalten. Leichen werden auf Straßen und in Betten liegen. Man würde den Juden die Schuld an der Seuche geben. Sie sah, dass der Ritter gekommen war, um ihr die Zauberformel der Transformation zu verraten. Ewig würden sie denselben Seelenweg bestreiten, wie Schwäne einander vertrauen.
Als sie schwer atmend zurückkehrte, schaute er sie besorgt an. Diese Bilder hatten sie miteinander geteilt. Im Angesicht der wahren Liebe öffnete sich ein Tor, die Verwicklung des Universums im Kampfe zwischen Ordnung und Chaos, Wahrheit und Lüge.
Über den Sommer wuchs ihr Bauch. Liebe sollte kostbare Früchte tragen. Die Königskinder liebten sich am Tage, liebten sich in der Nacht. Die Frau spürte die Not der Welt. Ihre Tücher sollten die blutende Gesellschaft vor der drohenden Katastrophe bewahren. Als sie sich von dem Ritter am Markttag verabschiedete, legte er ihr beschützend seine Arme um den Bauch. Er nahm ein Tuch vom Wagen, um ihr Kind zu verbergen. Das Lied des Tuches handelte von der Sehnsucht nach Frieden. Auf dem Markt trat der Pfarrer des Dorfes an ihren Stand. Ihm wären die besonderen Tücher zu Ohren gekommen, man munkelte, dass in ihnen Magie steckte. Er prüfte die Fäden, konnte nichts Verwerfliches erkennen. Mit scharfem Blick musterte er die junge Frau. Eine Ahnung huschte über sein Gesicht. Schnell verbarg er seine Gedanken. Das Heer der Kirche stand bewaffnet hinter jeder Tür.
Am späten Abend legte sie sich nieder. Dankte den Sternen für Schutz. Streichelte ihren Bauch und glitt in eine unruhige Nacht. Als sie erwachte, spürte sie die ersten Wellen des Unheils. Der Wolf war verstummt. Sie überzeugte den Ritter, ihn zu suchen, verkleidet in ihrem Gewand. Nach langen, erdrückenden Stunden kehrte er zurück. In der Hand ein Tuch mit Blutspuren. Sie hatten den Wolf erlegt. Die Angst der Dorfbewohner war umgeschlagen in Übermut, der gute Geist vernichtet. Die Frau weinte. Ihr Schutzpatron lebte nun im Reich der Sternenkinder. An diesem Abend spürte sie die Kälte des nahenden Winters. Die Tage verstrichen, überschattet von der schutzlosen Angst. Die Bilder ihrer Vision fanden den Weg in ihre Träume, mahnten schneller zu weben.
Eines Morgens kam ein Reiter zu ihrem Hof, brachte schlechte Kunde. Es ging das Gerücht, dass einer der letzten Ritter im Wald verschollen war. Die Bewohner kamen schnell zu dem Entschluss, dass er bei der Hexe unsittlichen Unterschlupf gefunden habe. Das Dorf hatte sie zur Hexe auserkoren. Der Ruf, den die große Macht der Tücher genoss, drang bis zur Kirche vor. Die Frauen begannen sich zu regen, Treffen des heimlichen Widerstands. Eine Frau hatte in der Beichte darum ersucht, ihren Tyrannen verlassen zu dürfen. Der Reiter bemerkte erschrocken die Rundung ihres Bauches und riet, noch in der gleichen Nacht zu fliehen. Die Menschen hatten keine Angst mehr vor dem Wald. Der Wolf war schließlich tot. Sie würden kommen, um die beiden zu holen.
Der Ritter wollte sofort los, doch sie brach in Tränen aus, brach zusammen. Dieser Ort war ihr Ein und Alles, die Schwangerschaft zu weit fortgeschritten für eine Flucht. Sie betete zu den Göttern, möge ihr Schutz die letzte wahre Liebe verbergen. Der Tag der dunklen Mächte war gekommen. Ein Zug aus Menschen mit Fackeln, angeführt vom Pfarrer, drang in ihr kleines Reich ein. Der Ritter suchte vergeblich nach seinem Schwert. Sie hatte es versteckt. Er war jeder Waffe für den letzten Kampf beraubt, und doch stellte er sich schützend vor sie, bereit, seine Familie bis auf den Tod zu verteidigen. Aus einem Hinterhalt traf ihn ein Pfeil in den Bauch. Er ging zu Boden. Fünf Männer griffen ihn, fesselten ihn an Armen und Beinen. Warfen ihn auf einen Wagen. Zwei weitere packten die junge Frau, schmissen sie gefesselt neben ihn. Sie schrie auf vor Schmerz. Ihre Bauchdecke wurde hart. Der Weg ins Dorf glich einer Tortur. Sie sang ein Lied zur Beruhigung für ihre ungeborene Leibesfrucht. Der Ritter blickte sie aus flehenden Augen an. Es war zu spät. Keiner würde zu Hilfe eilen. Das Urteil war gesprochen. Die Hexe, welche mit dem Teufel das Bett teilte, seine Brut in sich trug, musste sterben. Der Pfarrer schürte die Hetze. Der dunkle Mob erreichte das Dorf. Ein kurzer Prozess blitzte in todeshungrigen Augen. Sie zerrten die Frau unter den Schreien des Ritters zum alten Brunnen. Wir, die Kirche, verurteilen die hier anwesende Frau zum Tode, wegen Hexerei und dem Beischlaf mit dem Teufel. Sie hat unser Dorf vergiftet und sich feige in den Wäldern verschanzt. Die Kirche bestraft solch Frevel mit dem Tod. Die Frau flehte unter Tränen, man solle sie noch ein paar Wochen am Leben lassen. Ihr Kind solle das Licht der Welt erblicken. Nehmt mich, doch nicht das Leben dieses unschuldigen Wesens. Der Pfarrer hieß sie zu schweigen. Der Henker riss sie an den Haaren hoch, legte sie auf den Rand des Brunnens. Der Ritter schrie um Gnade, wollte sich an ihrer Stelle in die Tiefe werfen lassen. Für einen Wimpernschlag stand die Zeit still. Du, meine große Liebe. Kein Staat, keine Kirche dieser Welt kann mir dich nehmen. Die Meere werden toben, Sterne werden untergehen. Ich fange sie auf für dich, um dem Höllenhund ein Stück des kosmischen Lichtes zu schenken. Die Kreise der Magie werden uns leiten zum Neuanfang dieser Welt. Kalte Kriege werden über die eifersüchtige Menschheit herrschen. Die Frucht ihres Hasses wird alles verpesten. Ich verfluche die Ohnmacht dieses Reiches, auf dem Weg in seinen Untergang. Kein Schmerz dieser Welt wirkt so stark wie der Zauber unseres Glaubens. Der Glaube an die Wahrheit. Die Liebe wird nicht unter einem Kreuz geboren, sie wächst Wildblumen gleich am Wegesrand. Egal, welche Abgründe an dir zerren, ich werde vor dir dort sein. Deinen Weg werde ich ebnen. Dornen pflücken, damit mein Kind sich seine Füße nicht blutig läuft. Ewig werde ich meine Kriege für deine Rache niederlegen. Es braucht keine Schwerter. Es braucht uns, damit die Achtsamkeit unter den alten Sternen wiederaufersteht. Stelle die Dämonen an deine kalte Hand und folge meiner Liebe, hinab ins Hinterland.
Mit einem festen Stoß fiel sie in den Brunnen. Sie holte ein letztes Mal Luft. Als sich das Wasser über ihrem Kopf schloss, begann sie zu summen. Ihr Kind strampelte wild in ihrem Bauch, als wolle es nach oben fliehen. Sie summte das Wiegenlied ihrer Mutter. Diesen letzten Kampf wollte sie in Stille bestreiten. Sie versuchte, nach oben zu blicken. Die aufgewühlten Augen ihrer Peiniger starrten sie an. Gehässiges Grinsen und Mordlust in ihren Gesichtern. Plötzlich vernahm sie Schreie. In Todesangst zuckte ihr Körper. Sie hatten den Ritter auf den Scheiterhaufen gebunden, das Feuer entzündet. Er schrie ihren Namen. Den Namen ihres Kindes. Er kämpfte gegen die Fesseln, wollte sich losreißen. Die Hitze ließ seine Haut mit den Stricken eins werden. Ihr Kind trat heftig um sich, weil es seine Stimme vernahm. Verzweifelt versuchte sie, an der glitschigen Brunnenwand Halt zu finden. Riss sich einen Nagel ab bei dem Versuch, einen Stein zu fassen. Ein letztes Mal Luft holen. Sie öffnete den Mund, Wasser drang hinein, und sie hielt erneut die Luft an. Ein qualvoller Versuch, es fernzuhalten. Wieder die Schreie des Ritters. Seine Haut hing ihm in Fetzen vom Körper. Ihre Todesqualen im Wasser hätten seine Schmerzen gelöscht. Mit dem nächsten Atemversuch wurde ihr Körper immer schwerer. ES zog sie nach unten. Sie riss ihre Augen weit auf, wollte um Hilfe für ihr Kind schreien. Ihm sollten nicht die kleinen Kostbarkeiten des Lebens genommen werden. Ihre Arme ruderten wie wild. Blut floss aus ihren wunden Händen. Kein neuer Atem. Ihre Organe versorgten ihr Kind nicht mehr. Stumm schreiend verlangte es nach Luft in ihrem Bauch. Ein letztes Lied auf kalten Lippen erfror in dunkler Tiefe. Ihre Augen wurden schwarz. Die beiden sanken. Der Ritter brannte. Der Schwarze Tod überrollte das Land, forderte seinen Tribut.
»ES in unseren Köpfen,
verbinde uns miteinander.
ES darf jetzt passieren.«
PROLOG
Stell dir vor, du sitzt in einem ehrlichen, sonnigen Café. Du hast genügend Geld, um dir so viele Espressi zu gönnen, wie du möchtest. Deine Ausstrahlung wirkt einladend. Du hast einen geregelten Job. Dein Tagesablauf ist programmiert und einstudiert, um bloß keine Fehler zu machen. Die Zeit, in der du einen riesigen Mangel in dir gespürt hast, ist vorbei. Eingegliedert und angepasst. Mit einer souveränen Klarheit sitzt du in diesem Café und weißt, du hast aufgegeben. Du findest dich auf der Auswechselbank wieder.
Eric sitzt gerade in einem solchen Café, der Auswechselbank für unentschlossene Tausendsassa. Seine Crystal-Meth-Sucht hat er hinter sich gelassen. Er hat brav gemacht, was man von ihm verlangt hat. Er ist ein Teil der Gesellschaft geworden, hat sich der Öffentlichkeit gestellt und alles gebeichtet. Eric wurde als Schauspieler in der großen deutschen Boulevard-Familie aufgenommen, ist Ehemann und Vater. In seiner Jugend hat er die Sterne von Mercedes abgeknickt, jetzt steht er kurz davor, selbst einen Benz zu fahren. Selbstbetrug? Reifeprozess? Was auch immer ihn zweifeln lässt, er muss dieser Stimme nachgehen, die ihm zuruft: »Alles auf Anfang!« Eric war ein Rebell, ein Kämpfer der Straße. Seine Fähigkeiten, für die Werte seiner Mitmenschen einzustehen, außergewöhnlich. Mit dreizehn Jahren erschuf er den modernen Cyber-Punk namens »Ampel«. Ein Avatar der Liebe. Doch Ampel hatte ein Problem: Er existierte nur auf Drogen. Eric vergaß diese Daseinsform und fing an, Ampel zu meiden. Er plante sogar, ihn umzubringen. Klar, mit dreizehn ist man jung und naiv. Ideen kommen und gehen, jeden Tag, zu Hunderten. Jetzt erst versteht Eric, warum er diesen »Umweg« machen musste. Warum er in das Allzwecksystem eintauchte, sieben Jahre lang. In dieser Zeit hat er Edith gefunden. Eric ist jetzt nicht mehr allein.
Auch Edith besaß eine solche Form. Sie nannte sich »Lotta Laut«. Die beiden beschließen, wieder zu ihrem Anfang zurückzukehren, diesmal ohne Drogen. Mit neuen Skills. Zwei miteinander verheiratete Ex-Junkies, gefangen in einem System, das von ihnen verlangt, artig zu bleiben. Sich einzureihen und froh darüber zu sein, die Vergangenheit überlebt zu haben. Doch da ist mehr. Viel mehr. In ihnen fehlt die Ruhe, die ihnen versprochen worden war. Die Erde bebt. Um sie herum Wut und Zerstörung. Aus einem System auszusteigen und aufzuwachen bedeutet, Schmerz zu fühlen. Sie suchen einen neuen Sinn im Leben. Sie wollen nicht mehr nur für sich selbst leben, sondern einer größeren Aufgabe dienen. Ihre Mission ist es, die Menschen an sich zu erinnern, an den Kern ihres Seins. Einen eigenen Heldenkosmos aufbauen, in dem jedes Wesen einen Platz hat. Obrigkeiten nerven, rebellisch sein. Sie begegnen Verbündeten, die alle durch ein großes Schicksal, das noch vor ihnen liegt, verbunden sind. Das Kind in ihnen hat überlebt, für sie gibt es keine Schublade. Eine brüllende Löwin schmückt das Wappen ihrer Bewegung.
Die Soldaten der Liebe sind auf dem Vormarsch.
Eine Armee aus Deformierten, Unsichtbaren, die es leid sind, sich einsam zu fühlen. Allein gelassen, ausgegrenzt, unverstanden. Leicht wird es nicht sein, sich aus den verhärteten Konventionen unserer Menschheitsgeschichte zu lösen, die sich doch oft so wahnsinnig gut anfühlen. Eine Illusion, von mächtigen Sklavenhaltern an der Leine gehalten. Weil sie uns das Gefühl von Sicherheit, wie eine Droge, intravenös zwangsinjizieren. Doch was ist schon sicher? Das Leben ist so sicher wie ein ausgelaugter Lastwagenfahrer auf der Autobahn.
Für Eric gibt es keinen Plan B. Er hat eine Heldin gefunden, er ist mit ihr verheiratet. Er gibt seiner Königin den Namen »Regenbogenbraut« und spürt, dass neben ihrer Ehe eine Frau an Ediths Seite eine wichtige Rolle spielen wird. Vielleicht endet diese Reise mit einer Hochzeit zu dritt? Wer würde wem den Ring zuerst anstecken? Dreimal Ja zur sexuellen Befreiung.
Das Buch wird durch die Zeit reisen. Wir beschreiben das Morgen im Hier und Jetzt, kreieren unsere Zukunft, bevor sie passiert. Durch die Magie der Wörter. Aus einer Fantasie wird Realität. Erst Fiktion, fangen Edith und Eric irgendwann an, sich wahrhaftig zu verändern, sich einzumischen. Sie helfen Menschen auf die Beine, gründen einen Verein, werden politisch aktiv und haben ihr Ziel klar vor Augen: eine Revolution. Oder Evolution? Irgendetwas, das sich bewegt und Veränderung einfordert. Durch das Wachsen der Sichtbarkeit als Rebellen wächst die Gegenwehr von außen. Sie brauchen eine neue Form von Schutz, den sie sich suchen. Eine gefährliche Reise beginnt, auf dem schmalen Pfad zwischen Frieden und den Abgründen der Unterwelt.
Das evolutionäre Spektakel
Zweitausendzwanzig. Leere Welt, vergraben hinter Selbstbedienungsanlagen. Grau gefärbte Nebelwand versperrt die Sicht auf klare Gründe für den unsichtbaren Tod. Unerkanntes Frühlingserwachen lässt Vögel freier singen. Chaos hinter verschlossenen Türen. Stillgelegte Motoren stehen leblos am Straßenrand. Verbrannte Abfallprodukte fressen sich durch Tausende Lungensysteme. Menschen versuchen krampfhaft, an ihrem alten Leben festzuhalten, posten Bikini-Sixpack-Winter-Sommermode, besoffene Party-Poser-Pics und Blitzlichtgewitter-Fame-Auftritte. Globales Fieber bricht aus, und der Spaß kocht über. Eine vergiftete Gesellschaft wird auf Entgiftung geschickt. Stationärer, kalter Entzug auf unbestimmte Zeit. Virtuelle Leichenberge der Headshot-Generation wachsen und wachsen, werden neu programmiert.
Edith und Eric nutzen den Wahnsinn, haben eine vierköpfige Band namens €$OH€$ gegründet, bestehend aus:
Bernhard »Omega«, dem schrägen Industrial-Techno-Produzenten,
Jeremias »Hannibal«, dem Schauspiel-SynchronsprechPianisten,
Lotta Laut, Göttin der Freude, und
Ampel, dem Riot-Rap-Aktivisten.
Äußerlich haben sich die beiden Ex-Junkies verändert, unter großen Schmerzen eine neue Form angenommen. Sie sind miteinander fusioniert, schenken dem »Schau in den Spiegel«-Jahr zweitausendzwanzig ein Gesicht. In dem Moment, als sie loslegen, sich auf die Soundsuche begeben wollen, schleicht ein unsichtbarer Tod heran, der alle Menschen dazu zwingt, getrennt voneinander zu leben. Die Kombi aus Musikstudio und Altbauwohnung in Berlin. Bernhards kleine Hochsicherheitsfestung, mit hart zusammengespartem Inventar. Er fühlt sich schwach. Erkältungssymptome quälen seinen Geist, verunsichern ihn. Die Geldreserven reichen für knapp vier Monate. Seine Freundin muss weiterhin arbeiten gehen. Die Menschen brauchen unbedingt noch gepflegte Haarschnitte, bevor der unsichtbare Tod sie ereilen kann. Um sich abzulenken, sitzt Bernhard vor seinem Modular-System und fängt an, den langen Tagen einen Klang zu geben. Seine selbst gelöteten Soundmaschinen geben ihm Halt, schmälern das erdrückende Gefühl, allein zu sein. Wie wird unser Alltag klingen, nach dem globalen Erwachen? Wenn alles Überflüssige unnütz geworden ist und die kleinen Dinge aufblühen? Analoges Selfmade-Knistern im luftleeren Raum. Vorbei die Zeit, in der wir darauf achteten, in den Charts zu landen. Wir drücken auf Neustart, erforschen die Liebe. Keine Jobs, keine Ausreden. Jeremias sitzt zu Hause am Klavier, spielt gefühlvolle Hoffnungs-Melodien auf schwarz-weißen Tasten. Sein Freund schmiegt sich schützend an ihn. Zwei liebende Männer lernen, wie man Nähe ohne lästigen Fluchtreflex zulässt. Lotta und Ampel sind Hausbesetzer. Eine der zwölf Herkulesaufgaben, einen heilenden Ort zu errichten. In Gera kämpfen sie in einem Selbstfindungs-Musikcafé alias Club alias Anlaufstelle für gerade erwachte, aus dem Betäubungsschlaf gerissene Menschen, um den Zusammenhalt aller. Hass, Spaltung und Missgunst lauern an jeder Ecke. Sie gaben dem Club in der oberen Etage den Namen »Woofer«, natürlicher Rausch durch Verkriechen in einem riesigen Subwoofer. Mehr brauchte es nicht, um sich lebendig zu fühlen. Abends feiern und tagsüber diejenigen auffangen, denen der natürliche Rausch nicht gereicht hat, die zu viele Pillen geschmissen hatten. Kurz vor Eröffnung kam der Abbruch, shut up or shutdown. Eine Psychologiestudentin tanzt Ballett und läuft in einem Tutu durch den leeren, still daliegenden Woofer-Club. Die Lichter flackern. Die Nebelmaschine drückt eine letzte Wolke in den Raum. Von der einen auf die andere Sekunde aus dem Leben gerissen.
David und David oder »Rave Dave« und »Disko Dave« stehen täglich im besetzten, heilenden Haus. Therapieren sich gegenseitig, entfalten ihr Potenzial. Schenken jedem Gast ein Lächeln, auch wenn sie es sich selbst noch nicht schenken können. Kalter Entzug im warmen, geschützten Raum. In der Clubtoilette sitzt einer der beiden Davids mit einer Diskokugel im Arm auf den kalten Fliesen. Die Psychologiestudentin und ihre Freundin setzen die Haarschneidemaschinen bei ihm an. Ein frischer Irokese. Zeichen des Widerstandes und des Wandels, in einer Toilette, die sich selbst »das Virus« nennt. Eric ließ seinen Unmut über die aktuelle Lage an den Wänden aus, spritzte abstrakte Farb-Nervenstränge auf alle Oberflächen.
Rave Dave, Ritter Nummer eins in Ediths Welt, versuchte, sie vom Sog der Drogen zu befreien. Nach der Trennung nahm er doppelt so viel Kristall-Glück. Ihre gemeinsame Zukunft hatten sie sich lange auf der Spiegelfliese ausgemalt, und dass sie sich nach der Trennung jemals wiedersehen würden, schien unvorstellbar. Heute gehört er zum Team, trotz immer wiederkehrender Rückschläge. Nach zwanzig Jahren Crystal Meth hört man nicht einfach mal so auf.
Immer weniger Bewegung auf den Straßen. Die Gäste bleiben aus. Die Stimme der Betäubung schreit in diesen Tagen extrem laut in ihren Ohren. Es wäre so viel einfacher, sich in der Isolation abzulenken. Doch sie geben den Kampf nicht auf, wollen unbedingt clean bleiben. Pina, Ediths Mama, ist wütend. Angedrohte Ausgangssperren zwangen sie dazu, einen Hamster zu kaufen. Oder so ähnlich. Sauer macht alles andere, aber nicht lustig. Einfallsreiche Ablenkungstaktik, in das Büro ihres Mannes zu gehen, um dort an übermorgen zu denken. Datenbanken überarbeiten. Ihren Mann, Ediths Papa zwei oder auch Papa Micha, plagen Albträume. Er steht kurz vor der Entscheidung, fast alle seine Mitarbeiterinnen zu entlassen. Seine zwei Töchter spielen Schule im Büro, ein kleiner Trost, die beiden um sich zu wissen. Ediths Großeltern, Oma Ludmila und Opa Detlef, sind fest davon überzeugt, die Krise zu überleben. Ist ja nicht die erste Schlacht, die sie miterleben. Ludmila will auf keinen Fall aufhören zu rauchen. Für Detlef keine große Umstellung, seit einigen Jahren verlässt er nur selten das Haus. Ediths Papa eins, Papa Guido, verlor das frisch gewonnene Familienglück, trennte sich von der Mutter seines jüngsten Sohnes. Eine Schauspielkollegin am Theater gewann sein dramaturgisch vertrackt angelegtes Herz. Seine Rollen liegen ungebraucht im Schlafzimmer, dafür Steuerkram, der lange in seiner Schublade moderte und jetzt endlich bearbeitet werden kann. Um der Angst vor der Zukunft entgegenzuwirken, beschäftigt er sich mit der Relativitätstheorie, Zeit und Raum neu zu definieren.
Eric weiß nicht, wie es seiner Familie geht. Seit einigen Wochen hat er den Kontakt zu ihr abgebrochen. Die ewigen Streitereien zwischen seinen Großeltern ertrug er nicht mehr. Was sie sich selbst an Liebe nicht geben können, kommt auch bei ihm nicht an. Er ist es leid, von ihnen nur nach seinen Leistungen bewertet zu werden. Sein Opa zog ihn oft damit auf, er würde immer nur die Schwulen und die hässlichen Weiber im TV küssen. Erics Kollegen hingegen bekommen stets die schönen Frauen ab. Und als Filmemacher würde er nie so einen Erfolg haben wie Herr Schweiger. Das Maß an Respekt und Liebe, mit welchem sie ihre Ehe seit Jahrzehnten führten, war ganz sicher nicht sein Maß. Mama Liane ließ Eric wissen, dass sie die neuen Pläne ihres Sohnes gar nicht gut findet. »Du kannst nicht singen. Ich stand früher an deiner Kinderzimmertür, hab dich beim Singen belauscht. Es klang schrecklich. Lass es lieber.« Für seine bevorstehende, erneute Hochzeit mit Edith hätte sie keine Zeit. Die beiden Königskinder wollen sich nach ihrem ersten Jawort vor einigen Jahren noch einmal zueinander bekennen, diesmal unter Zeugen. Doch Lianes Familienplan sah anders aus, immerhin lag der Termin mitten im Campingurlaub. Auf die Idee, sie von ihrem Urlaubsort einfliegen zu lassen, kam nie eine Antwort. Anrufe und WhatsApp-Nachrichten von Großeltern und Mutter ignoriert Eric seitdem, lässt sie unbeantwortet. »Dennoch, ich bin ein Kind der Liebe … ganz sicher.« Mit diesem Satz begann Erics erstes großes Abenteuer. Doch: Dieses Kind existiert nicht mehr. Er hat sich neu erschaffen, einen eigenen Namen gewählt und es sich zur Aufgabe gemacht, die Liebe zu erforschen, sie neu zu entdecken. Irgendetwas in ihm spürt, dass sein Herz größer ist als bisher zugelassen.
Auftritt ES. Eine Gestalt, unbewaffnet, läuft durch stille Gassen. Das Gesicht, nicht zu erkennen. ES bewegt sich elegant schwebend und gleichermaßen militärisch. ES klingt wie zwei Stimmen, die zu einer fusionieren, hohe und tiefe Töne übereinandergelegt:
»Sklaven. Menschen. Sklaven. Menschen. Sie alle. Seht, die Sonne. So wunderschön, wie Wimpern. Nur, tötet sie uns. Wir brennen. Aus Angst vor dem Andersartigen abgeschlachtet. Vom Rest der medialen Scheinwelt zu Psychopathen gemacht. Film ab, Oscar reif. Seht ihr nicht, wie hilflos das ist. Menschen fürchten sich vor Menschen und löschen Leben aus. Wir sind das Licht und halten die Welt in ihren Fugen. Hypersensibel ruhen wir in der Stille und können hören, wie sie reden, sie alle. Nicht das, was sie sagen, nein. Von innen schreit die Wahrheit heraus. Niemand kann sich dagegen wehren. Sie haben keine Ahnung. Sie sind blind. Sie fressen sich satt, bis nichts mehr übrig bleibt. Übersättigt, versauert, stinkend. Sie verdienen es nicht, die Sonne zu sehen, dieser Schönheit eiskalte Strahlen. Nachts, ja. Nachts, da spüren wir sie, die Lösung. ES ist das Richtige. Wenn wir ES nicht tun, wird es immer und immer und ewig so weitergehen. Still jetzt. Unsere ganze Liebe widmen wir der Zeit. Der Zeit, die wir haben, um sie alle zu finden. ES kann verstehen, dass ihr aus uns Psychopathen macht. Massenmord ist durchaus ein Grund, den Verstand zu verlieren.«
Auftritt Chor der Isolierten. Familien, Alleingelassene, Unsichtbare, ihrer Freiheit beraubt. Sitzen in ihren Miet-Zellen. Ein Meer aus Gefangenen fängt an zu singen:
Die Hitze singt in meinem Kopf.Fang dich von vorn an!So jung, so jung.Gestern haben wir noch Freiheit gerufen.Kanonen haben uns still gemacht.Wann war dieses Gestern?Und wer ist dieses Kind in meinem Kopf?Wo ist meine Mutter, denn meine Heimat brennt.
Ein guter Moment, noch einmal zurückzugehen. An den Anfang. Erlebtes Revue passieren zu lassen. Isolierte Familienaufstellungen während einer globalen Schmerzerfahrung. Und weil sie selbst zu dumm, zu jung, naiv, zu unwissend waren und nicht sahen, was unter ihren Taten lag, erzählt ES die Geschichte von Lotta Laut und Ampel, den beiden Liebessuchenden.
EDITH
Weltstar
Leipzig-Gohlis. Ein drittes Kind fand den Weg in Familie »Aufbruch-Stimmung«. Frisch geschlüpft lag Klein Greta in ihrer Traum-Zauber-Schaukel. Drei Schwestern warteten darauf, auf eigenen Händen zu laufen. Darf ich Papa zu dir sagen? Auch Edith fand Halt in der neuen Nahrungskette. Ein zweiter Familienversuch benötigt frischen Boden für die glückliche Zusammenkunft. Umzug in den nächsten Abschnitt des Lebens.
Ediths elfter Geburtstag beinhaltete mehr als die Ehrung ihrer Geburt. Dieser Tag sollte in einem fürchterlichen Desaster enden. Kein lautes Aufschreien, das sich durch die Nachbarschaft ausbreitete oder sogar durch die ganze Stadt. Nein, dieser Tag manifestierte sich zum Geburtstag ihrer unerträglichen Bauchschmerzen. Ein Ziehen, das sich bis hoch zur Stirn im gesamten Körper ausbreitete. Ausgelöst durch ein einfaches Nein von einem einfachen Mann.
Heute war es endlich so weit. Die kleine Edith war wahnsinnig aufgeregt. Papa kommt heute zu Besuch. Alles musste perfekt vorbereitet sein. In den vergangenen Tagen gab es kein wichtigeres Thema, als ihren Auftritt zu planen. Sie bewies Improvisationstalent, gab dem Lampenfieber seinen Namen: Mikrofon und Bühnenlicht vereint durch einen Lampenständer mit hell leuchtender Gesichts-Glühbirne. Sogar ein Bühnenoutfit fand sich noch in Mamas zauberhafter Kleiderkammer. Mit großer Vorsicht öffnete sie die Tür, bloß nicht über das viel zu lange Kleid stolpern. Mama Pina und der neue Papa, Papa zwei, saßen in der Küche, ignorierten den unzuverlässigen Besucher. Guido roch nach billigen Zigarillos und alten Theaterkostümen. In seinem Gesicht sah man Spuren der letzten Vorstellung, hartnäckiges Schminkwerkzeug. Alles an ihm erinnerte Edith an die großen Geheimnisse und Rätsel der Geschichten, von denen ihre Kinderbücher erzählten. Der viel zu kleine Riese wurde an Ediths zarter Hand durch die frisch ausgeräucherte Wohnung geführt. Natürlich entging ihm nicht das Flüstern aus der Küche. Seine Antennen waren immerhin voll ausgefahren, als Hüter der deutschen Sprache konnte er sogar durch Wände hören. Er verstand genau, dass sie in der Küche über ihn redeten. Ungestört und nicht belauscht betraten sie das von Edith vorbereitete Bühnen-Wohnzimmer. Guido setzte sich auf die Sofakante, bloß nicht zu viel vom neuen Glück berühren. Allzeit bereit, um aufzuspringen für einen überraschenden Fluchtversuch. Gedimmtes Licht tauchte den Raum in eine »Wir sind jetzt allein«-Stimmung. Kinderlieder hingen Edith schon lange zum Hals raus, darum die eigenen Texte auf fertigen Melodien. Zwischen Rosenstolz und Waldorf-Rebellion sprang Edith mit dem Lampenständer von einer Ecke des Raumes zur anderen. Spagat mit Spaghetti-Lächeln für den wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Bemühte Anerkennungs-Schweißperlen tropften durch den Raum, Edith suchte die Blicke des kleinen Schauspieler-Riesens. Dumpf drang der Auftritt bis in die verschlossene Küche. Pina stillte weinend das Baby, versteckte ihren Kummer hinter einem Geschirrhandtuch. »Egal, wie sehr wir ihr unsere Liebe auch zeigen. Edith wird niemals ihren Hunger nach Anerkennung stillen, den sie zum Überleben braucht. Er hat keine Ahnung, wie wichtig sein Platz bei ihr ist.« Die Bemühungen von Papa zwei, seine geliebte Frau zu trösten, ersoffen in Promille, die den dumpfen Klang des Wohnzimmers verstummen ließen. »Ich werde mal ein Weltstar sein!« Mit diesen Worten beendete Edith ihren Auftritt. Beim Verbeugen hielt sie ihren Kopf gesenkt, solange es ging, um den langersehnten Applaus zu verlängern. Frühreife Schmerzen zogen sich durch ihren Rücken. Ein Eingriff vor vier Jahren, als Edith etwas Rückenmark entfernt wurde, nach einem fast tödlichen Zeckenbiss. »Eine sehr untypische Aussage für ein elfjähriges Mädchen.« Sängerin, Schauspielerin oder Superheldin wären Zukunftsvisionen gewesen, mit denen ihr Papa gerechnet hätte. Minuten vergingen, ohne den erlösenden Zuspruch. »Kommst du morgen zu meinem Flötenkonzert?« Die Luft im Raum wurde knapp, zumindest für Guido. Sein Puls katapultierte ihn raus aus dem Sofa, er rieb sich das Gesicht. »Kleines, ich muss morgen selbst wieder auf der Bühne stehen. Was wir dort machen, ist politisch. Das ist Kunst. Vielleicht schaust du dir das ja mal an, wenn du älter bist. Das Theater ist mein Zuhause, mit der Welt kann ich recht wenig anfangen. Und einen Star würde ich mich niemals nennen. Danke für deinen tollen Auftritt heute. Bis ganz bald, kleine Prinzessin.« Keine zarte Hand, die den kleinen Schauspieler-Riesen zur Tür geleitete. Diesmal fand er selbst den Weg. Ein kurzer Stopp vor der Küchentür. »Grüß deine Mama bitte von mir«, rief er durch die Wohnung, sodass alle ihn hören konnten. Die Tür fiel zu, und mit ihr der Glaube daran, gut zu sein, so wie Edith jetzt war. Zumindest würde es schwierig werden, Männern in irgendeiner Form zu gefallen. Scheiß Welt, scheiß Sterne. Vertraue niemals einem Schauspieler, erst recht nicht, wenn er dein Vater ist. Glücklicherweise hatte Guido keine Ahnung, was in den vergangenen Minuten mit Edith passiert war. Ihr Gesicht gelähmt, das verhinderte den puren Blick auf ihren Gefühlszustand. »Danke, liebe Zecke, dass du mich beschützt hast. Niemand soll sehen, wie es mir geht.« Natürlich könnte man behaupten, dass die Borreliose zufällig Edith heimsuchte, als sie sieben war. Operationen, Anfälle, Lähmungserscheinungen und eine schmerzhafte Rückenmarksentfernung in so jungen Jahren verändern den Blick auf einfach alles. Mimik und Gestik mussten neu definiert werden. Zwischen Traum und Realität liegt oft nur ein einfacher Zuspruch. Oder eine unscheinbare Enttäuschung. Das Bühnen-Wohnzimmer verlor seinen Zauber.
Draußen tobte ein eisiger Wind, wehte das Schicksal gegen die Scheibe. »Kleine Mädchen sind dazu verdammt, kleine Mädchen zu sein und zu bleiben. Wenn du wachsen willst, fang an, dich an diesen Schmerz zu gewöhnen. Guido ist, was er ist. Daran wird sich niemals was ändern.« Papa zwei stand wankend im Türrahmen, verwaschene Worte statt einer notwendigen Umarmung. Ediths Verstand schien sie zu täuschen. Hatte gerade jemand zu ihr gesprochen? Bevor sie einen Schritt Richtung Küche machen konnte, stach ihr etwas in den Bauch. Ein unerträglicher Krampf zog sich durch ihren Körper. Ein kurzes Aufschreien, danach fiel sie zu Boden. Tränen träufelten regungslose Gesichtszüge. Kein Zwinkern versperrte die Sicht auf ihre Zukunft. Urvertrauenslos lag sie vor einer unlösbaren Aufgabe. Der Gott Wind nahm ihren Schmerz, pustete ihn an einen anderen Moment in Ediths Leben. Sie verabschiedete sich noch kurz von ihrer Kindheit, wischte die Tränen weg und beschloss, kein kleines Mädchen mehr zu sein.
Der Tag des Flötenvorspiels in der Musikschule. Alle trugen schicke Kleider. Edith reichte eine Nietenjeans, zerrissene Jeansweste und rosa Haarband, um sich elegant zu fühlen. Sie hatte den Streit mit ihrer Mama über die Outfitwahl gewonnen. Rosenstolz würden niemals im Blumenkleid auftreten.
Edith vergaß zu üben. Ihre Mama ermahnte ins Leere. »Mama, mach dir keine Sorgen, auf der Bühne klappt es immer. Ich muss nicht üben.« Angekommen in der Musikschule, setzte sich Edith zu ihrem Ensemble Pink Flöt. Pina legte ihren Pelz ab, und nach ihrem obligatorischen Niesanfall, diesmal ein sehr hoher und quiekender, konnte es losgehen. In Ulm und um Ulm und um Ulm herum. Blockflötenreime, die Jüngsten zuerst. Klein Edith war stolz, die Stücke mitsummen zu können. Sie wartete ungeduldig auf ihren Auftritt, ohne Papa Guido im Publikum. Zwischen »Tanz der Harlekine« und »Greensleeves« betrat jemand auffallend unauffällig den Johann-Sebastian-Bach-Saal. Fünfzig Köpfe drehten sich ruckartig nach links. Mahnender Blick der Renaissance-Fee: Zu-spät-Kommer waren unerwünscht. Die alte Holztür fiel krachend ins Schloss. Klein Elisabeth ließ vor Schreck ihre Flöte fallen. Lautes Räuspern der Lehrerin, da capo al fine. Rainer, Vater des Koschorz-Klans, setzte sich betreten in die letzte Reihe. Nokia-Klingelton, nun wusste auch seine Tochter Emily, wer gekommen war. »Emily du bist dran, hast du deine Altflöte aufgewärmt?« Zitternd hauchte sie in den Flötenkopf. Emily war ein Jahr jünger, gleich durfte Edith auf die Bühne.
Während Emily zaghaften Tönen beobachtete Edith den Ruhestörer-Papa, Rainer. Eigentlich gar nicht so ein alter, hässlicher Papa, sondern ganz cool, mit der Lederjacke und dem gegelten Haar. Er sah zufrieden aus. Entspannt zurückgelehnt hörte er seiner Tochter beim Spielen zu. »Mein Papa würde bestimmt ganz vorne sitzen, wenn er gekommen wäre.«
Rainer, der Schauspieler, hatte sich trotz mahnenden Anrufs seines Sohnes ins Konzert gewagt. »Sie will nicht, dass du kommst. Bitte, geh nicht hin. Lass dir lieber eine gute Begründung für eure Trennung einfallen. Und vor allem, gib ihr Zeit.« Für ihn war es dennoch selbstverständlich hinzugehen. Natürlich mit Sicherheitsabstand zu Constanze, seiner Ex-Frau. Emily brach ab, legte die Flöte aufs Cembalo und rannte raus. Kleine Mädchen tuschelten hinter vorgehaltenen Flötenputztüchern. Väter schauten kurz aufs Telefon. Jetzt war Edith an der Reihe, doch statt auf die Bühne flitzte sie Emily hinterher. Dicht gefolgt von Rainer. »Rainer, du gehst jetzt bitte! Die Emily will dich nicht sehen.« Constanze stellte sich vor ihre Tochter. Emily stand weinend an der Treppe. »Ich will ihn nicht sehen, Mama, warum ist er hier?« Constanze wühlte nach einem Taschentuch. In ihrer neongrünen Handtasche fand sie nur einen Seidenschal.
Edith beobachtete die Szene. Verstand nicht, wieso man den eigenen Papa nicht dabeihaben will. Sie soll sich lieber freuen, dass er da ist, auch wenn er etwas zu spät kam.
Constanze blieb mit ihrer Tochter draußen. Pina schickte Edith auf die Bühne, um die Flöte zu stimmen. Sie war zu hoch, wie immer. Palisanderholz. Sie verspielte sich nicht, war nur etwas zu schnell.
Zwei Freitagabende nach dem halbwegs gelungenen Flötenvorspiel durfte Edith Mamas schwarzes Kleid tragen, sogar die Ballerina-Schuhe mit drei Zentimetern Absatz. Es ging zum Konzert der Jugend-Symphoniker. Ihr Waldorf-Mitschüler, lächerliche fünf Klassen über ihr, spielte als Solist im Gewandhaus. Ranzenpost-Romanzen an der Lavendelschule. Mama Pina hatte ihrer heimlich verliebten Tochter eine Karte gekauft.
Zur Feier des Tages ist Lipgloss erlaubt. Ja, auch der rote. Papa zwei – Papa Micha – fuhr sie zum Gewandhaus. Auf der Fahrt hörten sie laut AC/DC. Wildes Headbanging zu zweit. Die in Haarspray getränkten Haare klebten auf Ediths frisch angemalten Lippen.
Weltenwechsel. Die Stimme der Rock-Ikonen verlor sich auf der Straße, warme Foyer-Luft strömte ihr entgegen. Alle kleinen Blockflötenmädchen hatten sich an der Garderobe versammelt. Es roch nach alten Menschen und Parfüm von Bruno Banani.
Dreimal ertönte der teppichgedämpfte Gong durch die Hallen. Haargummis wurden festgezogen. Möchtegern-Klassikliebhaber strömten in das Surren der eintausendsiebenhundert Stimmen im Saal. Ausverkauft. Stille kehrte in den Orchestergraben ein. In diesem Ensemble fiedelte die erste Geige nicht zu hoch. Spotlight auf den blonden Schönling am Steinway. Er schloss seine Augen. Kein Blick ins Publikum, kein Notenblatt. Reine, wunderschöne Konzentration.
Mit einem tiefen Atemzug und dem Kopf im Nacken tanzten seine ersten Takte direkt in Ediths pubertierendes Herz. Ihre beste Freundin Holly neben ihr versuchte, ihre Gänsehaut wegzuräuspern. Ausweglos. Teenagerpulse holperten in Synkopen durch den Konzertsaal. Regenbogenrosen und zusammengeflickte Herzen flogen auf die Bühne. Die erste Reihe war zu fern, um das endlose Leuchten seiner Augen zu erfassen.
Das große Geigensolo rollte heran. Ein Rausch von Tönen donnerte in Lichtgeschwindigkeit durch den Saal. Nach dem letzten Strich: Totenstille. Jeremias gönnte sich die euphorischen Sekunden. »Ob er mich jemals beachten wird? Ich sehe schließlich anders aus als die aus dem Orchester, wirke jünger. Mit meinen Absätzen gehe ich ihm bis zur Schulter, fast. Ich muss schneller sein als die erste Geige.« Nach dem letzten Ton, tosender Applaus. Jeremias verbeugte sich tief, schaute endlich seinen Zuhörern in die Augen. »Er hat in meine Richtung gesehen, ganz sicher. Ich könnte ihn berühren, an der Bühnenkante.«
Auf der Heimfahrt mixte Edith das Rezept für einen Liebestrank zusammen. Ein »Verlieb dich in mich!«-Gebräu für Ältere. Eine Prise Schluckauf-Gedanken, fachspezifische Rückmeldung zu seinem tollen Solo und ein Lächeln, das jeden Zweifel verschwinden lässt. Es wurde Zeit, das Fenster zu öffnen, still in die Nacht zu jubeln. Wenn das Liebe war, wollte Edith mehr davon. Ihre Zehen kribbelten vor Aufregung. Das kleine Herz hüpfte immer noch im Sechzehntel-Takt. Sie presste ihren Rücken tiefer in die Ledersitze. Papa Micha ließ den BMW aufheulen. Wenn sie allein waren, fuhr er immer extraschnell. Edith würde Jeremias am Montag auf den Gängen der Lavendelschule sagen, wie toll sie das Konzert fand. Den Lipgloss würde sie noch heute Abend heimlich in den Ranzen packen. Anruf von Pina, bitte Zigaretten von der Tanke mitbringen. »Dein Schwarm wird dich nicht lieben können. Jeremias ist …« Papa zwei bremste stark, der Liebestrank verteilte sich auf Mamas geborgtem Kleid. Eine SMS von Holly. Ediths Temperatur sank von vierzig Grad Liebesfieber auf fünfunddreißig Grad Realität. Jeremias steht nicht auf Mädchen.
Kalila
Endlich vierzehn, eine Standarderleichterung. In Ediths Welt längst überfällig. Hohe Schuhe, Minirock, toupierte Haare. Discozeit. Schulalltag im Waldorfmilieu. Ossi-Proll-Weib-Style, in der langweiligen Buchstabensuppe um jeden Preis auffallen. Bloß nicht anpassen.
Der Maya-Kalender hielt eine wegweisende Begegnung für Edith bereit. Kein schwieriges Rätsel des alten indigenen Volkes, Hochkultur kann auch einfach sein. Das Mädchen mit den gelben Schuhen war neu an der Schule, sie hieß Kalila. Auf gelben Turnschuhen stolzierte das wesentlich ältere, selbst ernannte Gucci-Taschen-Model durch die Gänge der Holzburg-Schule. BMW plus Mama standen bereit, um Madame »siebzehn und Business-Frau« an ihr nächstes Ziel zu bringen. Zu Hause saßen Edith und Holly vor dem Computer, scrollten sich durchs Schüler-VZ. Irgendwie mussten sie doch etwas über die Neue herausfinden können. Viele Sinnlos-Informationen später Nachricht von »Unbekannt« im Postfach. Brandon hieß der Bote, Kalilas großer Bruder. Sie kam relativ schnell auf den Punkt. Das Mädchen mit den gelben Schuhen zeigte Interesse an Edith. Sie steht auf Frauen. Was auch immer er damit meinte, Edith beschloss, dass sie ab jetzt auch auf Frauen steht. Am Ende der digitalen Fast-Verlobung, eine letzte erschütternde Nachricht. Holly und Edith verringerten den Abstand zum Monitor, jedes einzelne Wort aufsaugen. Kalila hatte einen Zwillingsbruder namens Kyrill – gehabt. Die Zwillinge und einige andere Kinder spielten bei einer Bruchbude im Wald. Aus dem Nichts brach ein Feuer aus. Kalila musste mit ansehen, wie ihr Zwillingsbruder im Feuer verbrannte. Sie waren noch sehr jung. Ihr müsst mir versprechen, sie niemals darauf anzusprechen, okay? Jedes Mal, wenn wir es taten, passierte etwas Schlimmes. Edith tippte den Schwur, bevor sie sich vom Portal abmeldete.
Eine Siebzehnjährige interessierte sich für sie. Der Preis für diese Beziehung stand fest: »Sprich niemals über die Wahrheit.« Erstkontakt. Zwischen mittagessenden Kindern und biologisch abbaubaren Lehrkräften ein erster Annäherungsversuch. Edith überlegte, ihre enormen Eurythmie-Fähigkeiten einzusetzen, entschied sich glücklicherweise aber dagegen. »Dein Bruder hat mir geschrieben.« Eine untypische Unsicherheit erfasste die sonst vor Stolz glänzende, viel ältere Einser-Schülerin. »Keine Angst, ich stehe auch darauf …« Tunnelfahrt ohne Scheinwerfer. Am anderen Ende angekommen saßen sie bereits knutschend in Ediths Kinderzimmer. »Sind wir jetzt zusammen?« Mit einem lauten Kichern knallte die Kinderzimmertür auf. Edith stolzierte mit Kalila an der Hand zu ihren Eltern ins Wohnzimmer. »Mama. Papa. Ich habe keinen Freund. Ich habe jetzt eine Freundin. So.« Um auf eine Antwort zu warten, blieb keine Zeit. Die Kinderzimmertür fiel wieder zu, Hochzeitsnacht. Als der Wind erneut ans Fenster klopfte, die Sterne leuchtend explodierten, der Mond halb auf der Seite lag, in dieser Nacht verstand Edith, was es hieß, von einer Frau geliebt zu werden. Aneinanderklebend überkam Edith die Angst, Kalila wieder loslassen zu müssen, wie nach einem Auftritt mit kurzem Applaus alleingelassen zu werden. Suchende Finger strichen über ihren nackten Körper, hielten kurz vor den Brüsten inne. »Ich habe schon einiges durch, Edith. Ich habe Heroin genommen, eher probiert. Am exzessivsten habe ich Crystal Meth genommen, auch in der Schule. Mache ich auch manchmal noch. Siehst du meine Arme und Beine? Schau sie dir an. Ich habe mehrfach versucht, mich umzubringen, durch Ritzen und Schlaftabletten. So gut wie jetzt gerade mit dir ging es mir schon lange nicht mehr.« Wehrlos prasselten die Worte der Mentorin auf Edith ein, kurz nach Verlust ihrer Jungfröhlichkeit. So sah also die Welt außerhalb ihres Kinderzimmers aus. Edith im Liebesrausch, hakte jetzt die Checkliste der unartigen Kinder ab. Als Pina an die Tür klopfte, war es längst zu spät.
Ein kalter Tag im April. Verschwitzte Teenager rannten zur Schule. Frau und Frau sah man nicht oft Händchen haltend durch den Pöbel laufen. Wollt ihr die Totale Abneigung? Angeekelt und beschämt verachteten die anderen Schüler das junge Glück. »Was wussten die schon.« Edith strahlte bis über beide Ohren, trotz schlechterer Benotungen in fast allen Fächern. Baumwoll-Pädagogen und Softporno-Erziehungsberechtigte entpuppten sich als First-Class Hinterwäldler. »Heute gehen wir zu mir.« Kalila nahm Edith mit zu ihrer syrischen Familie. Klar waren sie nur Freundinnen, was sonst? Nix Arabischer Frühling. Kalilas Opa war Minister in Syrien. Alles drehte sich ausschließlich um Politik. Andauernd rannten Menschen schreiend aus dem Haus, neue Gestalten schlichen herein. Umzug in Opas kleine Wohnung. Fühlte sich gar nicht so falsch an, eine erste fast eigene Wohnung. Schwarze SUVs verfolgten die Mädchen, auf dem Weg nach fast überallhin. »Was wollen die von uns?« Das Interesse galt nicht den verliebten Zofen, sondern der gesamten Familie des Minister-Opas. Das Assad-Regime wankte, schwierige Zeiten für unschuldige Familienmitglieder. Immerhin ging es um die Position des Präsidenten. Ein paar Wochen schien das Schauspiel amüsant, genau der richtige Kick für ein Mädchen wie Edith. Im Rausch der ersten großen Liebe blendete sie lange aus, auf Schritt und Tritt überwacht zu werden. Kalila schien diese Atmosphäre vertraut und normal. Für Edith, einem jungen Mädchen aus Gohlis, eine paranoide Katastrophe, schließlich wollte sie so unsichtbar wie möglich werden. Überwacht wurde sie daheim schon genug. Lebensbedrohliche Angst brannte in Ediths Lunge. Sie fing an, sich unwohl zu fühlen. Nach Jungfröhlichkeit verblasste jungfräuliche Magie. Erste Zweifel am Frauenglück kamen auf. Zu früh, um jungsfrei zu sterben? Mit dem anderen Geschlecht öffnete sich die Welt der zerstörerischen Eifersucht. Ein Virus mit Stimmbändern, der aus den Tiefen unserer Leiber Befehle aussendet. Unkontrollierbar für Erfahrungs-Welpen wie Edith und Kalila. »Du hast was mit diesem Typen.« »Nein, du hast was mit diesem anderen Typen.« Tödliche Stille im Clan-Haus. Zeugenlos in einen improvisierten, dramatischen Auftritt stürzen. Kalila verschloss die Tür, holte ein Messer aus der verbalen Waffenschmiede. »Du darfst dieses Haus nie wieder verlassen.« Genau das wollte Edith auch gerade sagen. Natürlich wollten beide auch mal wieder raus aus diesem Haus. Der Streit verlor schnell seine Wirkung.
Neuer Tag, neue Vollmondnacht. Shisha-Karaoke-Bar, mehr oder weniger ordentlich betrunkene Minderjährige feierten Ediths Geburtstag. Nierenhaken unter die Aufmerksamkeits-Linie. Edith sang sich ihre zugedröhnte Kehle aus dem Leib, unbemerkt. Mentorin Kalila plauderte amüsiert mit anderen Bubi-Trinkerinnen. Mic-drop zum Abschied, der Abend war gelaufen.
Fliegender Wechsel. Zwei Wochen Flöten-Festival ohne WLAN
