5,99 €
Ein junger Mann verlässt in den 60er Jahren seine geliebte Heimat am Mittelmeer und gibt eine gesicherte Zukunft auf. Er geht nach Deutschland zum Studieren - und bleibt. Ein Abenteuer beginnt. Nach all den Jahren schaut er heute zurück auf seine Erlebnisse und seine Situation als Deutscher und auf sein Land, das es ihm nicht immer leicht macht. In der kritischen Auseinandersetzung mit der politischen Situation bekennt er sich immer wieder trotz allem zu Deutschland. Sachbuch mit biographischen Bezügen
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 223
Veröffentlichungsjahr: 2018
Für meine Eltern, für die Erziehung, die ich genossen habe.
Für Marlene, meine Ehefrau als Dank für jeden Tag seit dem 17. Mai 1973.
Für meine Lehrer, die sich bemühten, mir eine vernünftige Ausbildung zuteil werden zu lassen.
Bonn 2018
Michel G.
Jahrgang 1949, Studium zum Wirtschaftsingenieur, Studium der Volkswirtschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Philosophie und Ethik, arbeitete jahrelang bei einer internationalen Organisation, davon 5 Jahre weltweit in Wasserprojekten, sowie einer europäischen Organisation und in mehreren internationalen Beratungsunternehmen. Autor von mehreren Werken, u.a.
“Abenteuer Deutschland – Bekenntnisse zu diesem Land”
“Ich denke oft…. an die Rue du Docteur Gustave Rioblanc – Versunkene Insel der Toleranz” ”
„Deutsche Identität: Quo Vadis?
„Danke Gertrud – oder das Schicksal einer stolzen vertriebenen Oberschlesischen Bauerntochter“
„2005-2017 Deutschlands Verlorene 12 Jahre Teil 1 oder Angela Merkel, Die falsche Frau an der falschen Stelle zum falschen Zeitpunkt und am falschen Ort“
„2005-2017 Deutschlands Verlorene 12 Jahre Teil 2 oder Sie schlafen den Schlaf der Gerechten“
„Ansätze zu einer Antifragilitäts-Ökonomie“
und verschiedene Beiträge in Fachzeitschriften
Michel G.
Bekenntnisse zu diesem Land
Eine Bilanz
© Michel G.
Verlag: Tredition GmbH, Hamburg
Zweite überarbeitete Auflage
ISBN:
978-3-7469-0614-0 (Paperback)978-3-7469-0615-7 (Hardcover)978-3-7469-0616-4 (e-Book)
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die verwendeten Abbildungen sind bei Fotolia lizensiert.
https://de.fotolia.com/
cocarde.jpg, fotolia_103745528.jpg
Auswanderung und Einwanderung bedeuten sehr oft Schicksale, die man nicht teilen will. Die mit sehr viel Schmerzen verbunden sind. Bei mir war die Einwanderung nach Deutschland ein Schicksal, das man nicht richtig erklären kann. Es hat mich sehr viele innere Kämpfe gekostet, darüber zu berichten. Ich teile nicht das Schicksal eines „typischen“ Einwanderers oder Gastarbeiters, aber mein Weg war mit ähnlichen Schwierigkeiten gepflastert. Während meines Aufenthalts in Deutschland gab es auch Zeiten, in denen ich meine Entscheidung bereut habe. Die Schuld dafür habe ich jedoch immer bei mir selbst gesucht, und nicht im Land selbst. Ich lernte in manchmal sehr schmerzhaften Prozessen das Land zu schätzen und zu respektieren.
Die größte Prüfung war jedoch, auf beiden Seiten des Rheins gegen tiefe Vorurteile zu kämpfen, die leider bis heute stark verankert sind. Nach einer Phase der Aufhellung oder Verringerung der Unterschiede wurden die Vorurteile nach meiner Wahrnehmung jedoch in den letzten Jahren wieder stärker.
Die Entscheidung, Deutscher zu werden, war die schwierigste Entscheidung meines Lebens. Sie wurde jedoch erleichtert dadurch, dass ich davor einen wunderbaren Menschen getroffen und geheiratet habe, die für mich durch Dick und Dünn gegangen ist. Ich bereue nicht, Deutscher geworden zu sein. Das heißt aber nicht, dass ich mir eine kritische Betrachtung meiner neuen Heimat ersparen kann. Und weil meine neue Heimat für mich so wichtig ist, bemühe ich mich darum, aus meiner Sicht stattfindende Fehlentwicklungen aufzuzeigen.
Dieses Buch wäre nicht zustande gekommen ohne die wertvolle Hilfe meiner Ehefrau. Ich habe dieses Buch aus der Erinnerung geschrieben, da ich keine Tagebücher oder sonstige Notizen angefertigt hatte. Ich habe lediglich ab und zu einmal historische Gegebenheiten selektiv geprüft. Die Kritik an lebenden Personen habe ich nicht persönlich gemeint, sondern immer nur aus der Sache heraus. Sollte sich jemand in seiner Ehre und Würde verletzt fühlen, so bitte ich um Nachsicht.
Als Jahrgang 49 bin ich in eine „gespaltene“ Familie hineingeboren. Gespalten insoweit, als dass meine Mutter aus einer adeligen, sehr konservativen Familie stammend mit den Werten des 19. Jahrhunderts behaftet war. Deren Familienoberhaupt war ein Patriarch. Seine Ansichten und Worte galten als Gesetz. In diesem Teil der Familie wurden kein Widerspruch und keine Diskussion geduldet. Oberste Maxime des Patriarchen war die Vermehrung der Familie durch Heirat oder die Erhöhung des sozialen Standes durch Ausbildung.
Großvater mütterlicherseits führte eine strenge Kontrolle der Ausbildung seiner Enkelkinder durch. So war es selbstverständlich, dass ihm bei jedem Quartalszeugnis alle Noten und Bewertungen der Enkelkinder vorgelegt wurden. Todsünde war, wenn eines der Kinder eine schlechtere Note als eine Eins hatte. Zudem war es Pflicht, dass jeden Sonntag die Familie inklusive aller Enkelkinder in Sonntagsanzügen an einem großen Tisch zum Mittag-und Abendessen anwesend war. Großzügiger Weise billigte Großvater mütterlicherseits gewisse Freiheiten am Tisch für die Kinder unter fünf Jahren. Alle Kinder, die älter als fünf Jahre alt waren, mussten die „guten Manieren“ beherrschen.
Mein Cousin und ich waren von Geburt an Linkshänder. Großvater mütterlicherseits trug dafür Sorge, dass wir beim Essen und beim Schreiben die linke Hand auf den Rücken geschnallt bekommen haben. Darunter leide ich bis heute.
Keine Entscheidung über die Ausbildung, Weiterbildung, Verbindung oder Heirat durfte ohne die ausdrückliche Zustimmung des Großvaters mütterlicherseits getroffen werden.
Großvater mütterlicherseits machte den Kindern selbst nie einen Vorwurf, sondern den Müttern und Vätern. Ich sah oft meine Mutter weinen, weil entweder mein Bruder oder ich nicht die erwartete Note nach Hause brachten, oder weil wir am Sonntag vielleicht im Park Fußball spielten. Außerdem verzieh mein Großvater mütterlicherseits meiner Mutter nie, dass sie einen nicht standesgemäßen Ehemann ausgewählt hatte, obwohl mein Vater eine elitäre Universität („Ecole Polytechnique“) absolviert hatte und dessen Vater immerhin über 30 Jahre Kapitän eines großen Frachtschiffs („Marine Marchande“) gewesen war. Für hiesige Verhältnisse war das die Oberklasse des Bürgertums, aber eben nicht adelig.
Großvater väterlicherseits war das Gegenteil meines Großvaters mütterlicherseits. Er liebte meine Mutter und seinen Sohn abgöttisch, war mehrsprachig und weltoffen. Und vor allem war er für seine Zeit sehr fortschrittlich und tolerant. Aufgrund seiner beruflichen Erfahrung war er sowohl politisch als auch ökonomisch stets im Bilde (selbst im hohen Alter). Großvater väterlicherseits war aufgrund dessen, dass meine Mutter meinen Vater sehr oft bei seinen Dienstreisen begleitet hat, immer für uns Kinder da. Er erzog uns liebevoll mit und förderte von jungen Jahren an sehr stark unser kritisches Denken. Zudem war Großvater väterlicherseits ein ausgesprochen ebenbürtiger Gegner meines Großvaters mütterlicherseits. Erstaunlicherweise respektierte Großvater mütterlicherseits ihn stets. Ein einziges Mal war ich Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen Großvater väterlicherseits und Großvater mütterlicherseits und war erstaunt, wie Großvater väterlicherseits sich durchgesetzt hat.
Mein Großvater väterlicherseits brachte den Kindern stets bei, jeden Menschen und jedes Tier zu respektieren, egal, wie er oder es sich verhielt und achtete stets darauf, dass wir, selbst wenn wir tief verletzt wurden, die Contenance nicht verloren.
Großvater väterlicherseits brachte uns auch bei, dass Geschichte und Geopolitik sowie das vernetzte Denken eine Voraussetzung fürs Leben sind. Er hat nie auf die Noten in der Schule gepocht. Die Noten waren für ihn ein notwendiges Übel, das niemals ein Kind in seiner Entwicklung behindern sollte. Großvater väterlicherseits hat stets darauf geachtet, dass sowohl mein Bruder als auch ich gegenüber unseren Nachbarn und Mitmenschen eine gewisse soziale Kompetenz an den Tag legten.
Ein Onkel der Familie mütterlicherseits, Onkel Joseph, darf in diesen Schilderungen nicht vergessen werden, denn er war in den Augen des Großvaters mütterlicherseits das „Schwarze Schaf“ der Familie. Mit dem abgeschlossenen Philosophiestudium hat er sich an keine Konvention gehalten. Er nahm sich alle denkbaren und undenkbaren Freiheiten. Er verführte die Kinder zum „Unsinn“, er stellte stets die Autorität seines Vaters öffentlich in Frage, begehrte allgemein gegen jegliche Art von Autorität auf. Er konnte wunderschön Geschichten und Märchen erzählen und hatte auf alle Kinder der Familie einen enormen Einfluss. Trotz ihrer häufigen Frivolität besaßen seine Geschichten immer einen tiefen moralischen Wert. Er nahm uns stets vor Großvater mütterlicherseits in Schutz, selbst dann, wenn er Auseinandersetzungen riskierte. Zudem war er die eigentliche Vertrauensperson seiner Mutter und seiner Geschwister gegenüber meinem Großvater mütterlicherseits.
Nicht zu vergessen ist, dass ein Sohn meines Großvaters mütterlicherseits ins Konzentrationslager gebracht wurde, weil er Kommunist war. Er starb in Buchenwald. Darum war Deutschland für meine Familie mütterlicherseits ein „rotes Tuch“. Während Großvater väterlicherseits eine relativ „objektive“ Geschichte von Deutschland zeichnete, fand Großvater mütterlicherseits nichts Gutes in der gesamten deutschen Geschichte. Er sprach sogar den deutschen Denkern und Philosophen ihren Rang ab. Das wiederum wurde von Großvater väterlicherseits und meinem Onkel nicht toleriert. Ich werde nie vergessen, dass ich einmal im Ersten Teil des Abiturs eine Hausarbeit über Kant schrieb, welche von der ganzen Familie bejubelt, von Großvater mütterlicherseits allerdings heftigst kritisiert wurde, weil Kant ein deutscher Philosoph war. Nach dem Tod meines Großvaters erfuhr ich, dass er mit Heidegger (deutscher Philosoph des 20, Jahrhunderts) befreundet gewesen war und dass er ihm nie verziehen hatte, dass er eine Rolle bei der Nazi-Propaganda gespielt hatte.
Väterlicherseits sollte ebenfalls ein Onkel erwähnt werden, der Professor für Jura war und der die gesamten Juristen der Welt für Scharlatane hielt. Sein üblicher Spruch war: „Den achten Fluch, den der liebe Herrgott auf die Erde gebracht hat, sind die Juristen.“ Dieser Onkel war für uns Kinder sehr spröde und passte nicht zur Familie väterlicherseits, obwohl er bei den Damen einen gewissen Ruf genoss.
Zu meiner Mutter sei gesagt, dass sie ihre Karriere als Absolventin der „Ecole Normale Superieure“ (ENS) begann. Das heißt, sie war prädestiniert an einer Universität oder Hochschule zu lehren. Sie war sanft und bildhübsch. Sie hatte schöne, blaue Augen und war stets elegant gekleidet. Sie achtete stets darauf, dass wir Kinder und sie selbst eine Verbindung zur europäischen Literatur pflegten. Sie hatte sowohl das kleine als auch das große Latinum und sprach vier Sprachen. Sie starb relativ jung.
Wir wohnten an zwei verschiedenen Orten. Zum einen in Paris wegen der Arbeitsstelle meines Vaters und zum anderen in unseren Haupthäusern in einem Ort am Mittelmeer. An diesem Ort gab es zwei vornehme Wohnviertel. Das eine Wohnviertel war die „Corniche“, eine zehn Kilometer lange Straße entlang des Mittelmeers. An einer Seite befanden sich der Strand und das Meer, an der anderen Seite Villen und Herrenhäuser aus den Jahren 1870-1920. Das andere vornehme Viertel war in der Stadt, ebenfalls in der Nähe des Strands und des Hafens gelegen. Das Viertel hieß Quartier de France. Dieses Viertel hatte etwa sechs Straßen, davon eine die „Rue du Dr. Gustave Rioblanc“. Diese Straße war ca. 300m lang und verlief bis zur Strandpromenade. Hier standen nur Häuser der „Belle Epoche“. Diese Häuser hatten grundsätzlich fünf Stockwerke. Auf jeder Ebene waren Balkone. Nicht weit weg von der Straße war eine katholische Kirche, davon nicht weit entfernt befand sich eine evangelische Kirche. Wenige Straßen weiter befanden sich eine Synagoge und eine orthodoxe Kirche. Drei Kilometer entfernt lag eine Moschee.
Und in unserer Straße wohnten zwei Rabbi, ein katholischer und ein evangelischer Priester, ein Vorbeter für die Moschee und ein „orthodoxer Priester“, drei atheistische Philosophen, ein Buddhist, ein deutscher „Deserteur“, drei Maler, ein Opernsänger und eine Opernsängerin, meine Musiklehrerin Madame Fyhole.
In der Straße lebten neben mehrere Familien aus französischem oberem Bürgertum auch jüdische Familien, Bürgertum aus Italien und Sizilien und Malta, zwei englische Familien, eine amerikanische Familie, drei weißrussische Familien, aus einer davon stammte meine Mathematik-Lehrerin, Madame Scharinsky, ein Monsieur Hans und ein Monsieur Boubaker, ein politischer Gegner von Mohammed V von Marokko. In diesem Mikrokosmos wurden wir Kinder von der gesamten Straße miterzogen. Selbstverständlich wurden wir alle betreut, wenn ein Teil der Familie zeitlich eingebunden war. Alle Feiern fanden auf der Straße statt. Und da fast 230 Tage Sonne im Jahr war, fand für uns Kinder ein Teil unseres Lebens auf der Straße statt. Ich werde nie vergessen, wie die Frauen morgens die langen Esstische entlang der Straße aufstellten und des Öfteren bis spät in die Nacht gegessen und diskutiert wurde.
Selbstverständlich waren die Kinder dabei. Wir haben gespielt oder den Erwachsenen zugeschaut. So haben die beiden Rabbi, der katholische, der evangelische und der orthodoxe Priester und der islamische Vorbeter lange und kontrovers diskutiert, obwohl sie enge Freunde waren. Diese Diskussionen waren umso kontroverser, wenn die atheistischen Philosophen sich einmischten. Selbstverständlich haben diese Gelehrten der Religionen stets versucht, uns mit allen möglichen Argumenten auf ihre Seite zu ziehen.
Ich werde nie vergessen, dass die Frauen manchmal von den Diskussionen so die Nase voll hatten, und davon, dass sie stets für die Versorgung von Essen und Trinken zuständig waren, während die Herren nichts taten. Wir Kinder fühlten uns dort stets behütet. Auch wenn wir nur einen kleinen Bruchteil dessen verstanden, was gesagt wurde, war keine Berührungsangst vor dem „schwarzen Mann“, den Juden oder Arabern zu spüren. Selbstverständlich haben sich alle Erwachsene für uns Kinder verantwortlich gefühlt und versucht uns von Allem das Beste zu geben und zu lehren.
Dieser Mikrokosmos hat mich seither ständig in meinen Gedanken begleitet. Mit unserem Umzug nach Paris zerbrach er.
Als die Straße erfuhr, dass wir nach Paris umziehen würden, damit die Kinder in ein elitäres Gymnasium gehen konnten, wurden unsere Familie und wir Kinder zusammengerufen und auf das Stärkste gewarnt: Die Leute aus dem Norden wären eiskalt, sie würden hinter der Arbeit herrennen, sie könnten nicht genießen und schon gar nicht diskutieren, außerdem wären sie arrogant und dumm und es sei im Norden eiskalt und es regnete mindestens 300 Tage pro Jahr. Diese Menschen könnten sich nicht über Kleinigkeiten freuen.
Als ich vor ein paar Jahren eine Komödie über die Leute in Südfrankreich und Nordfrankreich sah, dachte ich direkt an diese Szene. Ich glaube mit dem Auszug aus dem sonnigen Süden nach Paris war ein Teil meiner glücklichen Kindheit abgeschossen, die ich trotz des Drucks meines Großvaters mütterlicherseits hatte.
Die oben genannten Personen haben mich sehr geprägt und an der Formung meiner Persönlichkeit mitgewirkt. Ich bin jedem dankbar, insbesondere meinen Eltern und Großeltern. Denn sie haben mitgeholfen, eine Kernsicherheit in meiner Person aufzubauen und vor allem haben sie mir beigebracht nicht beim kleinsten Versagen aufzugeben. Zudem haben sie mir durch ihr Verhalten und ihre Zurechtweisungen bei Fehlverhalten geholfen meine Person zu sozialisieren.
Die Werte, die mir vorgelebt wurden, waren stets der wichtigste Kompass in meinem Leben. Toleranz, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen, Respekt gegenüber seiner Person und seinen Werten, auch wenn ich nicht seiner Meinung bin und seine Werte meine Interessen stören, und das Gefühl eine sichere Identität zu haben, haben mir stets in den schwierigen Zeiten meines Lebens geholfen.
Das Annehmen von Risiken und die Bereitschaft dafür den Preis zu bezahlen, waren aufgrund dieser Erziehung eine Selbstverständlichkeit für mich.
Die Schuld erst bei mir selbst zu suchen und nicht Dritten zuzuordnen habe ich durch diese Erziehung gelernt. Dafür bin ich dieser kleinen Insel bis heute sehr dankbar.
Nach all den Jahren habe ich diese kleine Insel immer noch vor Augen. Wenn ich mein Leben Revue passieren lasse, muss ich sehr dankbar sein, dass ich ohne mein Zutun die Chance erhielt in einem solchen kleinen Kosmos meine wichtigsten Jahre verbringen zu dürfen. Es ist erstaunlich, wie harmonisch eine solche Gruppe von Menschen, die so verschieden sind, sei es im Glauben, sei es beruflich, sei es in der Herkunft, sei es in der Sozialisierung zusammen leben kann. Es ist erstaunlich, dass eine solche Gruppe die Erziehung ihres wertvollsten Gutes, nämlich ihrer Kinder, auch Fremden auftrug, ohne Angst zu haben, dass den Kindern möglicherweise falsche Werte, der falsche Glauben, die falsche Sicht beigebracht würde. Ein wesentliches Merkmal der Straße war, dass alle Bewohner mehr oder weniger die gleichen Werte in sich trugen, basierend auf der gleichen Ethik.
Heute wünsche ich mir an manchen Tagen, dass keine Religionen mehr auf der Erde vorhanden wären, sondern nur noch eine gemeinsame Ethik für alle Menschen gelten würde. Wir Kinder erhielten damals Einsicht in alle vorhandenen Religionen, leicht beigebracht, ohne Verkrampfung, parallel dazu wurde aber größter Wert auf die Entwicklung unseres kritischen Denkens gelegt. Ich werde die folgenden Worte von Professor Cuvillier nicht vergessen: „Mit Beginn der Denkfaulheit einer Zivilisation fängt ihr Niedergang an.“
Ich bin dankbar, dass dieser kleine Kosmos mir die nötigen Werkzeuge an die Hand gegeben hat, die manchmal im Leben von Nöten sind. Ich bin diesem kleinen Kosmos dafür dankbar, mir beigebracht zu haben, mich selbst nicht für so wichtig zu halten. Ich bin diesem Kosmos dankbar dafür mir beigebracht zu haben, nicht allein auf die äußere Erscheinung zu achten, um Menschen oder ihr Verhalten zu beurteilen, sondern mir vielmehr die Zeit zu nehmen, das Innere zu sehen. Ich werde nie den Rat des Monsieur Tseng vergessen, der mir sagte: „Wenn du über jemanden redest, dann nur Gutes, dann brauchst du auch nicht leise zu reden oder willst du über jemanden reden, dann rede mit und nicht über ihn.“
In meinen alten Tagen sehne ich mich sehr oft nach einem ähnlichen Ort, wo die Menschen relativ unbekümmert und trotzdem nach einer gewissen Ethik leben.
Großvater mütterlicherseits hat ohne Abstimmung mit Großvater väterlicherseits oder meinem Vater bestimmt, dass ich in das Gymnasium Lycée Louis le Grand zu gehen hatte. Dies provozierte wieder einmal einen Familienstreit. Ohne Rücksicht auf die Familie hatte Großvater mütterlicherseits mich an der Schule angemeldet. Was mein Großvater mütterlicherseits meinen Eltern nicht sagte war, dass alle diese Lycéen mit Internaten verbunden waren. So sah ich mich gezwungen, an einem 3. Oktober mit vorgeschriebener Uniform in Paris zu sein, um auf diese Schule zu gehen.
Außer der Ausgeh-Uniform hatte ich einen grauen Kittel, den ich häufig trug. Selbstverständlich sollten alle Kinder ohne Ansehen des sozialen Rangs gleich angezogen sein. Im Internat wurde eine quasi militärische Ordnung geführt. Aufgestanden wurde um sechs Uhr morgens, es folgten 30 Minuten Sport, eine kalte Dusche, anziehen und um Punkt 7.15 wurden im Speiseraum Kaffee und Brötchen gefrühstückt. Um Viertel vor Acht hatte man eine Viertelstunde Zeit für Persönliches. Um acht Uhr früh fingen die Schulstunden an. Zuerst wurde allgemeine Mathematik gelehrt, nach der Pause um zehn Uhr gab es Philosophie oder Sprachen, von Zwölf bis halb eins war erneut Zeit für Persönliches, um halb eins wurde im Speiseraum Mittagessen eingenommen. Danach wurde geschlafen, um halb zwei gab es erneut Zeit für persönliche Freiheiten. Von zwei Uhr bis vier Uhr wurden Geopolitik und Methoden unterrichtet, danach war Tee Pause, von halb fünf bis sechs Uhr wurden Philosophie, Sprachen oder Naturwissenschaften gelehrt, danach Abendessen, von 19-20 Uhr wurden Hausaufgaben gemacht, von 20-21 Uhr konnte man Kleider waschen und aufräumen, von 21-22 Uhr wurde die Zeit mit Freunden verbracht, dann wurde das Licht gelöscht. So ging es fünf ein halb Tage die Woche. Samstags Nachmittag, wenn wir artig waren, und nicht nachsitzen mussten, durften wir ins Kino oder zum Fußball gehen, Sonntag früh mussten wir von 10-12. Uhr. Schwächen der Woche ausbügeln. Sonntags Nachmittag hatten wir frei. Nach Hause durften wir alle sechs Wochen, ein Wochenende, vorausgesetzt, dass wir den Anforderungen der Schule entsprochen hatten.
Nach bestandenem Abitur (ich habe im Gymnasium 2 Klassen übersprungen) hat mein Großvater mütterlicherseits mich bei der Grande Ecole Nationale des Art et Metiers angemeldet, eine elitäre Schule, die 1789 von Rochefoucauld gegründet wurde, um den besten Franzosen technisches bzw. allgemeines Ingenieur Wissen beizubringen. Ein Jahr vor meinem Beitritt wurde ein neues Fach ins Leben gerufen, nämlich Wirtschaftsingenieur. Diese Richtung wurde jedoch einige Jahre später von Mitterand wieder abgeschafft. Auch der Tagesablauf dieser Schule war so wie im Gymnasium relativ militärisch organisiert. Die Schule wurde mehrfach reformiert, insbesondere unter Francois Mitterand, sodass die Qualität der Absolventen etwas nachgelassen hat, ist aber auch heute noch eine der namhaftesten Ingenieurschulen Frankreichs.
Was man in Deutschland und anderen Ländern von der französischen Mentalität nicht verstand: wir wurden in dieser Schule im Glauben, dass wir eine Elite seien, erzogen. Das Wort Elite war in dieser Schule und allgemein in Frankreich damit verbunden, dass man sein Leben lang durch sein Zutun die Gesellschaft etwas menschlicher zu gestalten hatte. So wurde jeder Jahrgang mit einem historisch bedeutsamen Namen verbunden und eine damit verbundene Hymne oder Lied gesungen. Mein Jahrgang war verbunden mit Napoleon. Das hieß, dass die gestellten Anforderungen an diesen Jahrgang strenger waren, als an die vorhergehenden oder nachfolgenden. Das Lied, das mit meinem Jahrgang verbunden war „Le rêve passe“- eine Hymne an die napoleonische Zeit. Dieses Lied hat mich mein Leben lang verfolgt wie eine Verpflichtung.
Zudem besteht eine andere Verpflichtung für die Schüler, die bei Eintritt in der Schule unterschrieben wird, nämlich die Pflicht anderen Schülern dieser Schule zu helfen und sie zu unterstützen. Diese Art von Verpflichtungen können Außenstehende kaum verstehen oder nachvollziehen.
Bei Hausarbeiten und Prüfungen galt nicht die reine Durchschnittsnote, sondern es wurde nur eine bestimmte Anzahl der besten Noten und der besten Schüler berücksichtigt und in eine höhere Klasse versetzt. Dazu gab es die Möglichkeit eine Klasse zu überspringen. Ich hatte das Glück oder Pech zwei Klassen zu überspringen. Dieser Turnus ging bis zum ersten und schließlich zum zweiten Baccalaureat. Hatte man diese beiden Formen des Abiturs erreicht und war wiederum unter den Besten, so musste man eine Aufnahmeprüfung für eine der sieben elitären Hochschulen Frankreichs machen. Dort wiederum bestimmte mein Großvater mütterlicherseits, dass mein Cousin zur „Ecole Polytechnique“ und ich zum „Institut Les Art et Metiers“ gehen sollte, was wiederum einen großen Streit zwischen meinem Vater und Großvater väterlicherseits auf der einen Seite und Großvater mütterlicherseits auf der anderen Seite auslöste. Seitdem versöhnten sie sich nicht mehr. Ich muss bemerken, dass meine Mutter zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre tot war.
Die normale Ausbildungszeit dieser Hochschule betrug eigentlich vier Jahre. Ich weiß bis heute nicht, warum ich für diese Ausbildung nur zwei Jahre gebraucht habe. Ich schloss die Hochschule mit dem Prädikat „gut“ als 17. von 50. Absolventen ab.
Während dieser Ausbildung wurden uns verschiedene Werkzeuge indoktriniert. Diese Werkzeuge haben mir in meinem Leben sehr geholfen. Unter anderem umfangreiche Übungen in „vernetztem und analytischen Denken“. Zudem wurden uns Werkzeuge an die Hand gegeben, um sehr schnell von der Realität zu abstrahieren. Dies half mir insbesondere in Deutschland sehr. Außerdem hatten wir, obwohl die Ausbildung zum Wirtschaftsingenieur im Vordergrund stand, Zugang zu Philosophie und Ethik.
Zwei Tage nach meinem Abschluss sah ich zum ersten Mal meinen Großvater mütterlicherseits mit einem gewissen Stolz auf meinen Cousin und mich. Zum ersten Mal erhielten wir große Geldscheine von meinem Großvater als so genannte Belohnung. Es wurde eine Familienzusammenkunft ohne meinen Vater und meinen Großvater väterlicherseits einberufen.
Großvater eröffnete mir und meinem Cousin, dass er gute Ehe-Partien für uns ins Auge fasste: An einer langen Tafel sitzend verkündete er vor der Familie, dass ich die Tochter des Geschäftsführers von Mine Usine und mein Cousin die Tochter eines Werftinhabers heiraten sollte.
Zwei Tage später bat uns unser Großvater mütterlicherseits in den Park zu kommen. Zwischen den Platanen, ca. 200m entfernt, stand ein Mädchen, dass ich nur im Profil sehen konnte.
Großvater nahm mich an der Hand und zeigte auf das Mädchen: „Schau Michou, das ist deine Braut.“ Dann ging er weiter und zeigte für meinen Cousin ebenfalls auf ein Mädchen.
Ich konnte beide Mädchen kaum sehen, nur, dass das eine langes und das andere kurzes Haar hatte. Gesichter konnten wir nicht sehen.
Danach im Haus, wo er uns großzügiger Weise kalte „Orangina“ einschenkte, sahen wir unseren Großvater fröhlich mit den beiden „zukünftigen Schwiegervätern“ lachen und diskutieren. Wir beide gingen, vollkommen erschlagen von diesen Informationen, früh ins Bett. Wir wussten nicht mit der Situation umzugehen.
Wir schliefen im gleichen Zimmer in zwei verschiedenen Betten. Mein Cousin weckte mich gegen sechs Uhr morgens. Er war völlig aufgeregt. „Das lassen wir uns nicht bieten“, sagte er. Ich, schlaftrunken, realisierte kaum, was er sagte. Mein Cousin fragte mich: „Willst du das?“ „Nein“, antwortete ich. „Was sollen wir tun?“ Mein Cousin erzählte mir, dass am gleichen Tag abends in einem amerikanischen Club in der Stadt eine große Party stattfinden würde, die er besuchen würde, um zu schauen, ob er in die USA reisen wollte.
„In welches Land würdest du gehen“, fragte er mich. Ohne irgendwie zu überlegen, aber wissend, dass ich die USA hasste, war meine Antwort: „Deutschland“.
Mein Cousin fragte mich, ob ich das riskieren wolle. Es würde einen Knall größten Ausmaßes in der Familie bedeuten. „Mir egal“, antwortete ich. „Die nehmen auf mich auch keine Rücksicht.“
Weil wir noch nicht volljährig waren, war ich unsicher. Ich fragte meinen Cousin: „Wer kann uns überhaupt helfen, Papiere zu erhalten?“
„Onkel Joseph“, sagte mein Cousin. „Der tut doch alles für uns.“ „Bringen wir ihn nicht in Schwierigkeiten“, antwortete ich. „Der hat nichts mehr zu verlieren“, antwortete mein Cousin.
Ich grübelte den ganzen Tag und rief meinen Großvater väterlicherseits an, um ihm die Neuigkeit mitzuteilen. Er war außer sich vor Wut auf meinen Großvater mütterlicherseits und schwor, dass dies nicht das letzte Wort sei. Er würde sich um die Sache kümmern.
Abends erfuhr ich im Fernsehen, dass de Gaulle bzw. das Kultusministerium mehrere Stipendien bereithielten, um Studien französischer Bürger in Deutschland zu ermöglichen.
Mein Cousin ging zu seiner Party und kam erst am nächsten Tag, schwebend auf Wolke Sieben, zurück. „Stell dir vor“, sagte er „Eine bildhübsche Amerikanerin hat sich in mich verliebt und wir haben beschlossen, gemeinsam mit ihrem Vater, der Professor in Harvard ist, zurück nach Amerika zu gehen.“
