Abenteuer Jugend - Herbert Mehren - E-Book

Abenteuer Jugend E-Book

Herbert Mehren

0,0

Beschreibung

Der Autor erlebt als kleiner Junge noch die Schrecken des Krieges. Mit seinen beiden Brüdern wächst er bei der Mutter in einem Geschäftshaushalt auf. Der Vater bleibt für 5 Jahre weg im Krieg und Gefangenschaft. Die Erziehung ist geprägt von Strenge und Gehorsam. Fehler werden drastisch bestraft. »Der Wille des Kindes muss gebrochen werden« so lautete die Devise bei der Erziehung in der Nazi- und Nachkriegszeit. Wegen mangelnder Beachtung und Zuneigung rutscht er immer weiter in die brutale Welt der Straßenkumpels und lässt sich, fasziniert von Waffen, auf gefährliche Spiele ein. In der schwierigen Zeit der Pubertät leidet er unter einer nicht erwiderten ersten Liebe und dem fehlenden Verständnis der Eltern. Er kann niemandem vertrauen und versagt in der Schule immer mehr. Der Weg in Perspektivlosigkeit und sozialen Abstieg scheint vorgegeben. Da begegnet er einem besonderen Menschen, und plötzlich findet er hoch motiviert auf den Weg zu seinem Traumberuf. Dabei erlebt er immer wieder kleine, mitunter traurige aber auch amüsante Geschichten um das Thema Liebe.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für Karin und Gisela

Über das Buch :

Der Autor erlebt als kleiner Junge noch die Schrecken des Krieges. Mit seinen beiden Brüdern wächst er bei der Mutter in einem Geschäftshaushalt auf. Der Vater ist im Krieg und noch lange in Gefangenschaft. Die Erziehung ist geprägt von Strenge und Gehorsam. Fehler werden drastisch bestraft. »Der Wille des Kindes muss gebrochen werden« so lautet die Devise in der Nazi- und Nachkriegszeit.

Wegen mangelnder Beachtung und Zuneigung rutscht er immer weiter in die brutale Welt der Straßenkumpels und lässt sich, fasziniert von Waffen, auf gefährliche Spiele ein.

In der schwierigen Zeit der Pubertät leidet er unter einer nicht erwiderten ersten Liebe und dem fehlenden Verständnis der Eltern. Er kann niemandem vertrauen und versagt in der Schule immer mehr. Der Weg in Perspektivlosigkeit und sozialen Abstieg scheint vorgegeben.

Doch dann begegnet er einem besonderen Menschen und findet schließlich hoch motiviert zu seinem Traumberuf. In 23 Kurzgeschichten lässt uns der Autor an diesem steinigen Weg zum Erfolg teilhaben.

Inhaltsverzeichnis

Überleben

Teufelsspirale

Der Krieg ist vorbei

Kriegsspiele

Schlittenfahrt

Sprengmeister

Strafen (Erziehungsmethoden 1952)

Kleine Freuden

Jugendsünden

Waffennarren

Liebespein

König Alkohol

Jagdfreuden

Zerstörungswut

Die Tante muss weg

Quantensprung

Lehrjahre (das Liebesnest)

Born tobe wild

Der Heinkel-Roller

Mutprobe

Praktikum in der Hölle

Nebenjob

Studium Maschinenbau

Nachtrag

O-Bahn in Adelaide (Australien)

1 Überleben1

Die Nachkriegszeit mit ihren Entbehrungen habe ich noch als Kind erlebt, und ich kann es bis heute kaum glauben, dass ich diese Zeit überlebt habe! Damals hatten die wenigen Autos, die es überhaupt gab, weder Sicherheitsgurte noch Airbags. Arzneimittel in Fläschchen oder Päckchen konnten wir einfach öffnen. (die bunten Pillen waren ja so was von interessant und schmeckten schön süß). Da es für Putzmittel-Flaschen noch keine kindersicheren Verschlüsse gab konnten wir sie auch einfach aufmachen. Steckdosen, Schranktüren, Schubladen sowie Herdplatten waren noch nicht kindersicher und ein ständiger Gefahrenquell für unsere kleinen Finger. Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus PET-Flaschen. Wahnsinn!

Messer, Gabel, Scheren und Kerzen waren uns zwar verboten, aber meistens mussten wir uns erst einmal daran verletzen, um es auch zu glauben. Den Umgang mit dem Feuer haben wir bei unseren Kumpels auf der Straße gelernt. Und wenn wir mal bei unseren Lagerfeuerspielchen eine trockene Wiese in Brand gesetzt hatten mussten wir die Flammen mit unseren Jacken ausschlagen.

Das eigene Messer war in unserer Clique ein Muss, und dementsprechend oft kamen Schnittverletzungen vor.

Auf unseren Tretrollern und Rollschuhen fuhren wir ohne Knie- und Ellbogenschützer, und wir brauchten einige Zeit, um das Bremsen zu lernen. Auf den ersten alten Drahteseln rasten wir ohne Helm. Damit kamen wir nach einigen Unfällen auch klar.

Abbildung 1: Freunde

Wir verließen nach den Schulaufgaben das Haus zum Spielen oder zogen mit den Kumpels zum Bandenkrieg auf ein verwildertes Trümmergelände.

Der nahe gelegene Pionierpark mit seinen Waffen aus dem Krieg war uns auch nicht fremd, und die dort abgestellten Geschütze waren interessante Spielzeuge, auf denen wir rum turnten.

Wir klauten Pistolen und Munition aus dem Krieg und ließen selbst gebastelte Kracher hochgehen. Da gab es manchmal Verletzte.

Wir spielten ohne Aufsicht am Rheinufer neben der reißenden Strömung. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht mal ein Handy dabei! Wir haben uns geschnitten und brachen Knochen, und niemand wurde deswegen verklagt.

Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld, außer wir selbst. Und keiner fragte nach der „Aufsichtspflicht.“

Wir waren Ritter, setzten uns als Helm ein Salatsieb auf den Kopf, nahmen als Schild den Blechdeckel vom Waschkessel und schlugen uns mit Holzschwertern manchmal grün und blau.

Ab und zu wurden wir von stärkeren Jungs verdroschen, aber es wurde die Regel beachtet: „Wer am Boden liegt wird nicht weiter verprügelt.“ Damit mussten und konnten wir leben, und es interessierte die Erwachsenen nicht.

Wenn es regnete spielten wir mit Freunden oder Nachbarn Dame, Halma, „Mensch-ärgere-Dich-nicht“ oder Mühle, oder wir bauten mit Metallbaukästen abenteuerliche Kräne und Fahrzeuge oder mit Bauklötzen ganze Ritterburgen.

Wir aßen fettige Berliner, fast täglich Restekuchen (mein Vater war Konditor) und wurden trotzdem nicht dick. Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche überzuckerte Limonade, und keiner starb an den Folgen, und wir aßen Brausepulver pur!

Wir hatten keine Play-Station, TV, Computer, Handy und Whats-App. Wir hatten Freunde. Wir gingen einfach raus und trafen unsere Kumpels auf der Straße. Oder wir marschierten zu ihnen und klingelten. Keiner brachte uns zur Schule und keiner holte uns ab. Es ist nie etwas passiert. Wie war das nur möglich?

Wir dachten uns eigene Spiele aus (meistens Indianer und Cowboy) und verloren beim Einlochspiel einen Haufen Murmeln.

Um in die Straßengang unseres Viertels aufgenommen zu werden mussten wir unsinnige Mutproben bestehen, z.B. uns für das Ritual der Blutsbrüderschaft in die Hand schneiden und dann einander die blutigen Hände reichen.

Außerdem aßen wir Würmer, tranken geklauten Alkohol und rauchten selbstgemachten Tabak aus Kirschblättern, bis wir kotzen mussten. Mit den Stöcken und den selbst gebauten Flitzebogen stachen und schossen wir nicht besonders viele Augen aus.

Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen wer gut war. Weil ich vor den anderen Rabauken mit ihrem Kamikaze-Fußballstil Angst hatte, getreten zu werden, verlor ich meistens den Ball gegen die gegnerischen Spieler und war deshalb nicht gut. Infolgedessen musste ich lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen.

Wenn wir uns an Brennnesseln verbrannt oder uns Mücken gestochen hatten wurde drauf gespuckt oder drüber gepinkelt.

Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie wiederholten Klassen. Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Anpassung der Leistungsbewertungen.

Unsere Taten hatten oft schmerzhafte Konsequenzen. Wenn einer von uns gegen die Regeln verstoßen hatte, war klar, dass die Eltern ihn nicht aus dem Schlamassel heraushauten. Im Gegenteil! Unsere Eltern waren der gleichen Meinung wie die Polizei oder der Lehrer und verdroschen uns noch wegen der „Schande.“ So etwas!

Sexualunterricht fand auf der Straße statt. Von wegen Bienchen, Blüten und Klapperstorch. Wir erfuhren über die Sexualität auf denkbar miese Weise: „He, has de schon gepoppt?“ war die Ansprache schon bei 10-Jährigen. Oder:„Haha, der Hebbes weiß net, wat ene Pariser is.“ Johlend haben mich die Kumpels ausgelacht. Die etwas älteren Jungs so um die 15 haben mit ihren sexuellen Erlebnissen geprahlt und wen sie alles schon „flachgelegt“ hatten. Da war kein Erwachsener, mit dem wir reden konnten, der uns aufklärte und der Verständnis für unsere Probleme hatte. Das Thema war absolut tabu! Mit keinem unserer Eltern konnten wir über unsere Gefühle und Ängste reden. Da haben sie sich nur über uns lustig gemacht.

Auch bei der Berufswahl waren die Erwachsenen keine echte Hilfe und sahen in erster Linie nur ihre eigenen Bedürfnisse: „Jung, du kannst doch bei uns in der Backstube arbeiten.“ Oder sie hatten nicht den Mut, über ihren eigenen Horizont hinausgehende Träume oder Vorstellungen zuzulassen: „Warum willst Du unbedingt Flugzeuge bauen? Das sind doch alles nur Spinnereien. Bleib doch hier in Köln. Bei der Rhenania hier gibt es auch gute Jobs.“

Keinem konnten wir vertrauen, weil unsere Wünsche, Bedürfnisse und beruflichen Träume von den Erwachsenen nicht ernst genommen wurden. Wir mussten selbst dafür sorgen, dass wir beachtet wurden, wenn notwendig mittels Leistungsverweigerung, Kranksein oder Unfug. Und wir mussten mittels „Try-and-Error“ selbst lernen, was richtig oder falsch war und herausfinden, was uns wirklich wichtig war, wie z.B. anstelle von „möglichst schnell Geld verdienen“ lieber etwas Sinnvolles lernen.

Mancher von uns hatte das Glück, den richtigen Menschen zu begegnen, die sie ernst nahmen, sie forderten und förderten und damit den Weg in eine erfüllte Zukunft öffneten. Andere aber hatten von zu Hause aus schon Pech. Die kriegten dann oft die Kurve nicht und rutschten die Teufelsspirale in Richtung Armut und Kriminalität ab.

Unsere Generation hat trotz oder gerade deshalb eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft, Ausdauer und Mut hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Und wenn tatsächlich mal was schief ging haben wir nicht den Bartel hingeschmissen sondern von vorne angefangen. Mit alldem haben wir gelernt umzugehen.

1 Unbekannter Autor, Welt Print, 17.12.2007, verändert

2. Teufelsspirale

Einer Karriere hin zum Kleinkriminellen konnte ich mit „liebevoller“ Unterstützung durch meine Mutter gerade so entgehen und angesichts drohender Konsequenzen einsichtig werden und den Pfad der Tugend finden. Beste Beispiele für kriminelle Karrieren und ihre Auswirkungen waren bei meinen Kumpels aus der damaligen Nachbarschaft mit zu verfolgen. Heute würde man diese Hauptstraße in Porz „Problemviertel“ nennen.

Wir waren 3 Brüder: Franz war 4 Jahre älter als ich, dann kam ich als Mittelstürmer und nach mir Karl-Heinz (im Folgenden KH genannt). Wir wuchsen in einem Geschäftshaushalt mit Bäckerei, Konditorei und Cafe auf. Der Laden lag mitten auf dem Bottermaat in der Kleinstadt Porz am Rhein. Meine Eltern gehörten in unserer kleinen Stadt durch ihr Geschäft schon zur Prominenz.

Die unverputzten 5-stöckigen Backsteinhäuser dieser Gegend hatten den Krieg mit einem blauen Auge überlebt und zeigten den Scharm der 20er Jahre: Kleine feuchte Wohnungen, zwischen den Stockwerken im Zwischengeschoss stinkige, enge Klos und je ein Kaltwasserhahn für drei Wohnungen im Treppenhaus.

Im Wohnzimmer stank ein Ölofen vor sich hin, und in der Küche stand ein wuchtiger Kohleherd, die sogenannte Hexe. Die Schlafzimmer wurden nicht geheizt und hatten im Winter Eisblumen an den Fenstern. Wir Kinder bekamen dann vorgewärmte, in Zeitungspapier gewickelte Bachsteine ins Bett.

Für uns Kinder diente damals als Schlafstätte ein altes Doppelbett mit Holzkugeln auf den Ecken, in dem meine Großeltern gestorben waren. Der Gedanke daran ließ mich oft erschaudern. Deshalb gaben wir diesem Bett unseren persönlichen Stempel und sägten als erstes die Holzkugeln ab.

Ich musste zwischen meinen Brüdern in der Bettmitte schlafen. Dass wir Drei nicht schwul geworden sind verwundert mich immer noch.

Über unserem Bett hing, wie damals üblich, ein Jesusbild mit schwerem, vergoldeten Rahmen. Dieses Bild war mit einem altersschwachen Holzdübel an der Wand befestigt. Es schwebte direkt über meinem Kopf, und ich hatte den Jesuskopf mit goldenem Heiligenschein abends immer vor Augen. Mit der Zeit bekam ich Alpträume und hatte Panik, dass das Bild mal runterkommen und mich erschlagen könnte.

Eines Tages kam ich ins Schlafzimmer, und da lag das Bild mit seinem schweren Rahmen tatsächlich direkt auf meinem Kopfkissen. Meine Befürchtung war also wahr geworden, aber ich schweife ab....

Unsere Familie funktionierte nach dem Motto:

Alles hat sich dem Geschäft unter zu ordnen.

Keine Widerworte gegenüber den Erwachsenen

Kinder haben keinen eigenen Willen zu haben!

Mach uns keine Schande!

Was sollen die Leute von uns denken...

„Gib schon her, Du kannst das ja doch nicht!“

Wir Kinder hatten dabei geräuschlos zu funktionieren und liefen sozusagen nebenbei. Meine Eltern waren fast nur mit dem Geschäft und dem Personal beschäftigt: Verkäuferinnen, Küchenhilfen, ein Lehrmädchen (die blonde Herta, von der noch die Rede sein wird, und die so alt war wie ich und zu meinem Leidwesen hübsch), dann Tante Grete in der Küche, die für Ordnung und Essen sorgte. Oma und Opa saßen auch noch irgendwo rum und lasen die Zeitung falsch herum. Auf dem Küchenschrank piepte ein armer zerrupfter Kanarienvogel.

In der Backstube werkelte mein Vater mit einem Gesellen und einem Bäckerlehrling, dem blonden Heinz, diesem Schlitzohr. Er hatte schon mal nachts versucht, über das Dachfenster im fünften Stock in das Zimmer des Küchenmädchens zu steigen und wurde erwischt. Der Dussel hatte vorher seine Füße mit irgendeinem Puder behandelt. Diese Spuren führten zu seinem Zimmer und waren der eindeutige Beweis für seine Untat.

Am Mittagstisch saßen meistens bis zu zwölf Personen. Nach Geschäftsschluss wurde aufgeräumt und von meiner Mutter unsere Hausaufgaben kontrolliert. Am Abend saß mein Vater im Sessel und las, während meine Mutter den notwendigen Schreibkram bearbeitete. Wir Kinder gingen dann zu Tante Grete und Onkel Otto nach oben in den 2. Stock und spielten bis zum Abwinken Rommee um Geld. Oft kamen wir mit fetter Beute zurück.

Tagsüber verdrückten wir uns so schnell wie möglich nach draußen, entweder auf den Hofplatz hinterm Haus zum Fußballspielen oder auf die Straße zu den Kumpels aus der Nachbarschaft. Mit denen gingen wir dann zum Rheinufer oder auf das wild überwucherte Ruinen-Gelände am Sportplatz.

In unserer Bottermaats-Bande herrschte eine strenge Hierarchie: Der mit der größte Klappe, der größten Gewaltbereitschaft und dem stärksten Bruder gab den Ton an. Da KH und ich in unserem Bruder Franz keine rechte Hilfe hatten spielten wir also meistens mit, was der Leithund vorgab.

Jeder musste Mutproben durchziehen, um von den anderen geachtet zu werden. Wer so was nicht mitmachte war eine Memme oder Weichei und wurde verspottet. Ich versuchte, diese Mutproben durch Bestechung mit Spielzeug oder Geld zu umgehen, aber das wurde oft gnadenlos ausgenutzt.

Weil ich Angst vor Schlägereien hatte konnte ich mich nicht wehren und ließ ziemlich viel mit mir machen. Einmal sagte Wielands Jüppche einfach so aus Spaß an Machtspielchen zu seinem kleinen Bruder: „Verprügel enz den Hebbet!“ Der Lütte war ein Kopf kleiner als ich und begann, auf mich einzuschlagen. Ich wehrte mich nicht, weil ich Angst hatte, dann von seinem großen Bruder Dresche zu bekommen und lief heulend weg, um mich zu verstecken. Aber ich ging trotzdem immer wieder zu dieser Bande, weil ich dazu gehören wollte und Angst vor dem Alleinsein hatte.

Mein Bruder KH war da ganz anders: Wenn er angegriffen wurde prügelte er sich mit vollem Einsatz, bis der Gegner am Boden lag. Dem drückte er dann noch den Ellenbogen ins Auge, so lange bis der Gegner um Gnade winselte. KH wurde deshalb nicht mehr angegriffen.

Bei meinen Eltern hatte ich keine Zuflucht und fand kein Vertrauen. Einmal, an einem verregneten Nachmittag, zeichnete ich, ganz in meine ersten erotischen Gedanken versunken, ein schönes Bild mit unserem Lehrling Heinz und der Herta, beide nackt. Heinz wurde mit einem ziemlichen Pimmel ausgestattet. Da ich nicht wusste, wie eine nackte Frau so untenrum aussieht, hatte ich bei Herta anstelle des Pimmels ein Rohr gemalt.

Ich war im lustvollen Ausmalen meines Kunstwerks vertieft da kam meine Mutter ins Zimmer und fragte:„Was machst Du denn da Schönes?“ „Nix“ sagte ich und schob die Zeichnung hastig unter meinen Pulli. Aber als ich so vor ihr stand rutschte das Bild raus und segelte auf den Boden. Meine Mutter hob es auf, starrte es an, sagte kein Wort und zerriss es in 1000 Stücke. Ab da redete sie 4 Tage nicht mehr mit mir. Ich war Luft für sie.

Ich fühlte mich verdammt und ausgestoßen. Wenn ich etwas fragte tat sie so, als wenn ich nicht da wäre. Ich war verzweifelt und verzog mich nach draußen. Es gab niemanden, bei dem ich Trost gefunden hätte.

Wir mussten alles selbst rausfinden. Auch wenn wir Kinder mit Problemen und Wehklagen kamen hatten meine Eltern nur wenig Zeit für uns. Kein Wunder, dass wir auf dumme Gedanken kamen, um uns so die ersehnte Beachtung durch unsere Eltern zu erzwingen.

Da meine Eltern der Meinung waren, dass wenigstens einer von uns Pfarrer oder Lehrer werden sollte, wurde ich ins Gymnasium geschickt. Zu Beginn ging das auch bis zur Untertertia gut (also die Zeit meiner Pubertät). Ab dann sackten meine Zensuren ab.

Vor den Klassenarbeiten bekam ich regelmäßig Bauchschmerzen und durfte zu Hause bleiben. Dann sorgte sich meine Mutter um mich, verwöhnte mich mit der Wärmeflasche, und ich durfte in eine Decke eingemummelt auf dem Sofa liegen. Es wurde Fieber gemessen, wobei ich natürlich zwischendurch heftig am Thermometer rieb um damit die Temperatur hoch zu treiben.

Aus lauter Angst vor Bestrafung log ich oft, wenn ich einen Fehler gemacht hatte und bekam dann die Rechnung in Form von Prügel.

In meiner Kindheit waren Angst, Hilflosigkeit, Wut sowie Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Beachtung meine ständigen Begleiter. Aus dieser Teufelsspirale zum Versager haben mich einige Menschen gerettet :

Ein Berufsberater in Porz, der mich mit meinen Träumen ernst nahm und dem ich vertrauen konnte

Mein Lehrmeister beim Schütte, der mir beibrachte, auszuhalten, genau zu arbeiten, eine Arbeit auch fertig zu machen und Regeln zu beachten.

Sowie Dozenten aus dem Fachschulreife-Lehrgang und an der Ingenieurschule.

Diesen Menschen möchte ich meinen größten Dank aussprechen.

3 Der Krieg ist vorbei

Am 30.Mai 1942 griffen die Alliierten mit einem Geschwader von über 1000 Bombern Köln an. Zwei Tage, bevor diese Bomber kamen und die ganze Stadt in Schutt und Asche legten wurde meine Mutter sehr unruhig, packte uns Kinder und fuhr mit der Bahn zu meinen Großeltern auf den Bauernhof in das 80 Kilometer entfernte Engers. Das hat uns das Leben gerettet. Bei dem Bombenhagel starben nach unserer Flucht in Köln tausende Menschen. Wie wir später sehen konnten war unser Haus nur noch ein Schutthaufen.

Aber auch hier auf dem Land bei Neuwied brummten fast jede Nacht die Flieger über das Haus meiner Großeltern. Dann heulten die Sirenen, und wir mussten alle schnell in den Keller. Wir, das waren meine beiden Brüder, meine Mutter, die Großeltern und Tanten. Die Männer waren alle an der Front. Der einzige Mann bei uns war mein alter Opa Schmorleitz.

Es war mal wieder so eine Bomber-Nacht in 1945. Wir saßen in dem dunklen und feuchten Kellergewölbe. In einer Ecke waren aus altem Gestänge provisorische Etagenbetten mit durchgelegenen Matratzen aufgebaut. Auf einem wackeligen Tisch blakte eine rußende Kerze. Vom Kellerraum ging es über eine ausgetretenen Steintreppe zu einer Holztür, die nach draußen auf den Hof führte .