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Verfluchter Tango Getrieben von seiner Sehnsucht nach der großen Liebe lässt sich Carlos auf den Tango Argentino ein. Aber der Tango ist kein Ponyhof. Carlos lernt auf die harte Tour, was wichtig ist, um auf dem Parkett überleben zu können. Wie gestaltet er sein Outfit, seinen Auftritt in der Szene? Was muss er beim Auffordern, bei der Umarmung, der Körperhaltung, beim Führen und Folgen, bei den Tangoschritten und beim Abschied beachten? Wie kann er seine Präsenz und Achtsamkeit so steigern und die Musik interpretieren, dass seine Partnerin hingerissen wird? Auf einer Milonga begegnet er schließlich »Heidrun«. Der Tango mit ihr zieht ihn in einen wahren Strudel der Leidenschaft, dem er nicht mehr entrinnen kann und will. Er gibt jede Vorsicht auf und lässt sich ganz ein auf diese schöne Frau, auf diesen verfluchten Tango. Heidrun spielt jedoch ein bitterböses Spiel. Aber ein wahrer Tanguero gibt nicht auf... All die Neugierigen, die mehr vom Tango wissen wollen, lädt er ein in seine Welt der Tango-Musik, der Vielfalt und Bedeutung der Tangoschritte und den ungeschriebenen Regeln auf dem Parkett.
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Dies ist meine Geschichte, so wahr mir Gott helfe! Eine Geschichte, die mich bis an den Rand des Wahnsinns und der eigenen Hölle geführt hat.
Darum warne ich euch, ihr Neugierigen und Leichtsinnigen.
Lasst den verfluchten Tango sein!
Ich war auf der Suche nach der großen Liebe und glaubte naiv, sie in der Welt des Tangos finden zu können. Aber der Tango ist kein Ponyhof, und ich lernte auf die harte Tour, was ein Tanguero wissen sollte, um auf dem Parkett zu überleben.
Im Cabeceo begegnete mir »Heidrun«. Ich war verhext von ihr und fieberte danach, sie bei der »Milonga der Woche« wiederzusehen. Dort tummelten sich Anfänger, Experten, geile Typen und tolle Frauen auf ihrer Suche nach dem Glück in der Umarmung.
Endlich war sie da. Der Tango mit ihr zog mich in einen wahren Strudel der Leidenschaft, dem ich nicht mehr entrinnen konnte und wollte. Ich gab jede Vorsicht auf und ließ mich ganz ein auf diese schöne Frau, auf diesen verfluchten Tango. Heidrun spielte jedoch ein bitterböses Spiel. Aber ein wahrer Tanguero gibt nicht auf...
Alle, die mehr vom Tango wissen wollen, lade ich ein in meine Welt des Tangos. Ich stelle euch viele Tangofiguren vor, die mir gefallen und mache euch mit den ungeschriebenen Regeln auf dem Parkett vertraut.
Carlos
Das Lied des Tangueros
Gestatten, Carlos
Was man als Tanguero wissen sollte
Der Platzhirsch
Ansprechen
Tango erlernen
Auftritt in der Milonga
Erwartungen
Auffordern
Umarmung
Körperhaltung
Erste Schritte
Führen und Folgen
Entschuldigung
Gequatsche und so
Der Oberlehrer
Abschied
Eifersucht
Verfluchter Tango
Vorhang auf
Vorbereitung
Ankommen
Parkettgeflüster
Tango
Anmerkungen
Carlos’ Tangomusik
Tangoschritte
Schrittfolgen
Regeln auf dem Parkett
Komm!
Du sagtest „Komm!“
und schaust mir in die Augen,
dann nahmst du ohne Zögern meine Hand.
Das war der Augenblick,
ich wagte nicht zu glauben,
der dich mit meinem Herzen eng verband.
Der Tanz beginnt, spür dich in meinen Armen,
und fühle eine dunkle, starke Macht,
die mich bedrängt,
sie kennt wohl kein Erbarmen,
die mir den Atem nimmt
noch für die ganze Nacht.
Der Tango treibt uns in die ersten Schritte.
Die Füße folgen keiner festen Terz.
Dein Bein umschlingt mich, zieht mich in die Mitte.
Dein Körper drängt sich an mein wildes Herz.
Es ist ein süßer, fast ein zarter Schmerz,
der mich betrunken macht, heut Nacht.
Der Tanz verfliegt, ein letzter hoher Ton,
da schaust du schon zu einem andren Mann.
Du sagtest nichts und windest dich davon,
aus meinem Arm, was hab ich dir getan?
Ich fühle mich auf einmal ganz verloren,
denn du bist fort, mein Glück ist mir erfroren.
Nur meine Liebe ist mir noch geblieben,
bewahrt mich vor dem dunklen Höllenloch.
Mein Herz ist wund, es wird dich immer lieben.
Doch eine Hoffnung nährt mich, immer noch.
Drum singe ich, um nicht von dir zu weinen,
dass unsre Seelen sich im letzten Tanz vereinen.
Carlos
Bevor ich meiner heißen Story die Sporen gebe und mit dir in den Tango-Wahnsinn eintauche, möchte ich mich hier erst mal vorstellen. Höflichkeit muss sein! Und ein Tanguero kann es sich leisten, höflich zu sein.
Ich könnte meine Geschichte anfangen mit: „Ich bin in einer Bäckerei aufgewachsen und hatte absolut keinen Bock darauf, dem Wunsch meiner Eltern nachzukommen und Pfarrer zu werden.“
Ich bin mir sicher; fünf Minuten so weiter, und du popelst in der Nase, gähnst, blätterst im Käseblatt, zappst rum, ob nicht noch was Tolles in der Glotze läuft und schickst deine Holde nach dem nächsten Bier.
Und du fragst dich:
„Was ist das für ein Typ, der seine Geschichte vom Tango erzählen will? Tango, na und? Es haben viele drüber geschrieben. Was soll da noch ein neues Buch? Und überhaupt! Wie tickt er, der Carlos? Und warum diese Geschichte?“
Deswegen also >meine Vorstellung<, damit du weißt, mit wem du es zu tun hast, und warum ich meine Geschichte erzählen will, ach was, muss! Ich kann nicht anders. Meine Finger zucken automatisch über die Tastatur, ohne dass ich etwas dabei denke. Sie haben sich selbständig gemacht, beherrschen mich. Bin ich etwa reif für die Klapse?
Ich heiße Karl, aber nenn mich einfach „Carlos“, ein Name, der eher nach einem südländischen und glutäugigen Temperamentsbolzen klingt, und von dem wir blass-gesichtigen und durch autoritäre Mütter und Feminismus-Gequatsche weichgespülten und kastrierten Normalos annehmen, dass die Frauen darauf abfahren.
Natürlich heiße ich in Wirklichkeit anders. Hand aufs Herz, wer interessiert sich groß für jemand, der Karl-Günther (mit „th“) heißt.
Mein Aussehen ist nicht so toll, eher nichtssagend mittelmäßig. Die Nase ähnelt mehr dem „Zinken einer levantinischen Piratenfresse“, hat mir mal eine Verflossene gesagt. Mit dem Mädel war es dann vorbei. Ich habe auch meinen Stolz!
Das Kinn ist nicht markant ausgeprägt, eher fliehend, und es hat kein Grübchen wie bei den alten Haudegen in amerikanischen Monumentalschinken. Dafür ziert es eine ziemliche Schramme, die mir in grauer Vorzeit mein Bruder als Kind mit einem Spaten reingeschlagen hat. Sieht gefährlich aus, als ob ich keiner Klopperei aus dem Wege gehen würde.
Dabei bin ich eher ein Angsthase, ich haue gerne ab, wenn es brenzlig wird und wehtun könnte. Die Macke scheint zu signalisieren: „Vorsicht, Karatekämpfer,“ oder so. Deswegen lassen mich die Jungs meistens in Ruhe.
Die Ohren, nun ja, die stehen ab und sind ziemlich groß. Damit kann ich gut hören, vor allem Sachen, die mich nichts angehen. Meinen Kopf ziert eine wilde Mähne schwarzer Haare, die schwer zu bändigen sind. Leider schimmern da vermehrt graue Strähnen durch. Egal.
Meine Augen sind dunkelbraun, und ich kann sie unter den buschigen Augenbrauen ganz schön zum Glühen bringen. Kommt gut an, wenn ich jemanden überzeugen will.
Falten hab ich auch. Die zeugen halt von vielen Lebens- und Liebesstürmen, die an mir gerüttelt haben.
Mein Body ist eher schlank bis schmächtig, Auch wäre ich gerne ein paar Zentimeter größer als meine eins siebzig. Das kann ich gut mit hohen Absätzen an meinen Cowboy-Stiefeln kaschieren.
Wenn ich meinen schlaffen Körper so betrachte, frage ich mich, warum eine Frau Lust haben sollte, ihn anzufassen. Da gibt es keine gestylten Muckis, weil ich von Muckibuden nichts halte. Muckis werden sowieso überbewertet. Frauen, die ich mit Muckis begeistern könnte, liegen nicht in meinem Beuteschema. Wenn die Mädels erst mal meine nackte Haut zu sehen bekommen, gibt es sowieso kein Zurück mehr, und ich habe sie schon von meinen inneren Werten überzeugt.
Also, alles in allem: Ich bin kein Adonis. Ich bin nicht der Kerl, über den die Mädels hinter vorgehaltener Hand tuscheln, und mit dem sie gerne mal ein Abenteuer erleben möchten und spontan in die Kiste wollen.
Außerdem habe ich eine große Klappe, und ich kann zu Allem und Jedem meinen Senf dazu tun. Und ich bin schlagfertig und blitzschnell im Kopf und auf den Beinen. Trotzdem leide ich ziemlich oft unter Minderwertigkeitskomplexen.
Vielleicht liegt es an dem verqueren Frauenbild, das mir von meiner dominanten Mutter in meiner eher traurigen Jugend vermittelt wurde. So ab zwölf war ich spitz wie unser Hund Lumpi, diesem Bezirksbefruchter. Da war bloß niemand, der mich in die Geheimnisse der Sexualität eingeführt hätte. Der mir erklärt hätte, wie das so ist zwischen Mann und Frau. Das hab ich dann auf die drastische Art von meinen Kumpels auf der Straße brühwarm erklärt bekommen, die schon mit vierzehn prahlten, wen sie alles flach gelegt hatten.
In unserer Familie war das Thema >Sex< dagegen absolut tabu. Wurde nicht drüber geredet. Ich war total schüchtern und bin es teilweise auch heute noch. Wenn ich mit einem Mädel reden wollte, habe ich keinen Ton rausbekommen und bin rot angelaufen.
Besonders, wenn sie dazu noch hübsch war, ging gar nichts mehr.
Aus lauter Angst, die Maid könnte mitkriegen, dass ich scharf auf sie bin und Gefühle für sie hege, war ich eher ruppig und abweisend, hab sie aus der Ferne angehimmelt, so am Autoscooter abgehangen und dem Mädel bedeutungsschwere Blicke zugeworfen.
Na, ihr wisst schon, damals in den 90ern.
Ein Erlebnis, dass mir heute noch Gänsehaut erzeugt, und ein Licht auf die damaligen Erziehungsmethoden und den Umgang mit Sex in meinem Elternhaus wirft, möchte ich euch nicht vorenthalten:
Es war an einem verregneten Nachmittag im zarten Alter von zwölf Jahren. Ich zeichnete gerade, tief in meine erotischen Fantasien versunken, ein lüsternes Bild von Heinz und Herta, welche zu der Zeit gerade ihre Lehre in unserer Bäckerei machten, und zwar beide pudelnackt. Besonderes akribisch widmete ich mich den Details und stattete Heinz mit einem ziemlichen Pimmel aus.
Da ich in diesem Alter noch nicht wusste, wie eine nackte Frau untenrum aussieht (echt wahr!), malte ich bei Herta anstelle des Pimmels ein solides Rohr.(logisch, oder?)
Ich war im lustvollen Ausmalen meines Kunstwerks vertieft, als meine Mutter ins Zimmer kam. Mit ihrem untrüglichen Gespür für eine Untat meinerseits fragte sie mich:
„Was malst du da Schönes? Zeig mal her!“
„Nix!“ sagte ich und schob mein Kunstwerk schnell unter meinen Pulli. Als ich so vor ihr stand, rutschte das Bild raus und segelte langsam auf den Boden. Ich erstarrte, ich wollte in der Erde versinken und nur noch sterben. Meine Mutter hob neugierig das Gemälde auf, ihre Gesichtszüge entgleisten zu einer starren Maske und sie zerriss wortlos mein Werk in tausend Stücke. Ab da redete sie tagelang nicht mehr mit mir. Ich war Luft für meine Eltern. Ich wurde verdammt und ausgestoßen. Wenn ich etwas fragte, taten sie, als wenn ich gar nicht da wäre und redeten einfach weiter, sogar über mich in der dritten Person:
„Ach Franz (so hieß mein Vater), ich mach mir so Sorgen um den Karl-Günther. Was soll bei seinen schlechten Noten bloß aus ihm werden? Vielleicht reicht es für ihn ja als Schreiber in der Stadtverwaltung.“ Oder sie blickten weg, oder durch mich hindurch.
Psychoterror pur, kann ich nur sagen.
Kannst du dir vorstellen, wie sich das anfühlt? Ich war verzweifelt und verzog mich nach draußen zu unserer Straßengang oder zu Grete Faust aufs Klo.
Da war niemand, bei dem ich Trost gefunden hätte. Das Erlebnis hat mich derart konditioniert, dass ich
Dabei war ich scharf wie eine Rasierklinge Das durfte niemand mitbekommen. Am wenigsten meine Mutter.
Ich musste mich später so anstrengen, um mal an ein Mädel zu kommen. Als ich endlich achtzehn wurde, habe ich deshalb als erste Maßnahme einen Tanzkurs besucht, Standard und Latein, ein Abend die Woche, dazu an den Sonntagen freies Tanzen beim Tanztee. Das war schon mal nicht schlecht.
Ich kam zwar in Kontakt mit den Mädels, aber die alten Probleme der Schüchternheit und Sprach- und Einfallslosigkeit in Gegenwart einer hübschen Maid war damit nicht gelöst. Wenn ich endlich mal eine Hübsche mit stockender Stimme an die Bar eingeladen hatte, saß ich da, stumm wie ein Fisch oder stotterte rum.
Mein Freund Heinz war da das genaue Gegenteil. Er konnte charmant mit den Mädels flirten und hat mir manche süße Maus ausgespannt, bevor es ernst wurde, dieser Sausack.
Zu den ersten Tanzstunden zog ich mir zwei enge Badehosen übereinander an, damit die Mädels nichts von meinem erwachenden Hosenwurm mitbekamen.
Was konnte ich gegen meine Schüchternheit und Ängste tun? Ich machte mir strategische Gedanken, wie ich mir ein „altes Ego“ basteln und verinnerlichen könnte, das mir hilft, meine Sehnsucht nach Nähe, Liebe und Sex zu stillen.
Dann, als Jungmann ab Mitte zwanzig, besuchte ich, als Phase zwei meiner Strategie, an der Volkshochschule verschiedene Kurse, vorzugsweise solche, die gerne von Frauen frequentiert wurden, wie Gesprächskreise, Maskenbau, Selbsterfahrungs-Workshops, Malen, Töpfern, Goldschieden, Schneidern und Theaterspielen.
Ich kann dir sagen. Das war die tollste Idee. Nichts als hübsche Frauen und Mädels, und alle waren so aufgeschlossen für den mitunter einzigen Kerl in ihrer Mitte.
Der Knaller war jedoch das Theaterspielen!
„Das wahre Leben findet auf der Bühne statt.
Alles andere ist Theater.“
Das war der Slogan unseres Hexenmeisters. Wie wahr.
Wir improvisierten auf Teufel komm raus verschiedene Rollen und tauchten auf der Suche nach dem besten Ausdruck tief in unsere eigenen Schattenseiten ein. Ich probierte aus, wie ich einen König mit seinem Machtgehabe oder einen Bettler in seiner Hoffnungslosigkeit überzeugend darstellen konnte.
Wut, Sehnsucht, Trauer, Freude, Geiz, Gier, Mitgefühl, Hass und Liebe, also die ganze Bandbreite der Gefühle standen auf dem Programm, und wir sollten sie so darstellen, dass es noch die Leute in der letzten Reihe von den Stühlen hebt oder ihnen Tränen in die Augen treibt.
Da ich einer der wenigen Männer in der Truppe mit einer markanten und hochnäsigen Visage war, wurde mir vorzugsweise die Rolle des Königs aufs Auge gedrückt.
So konnte ich bei den Improvisationsspielchen als Obermacker beliebig die Leute rum kommandieren, mir die Frauen nehmen, auf die ich Bock hatte, meine unsinnigen Befehle rausschreien.
Als König war ich jedoch umgeben von Neidern, Intrigenspinnern, von Jasagern und Speichelleckern. Die warteten darauf, mich hinterrücks abschießen zu können, spannen ihre Intrigen und wollten mir ans Leder.
Dadurch lernte ich auch die Kehrseite des König-Seins kennen: seine Einsamkeit. Er konnte niemandem trauen und bekam keine ehrlichen Ratschläge von seinen Hofschranzen.
Ich bin dann oft durch Verrat mit wehenden Fahnen gescheitert.
Das Scheitern will übrigens gelernt sein. Da ich immer schon große Angst davor hatte, mal als armer Penner unter der Deutzer Brücke zu landen, ging ich das Thema frontal an und ließ mich in einer belebten Einkaufsstraße in der City auf eine Improvisation als Bettler ein:
Ich saß mit ausgelutschten Jeans und dreckigem T-Shirt besoffen auf der Straße, quatschte und pöbelte Frauen an, war frech wie Dreck, furzte, kratzte mich in aller Öffentlichkeit am Gemächt, grölte rum, sang schweinische Lieder und bettelte auf Teufel komm heraus um Almosen. Ich bedrängte die Leute, lief hinter ihnen her. Ich fasste sie an mit meinen dreckigen Händen, fummelte an ihren schicken Klamotten rum, jammerte ihnen von meiner krankem Mutter und meinen vier Kindern vor und setzte sie unter Schuldgefühle. Dabei fühlte ich mich frei wie ein Vogel.
Mensch, die Rolle hat mir Spaß gemacht. Vor allem die hilflosen Reaktionen der Frauen, die ich mir aufs Korn genommen hatte. Dabei hatte ich Glück, dass ich von den begleitenden Männern keine in die Fresse bekam. Die waren eher von der Situation überfordert und wussten nicht, wie sie mich bremsen sollten. Von wegen: „Tapfere Verteidiger und Ritter ihrer Damen“.
Dieses Bettlersein hatte was, so ganz ohne Zügel, Zucht, Regeln und Anpassung. Damit hatte ich eine abgründige, dunkle aber auch verlockende Seite an mir entdeckt, die ich vorher so nicht kannte: >Das zerstörerische Ausleben der Emotionen ohne Rücksicht auf die Anderen<.
Ich übte mich in immer neuen Rollen, spielte den diensteifrigen Koch Brighella in >Diener zweier Herren< (Goldoni), fiel als rechtschaffener Fürst Leonato bei >Viel Lärm um Nichts< (Shakespeare) einer bösartigen Intrige um seine Tochter zum Opfer und scheiterte als schwuler Brick im Drama >die Katze auf dem heißen Blechdach< (Tennessee Williams) an der Liebe.
Dazwischen entwickelten wir in Theater-Workshops in der Toskana aus Improvisationen eigene Theaterstücke, wie >Odysseus<, der mit seinen Kumpels von der Circe zu Schweinen verhext wurde und rumgrunzte, oder >Turmbau zu Babel<, bei dem ich als anmaßender und machtgeiler Hohepriester an der Sprachverwirrung scheiterte.
Mit leichtem Schüttelfrost erinnere ich mich an eine moderne Interpretation unserer Theatergruppe über das Thema >Froschkönig<, speziell für Erwachsene, so nach dem Motto:
„...wenn ich 10 cm größer/ oder reich/ oder gut aussehend wäre, dann wäre alles gut, und das Glück käme zu mir.“
Bei diesem Froschkönig-Stück sollte ich wieder mal den König spielen: Einen unselbstständigen, prahlerischen und geilen Tollpatch in seinem Verschwendungswahn. Eine pikante Rolle, weil neben meiner aktuellen Flamme auch meine heimliche Geliebte mit auf der Bühne stand und die Rolle der schönen Bauchtänzerin spielte. Und in die musste ich mich per Drehbuch noch verlieben. Oha! Das war der Tanz auf des Messers Schneide.
Wie gesagt, Theaterspielen war Adrenalin pur!
>Das wahre Leben findet auf der Bühne statt...<
Das war der Durchbruch!
Ich lernte, den Mut zu haben, meine Emotionen wahrzunehmen und ihnen ohne Angst vor Bestrafung Ausdruck zu verleihen, sie sogar zu überzeichnen. Damit hatte ich scheinbar den Schlüssel zu meinem „neuen Ego“ gefunden.
Viele Jahre vertiefte ich meine Theater-Erfahrungen in diversen Fortbildungen, zog mit verschiedenen Theatertruppen von Stadt zu Stadt und spielte auf Teufel komm raus in den Stücken von Shakespeare, Goldoni und Co.
Durch die vielen Rollen, die ich darstellte, stand mir ein solides Verhaltens- und Text-Repertoire zur Verfügung, mit dem ich selbstbewusster bei den Damen auftreten konnte, so dachte ich.
War ja alles Theater.
Dann, an einem langweiligen und verregneten Samstagabend, stolperte ich in Ludwigsburg durch Zufall in eine Aufführung des argentinischen Tangos.
Als ich das Paar in engen und leidenschaftlichen Umarmungen auf der Bühne tanzen sah, und die Tango-Musik hörte, traf es mich wie ein Blitz. Dieser argentinische Tango war genau mein Ding, diese Präsenz, diese Erotik.
Nach der Vorstellung bin ich sofort hinter die Bühne:
„Wo kann ich den argentinischen Tango lernen?“ fragte ich atemlos die beiden Akteure. Ich war rettungslos verfallen.
Damit begann meine Tangokarriere.
Kommen wir jetzt zu der Geschichte, die ich dir erzählen wollte: dem „verfluchten Tango“.
Vorher möchte ich dich jedoch in die Geheimnisse einweihen, die du für den Tango wissen solltest.
für alle unter 18 und für Muttersöhnchen!
Ihr dürft hier nicht weiterlesen und solltet das Buch wieder brav zurück ins Regal stellen.
Dieses Buch ist nicht jugendfrei!
Für bleibende seelische Schäden werde ich daher nicht haften.
Auch du, Heidrun!
Wenn du das Buch in die Finger bekommst.
Lass es!
Lies bitte nicht weiter!!
Der Platzhirsch
Meine langjährigen Erfahrungen als Tanguero haben mir immer wieder gezeigt, dass graue Mäuse im Mamas Lieblingsoutfit von der holden Weiblichkeit und auch von den Jungs oft nicht wahr- und ernstgenommen werden.
Was zählt, ist die Einzigartigkeit, das Besondere, das sich einprägt, und zwar nicht nur bei der Kleidung, sondern auch bei deinem Auftritt in der Szene.
Also, schmeiß dich in Schale, es darf auch etwas mehr sein, es darf sogar Kitsch sein. Selbstbewusst, wie du bist, lachst du darüber.
„Was macht denn so einen Platzhirsch aus?“ Wirst du fragen. Hier ist meine Antwort:
Entschlossenheit und Achtsamkeit (wie ein Samurai)
Freundliches Interesse, auch Großmut gegenüber Feinden
Charme und Höflichkeit, auch bei den Mauerblümchen
Selbstbewusstsein und Einzigartigkeit
Andere nicht be- oder verurteilen
Das sind meines Erachtens so die Ziele, an denen du arbeiten solltest. Nicht einfach, ja, ich weiß. Als Platzhirsch stehst du dann jedoch über den Dingen, kannst generös sein, verzeihen. Denn für dich stehen alle Türen offen. Aber das soll nicht heißen, dass jeder mit dir den Molli machen kann.
