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Vier Freunde fahren mit dem Motorrad zum Nordkap – und geraten auf eine Reise, die sie stärker verändert als erwartet. Zwischen Fjorden, Konflikten und berührenden Momenten entdecken sie, was Freiheit, Freundschaft und Heimat wirklich bedeuten. „Abenteuer Nordkap“ erzählt die wahre Geschichte einer Motorradtour von vier Freunden, die sich im Frühling 2025 auf den Weg zum Nordkap machen. Was als Freiheitstrip durch Skandinavien beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Reise, die weit über Straßen, Distanzen und Landschaften hinausgeht. Unterwegs begegnen ihnen Schneestürme, endlose Fjorde, schlaflose Nächte, Pannen, Konflikte – und eine stille Nachricht von Zuhause, die die ganze Reise verändert. Der Erzähler Udo Brasausky nimmt den Leser mit in die Nordlandschaft und gleichzeitig in seine eigene Gedankenwelt. Sein Motorrad wird zum Begleiter, seine Freunde zu Spiegeln, und die Weite Skandinaviens zur Bühne für Fragen nach Freundschaft, Heimat, Verletzlichkeit und dem Mut, Dinge auszuhalten oder loszulassen. Es ist kein Heldentext, keine perfekte Instagram-Abenteuergeschichte, sondern ein ehrliches, humorvolles und bewegendes Porträt einer Reise, bei der man am Ende begreift, dass das Wichtigste nicht das Nordkap ist – sondern das, was man unterwegs über sich selbst lernt.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2025
Udo Brasausky
Abenteuer Nordkap
Vier Freunde, vier Motorräder, ein Ziel
Autor
Udo Brasausky, geboren 1960, lebt in Cottbus. Er ist Motorradfahrer aus Leidenschaft – mit Herz und Bauchgefühl und einer unstillbaren Neugier auf die Welt
Nach einem erfüllten Berufsleben erfüllte er sich einen Traum: mit dem Motorrad zum Nordkap – gemeinsam mit Freunden, voller Abenteuerlust und Neugier - und immer mit einer Kamera im Gepäck.
Was als Abenteuer begann, entwickelte sich zu einer Reise voller Erkenntnis über Freundschaft, Freiheit und die Bedeutung von Heimat.
Dies ist eine Hommage an das Unterwegssein, an das Innehalten - und das Ankommen.
Impressum
© Udo Brasausky
Lektorat: Claudia Eckert
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
Tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung;
Für alle Biker und Bikerinnen
Für meine Frau
Inhaltsverzeichnis
Abenteuer Nordkap
1Der Tag, an dem wir aufbrachen
2Ankunft in Trelleborg – Der Norden ruft
3Unsere Crew – Freunde und Helden der Reise
4Erste Hütte in Schweden – Das Schnarch-Konzert geht weiter
5Wind und Wetter – Auf zum Polarkreis
6Skandinavische Hilfsbereitschaft– oder wie der Ehering gerettet wurdeund ein kleines bisschen zu viel Planung
7Die Seniorenbiker – mehr als nur Mitfahrer
8Abschied vom Nordkap – Aufbruch ins Ungewisse
9Knirschen, Klarheit – und ein Bier zur rechten Zeit
10Die Lofoten – Ankunft im Durcheinander
11Auf nach A – mit Stopp bei den Wikingern
12Abschied von A – Der letzte Blick
13Allein auf der Straße
14Der Rückweg ins Unbekannte
15Der See, der mich atmen ließ
16Riskante Reise
17Frischer Grip – Richtung Süden
18Malmö und die Öresund Brücke
Rückblick – mit neuen Augen
Nachwort oder Die Straße endet nie ganz
„Vier Freunde, vier Motorräder, ein Ziel.“
Es gibt Reisen, die man plant, weil sie sinnvoll erscheinen; und es gibt Reisen, die man macht, weil sie einen nicht mehr loslassen. Diese Tour zum Nordkap gehörte klar zur zweiten Sorte.
Seit Jahren schon geisterte der Gedanke durch meinen Kopf: einmal mit dem Motorrad bis ans Ende Europas fahren, durch endlose Wälder, entlang kalter Fjorde, vorbei an Rentieren und unter der Mitternachtssonne. Keine Reise, die man „mal eben“ macht. Aber gerade das machte ihren Reiz aus.
Ich bin kein Abenteurer im klassischen Sinn. Ich bin jemand mit einem Alltag, Aufgaben, Verpflichtungen. Aber tief in mir drinnen wollte ich wissen „was passiert, wenn ich einfach losfahre? Nur ich, mein Motorrad, ein Zelt und die Straße.“
Dieses Buch erzählt von dieser Reise – von kalten Nächten, brennenden Händen an Tankstellenkaffee, von beeindruckenden Ausblicken und nervenaufreibenden Regentagen. Es ist kein Reiseführer im klassischen Sinn. Es ist eine Einladung zum Träumen, zum Nachmachen oder einfach zum Mitfahren im Kopf.
Fast ein Jahr lang bereiteten wir uns auf diese Tour vor. Wir, das sind vier langjährige Freunde, die seit vielen Jahren gemeinsam Motorradtouren unternehmen. Der Traum vom Nordkap war schon lange in unseren Köpfen, aber jetzt sollte er Wirklichkeit werden. Und das bedeutete planen, vergleichen, diskutieren und immer wieder umpacken. Was nimmt man mit auf so eine Reise? Welche Kleidung braucht man, wenn man mit dem Motorrad durch Regen, Schnee und Mitternachtssonne fährt? Zelt oder Hütte? Isomatte oder Feldbett? Und wie viel Proviant passt eigentlich auf ein Motorrad?
Wir lasen Packlisten, schauten Videos, machten Probefahrten. Jeder hatte seine eigene Methode. Mülli hatte seinen ganz eigenen Fokus: „Schnaps darf nicht fehlen!“ Mit dieser Priorität stellte er zumindest die abendliche Wärmeversorgung sicher. Ob in Norwegen oder Finnland, Müllis kleiner Vorrat an Hochprozentigem sollte auf unserer Reise immer irgendwo im Gepäck zu finden sein.
Unsere Frauen waren gelinde gesagt nicht begeistert. Wochenlang allein, während wir durch den Norden tuckerten. Mit Zelten, Sturm, Rentieren und vier Männern auf engem Raum? Nein, das stieß nicht überall auf Verständnis. Aber das sollte uns nicht abhalten. Die Vorfreude war zu groß, der Plan zu weit gereift. Und irgendwann war klar - Jetzt oder nie.
Eigentlich war uns allen klar: Jeder sollte mindestens eine Flasche Hochprozentiges einpacken. Nicht nur zur abendlichen Gemütlichkeit, sondern auch, weil wir wussten: Alkohol ist in Skandinavien verdammt teuer. Und eine Tour ohne einen kleinen Schluck zum Tagesabschluss? Für uns undenkbar. Also planten wir vorsichtig vor. Eine Flasche pro Kopf, gut im Gepäck verteilt. Die eine im Tankrucksack, die andere tief unten in der Packrolle. Wir lachten und mutmaßten, dass wir wahrscheinlich mehr Gedanken in die Schnapslogistik als in unsere Navigation gesteckt hatten.
Ich persönlich hatte jedoch noch ein anderes Thema, das mich beschäftigte. Tabak! Als einziger Raucher in der Truppe war mir schnell klar, auch Zigaretten kosten in Norwegen ein kleines Vermögen. Ich begann also ernsthaft zu überlegen, ob ich den ganzen „Kram“ nicht einfach bleiben lasse. Vielleicht war diese Reise der richtige Moment zum Aufhören. Weit weg vom Alltag, den Gewohnheiten und dem Stress. Ein Neuanfang inmitten der Weite des Nordens. Andererseits: Der Gedanke daran, sich am Abend nach einem langen Tag auf dem Motorrad, in der stillen Natur, einen tiefen Rauchzug zu gönnen. Das war zu verlockend. Sehr sogar.
Am Ende packte ich genug Vorrat ein. Man weiß ja nie. Aber der Gedanke, es irgendwann ganz zu lassen, war gesät. Und wer weiß, vielleicht war das Nordkap nicht nur ein geografisches Ziel, sondern auch ein persönlicher Wendepunkt.
Es war ein Morgen wie viele andere; und doch war alles anders. In meiner Garage stand das beladene Motorrad, das Zelt war verstaut, die Taschen festgezurrt. Ich hatte tagelang Listen geschrieben, um nichts zu vergessen. Trotzdem wusste ich: irgendetwas fehlt.
Die Luft roch nach Frühling. Es war Anfang Mai, ein idealer Zeitpunkt für eine Skandinavien Reise. Nicht zu kalt, nicht zu viel Verkehr – und die Chancen auf Mitternachtssonne standen gut. Ich saß in Cottbus und wartete auf meinen Freund Silvio, genannt Mülli, der mich abholen wollte. Die Spannung stieg mit jeder Minute. Ich holte schon das Motorrad aus der Garage und war startklar, die Taschen waren gepackt und die Gedanken weit weg vom Alltag.
Als Mülli endlich vorfuhr, schnappte ich mir meinen Helm und setzte ihn auf, bereit, sofort loszufahren. So sehr war ich im Kopf schon unterwegs, dass ich vergaß, mich von meiner Frau zu verabschieden. Ein kurzer Moment der Überraschung und dann war der Abschied schnell nachgeholt. Es war erst der Anfang eines langen Abenteuers. Mülli begrüßte uns, tippte dann in seinem Navi herum und änderte die Routenoptionen in
Autobahnen vermeiden – kurvenreiche Strecke bevorzugen.
Unser erstes Ziel war Rostock. Dort wollten wir uns mit zwei weiteren Freunden treffen, die mit uns zusammen zum Nordkap fahren wollten. Wir, das sind die Seniorenbiker, die sich mittlerweile seit Jahrzenten einmal im Jahr treffen, um eine Tour von drei bis vier Tagen zu machen. Für das Jahr 2025 hatte ich meinen Freunden gesagt, dass ich an ihrer Tour nicht teilnehme, da ich unbedingt zum Nordkap wollte. Meine Freunde waren begeistert und schlossen sich meinem Plan an. Die Vorfreude auf die gemeinsame Tour ließ die Kilometer nach Rostock wie im Flug vergehen.
Die Straßen schienen die Bühne für unsere Reise zu sein – noch ohne die Herausforderungen, die uns erwarten würde, aber voller Hoffnung und Tatendrang.
Nach zwei, vielleicht drei Stunden Fahrt, der Hintern wurde langsam schwer und die Schultern wollten auch mal entlastet werden, hielt Mülli auf einem kleinen Tankstellenparkplatz an und wir stellten unsere Maschinen ab.
Mülli verschwand in den Büschen zum Pinkeln und ich zündete mir die erste Zigarette an. Die erste nach so vielen Kurven. Sie schmeckte doppelt so gut. Der Rauch stieg in die warme Luft, vermischt mit dem Geruch von feuchter Erde und Benzin, und ich war einfach … zufrieden.
Kaum war ich fertig, tauchte Mülli wieder aus dem Gebüsch auf, wo er, wie er sagte, „mal Kartoffelwasser abgießen war.“
Doch statt sich wieder auf seine Maschine zu setzen, stellte er sich demonstrativ vor mich, hob einen Fuß an und sagte mit einem Blick, als hätte er ein Relikt aus dem Motorradhimmel gefunden: „Da - die legendären Polizeistiefel! Vom Sohn vererbt! Maßanfertigung! Echt Leder! Früher wurden damit Verbrecher gejagt!“ Ich schaute auf die Stiefel. Schwarz, robust. Das konnte man nicht abstreiten.
Aber dann sah ich es: An der Sohle des linken Stiefels hing etwas, das wie ein Flügel anmutete, nur eben aus Gummi. Fast abgerissen, als würde der Stiefel selbst versuchen, davon zu laufen. Ich prustete los. „Die jagen niemanden mehr, Mülli. Die werden bald selbst zur Fahndung ausgeschrieben.“ Ich konnte nicht anders als lachen, denn der andere Stiefel verlor ebenfalls die Sohle.
Da stand mein Freund Mülli, stolz wie ein Pfau, in halb zerfallenen Polizeistiefeln, die einst vielleicht Respekt einflößten und jetzt höchstens Mitleid beim Schuster. „So kann ich nicht weiterfahren“, sagte er plötzlich sehr ernst. „Wenn mir unterwegs die Sohle komplett abfliegt, dann fahre ich wie ein Schlittschuhläufer durch den Fjell.“
Ich lachte immer noch, aber er war schon in Gedanken drei Schuhgeschäfte weiter. „Ich muss irgendwo neue kaufen. Das geht so nicht. Vielleicht in Rostock, direkt bevor wir auf die Fähre gehen.“
Er drehte sich zu mir, ich lachte immer noch, während er schon Pippi in den Augen hatte und ziemlich ratlos war.
Ich sagte: „Mülli ich habe Ersatz dabei, meine Frau hat darauf bestanden. Ein Paar wasserdichte Treter für den Notfall. Falls meine kaputt gehen oder durchweichen. Du weißt ja, sie denkt immer mit.“ Mülli grinste. „Deine Frau denkt nicht mit – sie denkt voraus. Du bist unterwegs mit logistischer Oberleitung“
Ich lud mein Gepäck ab, öffnete den unteren Packsack und zog die Schuhe hervor. Ziemlich schlicht, aber stabil, wasserdicht und – das Wichtigste – mit Sohle. Mülli betrachtete sie, zog sie gleich an und drehte sich einmal um die eigene Achse. „Perfekt! Sitzen. Zwar ein paar Nummern zu groß, aber hey besser als eine fliegende Sohle bei Tempo 100 auf der E6.“ Ich grinste. „Pass nur auf, dass du sie nicht ruinierst. Die müssen den Rückweg auch noch mitmachen.“
Ich verstaute mein Gepäck und so saßen wir wenig später wieder auf unseren Maschinen. Ich mit meinen alten, verlässlichen Stiefeln, er in meinen Ersatzschuhen, die nun zu seinen neuen besten Freunden wurden.
Ich hob den Daumen „Na dann, Herr Kommissar, auf nach Rostock!!
Und die alten Polizeistiefel? Die stellte Mülli fein säuberlich nebeneinander auf den Parkplatz. „Falls mal ein Schuster mit Herz auftaucht.“
Müllis alte Polizeistiefel
In Rostock angekommen, erwarteten uns Ralf und Jan Olaf bereits. Die beiden waren schon zeitiger eingetroffen und hatten am Hafen einen Tisch für uns reserviert. Es war ein schöner Moment, endlich komplett, eine kleine Gruppe von Freunden, die das gleiche Ziel hatten.
Bevor es am Abend auf die Fähre nach Trelleborg in Schweden ging, wollten wir unbedingt noch einmal gemeinsam zu Abend essen. Der Hafen mit seinen Lichtern und dem Meer im Hintergrund bot die perfekte Kulisse für unser erstes gemeinsames Abendessen auf der Reise. Es war mehr als nur ein Essen – es sollte der Startschuss für ein unvergessliches Erlebnis sein.
Nach dem Essen machten wir uns sofort auf den Weg zur Fähre nach Trelleborg. Die Sonne war gerade dabei, hinter dem Horizont zu verschwinden, als wir unsere Maschinen zum Einschiffen bereitstellten. Das vertraute Brummen der Motoren mischte sich mit der frischen Meeresluft und der leisen Vorfreude, die in der Gruppe spürbar war.
An Bord hatten wir kaum Zeit, die Fahrt über die Ostsee zu genießen. Die Kabine war einfach und mit zwei Doppelstockbetten ausgestattet. Ich dachte nur für mich, ob sich so Abenteuer anfühlt, weit entfernt von der Vertrautheit zu Hause und dem unbekannten Norden, der uns erwartete.
Wir saßen zusammen in unserer Kabine und sprachen noch kurz über das, was kommen würde: kalte Nächte, spektakuläre Landschaften und die Freiheit der Straße. Die Reise hatte begonnen. Mit jedem Kilometer über die Ostsee rückte unser Ziel, das Nordkap ein Stück näher.
Wir verbrachten die Nacht zu viert in einer kleinen Kabine und für mich sollte es eine der längsten Nächte der Reise werden. Nicht etwa wegen der Aufregung, sondern wegen des ohrenbetäubenden Wettbewerbs, den sich meine drei Freunde beim Schnarchen lieferten.
Kaum hatte ich die Augen geschlossen, setzte der Chor ein. Mal ein tiefes Brummen, dann ein lautes Rattern, zwischendurch sogar rhythmisches Schnarchen, als wollten sie mir demonstrieren, wer den lautesten und besten Soundtrack zur Nacht liefern kann. Ich lag da, starrte an die Kabinendecke und zählte die Minuten, bis endlich der Morgen dämmerte. Nicht, dass ich es nicht schon vorher gewusst hätte und nicht, dass ich es nicht hätte ahnen können – also das mit dem Schnarchkonzert und dass das Teilen einer Kabine für mich keine so schlaue Option sein könnte. Doch dazu später mehr und ausführlicher.
Trotzdem war die Stimmung am Morgen gut, und irgendwo zwischen Schlaflosigkeit und Erschöpfung dachte ich mir, so fängt ein Abenteuer an. Mit Lärm, wenig Schlaf, aber mit Freunden, mit denen man jede Herausforderung teilen kann, selbst wenn es sich um einen Pumakäfig handelt, denn das Fenster unserer Kabine ließ sich nicht öffnen.
Der Morgen brach früh an, als die Fähre im Hafen von Trelleborg anlegte. Die frische Seeluft mischte sich mit dem leisen Ruf der Möwen. Durch das kleine Bullauge der Kabine konnte ich bereits die ersten Straßen und Gebäude Schwedens sehen. Ein neues Land, ein neues Abenteuer.
Kaum von der Fähre heruntergefahren, spürte ich sofort diese besondere Atmosphäre, die Skandinavien ausmacht. Klare Luft - nicht wie in der Kabine -, gut ausgebaute Straßen und eine Ruhe, die ich so in Deutschland selten erlebt hatte. Die Landschaft wirkte fast unberührt und es war, als ob die Zeit hier langsamer verlief.
Gemeinsam mit meinen Freunden starteten wir unsere Maschinen, die Motoren summten wieder im Gleichklang. Wir verließen die Fähre, um kurz darauf nochmals zu stoppen, damit Mülli sein Navi programmieren konnte und schon waren wir auf Kurs. Die ersten Kilometer durch Südschweden waren eine willkommene Einstimmung auf das, was kommen sollte. Weite Felder, kleine Dörfer und die angenehme Leichtigkeit des Reisens.
Unsere Reise führte uns entlang der schwedischen Küste, vorbei an endlosen Wäldern, kleinen Hafenstädtchen und immer wieder die salzige Meeresbrise im Gesicht. Die Straßen waren kurvig, die Landschaft atemberaubend, und jeder Kilometer brachte uns dem Ziel ein Stück näher.
Wir durchquerten Süd- und Mittelschweden, genossen die Ruhe und die Weite dieser Gegend, bevor wir weiter nach Finnland fuhren. Dort erreichten wir schließlich den Polarkreis. Ein magischer Moment, den wir voller Ehrfurcht feierten. Die Nächte verbrachten wir meist in kleinen Holzhütten oder gemütlichen Appartements, die mein Freund Mülli gemeinsam mit Jan Olaf immer einen Tag vorher organisierte und buchte. Es war ein Luxus, sich nach einem langen Tag auf dem Motorrad auf ein warmes Bett und eine Dusche freuen zu können.
Diese Unterkünfte boten nicht nur Schutz vor der kühlen Nacht, sondern auch Raum für Gespräche, gemeinsames Kochen und das Teilen der Erlebnisse des Tages. Ein Gefühl von Gemeinschaft, das unsere Reise besonders machte.
Eine Reise wie diese lebt nicht nur von der Straße, sondern vor allem von den Menschen, mit denen man unterwegs ist. Bei uns war das ganz besonders der Fall.
Wir nannten uns liebevoll „die Seniorenbiker“. Schließlich waren wir alle nicht mehr taufrisch. Keine wilden Kerle mehr mit Sturmfrisur und durchfeierter Nacht, sondern gereifte Männer mit Erfahrung, Humor und einem ausgeprägten Sinn für Komfort – zumindest, wenn es um Kaffee, Schlaf und das richtige Sitzpolster ging.
Ralf, den ich nicht nur als Freund, sondern auch als unseren „Herbergsvater“ bezeichnete, war das Herz und die Seele der Truppe. Er war der Mann für alles; mit stoischer Ruhe, er hielt uns zusammen, sorgte für Ordnung im Chaos und hatte immer ein offenes Ohr. Was ihn aber wirklich unersetzlich machte, war sein Talent am Herd. Ralf kochte für uns, stellte den Speiseplan zusammen und sorgte so dafür, dass wir nach langen Fahrtagen gestärkt und gut gelaunt waren. Seine Gerichte wurden fast schon legendär. Eine Mischung aus Herz und guter Laune, die uns alle zusammenhielt. Ralf wirr in diesem Jahr bereits siebzig Jahre alt. Er hatte viele Jahre auf See gearbeitet, kannte Stürme, Wellen und Einsamkeit. Nichts konnte ihn so leicht aus der Ruhe bringen. Auf der Straße war er derjenige der hinten fuhr, das Schlusslicht der Gruppe. Nicht, weil er nicht mithalten konnte, sondern weil er es bewusst ruhig anging. Ein besonnener Fahrer, der lieber einen Gang zurückschaltete, als einen Fehler zu riskieren.
Ich hatte Ralf auf jeder Etappe im Rückspiegel. Nicht nur aus Gewohnheit, sondern aus Verantwortung. Seiner Frau Martina hatte ich versprochen, auf ihn aufzupassen. Und dieses Versprechen nahm ich ernst.
Mülli, mein langjähriger Freund und Tourpartner, ist dreiundsechzig, dabei fit wie ein Turnschuh, zumindest wenn es ums Motorradfahren geht. Sobald er den Helm aufsetzt und die BMW unter ihm schnurrt, ist er voll in seinem Element. Kurven? Kein Problem. Lange Etappen? Locker. Regen, Wind, Geröll? Für Mülli nichts weiter als kleine Stolpersteine auf dem Weg zum nächsten Etappenziel. Wenn auch manchmal mit dem Geräuschpegel eines startenden Kleinflugzeugs im Schlaf.
Jan Olaf, unser Trompeter auf der betagten Kawasaki Estrella, war mit fünfzig Jahren das Küken der Truppe. Jung im Vergleich zu uns, aber alt genug, um jeden Witz über seinen Fahrstil und sein Regenkondom gelassen zu nehmen.
