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Diese autobiografische Geschichte handelt von einem Selfmade-Unternehmer, der sich von ganz unten bis an die Spitze hocharbeitete. Udo Brausausky kommt aus armen Verhältnissen. Er wächst in einem Nachkriegsghetto in Essen auf, obwohl zum Zeitpunkt seiner Geburt, in vielen Teilen Deutschland schon das berühmte Wirtschaftswunder eingeläutet wurde. In seiner Familie war das Geld immer knapp und teilweise mangelte es sogar am allernötigsten, an Essen und Obdach. Er schwört sich schon in jungen Jahren, dem »Armutssog« seiner Kindheit zu entkommen und alles daran zu setzen, es im Leben zu schaffen. Er setzt alles auf eine Karte, für ihn gibt es nur Schwarz oder Weiß, entweder ein Leben an der Spitze oder die Endstation Gosse! Er kämpft sich durch viele Widrigkeiten hindurch. Ihm werden nicht nur in beruflicher Hinsicht große Steine und manchmal sogar Felsen in den Weg gelegt. Auch mit seiner Herkunftsfamilie, vor allem mit manchen seiner Geschwister muss er viele Kämpfe ausfechten, Enttäuschungen und persönlichen Verrat hinnehmen. Er wächst im Westen auf und geht kurz vor der Wende in den Osten, um dort zu leben und sein Unternehmen aufzubauen. Jahrelang zweifelt er an seiner eigenen Identität und weiß nicht, ob er nun Ossi oder Wessi ist. Schließlich findet er seine Identität, indem er sich als »Wossi« sieht, eine Mischform aus beiden Seiten, die das beste aus Ost und West in sich vereint. Denn Udo Brasausky möchte keine Partei ergreifen, er ist dankbar für die Dinge, die er im Westen lernt und für all jene Geschenke, die ihm der Osten machte. Er lebt für die Arbeit, seinen großen Lebenstraum immer vor Augen, der ihm den Ausstieg aus der familiären Armut ermöglichen soll. Schließlich findet er im Gerüstbau seine Leidenschaft und Passion und vor allem seine berufliche Erfüllung. Über viele Jahre hinweg baut er ein Unternehmen auf, begleitet und unterstützt von treuen Weggefährten, wie seinem Bruder Mirko, den besonders loyalen Mitarbeitern im Osten und nicht zuletzt seiner geliebten Ehe-Frau Katrin. Udo Brasausky erzählt seine Geschichte ungeschminkt und ehrlich. Er beschreibt die vielen Höhen und Tiefen und auch die Extreme, welche sein Leben prägen, auf spannende Weise, die den Leser direkt in seine Lebensgeschichte eintauchen lässt. Nicht zuletzt möchte er mit seinem Werk einen Beitrag für mehr Toleranz und Offenheit zwischen Ost und West leisten, damit sich die Bürger dieses Landes endlich als einheitliche deutsche Nation begreifen können. Er beschreibt am Ende seines Buches eine Situation in einem Gasthaus, in der ein Westdeutscher über den Osten lästert und greift beherzt und mutig in die Rede ein: »Ich bin Deutscher, wir sind Deutsche und ich komme nun hier her und stelle wieder einmal mehr fest, dass die Dummheit und die Arroganz einiger Menschen keine Grenzen kennt. Es gibt genug Idioten auf dieser Welt und es werden täglich mehr. Wir kochen alle nur mit Wasser und da spielt es keine Rolle ob Ost oder West oder ob wir eine andere Hautfarbe haben. Wir sollten uns auf das Wesentliche konzentrieren! Es ist nicht nötig, dass wir uns so wie am Tag des Mauerfalls in den Armen liegen, wir sollten aber zumindest einander respektieren und achten.«
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2022
Ich bin ein Wossi
Udo Brasausky
© 2022 Udo Brasausky
Umschlaggestaltung, Illustration:
Lektorat, Korrektorat: Renate Jung
Verlag & Druck: tredition GmbH
Halenreie 40-44 22359 Hamburg
Softcover
978-3-347-67390-8
Hardcover
978-3-347-67392-2
E-Book
978-3-347-67398-4
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Vorwort
Ich möchte zu Beginn dieses Buches zuerst auf die Unterschiede zwischen Ost und West eingehen, auf die Unterschiede zwischen »Ossis« und »Wessis« und auf die Mentalitäten dieser beiden Welten. Man kann nun wirklich nicht behaupten, dass es keine Unterschiede zwischen den beiden Welten gibt, wenn diese auch inzwischen nicht mehr so drastisch ausfallen. Seit der Wende hat sich vieles getan. Aber in früheren Zeiten war der Gegensatz zwischen Ost und West, gelinde gesagt, sehr groß. Wie hätte es auch anders sein können, wo doch die Staatsform eine ganz andere, der Bezug zum Geld und zum Geldverdienen unterschiedlich war - auf der einen Seite der freie Markt, der Kapitalismus im Westen und auf der anderen Seite eine kommunistische Planwirtschaft, die viel mehr unter der staatlichen Kontrolle stand, als das beim Markt im Westen der Fall war. Vom unternehmerischen Standpunkt her schätze ich den Kapitalismus, die freie Marktwirtschaft, weil bei ihr alle danach beurteilt und belohnt werden, was sie leisten. Es gibt keine Beliebigkeit, keine Willkür und keinen Zufall. Wer viel leistet, bekommt das meist auch entlohnt. In Bezug auf die Mentalität schätze ich den Zusammenhalt und die Loyalität, die ich vor allem im Osten vorfand. Diesbezüglich kann sich der typische »Wessi« noch eine Scheibe von den Ostdeutschen abschneiden. Aber es gibt noch viel mehr Unterschiede zwischen Ost und West.
Die deutliche Mehrheit (66 Prozent) der deutschen Bevölkerung begrüßt die Wiedervereinigung. Dennoch stimmen 71 Prozent der Westdeutschen und 83 Prozent der Ostdeutschen der Aussage zu, dass es auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung noch große Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland gibt. Das sind Ergebnisse aus mehr als 80.000 für die deutsche Bevölkerung repräsentativen Interviews, die YouGov zwischen September 2014 und April 2015 mit dem OmnibusDaily für das Buch »Wie wir Deutschen ticken« durchführte.
Fast die Hälfte der Ostdeutschen (47 Prozent), aber nur ein Drittel (36 Prozent) der Westdeutschen geben an, die von Helmut Kohl versprochenen »blühenden Landschaften« seien weitgehend Realität geworden. Dennoch können sich 41 Prozent der Bundesbürger im Westen vorstellen, im Osten zu leben. Mir ging es genauso. Als Kind des Westens wagte ich den Schritt und zog in den Osten. Allerdings war das zu einer anderen Zeit, in der die Unterschiede zwischen Ost und West noch viel größer waren, als sie es heute sind.
Umgekehrt kann sich auch mehr als die Hälfte der Ostdeutschen ein Leben im Westen vorstellen. Auch bei der Frage nach der Abschaffung des Solidaritätszuschlags ist man sich uneins. So sind im Westen 86 Prozent dafür, im Osten dagegen nur 58 Prozent.
Zudem sind mehr als drei Viertel der Ostdeutschen und 45 Prozent der Westdeutschen davon überzeugt, dass es in der DDR Dinge gab, die besser waren als in der alten Bundesrepublik. Hierzu zählt für die Ostdeutschen beispielsweise die Gleichberechtigung der Frau: Fast zwei Drittel der ostdeutschen Bundesbürger sind der Ansicht, dass diese in der DDR besser verwirklicht war als in Westdeutschland. Im Westen sagen dies umgekehrt lediglich 38 Prozent.
Annähernd einig ist man sich allerdings beim Thema Mentalität: Hier sagen 79 Prozent im Westen und 86 Prozent im Osten, dass es zwischen Menschen, die in den alten bzw. in den neuen Bundesländern aufgewachsen sind, Unterschiede gibt. Dass diese allerdings immer geringer werden, zeigt sich daran, dass zwar mehr als zwei Drittel der Deutschen über 55 Jahren, aber nur noch 37 Prozent der 18- bis 24-Jährigen sagen, dass sie schnell merken, ob jemand in ihrem Alter aus Ost- oder aus Westdeutschland kommt.
An anderer Stelle wird deutlich, wie stark Ost und West im letzten Vierteljahrhundert zusammengewachsen sind. So meinen 70 Prozent der Westdeutschen und 71 Prozent der Ostdeutschen, man solle mit der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit langsam Schluss machen und in die Zukunft schauen. Und auch bei der Frage, welche fünf Eigenschaften »typisch Deutsch« sind, ist man sich einig. So ist der typische Deutsche in Ost und West pünktlich, pflichtbewusst, fleißig, ordnungsliebend und Bierliebhaber.
Den Ost-West-Gegensatz gibt es im 30. Jahr der Einheit so gut wie nicht mehr. »So gut wie«, heißt aber nicht, dass überhaupt keine Unterschiede mehr existieren. Doch Ost und West gleichen sich mehr und mehr aneinander an. Viel entscheidender dafür, ob es einer Region und den Menschen dort gut geht oder nicht, ist inzwischen das Gefälle zwischen Stadt und Land, zwischen dem Norden und dem Süden Deutschlands. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des »Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung«, die kurz vor dem 30. Jahrestag der Einheit am 3. Oktober 1990 in dreißig Kapiteln den Stand der Dinge beleuchtet hat. »Vielfalt der Einheit« ist ihr Titel, und unter anderem untersucht sie Bevölkerungsentwicklung, Gesundheit, Arbeitsmarkt, aber auch die Entwicklung von Einkommen und Vermögen und der Kriminalität in beiden Teilen. Beispielsweise in blühenden Städten wie Leipzig oder Dresden ist die Situation, was Arbeitsmarkt und Zufriedenheit der Bürger angeht, eine ganz andere als auf dem Land. Diese Unterschiede fallen in Westdeutschland wohl weniger gravierend aus.
»Die Abwanderung aus dem Osten in den Westen ist seit 2015 gestoppt, und auch die Kinderzahlen steigen«, stellt die Studie fest. Es gibt inzwischen etwa ebenso viele Umzüge vom Westen in den Osten. Das mildert freilich kaum die Folgen der beiden Abwanderungswellen - der ersten nach dem Mauerfall, dann der zweiten ein Jahrzehnt später.
»Die schwach besetzten Jahrgänge der 1990er Jahre führen etwa eine Generation später dazu, dass es weniger potenzielle Eltern gibt.« Außerdem profitierten die fünf östlichen Länder kaum von der Einwanderung aus dem Ausland, könnten also die damals entstandenen Lücken damit nicht auffüllen. Als Grund nannte Manuel Slupina, Leiter des Ressorts Demografie am Institut und einer der Autoren, die mangelnden wirtschaftlichen Chancen im Osten außerhalb der Boom-Regionen.
Ostdeutschland ist heute so dünn besiedelt wie 1905.
Während die Bevölkerung im Osten zwischen 1990 und heute auf den Stand von 1905 zurückfiel, leben im Westen heute doppelt so viele Menschen wie zur Jahrhundertwende. Diese Trennlinie zwischen Ost und West werde bleiben, prognostizieren Slupina und seine Kolleginnen: In allen fünf Ländern werde bis 2035 die Bevölkerung weiter schrumpfen, am stärksten in Sachsen-Anhalt, nämlich um 16 Prozent, verglichen mit 2017. Berlin hingegen werde bis dahin um weitere elf Prozent wachsen. Gleichzeitig durften aber auch im Westen fünf Bundesländer schrumpfen, weitere fünf wachsen - am stärksten Hamburg, der Südwesten und Bayern. Im kleinen Saarland werden dagegen fast neun Prozent weniger Menschen leben.
»Abgelegene Regionen verlieren – in Ost wie West«, heißt es in der Studie. Gewinner gibt es aber ebenfalls in beiden Himmelsrichtungen: »Leipzig kann bis 2035 sogar bundesweit mit dem größten Bevölkerungszuwachs rechnen.« Attraktiv für Neubürgerinnen und -bürger seien auch Weimar, Jena, Halle oder Magdeburg, bemerkte Forscher Slupina bei Vorstellung der Studie. Die Trennlinie verlaufe in ganz Deutschland zunehmend »zwischen den attraktiven Großstädten samt Umland und den ländlichen Regionen fern der Zentren«.
Viel ist in dreißig Jahren offenbar auch im Leben der Einzelnen zusammengewachsen. So hat sich die Lebenserwartung in Ost und West, die seit den 1970er Jahren in den beiden deutschen Staaten auseinanderdriftete, bei den Frauen ganz und gar angeglichen. Sie können statistisch mit 83 Lebensjahren rechnen. Die Männer bleiben etwas zurück, Ostmänner haben zudem immer noch 1,3 Jahre Abstand zu den Geschlechtsgenossen im Westen. Insgesamt, so die Studie, habe der Osten gesundheitlich die »kardiovaskuläre Revolution« im Westen aber nach 1990 rasch nachgeholt.
Während sich die DDR ab Ende der 1960er Jahre vor allem um die Erhaltung der Arbeitskraft der Werktätigen kümmerte, engagierte sich die Westmedizin gegen den Tod durch Herz-Kreislauf-Krankheiten, die massiv Ältere betreffen. Hinzu kommt, so die Studie, dass man auch im Osten inzwischen gesünder lebt, wo früher mehr geraucht und getrunken wurde. Schon 20 Jahre nach 1990 war man hier wie dort ähnlich gesund, »der Trend hat sich bis heute fortgesetzt«.
Insgesamt sind die Deutschen so zufrieden mit ihrem Leben wie nie – im Osten fast genauso wie im Westen. Auf der Null-bis-zehn-Skala des Sozio-ökonomischen Panels, das auch diesen Wert jährlich misst, erreichten die Ostdeutschen letztes Jahr ein Allzeithoch von sieben Punkten, nur 0,17 Punkte weniger als der Westen. Der Glücksgraben verläuft eher von Norden nach Süden und unabhängig vom Geld: Am zufriedensten sind, seit etlichen Jahren, die Menschen im vielerorts strukturschwachen Schleswig-Holstein.
Jenseits der Daten gibt es aber offenbar weiter Gefühle von Zurücksetzung, die wenig mit Arbeitsmarkt, Gesundheit oder Lebenserwartung zu tun haben. Viele Menschen im Osten fühlen sich zu wenig gesehen und repräsentiert im gemeinsamen Deutschland: Unterschiede blieben bestehen, schreibt Catherina Hinz, die Direktorin des Berlin-Instituts im Vorwort zur Studie, »wenn Ostdeutsche sich in Medien oder anderen Bereichen kaum oder hauptsächlich negativ vertreten sehen«. Die Medien schauen vom Westen aus auf Deutschland.
Die Studie nennt etwa die fehlenden Konzernsitze im Osten, dessen Wirtschaft weiter noch von mittleren Unternehmen geprägt ist, aber auch den Tunnelblick der Medien, die weiter von West nach Ost blickten: »Seit der Wende schaffte es Ostdeutschland vor allem als Problem auf die Titelseiten«, heißt es in der Studie. Seit den 2000er Jahren sei der Osten als angeblich abgehängte Region beschrieben worden.
Es gebe nach wie vor wenige Köpfe mit ostdeutscher Biografie in den Redaktionen der großen Zeitungen. »Viele Ostdeutsche finden sich somit in den großen Medien kaum wieder, was dazu beitragen könnte, dass die Skepsis gegenüber Rundfunk und Presse höher bleibt.«
Das Wichtigste sind meiner Ansicht nach aber nicht die Unterschiede zwischen Ost und West, sondern die Gemeinsamkeiten. Die Gemeinsamkeiten, die uns als deutsche Nation und deren Bürger ausmachen und letztlich, auch über die Nationalität hinaus, unsere Gemeinsamkeit als Menschen. Da ich als »Wossi« aber von beiden Seiten, beiden »Kulturen« und deren Mentalität profitierte, fände ich es schön, wenn Ossis und Wessis noch mehr dazu bereit wären, voneinander zu lernen. Darum geht es doch am Schluss: nicht gegeneinander zu sein und sich anzufeinden, sondern vom »Anderen« zu lernen und sich auszutauschen. Sowohl Ost als auch West haben Gutes zu bieten. Ich weiß das am allerbesten!
Inzwischen stehe ich auch zu meiner Identität als »Wossi«. Ich stehe dazu, dass ich ursprünglich aus dem Westen komme und nun im Osten lebe. Heutzutage ist die Toleranz beider Seiten auch viel größer. Das Verständnis einer gesamtdeutschen Nation ist seit der Wende beträchtlich gewachsen, wenn wohl auch noch einige Jahre ins Land ziehen müssen, um die Vergangenheit der Spaltung restlos aufzuarbeiten. Früher war ich vorsichtiger mit meiner Herkunft bzw. mit meinem Wohnsitz. Wenn ich mit Wessis zusammensaß, verschwieg ich, dass ich im Osten lebe und arbeite und umgekehrt; wenn ich mit Ossis verkehrte, sagte ich nichts davon, dass ich im Westen aufgewachsen war.
30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer sind die Gräben zwischen Ost und West so tief wie eh und je. Im Westen heißt es, die im Osten seien bestenfalls naiv und hingen einer wie auch immer gearteten »Ostalgie« an, in der sie glaubten, früher sei alles besser gewesen; im Osten hingegen hat sich das Misstrauen gegenüber den »Wessis« aufgrund vieler negativer Erfahrungen verfestigt. Die Menschen fühlen sich abgehängt und ausgenutzt, den »Ossis« hingegen wird unterstellt, die ewig Gestrigen zu sein und zu politischem Radikalismus zu neigen.
Ich kenne beide Welten. Als Unternehmer ging ich kurz nach der Wende in den Osten und baute dort ein erfolgreiches Unternehmen auf, das ich vor knapp zwei Jahren verkaufte und seither mein Leben als Privatier genieße. Ich bin »Wahlossi« und stolz darauf, denn ich fand im Osten loyale und fleißige Arbeitnehmer und ein Umfeld, in dem ich heute gerne und gut lebe. Mehr noch: Ich fand hier die Liebe meines Lebens und die Frau, mit der ich heute noch glücklich verheiratet bin. Der Osten hat mir also viel geschenkt.
Doch ohne den Westen, ohne das Ruhrgebiet, ohne die Erfahrungen meiner Kindheit, wäre ich nicht, wer ich heute bin. Sie haben mich tief geprägt, sie waren die Motivation für meinen Erfolg, und deshalb bin ich auch dem Westen zu tiefem Dank verpflichtet. Hier habe ich gelernt, wie hart Erfolg erarbeitet werden muss und dass unternehmerischer Erfolg eben auch bedeutet, mit dem Auf und Ab des Geschäfts fertig zu werden.
Ich habe mein Glück im Baugewerbe, konkret mit dem Gerüstbau gemacht. Das Baugewerbe ist ein hartes Pflaster, hier wird mit harten Bandagen gekämpft und gearbeitet. Mir machte das nie etwas aus, auch wenn ich die eine oder andere Blessur davontrug.
Das vorliegende Buch ist die Geschichte meines Unternehmens ebenso wie meine Lebensgeschichte. Es ist auch die Geschichte meiner Familie, meiner Brüder, meiner Schwester und mir, die wir aus kleinen Verhältnissen kommen, die wir alle auf die eine oder andere Weise zumindest im Außen überwunden haben, im Inneren aber noch immer mit uns herumschleppen.
Mit diesem Buch schreibe ich mich frei von all dem, was zu lange nicht gesagt wurde, von den Erinnerungen, von den Gefühlen, von den Gespenstern der Vergangenheit, und zugleich schreibe ich auch gegen die unsichtbare Mauer an, die Ost und West bis heute trennt.
Ich bin ein Wossi und wünsche mir, dass es da draußen viel mehr Menschen gäbe, die das von sich behaupten. Erst dann ist die deutsche Teilung endgültig überwunden.
Udo Brasausky, im Frühjahr 2022
Kapitel 1: Harte Zeiten - Kindheit im Ghetto
Mein Name ist Udo Brasausky. Ich wurde im Jahr 1960 in Essen geboren. Wir lebten damals in einer der typischen Nachkriegssiedlungen, wie man sie eben kennt: langgezogene Holzbaracken, eine Baracke neben der anderen - eigentlich ein richtiges Ghetto. Obwohl in Deutschland zum Zeitpunkt meiner Geburt schon wieder Aufbruchsstimmung herrschte, waren wir bitterarm. Meine Familie hatte den Anschluss, zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht, verpasst.
An dieser Stelle ist es auch wichtig, etwas über die wirtschaftliche Entwicklung des Ruhrgebiets von der Nachkriegszeit bis heute zu sagen. Aber ich möchte damit beginnen, wie alles, noch viel früher, anfing:
Die wichtigste Voraussetzung zur schwerindustriellen Entwicklung des Ruhrgebietes lag in der Zeit des Devons vor etwa 350 Millionen Jahren, in der der lange Entstehungsweg der Kohle begann. Nur diese erdgeschichtlichen Bedingungen machten später die Förderung von Kohle möglich, um damit – letztendlich - »Kohle« zu machen. Die wirtschaftliche Basis des Ruhrgebiets fußte auf den in der Erde verborgenen fossilen Energien. Ab dem 14. Jahrhundert wurde im Ruhrtal Steinkohle gewonnen. Mit der Förderung des neu entdeckten Rohstoffes ging die Bevölkerungsentwicklung immer mehr nach oben. Denn das Ruhrgebiet entpuppte sich als attraktiver Standort, der vor allem eine sichere Arbeit und damit ein Einkommen für die Bevölkerung versprach. Um 1840, bereits vor Beginn der Industrialisierung, lebten im Ruhrgebiet etwa 230.000 Menschen hauptsächlich von der Landwirtschaft, in der Nähe der fruchtbaren Hellwegbörden.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte die Nordwärtswanderung ein, die von zwei wichtigen Ereignissen ausgelöst wurde: dem Einsatz der Dampfmaschine und der Erweiterung des Eisenbahnnetzes. Von nun an waren auch die tiefer liegenden, wertvollen Ess- und Fettkohlen zu erreichen, die wiederum eine wichtige Voraussetzung für die Eisen- und Stahlindustrie waren, da sie gut verkoksbar waren. Entlang des Hellwegs entstanden nun viele große Eisen- und Stahlwerke auf riesigen Arealen. Die eisenschaffende Industrie verflocht sich Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker mit dem Bergbau, indem sie Zechen und Koksereien kaufte, um eine feste und sichere Koksbasis zu haben. Die Eisen- und Stahlindustrie blieb an ihren Standpunkten und wanderte nicht mit dem Bergbau Richtung Norden.
Die Förderanlagen der Zechen blieben im Krieg so gut wie vollständig erhalten und konnten daher schnell wieder die Förderung aufnehmen. In der Wiederaufbauphase der Nachkriegszeit galt das Ruhrgebiet noch als das Zugpferd des Wirtschaftswunders in Westdeutschland, legten doch Bergbau und eisenschaffende Industrie die Grundlage für eine rasche Beseitigung der Kriegsschäden. In der Folge stieg die Zahl der Bevölkerung von 4 Millionen im Jahre 1940 wieder auf über 5 Millionen in den 60er Jahren.
Die alten, schon überholten Strukturen wurden wiederhergestellt, was sich später als Problem darstellte. Trotz großer Investitionen und Erweiterungen der Kapazität konnte jedoch keine Steigerung der Produktivität erreicht werden - nicht einmal die Produktivität der Vorkriegszeit. Allerdings gab es kaum noch Arbeitslosigkeit und einen sehr guten Lohn, weshalb die Arbeiter die weniger guten Wohnverhältnisse in Kauf nahmen.
Das Land Nordrhein-Westfalen wurde 1946 aus den ehemaligen preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen gegründet, in denen das Ruhrgebiet lag. In den Jahren 1957/58 begann im Ruhrgebiet die Bergbaukrise, denn anstelle von Kohle wurde nun vermehrt Erdöl und Erdgas verwendet, auch Schiffe und Eisenbahnen brauchten immer weniger Kohle, weshalb die Steinkohle Absatzschwierigkeiten bekam, was in der darauffolgenden Zeit zu starken sozioökonomischen Veränderungen führte. Viele Zechen mussten deshalb ihre Produktion aufgeben und wurden geschlossen. Von 1955 bis 1970 sank der Anteil der Steinkohle von 70 auf 28,9 Prozent.
Der Strukturwandel im Ruhrgebiet mit seinen neuen ökonomischen und technischen Rahmenbedingungen veränderte das bis dahin bestehende Wirtschaftssystem. So entwickelte sich das Revier in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von einer Montanindustrie – Kohlenbergbau und Stahlindustrie – zu einer Dienstleistungsregion und einem Standort für Bildung und Kultur.
Wegen der hohen Preise für Ruhrkohle sank Ende der 1950er Jahre die Nachfrage, was die Industrie in eine Krise stürzte, von der sie sich nicht mehr erholte. Da das Ruhrgebiet in seiner Monostruktur allein auf die Kohleförderung und die vor- und nachgelagerten Wirtschaftszweige ausgerichtet war, traf diese Krise die gesamte Region, und ein Wandel gestaltete sich zunächst schwer. Vorerst wurde an alten Strukturen festgehalten, denn schließlich hatte die Region 150 Jahre lang von der Kohle gelebt und zuvor schon andere Krisen überstanden. In den 1960er Jahren setzte man sich langsam mit der neuen Situation auseinander, sodass ein Strukturwandel möglich wurde.
Während der Zeit der Montanindustrie waren Bildung, Kultur, Landschaftspflege und Angebote zur Naherholung im Ruhrgebiet vernachlässigt worden. Es gab keine Universität, und die meisten Menschen hatten weder einen hohen Bildungsabschluss noch eine gute Ausbildung, da dies bisher nicht nötig gewesen war. Die Natur wurde zersiedelt und zerstört. Das musste sich ändern! Ein erster Schritt in Richtung Strukturwandel war das »Entwicklungsprogramm Ruhr 1968 - 1973«, das am 5. März 1968 von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen veröffentlicht wurde. In diesem mittelfristigen Handlungsplan war eine Umgestaltung des Ruhrgebiets festgelegt. So beinhaltete das Programm zum Beispiel den Ausbau des S-Bahn- und des Straßennetzes, und es waren Knotenpunkte der Schnellbahn in dicht besiedelten Gegenden und der Bau von ca. 500 km »vierspuriger autobahnähnlicher Straßen« geplant. Wer jedoch regelmäßig auf den Autobahnen oder mit der Bahn im Ruhrgebiet unterwegs war, mochte sich hingegen fragen, ob hier nicht ein weiterer Strukturwandel nötig gewesen wäre, bei dem nicht nur autobahnähnliche Straßen errichtet würden. Dann wäre die A40 vielleicht auch wieder ihren Beinamen »Ruhrschleichweg« losgeworden.
Ein weiteres Ziel des Entwicklungsprogramms war die Schaffung eines insgesamt »höheren Wohnwertes« im Ruhrgebiet. Dies sollte mit der Entwicklung neuer regionaler Erholungsräume wie zum Beispiel dem Ausbau des Kemnader Stausees und der Errichtung mehrerer Freizeitparks und der Verbesserung der Luft erreicht werden. Die »schwarze Lunge« sollte wieder atmen können. Zum anderen sollten diese Projekte Arbeitsplätze schaffen, denn besonders diese fehlten nach der Kohlekrise. Was in der Planung so einfach klingt, sollte in der Umsetzung jedoch mehrere Jahrzehnte brauchen.
Die Bergbau-Hochburg Ruhrgebiet hatte während der Industrialisierung viele Menschen angezogen. Doch genau diese traditionellen Industriesektoren mussten aufgrund der Krise zahlreiche Arbeiter entlassen. Sowohl der Kohlebergbau als auch der Bereich für Eisen und Stahl verzeichneten zwischen 1976 und 1998 jeweils Rückgänge der Beschäftigten um weit über 60 Prozent. Staatliche Subventionen sollten den finanziellen Schaden, der mit der rückläufigen Steinkohleförderung und der Stahlindustrie entstanden war, begrenzen.
Ein Blitz entflammte 1962 wieder neue Hoffnung in Bochum: Der Autohersteller Opel errichtete drei Automobilwerke in der Stadt und schuf damit zahlreiche neue Arbeitsplätze. Des Deutschen liebstes Kind erweckte die Wirtschaft der Stadt wieder zum Leben. Dank erfolgreicher Modelle wie dem in Bochum produzierten Kadett schaffte es Opel in den 1960er und 1970er Jahren als Marktführer an die Spitze der deutschen Autohersteller. Im Laufe der Jahre stiegen die Zahlen der Beschäftigten wieder, indem sich spezielle neue Beschäftigungsfelder auftaten. So gründeten sich beispielsweise im Zuge des »Internet-Booms« in den 1990er Jahren zahlreiche Internetfirmen und Telekommunikationsanbieter. Auch der ehemalige Stahlerzeuger Mannesmann baute Anfang der 1990er mit Mannesmann-Mobilfunk sein eigenes Mobilfunknetz (D2) auf. Besonderen Zuwachs konnte der Dienstleistungssektor verzeichnen. Die Beschäftigtenzahlen im Gastgewerbe, in der Gebäudereinigung und im Gesundheitswesen stiegen. Letzteres entwickelte sich – neben der Logistikbranche – zum größten Arbeitgeber des Reviers.
Ebenfalls im Entwicklungsprogramm festgelegt war der Aus- und Aufbau von Schulen und Universitäten. Schon während der 1960er Jahre ging das Revier auch einen wichtigen Schritt Richtung Forschungsstandort. Mit der Ruhr-Universität Bochum wurde 1962 die erste Universität des Ruhrgebietes gegründet. Die Universität Dortmund folgte kurze Zeit später. Hinzu kamen 1972 die Gesamthochschule Duisburg und die Gesamthochschule des Landes Nordrhein-Westfalen in Essen. Mit der Gründung weiterer Universitäten und Fachhochschulen entwickelte sich das Ruhrgebiet zu einem leistungsfähigen Bildungs- und Forschungsstandpunkt.
Es ist nicht so, als sei der Kohlenpott bis in die 1960er Jahre gänzlich kulturlos gewesen. Museen hatten sich im Ruhrgebiet vereinzelt zwar schon während der Montanindustrie entwickelt, doch als die Stadt Essen in den 1920er Jahren bereits das Grillo-Theater, die Philharmonie Essen und das Folkwang-Museum aufweisen konnte, stellte dieses kulturelle Angebot eine absolute Ausnahme im Ruhrgebiet dar. Die wenigen Theater und Opernhäuser, die das Ruhrgebiet zur Zeit der Montanindustrie bereits besaß, wurden zudem im Zweiten Weltkrieg zerstört, zum Beispiel das Schauspielhaus Bochum, das deutsche Bergbau-Museum in Bochum und die Philharmonie in Essen. Besonders ab den 1950er Jahren wurden viele dieser Häuser wieder aufgebaut. Hinzu kamen neue Kulturstätten. So wurde mit dem Museum Ostwall in Dortmund 1947 eines der ersten deutschen Nachkriegsmuseen gegründet. Doch erst der Strukturwandel gab dem Aufbau einer reichen Kulturlandschaft Aufschwung, denn ebenso wie Bildung war Kultur in den Jahren der Monostruktur vernachlässigt worden.
Dass viele Museen und Ausstellungshallen erst nach dem Ende der Montanindustrie gegründet wurden, liegt nicht nur an der langen Vernachlässigung der Kultur, sondern auch daran, dass Gelände, Gebäude und Geschichte dieser bedeutenden Ära selbst zum Gegenstand der Kultur wurden. So wurde zum Beispiel 1977 das Eisenbahnmuseum in Bochum-Dahlhausen auf dem Gelände eines 1969 stillgelegten Bahnbetriebswerkes gegründet. Im Jahr 1979 entstand das erste Museum für Industriekultur vom Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL). Mit acht Standorten – darunter das Schiffhebewerk Henrichenburg bei Waltrop, die Zeche Nachtigall in Witten und die Henrichshütte in Hattingen – ist es mittlerweile das größte Industriemuseum Deutschlands.
Große Anteile an dem Wandel im Ruhrgebiet hatte die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA Emscher Park), die von 1989 bis 1999 neue Nutzungsmöglichkeiten für ehemalige Industriebrachen, Zechen, Kokereien oder Stahlwerke erarbeitete. So sollte sie mit städtebaulichen, kulturellen, sozialen und ökonomischen Plänen und Projekten innovative Impulse für den wirtschaftlichen Wandel geben. Konkrete Projekte wurden öffentlich gefördert, boten neue Arbeitsplätze und Qualifizierungsmöglichkeiten. Ein besonders großes Projekt innerhalb der IBA war die Errichtung eines Grünzuges entlang der Emscher. Mit der Anlage neuer Grünflächen sollte die von der Montanindustrie zersiedelte und zerstörte Landschaft des nördlichen Reviers wieder hergestellt werden. Auf einer Fläche von 300 km² wurden einzelne Landschaftsabschnitte zu einem zusammenhängenden Grünstreifen verbunden. Grundlage hierfür waren sieben in Nord-Süd-Richtung verlaufende Grünzüge, die bereits in den 1920ern angelegt wurden. Ein neuer, in Ost-West-Richtung verlaufender Grünzug sollte diese wieder zusammenschließen. Um dieses Naherholungsgebiet weiter auszubauen, wurden zusätzlich Wander- und Radwege geschaffen.
Des Weiteren sollte die Emscher renaturiert werden. Zu Zeiten der Montanindustrie diente sie als Kloake, da Bergwerke ihr Abwasser und Grubenwasser in den Fluss abfließen ließen. Die Nordwanderung des Bergbaus machte schließlich eine Renaturierung möglich. Zunächst wurden Abwasserkanäle in dieser Region unterirdisch verlegt, und moderne Kläranlagen wie in Bottrop und Dortmund sorgten für die Reinigung des Wassers. Schließlich sollte der natürliche Wasserkreislauf gestärkt werden.
Unter dem Motto »Arbeiten im Park« wurden auf ehemaligen Industrieflächen neue Gewerbe- und Dienstleistungsparks ebenso wie Gründer- und Technologiezentren errichtet. Von besonderer Bedeutung waren hierbei die Grünflächen, die einen Anteil von 50 Prozent am Gesamtgelände betrugen. Darüber hinaus wurde auf hohe architektonische Qualität Wert gelegt. An 22 Standorten mit insgesamt 530 Hektar Fläche sollten solche Projekte realisiert werden. Um auch im Bereich »Wohnen« eine höhere Lebensqualität zu erreichen, wurden im Zuge der IBA Emscher Park sowohl ehemalige Arbeitersiedlungen saniert als auch neue Siedlungen unter bestimmten sozialen, städtebaulichen, ästhetischen und ökologischen Gesichtspunkten neu errichtet. Besonders Familien und Alleinerziehende mit Kindern sollten sich in den Gartenstädten zuhause fühlen. Zeugen der industriellen Ära, die über 150 Jahre lang das Gesicht des Ruhrpottes prägten, wurden während des Strukturwandels zum einen als Orte der Industriekultur zu Denkmälern oder Schauplätzen für Kunst umgebaut oder machten Platz für neuen Wohnraum. Beispiel für ersteres sind die Zeche Zollverein in Essen, der Landschaftspark in Duisburg und das Tetraeder in Bottrop.
So sollten Denkmale der Industrie erhalten und gepflegt werden. Viele ehemalige Industriebauwerke beheimaten heute Museen, Ateliers und Ausstellungshallen, so zum Beispiel die Zeche Zollverein, die mittlerweile zum UNESCO Weltkulturerbe zählt, der Gasometer in Oberhausen oder das Dortmunder U, ein ehemaliges Brauereigebäude, in Dortmund. Um die wichtigsten dieser Kulturdenkmäler miteinander zu vernetzen, wurde ab 1999 die Route der Industriekultur errichtet.
Beispiele für die Gestaltung neuen Wohnraums sind der Krupp-Gürtel in Essen und der Phoenix-See in Dortmund. Als besonderes Symbol des Strukturwandels im Ruhrgebiet gilt das CentrO, die »Neue Mitte Oberhausen«.
Im Zuge des Strukturwandels veränderte sich das Gesicht des ehemaligen Kohlenpotts stark. Aus einer niedergegangenen monostrukturierten Montanindustrie
erwuchsen im Revier Bildung und Kultur. Neue Projekte und die Ausrichtung am tertiären Sektor ließen nach und nach neue Arbeitsplätze entstehen. Die jahrelang zerstörte und vernachlässigte Natur wird wieder gepflegt und geschützt. Auch wenn dieser lange Prozess nach nun 50 Jahren noch nicht vollständig abgeschlossen ist, hat er doch deutlich seine Spuren in dem veränderten Bild des Ruhrgebiets hinterlassen.
Von diesen Verbesserungen, die später im Ruhrgebiet stattfinden sollten, konnte unsere Familie in den 60er Jahren noch nicht profitieren, und so wuchsen wir Kinder in bitterer Armut auf. Es war wirklich immer nur das Nötigste vorhanden. Luxus und Überfluss kannten wir nicht!
Wir waren vorerst nur drei Kinder, und ich war der Jüngste. Über die Herkunft meiner Eltern weiß ich nicht besonders viel, nur dass mein Vater aus Litauen stammte und wir deswegen überall als Zigeuner galten. Die Abstammung meiner Mutter ist mir nicht bekannt. Ich weiß nur, dass sie ihre Eltern sehr früh verloren hatte. Ihre Mutter - meine Großmutter - starb im Alter von nur 45 Jahren an Leukämie, und meine Mutter wuchs nach deren Tod mit ihrem Bruder im Heim auf. Ich nehme an, dass sie dort auch geschlagen wurde, denn sie schlug auch uns sehr oft und war schnell aus der Fassung zu bringen. Zu der damaligen Zeit war ein Heim bestimmt kein guter Ort zum Aufwachsen. Und körperliche Züchtigung war ein ganz normales Erziehungsmittel, auch in Familien. Mein Vater hatte während des Zweiten Weltkriegs eine Verletzung am Bein erlitten. Er war auf eine Granate getreten, und die Wunde war auch viele Jahre später noch nicht verheilt. Selbst als ich schon 15 Jahre alt war, musste er sie immer noch jeden Tag versorgen, strich Salben darauf und verband die Wunde.
Die erste Erinnerung an meine Kindheit ist sehr traumatisch. Als ich etwa zwei oder drei Jahre alt war, wachte ich mitten in der Nacht auf. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, obwohl ich noch so klein war. Es roch nach Rauch, und der beißende Dampf stieg mir in die Nase. Ich hatte große Angst, begriff aber damals nicht, was überhaupt vor sich ging. Ich hörte Schreie, und obwohl ich nicht rational begreifen konnte, was hier passierte, spürte ich doch intuitiv, dass etwas nicht stimmte. Es war etwas wirklich Schlimmes im Gange. Die Baracken fingen Feuer, und es verbrannten auch Menschen. Sowohl Erwachsene als auch Kinder.
Mein Vater schrie durch das Haus: »Alle raus! Es brennt!« Mein Bruder und meine Schwester waren schon älter und nahmen mich auf den Arm. Meine Mutter lief panisch durchs Haus. Ich weinte. Wir liefen alle nach draußen und sahen, wie unser Zuhause den Flammen zum Opfer fiel. Auch andere Baracken brannten, und die Schreie der Menschen erfüllten die dunkle Nacht. Es war wirklich schrecklich! Zum Glück gehörten wir zu den glücklichen Überlebenden, denn viele andere Bewohner der Siedlung schafften es nicht, der Flammenhölle zu entkommen. Dieses Kindheitstrauma verfolgt mich bis heute. Überall in unserem Haus platzierte ich später Feuerlöscher, denn ich habe bis heute Angst, dass es wieder brennen könnte. Meine Frau kann das nicht wirklich verstehen, aber sie erlebte auch nicht, was ich erleben musste. Auch wenn ich ihr davon erzähle, kann sie es doch nicht so nachempfinden, wie es sich damals für mich anfühlte, als ich ein kleiner Junge war, der sein Zuhause den Flammen opfern musste. Damals, in dieser verhängnisvollen Nacht, die das Schicksal meiner Familie für immer verändern sollte!
Was sollten wir jetzt tun? Wir hatten kaum Geld und konnten uns deshalb keine andere Bleibe mieten. Doch wir mussten nicht lange ohne eine Bleibe auskommen und wurden bald in eine neue Siedlung gebracht, in der wir wieder ein Zuhause fanden. Es war zwar wieder eine Art »Ghetto«, aber es war nobler als unsere alte Unterkunft. Es war massiver gebaut und bot mehr Schutz vor der Kälte des Essener Winters. Unsere alte Bleibe war kaum isoliert gewesen.
Wir waren froh, wieder eine Unterkunft zu haben. »Kinder, Gott hat uns geholfen«, sagte mein Vater zu uns. »Wir haben wieder ein Dach über dem Kopf. Was für ein Glück!«
Unter dem Begriff »Gott« konnte ich mir damals noch nicht viel vorstellen. Ich war noch zu klein, aber ich glaubte, dass dieser »Gott« jemand sein musste, der es gut mit den Menschen meinte, jemand, der uns helfen konnte und deswegen auch über eine große Macht verfügen musste. Ich »glaubte« natürlich an Gott, wie ein kleiner Junge eben glaubt, aber erst viel später in meinem Leben würde dieser Glaube noch eine größere Rolle spielen. Wir Kinder freuten uns und vergaßen bald die schlimme Nacht des Brandes. Kinder verfügen über die bemerkenswerte Gabe, im Augenblick zu leben. Sie verweilen nicht im Gestern, sondern konzentrieren sich auf das Hier und Jetzt. Deswegen halten sie nicht an den Dingen fest und können auch Krisen meist sehr schnell überwinden.
Mein Vater arbeitete zu dieser Zeit als Oberkellner in einer der bekanntesten Gaststätten in Essen. Doch da er während der Arbeit den ganzen Tag auf den Beinen war, konnte seine Kriegsverletzung nicht richtig heilen. Im Gegenteil, sie wurde immer schlimmer, und schließlich musste er seine Stelle als Kellner aufgeben. Das war sehr schlimm für ihn. Er verdiente auch als Oberkellner kein Vermögen, aber es reichte immerhin, um seine Familie durchzubringen. Bevor mein Vater anfing, als Kellner zu arbeiten, war er als Bäcker und Konditor tätig gewesen. Darüber weiß ich aber nur sehr wenig, denn das war vor meiner Zeit.
Als das Ghetto abbrannte, verloren wir nicht nur unsere Möbel. Mein Vater hatte nun auch keine Arbeitskleidung mehr, darunter viele Kellneranzüge und schöne weiße Hemden. Er konnte sich keine neue Kleidung leisten, und außerdem machte ihm sein Fuß immer mehr zu schaffen. Diese Gründe bewogen ihn dazu, nach einem Ausweg und einer Alternative zu suchen. So kam er dann zum Schrotthandel.
Zuerst zog er noch mit einem alten Handwagen durch die Gegend. Er fing ganz klein an und arbeitete sich Schritt für Schritt nach oben. Trotz seines Alkoholkonsums legte er jede Mark zur Seite, die er erübrigen konnte, und bald kaufte er sich einen kleinen Lkw. Ich weiß nicht, wie er das anstellte. Wie konnte er von diesen geringen Einkünften noch etwas sparen?
Auch ich war in jungen Jahren sehr sparsam und überlegte mir immer zweimal, ob ich etwas ausgab oder nicht.
Reich wurden wir mit dem Schrotthandel nicht, aber zumindest konnten wir so überleben, denn mehr als ein Überleben war es zu dieser Zeit nicht.
Meine Mutter wurde wieder schwanger. Unsere Familie sollte also bald wieder ein neues Mitglied bekommen. Meine Mutter musste meinem Vater aber helfen, den Schrott bei den Leuten aus der Siedlung einzusammeln – trotz ihrer Schwangerschaft. Die Leute waren meist froh, wenn ihnen jemand den »Müll« abnahm, für den sie ohnehin keine Verwendung mehr hatten. Und für uns bildete dieser »Müll« die Lebensgrundlage, wenn auch nur eine sehr spärliche.
Ich weiß noch, wie mein Vater mit einer Glocke und einer Flöte durch die Gegend fuhr, um auf sich aufmerksam zu machen. Meine Mutter saß hochschwanger neben ihm und unterstützte meinen Vater bei seinen täglichen Bemühungen, seine wachsende Familie zu ernähren. Ich weiß, dass sie auch oft bei Dingen half, die heutzutage für eine schwangere Frau absolut unzumutbar wären. So trug sie einmal mit meinem Vater einen alten Ofen aus dem vierten Stock nach unten. Damals gab es keine Schonzeit, keine Auszeit, die sich eine schwangere Frau hätte nehmen können. Es gab auch keine Unterstützung vom Staat. Für meine Eltern ging es in erster Linie ums Überleben. Sie mussten Geld verdienen, um sich selbst und uns Kinder satt zu bekommen. Das war sicher keine einfache Zeit für sie! Ich habe Verständnis für die Situation meiner Eltern in dieser Zeit, und für ihre Leistung hege ich die allergrößte Achtung!
Aber für uns Kinder war es auch alles andere als leicht. Denn wir bekamen die Not unserer Eltern und auch die Not, die im Viertel herrschte, tagtäglich zu spüren. Wir wuchsen in dem Bewusstsein auf, dass das Leben hart und schwer und voller Entbehrungen war. Die Gegend, in der wir wohnten, war kein schöner Ort. In dieser Siedlung lebten vor allem sozial schwache Familien, es gab viele Konflikte unter den Menschen, die sich in Form von Schlägereien und Streitigkeiten zeigten. Alkohol war allgegenwärtig. Die Menschen tranken, um ihren Kummer zu vergessen. Das Leid, das sie täglich umgab, die schwierigen finanziellen Verhältnisse und nicht zuletzt den letzten Krieg, der sich tief in die Seelen vieler Männer eingebrannt hatte. Viele waren immer noch traumatisiert, genau wie mein Vater. Heute würden diese Probleme in einer Traumatherapie behandelt, aber damals gab es so etwas nicht. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Aufarbeitung war in der breiten Bevölkerung noch nicht vorhanden. Die Menschen machten einfach weiter und versuchten zu vergessen, indem sie entweder arbeiteten bis zum Umfallen oder tranken – mit dem gleichen Ergebnis. Alle hatten ihre ganz eigenen Strategien, um damit fertig zu werden, und machten sich auch kaum Gedanken darüber, ob sie unter diesen schwierigen Verhältnissen Kinder bekommen sollten oder nicht. Sie nahmen das Leben, wie es gerade kam, ohne ihr eigenes Schicksal wirklich bewusst zu gestalten. Kinder waren wichtig, auch in materieller Hinsicht, denn sie halfen schon früh dabei, die Familie zu unterstützen, und sicherten auch das Überleben. Aber den meisten Eltern war nicht bewusst, dass Kinder zarte Seelen haben, auf die man aufpassen muss. Kinder liefen meist nebenher, ohne dass man besonders achtsam mit ihnen umging. Woher hätten es die Eltern auch wissen sollen? Mit ihnen wurde selbst nicht achtsam umgegangen, zumindest war dies in den allermeisten Fällen so.
Meinen Eltern war aber durchaus bewusst, dass diese Gegend für uns alle nicht gut war, und mein Vater wollte so schnell wie möglich einen Ausweg finden, damit wir an einem schöneren Ort aufwachsen konnten. Aber das sollte noch einige Jahre dauern. In der Zwischenzeit lebten wir mehr schlecht als recht von dem Wenigen, das mein Vater als Schrotthändler verdiente. Meine Mutter kümmerte sich um den Haushalt und um uns Kinder. Bald kam mein Bruder zur Welt, und wir waren nun vier Geschwister. Ich war nicht mehr der Jüngste, jetzt gab es ein neues Nesthäkchen.
Wir Kinder schliefen in Stockbetten, ein eigenes Zimmer gab es nicht. Wir kannten es aber nicht anders, deswegen lag es uns fern, uns über unsere Lebensumstände zu beklagen. Auch den Familien in unserer Siedlung ging es nicht besser als uns. Worauf hätten wir da auch neidisch sein sollen? Meine Eltern waren sehr streng, versuchten aber trotzdem, immer für uns da zu sein.
Zumindest bemühten sie sich darum. Ob es ihnen auch wirklich gelang, steht auf einem anderen Blatt.
Als ich schon etwas älter war, nahm mich mein Vater oft mit, wenn er mit seinem Lkw unterwegs war. Mein älterer Bruder und meine Schwester durften schon früher mitfahren. Daran habe ich schöne Erinnerungen. Mittags hielten wir beim Fleischer an und bekamen ein Stück Wurst. Die nächste Station war der Bäcker und bescherte uns noch ein Brötchen. Ein Becher Milch obendrauf, und das Mittagessen war komplett! Das war immer ein besonderer Moment für uns. Wir fühlten uns wie richtige Arbeiter, die sich ihr Mittagessen mit vollem Einsatz verdienten. Oft konnten wir aber die Lebensmittel auch nicht bezahlen. Dann wurden wir Kinder losgeschickt und mussten betteln. Nicht auf der Straße, denn das hätten unsere Eltern nicht erlaubt. Dafür waren sie zu stolz. Wir durften auch niemals andere Menschen um Geld bitten. Aber wir bekamen den Auftrag, beim Bäcker nach Altgebäck vom Vortag zu fragen oder beim Fleischer einige Wurstenden zu ergattern. Kinder waren mit dieser Bitte doch etwas erfolgreicher als ein Erwachsener, und auf diese Weise trugen wir zum Unterhalt unserer Familie bei.
An eine Geschichte mit meinem Vater erinnere ich mich noch sehr lebhaft. Ich war eines Montags mit ihm unterwegs. Das war der Tag, an dem er seinen gesammelten Schrott bei einem Großhändler ablieferte. Ich durfte ihn begleiten und war ganz stolz darauf, denn ich wusste, dass dieser Tag etwas Besonderes war. Schließlich bescherte er uns die Früchte unserer wöchentlichen Bemühungen. Montag war Zahltag! Ich saß neben ihm im Lkw, hörte in Gedanken schon die Münzen in der Hand meines Vaters klimpern und stellte mir vor, was ich dafür alles kaufen konnte. Vielleicht eine Tafel Schokolade oder ein schönes Blechspielzeug. In Gedanken sah ich mich schon mit meinem neuen Blechspielzeug spielen, den Mund voller Schokolade. Ich seufzte genüsslich, während ich mich meinen Fantasien hingab.
