... aber Anne weiß alles besser - Albert M. Svensson - E-Book

... aber Anne weiß alles besser E-Book

Albert M. Svensson

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Beschreibung

Als Kind radelte, redete und spielte sie gerne. Als Zwölfjährige durfte sie ihre beste Freundin erstmals küssen, wollte aber eigentlich mehr. Mit 13 hätte Anne ihrer Mutter hin und wieder gerne eine Ohrfeige verpasst. Mit 14 konnte sie sich für griechische Götter begeistern. Als Fünfzehnjährige musste sie ihr Zimmer mit einem Zahnarzt teilen. Anne spielte auch mit dem Gedanken, ein altes, vollgekritzeltes Mathe-Schulbuch in Stücke zu reißen. Eigentlich mochte sie aber Bücher, wäre später gerne eine Schriftstellerin geworden, aber das sechzehnte Lebensjahr sollte sie nicht vollenden. Theo war ziemlich überrascht, was Anne alles zu Papier gebracht hatte. Die Erinnerungen ihrer Freundinnen Jaqueline und Hannah fand er ebenfalls spannend und berührend. Als Teenager bekam Theo das Tagebuch erstmals in die Hände, gelesen hat er die Aufzeichnungen und Gedanken von Annelies Marie Frank aber erst viele, viele Jahre später. Weitere Infos: instagram.com/21sonnen facebook.com/albert.svensson.1276 twitter.com/MichAngeloNewGo

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2020

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TitelseiteAlbert M. Svensson                                        Anne weiß alles besser2019 / A2019 / B2019 / C2019 / D2019 / E2019 / F2019 / G2019 / H2019 / I2019 / J2019 / K2019 / L2019 / MAnne weiß alles (noch)  besser       /    Teil II    /       FortsetzungImpressum

Anne weiß alles besser

Albert M. Svensson                                        Anne weiß alles besser

Anne und Theo erklären uns die Welt –

und die Götter

© Copyright Albert M. Svensson / 2020

2019 / A

Hallo Anne, es ist Samstag, 5. Oktober, und es regnet. Und nun sitze ich also am Tisch und schreibe dir. Doch noch …

Weil, seit Juni trage ich mich mit diesem Gedanken. Seit deinem Geburtstag – wenn man so will. Aber es kamen immer wieder Zweifel: ob … wie … was … wozu eigentlich …?

Natürlich habe ich dein Tagebuch gelesen – allerdings mit einiger Verspätung: nein, es waren nicht Wochen, auch keine Monate, es liegen bzw. lagen Jahrzehnte dazwischen. Zwischen dem Tag, als ich dein Buch geschenkt bekam – damals war ich ein Teenager – und dem Jahr, da ich es las: das war anno 2019. Jawohl, in diesem Jahr.

Woran es lag? Nun, salopp gesprochen könnte ich sagen, dass mich deine Frisur damals nicht so angesprochen hat. Also, dass mir das Photo damals auf dem Buch nicht so gefiel.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit, vermutlich sogar noch weniger. Letztlich hatte es mir zu tun, dass ich damals, als 14- oder 15-jähriger Knabe, keine große Lust hatte von einem Mädchen zu lesen, von dem ich vermutete, dass es wohl nur wenige lustige Dinge geschrieben hat, nur wenige schöne, aber viele traurige Momente erlebte.

Umso erstaunter war ich, als ich vergangenes Frühjahr bei der Lektüre deiner Tagebuchaufzeichnungen feststellen durfte, dass du recht witzig, teils frech, oft unterhaltsam und ziemlich gut geschrieben hast.

Und genau deshalb antworte ich Dir jetzt. Weil dein Geist gar nicht tot ist, wie ich damals irgendwie annahm, annehmen musste; dass deine Seele und dein Humor irgendwie weiterleben.

„Gott weiß alles – aber Anne weiß alles besser“.

Du kennst diese Worte vermutlich. Sie stammen von der Mutter deiner besten Freundin Hannah, die du meistens als Hanneli bezeichnest. Ich werde die beste Freundin hier nicht in Anführungszeichen setzen, obwohl ich den Verdacht habe, dass du mindestens zwei, wenn nicht gar drei beste Freundinnen hattest.

Aber nur eine hast du geküsst, wenn ich deine Berichte und die Erinnerungen deiner Freundinnen korrekt interpretiere. Wobei ich sagen muss: im Alter von zwölf oder 13 Jahren mit einem anderen Mädchen im Bett zu liegen, das ist und war auch damals noch nicht internationaler Standard, wenn ich das so formulieren darf?!

Aber keine Sorge, ich werde weder deine möglicherweise lesbischen Neigungen noch andere Themen aus dem erotischen Umfeld zum Hauptthema meines Schreibens machen. Die Worte von Jaqueline möchte ich hier jedoch wiedergeben. Zum einen, weil ich es immer interessant finde, wenn Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven, von unterschiedlichen Menschen geschildert werden. Und dann scheint es mir auch so zu sein, dass Jaqueline und Hannah weitaus weniger Aufmerksamkeit als du erfuhren, obwohl die beiden den Krieg ja überlebt haben. Sofern ich mich nicht täusche sind die zwei noch am Leben und um die neunzig Jahre alt. Beide haben ihre Erinnerungen an dich und die Kriegsjahre allerdings erst Jahrzehnte später niedergeschrieben bzw. weitererzählt.

Hannah scheint heute in Jerusalem zu leben. Jaqueline, du nennst sie in deinem Tagebuch meist Jopie, wurde von den Nazis damals dank ihrer katholisch-französischen Mutter nicht als Volljüdin klassifiziert und später von der Deportation verschont, scheint wohl noch heute in den Niederlanden zuhause zu sein. Beide erwähnst du auch öfters in deinen Aufzeichnungen, wenngleich Jaqueline und du nur ein knappes Jahr lang „zusammen“ verbracht haben. Erst mit zwölf hat das Schicksal euch zusammengeführt, weil ihr beiden eure jeweiligen „normalen“ Schulen im Sommer 1941 verlassen musstet.

„Oft stehe ich auf dem Schulhof mit Ilse zusammen. Anne hat Angst, dass Ilse meine beste Freundin wird. Und wenn ich nachmittags einmal bei Hannah bin, macht sie mir später Vorwürfe, sie habe sich schrecklich gelangweilt. Ich muss dauernd beweisen, dass wir beste Freundinnen sind.

Bei einem unserer Übernachtungsbesuche bringt sie mich in schreckliche Verlegenheit. Sie schlägt vor, dass wir uns zum Beweis unserer Freundschaft gegenseitig die Brüste anfassen.

Es gefällt ihr nicht, dass ich das nicht will. »Wir sind doch beste Freundinnen.«

»Aber das müssen wir nicht auf diese Art beweisen«, sage ich streng.

Sie macht ein betretenes Gesicht.

Ihre Neugier gefällt mir nicht, und ich versuche ihr zu erklären, dass sie nun doch zu weit gegangen ist. Um sie zufriedenzustellen, bin ich einverstanden, dass sie mir einen Kuss auf die Wange gibt.“

Soweit ein paar Erinnerungen und Zeilen von Jaqueline. Dass in deinem Tagebuch nicht nur Freundinnen vorkommen, sondern du auch über die eher einfach gestrickte männliche Anatomie und die deiner Meinung nach komplexeren weiblichen Genitalien sinnierst, hat mich bei der Lektüre deines Tagebuchs ebenfalls ein wenig überrascht. Das hatte ich nicht wirklich erwartet. Und ehrlicherweise habe ich mir in den letzten Jahren darüber auch nicht so viele Gedanken gemacht. Weil ich als Mann nun mal eher zum Zahn- als zum Frauenarzt gehe.

Ist diese Formulierung originell? Oder dir eine Spur zu doof? Entschuldigung, aber es entspricht nun mal den Tatsachen, und zweitens werden wir später noch über deinen Mitbewohner und Zahnarzt Dr. Dussel sprechen. Drittens habe ich neulich einen ehemaligen Klassenkameraden nach vielen Jahren wieder getroffen, dessen Vater Frauenarzt ist, war. Damals, in unserer Schulzeit, war das zumindest für einen weiteren Mitschüler gelegentlich ein wichtiges Thema. Wobei jener Mitschüler wiederum Jahre später, kurz vor oder nach dem Abi, in der Psychiatrie gelandet ist – kein Scherz. Zwei weitere Mitschülerinnen wenige Jahre später übrigens auch, also Irrenanstalt. Wobei ich die beiden Mädchen eher als nette Wesen in Erinnerung habe, während der Junge eher ein gestörter und destruktiver Typ war. Aber nicht deshalb, weil er die dreckigsten Witze der ganzen Schulklasse erzählen konnte – wobei ich zugeben muss, dass manche so schlecht nicht waren. Ich meine jetzt die Witze, nicht die Psychosen des Erzählers.

Von schweinischen Mitschülern berichtest du in deinem Tagebuch übrigens auch. Zu meinem Erstaunen war gut ein Drittel, wenn nicht die Hälfte deiner Mitschüler in deinen Augen irgendwie schweinisch veranlagt; oder legte ein schweinisches Verhalten an den Tag. Na gut, vielleicht war das damals, als du zwölf oder 13 Jahre jung warst, lediglich ein Modewort, so wie Jahrzehnte später geil ziemlich angesagt war, die Jugendsprache erobert hat – was aber eher manch einen Erwachsenen irritierte als mich oder andere Pubertierende, die den Begriff auch in ganz anderem Zusammenhang und häufig total entspannt verwendeten.

Also, wenn du willst können wir die Themen Paarung und Sexualkunde hier mehr oder weniger abschließen, und uns den anderen, noch wichtigeren Themen widmen?!

„Ich bin sehr verwöhnt worden und habe sehr schöne Sachen bekommen. U.a. ein dickes Buch über mein Lieblingsthema, die Mythologie von Hellas und Rom. Auch über einen Mangel an Süßigkeiten kann ich nicht klagen, alle haben ihre letzten Vorräte angegriffen. Als Benjamin der Untertauchfamilie bin ich wirklich mit viel mehr beschenkt worden, als mir zusteht“, schreibst du einen Tag nach deinem 15. Geburtstag.

Dein Interesse an Göttern kommt aber auch schon zuvor zur Sprache, beispielsweise im Kontext mit einem Streit, den du mit deinem Zimmergenossen Dr. Dussel im Juli 1943 hattest: zu diesem Zeitpunkt lebtest du mit deiner und einer weiteren, dreiköpfigen Untertauchfamilie bereits ein Jahr im Hinterhaus, im Versteck. Im Herbst 1942 habt ihr dann eine weitere Person, den jüdischen Zahnarzt aufgenommen. Deine Schwester, mit der du bisher ein Schlafzimmer geteilt hast, musste daraufhin ins Nachbarzimmer zu deinen Eltern ziehen; und Herr Pfeffer, ein Zahnarzt, den du teilweise Dr. Dussel nennst, wird dein neuer Zimmergenosse.

Jedenfalls scheinen sich in den Wochen und Monaten nach dessen Einzug einige Spannungen zwischen dir und dem Doktor aufgebaut zu haben. Im Mai beklagst du seinen Egoismus, weil er seine Nahrungsmittel nicht mit euch teilen will. Der Doktor hat nämlich weiterhin Kontakt zu Charlotte, seiner deutschen, nicht-jüdischen Freundin, die aber nicht mit euch im Versteck, sondern weiterhin im normalen Amsterdam in Freiheit lebt, und ihn so gut sie kann unterstützt: „Dussel hatte Geburtstag. Zuvor hatte er getan, als ob er nichts davon wissen wollte, aber als Miep mit einer großen Einkaufstasche kam, die vor Päckchen überquoll, war er so aufgeregt wie ein kleines Kind. Seine Charlotte hatte ihm Eier, Butter, Kekse, Limonade, Brot, Cognac, Kräuterkuchen, Blumen, Orangen, Schokolade, Bücher und Briefpapier geschickt. Er baute einen Geburtstagstisch auf und stellte ihn nicht weniger als drei Tage zur Schau, dieser alte Blödian! Du musst nicht glauben, dass er Hunger leidet. Wir haben in seinem Schrank Brot, Käse, Marmelade und Eier gefunden. Es ist mehr als ein Skandal, dass er, den wir hier so liebevoll aufgenommen haben, nur um ihn vor dem Untergang zu retten, sich hinter unserem Rücken den Bauch vollstopft und uns nichts abgibt. Wir haben doch auch alles mit ihm geteilt! Noch schlimmer finden wir aber, dass er gegenüber Kleiman, Voskuijl und Bep so kleinlich ist, sie bekommen nichts von ihm. Die Orangen, die Kleiman so nötig für seinen kranken Magen braucht, findet Dussel für seinen eigenen Magen noch gesünder.“

Miep war die Sekretärin in der Firma deines Vaters, und als „echte“ Österreicherin und angehende Niederländerin muss sie sich genauso wenig verstecken wie Bep, die tagsüber ebenfalls im Büro des Vorderhauses arbeitet und abends nach Hause geht. Ebenso wie zwei weitere Niederländer, die werktags im Büro tätig sind, in der Mittagspause hin und wieder mit euch im Hinterhaus zumindest etwas Suppe essen, und die dafür sorgen, dass ihr dank echter und gefälschter Lebensmittelkarten genügend Nahrung bekommt; wobei insbesondere Miep die Einkäufe für euch besorgt. Und Miep war es ja zu verdanken, dass dein Tagebuch den Krieg überstanden hat …

Zurück ins Jahr 1943. Du bittest den Doktor rund acht Monate nach seinem Einzug bei euch, dass er dich zweimal in der Woche nachmittags auch für ein paar Stunden an eurem gemeinsamen Schreibtisch arbeiten lässt. Doch der Herr Doktor will deinem Ersuchen nicht folgen, er wirft dir vor, dass du egoistisch wärst, immer nur an dich selbst denken würdest … Warte, ich habe die Stelle in deinem Tagebuch gerade wiedergefunden, lasse dich selbst zu Wort kommen, dann kommt deine Energie und Haltung noch deutlicher und persönlicher rüber:

„Wir haben am Anfang, als Sie hierherkamen, abgemacht, dass dieses Zimmer uns beiden gemeinsam gehören soll. Wenn die Aufteilung gerecht wäre, müssten Sie den Vormittag und ich den ganzen Nachmittag bekommen. Aber das verlange ich noch nicht mal, und mir scheint, dann sind zwei Nachmittage in der Woche doch wohl berechtigt. … Und dann folgte wieder das von der Mythologie und dem Stricken, und Anne war wiederum beleidigt. … Den einen Augenblick dachte ich: ich schlage ihm direkt aufs Maul, dass er mit seinen Lügen gegen die Wand fliegt. Und im nächsten Augenblick sagte ich mir: Bleib ruhig, dieser Kerl ist es nicht wert, dass du dich so über ihn aufregst.“

Nun, deine Beschreibungen bezüglich Dr. Dussel klingen so, als ob er tendenziell und maximal ein guter Zahnarzt gewesen war, aber ansonsten kein praktizierender Gutmensch; der zudem für deine Beschäftigung mit griechischer und römischer Mythologie gar nicht viel übrig hat – während du umgekehrt vermutlich seine Gebetsübungen eher distanziert betrachtest.

Vertiefen wir uns aber nicht zu sehr in das Zwischenmenschliche, kommen wir wieder zum Himmlischen, zum „Übermenschlichen“: Einige Monate vor deinem vierzehnten Geburtstag notierst du bereits: „Ich bin versessen auf Mythologie, am meisten auf griechische und römische Götter. Hier glauben alle, dass es nur eine vorübergehende Neigung ist, sie haben noch nie von einem Backfisch gehört, der Götter hochschätzt. Nun, dann bin ich die Erste!“

Auch das hatte ich von dir nicht erwartet. Wobei ich mich erinnere, dass ich in einem ähnlichen Alter wie du zunehmend Interesse an theologischen Fragen entdeckte. Mit elf oder zwölf konnte ich dem Geschichts- oder Religionsunterricht noch nicht viel abgewinnen. Mit 13 war ich noch unsicher, ob ich mich überhaupt konfirmieren lassen sollte. Mit 14 und nach der Konfirmation habe ich jedoch an vielen Sonntagen den Gottesdienst besucht, und zwar meist als Einziger des damaligen Konfirmandenjahrgangs, und gänzlich freiwillig. Die anderen Jungs und Mädels, rund dreißig Jugendliche, waren lediglich vor der Konfirmation ab und zu in der Kirche aufgetaucht – auch weil der Pfarrer darum gebeten hat. Mich dagegen haben die Fragen nach Himmel und Jenseits, nach Ewigkeit und Unsterblichkeit auch als Fünfzehn-, Sechzehn- und Siebzehnjähriger interessiert.

Antike Götter fand ich damals allerdings weniger faszinierend, später, so ab dem achtzehnten Lebensjahr, habe ich mich mehr mit griechischen Philosophen oder den Propheten des Alten Testaments beschäftigt. Sowie mit indischem Gedankengut, also Hinduismus und Buddhismus; ohne aber behaupten zu können, dass mich nah- oder fernöstliche Lehren jemals restlos überzeugt hätten.

2019 / B

Doch nochmals zurück in dein Hinterhaus, und in deine reale Pubertät. Dass du mit einem vierzig Jahre älteren Herren dein kleines Zimmer mehr als eineinhalb Jahre teilen durftest, auch das ahnte ich vor der Lektüre deines Tagebuches nicht. Dass jener Herr Pfeffer, den du später meist Dr. Dussel