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Wenn schon beim Kennenlernen Überraschungen alltäglich sind, verspricht das für das künftige Zusammensein eines Paares, dass keine Langeweile aufkommt. Ein Blick in die Archäologie einer Beziehung belegt zumindest, dass schon die erste gemeinsame Zeit turbulent genug war.
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Seitenzahl: 34
Veröffentlichungsjahr: 2019
Aussichtslose Ausgangslage
Die Konkurrenz
Annäherung
Zu Zweit
Antrittsbesuch
Heiraten
Als lernbegieriger Student hielt ich mich jeden Tag mindestens 8 Stunden in Fachseminaren auf, versäumte kaum eine Vorlesung und erforschte die Bibliotheken, brachte also fast meine gesamte Zeit in der Universität zu, aus dem einfachen Grund, weil die häuslichen Verhältnisse aus Platzmangel nicht günstig für ein ruhiges Studieren waren. Da ich auch in Seminaren häufig mitredete, war ich bald einem Gutteil der Studentenschaft bekannt. Mich interessierten besonders Studentinnen sehr, sie interessierten sich allerdings nicht für mich.
Im Nachhinein erscheint mir das so unverständlich nicht.
Mein äußeres Erscheinungsbild war wenig geeignet, interessierte Blicke des anderen Geschlechts zu provozieren.
Auch wenn die Toleranz in Kleidungsfragen in den 60 ern des vorigen Jahrhunderts wahrscheinlich größer war als heute, so überschritt ich doch mit meinem Outfit deutlich eine Schmerzgrenze für auch noch so tolerante Altersgenossen, ohne dass mir das bewusst war. Erst aufgrund deutlicher Hinweise aus meinem Bekanntenkreis sah ich mir selbstkritischer an, was ich der Mitwelt zumutete.
Ins Auge fielen zunächst meine braunen Schlabberhosen, die vermuten ließen, dass ich sie aus Opas Kleiderschrank entwendet hätte. Darüber hing ein übergroßer, gestrickter wollener grüner Sack mit einem riesigen weißen Muster, der später von einem Saufkumpan als „oft bekotzter skandinavischer Fischficker-Pullover“ charakterisiert wurde. Nach dieser Titelverleihung kritisierte er meine spitzen italienischen Halbschuhe mit der Behauptung, sie seien „lebensgefährliche Arschtrittschuhe“, weil sie nach einem Tritt im Ziel stecken blieben und den Träger selbst aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Mein Bürstenhaarschnitt erinnerte an die Frisur eines GI´s und war wenig geeignet, auch nur Ansätze einer Attraktivität zu unterstreichen. Das großväterliche Attribut eines Regenschirms mit den Ausmaßen eines Pavillons trug ich ständig bei mir. Er vollendete die unfreiwillig komische Aufmachung.
Auf meine Zielgruppe, die Studentinnen, musste diese pittoreske Zusammenstellung, für jeden Zeitgenossen offensichtlich, nur nicht für mich, geradezu abschreckend wirken.
Das war aber nicht der alleinige Grund meiner fruchtlosen Bemühungen um das andere Geschlecht. Man kann meine Annäherungsversuche mit einer gewissen Nachsicht oder besser aus Mitleid als ungelenk bezeichnen, weniger empfindsamen Seelen könnten eher Vokabeln wie „psychisch gestört“ oder „kabarettreif“ passender erscheinen.
Ich hielt es für den Gipfel der erotischen Annäherung mit intellektuellen Spitzfindigkeiten und gewagten Thesen den – erfolglosen – Versuch zu unternehmen, Eindruck zu schinden, wobei mir die Angesprochenen entweder aus Höflichkeit keine Beachtung schenkten, sich müde lächelnd abwandten oder schlicht von mir verlangten, das Maul zu halten. Es hätte mir zu denken geben müssen, dass ich, als ich Karneval unverkleidet eine studentische Tanz- und Bierbar besuchte, kurzzeitig Erfolg bei einer mir völlig unbekannten Kommilitonin hatte, weil sie „meine Verkleidung so witzig“ fand.
So scheiterten meine Annäherungsversuche sämtlich, aber so schnell ließ ich mich nicht entmutigen. Ich traute mir sogar in einer aus heutiger Sicht geradezu als realitätsfern zu bezeichnenden Selbsteinschätzung zu, dort erfolgreich zu sein, wo schon erfahrenere Eroberer als ich gescheitert waren.
Ich war auf eine Strategie verfallen, wie ich auf unverfängliche Weise ins Gespräch mit Studentinnen kommen könnte, ohne dass sie mich ignorieren konnten. Der Arbeitsraum im Geografischen Seminar war durch einen Flur von der Seminarbibliothek getrennt. Die Bücher, mit denen man arbeiten wollte, mussten am Bibliothekseingang als „entliehen“ eingetragen und nach Gebrauch dort auch wieder als „zurückgegeben“ ausgetragen werden. Diese Arbeit organisierte die Studentenschaft selbst durch freiwillige unbezahlte Aufsichten. Ich ließ mich in der Woche mindestens für eine Stunde täglich als Aufsicht eintragen. In dieser Zeit kam keiner, ohne von mir Kenntnis zu nehmen, an mir vorbei. Wenn mir langweilig war oder für andere Aufgaben die Zeit zu knapp war, pflegte ich mir Bücher aus den Regalen zu nehmen, darin herumzublättern und außer dem Inhaltsverzeichnis auch schon mal einen Abschnitt zu lesen. Das verschaffte mir nach einiger Zeit einen Überblick über die bereitgestellte Literatur und manche Studenten und auch Studentinnen nahmen gern meine Kenntnisse der Bibliotheksbestände in Anspruch.
