Cleos Weg - Johann Henseler - E-Book

Cleos Weg E-Book

Johann Henseler

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Beschreibung

Cleo verlässt das Land der Unschud, um ihre endgültige Heimat zu finden. Auf ihrem Weg erlebt sie Verrat, Sucht, Gewalt, aber auch hingebungsvolle Freundschaft, Vertrauen und Liebe. Sie wird durch ihre Erlebnisse geprägt, und sie droht auf ihrem Weg oft zu scheitern. Aber da gibt es Jasmin. Das Buch wendet sich an 13-15-Jährige.

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Seitenzahl: 93

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt:

Das Land der Unschuld

Das Land der Jäger

Das Land der Trauer

Das Land der Feste

Hilfe

Pläne

Die Wahl

Warteraum

Cleos Jagd

Die Reise zu den Flüchtlingen

Das Wiedersehen

Getrennte Wege

Die Begegnung

Der Auftrag

Die Probe

Das Land des Hasses

Zurück

1. Das Land der Unschuld

Cleo wird, wenn sie alt genug ist, wie alle anderen das Land der Unschuld verlassen, um ihre endgültige Heimat zu suchen. Auch sie wird hoffen, dass dort ihre Träume Wirklichkeit werden und sich ihre Sehnsüchte erfüllen. Wie bei allen wird ihr Suchen lange dauern, es werden Schwierigkeiten auftauchen, die sie glaubt nicht überwinden zu können, zweifelnd wird sie sich fragen, ob ihr Ziel überhaupt die damit verbundenen Anstrengungen wert sei, und ob sie genug Willen und Kraft besitzt, die vielen Enttäuschungen zu ertragen.

Doch davon war Cleo noch weit entfernt, solange sie noch ein Kind war.

Im Land der Unschuld wurde Cleo von ihren Eltern und Geschwistern behütet, geliebt und verwöhnt. Sie war die jüngste von vier Geschwistern, mit ihrer nur ein Jahr älteren Schwester Iris war sie inniglich verbunden und beide schufen sich ihre gemeinsame Welt. Mit Iris teilte Cleo ihre Gedanken, lachte mit ihr über dieselben Scherze. Sie spielten dieselben Spiele und erfanden eine eigene Sprache, in der sie sich ihre Geheimnisse zuraunten. Sie verlebten eine unbeschwerte Kindheit und konnten sich nicht vorstellen, sich jemals zu trennen, und sie dachten, dass das Land der Unschuld die ganze Welt umfasse. Die Eltern ließen sie in dem Glauben, um sie zu schützen und sich ihrer sicher zu sein.

„Glaubst du, dass es noch andere Länder gibt?“, fragte Iris Cleo eines Tages unvermittelt.

Cleo verstand die Frage zunächst nicht, aber als sie sie verstand, war ihre Neugier geweckt.

„Viola will mit mir irgendwo hingehen, wo man ein anderes Land sehen kann. Sollen wir mitgehen?“

Viola war Iris´ liebste Freundin. Bald war es soweit, dass alle drei bis zur Grenze des Landes der Unschuld liefen. Eine Hecke, die undurchdringlich zu sein schien, versperrte ihnen den Weg. Sie lugten hindurch und konnten auf der anderen Seite einen gefüllten Wassergraben erkennen, über den kein Steg führte. Dahinter breitete sich nebliges Flachland aus.

Es gab also doch noch ein anderes oder sogar mehrere andere Länder, nicht nur das Land der Unschuld, und Cleo war begierig zu erfahren, wie diese Länder wohl beschaffen sein mochten.

Manchmal lief Cleo in den folgenden Monaten und Jahren allein zur Hecken-Grenze. In einigen Jahren war Cleo so gewachsen, dass sie schließlich über die Hecke blicken konnte. Dennoch erkannte sie nur wenig, höchstens einige schemenhafte Gestalten in der Ferne, die sie zunächst nicht weiter beachteten.

Je älter sie wurde, desto mehr wuchs ihre Neugier, wie es wohl außerhalb des Landes der Unschuld sein möge. Immer öfter schlich sie sich zur Grenze, und bald winkten ihr die schemenhaften Gestalten jenseits der Grenze zu und einige riefen:

„Komm doch zu uns, hier ist es viel schöner!“

„Das langweilige Land der Unschuld kennen wir auch, hier ist es viel besser!“

„Wir warten auf dich!“

Obwohl die Eltern sie warnten, das Land der Unschuld zu verlassen, wuchs doch Cleos Sehnsucht nach Neuem und Unbekanntem.

Viola besuchte die Geschwister schon längere Zeit nicht mehr, sie hatte, wie ihre Mutter unter Tränen berichtete, das Land der Unschuld bereits verlassen. Keiner wusste, wie es ihr ging oder wo sie sich befand.

Die Mutter von Cleo wollte sie noch möglichst lange, vielleicht auch gegen ihren Willen, im Land der Unschuld zurückhalten, obwohl auch die Mutter wusste, dass Cleo eines Tages gehen würde. Cleos Vater dagegen widersprach: „Wenn wir sie gehen lassen, wenn sie gehen möchte, dann wird sie auch zu uns zurückfinden. Wenn wir sie loslassen, wird sie uns später wieder umarmen wollen. Wenn wir sie aber festhalten, wird sie sich uns entreißen und wir verlieren sie auf ewig.“

Obwohl die Mutter glaubte, dass Cleo noch viel zu jung sei, allein das Land der Unschuld zu verlassen, gab sie nach, aber sie hatte ein Gefühl, als ob sie verblutete.

Cleo konnte nun selbst entscheiden, wann sie das Land der Unschuld verlassen wollte.

Als sie wieder einmal an der Grenze des Landes der Unschuld sehnsüchtig in das geheimnisvolle neue Land jenseits der Hecke und des Wassergrabens hinüberblickte und die schemenhaften Gestalten sie erneut lockten, konnte sie nicht mehr widerstehen.

Sie schob mit ihren Armen die Zweige der Hecke auseinander, zwängte sich durch die Lücke und sprang auf die andere Seite. Noch wusste sie nicht, wie sie durch den Wassergraben gelangen könnte, war aber entschlossen, ihn, wenn nötig, zu durchschwimmen. Doch der Wassergraben war verschwunden. Vor Spannung bebend betrat sie ein unbekanntes Land.

2. Das Land der Jäger

Wie war Cleo froh, den Sprung über die Grenze gewagt zu haben. Alles Schemenhafte wich einer klaren Sicht und es schien so, als ob alle nur auf sie gewartet hätten. Die Gestalten, die sie vorher nur undeutlich wahrgenommen hatte, waren Jugendliche in ihrem Alter, die sie umringten und mit Vorschlägen bestürmten, was sie zusammen unternehmen könnten.

In der Menge fiel ihr ein hochgewachsener, schwarzgelockter Junge besonders auf, und ihr Blick kreuzte sich mit seinem. Da trat er zu ihr und raunte:

„Du bist bisher die Schönste, die aus dem Land der Unschuld hierher gekommen ist. Hör nicht auf die anderen, die wollen nur ihr eigenes Vergnügen, das sind alles falsche Freunde. Mit mir wirst du viel erleben, ich werde dir unser Land der Jäger zeigen. Nur mit mir wirst du glücklich werden.“ Cleo war glücklich, dass sie so wichtig war, viel wichtiger als im Land der Unschuld, wo sie nur so wichtig war, wie die anderen. Sie war froh, einen Jungen gefunden zu haben, von dem sie bewundert wurde, der nur, so schien es, auf sie gewartet hatte und dem sie rückhaltlos vertrauen konnte.

Wolf, so hieß er, verbrachte fast seine ganze Zeit mit ihr. Er zeigte ihr das Land der Jäger, spielte ihr seltsame Musik vor, die er mit wildem Gesang begleitete und erzählte ihr spannende Geschichten von der Jagd der Jäger auf neue Jugendliche aus dem Land der Unschuld. Immer endeten die Geschichten damit, dass sich die Jäger und die, die das Land der Unschuld verließen, ineinander verliebten.

Anfangs traf sich Wolf noch oft mit seinen Freunden, und Cleo wartete ungeduldig auf ihn, konnte an nichts anderes denken, und meinte erst wieder zu leben, wenn Wolf zurückgekehrt war. Bald blieb Wolf nur bei Cleo, und sie fühlte sich als Mittelpunkt der Welt.

Sie liebte Wolf so, wie sie noch keinen auf der Welt geliebt hatte.

Sie erlebte die Welt und ihr Leben neu, lachte mit ihrem schönen Jäger über das Land der Unschuld und über sich selbst, wie naiv sie doch früher gewesen war. Sie verbrachte die Tage und Nächte mit ihm, wollte eine Ewigkeit mit ihm zusammen sein und konnte sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen.

Aber nach einiger Zeit wurde Wolf immer abweisender und erfand Ausreden, wenn Cleo etwas mit ihm gemeinsam unternehmen wollte. Das nahm Cleo zunächst hin, sie versuchte sein unerklärliches Verhalten zu verstehen. Sie glaubte, sie sei schuld, sie strengte sich noch mehr an, um ihm zu gefallen und überschüttete ihn mit Liebesbeweisen. Doch er tat so, als ob ihn das nicht interessierte, so dass Cleo sich verzweifelt fragte, was sie denn falsch mache und in hemmungsloses Weinen ausbrach, wenn er nicht da war. Wenn er zurückkehrte, nahm er es oft gleichgültig auf, dass sie ein besonderes leckeres Mahl für ihn zubereitet hatte oder sich für ihn besonders schön gemacht hatte. Manchmal jedoch umarmte er sie, flüsterte ihr ins Ohr, dass sie immer schöner werde und dass er immer bei ihr bleiben würde. Da war sie überzeugt davon, dass er ihr liebster Mensch sei und sie verachtete sich, dass sie an seiner Liebe so dumm gezweifelt hatte.

Doch immer häufiger ignorierte er ihre Liebesbezeugungen und wenn sie in seinen Armen liegen wollte, wandte er sich gereizt ab, ging von ihr weg und kehrte erst nach Stunden zurück, ohne ihr zu sagen, wo er sich aufgehalten hatte. Manchmal brachte er ihr einen Blumenstrauß mit, und Cleo war sofort versöhnt. Sie versuchte mit ihm zu scherzen und zu lachen wie früher, aber es gelang ihr nicht, so unbeschwert zu sein, wie zu der Zeit, als sie ihn kennen lernte. Er begann sie zu kritisieren. „Dein Lachen klingt albern!“ „Du hast auch schon mal besser gekocht!“ „Hast du etwa zugenommen?“ „Jetzt lass mich mal in Ruhe, du wirst allmählich lästig!“ Sofort bemühte sie sich, weniger albern zu lachen, noch besser zu kochen, noch weniger zu essen und ihn nicht zu berühren, auch wenn sie es sich noch so sehnlich wünschte.

Doch Wolf blieb immer länger von ihr weg, obwohl sie sich immer mehr bemühte, seinen Wünschen zu entsprechen. In den vielen einsamen Stunden zermarterte sie sich ihr Gehirn, wie sie ihm wieder so gut gefallen könnte wie früher, aber sie fand keine Lösung, und das ließ sie noch verzweifelter werden.

Jedoch tief in ihrem Innern wuchs allmählich die Enttäuschung und mit der Enttäuschung keimte der Argwohn. Zuerst verbot sie sich, Wolf zu verdächtigen, Unrechtes zu tun oder getan zu haben. Dennoch musste sie sich widerstrebend eingestehen, dass er sich von ihr mehr und mehr entfremdete. Vielleicht unterlag er schlechten Einflüssen, vor denen sie ihn beschützen konnte! So entschloss sie sich zu handeln. Heimlich folgte sie ihm, und ihr Entsetzen war groß, als sie feststellte, dass er sich wieder an der Grenze zum Land der Unschuld herumtrieb.

Sie rannte zu ihm und schrie ihn an: „Was machst du hier? Willst du mich betrügen? Liebst du mich überhaupt noch?“

Zuerst war Wolf überrascht, dann lachte er laut, seine Freunde lachten grölend mit und er rief so laut, dass es seine ganzen Kumpanen hören konnten:

„Ich bin nicht dein Eigentum, ich bin ein freier Jäger. Du hast auch deinen Spaß gehabt und ich bin dir keine Rechenschaft schuldig! Es reicht, wenn ich dir einige meiner kostbaren Stunden schenke. Geh nach Hause, dort kannst du auf mich warten! Hier ist kein Platz für dich.“

Dann wandte er sich von ihr ab und beachtete sie nicht weiter.

Augenblicklich brach für Cleo die wunderbare Welt der Gemeinsamkeit mit Wolf zusammen. Ihre Wut und ihr Hass auf ihn wurden so unermesslich, wie es vorher ihre Liebe zu ihm gewesen war.

Sie hatte schon einige Male verlassene Jugendliche umherirren sehen, ihnen aber keine Beachtung geschenkt. Die Jäger hatten verächtlich von ihnen als den „Abgelegten“