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Besser ärgern können, einem Großmaul die Grenzen zeigen, aus Abfall Geld machen, einen Rassisten bestrafen, Abzockern eine Lehre erteilen, bescheuerte Wetten ausbaden, den ersten Kuss planen, Rettungen organisieren, einen Haufen fast unerträglicher Peinlichkeiten erleiden- der 12jährige Oskar hat alle Hände voll zu tun mit seinem Leben...
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Ärgern
Reinlegen
Abzocken
Bestrafen
Verfluchen
Unzufrieden sein
Küssen
Betteln
Beschämen
Peinlich sein
Sich durchsetzen
Der Geheimverein
Mein 12. Geburtstag war ein besonderer Tag. Nicht weil ich besondere Geschenke erhalten hätte - sie waren genau so langweilig wie jedes Jahr – sondern weil ich die Aufnahmeprüfung für den Eintritt in den Geheimverein „Naughty“ ablegen konnte.
Benni, der einige Häuser weiter neben mir wohnt, hat mir schon vor drei Wochen vom „Club“, wie er den Geheimverein nennt, erzählt. Er war etwas früher 12 geworden und hatte, so berichtete er mir, gerade die Aufnahmeprüfung bestanden.
Er nahm er mich zur Seite und flüsterte in einem verschwörerischen Ton in mein Ohr: „Der „Club“ sucht Leute wie dich. Wir sind die Vereinigung aller Ungezogenen, aller Tunichtgute der Welt. Wenn du dich anstrengst, kannst du auch bald Mitglied werden. Dann lernst du Tunichtgute und deren Streiche auf der ganzen Welt kennen, das macht unglaublichen Spaß. Es geht vor allem darum, andere erfolgreich zu ärgern. Soll ich dich als neues Mitglied vorschlagen?“
Die Erlaubnis
„Ja, bitte!“, antwortete ich.
„Ich muss dann allerdings einige Luftpostbriefe an den Clubvorstand in New York schreiben und die kosten Porto…“, gab Benni zu bedenken.
„Das zahle ich dir natürlich! Aber ich habe erst morgen genug Geld bei mir“, beeilte ich mich zu versichern.
„Gut! Dann mach ich das für dich! 5€ reichen für einen Brief.“
„Schick lieber zwei!“, bat ich Benni am nächsten Tag und gab ihm zwei 5-€-Scheine. Ich wollte ganz sichergehen.
Im Fortgehen sagte er dann noch zu mir: „Ich hätte natürlich das Porto übernommen, aber im Moment habe ich nicht so viel Geld. Ich bezahle dann mit dem Geld von dir. Ich lege ein gutes Wort für dich ein, weil du dich so bemühst! Das klappt bestimmt! Aber: Zu keinem ein Wort! Denk daran, dass es ein Geheimverein ist!“
Da war ich sehr beruhigt und ich versprach ihm, keiner Menschenseele etwas davon zu verraten. Auch Benni versprach, keinem davon zu erzählen.
Leider war es aber doch nicht so einfach, den Vorstand des Geheimvereins davon zu überzeugen, dass ich würdig war, die Aufnahmeprüfung abzulegen. Erst nachdem Benni in zwei weiteren Briefen meine Fähigkeiten beim Ärgern Anderer genauer geschildert hatte, traf die Erlaubnis ein, dass ich an meinem Geburtstag die Aufnahmeprüfung ablegen konnte. Da hatten sich die weiteren 10€ für das Porto wenigstens gelohnt.
Die Schwierigkeit
Schon als ich am Morgen meines Geburtstages zur Schule ging, wartete Benni vor unserem Haus auf mich.
„Gute Nachrichten! Der Vorstand des Vereins in Deutschland ist überlastet und hat mich daher gebeten, dass ich die Prüfung von dir abnehme. Daher betragen die Gebühren für die Prüfung nur 50€ für dich. Ich musste wegen der Reisekosten des Prüfers für meine Prüfung viel mehr zahlen, du hast Glück!
Heute um 16 Uhr treffen wir uns am Park. Die Prüfung dauert zwei Stunden. Bring die Gebühren mit, sonst darf ich dich nicht prüfen!“
„Aber um 16 Uhr kommen meine Verwandten zum Geburtstagskaffeetrinken, dann kann ich nicht!“
„Das ist dein Problem! Lass dir was einfallen! Eine andere Chance hast du nicht! Sonst muss die Prüfung verlegt werden und es werden wieder Prüfungsgebühren erhoben, vielleicht sogar so hohe, wie bei mir!“
Das wollte ich auf keinen Fall.
Ausladen
Wie wimmelt man Verwandte ab?
Mein Entschluss stand fest: „Mir muss schlecht werden, ich muss wenigstens vorübergehend krank sein, aber überzeugend, sonst kommen die Verwandten trotzdem!“.
Auf dem Nachhauseweg kaufte ich mir ein Glas Senf und eine Cola. Zuhause nach dem Mittagessen verrührte ich den Senf in einem Glas mit der Cola und stürzte die Pampe in meinen Hals. Das war ein wahres Höllengesöff: Nach zwei Schlucken brannte mein Hals wie Feuer, die Nase tropfte und Tränen liefen mir die Backen herunter. Ich bekam einen Hustenanfall und spuckte den Rest der braunen Teufelssoße auf den Boden. Ich kriegte kaum Luft, musste würgen und mir war wirklich kotzübel.
Nach dieser Vorstellung war das Ausladen der Verwandtschaft durch meine Mutter kein Problem mehr.
Mutter stört
Wie kann man von zu Hause abhauen, obwohl man gerade vorgeführt hat, dass einem todschlecht ist?
Meine Mutter muss dringend weg, weil sie einen Notruf erhält.
Kaum war ich auf diesen Gedanken gekommen, war es auch schon Zeit, dass ich meine Mutter anrief. „Brigitte, komm bitte sofort!“, stöhnte ich in das Smartphone. Ich hatte ein Taschentuch darum gewickelt, um meine Stimme unkenntlich zu machen. „Mein Hals tut so weh, hoffentlich habe ich keinen Kehlkopfkrebs.“ Dann hustete ich laut und anhaltend ins Gerät, doch das Gespräch war bereits zu Ende. Es gelang mir gerade noch das Smartphone zu verstecken, da stürmte meine Mutter schon ins Zimmer: „Ich muss unbedingt zur Oma! Da stimmt was nicht!“, und schon war sie verschwunden.
Jetzt musste ich mich beeilen, wenn ich noch pünktlich zur Prüfung kommen wollte, aber ich schaffte es.
Die Prüfung
Am Park war von Benni nichts zu sehen. Ich wartete eine halbe Stunde, dann sah ich, wie er mit seinem alten Klapperfahrrad heran radelte.
Als er mich erreicht hatte, rief er: „Den ersten Teil der Prüfung hast du schon bestanden. Dafür herzlichen Glückwunsch! Du bist nicht nach Hause gegangen, als ich nicht erschienen bin. Das zeigt, dass du sehr gerne die Prüfung ablegen möchtest, selbst wenn du dich über die Verspätung ärgerst. Jetzt kommt der zweite Teil.“
Er überreichte mir eine Liste mit Süßigkeiten. „Die musst du alle besorgen, mit oder ohne Geld, ehrlich oder gestohlen, das ist ganz egal. Wenn du das in 30 Minuten schaffst, hast du die zweite Aufgabe erledigt, sonst bist du erledigt und durchgefallen.“
In fünf Minuten war ich wieder zurück und überreichte Benni alle Süßigkeiten, sogar schön in einem Geschenkkorb zusammengestellt.
„Du überraschst mich! Das ist wirklich schnell!“, strahlte Benni.
„Ich will es ja auch besonders gut machen!“, erklärte ich bescheiden. „Darf ich dich kurz mit meinem Smartphone filmen, wenn du von den Süßigkeiten isst?“
„Nur zu!“, rief Benni und stopfte sich eine Lakritzstange in den Mund.
Dann fuhr er fort: „Nun kommt der letzte Teil der Prüfung. Du musst in einer halben Stunde 150€ zusammenkriegen, egal wie, sonst bist du durchgefallen!“
In 15 Minuten war ich wieder zurück und überreichte ihm das Geld.
„Ich fass es nicht!“, rief Benni. „Wie machst du das bloß?“
„Habe ich denn bestanden?“
Champion im Ärgern
„Weißt du, du hast erst bestanden, wenn ich mich insgesamt mehr über dich ärgere, als du dich über mich ärgerst. Dann erst hast du bewiesen, dass du wirklich gut ärgern kannst. Das vergleichen wir jetzt mal!“ und er fing glucksend an zu lachen.
„Ich fange mal an!“, und er lachte noch lauter.
„Ich brauchte dein Porto-Geld für die Briefe nicht!“
„Warum nicht? Hattest du doch selber Geld?“
„Ich habe die Briefe gar nicht geschrieben!“
„Und trotzdem hast du von mir Geld genommen? Du spinnst wohl!“
Benni lachte laut.
„Natürlich musste die Prüfung nicht um 16 Uhr sein, damit wollte ich dich noch mehr ärgern!“
„Deswegen habe ich Senfwasser getrunken, meine Verwandten ausgeladen, meine Mutter mit einem falschen Notruf alarmiert und so getan, als wäre es meine Oma. Jetzt ärgern sich jetzt meine Verwandten, meine Mutter und meine Oma; und ich kriege Ärger. Und das alles nur deinetwegen!“
Benni schüttelte sich vor Lachen. Dann japste er: „Du hast mir auch noch 50€ gegeben!“
„Das waren doch die Prüfungsgebühren für den Clubvorstand!“
„Für welchen Vorstand? Es gibt keinen Vorstand?“
„Hat der Geheimverein keinen Vorstand?“
„Nein, weil es gar keinen Geheimverein gibt! Es gibt überhaupt keinen Verein!“
Mittlerweile war sein Gesicht vor lauter Lachen puterrot angelaufen.
„Du hast dir alles nur ausgedacht? Warum?“
„Weil du so blöd bist und alles glaubst und ich deine Dummheit brauche, damit ich Geld für ein neues Fahrrad kriege und Süßigkeiten umsonst dazu. Gewonnen! Gewonnen! Ich habe beim Ärgern gewonnen, weil ich dich reingelegt habe und du dich über mich mehr ärgerst als ich mich über dich!“
Benni tanzte vor mir rum und sang das Queen´s Lied abgewandelt: „I am the Champion of the world…“
…oder nicht?
Plötzlich hielt er inne: „Nur eins musst du mir noch verraten: Wie bist du so schnell an die Süßigkeiten gekommen?“
„Ganz einfach! Ich habe sie im Namen deiner Mutter für dich gekauft. Wie du weißt, schickt deine Mutter mich öfters für sie einkaufen und lässt die Rechnung auf sich ausstellen. Morgen wirst du also Ärger kriegen, wenn rauskommt, dass ich Süßigkeiten für dich kaufen sollte, die deine Mutter bezahlen muss!“
Bennis Lachen verstummte. Er sah mich erstaunt an. Schließlich sagte er laut: „Dann behaupte ich eben, dass du die für dich gekauft hast! Wem wird sie eher glauben, ihrem Sohn oder dem Nachbarjungen?“ Dabei bekam er wieder einen triumphierenden Gesichtsausdruck.
„Dem Nachbarjungen!“, antwortete ich beiläufig.
„Was? Wieso?“
„Ich habe ihr einen kleinen Film per Email geschickt, da kann sie sehen, für wen die Süßigkeiten sind, weil derjenige sie bereits angefangen hat zu essen!“
Das triumphierende Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. „So, du hast mich also verpetzt!“, sagte er wütend.
„Ärgerst du dich etwa?“, fragte ich scheinheilig.
„Immerhin hab ich ja dein Geld. Und das kriegst du nicht mehr zurück! Das spare ich und davon kauf ich mir später ein neues Fahrrad.“
„Das würde ich an deiner Stelle nicht tun!“
„Natürlich mach ich das!“ Er setzte wieder eine triumphierende Miene auf. „Du kriegst das Geld nicht zurück!“
„Das will ich auch nicht! Du kannst noch mehr haben!“
Benni schaute mich irritiert an. „Bist du verrückt geworden?“
Ich flüsterte leise: „Mein Vater besitzt einen hervorragenden…“ und schrie dann laut in Bennis Gesicht: „Farbdrucker!“
Er schreckte zurück, sah mich verständnislos an, riss plötzlich die Geldscheine aus seiner Hosentasche und starrte auf sie, während er sie ständig drehte.
„Das ist ja Falschgeld!“, stöhnte er. „Du bist ja kriminell!“
„Ich habe dich immer mit 5€ - Scheinen bezahlt. Lies mal, was auf der Brücke steht, die darauf abgebildet ist!“
„Falschgeld für Benni von Oskar!“, las er wie ein Automat vor. Und mit merklich blasserem Gesicht stöhnte er: „Mein ganzes Geld ist nichts wert!“ und nach einer kleinen Pause: „Höchstens das Portogeld!“
„Das leider auch nicht. Du wolltest mit meinem Geld das Porto bezahlen. Hättest du das gemacht, wäre es aufgefallen, dass es Falschgeld war und ich hätte mich irgendwie herausreden müssen. Aber mein Verdacht, dass du nur gierig auf Geld warst, hat sich später bestätigt. Weil du nie wegen des Geldes protestiert hast, habe ich vermutet, dass du nie einen Brief abgeschickt hast. Ab da hatte ich immer genug Falschgeld mit, darum ging es bei der Prüfung so schnell mit deiner Geldforderung.“
Mittlerweile saß Benni mir mit wutverzerrtem Gesicht gegenüber.
„Ich muss noch meine Verwandten anrufen, dass sie mich morgen gern besuchen können und dann meine Mutter, dass du mit verstellter Stimme falschen Alarm wegen meiner Oma ausgelöst hast, nur weil du mich ärgern wolltest. Jeder weiß, dass du perfekt Stimmen imitieren kannst!“
Den Satz hatte ich kaum ausgesprochen, da musste ich beweisen, dass ich nicht nur besser ärgern konnte als Benni, sondern auch schneller laufen.
Geplante Versöhnung
Eigentlich wollte ich mit Benni gar keinen Streit. Mit ihm mache ich die meisten lustigen Sachen und wir verstehen uns meistens gut, auch wenn wir oft versuchen uns gegenseitig reinzulegen. Ohne Benni ist es langweilig.
Manchmal treffe ich mich auch mit Machi, der eigentlich Fabian heißt, der nach fast jedem Satz in seinem bayerischen Dialekt sagt: „Mach I“, was aber noch längst nicht heißt, dass er das wirklich macht. Der Machi bildet sich ein, ein guter Geschäftsmann zu sein, worunter er versteht, dass er andere übervorteilt oder besser ausgedrückt: bescheißt. Er versucht alles zu verscherbeln, zu völlig überzogenen Phantasiepreisen, hat von der Sache meistens keine Ahnung, tut aber so, als wäre er ein Fachmann. Das nervt fürchterlich und ich wollte ihm deswegen lange schon einen Denkzettel verpassen.
Machis Gemälde
Der Machi hatte einen Tag vor meinem Geburtstag versucht, mir ein altes Ölgemälde anzudrehen, auf dem ein Wald im Hochgebirge dargestellt war. Er wusste, dass meine Oma nächste Woche auch Geburtstag hatte und auch, dass ich meine Oma sehr gern habe.
„I hob a Pfundsgeschenk für deine Oma. Ich zeig es dir. Jo, mach i!“ Und dann zog er mit geheimnisvoller Miene ein Bild aus einem Paket hervor, das in ein weißes Tuch eingehüllt war. „Es ist ein altes Bild, wahrscheinlich sehr kostbar und teuer, und du siehst ja, wie schön es ist!“ Vor lauter Verkaufsgier verfiel er ins Hochdeutsche.
„Es ist hässlich!“, stellte ich fest.
„Dei Oma muss´s schö finde, nicht du! Überleg es dir bis übermorgen, es gibt schon viele, die es für 30€ kaufen wollen. Aber weil ich dich kenne und du mein Freund bist, geb ich es dir für 20€. Mach i!“
Ich versprach ihm, mich bis dahin zu entscheiden.
Bennis Gemälde
Um Benni wieder besser zu stimmen, habe ich ihm vorgeschlagen, dass wir beide den Machi zusammen reinzulegen, und ihm versprochen, dass dabei auch etwas Geld für ihn abfällt, das er für sein neues Fahrrad sparen kann.
„Wenn du das schaffst, dann sind wir wieder die besten Freunde!“, versprach Benni.
„Du musst aber erst mit mir sprechen, bevor du dem Machi irgendetwas verkaufst. Und außerdem teilen wir, wenn wir Geld verdienen!“ Das waren meine Bedingungen.
Benni war damit einverstanden.
„Habt ihr alte, verstaubte Ölgemälde irgendwo auf eurem Speicher, die hässlich und garantiert nichts wert sind?“, fragte ich ihn.
Benni hatte schon öfter vom Speicher in ihrem Haus erzählt und ab und zu etwas mitgebracht. Bisher durfte er aber keinen dorthin mitbringen, das hatte ihm seine Oma verboten. Ich hatte schon mehrere Male darum gebettelt, dass er mich mal dorthin mitnimmt, aber er hatte sich immer strikt geweigert: „Wenn die Oma das rauskriegt, dann darf ich dort nicht mehr hin. Das sind nämlich alles ihre Sachen. Die sind von ihrer Wohnung, die sie hatte, bevor sie bei uns eingezogen ist. Sie will nicht, dass andere in ihren Sachen rumkramen, nur ich darf das.“ Darauf war ich ganz schön neidisch.
„Was willst du denn mit einem alten Ölgemälde?“, wollte Benni wissen.
„Wahrlich, ich sage dir, wir brauchen eins, damit du Geld für dein Fahrrad kriegst!“
„Rede nicht so geschwollen!“, und dabei tippte Benni sich gegen die Stirn. „Ich gehe mal sofort nachschauen!“
Er rannte weg und kehrte nach einiger Zeit mit einem riesigen Ölgemälde zurück, auf dem ein röhrender Hirsch abgebildet war.
Ich fotografierte das Bild.
„Meine Oma hatte es schon zu den Sachen zum Wegschmeißen gelegt. Sie hat sich totgelacht, als ich es haben wollte. Sie hat es mir geschenkt und noch gesagt: Wenn du einen Verrückten findest, der dir dafür Geld gibt, dann darfst du das Geld behalten!“ Er machte eine Pause: „Eigentlich will ich das Bild gar nicht, höchstens wenn ich von einem dafür Geld kriege!“
„Und siehe, ich prophezeie dir: Der Machi will dir das Bild abkaufen. Warum, bleibt mein Geheimnis, du Ungläubiger, aber gelobe mir, dass du ihm erst sagst, wie teuer das Bild ist, nachdem du mit mir, dem großen Propheten, gesprochen hast!“, deklamierte ich mit feierlicher Stimme.
Benni tippte sich noch länger an die Stirn: „Ja, ja, du Quatschkopf!“
„Aber eins musst du noch vorher tun: Du musst dem Machi morgen so nebenbei erzählen, dass du dieses Bild besitzt und dass du es billig verkaufen würdest.“
„Mach i!“, grinste Benni.
Der erste Kauf
Zwei Tage später, genau wie verabredet, stand der Machi vor unserem Haus.
„Nun, wie steht´s? Host du dei Oma gefragt?“ Er war etwas aufgeregt.
„Ja, hab ich. Ihr gefällt sowas. Ich kauf dir das Bild für 20 € ab, so teuer sollte es doch sein.“
Der Machi holte tief Luft: „Ja, leider hat mir schon einer 40€ dafür geboten, aber ich lass es dir für 30€! Mach i!“
Ich glaubte ihm kein Wort. „Vorgestern wolltest du es mir noch für 20€ verkaufen!“
„Ja, Pech! Der Preis ist eben in der Zwischenzeit gestiegen!“
Meine Wut auf den Machi war so gewaltig, dass ich ihm am liebsten eine gescheuert hätte. Ich zwang mich aber ruhig zu sein.
„Wenn meine Oma nicht so verrückt auf solche Gemälde wäre, würde ich es jetzt nicht kaufen. Meine Oma hat sogar gesagt, dass sie 200€ für ein ähnliches, richtig großes und schönes Bild bezahlen würde, und wenn ein Tier darauf abgebildet wäre, vielleicht sogar noch mehr. Also gib schon her, hier sind die 30€.“
Das fiel mir nicht leicht, denn die 30€ waren ein Großteil meiner Ersparnisse.
„Mach i!“, sagte der Machi, gab mir das Bild, steckte die 30 € ein und hatte es plötzlich sehr eilig zu gehen.
„Hab kei´ Zeit, dringende Geschäfte rufen!“, sagte er, bevor er die Haustür zuknallte.
Hellseherei
Es dauerte keine Stunde, da rief mich Benni an. „Der Machi ist hier. Ich sollte dich ja anrufen! Ich hab ihm gesagt, dass ich aufs Klo muss. Er will mir das große Bild von meiner Oma für 20€ abkaufen. Das ist doch ziemlich viel Geld für so einen wertlosen Kitsch!“
„Verkauf auf keinen Fall unter 100€! Er wird das zahlen! Vertrau mir!“, sang ich mit einer erfundenen Melodie ins Telefon.
Später am Nachmittag meldete sich Benni wieder am Telefon. „Der Machi hat von seinem Sparbuch das Geld abgehoben und ist wieder zurückgekommen. Er hat zwar fast geheult, aber er hat schließlich die 100€ rausgerückt und ist mit dem hässlichen Ungetüm von Bild dann doch glücklich abgehauen. Woher wusstest du, dass er bereit ist, so viel zu zahlen?“
„Ich bin eben ein Prophet!“
„Du bist ein Quatschkopf!“
Machis zweiter Verkauf
In diesem Augenblick klingelte es, ich musste abbrechen.
Ich wusste, wer vor der Tür stand.
„Komm rein!“, begrüßte ich den Machi. „Was gibt´s?“
„Du glaubst nicht, was ich hier habe!“, rief er.
