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Welchen Trost gibt es für die Einsamkeit im Alter? Kann eine zerbrochene Freundschaft eine neue Gemeinsamkeit zulassen? Wie gelingt es, aus der Bitternis eines versagten Herzenswunsches einen Ausweg zu finden? 10 episodenhafte Kurzerzählungen geben auf diese und auf weitere Fragen Antworten, die zeigen wollen, dass durch das Verhalten der Menschen Trauriges noch in Tröstliches verwandelt werden kann.
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Seitenzahl: 35
Veröffentlichungsjahr: 2020
Sich erinnern
Eine Andere
Der blaue Vogel
Das Geigenspiel
Der Zirkus
Der Wettstreit
Die Warnung
Die Magnolien
Sessel 13
Auf dem Gutshof
Ein alter Mann wohnte allein in seinem Haus. Er hatte viel erlebt, jetzt fühlte er sich einsam und nutzlos. Ein Tag war wie der nächste und es lohnte sich nicht, sich an irgendeinen zu erinnern.
„Einen Sinn haben diese endlosen Tage“, dachte der alte Mann bei sich, „jeder von ihnen bringt mich dem Tod näher.“
Längst hatte er keine Angst mehr vor dem Sterben, sondern der Tod schien ihm ein Tor zu sein, das ihn bereits mit geöffneten Flügeln erwartete.
Neben ihm war vor kurzer Zeit eine Familie mit einem kleinen Mädchen eingezogen. Es spielte oft im Garten und winkte jedes Mal dem alten Mann zu, wenn auch er im Garten saß.
„Wie gefällt es dir hier?“, fragte der alte Mann einmal das kleine Mädchen.
„Allein spielen ist langweilig!“, antwortete es. „Ich habe immer noch keine Freundin. Du sitzt doch auch immer allein im Garten, und dir ist bestimmt auch langweilig. Sollen wir nicht etwas zusammen spielen?“ und ohne die Antwort abzuwarten, lief das Mädchen ins Haus und rief dabei: „Ich frage meine Eltern, ob ich darf!“, kehrte kurze Zeit danach zurück und kletterte mit den Worten: „Ich darf!“ über den niedrigen Gartenzaun in den Garten des alten Mannes. „Ich heiße Anna! Das ist ein besonderer Name! Wenn man ihn rückwärts liest, heißt er auch Anna.“
Anna überlegte einen Augenblick. Schließlich rief sie: „Dann heißt du Otto! Das heißt auch Otto, wenn man rückwärts liest. So passen wir gut zusammen!“
Seitdem nannte sie den alten Mann Otto.
„Komm, Otto, wir spielen Mensch-ärgere-dich-nicht!“, rief sie. „Aber wenn du verlierst, darfst du dich ruhig ärgern!“.
Dann erklärte sie Otto die Spielregeln: „Wenn du auf dasselbe Feld kommst wie ich, dann darfst du mich nicht rauswerfen. Du besuchst mich nur, weil ich mich nicht ärgern darf. Ich darf dich rausschmeißen, weil du dich ärgern darfst.“
Otto war froh, dass er Anna nicht ärgern musste.
Anna nahm die grünen Spielsteine, die sie „meine Püppchen“ nannte. „Meine Püppchen sind die Kinder. Kinder können noch nicht so schnell laufen wie Erwachsene. Deswegen dürfen sie Abkürzungen nehmen!“, und sie kürzte ihren Weg ab, indem sie über das Haus anderer Farben einen Brückenbauklotz stellte, ihre Figur diesen Weg nehmen ließ und danach die Brücke wieder abbaute: „Sonst gehen nachher auch Erwachsene darüber, obwohl sie das gar nicht dürfen.“
Otto versprach, niemals so dreist zu sein, und das meinte er ehrlich.
„Leider verlierst du immer, du hast einfach Pech!“, tröstete sie Otto, bevor sie nach Hause zurückkehrte.
Für den alten Mann hatte ein Tag wieder ein Gesicht erhalten, dieser Tag war unterscheidbar geworden, er hatte seinen Sinn in sich, und das nahm dem alten Mann die Einsamkeit und erfüllte ihn mit Glück.
Am nächsten Tag klopfte Anna schon morgens an sein Fenster.
„Otto!“, rief sie laut. „Beeil dich! Du musst mich fangen!“, und sie hüpfte durch seinen Garten.
Der alte Mann unterbrach seine Zeitungslektüre, ging nach draußen und verfolgte humpelnd das Mädchen, wobei er dumpfe Laute ausstieß. „Ich bin nämlich ein Löwe, der dich fangen und fressen will!“, erklärte er. Doch dem Löwen gelang es nicht, seine Beute zu fassen.
Nach einiger Zeit blieb das Mädchen ermattet stehen und rief dem alten Mann zu: „Bleib dahinten stehen, sonst muss ich dich erschießen!“
Da blieb der alte Mann lieber stehen, denn er wollte unbedingt noch weiterleben.
Tags darauf rief das Mädchen schon in aller Frühe: „Los, Otto, such mich, aber bitte nicht finden! Mach das aber nicht absichtlich, dass du mich nicht findest, sonst spiele ich nicht mehr mit!“
Es war schwierig für Otto herauszufinden, wo das Versteck war, um es nicht zu finden, und das alles ohne Absicht. Aber es gelang ihm, denn er wollte weiterspielen.
Als es am nächsten Tag regnete, läutete Anna morgens an der Tür. „Heute ist Vorlesetag!“, verkündete sie. „Ich habe auch schon etwas mitgebracht! Du hast bestimmt nur langweiliges Zeug!“ Das musste Otto zugeben. Er war froh, dass Anna etwas Spannendes mitgebracht hatte.
„Das wird mir allmählich langweilig, immer nur im selben Buch lesen. Kannst du nicht selbst
