Zeitpralinen I - Johann Henseler - E-Book

Zeitpralinen I E-Book

Johann Henseler

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Beschreibung

Was man alles mit den Pralinen machen kann, die die Zeit verändern! Zuerst geht es Lynn nur darum, länger zu schlafen, dann will sie ärgern. Doch bald wird es weniger harmlos, als ihre Schwester verschwindet, ein tödlicher Sturz sich anbahnt, als Entführung, erbitterte Kämpfe und gestohlene Lebensjahre drohen. Lynn und ihre Freundinnen versuchen gemeinsam Schlimmes abzuwenden. Sie müssen aber Mut, Entschlosssenheit und großes gegenseitiges Vertrauen entwickeln, um ihren gemeinsamen Feind unschädlich zu machen.

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt Teil

Lynns Problem

Lynns Rache

Vannis Scherze

Mias Ausflug

Lynns neue Pralinen

Ein neues Geburtstagsgeschenk für Kim

Kim wird eingeweiht

Das Opfer

Einige Veränderungen

Die Zeit

Inhalt Teil

11. In der Eisdiele

12. Der Diebstahl

13. Mark ärgert

14. Pläne

15. Der Zusammenstoß

16. Friedensverhandlungen

17. Tagebuch 1

18. Tagebuch2

19. Tagebuch 3

20. Unerwartetes

21. Hilfe für Vanni

22. Jochen

23. Babsi

24. Ohne Pralinen

1. Lynns Problem

Das Ärgernis

Lynn behauptete an diesem Morgen, dass ihr linkes Bein eingeschlafen sei und sie deswegen so lange im Bett liegen bleiben müsse, bis sie es wieder spüren könne. Diese Ausrede war ihr noch im Halbschlaf eingefallen, nachdem ihre Mutter sie geweckt hatte: „Steh jetzt endlich auf, sonst kommst du noch zu spät zur Schule! Jeden Morgen dasselbe Theater mit dir!“

Ihre Mutter schimpfte jeden Schultagmorgen, dabei war das ganz sinnlos. Lynn musste einfach lange im Bett liegen bleiben, daran war nichts zu ändern. Leider sah ihre Mutter das anders und beförderte Lynn mit allen möglichen Methoden aus dem Bett: Sie zog sie an den Beinen heraus, sie rüttelte sie, sie stellte die Morgennachrichten auf höchste Lautstärke.

Einige Male hatte Lynn es geschafft, länger liegen zu bleiben. Sie hatte behauptet, dass die Schule später beginnen würde. Als sie an diesem Tag mal wieder zu spät in der Schule erschien, war ihre Klassenlehrerin, Frau Schmitz, die seit einiger Zeit bei jeder Gelegenheit rot wurde, diesmal vor Empörung so rot wie eine Tomate angelaufen und hatte mit hoher, piepsiger Stimme hervorgestoßen: „Jetzt werde ich deine Eltern mal fragen, warum du so oft zu spät zur Schule erscheinst. Das geht ja wohl zu weit!“

Das hatte Frau Schmitz tatsächlich getan, und dabei kamen Lynns Flunkereien heraus. Zu Hause erlebte Lynn daraufhin ein Donnerwetter, das so gewaltig war, wie bisher nur das, als sie Susi, ihrer Katze, mit der Schere eine neue Frisur verpasst hatte.

Wenn Lynn seitdem von ihrer Klassenlehrerin sprach, nannte sie sie nur noch „die Petze“.

Mit einem vorgetäuschten Hustenanfall hatte sie beim nächsten Mal tatsächlich Erfolg, sie durfte im Bett bleiben. Leider musste sie aber den ganzen Tag das Bett hüten, und das war ihr nun doch zu langweilig.

Aber das angeblich eingeschlafene linke Bein führte diesmal nur dazu, dass ihre Mutter sie aus dem Bett zog, auf den Fußboden rollte und dabei schimpfte: „Dabei zeigst du mir auch noch das rechte!“

Es spielte keine Rolle, wann sie abends zu Bett ging, immer war es an Schultagen morgens im warmen, kuscheligen Bett für sie zu kurz. Wer oder was war daran schuld? Immer gab es Ärger deswegen. Sie wollte und musste länger liegen bleiben, sie konnte nichts daran ändern, das war klar. Eltern und Lehrer waren nun einmal uneinsichtig, daran konnte man auch nichts ändern.

Der Unfall

Lynn grübelte oft darüber, wer diese missliche Lage verschuldet haben könnte, aber es wollte ihr kein Schuldiger einfallen.

Während der Mathematikstunde gingen, wie so häufig, ihre Gedanken spazieren.

Immer, so dachte sie, ging es bei ihren Schwierigkeiten darum, dass die Zeit eine Rolle spielte! Beim Zu-Bett-Gehen war die Zeit zu schnell vergangen, beim Aufstehen war der Zeitpunkt zu schnell da, die Mathestunde wollte dagegen nicht enden. Wie könnte man dieses Problem lösen, fragte sich Lynn.

Plötzlich fuhr sie von ihrem Stuhl hoch und rief laut in die Klasse: „Ich hab´s!“

„Dann verrat uns das Ergebnis!“, lächelte Frau Schmitz erfreut. Sie hatte gerade eine schwierige Rechenaufgabe gestellt und Lynn meldete sich bei schwierigen Aufgaben nicht oft.

„Man müsste selber über die Länge der Zeit, die man haben will, bestimmen können!“, rief Lynn.

„Was soll das heißen? Willst du dich über mich lustig machen?“ Die Lehrerin lief vor Ärger wieder rot an.

„Wenn ich das könnte, dann wäre die Mathestunde nur so lang, dass sie nicht langweilig werden könnte, nämlich nur eine Minute. Vielleicht auch nur 10 Sekunden.“

Es wurde totenstill in der Klasse.

Frau Schmitz´ Gesicht verfärbte sich noch dunkler. „Du bist unverschämt!“, keuchte sie.

„Sie wollten doch wissen, was ich meine. Das habe ich nur gesagt!“ Da Lynn noch wütend darüber war, dass Frau Schmitz ihren Eltern das Zuspätkommen mitgeteilt hatte, fügte sie, ohne lange zu überlegen, hinzu: „Das können sie ja der Rektorin petzen, denn petzen tun sie ja gerne.“

Mittlerweile glänzte das Gesicht der Lehrerin violett, sie schnappte nach Luft. „Das ist ja wohl die Höhe!“, ächzte sie. „Sofort zur Rektorin!“

Sie rannte zu Lynn, packte sie am Arm und zog sie aus der Klasse, die stumm und gespannt zusah.

Das Zimmer der Rektorin lag ein Stockwerk tiefer, und Frau Schmitz zog Lynn den ganzen Weg hinter sich her, wobei sie unverständliche Geräusche ausstieß und Lynn schon dachte, dass der Kopf von Frau Schmitz platzen könnte.

Das Zimmer der Rektorin war jedoch verschlossen. Frau Schmitz rüttelte in sinnloser Wut an der Tür, wurde aber plötzlich still. Lynn sah, wie inmitten ihres dunkelvioletten Gesichts die Nase weiß wurde. Mit einem Seufzer sank Frau Schmitz auf den Flurboden, wobei sie ihren Griff nicht lockerte und Lynn mit einem heftigen Ruck nach unten zog. Lynn merkte noch, wie sie mit dem Kopf auf dem Steinboden aufschlug, dann war alles nur noch schwarz.

Das Versprechen

„Du hast viel über mich nachgedacht!“, krächzte ein unglaublich faltiges, altes Weiblein und nickte Lynn dabei zu. „Das kommt sehr selten vor!“

Das Weiblein kicherte vor sich hin.

„Alle schimpfen über mich oder loben mich, behaupten, dass man mich ganz vergessen hat, dass man sich genau an mich erinnert, dass ich zu lang bin, dass ich zu kurz bin, dass man mich nicht hat, dass man zu viel von mir hat, dass man gern an mich zurückdenkt, dass man es hasst, an mich zurückzudenken…“

Erneut kicherte die Runzelfrau vor sich hin.

„Die Menschen widersprechen sich ständig, wenn sie von mir reden.“ Sie machte eine Pause.

„Jeder gibt mir die Schuld an allem, was passiert. Genau wie du!“

Sie hielt wieder einen Augenblick inne.

„Aber“, fuhr sie fort, „du hast dir über mich Gedanken gemacht und du hast nicht mit anderen über mich schlecht geredet. Du hast deswegen sogar Schwierigkeiten bekommen.“

Sie schwieg und schien zu überlegen, wobei ihr Gesicht noch runzeliger wurde.

„Ich weiß nicht, warum du dich so verhalten hast. Aber du sollst dafür etwas von mir bekommen.“

Sie wiegte ihren Kopf hin und her.

„Ich schenke dir deswegen 10 Pralinen.“

Sie hob den knochigen Zeigefinger.

„Aber denk daran: Jede Praline enthält ein Wagnis, jede hat eine Wirkung.“

Ihr Gesicht war plötzlich frei von Runzeln, ihre gebeugte Gestalt streckte sich und die alte Frau verwandelte sich in eine junge Frau, die mit heller Stimme kicherte, ehe sie verschwand.

Das Geschenk

Lynn kam wieder zu sich, als zwei Sanitäter sie auf eine Bahre hoben, wobei einer freundlich zu ihr sagte: „Wir bringen dich erst mal zur Untersuchung ins Krankenhaus, du brauchst keine Angst zu haben.“

Sie hatte furchtbare Kopfschmerzen. Dennoch glaubte sie, noch ein albernes Gekicher zu hören, obwohl alles um sie herum ruhig war. Sie war noch ganz benommen und doch erinnerte sie sich deutlich an die Runzelfrau.

„Was für ein eigenartiger Traum!“, dachte sie. „Und verstanden habe ich auch nur die Hälfte.“ Sie lächelte darüber, dass sie etwas geschenkt bekommen sollte.

Die Untersuchung ergab, dass sie sich eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen hatte. Der Arzt verordnete einige Tage Bettruhe. Das war nun wieder zu langweilig, aber sie musste sich fügen.

Zu Hause stellte ihre besorgte Mutter ihr hundert Mal die Frage: „Geht´s dir denn schon besser, mein Liebling?“ Jedes Mal folgte dann noch ein weiterer Satz: „Wie kann Frau Schmitz denn auch nur so unvorsichtig sein!“ „Ich habe dir auch frisches Obst gekauft!“ „Du brauchst jetzt nur Ruhe!“ „Deine zehn Pralinen, die du in der Tasche hattest, kannst du jetzt sowieso nicht essen, ich habe sie für dich verwahrt. Hast du die gekauft? Aber ist ja auch egal.“

Lynn schaute ihre Mutter verwundert an. „Was hast du gesagt? Ich habe 10 Pralinen in meiner Tasche?“ „Du armes Würmchen, hast du das durch deinen Sturz ganz vergessen? Warte, ich bringe sie dir, dann fällt es dir bestimmt wieder ein!“, rief ihre Mutter.

Tatsächlich brachte sie kurze Zeit später zehn große Pralinen, von denen jede in einem hellblauen Papier eingepackt war.

Die Runzelfrau hatte also ihr Versprechen gehalten, aber wer war sie? Vielleicht gaben die Pralinen Aufschluss!

Ob sie eine Praline probieren sollte?

„Lieber erst fragen!“, sagte sie zu sich, und laut rief sie: „Mama, darf ich eine Praline essen?“

Ihre Mutter betrat das Zimmer: „Das schadet nicht! Aber bitte nur eine, es gibt bald Mittagessen!“

Die Praline

Lynn packte eine Praline aus, stand aus ihrem Bett auf, um die Verpackung in den Müll zu werfen und biss die Hälfte der Praline ab, während sich ihre Mutter am Wäscheschrank zu schaffen machte. Die Praline schmeckte recht gut, und Lynn steckte sich noch den Rest in den Mund. Als sie alles hinuntergeschluckt hatte, sah sie neugierig um sich, um festzustellen, ob sich irgendetwas verändert hatte.

Zunächst bemerkte sie nichts.

Dann fuhr sie erschrocken aus ihrem Bett hoch: Ihre Mutter bewegte sich nicht mehr! Gerade als sie einen Stapel Handtücher in den Schrank einräumen wollte, war sie in ihrer Bewegung erstarrt. Halb gebückt stand sie mit den Handtüchern da, mit offenen Augen, aber völlig bewegungslos.

Lynn sprang aus dem Bett, lief zu ihr hin, rüttelte sie und schrie: „Mama, Mama, was ist mit dir?“

Aber ihre Mutter schaute weiter mit offenen Augen in dieselbe Richtung wie vorher, ohne zu reagieren. Lynn geriet in panische Aufregung.

Was war passiert?

Egal, sie musste unbedingt einen Arzt anrufen! Sie hetzte zum Telefon, wählte die Nummer des Hausarztes, aber es hob keiner ab. In ihrer Angst rief sie ihre Oma an, aber es meldete sich auch da niemand. Da fiel ihr erst auf, dass im Telefon überhaupt keine Hörzeichen zu hören waren. Warum funktionierte das Telefon ausgerechnet jetzt nicht mehr?

Sie rannte zurück zu ihrer Mutter, die weiterhin in ihrer unnatürlichen und unbequemen Haltung verharrte und diese auch nicht veränderte, als Lynn an ihrer Mutter rüttelte.

Stumm und ratlos starrte Lynn eine Weile auf ihre Mutter und überlegte krampfhaft, was sie jetzt unternehmen sollte.

Plötzlich bewegte die Mutter den Arm, erhob sich aus ihrer gebückten Haltung und stapelte die Handtücher in ein Schrankfach, wobei sie seufzte: „Ich glaube, ich werde langsam alt. Jetzt schmerzt mir schon der Rücken, obwohl ich noch gar nicht viel gearbeitet habe.“

„Aber Mama, weißt du denn gar nicht, dass du hier die ganze Zeit gebückt gestanden hast?“ Lynn konnte das nicht glauben.

„Also Lynn, was redest du da? Das sind bestimmt noch die Folgen deiner Gehirnerschütterung. Du bist ja noch ganz durcheinander, du legst dich jetzt wieder sofort hin, um dich zu schonen. Und bitte keine Widerrede!“

Lynn musste sich wieder hinlegen, obwohl das todlangweilig war. Hätte sie doch bloß den Mund gehalten!

Der Test

„Mama hat also nichts gemerkt“, sagte sie zu sich. „Und das liegt an der Praline!“

Lynn betrachtete die Verpackung der Pralinen jetzt genau, aber sie konnte zunächst keinen Hinweis entdecken, außer einer umrahmten Schrift, die so klein war, dass sie sich eine Lupe holen musste, um sie lesen zu können.

„10 Minuten ohne mich!“ stand da.

„Ohne wen?“, fragte sich Lynn. Ohne die alte Frau oder das junge Mädchen? Aber wer waren sie? Oder war es nur eine Person, die sich verwandeln konnte? Die „10 Minuten“ konnte sie sich schon eher erklären, so lange war ihre Mutter ungefähr unbeweglich gewesen.

Was war eigentlich genau passiert? Hatte sie sich wirklich alles nur eingebildet? Hatte ihre Mutter vielleicht Recht, dass die Gehirnerschütterung das verursacht hatte? Wie sollte sie das Rätsel lösen?

„Ich hab´s! Ich nehm noch eine und passe dann genau auf, was passiert!“

Sie wartete eine Weile, und als sie sah, dass sich ihre Mutter hingesetzt hatte, wickelte sie schnell die zweite Praline aus und aß sie hastig auf. Sie merkte sich die Uhrzeit, es war jetzt genau 16.32 Uhr. Sie schaute ängstlich auf ihre Mutter, doch die saß, zwar erstarrt, aber ansonsten recht bequem auf ihrem Stuhl. Irgendwie, so schien es Lynn, fehlte etwas und es dauerte einen Moment, bis sie es benennen konnte: Der Lärm des Berufsverkehrs, sonst trotz geschlossener Fenster deutlich zu vernehmen, war einer absoluten Stille gewichen.

Lynn schob die Gardinen zur Seite, um einen Blick nach draußen zu werfen. Sämtliche Autos standen still, aber auch alle Fahrräder, auf denen in der Bewegung erstarrte Radfahrer saßen, Fußgänger, die mitten beim Ausschreiten auf einem Bein wie eingefroren stehen blieben, aber das Verwunderlichste war, dass eine Taube mitten in ihrem Flug bewegungslos in der Luft schwebte.

„Die Welt ist ein Foto geworden!“, stieß Lynn hervor. „Nur ich kann mich darin bewegen! Das Geschehen auf der Welt ist angehalten, wie man einen Film anhält, nur mein Film läuft weiter.“ Irritiert sah sie auf die Uhr, die genau 16.32 zeigte, sie war also stehen geblieben. Für die Welt stand die Zeit 10 Minuten still, nur nicht für sie.

Lynn stopfte ein Kissen in den Rücken ihrer Mutter, weil sie Angst hatte, dass sie nachher über Rückenschmerzen klagen könnte. Lynn war so aufgeregt, dass sie sich erst einmal hinsetzen musste. Eine Weile saß sie mit klopfendem Herzen neben ihrer Mutter in der lautlosen, unheimlichen Stille, da hörte sie plötzlich wieder den vertrauten Straßenlärm, der ihr nun wie Musik vorkam.

Ihre Mutter stand auf und seufzte: „Das hat mir richtig gut getan. Was so ein Moment Ausruhen doch wichtig ist!“ Und mit einem Blick auf Lynn fügte sie hinzu: „Solltest du nicht im Bett liegen? Jetzt aber schnell!“ und Lynn huschte ins Bett.

Die Lösung

Im Bett hatte Lynn Zeit nachzudenken. Was war geschehen? In ihrer Ohnmacht war ihr die Zeit als alte Frau erschienen und hatte dann die Gestalt einer jungen Frau angenommen. Vielleicht wollte die Zeit damit zeigen, dass sie alles verändern kann.