Admiral Bolithos Erbe - Alexander Kent - E-Book

Admiral Bolithos Erbe E-Book

Alexander Kent

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Beschreibung

1801: Nach der Schlacht von Kopenhagen kehrt Konteradmiral Richard Bolitho nach Falmouth zurück. Doch der verdiente Landurlaub endet abrupt, als ein Kurier aus London ihm den Befehl überbringt, sich unverzüglich bei Admiral Sir George Beauchamp zu melden. Der alte erfahrene Seelord traut dem Friedensangebot Napoleons nicht und rechnet mit einem Überraschungsangriff. Daher befiehlt er Bolithos Geschwader in die Biskaya, wo dieser die bei Lorient vermutete Invasionsflotte vernichten soll – eine fast unlösbare Aufgabe …

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EPUB

Seitenzahl: 466




Der Autor

Alexander Kent kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Marineoffizier im Atlantik und erwarb sich danach einen weltweiten Ruf als Verfasser spannender Seekriegsromane. Er veröffentlichte über 50 Titel (die meisten bei Ullstein erschienen), die in 14 Sprachen übersetzt wurden, und gilt als einer der meistgelesenen Autoren dieses Genres neben C.S. Forester. Alexander Kent, dessen richtiger Name Douglas Reeman lautet, war Mitglied der Royal Navy Sailing Association und Governor der Fregatte »Foudroyant« in Portsmouth, des ältesten noch schwimmenden Kriegsschiffs.

Das Buch

1801: Nach der Schlacht von Kopenhagen kehrt Konteradmiral Richard Bolitho nach Falmouth zurück. Doch der verdiente Landurlaub endet abrupt, als ein Kurier aus London ihm den Befehl überbringt, sich unverzüglich bei Admiral Sir George Beauchamp zu melden. Der alte erfahrene Seelord traut dem Friedensangebot Napoleons nicht und rechnet mit einem Überraschungsangriff. Daher befiehlt er Bolithos Geschwader in die Biskaya, wo dieser die bei Lorient vermutete Invasionsflotte vernichten soll – eine fast unlösbare Aufgabe …

Alexander Kent

Admiral Bolithos Erbe

Ein Handstreich in der Biskaya

Roman

Aus dem Englischen

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Neuausgabe bei RefineryRefinery ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin August 2018 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2008© Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG, München 2000© 1981 by Highseas Authors Ltd.Titel der englischen Originalausgabe: A Tradition of Victory Covergestaltung: © Sabine Wimmer, Berlin

ISBN 978-3-96048-101-0

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Inhalt

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

I Landurlaub

II Kein Blick zurück

III Ein Veteran kehrt wieder

IV Kampfgeist

V Auf sich allein gestellt

VI Seeklar

VII Ein Geheimnis

VIII Die

Ceres

IX Der Preis der Freiheit

X Ein Wiedersehen

XI Kostbare Stunden

XII Befehl vom Flaggschiff

XIII Keine Kämpfernatur

XIV Auf den Sieg!

XV Zum Schweigen gebracht

XVI Ein zerstobener Traum

XVII Stahl auf Stahl

Epilog

Anmerkungen

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

I Landurlaub

I Landurlaub

Der Sommer 1801 war selbst für das milde West-England außergewöhnlich freundlich und warm; er brachte tagelang blauen, wolkenlosen Himmel und reichlich Sonnenschein. Plymouth lag an diesem geschäftigen Julivormittag unter einem so gleißenden Licht, daß die Schiffe, die von der Reede bis zum Sund dicht an dicht ankerten, im Glast zu wabern und zu tanzen schienen, als wollten sie vergessen machen, wie grimmig ihre Batteriedecks drohten und wie tief die Narben aus der Schlacht waren, die manche von ihnen davongetragen hatten.

Eine schnittige Gig glitt zielstrebig unter dem Heck eines hohen Dreideckers durch und wich dabei geschickt einem schwerfälligen Leichter aus, der bis übers Dollbord mit großen Wasserfässern und Tonnen beladen war. Die hellen Riemen der Gig hoben und senkten sich im Gleichtakt, und auch die sauberen karierten Hemden und frisch geteerten Hüte der Crew machten ihrem Mutterschiff und dessen Bootsmann alle Ehre. Letzterer beobachtete zwar aufmerksam den Bootsverkehr im Hafen, beschäftigte sich aber im Geiste vor allem mit seinem Passagier: Kapitän Thomas Herrick, den er mit der Gig gerade von der Pier abgeholt hatte.

Herrick war sich der Geistesabwesenheit seines Bootsmanns sehr wohl bewußt; er spürte auch die Spannung der Bootsgasten, die seinem Blick auswichen, als sie jetzt ihre Riemenblätter horizontal drehten und die Gig wie einen riesigen Käfer über das helle Wasser gleiten ließen.

Herrick hatte eine lange, ermüdende Reise aus seiner Heimat Kent hinter sich, und je näher er Plymouth gekommen war, um so besorgter hatten sich seine Gedanken mit dem beschäftigt, was ihn erwarten würde.

Sein Schiff, die mit 74 Kanonen bestückte Benbow, war erst vor knapp einem Monat in Plymouth eingelaufen. Kaum zu glauben, daß jenes blutige Inferno, das man inzwischen die »Schlacht von Kopenhagen«[1] nannte, erst drei Monate zurücklag. Das kleine Küstengeschwader, dessen Flaggschiff die Benbow gewesen war, hatte sich im Kampf besonders hervorgetan. Alle waren dieser Ansicht, und die Gazette hatte sogar angedeutet, daß ohne ihren Einsatz die »Dinge« vielleicht ganz anders ausgegangen wären.

Herrick runzelte die Stirn und rutschte unbehaglich auf seiner Ducht herum. Er merkte nicht, daß der Schlagmann unter seinem starren Blick zusammenfuhr, ja, er war sich des Mannes nicht einmal bewußt. Herrick zählte jetzt 44 Jahre und hatte seinen hart erkämpften augenblicklichen Rang weder guten Beziehungen noch einem einflußreichen Gönner zu verdanken. Und das Gerede an Land kannte er bis zum Überdruß, er verachtete gründlich jene Neunmalklugen, die von einem Seegefecht so faselten, als sei es lediglich ein sportliches, von einem Schiedsrichter zu bewertendes Kräftemessen.

Solche Leute bekamen nie das Blut zu sehen, das Gemetzel, die zerfetzten Körper und zerrütteten Gemüter, die der Zoll jeder Schlacht waren. Oder das Verhau aus gebrochenen Stagen und gesplitterten Spieren, das ohne Federlesen gekappt werden mußte, damit der Schaden sich in Grenzen hielt und das Wrack sich wieder in ein Kriegsschiff verwandelte.

Herrick ließ den Blick über die stark befahrene Reede wandern. Überall wurden Schiffe ausgerüstet oder verproviantiert. Eine schlanke Fregatte erregte seine Aufmerksamkeit, die ohne Rigg und mit hohem Freibord über ihrem eigenen schmucken Spiegelbild ritt; noch unbelastet von schweren Geschützen oder voller Mannschaft, schwang sie vor der Helling an ihren Trossen: soeben von Stapel gelaufen. Herrick sah winkende Arme und geschwenkte Hüte, bunte Flaggen über noch leeren Stückpforten und fühlte förmlich die wachsende Selbstsicherheit der neuen Fregatte. Ein Schiff wie ein frisch geworfenes Fohlen, dachte er.

Doch so leicht ließen sich seine Sorgen nicht zerstreuen. Acht Jahre Krieg mit Frankreich und seinen Verbündeten, und England hatte immer noch viel zuwenig Fregatten. Wohin würde wohl dieser Neubau beordert werden? Wer würde ihn befehligen und an Bord Ruhm oder Schande ernten?

Das erinnerte Herrick an den jungen Leutnant, der ihn mit der Gig abgeholt hatte. Er mußte an Bord gekommen sein, während er selbst seine sieben kostbaren Tage in Kent verbrachte. So blaß und jung sah er aus, so unsicher, daß Herrick ihn eher für einen neu angemusterten Midshipman[2] gehalten hätte als für einen Leutnant. Aber der Krieg hatte so viele Leben gekostet, daß die ganze Flotte nur noch aus Knaben oder alten Männern zu bestehen schien.

Sinnlos, diesen Jungen danach zu fragen; der fürchtete sich ja vor seinem eigenen Schatten.

Herrick blickte zu seinem breitschultrigen Bootsmann auf, der die Gig gerade unter einem weiteren hochragenden Bugspriet hindurchsteuerte, beobachtet von den glühenden Augen der Galionsfigur.

Doch dieser bibbernde Junge in Leutnantsuniform hatte ihn an der Pier erwartet, hatte ehrerbietig seinen Hut gezogen und atemlos in einem einzigen Satz hervorgesprudelt: »Empfehlung des Ersten Offiziers, Sir, und der Admiral ist an Bord.«

Zum Glück stand also wenigstens der Erste Offizier zu seinem Empfang bereit, dachte Herrick grimmig. Aber weshalb war Konteradmiral Richard Bolitho, ein Marineoffizier, unter dem er in allen Winkeln der Welt gekämpft hatte, den er verehrte wie keinen zweiten, wieso war Bolitho ausgerechnet jetzt auf der Benbow?

Immer noch standen die letzten schrecklichen Augenblicke bei Kopenhagen vor Herricks Augen: Bolitho mitten im rauchdurchzogenen Schlachtgetöse, unter fallenden Spieren und ohrenzerreißendem Geschützfeuer. Wild trieb er seine Leute an, führte sie mit der rücksichtslosen Entschlossenheit, wie nur er sie über sich brachte. Allein Herrick, sein engster Freund, wußte, was diese Entschlossenheit Bolitho kostete. Er kannte die Zweifel und Ängste, die Erregung über eine Herausforderung, die Verzweiflung über unnütz vergeudete Menschenleben.

Gerade für Bolitho hätte der Landurlaub ganz anders aussehen sollen. Diesmal erwartete ihn eine Frau, eine schöne junge Frau, die ihn entschädigen konnte für den tragischen Verlust, den er vor nicht sehr langer Zeit erlitten hatte. Bolitho war kurz nach London zur Admiralität gereist und hatte dann wieder nach Cornwall zurückkehren wollen, in das große alte Haus in Falmouth.

Die Gig näherte sich ihrem Ziel, dem Linienschiff Benbow, dessen Anblick Herrick immer noch den Atem verschlug. Mit ihrer schwarzen, hellbraun abgesetzten Bordwand, die im Sonnenlicht glänzte, schien sie ihn ganz persönlich willkommen zu heißen. Nur ein Berufsseemann, und ganz besonders natürlich ihr Kommandant, konnte erkennen, worüber neue Farbe und Pech, frisch geteertes Rigg und sauber aufgetuchte Segel die anderen hinwegtäuschten. Jetzt drängten sich Leichter und Flöße rund um den fülligen Rumpf der Benbow, die Luft vibrierte vom Lärm der Hämmer und Sägen, und noch während Herrick hinsah, wurde wieder ein großes Bündel mit neuen Leinen zur Besanmaststenge hochgehievt; die alte Stenge war ihnen im Gefecht weggeschossen worden. Aber die Benbow war ein relativ neues Schiff und so stark wie zwei ältere Schiffe ihrer Klasse. Zwar hatte sie schwer gelitten, aber nun war sie ja aus dem Dock heraus und würde binnen weniger Monate wieder mit dem Geschwader in See stechen können. Seine gewohnte Vorsicht vergessend, spürte Herrick Stolz und Genugtuung über das, was sie geleistet hatten. Typischerweise machte er sich nicht klar, daß der Erfolg zum größten Teil ihm selbst zu verdanken war, seiner ansteckenden Begeisterung und seinem unermüdlichem Streben, die Benbow wieder seeklar zu machen.

Sein Blick blieb am Besanmast hängen und an der Flagge, die nur ab und zu an seinem Mastknopf auswehte. Es war die Flagge eines Konteradmirals der Roten Territorien[3], aber Herrick bedeutete er sehr viel mehr. Wenigstens hatte er seine junge Frau Dulcie diesmal daran teilhaben lassen können. Obwohl er erst seit kurzem verheiratet war, hatte Herrick sich wie ein gestandener Ehemann gefühlt, als er seine Schwester am Altar dem baumlangen Leutnant zur See George Gilchrist zugeführt hatte – vor erst vier Tagen daheim in Maidstone. In der Erinnerung mußte er lächeln, wodurch sein rundliches Gesicht alle Strenge verlor. Er – und ein erfahrener Ratgeber in Ehedingen!

Der Buggast erhob sich, den Bootshaken einsatzbereit.

Während Herricks Gedanken abgeirrt waren, war die Bordwand der Benbow immer höher über ihnen emporgewachsen. Nun, da sie fast längsseit lagen, sah er die ausgebesserten Planken, die Farbflecken, die das aus den Speigatten geflossene Blut verdeckten. Es war gewesen, als verblute das Schiff selbst, nicht nur die Besatzung.

Die Riemen wurden gepickt, und Tuck, der Bootsmann, zog den Hut. Als ihre Blicke sich trafen, lächelte Herrick kurz. »Danke, Tuck. Gut gemacht.«

Sie verstanden einander ohne viele Worte.

Herrick blickte zur Schanzkleidpforte auf und wappnete sich, wie ihm schien, zum tausendstenmal. Er erinnerte sich an die Zeit, als er sich nicht einmal seines Leutnantsranges sicher gefühlt hatte. Dann kam der Schritt von der Offiziersmesse zum Achterdeck, und jetzt war er sogar Flaggkapitän des in seinen Augen besten Marineoffiziers, über den England verfügte; er konnte es immer noch nicht fassen.

Mit seinem neuen Haus in Kent ging es ihm ähnlich. Das war keine Kate mehr, sondern ein stattliches Wohnhaus, sogar mit einem echten Admiral und einigen reichen Kaufleuten als Nachbarn. Dulcie hatte ihn beschwichtigt: »Für dich, mein Liebster, ist nichts zu schade. Das hier hast du dir hart erkämpfen müssen, und eigentlich gebührt dir viel mehr.«

Herrick seufzte. Das meiste Geld war sowieso von ihr gekommen. Womit hatte er bloß das Glück verdient, so eine Frau wie seine Dulcie zu finden?

Ein Wölkchen aus Pfeifentonstaub hing über den starren Gesichtern und schwarzen Hüten, als die Seesoldaten knallend die Musketen aufstampften, während Herrick unter dem Zwitschern der Bootsmannspfeifen grüßend seinen Hut zum Achterdeck hin lüftete und auch Wolfe, seinen überlangen Ersten Offizier, in den Gruß mit einbezog; Wolfe war für Herrick wohl der häßlichste, wahrscheinlich aber einer der besten Seeleute, die ihm je begegnet waren.

Der Lärm verklang, und Herrick musterte die zum Seitepfeifen Angetretenen mit Wehmut. So viele neue Gesichter, die er sich einprägen mußte. Einstweilen sah er hinter ihnen immer noch die der anderen Männer, die in der Schlacht gefallen oder in irgendeinem Marinelazarett verschwunden waren.

Aber Major Clinton von der Marineinfanterie war noch da. Und hinter seiner roten Uniformschulter sah der alte Ben Grubb hervor, der Sailing Master[4]. Eigentlich konnte Herrick sich glücklich schätzen, daß ihm noch so viele erfahrene Leute geblieben waren, die nun Rekruten und Gepreßte zu einer Mannschaft zusammenschweißen mußten.

»Also, Mr. Wolfe, vielleicht erklären Sie mir, warum da oben die Flagge des Admirals weht?«

Er fiel neben dem Leutnant in Schritt, dessen grellrotes Haar wie zwei Leesegel zu beiden Seiten seines Huts hervorstand. Schon kam es ihm vor, als sei er nie von Bord gewesen. Das Schiff hatte ihn vereinnahmt, und das Land dort drüben, mit seinen schimmernden Häusern und gezackten Festungswällen, hatte jede Bedeutung für ihn verloren.

Mit seiner rauhen, trockenen Stimme sagte Wolfe: »Der Admiral kam gestern nachmittag an Bord, Sir.« Seine Pranke schoß vor und deutete auf einen Bunsch soeben aufgeschossener Fallen. »Was soll das sein – ein verdammtes Storchennest?« Er wandte sich von dem versteinerten Matrosen ab und bellte: »Mr. Swale, notieren Sie den Namen dieses Idioten! Er ist ein vermaledeiter Weber, kein Seemann!«

Schweratmend fuhr Wolfe fort, an Herrick gewandt: »Die meisten Ersatzleute sind solche Versager, Sir. Kehricht aus dem Karzer und nur ganz vereinzelt ein paar erfahrene Seeleute.« Er rieb sich die fleischige Nase. »Die hier habe ich von einem Indienfahrer. Behaupteten, sie seien vom Kriegsdienst freigestellt. Wollten angeblich auch Papiere besitzen, in denen das bestätigt wurde.« Herrick grinste schief. »Aber bis Sie die Angelegenheit geklärt hatten, war der Indienfahrer schon ohne die Leute ausgelaufen, nicht wahr, Mr. Wolfe?«

Beide hegten keine sonderliche Sympathie für die vielen erstklassigen Matrosen, die vom Dienst bei der Kriegsmarine freigestellt blieben, bloß weil sie bei der Ostindischen Handelskompanie oder irgendeiner Hafenbehörde dienten. Schließlich befand sich England im Kriegszustand. Gebraucht wurden Seeleute, nicht Krüppel oder Kriminelle. Aber die Lage wurde von Tag zu Tag prekärer. Herrick hatte gehört, daß die Preßkommandos und Werber schon viele Meilen tief im Binnenland umherzogen.

Er blickte zum turmhohen Großmast und dem imponierenden Dickicht der Taljen, Rahen und Taue hoch. Wieder drängte sich ihm die Erinnerung an den Pulverrauch und die zerschossenen Segel auf, an die Seesoldaten in den Marsen, die da oben brüllten und jubelten und ihre Musketen und Drehbassen auf das Tohuwabohu unten abfeuerten.

Gemeinsam betraten sie den Schatten der Poop und beugten die Köpfe unter den schweren, niedrigen Decksbalken.

Wolfe sprach als erster. »Der Admiral ist allein gekommen, Sir.« Er zögerte, als fürchte er, zu weit gegangen zu sein. »Ich dachte, er wollte seine Lady mitbringen?«

Herrick wandte sich seinem Ersten prüfend zu. Wolfe war ein vierschrötiger, manchmal brutaler Mann und hatte auf den unterschiedlichsten Schiffen gedient, von der Kohlenbrigg bis zum Sklaventransporter. Er hatte keine Geduld mit Faulpelzen und kein Verständnis für menschliche Schwächen. Aber er war auch kein Schwatzmaul.

Deshalb sagte Herrick, was er dachte. »Das hatte ich ebenfalls gehofft. Weiß Gott, der Mann hätte es verdient …«

Der Rest des Satzes wurde übertönt vom Ruf des Wachtpostens vor der Kajüte, der mit seiner Muskete auf den Boden stampfte und ankündigte: »Der Flaggkapitän, Sir!«

Wolfe wandte sich grinsend ab. »Verdammte Holzköpfe!«

Die Tür wurde ihnen von Ozzard, Bolithos Steward, geöffnet. Ozzard war ein seltsamer Kauz. Jetzt galt er als tüchtiger Steward, aber man munkelte, daß er früher ein noch besserer Anwaltsgehilfe gewesen sei, der vor einer langen Kerkerstrafe oder dem Galgen mit knapper Not zur Marine entkommen war.

Die große Achterkajüte, von weißen Lamellentüren in einen Schlaf- und einen Speiseraum unterteilt, war frisch gestrichen, und den Boden bedeckte wieder eine schwarz-weiß gewürfelte Persenning, welche die Narben der Schlacht den Blicken entzog.

Bolitho hatte sich aus einem Heckfenster gebeugt, wandte sich aber jetzt um, seinen Freund zu begrüßen. Erleichtert stellte Herrick fest, daß er sich äußerlich nicht verändert hatte. Sein goldbetreßter Admiralsrock lag achtlos über einen Stuhl geworfen, er trug nur Hemd und Kniehose. Mit dem schwarzen Haar, von dem eine Strähne übers rechte Auge fiel, und mit seinem raschen, warmherzigen Lächeln wirkte Bolitho eher wie ein Leutnant als wie ein Flaggoffizier.

Ihr Händedruck war kurz, enthielt für beide aber eine ganze Welt gemeinsamer Erinnerungen. Dann sagte Bolitho: »Bring uns Wein, Ozzard.« Er zog einen Stuhl für Herrick heran. »Setzen Sie sich, Thomas. Es tut gut, Sie wiederzusehen.«

Bolithos graue Augen ruhten etwas länger als sonst auf seinem Freund; Herrick wirkte breiter, sein Gesicht etwas voller, aber das lag wohl an den Kochkünsten seiner fürsorglichen jungen Frau. Sein braunes Haar hatte hier und da hellgraue Lichter, wie Reif auf einem struppigen Busch. Aber die klaren blauen Augen, die so trotzig, aber auch so verletzt blicken konnten, waren noch dieselben.

Sie stießen an, und Bolitho fragte: »Wie steht’s mit Ihrer Einsatzbereitschaft, Thomas?«

Herrick verschluckte sich fast am Wein. Einsatzbereitschaft? Sie lagen erst seit einem Monat im Hafen, und zwei Schiffe des Geschwaders waren während der Schlacht verlorengegangen! Sogar ihr leichtester Zweidecker, die mit 64 Kanonen bestückte Odin unter dem Kommando von Kapitän Inch, hatte nur mit knapper Not bis zur Nore[5] hinken können, so tief war sie schon weggesackt. Und hier in Plymouth lagen die Indomitable und die Nicator, beides 74er wie die Benbow, im Reparaturdock fest.

Deshalb sagte Herrick vorsichtig: »Die Nicator wird als erste fertig, Sir. Der Rest des Geschwaders sollte bis September einsatzbereit sein, wenn diese Räuber in der Werft ein Einsehen haben.«

»Und was ist mit der Styx?«

Bei der Frage nach der einzigen Fregatte des Geschwaders, die das Gefecht überlebt hatte, trat ein geistesabwesender Blick in Herricks Augen. Sie hatten damals ihre zweite Fregatte und eine Korvette verloren – ausgelöscht mit allen Menschen, als hätte es sie nie gegeben.

Herrick wartete, bis Ozzard ihre Weingläser wieder gefüllt hatte, dann antwortete er: »Auf Styx wird Tag und Nacht gearbeitet, Sir. Kapitän Neale bringt seine Leute dazu, ein Wunder nach dem anderen zu wirken.« Entschuldigend fügte er hinzu: »Ich selbst bin gerade erst aus Kent zurückgekehrt, Sir, kann Ihnen aber bis heute abend einen vollständigen Bericht über die Benbow geben.«

Bolitho war aufgesprungen, als hielte es ihn nicht länger auf seinem Stuhl.

»Aus Kent?« Er lächelte. »Vergeben Sie mir, Thomas, ich vergaß. Ich hatte zu viele eigene Sorgen im Kopf, um mich zu erkundigen: Wie war die Hochzeit?«

Aber als Herrick den Ablauf der Ereignisse zu schildern begann, der schließlich in der Hochzeit seiner Schwester mit seinem ehemaligen Ersten Offizier den Höhepunkt erreichte, schweiften Bolithos Gedanken schon wieder ab.

Als er nach der Schlacht von Kopenhagen nach Falmouth zurückgekehrt war, hatte er sich gefühlt wie der glücklichste und zufriedenste Mensch. Denn erstens hatte er überlebt; zweitens konnte er mit seinem Neffen Adam Pascoe und seinem Bootsmann und Freund John Allday ins Haus der Bolithos zurückkehren. Vor allem aber erwartete ihn dort Belinda. Immer noch konnte er nicht an sie denken, ohne jedesmal zu fürchten, daß diese Frau nur ein Traum, ein grausamer Scherz des Schicksals war, aus dem ihn eines Tages die bittere Wirklichkeit reißen würde.

Er hatte die Schlacht, das Geschwader und alles andere vergessen, als sie gemeinsam das alte Haus erforscht hatten, als seien sie hier fremd. Sie hatten Pläne geschmiedet, hatten sich geschworen, nicht eine einzige Minute von Bolithos Landurlaub zu vergeuden.

Es gingen sogar Gerüchte über einen Friedensschluß um. Nach dem jahrelangen Krieg, nach Blockade und gewaltsamem Tod sollten nun endlich Geheimverhandlungen in London und Paris stattfinden, in denen es um einen Waffenstillstand ging, um eine Atempause, bei der keine der kriegführenden Parteien fürchten mußte, an Prestige zu verlieren. Für Bolitho hatte das in seinem Glücksrausch ganz plausibel geklungen.

Aber nach den ersten beiden Wochen war ein Kurier aus London eingetroffen und hatte Bolitho den Befehl überbracht, sich umgehend auf der Admiralität bei Admiral Sir George Beauchamp zu melden, seinem alten Vorgesetzten und Gönner, der ihm seinerzeit das Kommando über das Ostseegeschwader übertragen hatte.

Doch selbst dann noch hatte Bolitho im dramatischen Auftritt des Kuriers nichts weiter gesehen als eine kurze Unterbrechung.

Belinda war mit ihm zur Kutsche geschlendert, hatte sich lachend und Wärme ausstrahlend an ihn geschmiegt, als sie ihm weiter von ihren Plänen erzählte, von den Hochzeitsvorbereitungen während seines Londoner Aufenthalts. Bis zu ihrer Heirat sollte sie im Gutshaus des Richters wohnen, denn in einer Hafenstadt wie Falmouth gab es immer lose Zungen, und Bolitho wollte keinen Schatten auf ihrem gemeinsamen Anfang. Zwar verabscheute er Richter Lewis Roxby von ganzem Herzen und konnte immer noch nicht begreifen, weshalb seine Schwester Nancy ausgerechnet ihn geheiratet hatte. Aber wenigstens würde es Belinda dort nicht langweilig werden, denn er besaß einen Reitstall und ein wachsendes Imperium von Bauernhöfen und Weilern. Roxbys Bedienstete nannten ihn hinter seinem Rücken den »König von Cornwall«.

Der Schreck war Bolitho erst in die Glieder gefahren, als er in Admiral Beauchamps Dienstzimmer gebeten wurde. Der Admiral war zwar immer schmal und gebrechlich gewesen, schien an seinen Epauletten und Goldlitzen ebenso schwer zu tragen wie an seiner ungeheuren Verantwortung; wo ein britisches Kriegsschiff im Dienste des Königs segelte, dort war er mit seinen Gedanken. Aber jetzt saß er tief über seinen papierbeladenen Schreibtisch gebeugt und konnte sich zu Bolithos Begrüßung nicht einmal erheben. Obwohl erst sechzig, sah er aus wie ein Hundertjähriger. Nur in seinen hellwachen Augen funkelte immer noch das alte Feuer.

»Wir wollen keine Zeit verlieren, Bolitho. Ihnen bleibt nämlich nur noch ganz wenig und mir überhaupt keine mehr.«

Es war ihm anzusehen, daß mit jedem mühsamen Atemzug, mit jeder verstrichenen Stunde mehr Leben aus ihm entwich. Bolitho war erschüttert, aber auch fasziniert von der Intensität des schmächtigen Mannes, dessen stärkster Charakterzug immer sein Enthusiasmus gewesen war.

»Ihr Geschwader hat sich tapfer gehalten.« Seine klauenartige Hand tastete blindlings über die Papierhaufen. »Zwar haben wir viele gute Männer verloren, aber andere stehen bereit, ihre Stelle einzunehmen.« Sein Kopf sank vornüber, als seien die Worte für ihn zu schwer. »Ich verlange viel von Ihnen, Bolitho, wahrscheinlich sogar zu viel – ich weiß es nicht. Sie haben von dem Waffenstillstandsangebot gehört?« Durch die hohen Fenster fiel Sonnenlicht und reflektierte von Beauchamps tiefliegenden Augen, als brenne Licht in einem Totenschädel. »Diese Gerüchte entsprechen den Tatsachen. Wir brauchen Frieden – zu Bedingungen, die trotz aller Scheinheiligkeit noch akzeptabel sind, damit wir Zeit gewinnen, eine Atempause vor der endgültigen Entscheidung.« Bolitho hatte leise gefragt: »Sie trauen den Franzosen nicht, Sir?«

»Niemals!« Der Ausruf schien Beauchamp die letzten Kräfte gekostet zu haben, denn er konnte erst nach längerer Pause fortfahren: »Die Franzosen wollen uns für sie vorteilhafte Bedingungen aufzwingen. Um Druck auf die Verhandlungen auszuüben, sammeln sie in ihren Kanalhäfen bereits eine Invasionsflotte, meist Prähme und Schuten, und an Land Truppen und Artillerie, die diese Flotte aufnehmen soll. Bonaparte hofft, unser Volk so einzuschüchtern, daß wir Vertragsbedingungen akzeptieren, die nur für ihn von Vorteil sind. Später, wenn die Wunden der Franzosen verheilt, ihre Schiffe ersetzt und ihre Regimenter aufgefüllt sind, wird er den Vertrag zerreißen und uns angreifen. Wenn es erst so weit kommt, haben wir keine zweite Chance.«

Wieder eine Pause, dann murmelte Beauchamp fast tonlos: »Wir müssen England sein Selbstvertrauen zurückgeben. Müssen beweisen, daß wir immer noch angreifen können, nicht nur verteidigen. Einzig auf diese Weise erringen wir eine gleichberechtigte Verhandlungsposition. Jahrelang haben wir die Franzosen zurück in ihre Häfen gescheucht oder sie gestellt und bekämpft, bis sie sich ergeben mußten. Blockade und Patrouille, die Kiellinien-Formation oder Einzelaktionen – das hat die englische Kriegsmarine mächtig gemacht. Aber Bonaparte ist Infanterist, vom Seekrieg versteht er nichts, und Gott sei Dank hört er nicht auf den Rat von Leuten, die sich auskennen.«

Die Stimme war immer schwächer geworden, und Bolitho hatte schon überlegt, ob er Hilfe herbeirufen sollte.

Doch dann hatte Beauchamp sich ruckartig aufgerichtet und hervorgestoßen: »Wir brauchen eine Geste! Eine Demonstration unserer Stärke. Und unter all den jungen Offizieren, die ich im Laufe der Zeit beobachtete und förderte, haben nur Sie mich nie enttäuscht.« Eine Fingerklaue hob sich und winkte wie eine Karikatur des Mannes, den Bolitho einmal gekannt hatte. »Na ja, jedenfalls nicht in dienstlichen Angelegenheiten.«

»Besten Dank, Sir.«

Beauchamp hörte ihn gar nicht. »Machen Sie möglichst viele Ihrer Schiffe möglichst schnell klar zum Auslaufen. Ich habe Instruktionen ausgefertigt, wonach Ihnen das Oberkommando über ein Blockade-Geschwader vor Belle Ile[6] übertragen wird. Weitere Schiffe werden zu Ihrer Verstärkung abgestellt, sobald meine Depeschen den Hafenadmirälen ausgehändigt sind.« Er hatte Bolitho starr angeblickt. »Ich brauche Sie draußen auf See. In der Biskaya. Ich weiß, ich verlange viel von Ihnen, aber schließlich habe auch ich mein Letztes gegeben.«

Das Bild des hohen Dienstzimmers in der Admiralität, der Blick auf die belebte Straße, die eleganten Kutschen, vielfarbigen Damenroben und scharlachroten Uniformen verschwamm vor Bolithos Augen und wich wieder dem Anblick der Kapitänskajüte auf der Benbow. Er sagte: »Admiral Sir George Beauchamp hat mir befohlen auszulaufen, Thomas. Es darf keine Widerrede und nur die geringstmögliche Verzögerung geben. Unvollendete Reparaturen, Unterbemannung, noch nicht gelieferte Munition, fehlendes Pulver – ich brauche alle Angaben bis ins letzte Detail. Deshalb schlage ich ein Treffen aller Kommandanten meines Geschwaders vor. Gleich anschließend lasse ich einen Brief an Kapitän Inch aufsetzen, der sofort mit Kurier nach Chatham auf sein Schiff gebracht werden muß.«

Herrick konnte Bolitho nur anstarren. »Das klingt nach Zeitdruck, Sir.«

»Kann sein.« Bolitho dachte wieder an Beauchamps Worte: ›Ich brauche Sie draußen auf See.‹ Mit einem Blick in Herricks besorgtes Gesicht sagte er: »Tut mir leid, daß ich Ihr junges Glück stören muß.« Er zuckte die Schultern. »Ausgerechnet in die Biskaya segeln wir.«

Vorsichtig erkundigte sich Herrick: »Als Sie nochmals kurz nach Falmouth zurückkehrten, Sir …«

Bolithos Blick fiel durch die Heckfenster auf ein Proviantboot, das sich der Benbow näherte. Er antwortete: »Als ich zurückkam, stand das Haus leer. Zum großen Teil war das meine eigene Schuld. Belinda ist mit meiner Schwester und deren Mann nach Wales gereist, wo sie sich ein von meinem Schwager erworbenes Gut ansehen wollen.«

Er wandte sich ab, um seine Verbitterung, seine Verzweiflung zu verbergen.

»Wer hätte auch vermutet, daß ich nach dem Dienst in der Ostsee und nach dieser Hölle von Kopenhagen schon so bald wieder auslaufen muß?« Er blickte sich um, wie nach den Toten und Verwundeten, welche diese Kajüte schon gesehen hatte. »Wie wird sie es aufnehmen, Thomas? Was bedeuten Worte wie ›Pflicht‹ und ›Ehre‹ für eine Frau, die schon so viel verloren hat?«

Herrick beobachtete Bolitho und scheute sich fast zu atmen. Er konnte es sich so gut vorstellen: Bolithos hastige Rückkehr nach Falmouth, die vorher zurechtgelegten Erklärungen – unter anderem, wie sehr er Beauchamp verpflichtet war, auch wenn die geforderte Geste sich als fruchtlos erweisen sollte. Beauchamp hatte im Krieg gegen Frankreich seine Gesundheit verschlissen. Er hatte Bolitho zum erstenmal die Chance geboten, ein ganzes Geschwader zu kommandieren. Nun war er dem Tode nahe und seine Lebensaufgabe immer noch unvollendet.

Herrick kannte Bolitho besser als sich selbst. Also deshalb war Bolitho auf sein Schiff gekommen! Sein Haus hatte leer gestanden, und er selbst hatte keine Möglichkeit mehr gehabt, Belinda Laidlaw über die jüngsten Entscheidungen zu informieren.

»Sie wird mich verachten, Thomas. Jemand anderer hätte an meiner Stelle segeln können. Konteradmirale, besonders so junge wie mich, gibt es dutzendweise. Warum gerade ich? Was bin ich – ein Übermensch?«

Herrick mußte lächeln. »So etwas denkt sie ganz bestimmt nicht, Sir, das wissen Sie auch. Wir wissen es beide.«

»Wirklich?« Bolitho legte Herrick im Vorbeigehen die Hand auf die Schulter, als suche er eine Bestätigung. »Ich wollte ja noch bleiben. Aber ich hatte Beauchamps Drängen zu folgen. Es war das mindeste, was ich ihm schuldete.«

Es hatte ihn an den Alptraum erinnert, der ihn gelegentlich heimsuchte: Er kam zurück in ein menschenleeres Haus, wilde Blumen blühten auf der Gartenmauer über der Steilküste, umsummt von Bienen, aber die Hauptakteure waren nicht da, um sich an dem Anblick zu freuen, nicht einmal sein Neffe und Erbe Adam Pascoe. Unglücklicherweise hatte er wenige Stunden nach Bolithos Aufbruch mit dem Kurier einen Gestellungsbefehl auf ein anderes Schiff erhalten.

Trotz seines Kummers mußte Bolitho lächeln. Die Royal Navy brauchte dringend erfahrene Offiziere, und Adam Pascoe war versessen auf jede Gelegenheit, die ihn seinem großen Ziel, dem Kommando über ein eigenes Schiff, näher bringen konnte. Also verdrängte Bolitho die besorgten Gedanken. Adam war gerade einundzwanzig geworden, das ideale Alter. Er durfte sich nicht zu sehr um ihn sorgen.

Gedämpft drang die Stimme des Wachtpostens durch die Tür: »Der Bootsführer des Admirals, Sir!«

Allday trat ein und lächelte breit zu Bolitho hinüber, Herrick begrüßte er mit einem fröhlichen Nicken: »Captain Herrick, Sir …« Dann stellte er einen großen Seesack auf dem Boden ab.

Bolitho schlüpfte in seinen Uniformrock und ließ Ozzard den Haarzopf über dem goldbetreßten Kragen zurechtzupfen. Die ganze Angelegenheit hatte nur eine gute Seite, und beinahe hätte er sie vergessen.

»Ich werde meine Flagge auf Styx setzen, Thomas. Je früher ich zu den anderen Schiffen meines Geschwaders vor Belle Ile stoße, desto besser.« Aus der Innentasche seines Rocks holte er einen langen Briefumschlag hervor und reichte ihn dem erstaunten Herrick. »Von den Lordschaften der Admiralität, Thomas, und zwar mit Wirkung von morgen mittag zwölf Uhr an.« Bolitho nickte Allday zu, der einen langen scharlachroten Kommodorewimpel aus dem Seesack zog und ihn wie einen Teppich auf dem Boden ausbreitete. »Sir, Kapitän Thomas Herrick, Kommandant des Kriegsschiffes Seiner Majestät Benbow, werden hiermit zum Kommodore dieses Geschwaders ernannt und mit allen entsprechenden Pflichten und Vollmachten betraut.« Bolitho drückte Herrick das Couvert in die eine Hand und schüttelte ihm die andere herzhaft. »Herrgott, Thomas, wenn ich Ihr verdattertes Gesicht sehe, geht es mir gleich viel besser.«

Herrick hatte einen Kloß in der Kehle. »Ich, Sir – Kommodore?«

Allday grinste breit. »Gut gemacht, Sir!«

Herrick starrte auf den roten Wimpel zu seinen Füßen nieder. »Und mit einem eigenen Flaggkapitän? Wen – ich meine, was …«

Bolitho ließ mehr Wein kommen. Der Kummer drückte ihm immer noch das Herz ab, er fühlte sich Belinda gegenüber weiterhin als Versager, aber die Verwirrung seines Freundes hatte ihn doch etwas aufgeheitert. Hier waren sie in ihrer Welt. Jene andere Welt, in der von Heirat gesprochen wurde und von Geborgenheit, von Frieden und einer gesicherten Zukunft, sie hatte hier an Bord nichts zu suchen.

»Bestimmt ist in den Depeschen, die Sie aus London erreichen werden, alles Nähere erläutert, Thomas.« Herricks Verstand hatte die Neuigkeit jetzt sichtlich akzeptiert und begann, sie zu verarbeiten. Die Navy brachte einem das bei – das und mehr. Wer diese Flexibilität nicht besaß, erlitt Schiffbruch. »Denken Sie doch daran, wie stolz Dulcie sein wird«, schloß Bolitho.

Herrick nickte bedächtig. »Ja, wahrscheinlich.« Aber dann schüttelte er den Kopf. »Doch wie dem auch sei – Kommodore!« Er sah Bolitho mit seinen blauen Augen offen an. »Ich hoffe, daß wir dadurch nicht allzu weit auseinanderdriften, Sir …«

Nun mußte Bolitho sich abwenden, um seine Rührung zu verbergen. Wie typisch für Herrick, als erstes an so etwas zu denken! Nicht an die längst überfällige Beförderung, die sein Recht und sein Verdienst war, sondern an die Auswirkungen, die sie auf ihre Freundschaft haben mochte.

Alldays Aufmerksamkeit schien plötzlich ganz von den beiden Säbeln, die am Querschott hingen, in Anspruch genommen. Der eine war eine Prunkwaffe, Bolitho in Anerkennung seiner Tapferkeit im Mittelmeer und bei der Schlacht von Abukir[7] von der Stadt Falmouth überreicht. Der andere Säbel war weder so prunkvoll noch so glänzend, er wirkte sogar etwas altmodisch und schäbig, mußte aber vollendet ausbalanciert in der Hand liegen. Dennoch konnte die Prunkwaffe, und hätte es sie auch hundertfach gegeben, mit ihrem ganzen Gold und Silber nicht den Wert der alten Waffe aufwiegen. Es war der Familiensäbel der Bolithos, auf mehreren Porträts in dem alten Haus in Falmouth zu sehen und Allday von vielen heißen Gefechten her wohlvertraut: einmalig, unbezahlbar und unersetzbar.

Sogar Allday konnte diesmal den überraschenden Einsatzbefehl nicht mit seinem gewohnten Gleichmut akzeptieren. Kaum länger als für eine Hundewache hatte er den Fuß an Land gesetzt, und nun sollten sie wieder auslaufen. Schon vorher hatte er vor Wut geschäumt über die himmelschreiende Ungerechtigkeit und Dummheit, die daran schuld war, daß Bolitho nach der Schlacht von Kopenhagen nicht die ihm gebührende Anerkennung erhalten hatte: den Adelstitel. Sir Richard Bolitho. Das hatte den richtigen Klang, sinnierte er.

Aber nein, diese Trottel bei der Admiralität hatten absichtlich unterlassen, was aller Welt nur recht und billig schien. Allday starrte die beiden Säbel an und ballte unwillkürlich die Fäuste. Immerhin munkelte man in der ganzen Flotte, daß Nelson genauso schnöde behandelt worden war – ein kleiner Trost. Vor Kopenhagen hatte Nelson allen aus dem Herzen gesprochen, als er sich weigerte, das Signal seines Oberbefehlshabers zu bestätigen, womit dieser ihm Abbruch des Gefechts und Rückzug befahl. Genau das machte den Mann bei seinen Leuten so beliebt und bei den Seelords, die sich nicht aufs Wasser wagten, so verhaßt.

Seufzend dachte Allday an die junge Frau, die er erst vor wenigen Monaten aus der umgestürzten Kutsche geborgen hatte. Daß Bolitho nun Gefahr lief, sie doch noch zu verlieren – bloß wegen eines blödsinnigen Einsatzbefehls –, das wollte nicht in seinen Kopf.

»Einen Toast auf unseren neuen Kommodore«, schlug Bolitho mit einem Blick auf die gefüllten Pokale vor.

Auch der Erste Offizier war nach achtern gekommen, gefolgt von Master Grubb, der breitbeinig dastand und durstig auf den Pokal herabstarrte, der in seiner Pranke so klein wirkte wie ein Fingerhut.

Herrick rief Allday herbei. »Angesichts der besonderen Umstände möchte ich, daß Sie mit uns trinken.«

Allday wischte sich die Hände an dem rötlich gelben Baumwolltuch seiner schneidigen Nanking-Breeches sauber und murmelte verlegen: »Besten Dank, Sir.«

Bolitho erhob sein Glas. »Ihr Wohl, Thomas. Auf alte Freunde und auf alte Schiffe!«

Herrick lächelte nachdenklich. »Das ist ein guter Trinkspruch, Sir.«

Allday trank seinen Wein und zog sich in den Schatten der Achterkajüte zurück. Er war Herrick dankbar, daß er ihn miteinbezogen hatte, und das vor aller Augen. Sie fuhren auch schon eine kleine Ewigkeit miteinander, hatten andere, nicht so Glückliche, kommen und gehen gesehen. Nun würde Bolithos Geschwader bald im Golf von Biskaya stehen. Fremde Schiffe bildeten den Verband, so unbekannt wie die Aufgaben, die den Admiral erwarteten.

Aber warum ausgerechnet die Biskaya? Allday schlüpfte durch eine Seitentür aus der Achterkajüte und strebte dem Sonnenlicht auf dem Hauptdeck zu. Es gab doch Schiffe und Mannschaften zuhauf, die dort seit Jahren den zermürbenden Blockadedienst versahen, bis der Bewuchs auf den Rümpfen so lang war wie eine Schleppe. Aber wenn Beauchamp den Befehl gab und speziell Bolitho dafür ausersehen hatte, dann mußte es sich um eine harte Nuß handeln. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Allday trat in den Sonnenschein hinaus und spähte zur Flagge auf, die am Besanmast auswehte.

»Trotzdem bleibt’s dabei: Es müßte Sir Richard heißen!«

Der junge wachhabende Offizier wollte Allday schon zur Ordnung rufen, dann bedachte er jedoch, was er über den Bootsmann des Admirals gehört hatte. Deshalb schritt er lieber wortlos zur anderen Seite des Achterdecks hinüber.

Als sich schließlich Dunkelheit über die Reede senkte, nur hin und wieder erhellt von Ankerlichtern und dem Strahl eines Festfeuers an Land, schien auch die Benbow in Schlaf zu sinken. Erschöpft von der langen Arbeit in der Takelage und an Deck, lag die Mannschaft dicht an dicht in ihren Hängematten und schlief wie eine Reihe Kokons in einer versiegelten Höhle. Zwischen den Hängematten warteten die Kanonen stumm hinter ihren Stückpforten und träumten vielleicht von der Zeit, als sie Tod und Verderben spien und alles sich vor ihrer brüllenden Wut duckte.

Achtern saß Bolitho in der großen Tageskajüte noch an seinem Schreibpult, während eine Laterne über seinem Kopf leise im Kreis schwang, im Takt zu den Bewegungen des Schiffes an seiner Ankertrosse.

Für das Geschwader, für seine Mannschaft war er ein Name, ein Anführer, dem man blind gehorchte. Manche hatten schon unter ihm gekämpft und waren stolz darauf. Andere mußten sich erst ein Bild von ihm machen, in den Erfolgen des jungen Konteradmirals einen kleinen Anteil Ruhm und Unsterblichkeit für sich selbst verkörpert sehen. Und dann gab es die wenigen, die wie der getreue Ozzard – der jetzt in seiner Pantry so wachsam schlief wie eine kleine Maus – Bolithos Stimmungen am frühen Morgen, nach einem wilden Sturm oder einer wüsten Verfolgungsjagd kannten. Zu ihnen gehörte auch Allday, der Bolitho selbstlos ergeben war, obwohl er als Gepreßter eigentlich Haß und Demütigung hätte empfinden müssen. Herrick, der über einem Stapel mit Dienstpapieren eingeschlafen war, hatte Bolitho in Augenblicken höchster Erregung und tiefster Niedergeschlagenheit erlebt. Besser als jeder andere hätte er jetzt den Mann durchschaut, der in straffer Haltung an seinem Pult saß, die Schreibfeder über einem Stück Briefpapier, in Gedanken völlig bei der Frau, die er an Land zurücklassen mußte.

Mit Bedacht und Sorgfalt begann Bolitho zu schreiben: »Meine geliebte Belinda …«

II Kein Blick zurück

Richard Bolitho lehnte in seinem Sessel und wartete ungeduldig darauf, daß Allday endlich mit dem Rasieren fertig wurde. Herrick stand außerhalb seines Gesichtsfelds an der Lamellentür, während überall unter und über ihnen Rumpf und Decks der Benbow vom Lärm der Reparaturarbeiten widerhallten.

Herrick berichtete: »Ich habe Kapitän Neale darüber informiert, Sir, daß Sie noch heute vormittag Ihre Flagge auf Styx setzen werden. Er scheint darüber ganz außerordentlich erfreut zu sein.«

Bolitho blickte Allday an, der konzentriert mit dem Rasiermesser an seinem Kinn herumschabte. Der Ärmste mißbilligte ganz offensichtlich den Umzug auf die enge Fregatte und hätte den relativen Luxus auf dem Flaggschiff bestimmt vorgezogen; genau wie Herrick es offenbar keinem anderen Kommandanten zutraute, daß er die Aufgaben eines Flaggkapitäns bewältigen konnte.

Es war wirklich seltsam, wie sich die Schicksalsfäden bei der Navy immer wieder ineinanderwoben. Kapitän John Neale, jetzt Kommandant der mit 32 Kanonen bestückten Fregatte Styx, hatte in einem anderen Krieg, auf einer anderen Fregatte, als pausbackiger Midshipman unter Bolitho gedient. Auch Kapitän Keen, der mit seinem Linienschiff dritter Klasse, der Nicator, kaum eine Kabellänge[8] entfernt ankerte, war auf einem Schiff Bolithos Midshipman gewesen.

Stirnrunzelnd dachte Bolitho an Adam Pascoe; wann würde er von ihm hören, von seinen Fortschritten, seinem neuen Schiff und seinem Kommandanten erfahren?

Sorgfältig wischte Allday ihm das Gesicht sauber. »Fertig, Sir.« Bolitho wusch sich in einer Schüssel, die Allday bei den Heckfenstern hingestellt hatte. Zwischen ihnen bedurfte es keiner langen Worte. Allday kannte von vielen Jahren Dienst im Hafen oder auf See Bolithos Gewohnheiten und seine Ungeduld, wenn er die Wand anstarren mußte, während Allday ihn für den Tag zurechtmachte.

Schließlich gab es eine Menge zu tun, Befehle an die einzelnen Kommandanten mußten ausgefertigt werden, ein Bericht über den Stand ihrer Einsatzbereitschaft an die Admiralität sollte abgehen, die unerbittlich wachsenden Werftrechnungen mußten geprüft und abgezeichnet, Beförderungen ausgesprochen werden. Es wäre unfair, Herrick zu viele unerledigte Arbeiten zu hinterlassen, überlegte Bolitho.

Herrick fuhr fort: »Unser Postboot hat Ihre Depeschen an Land gebracht, Sir. Es hat gerade wieder an seiner Spiere festgemacht.«

»Verstehe.« Das war Herricks Art, ihm anzudeuten, daß kein Brief von Belinda gekommen war.

Bolitho blickte durchs Fenster hinaus. Der Himmel war klar wie am Tag zuvor, die See jedoch etwas rauher. Aber er konnte Wind gebrauchen, wenn er schnell zu den Schiffen des Blockadegeschwaders stoßen wollte, über das er den Oberbefehl erhalten hatte. Das Gebiet um Belle Ile war ein Drehkreuz im System der patrouillierenden Geschwader, die den Blockadedienst von Gibraltar bis zu den Kanalhäfen aufrechterhielten. Sonnenklar, daß Beauchamp ihn ins Zentrum des Geschehens schicken wollte. Dieses spezielle Einsatzgebiet umfaßte im Norden die Zufahrtswege nach Lorient und im Osten die wichtigsten Ansteuerungsrouten zur Loire-Mündung. Von hier aus konnte man zwar einen Würgegriff um die Handels- und Nachschubwege des Feindes legen; andererseits war es riskantes Terrain für eine unachtsame britische Fregatte oder Brigg, die sich an einer Leeküste überraschen ließ oder zu beschäftigt war mit dem Auskundschaften eines französischen Hafens, um einen schnellen Angreifer rechtzeitig zu bemerken.

Styx war Bolitho nicht fremd. Er hatte schon öfter an Bord geweilt und in der Ostsee ihren jungen Kommandanten mit der Kaltblütigkeit eines Veteranen kämpfen gesehen.

Ärgerlich über seine Tagträumerei, warf Bolitho das Handtuch in die Ecke. Er durfte nicht dauernd über Vergangenes grübeln. Mußte nur an das denken, was vor ihm lag, an die Schiffe, deren Schicksal bald von ihm abhängen würde. Er war jetzt Flaggoffizier und mußte wie Herrick endlich begreifen, daß eine so hohe Beförderung eine Auszeichnung war und nicht sein Recht, das die Vorsehung ihm schuldete.

Verlegen lächelnd bemerkte er, daß die anderen ihn anstarrten.

Milde erkundigte Allday sich: »Sie haben es sich vielleicht anders überlegt, Sir?«

»Was denn, zum Teufel?«

Allday hob den Blick zur Kajütdecke. »Naja, Sir – ich meine … Im Vergleich hierzu wird uns Styx Vorkommen wie ein Heringfaß, nicht wie ein Schiff!«

Herrick schüttelte den Kopf. »Allday, eines Tages nehmen Sie sich noch mal zuviel heraus. Und dann geht’s Ihnen schlecht, alter Knabe.« Er sah zu Bolitho hinüber. »Trotzdem ist was dran. Sie könnten Ihre Flagge auch auf Nicator setzen, und ich würde das Kommando übernehmen, bis …«

Bolitho blieb fest. »Geben Sie’s auf, alter Freund, es bringt keinen von uns beiden weiter. Ab heute sind Sie Kommodore und werden unter dem Ihnen zustehenden Wimpel segeln. Bald sollten Sie Ihren eigenen Flaggkapitän ernennen und sich über die Bestallung eines neuen Kommandanten für Indomitable klarwerden.«

Wieder mußte Bolitho eine Erinnerung beiseite schieben. Indomitable war vor Kopenhagen im dicksten Schlamassel gewesen, und erst nach dem Feuereinstellungsbefehl hatte Bolitho erfahren, daß ihr Kommandant, Kapitän Charles Keveme, im Gefecht gefallen war. Keveme war Bolithos Erster Offizier gewesen, als er selbst noch Flaggkapitän gewesen war wie Herrick bis gestern. Alles Glieder einer Kette. Und da ein Glied nach dem anderen herausgebrochen wurde, schien die Kette immer kürzer und kürzer zu werden.

Bolitho riß sich zusammen. »Und überhaupt – ich kann hier nicht quengeln wie ein grüner Junge. Die Entscheidung war nicht unsere Sache.«

Schritte polterten auf dem Seitendeck draußen, und Bolitho wußte ebenso wie Herrick, daß dies ihre letzten ungestörten Augenblicke waren. Bald würden sich hier alle die Klinke in die Hand geben: die um ihre Befehle einkommenden Offiziere, die Behördenvertreter aus Plymouth und sonstwo, denen man mit Schmeicheleien und Bestechung eine schnellere Beendigung der Reparaturarbeiten abringen mußte. Yovell, Bolithos Sekretär, würde ihm noch mehr Briefe zur Unterschrift vorlegen, Ozzard mußte Anweisungen erhalten, was er einpacken sollte und was auf Benbow blieb, bis … Er runzelte die Stirn. Bis wann?

Herrick wandte sich abrupt um, als der Wachtposten draußen den Ersten Offizier ankündigte.

»Ich werde an Deck gebraucht«, sagte er kläglich.

Bolitho ergriff seine Hand. »Ich bedaure sehr, daß ich nicht an Bord sein werde, wenn Ihr Wimpel zum erstenmal ausweht. Aber da ich nun mal gehen muß, will ich es schnell hinter mich bringen.«

Wolfe trat in die Tür. »Pardon, Sir, aber es kommt Besuch an Bord.« Er blickte Bolitho an, dessen Herz einen Schlag aussetzte. Aber seine freudige Überraschung fiel in nichts zusammen, als Wolfe trocken fortfuhr: »Ihr Flaggleutnant ist eingetroffen, Sir.«

»Browne?« rief Herrick aus.

Allday verbiß sich ein Grinsen. »Browne mit e«, konstatierte er.

Bolitho ließ sich in seinen Stuhl sinken. »Schicken Sie ihn rein.«

Der Ehrenwerte Leutnant Oliver Browne war ihm von Beauchamp als Flaggleutnant beigegeben worden. Obwohl er Bolitho bei ihrem ersten Kontakt wie ein hohlköpfiger Junker vorgekommen war, hatte Browne sich dem neu ernannten Admiral bald als wertvoller Berater erwiesen – und später auch als Freund. Als das Geschwader schwer angeschlagen von der Ostsee zurückgekehrt war, hatte Bolitho Browne freie Wahl gelassen: zu seinen zivilisierteren Aufgaben und Lebensumständen in London zurückzukehren oder weiter als sein Flaggleutnant zu dienen.

Als Browne die Kajüte betrat, sah er für seine Verhältnisse abgehetzt und derangiert aus.

Herrick und Wolfe empfahlen sich schnell, und Bolitho bemerkte: »Das ist eine Überraschung.«

Der Leutnant sank auf einen hingeschobenen Stuhl, und als sein Mantel dabei auseinanderklaffte, erkannte Bolitho Schweißflecken auf den Innenseiten seiner Breeches. Er mußte wie ein Wahnsinniger geritten sein.

Heiser begann Browne zu berichten. »Sir George Beauchamp ist letzte Nacht gestorben, Sir. Er fertigte noch die Befehle für Ihr Geschwader aus und dann …« Er zuckte mit den Schultern. »Es passierte, während er über den Karten an seinem Schreibtisch saß.« Kopfschüttelnd schloß Browne: »Dachte, Sie sollten das schnell erfahren, Sir. Noch bevor Sie nach Belle Ile auslaufen.«

Bolitho wußte aus Erfahrung, daß man Browne besser nicht danach fragte, woher er Informationen über Dinge besaß, die eigentlich als geheim galten.

»Ozzard, frischen Kaffee für meinen Flaggleutnant!« Bolitho sah, daß Brownes erschöpftes Gesicht kurz aufleuchtete. »Falls es das ist, was Sie fürderhin zu sein beabsichtigen?«

Browne lockerte sein Halstuch und schüttelte sich. »Doch, Sir, darum wollte ich Sie höflichst ersuchen. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dieses stinkende London verlassen zu dürfen.« Über ihren Köpfen verriet das Schrillen der Pfeifen und Quietschen der Taljen, daß wieder Vorräte und Ausrüstungsgegenstände an Bord gehievt wurden. Aber hier unten in der Kajüte war es still, während Browne beschrieb, wie Beauchamp an seinem Schreibtisch, über seinem kaum getrockneten Namenszug unter den letzten Befehlen tot zusammengebrochen war.

Scheinbar gleichmütig schloß Browne: »Ich habe mich mit diesen Befehlen direkt zu Ihnen auf den Weg gemacht, Sir. Wären Sie ausgelaufen, ehe ich hier eintraf, hätten sie Sie wahrscheinlich nie erreicht; man hätte Ihnen kaum eine Kurierbrigg mit den Depeschen nachgeschickt.«

»Wollen Sie damit sagen, daß Sir Georges Plan widerrufen worden wäre?«

Nachdenklich starrte Browne in seine Kaffeetasse. »Eher auf unbestimmte Zeit verschoben. Ich fürchte, an der Spitze gibt es viel zu viele Leute, die nur den Friedensvertrag mit Frankreich im Kopf haben – nicht als Atempause, wofür ihn Lord St. Vincent und einige andere halten, sondern als eine große Chance zu Geschäftemacherei und Bereicherung, wie sie ein Waffenstillstand nun einmal mit sich bringt. In ihren Augen bedeutet angesichts des nahen Friedens jeder Angriff auf französische Häfen oder Schiffe eine Quertreiberei und keineswegs eine günstigere Verhandlungsposition.«

»Vielen Dank, daß Sie mich darüber ins Bild setzen.« Bolitho sah über Brownes Kopf hinweg zu den beiden gekreuzten Säbeln an der Schottwand. Was wußten Männer wie jene, die sein Flaggleutnant gerade charakterisiert hatte, von Ehre und Anstand?

Browne lächelte. »Es schien mir wichtig für Sie. Wenn Sir George Beauchamp noch lebte und seine Hand über den Ablauf künftiger Ereignisse halten könnte, würden Ihre Aktionen im neuen Einsatzgebiet kein Sicherheitsrisiko für Sie bedeuten, ganz gleich, in welches Wespennest Sie auch stochern würden.« Sein jugendliches Gesicht wirkte über seine Jahre hinaus gereift, als er Bolitho nun direkt in die Augen sah. »Aber nach Sir Georges Tod ist keiner mehr da, der Ihre Partei ergreifen wird, wenn etwas schiefgeht. Seine Verdienste um England geben diesen letzten Befehlen genug Gewicht, so daß niemand sie anzweifeln wird. Sollte Ihr Einsatz jedoch mit einem Mißerfolg enden, werden Sie als Sündenbock, nicht als tapferer Seeheld in die Heimat zurückkehren.«

Bolitho nickte. »Es wäre nicht das erstemal.«

Browne mußte grinsen. »Seit der Schlacht von Kopenhagen traue ich Ihnen alles zu, Sir, aber diesmal gibt mir das hohe Risiko doch zu denken. Ihr Name ist von Falmouth bis zu den Bierkneipen in Whitechapel in aller Munde. Aber das gilt auch für Nelson, und trotzdem sind Ihre Lordschaften davon nicht beeindruckt; sie werfen ihm nichts weniger als Insubordination vor, wegen Kopenhagen.«

»Erzählen Sie.« Bolitho starrte den jungen Offizier an, als käme er aus einer anderen Welt. Aus einer Welt der Intrigen und Taktiken, der Familienklüngel und Geldsäcke. Kein Wunder, daß Browne lieber zur See fahren wollte. Die Benbow hatte ihn auf den Geschmack gebracht.

Verbittert fuhr Browne fort: »Nelson – der Sieger von Abukir, der Held von Kopenhagen, der Liebling des Volkes. Aber jetzt haben Ihre Lordschaften beschlossen, daß ihm ein Heer frisch rekrutierter Landratten unterstellt werden soll, mit dem er die Kanalküste gegen mögliche Invasoren zu verteidigen hat!« Zornig stieß er hervor: »Jedenfalls ein Haufen Trunkenbolde und Nichtsnutze! Ein feiner Lohn für unseren Nel!«

Bolitho war entsetzt. Immerhin hatte er schon allerhand Gerüchte über Nelsons verächtliche Haltung gegenüber seinen Vorgesetzten gehört, über sein sagenhaftes Glück, das ihn bisher vor dem Kriegsgericht gerettet hatte, vor dem andere an seiner Stelle unweigerlich gelandet wären. Also wollte Browne ihn, Bolitho, nur schützen. Denn wenn er Beauchamps Pläne nicht mit dem größtmöglichen Erfolg in die Tat umsetzte, würde man den Stab über ihm brechen.

Ruhig sagte Bolitho: »Wenn Sie immer noch mit mir kommen wollen – ich beabsichtige, morgen mit der Tide auszulaufen. Sagen Sie Allday, was Sie brauchen, er wird es zu Styx hinüberschaffen lassen. Alles nicht unmittelbar Notwendige kann Ihnen sicherlich nachgeschickt werden. Da Sie so einflußreiche Freunde haben, läßt sich das bestimmt leicht arrangieren.« Er streckte die Hand aus. »Also, wie sehen meine Befehle nun aus?«

Browne berichtete: »Wie Sie wissen, Sir, ziehen die Franzosen schon seit Monaten in den Häfen im Norden Landungsschiffe zusammen. Portugiesische Agenten haben uns informiert, daß ein Großteil dieser Landungsschiffe in den Häfen der Biskaya erbaut, ausgerüstet und bewaffnet wird.« Browne lächelte schief. »In Ihrem neuen Einsatzgebiet, Sir. Ich war nicht immer einer Meinung mit Sir George, aber er hatte Stil. Dieser Plan, eine mögliche Landungsflotte zu vernichten, noch ehe sie in den Kanal verlegt werden kann, trägt seine Handschrift. Ein meisterhafter Stratege!« Röte stieg Browne ins Gesicht. »Bitte um Vergebung, Sir. Aber ich habe immer noch nicht ganz begriffen, daß er tot ist.«

Bolitho wog den schweren Pergamentumschlag in Händen: sein Einsatzbefehl mit Beauchamps letztem strategischem Schachzug, gewiß bis in Detail ausgearbeitet. Es brauchte nur noch den rechten Mann, den Plan in die Tat umzusetzen. Bewegt machte sich Bolitho klar, daß Beauchamp ihn von Anfang an dafür ins Auge gefaßt haben mußte. Also hatte er gar keine andere Wahl gehabt.

Leise sagte er zu Browne: »Ich muß noch einen Brief schreiben.«

Er blickte sich in der großen Achterkajüte um, sah die schimmernden Lichtreflexe vom Wasser unten über die weißen Deckenbalken tanzen. Wenn er dies alles nun eintauschte gegen die schneidige Kampftechnik und feurige Begeisterung auf einer kleinen Fregatte, wenn er mit seinem zusammengewürfelten Geschwader gegen die Festung Frankreich anrannte, dann war das keine leere Geste. Vielleicht entwickelte sich alles für ihn mit der Folgerichtigkeit eines vorherbestimmten Schicksals. Zu Beginn des Krieges hatte Bolitho als blutjunger Kapitän an dem unglückseligen Angriff auf Toulon teilgenommen, an diesem Versuch französischer Royalisten, die Revolution aufzuhalten und den Lauf der Geschichte zu ändern. In die Geschichte eingegangen waren sie zwar, dachte Bolitho grimmig, aber geendet hatte das Ganze mit einem blutigen Fehlschlag.

Es lief ihm kalt über den Rücken. Vielleicht war wirklich alles vorherbestimmt. Belinda hatte wohl damit gerechnet, daß er jetzt monatelang in Falmouth bleiben durfte, möglicherweise noch länger, falls es wirklich zum Friedensschluß kam. Vielleicht bewahrte diese überraschende Wendung sie nur vor einem noch größeren Schmerz in der Zukunft. Bolitho starrte durch die Heckfenster auf die ankernden Schiffe hinaus. Denn diesmal würde er nicht zurückkehren. Irgendwann mußte es ja ein letztes Mal geben. Er rieb sich den linken Schenkel, um den vertrauten Schmerz der Wunde zu fühlen, die von einer Musketenkugel stammte. Aber so bald schon? Ohne eine letzte Gnadenfrist, ohne jede Vorwarnung?

Abrupt sagte er zu Browne: »Ich habe es mir überlegt, der Brief wird nicht geschrieben. Ich ziehe jetzt sofort auf Styx um. Sagen Sie das meinem Bootsmann, ja?«

Als er endlich allein war, ließ sich Bolitho auf die Bank unter den Heckfenstern sinken und rieb sich die Augen mit den Fäusten, bis ihn der Schmerz zur Besinnung brachte. Immerhin hatte das Schicksal es gut mit ihm gemeint, hatte ihm Liebe gegönnt und damit einen letzten Halt, an den er sich klammem konnte, bis schließlich auch ihr Bild sich in nichts auflösen würde.

Herrick erschien in der Tür. »Das Boot liegt längsseit, Sir.« An der Schanzkleidpforte, wo die rotberockten Seesoldaten Spalier standen, verhielt Bolitho den Schritt und starrte zu der schnittigen Fregatte hinüber. Ihre Segel waren nur noch lose aufgegeit, Seeleute huschten wie Insekten in ihren Rahen und Webeleinen herum – das ganze Schiff schien ungeduldig darauf zu warten, daß es ankerauf gehen konnte.

Herrick berichtete noch: »Das Geschwader wird schon in wenigen Wochen seeklar sein, Sir. Von Monaten ist nicht mehr die Rede. Ich bin erst dann zufrieden, wenn Benbow wieder unter Ihrem Kommando steht.«

Bolitho lächelte, aber der Wind zerrte an seinem Bootsmantel, als wolle er ihn zum Aufbruch drängen, und hob spielerisch die Haarsträhne von seiner Stirn, die gewöhnlich die furchtbare Narbe verdeckte.

»Falls Sie ihr begegnen, Thomas …« Er drückte dem Freund die Hand, ohne den Satz vollenden zu können.

Herrick erwiderte den Händedruck. »Ich werde es ihr sagen, Sir. Geben Sie gut acht auf sich. Und greifen Sie dem Glück notfalls unter die Arme!«

Damit trennten sie sich und ließen der formellen Abschiedszeremonie ihren Lauf.

Als das Beiboot geschickt vom hohen Rumpf des Vierundsiebzigers absetzte, wandte Bolitho sich noch einmal um und hob die Hand, aber Herricks Gestalt verschmolz bereits mit den anderen Männern der Benbow, diesem Schiff, das ihnen beiden so viel bedeutete.

Bolitho kletterte den Niedergang hinauf und blieb kurz stehen, um sein Gleichgewicht zu bewahren, während die Fregatte unter ihm wieder in ein tiefes Wellental sackte. So ging es nun schon den ganzen Tag. Sobald sie frei waren vom Plymouth-Sund, hatte Styx auch das letzte Fetzchen Tuch gesetzt, um den auffrischenden Nordost voll nutzen zu können. Obwohl Bolitho fast den ganzen Tag in seiner Kajüte geblieben war und seine schriftlichen Befehle sorgsam durchgearbeitet hatte, wobei er sich Notizen für später machte, war er doch ständig an die Beweglichkeit und das Temperament eines kleineren Schiffes erinnert worden.

Kapitän Neale hatte den günstigen raumen Wind dazu genutzt, seine Leute an und über Deck exerzieren zu lassen. Den ganzen Nachmittag vibrierten die Planken vom Stampfen nackter Füße, erschollen die antreibenden Stimmen von Offizieren und Deckoffizieren, die aus Chaos Ordnung zu schaffen bemüht waren. Was die Mannschaftsstärke betraf, war Neale auch nicht besser dran als die anderen Kommandanten. Von seinen erfahrenen, gut ausgebildeten Leuten waren viele befördert und auf andere Schiffe versetzt worden. Was an verläßlichen Matrosen zurückgeblieben war, hatte er strategisch unter den Neulingen verteilen müssen; von den neuen Leuten waren manche durch den Schock des Gepreßtwerdens oder den abrupten Abschied von der relativ sicheren Gefängniszelle noch so entnervt, daß sie nur mit Schlägen dazu gebracht werden konnten, in den schwankenden Webeleinen aufzuentern.

Bolitho bemerkte Neale, der mit seinem wortkargen Ersten Offizier am Luvschanzkleid des Achterdecks lehnte, das Haar vom Wind ins Gesicht geweht und die Augen überall auf der Suche nach einem Fehler bei der Segelbedienung oder einem Bummelanten, der seinen Befehlen nicht flott genug nachkam. Solche Nachlässigkeiten konnten später Menschenleben kosten, vielleicht sogar das ganze Schiff. Neale war mit seinen Aufgaben gewachsen, obwohl es Bolitho immer noch leichtfiel, in ihm den dreizehnjährigen Seekadetten zu erkennen, dessen Vorgesetzter er einst gewesen war.

Neale entdeckte seinen Admiral und eilte grüßend herbei.

»Binnen kurzem werde ich Segel kürzen lassen, Sir.« Er mußte schreien, um Wind und See zu übertönen. »Aber wir sind heute gut vorangekommen!«

Bolitho schritt zu den Finknetzen und mußte sich kräftig festhalten, als das Schiff wieder einmal nach vorne und abwärts schoß, wobei der Klüverbaum die Gischt wie eine Lanze durchstach. Kein Wunder, daß Adam so ungeduldig auf das Kommando über ein eigenes Schiff wartete; ihm selbst war es nicht anders ergangen. Bolitho sah zu den vollstehenden Segeln auf, zu den Toppsgasten, die mit gespreizten Beinen in den Fußpferden der schwankenden Großrah standen. Ja, das hatte er am meisten vermißt: die Gelegenheit, ein Schiff wie die Styx zu zähmen und seinem Willen zu unterwerfen, sich geschickt mit Ruder und Segeln gegen seinen unbändigen Freiheitsdrang zu behaupten.

Neale hatte ihn beobachtet. »Hoffentlich werden Sie hier nicht allzusehr gestört, Sir?« fragte er.

Bolitho schüttelte den Kopf. Für ihn war es wie ein Aufputschmittel, die beste Arznei gegen alle Sorgen; nur das Hier und Jetzt zählte noch.

»An Deck!« Der Ruf des Ausguckpostens wurde vom Wind verzerrt. »Land in Luv voraus!«

Neale grinste triumphierend und riß ein Fernrohr aus seiner Halterung neben dem Ruder. Er stellte es richtig ein und reichte es Bolitho.

»Dort drüben, Sir: Frankreich.«

Bolitho wartete, bis das Deck auf einem Wellenkamm kurz ruhig lag, dann richtete er das Glas auf die Peilung aus. Zwar dämmerte es schon, aber trotzdem konnte er noch den vermischten violetten Schatten erkennen: die Insel Ouessant und irgendwo dahinter Brest. Das waren Namen, die sich tief ins Gedächtnis jedes Seemanns eingebrannt hatten, der hier monatelang im harten Blockadedienst geschwitzt hatte.

Nun konnten sie bald ihren Kurs ändern und Südost laufen, tiefer in den Golf von Biskaya. Doch das war Neales Problem – und nichts im Vergleich zu der Aufgabe, mit der er selbst seine Schiffe konfrontieren mußte. Später.