Verlag: Refinery Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Bruderkampf - Alexander Kent

1782: In höchster Not wird die britische Fregatte 'Phalarope' unter ihrem neuen Kommandanten Richard Bolitho in die Karibik befohlen, um den bedrängten Engländern vor Antigua zu Hilfe zu kommen. Doch das Schiff genießt einen schlechten Ruf: Die Besatzung hat gemeutert, die Offiziere meiden den Kampf und Bolitho erlebt seine bitterste Nacht, als er von seinem eigenen Bruder gefangen genommen wird. Erst in der historischen Seeschlacht bei den Saintes-Inseln wendet sich das Blatt ... 

Meinungen über das E-Book Bruderkampf - Alexander Kent

E-Book-Leseprobe Bruderkampf - Alexander Kent

Der Autor

Alexander Kent kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Marineoffizier im Atlantik und erwarb sich danach einen weltweiten Ruf als Verfasser spannender Seekriegsromane. Er veröffentlichte über 50 Titel (die meisten bei Ullstein erschienen), die in 14 Sprachen übersetzt wurden, und gilt als einer der meistgelesenen Autoren dieses Genres neben G.S. Forester. Alexander Kent, dessen richtiger Name Douglas Reeman lautet, war Mitglied der Royal Navy Sailing Association und Governor der Fregatte »Foudroyant« in Portsmouth, des ältesten noch schwimmenden Kriegsschiffs.

Das Buch

1782: In höchster Not wird die britische Fregatte 'Phalarope' unter ihrem neuen Kommandanten Richard Bolitho in die Karibik befohlen, um den bedrängten Engländern vor Antigua zu Hilfe zu kommen. Doch das Schiff genießt einen schlechten Ruf: Die Besatzung hat gemeutert, die Offiziere meiden den Kampf und Bolitho erlebt seine bitterste Nacht, als er von seinem eigenen Bruder gefangen genommen wird. Erst in der historischen Seeschlacht bei den Saintes-Inseln wendet sich das Blatt ...

Alexander Kent

Bruderkampf

Richard Bolitho - Kapitän in Ketten

Roman

Aus dem Englischen

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

Neuausgabe bei RefineryRefinery ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Juni 2018 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2010© der deutschen Ausgabe: Verlag Ullstein GmbH, Frankfut/M. – Berlin 1978© 1968 by Alexander Kent Titel der englischen Originalausgabe: To Glory We Steer Covergestaltung: © Sabine Wimmer, Berlin

ISBN 978-3-96048-139-3

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Inhalt

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

I Die

Phalarope

II Flucht vor den Preßkommandos

III Fleisch für den Proviantmeister

IV Das Signal

V Rum und heiße Köpfe

VI Land in Sicht

VII Der spanische Lugger

VIII Der Angriff

IX Niederlage

X Die rote Flanelltasche

XI Kriegsglück

XII Den Feinden Verderben!

XIII Gefahr von innen

XIV Blut und Wasser

XV Der Sturm bricht los

XVI Ein ganz besonderer Mann

XVII In Schlachtformation

XVIII Sieg ist Tradition

XIX Epilog

Anmerkungen

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

I Die Phalarope

I Die Phalarope

Das Jahr 1782 war erst drei Tage alt. Stetiger Nieselregen, von auffrischendem südlichem Wind getrieben, fegte durch die engen Straßen von Portsmouth Point und ließ die dicken Mauern der alten Festungsanlagen wie poliertes Metall glänzen. Eine dichte, bleifarbene Wolkendecke zog drohend über die zusammengedrängten Gebäude, so daß das Licht, obwohl es erst gegen Mittag war, fahl und bedrückend wirkte.

Wirklich lebendig war nur die See. Der Meeresarm des Solent wurde von heftigen Böen aufgewühlt; im Gegensatz zu dem stumpfen Grau der Höhenzüge der Insel Wight und des regenverschleierten Kanals zeigten die Wellenkämme in dem entstellenden Licht eine sonderbar gelbe Tönung.

Kapitän Richard Bolitho stieß die Tür des King George Inn auf, und während er noch einige Augenblicke stehenblieb, umhüllte ihn die einschläfernde Hitze wie eine Decke. Er reichte dem Diener wortlos den Mantel und klemmte seinen Dreispitz unter den Arm. Durch eine Tür zur Rechten sah er ein einladendes Kaminfeuer, vor dem es sich laut redende Marineoffiziere bequem machten. Ihre dienstlichen Sorgen und Pflichten hatten sie draußen vor den niedrigen, vom Regen gepeitschten Fenstern gelassen.

In einem anderen Zimmer saßen Offiziere schweigend um mehrere kleine Tische und studierten ihre Spielkarten und die Gesichter ihrer Gegner. Nur wenige sahen auf, als Bolitho eintrat. Nach all den Jahren des Krieges und der Unruhe hätte in Portsmouth höchstens ein Mann in Zivil Aufmerksamkeit erregt.

Bolitho seufzte und betrachtete sich flüchtig im Wandspiegel. Er war groß, und der blaue Rock mit den Goldtressen kleidete ihn gut. Das weiße Hemd und die weiße Weste unterstrichen die ungewöhnliche Bräune seines Gesichtes. Obwohl die Rückreise von Westindien lange gedauert hatte, war sein Körper noch immer nicht auf den englischen Winter eingestellt. Deshalb blieb er noch ein wenig länger stehen, um sich aufzuwärmen.

Ein Diener hüstelte höflich neben ihm. »Verzeihung, Sir, aber der Admiral erwartet Sie in seinem Zimmer.« Mit kaum angedeuteter Geste wies er auf die Treppe.

»Danke.« Bolitho warf einen letzten Blick in den Spiegel. Doch der Blick verriet weder Eitelkeit noch persönliches Interesse. Eher lag etwas von der kalten Prüfung darin, mit der Bolitho einen Untergebenen gemustert hätte.

Bolitho war sechsundzwanzig Jahre alt, aber seine unbewegten Züge und die tiefen Falten im Gesicht ließen ihn älter erscheinen. Fast heftig schob er das schwarze Haar aus der Stirn.

Knapp einen Zoll über dem Auge begann eine häßliche Narbe, die sich bis tief in den Haaransatz hinaufzog. Er berührte sie kurz wie jemand, der lange Zurückliegendes durchdenkt. Danach stieg er schnell die Treppe hinauf.

Vizeadmiral Sir Henry Langford stand, die Füße leicht gespreizt, dicht vor dem höchsten Holzfeuer, das Bolitho je gesehen hatte. Seine betreßte Uniform glitzerte im Schein der tanzenden Flammen, und sein mächtiger Schatten fiel quer durch das geräumige Zimmer.

Die beiden Männer betrachteten sich einige Sekunden: der Admiral, ein Mann in den Sechzigern, dessen schweres Gesicht von einer großen, hakenförmigen Nase beherrscht wurde, über der die scharfen blauen Augen wie geschliffene Steine blitzten, und der schlanke, gebräunte Kapitän.

Dann trat der Admiral vom Kamin weg und streckte die Hand aus. »Ich freue mich, Sie zu sehen, Bolitho!« Die dröhnende Stimme füllte den Raum, fegte die Jahre beiseite und ersetzte das Bild des beleibten alten Admirals durch die Erscheinung des Mannes, der Bolithos erster Kapitän gewesen war.

Als könne er Bolithos Gedanken lesen, setzte der Admiral wehmütig hinzu: »Vierzehn Jahre, wie? Mein Gott, scheint kaum möglich!« Er trat zurück und musterte Bolitho kritisch. »Sie waren ein magerer Kadett, zwölf Jahre alt, wenn ich mich recht erinnere. Kaum ein Pfund Fleisch auf den Knochen. Ich nahm Sie nur Ihres Vaters wegen an Bord.« Er lächelte. »Sie sehen noch immer so aus, als könnte Ihnen eine gute Mahlzeit nicht schaden.«

Bolitho wartete geduldig. Das eine hatten ihn seine vierzehn Dienstjahre zumindest gelehrt: ältere Vorgesetzte hatten ihre eigene Art, zur Sache zu kommen. Und gewöhnlich dauerte es eine Weile.

Der Admiral ging schwerfällig zum Tisch und schenkte zwei große Gläser Branntwein ein. »Seit fast die ganze Welt gegen uns steht, ist Branntwein so etwas wie Luxus geworden.« Er zuckte mit den Schultern. »Da mir Rheumatismus jedoch mehr zusetzt als Gicht, betrachte ich ihn als letzte Annehmlichkeit, die mir geblieben ist.«

Bolitho trank vorsichtig, wobei er seinen Vorgesetzten über den Rand des Glases hinweg studierte. Er war erst vor drei Tagen, gerade zum Jahreswechsel, aus Westindien zurückgekehrt. Sein Schiff, seine geliebte Sparrow, war zur Überholung auf die Werft gekommen, während ihre weniger glückliche Besatzung über die ewig hungrige Flotte verteilt worden war, um die klaffenden Lücken aufzufüllen, die Tod oder Verstümmelung gerissen hatten. Die meisten Leute der Korvette waren seit sechs Jahren nicht mehr in der Heimat gewesen. Sie hatten gehofft, mit ihrem kleinen, aber wohlverdienten Prisengeld ihre Angehörigen besuchen zu können. Es war nicht dazu gekommen, aber Bolitho wußte, daß alle Mitleidsgefühle nutzlos waren.

Die blassen Augen hefteten sich plötzlich auf Bolithos Gesicht. »Ich gebe Ihnen die Phalarope, Bolitho.« Der Admiral beobachtete, wie es in dem Gesicht des jungen Kapitäns arbeitete. »Sie liegt draußen vor Spithead, bereit zum Auslaufen. Eine schönere Fregatte hat es nie gegeben.«

Bolitho stellte das Glas langsam auf den Tisch, um Zeit zu gewinnen. Die Phalarope war eine mit zweiunddreißig Kanonen bestückte Fregatte und noch keine sechs Jahre alt. Er hatte sie durch sein Fernglas gesehen, als er Spit Sand vor drei Tagen rundete. Sie war tatsächlich ein schönes Schiff und alles, was er nur erhoffen konnte. Nein, mehr, als er je zu träumen gewagt hätte.

Ruhig sagte er: »Sie erweisen mir eine große Ehre, Sir.«

»Unsinn, Sie haben es mehr als verdient.« Der Admiral schien sonderbar erleichtert und sprach, als hätte er seine kleine Rede vorher geprobt. »Ich habe Ihre Laufbahn verfolgt, Bolitho. Sie machen der Marine und dem Lande alle Ehre.«

»Ich hatte einen ausgezeichneten Lehrer, Sir.«

Der Admiral nickte. »Ja, das waren große Tage, wie? Große Tage.« Er schüttelte sich und goß sich noch einen Branntwein ein. »Die gute Nachricht haben Sie gehört. Nun folgt der andere Teil.« Er sah Bolitho nachdenklich an. »Die Phalarope hat bisher in der Kanalflotte Dienst getan, meist als Blockadeschiff vor Brest.«

Bolitho spitzte die Ohren. Blockadedienst, das war nichts Neues. Bei dem Bemühen, französische Schiffe am Auslaufen aus den Kanalhäfen zu hindern, wurden die Fregatten gebraucht wie das liebe Brot. Fregatten waren Mädchen für alles. Sie besaßen genügend Feuerkraft, um es im offenen Kampf mit jedem Schiff aufzunehmen, außer mit Linienschiffen. Und sie waren schnell genug, ein Linienschiff auszumanövrieren. Daher waren sie ständig gefragt. Was die Aufmerksamkeit Bolithos sogleich erregte, war die Betonung, die der Admiral auf »bisher« legte. Also lagen neue Befehle vor. Vielleicht sollte das Schiff nach Süden, um die belagerte Festung Gibraltar zu entlasten.

Der Admiral fuhr rauh fort: »Die meisten Schiffe verfaulen von außen. Wind und See sind grausame Herren, sie spielen selbst dem besten Holz übel mit.« Sein Blick haftete an den Fenstern, gegen die der Regen schlug. »Aber die Phalarope verfaulte von innen!« Er ging zornerfüllt hin und her, sein Schatten glitt wie ein Gespenst durch den Raum. »Vor einem Monat kam es beinahe zu einer Meuterei. Und als das Geschwader mit einigen Blockadebrechern im Gefecht stand, griff die Phalarope nicht ein.«

Bolitho biß sich auf die Lippen. Meuterei drohte stets. Die Besatzung bestand zumeist aus Männern, die man an Land aufgegriffen und zum Dienst gepreßt hatte. Ein paar Unruhestifter konnten ein gut gedrilltes Schiff in eine Hölle verwandeln. Aber im Verband mit anderen Schiffen geschah das selten. Gewöhnlich brach diese Raserei auf einem Schiff aus, das für sich allein unter unbarmherziger tropischer Sonne in einer Flaute lag.

Sir Henry Langford fügte scharf hinzu: »Selbstverständlich habe ich den Kapitän seines Kommandos enthoben.«

Bolitho empfand eine sonderbare Zuneigung zu dem müden, gereizten alten Mann, dessen Flaggschiff, ein mächtiger Dreidecker, im Hafen Vorräte übernahm und sich vorbereitete, den Admiral wieder zu seinem Geschwader vor der feindlichen Küste Frankreichs zu bringen. »Selbstverständlich«, hatte der Admiral gesagt. Doch Bolitho wußte, daß viele Admiräle ihre Kapitäne gedeckt hätten, auch wenn sie wußten, daß sie schuldig oder unfähig waren.

Der Admiral lächelte ein wenig. »Ich fürchte, die Ehre, die Phalarope zu übernehmen, hat zwei Seiten. Ein Unglücksschiff ist nie leicht zu führen, vor allem nicht in Kriegszeiten.« Er deutete auf einen versiegelten Umschlag, der auf dem Tisch lag. Die Siegel glänzten im Licht des Kaminfeuers wie frisches Blut. »Ihre Befehle. Sie enthalten die Order, das Schiff sofort zu übernehmen und in See zu gehen.« Der Admiral wog seine Worte sorgfältig ab. »Sie werden zu Sir Samuel Hoods Geschwader stoßen und sich ihm zur Verfügung stellen.«

Bolitho war wie betäubt. Hood stand in Westindien, von wo er selber eben zurückgekehrt war. Im Geiste sah er die abertausend Meilen leerer See vor sich – und sich als Kommandanten eines fremden Schiffes, mit einer Mannschaft, unter der es vor Unzufriedenheit nur so brodelte.

»Wie Sie sehen, Bolitho, bin ich noch immer ein harter Lehrmeister.« Der Admiral schauderte, als ein Windstoß das Fenster traf. »Ich fürchte, Sie haben fast hundert Mann zuwenig an Bord. Ich mußte viele Unruhestifter vom Schiff entfernen, und Ersatz ist schwer aufzutreiben. Einige werde ich hängen lassen müssen, sobald ein Kriegsgericht einberufen werden kann. Sie haben also kaum genug Männer, das Schiff zu segeln, von kämpfen ganz zu schweigen.« Er rieb sich das Kinn, seine Augen funkelten. »Ich schlage vor, Sie laufen unverzüglich aus, und zwar erst zur Westküste. Nach meiner Information liegen die meisten Fischereiflotten im Augenblick in den Häfen von Devon und Cornwall. Das Wetter scheint nicht nach ihrem Geschmack zu sein.« Er lächelte jetzt stärker. »Nichts spräche dagegen, daß Sie Ihrer Heimat Falmouth einen Besuch abstatten, Bolitho. Während Ihre Offiziere einige dieser Fischer für den König zwangsausheben, finden Sie womöglich Zeit, Ihren Vater aufzusuchen. Sie werden ihm hoffentlich meine besten Grüße ausrichten.«

Bolitho nickte. »Danke, Sir. Das werde ich gern tun.«

Er wünschte sich plötzlich fort aus diesem Zimmer. Es gab so viel zu tun. Für die lange Reise mußten die Magazine und die Takelage überprüft werden, es galt, sich um Proviant und Vorräte zu kümmern.

Der Admiral nahm den Segeltuchumschlag und wog ihn in den Händen. »Ich will Ihnen keinen Rat geben, Bolitho. Sie sind jung, aber erprobt und mehr als das. Erinnern Sie sich nur an eins: Es gibt schlechte Leute auf Ihrem Schiff und gute. Seien Sie fest, aber nicht zu hart. Betrachten Sie Mangel an Erfahrung nicht als Insubordination, wie Ihr Vorgänger das tat.« Sein Ton wurde scharf. »Wenn es Ihnen schwerfällt, sich daran zu erinnern, dann versuchen Sie daran zu denken, wie Sie als Midshipman[1] auf mein Schiff kamen.« Er lächelte nicht mehr. »Sie können der Phalarope wieder den ihr gebührenden Platz zurückerobern, indem Sie ihr den Stolz zurückgeben. Wenn Sie es nicht schaffen, kann nicht einmal ich Ihnen helfen.«

»Das würde ich auch nicht erwarten, Sir.« Bolithos Augen waren jetzt so kalt und grau wie die See jenseits des Hafens.

»Ich weiß. Darum habe ich das Kommando auch für Sie freigehalten.« Vor der Tür hörte man Stimmengemurmel, und Bolitho wußte, daß die Unterredung kurz vor ihrem Abschluß stand. Doch der Admiral schickte noch etwas nach. »Ein Neffe von mir fährt auf der Phalarope«, sagte er. »Einer Ihrer jungen Midshipmen. Sein Name ist Charles Farquhar, und er könnte ein guter Offizier werden. Aber begünstigen Sie ihn nicht um meinetwegen, Bolitho.« Er seufzte und reichte dem Kapitän den Umschlag. »Das Schiff ist segelfertig, also nutzen Sie den günstigen Südwind.« Er drückte Bolitho die Hand.

Bolitho hob den Degen an und klemmte den Dreispitz wieder unter den Arm. »Dann möchte ich mich verabschieden, Sir.« Es gab nichts weiter zu sagen.

Fast ohne etwas wahrzunehmen, ging er hinaus und an der kleinen Gruppe flüsternder Offiziere vorbei, die darauf warteten, vom Admiral empfangen zu werden.

Ein Offizier stand etwas abseits, ein Kapitän etwa seines eigenen Alters. Das war aber auch die einzige Ähnlichkeit. Er hatte blasse, vorstehende Augen und einen kleinen, verkniffenen Mund. Er befingerte seinen Degen und starrte auf die Tür. Bolitho vermutete in ihm den bisherigen Kommandanten der Phalarope. Doch der Mann schien weniger besorgt als gereizt. Wahrscheinlich verfügt er über Einfluß am Hof oder im Parlament, dachte Bolitho grimmig. Aber selbst das würde nicht ausreichen, um Sir Henry mit Erfolg entgegenzutreten.

Vor dem Gasthaus umheulte ihn der Wind, als er langsam zum Sally Port hinunterging, doch er merkte es nicht.

Im Hafen sah er, daß die kurzen, zischenden Wellen die Hochwassergirlande aus Schlamm und Algen schon beinahe bedeckten. Das sagte ihm, daß das Hochwasser bald erreicht sein würde. Mit etwas Glück würde er sein neues Schiff noch mit ablaufendem Wasser aus dem Hafen bekommen.

Als er aus dem Windschatten der letzten Gebäudereihe trat, bemerkte er ein Boot. Es wartete darauf, ihn zum Schiff hinüberzubringen. Das kleine Fahrzeug dümpelte heftig in der Dünung, und die zum Salut erhobenen Riemen schwankten wie eine Zwillingsreihe nackter Bäume. Er vermutete, daß jeder Mann im Boot sein langsames Näherkommen beobachtete. An der Spitze der steinernen Mole zeichnete sich der vertraute, massige Umriß Stockdales, seines persönlichen Bootsführers, gegen die Wellen ab. Einen Freund zumindest würde er auf der Phalarope haben, überlegte Bolitho grimmig.

Stockdale war ihm von einem Schiff zum anderen gefolgt, fast wie ein treu ergebener Hund. Bolitho fragte sich oft, was sie zusammenhielt; es war eine Bindung, die sich mit Worten nicht erklären ließ.

Als frischgebackener Leutnant zur See war Bolitho einst mit einem Preßkommando an Land geschickt worden, damals während des unruhigen Friedens, als er sich für einen Glückspilz hielt, weil ihm das Ungemach so vieler erspart geblieben war, bei halbem Sold an Land gesetzt zu sein. Er hatte nur wenige Leute auftreiben können, doch als er gerade zum Schiff zurückkehren wollte, um sich dem Zorn seines Kapitäns zu stellen, war ihm Stockdale aufgefallen, der nackt bis zur Hüfte elend vor einer Kneipe stand. Sein robuster, vor Muskeln und Kraft strotzender Oberkörper beeindruckte Bolitho. Neben dem Mann verkündete ein Ausrufer lauthals, daß Stockdale ein berühmter Faustkämpfer sei. Jeder aus Bolithos Truppe, der ihn werfen würde, bekäme eine goldene Guinea, Auszahlung sofort. Bolitho war müde. Der Gedanke an einen kühlen Schluck, während seine Leute ihr Glück versuchten, besiegte seine inneren Einwände gegen dieses entwürdigende Spektakel.

Zufällig gehörte zu seiner Truppe ein Stückmeister, der nicht nur ein sehr geübter Faustkämpfer war, sondern ein Mann, der sich daran gewöhnt hatte, mit den Fäusten oder auf jede ihm sonst geeignet erscheinende Art die Disziplin aufrechtzuerhalten. Der Stückmeister zog seinen Rock aus und ging, von den anderen Seeleuten angefeuert, zum Angriff über.

Bolitho war sich nie genau darüber klargeworden, was sich als nächstes ereignet hatte. Es hieß, einer der Matrosen hätte Stockdale ein Bein gestellt. Das schien Bolitho wahrscheinlich, denn danach hatte er nicht wieder erlebt, daß Stockdale besiegt worden wäre. Aber an jenem Tag hatte Bolitho kaum nach seinem Bier gegriffen, als der Ausrufer auch schon wütend aufschrie und die Matrosen gellend lachten.

Bolitho sah, wie der Stückmeister seine Goldmünze wegsteckte, während der wutschäumende Ausrufer unter Drohungen und Flüchen Stockdale mit einer Kette prügelte.

In diesem Augenblick begriff Bolitho, daß für Stockdale Treue wie eine Fessel war. Er wich den ungerechtfertigten Schlägen nicht aus, obwohl er seinen Peiniger mit einem Hieb hätte töten können.

Mitleid oder Abscheu veranlaßten Bolitho einzuschreiten. Doch Stockdales stumpfer Dankesblick machte die Sache nur schlimmer. Während die grinsenden Matrosen und der Ausrufer mit den harten Augen ihn gespannt beobachteten, forderte er Stockdale auf, in den Dienst des Königs zu treten. Der Ausrufer erhob brüllend Protest, als er merkte, daß ihm seine Erwerbsquelle für alle Zeit genommen werden sollte.

Doch Stockdale nickte nur kurz und griff wortlos nach seinem Hemd. Selbst jetzt sprach er selten. Seine Stimmbänder hatten bei den Kämpfen, die er über Jahre in einer Stadt nach der anderen austragen mußte, gelitten.

Bolitho hatte sich eingebildet, daß der Fall mit seinem Eingreifen erledigt war. Aber es kam anders. Stockdale fügte sich in den Rhythmus an Bord, als habe er jahrelang auf einem Schiff gelebt. Trotz seiner Körperkraft war er sanft und geduldig, und nur etwas brachte ihn dazu, seine ruhige Lebensweise zu durchbrechen: Sobald Bolitho das Schiff wechselte, folgte er ihm.

Anfänglich entschloß sich Bolitho, diese Tatsache zu ignorieren. Als er jedoch nach einiger Zeit ein eigenes Kommando erhielt und einen persönlichen Bootsführer brauchte, war Stockdale da und bereit. Genau wie jetzt.

Stockdale starrte mit leerem Blick regungslos über das Wasser. Jetzt drehte er sich zu Bolitho um, runzelte die Stirn und sah seinem Kapitän aus besorgten, dunkelbraunen Augen wortlos entgegen.

Bolitho lächelte undurchsichtig. »Alles klar, Stockdale?«

Der Mann nickte langsam. »Ihre Seekisten sind im Boot verstaut, Sir.« Er sah zu der wartenden Bootsmannschaft hinüber. »Ich habe mit den Burschen ein paar Worte geredet und ihnen gesagt, wie von nun an alles zu geschehen hat.«

Bolithos stieg in das Boot und zog den Mantel enger um sich. Stockdale knurrte einen Befehl, und das Boot legte ab.

»Riemen bei! Ruder an!« Stockdale legte das Ruder an und behielt dabei gleichzeitig die Mannschaft im Auge, als das Boot herumschwang und in die erste Welle stieß.

Bolitho musterte die Leute an den Riemen aus zusammengekniffenen Augen. Alle mieden sorgsam seinen prüfenden Blick. Der neue Kapitän – jeder Kapitän – kam gleich nach Gott. Er konnte einen Mann befördern oder züchtigen, belohnen oder an eine Rah hängen. Und segelte ein Schiff außerhalb eines Geschwaders auf hoher See, wurde diese Macht dem Temperament des jeweiligen Kapitäns entsprechend ausgeübt, wie Bolitho nur zu gut wußte.

Das Boot schoß in das offene Wasser hinaus. Bolitho dachte nicht länger an die schwer pullenden Seeleute, sondern richtete alle Aufmerksamkeit auf die Fregatte. Jetzt, da sie näher kamen, konnte er das stetige Auf und Ab des anmutigen Schiffes sehen, das in dem auffrischenden Wind an der steifen Ankerkette zerrte. Er sah sogar, wie das Kupfer hell aufglänzte, als die Fregatte ihr Unterwasserschiff zeigte. Und als sie leicht überholte, konnte er die Geschäftigkeit auf dem Hauptdeck erkennen. Achtern, beim Fallreep, bemerkte er das säuberlich ausgerichtete rote Karree der Marinesoldaten, die bereits zu seiner Begrüßung aufgezogen waren. Und für einen Augenblick trug der Wind den Klang schrillender Pfeifen und heiserer Befehle zu ihm herüber.

Die Phalarope ist ein schönes Schiff, dachte Bolitho, hundertundvierzig Fuß Kraft und Anmut. Von der vergoldeten Galionsfigur, einem seltsamen Vogel auf dem Rücken eines Delphins, bis zum schnitzereiverzierten Heck mit der wehenden Flagge darüber war sie der lebendige Beweis für die Kunst des Erbauers.

Nun erkannte Bolitho auch die Offiziere, die auf dem Achterdeck warteten. Mehr als einer hielt sein Fernglas auf das Boot gerichtet. Er zwang sein Gesicht zu einer gelassenen Maske, unterdrückte gewaltsam jede Erregung und dachte nicht an die Herausforderung, die von dem Schiff ausging.

»Boot ahoi!« Der Wind fing den Ruf und schleuderte ihn zu den kreischenden Möwen hinauf.

Stockdale legte die Hände trichterförmig um den Mund und rief: »Phalarope!« Für die wartenden Offiziere gab es keinen Zweifel mehr, daß sich ihr neuer Gebieter näherte.

Bolitho knöpfte den Mantel auf und schob ihn über die Schultern zurück. Die goldenen Litzen und das Gehänge seines Degens schimmerten in dem verwaschenen Licht. Die Fregatte wurde größer und größer, bis sie zuletzt über dem Boot aufragte und alles andere auslöschte.

Während die Leute das Boot zum Fallreep manövrierten, ließ Bolitho die Augen langsam über die Masten, die Rahen und das laufende Gut wandern. Kein Zeichen von Nachlässigkeit. Alles war, wie es sein sollte. Der Rumpf war ordentlich gestrichen, und sowohl das dicke Blattgold der Galionsfigur als auch das Gold am breitfenstrigen Heck zeigte, daß der vorige Kapitän einen guten Teil seines eigenen Geldes in das Schiff gewandt hatte.

Der Gedanke an gut angelegtes Geld erinnerte Bolitho an seine Seekisten in der Achterplicht. Über tausend Pfund an Prisengeld hatte er von Westindien zurückgebracht. Doch bis auf die neuen Uniformen und einige wenige Annehmlichkeiten konnte er wenig dafür vorweisen. Und nun sollte er wieder auf die See hinaus, wo das Messer eines Meuterers seinem Leben ebenso schnell ein Ende bereiten konnte wie eine französische Kanonenkugel, wenn er nicht ständig auf der Hut war. Er entsann sich auch der Warnung des Admirals: »Wenn Sie es nicht schaffen, kann nicht einmal ich Ihnen helfen!«

Das Boot ging längsseit, und sein Rollen hätte ihm beinahe die Füße unter dem Leib weggezogen, als er vom Dollbord absprang und die gischtübersprühte Bordwand hinaufkletterte.

Er versuchte, sich gegen den Lärm zu verschließen, der ihn begrüßte, gegen die schrillen Pfeifen der Bootsleute und das Knallen der Gewehrkolben, als die Seesoldaten präsentierten. Es war zu leichtsinnig und zu gefährlich, die Wachsamkeit auch nur eine Sekunde zu vergessen. Zu gefährlich sogar, diesen Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte, bis ins Letzte zu genießen.

Ein großer, kräftig gebauter Leutnant trat vor und zog den Hut. »Leutnant Vibart, Sir. Ich bin der Rangälteste.« Seine Stimme klang belegt und kratzend. Sein Gesicht blieb unbewegt.

»Danke, Mr. Vibart.« Bolithos Augen glitten an Vibart vorbei über die ganze Länge des Schiffes. Auf den Planken, die die Back mit dem Achterdeck verbanden, drängten sich schweigend die Leute. Andere waren in die Wanten geklettert, um ihren Kapitän besser sehen zu können. Bolithos Blicke wanderten über die gut ausgerichteten Reihen der Geschütze, die hinter den geschlossenen Pforten festgezurrt waren. Ein guter Mann, dieser Erste Leutnant, was Geschick und äußere Erscheinung anlangte, dachte Bolitho.

Vibart sagte mürrisch: »Mr. Okes und Mr. Herrick, der Zweite und der Dritte Leutnant, Sir.«

Bolitho nickte, sein Ausdruck blieb unverbindlich.

Zwei junge Offiziere, mehr nahm er nicht wahr. Die Menschen hinter den fremden Gesichtern würden später auftauchen. Jetzt war es wichtiger, daß sie von ihm einen klaren Eindruck gewannen.

»Lassen Sie alle Mann achtern antreten, Mr. Vibart.« Bolitho zog seine Ernennungsurkunde aus der Innentasche des Mantels und entrollte sie, als die Leute vor ihm standen. Sie sahen gesund aus, aber ihre Kleidungsstücke glichen Lumpen. Einige steckten offenbar noch in den jetzt völlig zerfetzten Sachen, die sie getragen hatten, als sie zum Dienst gepreßt wurden. Er biß sich auf die Lippen. Das mußte geändert werden, und zwar sofort. Einheitliche Kleidung war überaus wichtig. Uniformität unterband den Neid unter den Leuten und wenn auch nur den Neid auf ein paar armselige alte Fetzen.

Bolitho begann zu lesen. Seine Stimme klang fest durch das Pfeifen des Windes und das stete Sirren der Takelage. Das Schriftstück war an Richard Bolitho, Esquire, gerichtet und forderte ihn auf, sich unverzüglich an Bord der Fregatte Seiner Britischen Majestät Phalarope zu begeben und als Kapitän die Verantwortung und die Befehlsgewalt zu übernehmen. Bolitho beendete die Verlesung, rollte das Pergament zusammen und blickte zu den Männern hinunter. Was dachten sie, was hofften sie in diesem Augenblick?

»Ich werde den Leuten gleich noch mehr sagen, Mr. Vibart.« Funkelte in den tiefliegenden Augen des Leutnants etwas wie Ärger auf? Bolitho ignorierte es. Vibart schien alt für seinen Rang, mochte gut sieben oder acht Jahre älter sein als er. Die Aussicht auf ein eigenes Kommando durch die plötzliche Ankunft eines anderen zerschlagen zu sehen, war sicher nicht angenehm. »Sind Sie in jeder Hinsicht klar zum Ankerlichten?«

Vibart nickte. »Ja, Sir.« Es klang, als wollte er sagen: »Natürlich!« »Wir haben vor einer Woche hierher verholt. Ein Leichter hat heute vormittag Frischwasser gebracht. Entsprechend den Befehlen des Admirals sind wir mit allem voll ausgerüstet.«

»Sehr gut.« Bolitho wandte sich wieder der Mannschaft zu. Sir Henry Langford hat dem Zufall keine Chance eingeräumt, dachte er trocken. Indem er das Schiff mit allem Notwendigen ausrüstete und in einiger Entfernung von Land vor Anker gehen ließ, unterband er jede Möglichkeit, daß der Ungeist des Schiffs die Flotte vergiftete. Bolitho sehnte sich nach einigen Minuten des Alleinseins, um seine Order in Ruhe zu lesen. Sicher würde sie ihm einen weiteren Schlüssel für die Lösung des Rätsels geben.

Er räusperte sich. »Nun, Leute, will ich euch etwas über unsere Bestimmung sagen.« Ihnen würde klarsein, daß er noch keine Zeit gehabt hatte, seine Offiziere vorher zu informieren, und dieser Beweis des Vertrauens konnte helfen, die Kluft zwischen Achterdeck und Back zu überbrücken.

»England kämpft um sein Weiterbestehen. Während wir hier untätig vor Anker liegen, befindet sich unser Land im Krieg mit Frankreich und Spanien, mit den Holländern und den rebellierenden Kolonialisten in Amerika. Jedes einzelne Schiff wird für den Sieg benötigt. Jeder von euch ist wichtig für unsere gerechte Sache.« Bolitho hielt einige Sekunden inne. Seine Leute auf der Sparrow hätten jetzt Hurra gerufen und Beteiligung gezeigt. Bolithos Blicke glitten über die dichtgedrängten, ausdruckslosen Gesichter, und er fühlte sich plötzlich einsam und empfand Sehnsucht nach seiner kleinen Korvette.

Er gab seiner Stimme einen härteren Klang. »Wir segeln noch heute nach Falmouth.« Er riß sich zusammen. »Und von dort nach Westindien, um uns Sir Samuel Hood im Kampf gegen die Franzosen und ihren Verbündeten anzuschließen.«

Keiner der Männer sagte etwas. Aber aus der dichtgedrängten Menge unter ihm löste sich etwas wie ein schmerzliches Stöhnen. Ein Maat knurrte: »Ruhe an Deck! Maul halten, Kerls.«

Bolitho setzte hinzu: »Ich verlange eure Loyalität. Ich werde meine Pflicht tun und erwarte, daß ihr die eure tut.« Er drehte sich um. »Machen Sie weiter, Mr. Vibart. Wir segeln in einer Stunde. Vergewissern Sie sich, daß alle Boote festgezurrt sind. Und dann lassen Sie bitte den Anker kurzstag holen.« Bolithos Ton war kalt und endgültig. Doch der Leutnant vertrat ihm den Weg. Seine Lippen zuckten nervös.

»Aber, Sir, Westindien!« Er rang nach Worten. »Gott, wir sind seit zwei Jahren ununterbrochen Blockade gelaufen!«

Bolitho antwortete so laut, daß ihn auch die anderen Offiziere verstehen konnten. »Und ich bin sechs Jahre fortgewesen, Mr. Vibart!« Er ging nach achtern, wo Stockdale wortlos am Kajütsniedergang stand, durch den er sich zurückziehen konnte. »In zehn Minuten alle Offiziere und die rangältesten Unteroffiziere bitte in meine Kajüte!«

Er stieg leichfüßig den Niedergang hinunter und duckte sich automatisch unter den niedrigen Decksbalken. Achtern, unter einer schwingenden Laterne, salutierte ein Seesoldat neben der Tür der Kapitänskajüte. Hinter dieser Tür, dachte Bolitho, ist der einzige Platz an Bord, wo ich allein nachdenken kann.

Stockdale hielt die Tür auf, und Bolitho betrat die Kajüte. Nach dem beengten und spartanischen Quartier auf der Sparrow wirkte sie fast geräumig.

Die schrägen Heckfenster liefen über die ganze Breite der Hauptkajüte. Hinter den dicken Scheiben zeigten sich das unruhige Wasser und der feindselige, graue Himmel. Die Luft war schwer und feucht, und wieder fröstelte ihn. Gut, in die Sonne zurückzukehren, dachte er, wieder blaue See und goldenes Licht durch diese Fenster zu sehen.

Hinter einer Trennwand lag sein Schlafraum, hinter einer anderen ein kleiner Kartenraum. Die Hauptkajüte enthielt einen Tisch mit dazu passenden Stühlen, den mit einer Brüstung versehenen Schreibtisch und eine Garderobe für seine Uniform, die Stockdale eben auspackte.

Zu beiden Seiten der Kajüte standen, jetzt unter einer Persenning diskret verborgen und festgezurrt, große Zwölfpfünder. Selbst hier, in der Domäne des Kapitäns, würde die Luft voll Pulverqualm und Tod sein, wenn die Fregatte erst in einen Kampf verwickelt wurde.

Bolitho setzte sich auf die gepolsterte Bank unter den Fenstern. Er ignorierte Stockdales leise Bewegungen und die Schiffsgeräusche und studierte seine Order.

Über die üblichen Weisungen hinaus enthielten sie nichts. An Bord befand sich ein Sonderkommando Marinesoldaten mit einem Hauptmann an der Spitze statt des sonst üblichen Sergeanten. Das war interessant. Wenn alle anderen Mittel fehlschlugen, so meinte Sir Henry Langford offensichtlich, konnte Bolitho sich noch immer mit der Achterwache verteidigen.

Bolitho warf die Pergamente auf den Tisch und runzelte die Stirn. Er wollte keinen Schutz, er wollte Loyalität. Nein, er brauchte Loyalität.

Der Kajütboden neigte sich, und über sich hörte er das Klatschen nackter Füße. Wie die Dinge auch lagen, er war froh, das Land hinter sich zu lassen. Auf See hatte man Platz zum Denken und Raum zum Handeln. Begrenzt war nur die Zeit.

Genau zehn Minuten nachdem Bolitho das Achterdeck verlassen hatte, betraten die Offiziere einer nach dem anderen die Kajüte. Vibart, der wegen der Decksbalken leicht gebückt stand, stellte sie mit kratzender Stimme dem Rang nach vor.

Okes und Herrick, die beiden anderen Offiziere, und Daniel Proby, der Steuermann. Er war alt und verwittert wie eine geschnitzte Holzfigur, und unter dem abgetragenen Rock zeichneten sich fallende Schultern ab. Er hatte ein kummervolles Gesicht und die traurigsten Augen, die Bolitho je gesehen hatte. Dann kam Hauptmann Rennie von den Seesoldaten, ein schlanker und gelassen wirkender Mann mit scheinbar trägen Blicken. Zumindest dieser Mann vermutet, daß noch allerlei Unruhe bevorsteht, dachte Bolitho.

Die drei Fähnriche hielten sich im Hintergrund. Farquhar war der älteste, und Bolitho spürte etwas wie Unbehagen, als er die schmalen Lippen und den hochmütigen Ausdruck des jungen Menschen studierte. Der Neffe des Admirals konnte ein Verbündeter werden, aber ebensogut ein Zuträger sein. Neale und Maynard, die anderen jungen Herren, schienen einigermaßen erfreulich zu sein, wenn sie auch die übliche, leicht lädierte Schnoddrigkeit zur Schau trugen, derer sich fast alle Fähnriche als Waffe gegen die Offiziere wie gegen die Mannschaften bedienten. Neale war klein und rundlich, er konnte nicht älter als dreizehn sein. Maynard, scharfäugig und mager wie ein Hecht, beobachtete seinen Kapitän mit einem starren und forschenden Ausdruck, in den man alles hineinlegen konnte.

Dann die rangältesten Unteroffiziere, die Berufsseeleute. Evans, der Proviantmeister, ein kleines Frettchen in einem glatten dunklen Rock, wurde überragt von Ellice, dem rotgesichtigen und schwitzenden Schiffsarzt, der aus bekümmerten, feuchten Augen um sich blickte.

Bolitho stand mit dem Rücken zur Fensterwand, die Hände hinter sich verschränkt. Er wartete, bis Vibart die Vorstellung beendet hatte, und sagte dann: »Wir werden einander sehr bald besser kennenlernen, meine Herren. Im Augenblick lassen Sie mich nur sagen, ich erwarte, daß Sie Ihr Bestes tun, um die Leute zu einer tüchtigen Mannschaft zusammenzuschweißen. Als ich Westindien verließ, standen die Dinge nicht gut für England. Es ist anzunehmen, daß die Franzosen unsere vielfältigen militärischen Verpflichtungen zu ihrem Vorteil nutzen werden. Wir werden bestimmt in Kämpfe verwickelt werden, und dann möchte ich, daß sich das Schiff bewährt.« Bolitho betrachtete die Gesichter, versuchte, den Vorhang der Wachsamkeit zu durchdringen. Sein Blick fiel auf Herrick, den Dritten Leutnant. Herrick war offenbar ein fähiger Offizier. Aber sein rundes Gesicht zeigte die Wachsamkeit eines Menschen, der, schon einmal betrogen, einem ersten Eindruck nicht mehr traut.

Herrick sah zu Boden, als Vibart sagte: »Darf ich fragen, Sir, ob wir wegen der Unruhe, die wir an Bord hatten, nach Westindien geschickt werden?« Er suchte Bolithos graue Augen, und sein Ton klang herausfordernd.

»Sie dürfen fragen.« Bolitho musterte ihn genau. Vibart hatte etwas Beherrschendes, eine innere Kraft, die die anderen zu bloßen Zuschauern zu degradieren schien.

»Ich habe die Berichte und Logbücher genau gelesen«, sagte er ruhig. »Und ich bin zu dem Schluß gekommen, daß die halbe Meuterei«, er betonte das letzte Wort, »mindestens zur Hälfte durch Nachlässigkeit verursacht wurde.«

Vibart erwiderte hitzig: »Kapitän Pomfret vertraute seinen Offizieren, Sir!« Er deutete auf die Bücher auf dem Tisch. »Aus den Logbüchern können Sie ersehen, daß das Schiff alles getan hat, was von ihm erwartet werden konnte.«

Bolitho zog eins der zuunterst liegenden Bücher hervor und bemerkte, wie Vibart eine Sekunde lang unsicher wurde.

»Mir ist schon oft aufgefallen, daß ein Strafregister mehr über die Tüchtigkeit eines Schiffs aussagt als vieles andere.« Er schlug lässig die Seiten um und verbarg gewaltsam den Ekel, den er bei der ersten Durchsicht empfunden hatte. »In den letzten sechs Monaten sind der Mannschaft mehr als tausend Hiebe verabreicht worden.« Seine Stimme klang kalt. »Einige Männer haben vier Dutzend auf einmal bekommen. Ein Mann ist offenbar nach der Bestrafung gestorben.«

Vibart sagte heiser: »Mit Laschheit beherrscht man die Leute nicht, Sir.«

»Auch nicht durch sinnlose Grausamkeit, Mr. Vibart!« Bolithos Stimme glich einer Peitsche. »Ich wünsche, daß auf meinem Schiff künftig nicht Brutalität, sondern das gute Vorbild regiert.« Er bemühte sich, seine Stimme wieder unter Kontrolle zu bekommen. »Außerdem wünsche ich, daß jeder Mann aus der Kleiderkammer anständige Sachen bekommen hat, ehe wir Falmouth erreichen. Dies ist ein Schiff des Königs, keine spanische Sklavengaleere.«

In das schwere Schweigen, das plötzlich in der Kajüte herrschte, drangen die Geräusche des Schiffs und der See. Man hörte, wie die Decksausrüstung klapperte und knarrte, wie die Tide um das Ruder spülte, und vernahm gedämpfte Befehle. Das alles vertiefte Bolithos Gefühl der Einsamkeit.

Er fuhr ruhig fort: »In Falmouth müssen wir alles daransetzen, unsere Besatzung auf die volle Zahl zu bringen. Ich werde Kommandos aus vertrauenswürdigen Leuten an Land schicken, um geeignete Männer für den Dienst zu rekrutieren. Keine Krüppel und Knaben, sondern Männer. Haben Sie mich verstanden?«

Die meisten nickten. Leutnant Okes sagte vorsichtig: »Ich habe von Ihren Taten in der Gazette gelesen, Sir.« Er schluckte krampfhaft und sah flüchtig zu Herrick hinüber. »Ich glaube, das ganze Schiff schätzt sich glücklich, Sie als Kapitän zu haben.« Während die Worte verklangen, fingerte er nervös an seinem Degen.

Bolitho nickte. »Danke, Mr. Okes.« Er konnte es sich nicht leisten, mehr hinzuzufügen. Okes konnte auf Bevorzugung aus sein oder darauf, zurückliegende Verfehlungen zu kaschieren. Aber immerhin, es war ein Anfang.

Er setzte hinzu: »Was Kapitän Pomfret tat oder nicht tat, kann ich nicht ändern. Ich habe meine eigenen Vorstellungen von der Führung eines Schiffes und erwarte, daß sie stets beachtet werden.« Aus den Augenwinkeln bemerkte er, daß der Steuermann zweifelnd den Kopf schüttelte. »Möchten Sie etwas sagen, Mr. Proby?«

Der alte Mann schaute hastig hoch. »Äh … nein, Sir. Mir ging bloß durch den Sinn, daß es eine Abwechslung sein wird, wieder auf hoher See zu navigieren statt zwischen Klippen und Sandbänken.« Er lächelte, wodurch er nur noch kummervoller aussah. »Die jungen Herren werden von der langen Fahrt zweifellos profitieren.«

Es war ernst gemeint, aber Fähnrich Neale stieß seinen Gefährten Maynard heimlich an, und beide kicherten. Dann bemerkte Neale, wie Vibart die Stirn runzelte, und blickte hastig zu Boden.

Bolitho nickte. »Also gut, meine Herren. Bereiten Sie alles zum Ankerlichten vor. Ich komme in zehn Minuten an Deck.« Er fing Vibarts Blick auf. »Es wird mich interessieren, die Männer an ihren Stationen zu sehen, Mr. Vibart. Ein bißchen Segeldrill wird sie eine Weile von ihren unruhigen Gedanken ablenken.«

Die Offiziere gingen einer nach dem anderen hinaus. Stockdale schloß die Tür. Bolitho setzte sich und starrte auf die Papier- und Bücherstapel. Er hatte versucht, Zugang zu ihnen zu finden, aber es war ihm nicht gelungen. Eine Barriere war da, ein Schild aus Ressentiments. Oder war es Furcht? Das mußte er selber herausfinden. Er konnte keinem einzigen trauen, sich niemandem anvertrauen, bis er sich des Grundes, auf dem er stand, sicher war.

Er sah Stockdale an und fragte ruhig: »Nun, wie gefällt dir die Phalarope?«

Stockdale schluckte heftig. »Ein gutes Schiff, Sir.« Er nickte bedächtig. »Aber von dem Fleisch, das sie zwischen den Spanten hat, halte ich nicht viel.« Er legte Bolithos Degen neben den Pistolenständer und fügte hinzu: »Ich würde Degen und Pistole immer griffbereit halten, Captain. Für alle Fälle.«

Richard Bolitho stieg den Niedergang zum Achterdeck hinauf und ging langsam zur Luvreling. Auf der Fregatte herrschte lebhafte Tätigkeit. Männer standen am Gangspill, andere warteten mit ihren Maaten unter den Masten. Bolitho taxierte den Wind und blickte kurz zum Wimpel am Masttopp hinauf. Das Schiff zerrte heftig und wie verdrossen an der Ankerkette, als wollte es ebenfalls von Land fort, und Bolitho zügelte seine Ungeduld, während er wartete und die letzten Vorbereitungen beobachtete.

Die Decks glänzten vor Sprühregen und Spritzwasser, und Bolitho merkte plötzlich, daß er bereits bis auf die Haut durchnäßt war. Aber vielleicht war es ganz gut, wenn seine Matrosen ihn so sahen, nicht in den Wachrock gehüllt, sondern vor dem Wetter genauso ungeschützt wie sie.

An der Leereling bemerkte er Fähnrich Maynard. Und wiederum dankte er Gott für die Fähigkeit, sich Namen merken zu können, selbst wenn er sie nur einmal gehört hatte.

»Sie sind Signalfähnrich, Mr. Maynard?« Der Junge, dessen magerer Körper sich wie eine Vogelscheuche gegen das mürrische Wasser abzeichnete, nickte. »Sehr gut. Signalisieren Sie dem Flottenkommando, daß wir klar zum Auslaufen sind.«

Er sah die Flaggen hochsteigen, vergaß sie jedoch, als Vibart mit gefurchter Stirn nach achtern kam.

»Anker ist kurzstag, Sir!« Er berührte seinen Hut. »Und die Ladung gesichert.«

»Sehr gut.« Bolitho hob sein Fernrohr und sah nach den Flaggen, die am Signalturm drüben hochstiegen. Vielleicht verfolgte der Admiral von seinem warmen Zimmer im King George aus das Manöver.

»Antwort, Sir!« rief Maynard. »Gute Fahrt und viel Glück!«

Bolitho übergab Stockdale sein Fernrohr und verschränkte die Hände unter den Rockschößen. »Lassen Sie bitte Segel setzen. Passieren Sie die Landzunge in Luv.« Er wollte sich heraushalten. Er würde beobachten, jeden einzelnen Mann. Und jeder würde das wissen.

Die Maaten brüllten ihre Befehle. »Marssegel setzen!«

Die Wanten wimmelten plötzlich von Leuten, als die Toppgasten so geschickt und sicher wie Katzen nach oben kletterten. Wer zu langsam war, wurde von den Maaten durch Schläge mit Faust oder Tampen erbarmungslos angetrieben.

»Anker auf!« Mr. Quintal, dessen Brustkasten einer Trommel glich, schwang seinen Stock über den arbeitenden Männern auf dem Vorschiff. »Los, ihr winselnden alten Weiber!« Sein Stock sauste herab, und ein Mann schrie auf. »Hievt! Hievt!« Das Gangspill ruckte an und drehte sich dann gleichmäßig. Die triefende Kette kam herein.

»Vorsegel setzen!« Der Schrei pflanzte sich über Deck fort wie Gesang. Oben killten und schlugen die befreiten Segel im Wind, und die Männer kletterten wie Ameisen auf die schwingenden Rahen hinaus, rangen und kämpften mit jeder sich entfaltenden, widerspenstigen Leinwand.

Bolitho ignorierte das Spritzwasser und beobachtete, wie die Männer von einer Arbeit zur anderen hetzten. Jetzt, da die Toppgasten oben waren, fiel die Knappheit an Leuten noch mehr ins Auge.

Herrick rief vom Bug: »Anker auf, Sir!«

Die Fregatte fiel ab und krängte schwer, als eine Böe sie traf und aufs Wasser zu pressen drohte.

Vibart krächzte: »An die Brassen! Vorwärts!«

Die Leute an den Brassen legten sich keuchend ins Zeug, bis die großen Rahen knarrend herumschwangen. Der Wind füllte die Segel, und die sich blähende Leinwand donnerte. Die Phalarope drehte ab und nahm Fahrt auf.

Als der Anker gekattet und gefischt war, sank das Land an Steuerbord zurück, die Insel Wight blieb hinter dem Regen- und Gischtvorhang fast verborgen.

Alles knarrte und knallte, während das Schiff weiter auf den befohlenen Kurs eindrehte; die Wanten und Fallen summten und wimmerten wie die Saiten eines verrückten Orchesters.

Bolitho beobachtete die oben nicht mehr benötigten Leute. Sie rutschten die Stagen hinab und unterstützten die Leute an den Brassen. »Legen Sie sie auf Backbordbug, Mr. Vibart.« Er schaute über die Heckreling und versuchte sich daran zu erinnern, was an Kapitän Pomfret so furchtbar gewesen war. Er dachte an die kalten Augen des Mannes, an die eingeschüchterten Gesichter der Leute.

Proby stand mit gekrümmtem Rücken neben dem Rudergänger. Sein verbeulter Hut saß ihm wie ein Kerzenlöscher auf den Ohren. »Lassen Sie sie laufen, Mr. Proby«, sagte Bolitho. »Später müssen wir vielleicht reffen, aber ich möchte Falmouth so schnell wie möglich erreichen.«

Der Steuermann musterte die schlanke Gestalt des Kapitäns und saugte an den Zähnen. Pomfret hatte die Fregatte nie frei laufen lassen. Jetzt flog sie wie verrückt dahin, als sich immer mehr Segel an den Rahen entfalteten und sich knatternd mit Wind füllten. Er blickte zu den Masttopps hinauf und meinte beinahe zu sehen, wie sie sich bogen. Aber er sah nicht mehr allzu gut, daher unterließ er jede Bemerkung.

Vibart stand an der Achterdeckreling. Einen Fuß auf dem Schlitten einer Karronade, beobachtete er aus zusammengekniffenen Augen die Leute an ihren Stationen. Einmal blickte er nach Portsmouth zurück, wo Pomfret das Schiff hatte verlassen müssen, wo Bolitho an Bord gekommen war, um ihn zu ersetzen und dadurch seine, Vibarts, Chance auf Beförderung zunichte gemacht hatte.

Er betrachtete Bolithos Profil, und Wut loderte in ihm auf wie Feuer. Zwischen Portsmouth und Hoods Geschwader lagen fünftausend Seemeilen. Bis sie dort waren, konnte noch viel passieren.

Er fuhr hoch, als Bolitho brüsk sagte: »Entlassen Sie die Wache unter Deck, und verdoppeln Sie die Leute im Ausguck.« Er wies auf den offenen Kanal. »Hier ist jeder ein Feind.« Und mit einem nachdenklichen Blick auf Vibart ging er nach unten.

II Flucht vor den Preßkommandos

Die Mannschaft der Gig pullte mit gleichmäßigem Schlag auf die steinerne Anlegestelle zu. Die Männer waren erleichtert, als Stockdale den Befehl »Riemen ein« knurrte und der Bugsgast mit dem Bootshaken nach einem Ringbolzen angelte.

Bolithos Blick ging zur Fregatte zurück. Die Phalarope lag in der Falmouth Bay sicher vor Anker. Ihr glatter Umriß hob sich schwarz und scharf gegen die See und die Sonne ab, die schließlich doch durch die treibenden Wolkenfetzen gebrochen war. Das Schiff hatte sich der Landspitze nur langsam genähert, und er hegte keinerlei Zweifel, daß seine Anwesenheit längst gemeldet worden war und jeder gesunde Mann der Stadt die rechtzeitige Warnung genutzt hatte, um vor dem gefürchteten Preßkommando zu fliehen.

Leutnant Thomas Herrick saß stumm neben ihm. Er hatte sich in seinen Mantel gehüllt und spähte zu den regennassen Bergen hinter der Stadt und auf die grauen Mauern der Zitadelle oberhalb Carrick Roads. In der Geborgenheit der Reede lagen mehrere kleine Schiffe vor Anker. Küstenfahrzeuge und dickbäuchige Fischerboote erfreuten sich des Schutzes, den dieser Ankerplatz bot.

»Ein Spaziergang wird uns guttun, Mr. Herrick«, sagte Bolitho. »Könnte für eine Weile die letzte Möglichkeit dazu sein.« Er stieg steif aus dem Boot und wartete, bis Herrick ihm die ausgetretenen Stufen hinauf gefolgt war. Ein alter Seemann mit grauem Bart rief: »Willkommen, Kapitän. Feines Schiff, das Sie da draußen haben.«

Bolitho nickte. Er stammte selbst aus Cornwall, war in Falmouth geboren. Daher wußte er nur zu gut, daß kein jüngerer Mann es wagen würde, sich hier aufzubauen und einem Offizier des Königs mit müßigen Bemerkungen zu kommen. Fregatten waren zu beschäftigt, um einen Hafen anzulaufen, es sei denn, sie wollten Leute ausheben.

Genau das hatte Vibart geltend gemacht, während die Phalarope mit im Wind donnernden Segeln durch die Nacht schoß. Doch als Bolitho seinen Plan darlegte, schwieg sogar er.

In seiner Jugend hatte Bolitho häufig Kriegsschiffe in die Bucht einlaufen sehen. Und er hatte gehört, wie die Nachricht durch die engen Straßen gerufen wurde. Wie ein Alarmsignal ging der Ruf von einem Haus zum anderen. Die jungen Männer warfen dann ihre Arbeit hin, verabschiedeten sich hastig von ihren Familien und Freunden und zogen sich in die Sicherheit der Berge zurück. Von dort konnten sie alles beobachten und warten, bis das Schiff wieder Segel setzte und unter dem Horizont verschwand.

Über die Hügel lief eine schlechte Küstenstraße von Falmouth in nordöstlicher Richtung nach Gerrans Bay und St. Austeil. Kein Preßkommando würde sich die Mühe machen, die Leute bis dort zu verfolgen. Die Männer der Preßkommandos wußten nur zu gut, daß sie durch ihre Waffen so behindert waren, daß alle Anstrengungen vergeblich bleiben mußten. So konzentrierten sie sich auf die wenigen Leute, die langsam oder dumm genug waren, den Männern des Königs einen leichten Fang zu erlauben.

In pechschwarzer Nacht hatte Bolitho das Schiff unter Land gebracht und beigedreht, wobei es durch den steifen Wind und die schnelle ablandige Strömung gefährlich krängte. Old Proby hatte zuerst gezweifelt, dann aber seine Bewunderung offen gezeigt. Hier gab es keine Leuchtfeuer, und bis auf einen nebelhaften Schatten bewies nichts, daß Bolitho genau den Punkt unterhalb Gerrans Bay getroffen hatte, an dem die Karte einen winzigen, halbmondförmigen Streifen Strand auswies.

Bald nachdem Portsmouth hinter ihnen lag, war ein Landungskommando zusammengestellt worden. Die ausgewählten Leute, deren Gesichter im Licht einer Blendlaterne bleich schimmerten, hatten unterhalb des Achterdecks Bolithos Instruktionen entgegengenommen.

»Ich setze euch in zwei Kuttern an Land. Es werden zwei Gruppen gebildet. Mr. Vibart und Mr. Maynard führen die eine, und Mr. Farquhar führt die andere.« Bolitho suchte das ernste Gesicht von Brock, dem ersten Stückmeister. »Mr. Brock gehört ebenfalls zur zweiten Gruppe.« Sich selbst überlassen, wäre Farquhar womöglich zu draufgängerisch. Brocks Erfahrung würde ein guter Ausgleich sein.

»Wie ich Falmouth kenne, werden sich die Männer, hinter denen wir her sind, so schnell wie möglich über die Küstenstraße davongemacht haben. Wenn die beiden Kommandos auf der Straße von Pendower Beach herauf ein gutes Marschtempo vorlegen, werden ihnen die Leute direkt in die Arme laufen. Das macht uns die Auswahl leichter, denke ich.« Bolitho bemerkte, daß Brock anerkennend nickte. »Die Boote kehren zum Schiff zurück, und die Kommandos marschieren mit den Leuten direkt nach Falmouth.« Einige Männer seufzten, und Bolitho fügte ruhig hinzu: »Es sind nur fünf Meilen. Immer noch besser, als für nichts und wieder nichts die ganze Stadt zu durchkämmen.«

So hatten seine Befehle gelautet. Und jetzt ging er mit Herrick die ansteigende Straße zu den sauberen Häusern hinauf, wobei er auf dem Kopfsteinpflaster, an das er sich so gut erinnerte, ab und zu ausglitt. Zu diesem Zeitpunkt mußte Vibart bereits einige Leute aufgebracht haben. Wenn das nicht der Fall war, wenn ihm, Bolitho, eine Fehlkalkulation unterlaufen war, würde das die Spannungen auf der Phalarope nur noch steigern.

Leutnant Okes war an Bord geblieben. Bis zu Bolithos Rückkehr trug er die Verantwortung für das Schiff; Hauptmann Rennies Seesoldaten sollten in der Lage sein, jeden aufzuhalten, der noch immer zu desertieren hoffte. Selbst ein Verzweifelter würde es sich zweimal überlegen, bei der bewegten See von der Fregatte bis zum Land zu schwimmen.

Er sah Herrick flüchtig an. »Sie sind zwei Jahre an Bord, glaube ich?« fragte er unvermittelt. Herricks Blick wurde sofort mißtrauisch. Der Leutnant hatte ein offenes, angenehmes Gesicht, und doch verriet es von einer Sekunde zur anderen jene Zurückhaltung und Vorsicht, welche die Haltung der ganzen Besatzung kennzeichnete. »Dem Logbuch nach waren Sie Wachoffizier, als die Unruhe ausbrach?«

Herrick preßte die Lippen zusammen. »Ja, Sir. Wir kreuzten von Lorient herauf. Es war während der Mittelwache und ruhig für die Jahreszeit.«

Bolitho bemerkte Herricks Unsicherheit und spürte einen Anflug von Mitleid. Es war nicht einfach, der Dritte Offizier eines Kriegsschiffs zu sein. Ohne Glück oder Einfluß wurde man nur schwer und langsam befördert. Er erinnerte sich an seine erste Chance. Wie leicht hätte alles anders kommen können, aber mehrere glückliche Zufälle trafen zusammen. Zur Zeit der amerikanischen Rebellion fuhr er als Leutnant auf einem Linienschiff. Man übertrug ihm das Prisenkommando einer gekaperten Brigg. Während er nach Antigua segelte, stieß er auf einen Freibeuter. Er täuschte den gegnerischen Kapitän, der die Brigg noch immer für einen Verbündeten hielt. Seine Leute enterten das Schiff, ein schneller und wilder Waffengang, und die Prise war sein. Bei der Ankunft in Antigua hieß ihn der Oberbefehlshaber wie einen Helden willkommen, denn Siege waren selten, Niederlagen hingegen nur zu häufig.

So übertrug man ihm mit zweiundzwanzig Jahren das Kommando der Sparrow. Wieder war Glück im Spiel. Der Kapitän der Korvette war an Fieber gestorben, und ihr Erster Leutnant war für den begehrten Posten zu jung gewesen.

Er unterdrückte die aufkeimende Teilnahme. »Wie viele Männer waren an der Meuterei beteiligt?«

»Nicht mehr als zehn«, antwortete Herrick bitter. »Sie versuchten, einen Matrosen namens Fisher zu befreien. Kapitän Pomfret hatte ihn am Tag zuvor wegen Insubordination auspeitschen lassen, weil er sich über das schlechte Essen beschwerte.«

Bolitho nickte. »Das ist nicht ungewöhnlich.«

»Aber dem Kapitän reichte es noch nicht.« Herricks Worte überschlugen sich jetzt. »Er ließ ihn an den Bugspriet binden, ohne dem Wundarzt zu erlauben, den Rücken des Mannes zu behandeln.« Herrick schauderte zusammen. »Es geschah in der Biskaya, die Takelage war vereist, aber er ließ den Mann, der nur noch ein Klumpen blutiges Fleisch war, da draußen festgebunden hängen.« Herrick gewann mit Mühe die Fassung zurück und murmelte: »Entschuldigen Sie, Sir, aber es steht mir noch immer vor Augen.«

Bolitho dachte an Pomfrets glatte, nüchterne Eintragung im Logbuch. Danach waren die aufbegehrenden Seeleute aufs Achterdeck gedrungen. Nur Herrick, der offensichtlich die Beschwerden als berechtigt ansah, stand zwischen ihnen und einer totalen Meuterei. Auf irgendeine Weise war es ihm gelungen, sie zu beschwichtigen. Er befahl ihnen, aufs Vorderdeck zurückzugehen, und sie gehorchten, weil sie ihm vertrauten. Am folgenden Tag brach Pomfrets Rache über das Schiff herein, eine Woge von Grausamkeit. Zwanzig Leute wurden ausgepeitscht, zwei gehenkt. Pomfret wartete damit nicht, bis die Phalarope wieder Anschluß an das Geschwader gewann, wo ein Vorgesetzter den Fall zu beurteilen gehabt hätte. Herricks Bitterkeit war offenbar begründet. Oder doch nicht? Formal gesehen, hatte Pomfret recht gehandelt. Herrick hätte die drohende Gefahr vorhersehen und auf die Meuterer schießen lassen müssen. Er hätte die Achterwache rufen, ja, falls notwendig, sein Leben einsetzen müssen. Bei dem Gedanken, was passiert wäre, wenn Herrick ebenfalls überwältigt worden wäre, während er mit den aufgebrachten Seeleuten verhandelte, überlief Bolitho ein Schauder. Die schlafenden Offiziere wären abgeschlachtet worden, und auf dem Schiff wäre, mitten im feindlichen Gewässer, das Chaos ausgebrochen.

»Und später, als Sie vor Brest zur Flotte stießen und es mit den französischen Schiffen zum Kampf kam, warum hat da die Phalarope nicht eingegriffen?«

Wieder gaben Herricks Züge seine Gemütsbewegungen preis, seine Unsicherheit und seinen Zorn. Und da ging Bolitho ein Licht auf. Herrick fürchtete ihn beinahe ebensosehr, wie er Pomfret gefürchtet hatte. Bolitho war der Kapitän, er hatte das Schiff übernommen, auf dem Herricks Elend wie ein Gespenst zwischen den Decks hin und her glitt. Daher sagte er verhalten: »Ich nehme an, daß die Mannschaft auf ihre Art protestierte?«

Herrick ließ das Kinn in die Halsbinde sinken. »Ja, Sir. Sie leistete passiven Widerstand. Segel wurden schlecht gesetzt. Die Geschützbedienungen reagierten langsam.« Herrick lachte böse. »Aber sie hätten es sich sparen können.« Er blickte Bolitho von der Seite her an, in seinen Augen funkelte flüchtig Trotz auf. »Pomfret mied sowieso den Kampf, wenn es sich einrichten ließ.«

Bolitho blickte beiseite. Was bist du für ein Narr, Dick, dachte er ärgerlich. Du hast diesem Mann gestattet, wie ein Verschwörer zu reden. Du solltest ihm Schweigen gebieten, jetzt, ehe jemand an Bord weiß, daß du ohne geringsten Widerspruch eine offene Kritik an Kapitän Pomfret hingenommen hast.

»Wenn Sie ein eigenes Kommando haben«, sagte er ruhig, »werden Sie anders denken, Herrick. Die richtige Handlungsweise ist nicht immer die leichteste.« Er erinnerte sich an Vibarts Feindseligkeit und fragte sich, was der Erste während der Meuterei getan hatte.

»Ich weiß, daß sich jeder Offizier die Ergebenheit seiner Männer erst verdienen muß.« Sein Ton wurde schärfer. »Aber ein Kapitän hat das Recht auf die Ergebenheit seiner Offiziere. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Herrick sah starr geradeaus. »Aye, aye, Sir.« Er war von neuem auf der Hut, hatte seine Züge wieder unter Kontrolle, und sein Gesicht trug einen versteinerten Ausdruck.

Bolitho blieb unterhalb der Kirche stehen und sah die an der Kirchhofsmauer entlangführende, ihm wohlbekannte Straße hinauf. An ihrem oberen Ende erhob sich, rechteckig und wenig einladend, das Haus der Bolithos. Der vertraute graue Stein war so dauerhaft wie seine Erinnerungen an die Heimat.

Er stand da, sah zu dem Haus hinauf und war plötzlich so nervös wie ein Eindringling. Er sagte: »Machen Sie weiter, Mr. Herrick. Suchen Sie den Offizier des Flottenproviantamtes auf. Sehen Sie zu, daß soviel frische Eier und Butter, wie Sie nur bekommen können, aufs Schiff geschickt werden.«

Herrick musterte das große Haus nachdenklich. »Ihr Heim, Sir?«

»Ja.« Bolitho begann, Herrick in einem anderen Licht zu sehen. Hier auf der regennassen Straße, nicht verankert in der Disziplin der Fregatte, wirkte Herrick fast hilflos. Bolitho hatte die Mannschaftspapiere aufmerksam studiert. Daher wußte er, daß Herrick aus Kent stammte, Sohn einer armen Familie der Mittelklasse war. Sein Vater war Angestellter. Aus diesem Grunde würde er nicht über irgendwelchen Einfluß verfügen, wenn er ihn am dringendsten brauchte. Und wenn er sich im Kampf nicht sehr auszeichnete, waren seine Beförderungsaussichten gering.

Doch der Anblick seines Vaterhauses, das Durcheinander seiner Meinungen und Gedanken reizten ihn, und er sagte kurz: »Würden Sie, wenn alles erledigt ist, vielleicht noch ein Glas Wein mit mir trinken, bevor wir segeln, Mr. Herrick?« Er deutete die Straße hinauf. »Mein Vater wird Sie gern willkommen heißen.«

Herrick öffnete den Mund, doch die Ablehnung blieb ihm im Halse stecken. Er zupfte an seinem Gürtel und sagte verlegen: »Danke, Sir!« Er führte die Hand an den Hut, als sich Bolitho abwandte und zum Haus hinaufging.

Er rührte sich nicht, bis Bolitho das Tor erreicht hatte. Dann ging er, das Kinn auf die Brust gesenkt und die Stirn tief gefurcht, auf die Zitadelle zu.

Leutnant Giles Vibart fluchte, als er auf den losen Steinen ausrutschte und ein Matrose gegen ihn prallte. Die graue Morgendämmerung ließ erkennen, was der Nachtwind angerichtet hatte. Das lange Gras und der Stechginster lagen an die Erde gedrückt und glänzten vor Nässe. Er tastete nach seiner Uhr und hob dann die Hand.

»Wir machen einen Augenblick halt.« Er hörte, daß sein Befehl von Mann zu Mann weitergegeben wurde, und wartete, bis die Leute sich neben dem holprigen Pfad niedergelassen hatten, ehe er sich den beiden Fähnrichen und dem Stückmeister zuwandte.

»Lassen wir den Faulpelzen zehn Minuten zum Ausruhen. Dann marschieren wir weiter.« Er blickte sich um, als ein schwacher Sonnenstrahl seine Wange traf. »Sie gehen mit Ihrer Gruppe landeinwärts, Mr. Farquhar, um etwaigen Nachzüglern den Rückweg abzuschneiden.«

Farquhar zuckte mit den Schultern und stieß nach einem Stein. »Und wenn niemand kommt, Sir?«

Vibart fuhr ihn an: »Tun Sie, was Ihnen befohlen wird!«

Maynard, der andere Fähnrich, schob seinen Dolch zurecht und musterte besorgt die lagernden Seeleute. »Hoffentlich desertiert keiner von ihnen. Das würde dem Kapitän wenig behagen.«

Der Stückmeister grinste träge: »Ich hab sie selber ausgewählt. Alles alte Teerjacken.« Er riß einen Grashalm aus und kaute darauf herum. »Alles gepreßte Leute. Für einen solchen Auftrag sind sie viel besser geeignet als Freiwillige.«

Vibart nickte. »Völlig richtig, Mr. Brock. Kein Matrose schätzt den Gedanken, daß es anderen besser gehen soll als ihm selbst.«

Brock runzelte die Stirn. »Und warum auch? Es wäre ungerecht, von der Flotte zu erwarten, daß sie blutige Seeschlachten schlagen und das Land vor den Froschfressern bewahren soll, ohne daß diese faulen und verwöhnten Zivilisten dabei mithelfen! Sie scheffeln Geld und leben glücklich und zufrieden mit ihren Frauen, während wir die harte Arbeit erledigen.« Er spie den Grashalm aus. »Zur Hölle mit ihnen, das ist meine Meinung.«

Vibart ging zum Rand der Klippe und sah zu dem felsigen Strand hinunter. Der Wind pfiff durch das verfilzte Gras, und er mußte von neuem daran denken, wie die Fregatte durch die Nacht gestürmt war. So wäre Pomfret nie gesegelt. Pomfret schätzte ein seetüchtiges Schiff, das schon. Aber er betrachtete es doch mehr als ein Besitztum denn als Waffe. Pomfret saß in seiner prächtig ausstaffierten Kajüte, schlürfte seinen Lieblingswein und schwelgte in gutem Essen, während er, Vibart, das Schiff führte und alle seemännische Arbeit verrichtete, zu der der Kapitän nicht imstande war. Ruhelos trat er von einem Fuß auf den anderen, während ihm die Galle hochstieg und er voller Wut an die Ungerechtigkeit dachte, die ihm widerfahren war.

Was hatte Pomfret ihm nicht alles versprochen! Ein Wort am richtigen Ort, und sein Erster Leutnant würde befördert werden. Bis dahin brauche Vibart nichts anderes zu tun, als das Schiff richtig zu führen und die Disziplin aufrechtzuerhalten. Er, Pomfret, würde dann alles weitere regeln.

Der Kapitän war an Prisengeld nicht interessiert. Er war reich, weit über Vibarts Vorstellung hinaus. Und auch Ruhm war ihm gleichgültig. Ja, seine Unfähigkeit hielt seiner Feigheit die Waage. Vibart hatte Pomfrets Schwächen überdecken und seine Leidenschaften lenken können – bis auf eine. Wie viele Feiglinge, war Pomfret brutal und sadistisch. Harte Disziplin betrachtete Vibart als Notwendigkeit, aber sinnlose Grausamkeit schien ihm zwecklos.

Doch Vibart war nur Leutnant, ein Leutnant von schon dreiunddreißig Jahren. Die meisten Offiziere waren bereits als Knaben zur Marine gekommen, er nicht. Aber seine Laufbahn war nicht weniger hart gewesen. Auf Handelsschiffen hatte er die ganze Welt umsegelt. Die letzten drei Jahre war er als Erster gefahren, auf einem Sklavenschiff. Dort hatte er schnell begriffen, daß sinnlose Brutalität sich nicht auszahlte, wenn man am Ende der Fahrt die Laderäume nicht voll nutzloser Leichen haben wollte.

Vibart drehte sich verärgert um und rief: »Auf, es geht weiter!« Aus brütenden Augen verfolgte er, wie die Männer nach ihren Waffen griffen und den Pfad entlangtrotteten, während dieser arrogante junge Esel Farquhar über den Hügel hinauf ins Binnenland abzog. Typisch, schoß es Vibart durch den Kopf: achtzehn Jahre alt, verwöhnt und von guter Abkunft. Und ein einflußreicher Admiral wachte über sein Fortkommen wie ein Kindermädchen. Sein Blick ruhte flüchtig auf dem schmächtigen Maynard. »Halten Sie nicht Maulaffen feil! Setzen Sie sich an die Spitze der Abteilung!«

Nun, trotz ihres Vorsprungs an Herkommen und Einfluß hatte er es ihnen gezeigt. Der Gedanke daran wärmte sein Inneres wie Rum. Ihm war seinerzeit schnell klargeworden, daß es gegen Pomfrets Schwächen keine Abhilfe gab. Und nicht weniger gut hatte er bald begriffen, daß jeder Widerstand gegen den Kapitän alle seine Hoffnungen auf Beförderung begraben hätte.

An Bord der unglückseligen Fregatte hatte er einen Verbündeten besessen, David Evans, den Proviantmeister, der ihn über alle Vorgänge in den Decks informierte. Evans war ein Teufel. Sobald das Schiff an die Küste kam, ging er an Land und handelte Vorräte und Proviant ein. Dabei nutzte er seinen hellen Verstand und seine flinke Zunge, um das Allerschlechteste einzukaufen, das ranzigste, widerlichste Zeug, das er auftreiben konnte. Das ersparte Geld steckte er in die eigene Tasche. Als Erster Offizier durchschaute Vibart den Trick, gebrauchte sein Wissen aber zum eigenen Vorteil. Evans verfügte in den Zwischendecks über ergebene Speichellecker, verläßliche Männer, die gegen kleine Entlohnung ihre Kameraden bereitwillig verrieten.

So hatte Vibart dann die Mannschaft sorgfältig und methodisch mehr und mehr unter Druck gesetzt. Doch alle Auspeitschungen erfolgten im Namen des Kapitäns, nie in seinem. Was auch geschehen mochte, falls die Männer je gegen die Schikanen aufbegehren sollten, er, Vibart, mußte sicherstellen, daß er im kritischen Moment zur Stelle war und daß er aus jeder Untersuchung ohne Tadel hervorging.