Verlag: Refinery Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Die Seemannsbraut - Alexander Kent

1804: Es steht schlecht um Englands Flotte im Kampf gegen Frankreich und Spanien. Um der Gefahr einer Invasion zu begegnen, schickt die Royal Navy ihren Vizeadmiral Sir Richard Bolitho in die Karibik: Gelingt es ihm, die reich beladenen Silbergaleeren der Spanier zu kapern, so bedeutet das eine entscheidende Schwächung des Gegners. Unter der Führung des Linienschiffs Hyperion schafft Bolithos kleines Geschwader den Geniestreich, was aber nicht verhindern kann, dass er nach seiner Rückkehr wieder einmal die Admiralität gegen sich aufbringt. Die Strafversetzung scheint unabwendbar.

Meinungen über das E-Book Die Seemannsbraut - Alexander Kent

E-Book-Leseprobe Die Seemannsbraut - Alexander Kent

Der Autor

Alexander Kent kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Marineoffizier im Atlantik und erwarb sich danach einen weltweiten Ruf als Verfasser spannender Seekriegsromane. Er veröffentlichte über 50 Titel (die meisten bei Ullstein erschienen), die in 14 Sprachen übersetzt wurden, und gilt als einer der meistgelesenen Autoren dieses Genres neben C.S. Forester. Alexander Kent, dessen richtiger Name Douglas Reeman lautet, war Mitglied der Royal Navy Sailing Association und Governor der Fregatte »Foudroyant« in Portsmouth, des ältesten noch schwimmenden Kriegsschiffs.

Das Buch

1804: Es steht schlecht um Englands Flotte im Kampf gegen Frankreich und Spanien. Um der Gefahr einer Invasion zu begegnen, schickt die Royal Navy ihren Vizeadmiral Sir Richard Bolitho in die Karibik: Gelingt es ihm, die reich beladenen Silbergaleeren der Spanier zu kapern, so bedeutet das eine entscheidende Schwächung des Gegners. Unter der Führung des Linienschiffs Hyperion schafft Bolithos kleines Geschwader den Geniestreich, doch seiner triumphalen Rückkehr folgt die unerwartete Strafversetzung ins Mittelmeer ...

Alexander Kent

Die Seemannsbraut

Sir Richard und die Ehre der Bolithos

Roman

Aus dem Englischen

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

Neuausgabe bei RefineryRefinery ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinAugust 2018 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2004© Highseas Authors Ltd., 1987 Titel der englischen Originalausgabe: Honour This Day Covergestaltung: © Sabine Wimmer, Berlin

ISBN 978-3-96048-114-0

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Inhalt

Titelei

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

Antigua 1804

I Erinnerungen

II Ein Wiedersehen

III Um hohen Einsatz

IV Sturmwarnung

V Dem Feind entgegen

VI Im Krieg gibt es keine Neutralität

VII Die Schatzschiffe

VIII Ein bitterer Abschied

IX Die Korvette

X Im Hafen

Gibraltar 1805

XI Der Brief

XII Der Einbeinige

XIII Das Komplott

XIV Für oder gegen

XV Vereint handeln

XVI Kriegsartikel

XVII Klar zum Gefecht!

XVIII In der Stunde der Gefahr

XIX Das letzte Lebewohl

Epilog

Anhang

Anmerkungen

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Antigua 1804

Widmung

FÜR KIMmit all meiner Liebe

Motto

Mourn, England, mourn and complainFor the brave Nelson’s menWho died upon that dayAll on the main …

Broadsheet Ballad

, 1805

Antigua 1804

I Erinnerungen

English Harbour und die ganze Insel Antigua schienen sich unter der Mittagssonne wie festgeklebt zu ducken. Die Luft war feucht und drückend heiß, so daß die vielen verstreuten Ankerlieger im Dunst wie in einem beschlagenen Spiegel verschwammen.

In diesem Oktober des Jahres 1804 war man, obwohl der Monat schon einige Tage alt war, noch mitten in der Hurrikansaison, und zwar in einer der schlimmsten bisher gekannten. Mehrere Schiffe waren auf See verloren gegangen oder gestrandet, wenn das Unwetter sie in einem gefährlichen Fahrwasser überfallen hatte.

English Harbour war ein wichtiger – einige sagten lebenswichtiger – Stützpunkt für die in der Karibik und in den Inseln Über und Unter dem Winde operierende Flotte. Hier hatte sie einen hurrikansicheren Ankerplatz und eine Werft, auf der selbst schwere Schäden repariert und die Schiffe wieder instandgesetzt werden konnten. Doch im Krieg oder Frieden, die See und das Wetter waren ständige Feinde, und obgleich fast jede ausländische Flagge ebenfalls als feindlich angesehen werden mußte, wurden die Gefahren dieser Gewässer niemals gering geachtet.

English Harbour war nur zwölf Meilen von der Hauptstadt St. John’s entfernt und sein gesellschaftliches Leben daher beschränkt. Auf der gefliesten Terrasse eines der besseren Häuser, die den Hang hinter dem Hafen flankierten, stand eine Gruppe von Personen, meist Beamte und ihre Damen, und beobachtete die Ankunft eines Kriegsschiffes. Der Neuling schien eine Ewigkeit zu brauchen, um in dem flimmernden Dunst Umfang und Gestalt zu gewinnen. Doch nun lag er endlich mit dem Bug nach Land zu, obwohl die Segel schlaff an Stagen und Rahen hingen. Kriegsschiffe waren hier häufig und kaum erwähnenswert. Nach dem jahrelangen Konflikt mit Frankreich und seinen Verbündeten gehörte ihr Anblick zum täglichen Leben der Einwohner.

Dieses hier war ein Linienschiff, ein Zweidecker. Sein voller, schwarz und ocker gestrichener Rumpf bildete einen scharfen Kontrast zum milchigen Wasser und dem Himmel, der in der Hitze farblos schien. Die Sonne stand direkt über Monk’s Hill und war von einem silbernen Schleier umgeben. Draußen auf See würde bald wieder ein Sturm entstehen. Doch in einer Beziehung unterschied sich dieses Schiff von anderen, die hier kamen und gingen: Ein Wachboot hatte die Nachricht gebracht, daß es aus England kam. Für jene, die sein mühsames Einlaufen beobachteten, bedeutete der bloße Name England schon sehr viel. Wie ein Brief von zu Hause oder der Bericht eines durchreisenden Seemannes: unbeständiges Wetter, Verknappungen, die tägliche Furcht einer französischen Invasion, aber auch saftige Weiden und anregendes Stadtleben. Unter denen, die den Zweidecker beobachteten, gab es kaum einen, der Antigua für einen bloßen Blick auf England nicht eingetauscht hätte.

Abseits von den anderen stand eine Frau, regungslos bis auf eine Hand, die mit angemessener Sorgfalt in der schweren Luft einen Fächer bewegte. Sie war der sprunghaften Unterhaltung ihrer Umgebung längst müde. Einige Stimmen waren bereits durch den warmen Wein beflügelt, und man hatte sich noch nicht einmal zu Tisch gesetzt. Sie wandte sich ab, um ihr Unbehagen zu verbergen. Und die ganze Zeit beobachtete sie das Schiff. Aus England …

Der Zweidecker schien sich überhaupt nicht zu rühren, wäre nicht die winzige Feder weißen Schaumes unter seiner vergoldeten Galionsfigur gewesen. Zwei Langboote bugsierten ihn herein, eines an jeder Seite. Man konnte noch nicht sagen, ob sie mit ihm durch eine Schleppleine verbunden waren oder nicht. Auch sie bewegten sich kaum, und nur das anmutige Auf und Nieder ihrer Ruder, hell wie Flügel, deutete zielstrebige Mühe an.

Die Frau wußte eine Menge über Schiffe. Sie war schon viele tausend Meilen über See gereist und hatte ein Auge für Einzelheiten. Eine Stimme der Vergangenheit erklang in ihrem Gedächtnis, die das Schiff als des Mannes schönstes Werk bezeichnet und hinzugefügt hatte: und so anspruchsvoll wie eine Frau. Hinter ihr bemerkte jemand: »Vermutlich wieder ein offizieller Besuch.« Niemand antwortete, denn auch für Spekulationen war es zu heiß. Schritte klapperten über Steinstufen, und sie hörte den Sprecher sagen: »Laßt mich wissen, wenn es weitere Nachrichten gibt.«

Der Bedienstete eilte davon, während sein Herr eine gekritzelte Botschaft aus dem Hafen öffnete. »Es ist die Hyperion mit vierundsiebzig Kanonen, unter Kapitän Haven.«

Die Frau besah sich das Schiff näher, ihre Gedanken kreisten um den Namen. Wieso machte er sie stutzig?

Ein anderer murmelte: »Guter Gott, Aubrey, ich dachte, die wäre eine ausgemusterte Hulk in Plymouth!«

Gläser klangen, aber die Frau bewegte sich nicht. Kapitän Haven? Der Name sagte ihr nichts.

Das Wachboot ruderte müde dem hohen Zweidecker entgegen. Die Frau liebte es, einlaufenden Schiffen zuzuschauen, das Durcheinander an Deck wahrzunehmen, die nach außen hin konfus erscheinenden Vorbereitungen, bis der große Anker ins Wasser platschte. Neue Seeleute würden die Insel betreten, viele zum erstenmal. Ein ferner Gruß von den Häfen und Ortschaften Englands.

Der Sprecher erklärte weiter: »Ja, die Hyperion war schon außer Dienst gestellt. Aber in diesem Krieg, der sich mit jedem Tag ausweitet, sind unsere Oberen in Whitehall so unvorbereitet wie immer. Ich nehme an, daß sogar noch die Wracks an unserer Küste wieder in Dienst gestellt werden.«

Eine schon schwere Zunge sagte: »Ich erinnere mich jetzt: Sie griff damals allein an und erbeutete einen verdammt großen Dreidecker. Kein Wunder, daß das arme alte Mädchen danach aufgelegt werden mußte. He, was ist das?«

Die Frau wagte kaum zu blinzeln, als der Umfang des Zweideckers sich vergrößerte, während seine Segel sich blähten und das Schiff jeden Hauch einer Brise nützte, den es aufzuspüren vermochte.

Den Sprecher hatte es an die Balustrade getrieben. »Das ist ein besonderes Schiff, Aubrey. Immerhin führt es eine Admiralsflagge.«

»Vizeadmiral«, verbesserte sein Gastgeber. »Anscheinend die Flagge von Sir Richard Bolitho, Vizeadmiral der Roten Flotte.[1]«

Die Frau stützte eine Hand auf die Balustrade, der heiße Stein gab ihr Halt. Doch ihr Mann mußte es bemerkt haben. »Was hast du, kennst du ihn? Ein wahrer Held, wenn die Hälfte von dem, was ich gelesen habe, zutrifft.«

Sie packte den Fächer fester und drückte ihn gegen die Brust. Das war es also, was ihr bevorstand: Er kam hierher nach Antigua. Nach all der Zeit und nach allem, was er durchgemacht hatte.

Kein Wunder, daß sie sich des Schiffsnamens entsann. Er hatte oft so herzlich von seiner alten Hyperion gesprochen, einem der ersten Schiffe, die er als Kommandant geführt hatte. Ihre plötzliche Erregung überraschte sie, mehr noch ihre Fähigkeit, sie zu verbergen. »Ich traf ihn vor Jahren.«

»Noch ein Glas Wein, Gentlemen?«

Sie entspannte sich, Muskel für Muskel. Wurde sich der Feuchtigkeit ihres Kleides bewußt und ihres Körpers, der sich darin so beengt fühlte. Dann verwünschte sie sich ob ihrer Dummheit. Es konnte nie wieder so sein wie damals, niemals. Sie drehte dem Schiff den Rücken zu und lächelte die anderen an. Doch selbst ihr Lächeln war eine Lüge.

Richard Bolitho stand unentschlossen in der Mitte der großen Heckkajüte, mit schiefem Kopf dem plötzlichen Stampfen bloßer Füße auf dem Achterdeck über sich lauschend. Vertraute Geräusche drangen in den Raum: der gedämpfte Chor der Kommandos, das prompt folgende Quietschen der Blöcke beim Brassen der Rahen. Und doch bewegte sich das Schiff kaum. Nur die hohen, schimmernden Streifen goldenen Sonnenlichts, die langsam durch die Kajüte wanderten, wiesen darauf hin, daß Hyperion mühsam in den ablandigen Wind drehte.

Das Land lag als grünes Panorama vor den Heckfenstern. Antigua … Schon der Name war für ihn wie ein Stich ins Herz. Er beschwor so viele Erinnerungen herauf, so viele Gesichter und Stimmen.

Es war hier in English Harbour gewesen, wo er als eben beförderter Commander sein allererstes Schiff übernommen hatte: die kleine wendige Korvette Sparrow. Eine ganz andere Art von Schiff, aber damals war der Krieg mit den rebellierenden Amerikanern auch ganz anders gewesen. Wie lange schien das alles schon zurückzuliegen! Die Schiffe und Gesichter von damals, der Schmerz und die Freuden der Jugend.

Er bedachte ihre Überfahrt von England. Man konnte sich keine schnellere wünschen: dreißig Tage. Die alte Hyperion hatte reagiert wie ein Vollblut und einen Konvoi von Handelsschiffen begleitet. Mehrere davon waren vollgestopft mit Soldaten: Verstärkungen oder Ersatz für die englischen Kompanien in der Karibik. Eher letzteres, dachte er düster. Soldaten starben hier draußen wie die Fliegen an dem einen oder anderen Fieber, ohne jemals den Knall einer französischen Muskete gehört zu haben.

Bolitho trat langsam an die Heckfenster, seine Augen gegen die grelle Sonne abschirmend. Wieder wurde er sich seines Grolls bewußt, seiner Abneigung gegen diese Garnison und seiner Verärgerung darüber, daß die Situation Diplomatie und Prunk verlangen würde, die aufzubieten er keine Lust hatte. Es hatte bereits mit dem vorgeschriebenen Salut begonnen. Sie wechselten Schuß um Schuß mit der nahen Küstenbatterie, über der sich die Unionsflagge in der feuchten Hitze nicht einmal kräuselte.

Er sah das Wachboot über seinem eigenen Spiegelbild dahingleiten, die Ruder eingelegt, während der Bootsoffizier auf das Ankern des Zweideckers wartete.

Ohne selbst oben an Deck zu sein, konnte Bolitho sich alles ausmalen: die Männer an den Brassen und Fallen, andere, die zu beiden Seiten auf den großen Rahen auslegten, um die gewaltigen Segel zu bändigen und zu falten, was von Land dann so aussah, als ob jeder Streifen Leinwand durch den Griff einer einzigen Hand verschwunden sei.

Land! Für den Seemann war es immer ein Traum, ein neues Abenteuer.

Bolitho warf einen Blick auf seine Galauniform, die auf einer Stuhllehne bereit hing. Als er vor Jahren hier das Kommando auf der Sparrow erhielt, hätte er nie eine Admiralsuniform für sich erwartet. Tod durch Unglücksfall oder durch eine Kanonenkugel, das ja, sogar Versagen. Denn Mangel an Gelegenheit sich auszuzeichnen oder die Gunst eines Admirals zu gewinnen, machte jede Beförderung zu einer schwer zu nehmenden Hürde.

Nun aber war der Admiralsrock eine Realität, geschmückt mit zwei Goldepauletten und den dazugehörenden Silbersternen. Und doch … Er strich die Haarsträhne über seinem rechten Auge zurück. Wie die tiefe Narbe auf seiner Stirn, wo ein Entermesser sein Leben beinahe beendet hätte, hatte sich nichts verändert. Nicht einmal die Ungewißheit.

Er hatte geglaubt, er würde in seine Rolle hineinwachsen, obgleich der Schritt vom Kommandanten zum Flaggoffizier der größte von allen war. Sir Richard Bolitho, Ritter des Bath-Ordens, Vizeadmiral der Roten Flotte und nach Nelson der jüngste auf der Admiralsliste. Er lächelte schwach. Der König hatte sich nicht einmal an seinen Namen erinnert, als er ihn adelte. Bolitho hatte es hingenommen, daß er nicht mehr mit dem täglichen Borddienst konfrontiert war, auch nicht auf den Schiffen, die seine Flagge trugen. Als Leutnant hatte er oft achtern die ferne Gestalt des Kommandanten gemustert, mit Ehrfurcht, wenn auch nicht immer mit Respekt. Als er dann selbst Kommandant war, hatte er oft wachgelegen, besorgt dem Wind und den Bordgeräuschen lauschend, und sich eisern zurückgehalten, um nicht an Deck zu stürzen, wenn er dachte, der Wachoffizier wäre den Gefahren nicht gewachsen. Es war ihm schwergefallen, Aufgaben an andere zu übertragen; aber wenigstens war er auf seinem eigenen Schiff gewesen. Für die Besatzung eines Kriegsschiffes kam der Kommandant gleich nach dem Herrgott. Und einige sagten unfreundlicherweise, daß dem nur wegen Gottes höherem Dienstalter so sei.

Doch als Flaggoffizier, als Admiral, hatte er über allem zu stehen, Kommandanten seines Geschwaders zu kontrollieren und ihre Kräfte dort einzusetzen, wo sie die beste Wirkung erzielten. Seine Macht war größer, aber auch seine Verantwortung. Nur wenige Flaggoffiziere erlaubten sich jemals zu vergessen, daß Admiral Byng wegen Feigheit von einem Exekutionskommando an Deck seines eigenen Flaggschiffes erschossen worden war.

Vielleicht hätte er sich mit dem hohen Rang und dem neuen Adelstitel zufriedengegeben und wäre seßhaft geworden, wenn sein Privatleben glücklicher gewesen wäre. Doch sofort wies er diese Gedanken von sich. Er tastete nach seinem linken Auge, massierte das Lid und starrte gezielt auf die vorbeischwenkende grüne Küste. Gottlob, er sah sie wieder scharf und klar. Doch das würde nicht so bleiben. Der Arzt in London hatte ihn gewarnt: Sein Auge benötige Ruhe, Behandlung und regelmäßige Fürsorge. Das hätte aber bedeutet, daß er an Land bleiben – schlimmer noch, daß er einen Posten im Innendienst der Admiralität annehmen mußte.

Warum also hatte er seine weitere Verwendung auf See erbeten, fast gefordert? Drei seiner Vorgesetzten hatten ihm bedeutet, daß er schon vor seinem letzten großen Sieg einen Posten in London mehr als verdient gehabt hätte. Und dennoch hatte er gefühlt, daß sie froh waren, als er ihre Angebote ablehnte.

Schicksal – das mußte es wohl sein. Er drehte sich in der großen Kajüte um und musterte die niedrige weiße Decke, die grünen Lederstühle, die Lamellentüren, die zu seinem Schlafraum führten oder auf den Vorraum hinaus, wo ein Wachtposten seinen Privatbereich rund um die Uhr abschirmte.

Er konnte sich gut an das letzte Mal erinnern, als er die Hyperion mit Mühe nach Plymouth gebracht hatte. An die starrende Menge, die sich am Ufer drängte, und an das Jubelgeschrei, mit dem man den heimkehrenden Sieger empfing. So viele waren gefallen, noch mehr für ihr Leben verkrüppelt nach dem Triumph über Lequillers Geschwader in der Biskaya. Und er dachte auch an die Eroberung seines großen Hundert-Kanonen-Flaggschiffs Tornado, das er später als Flaggkapitän eines anderen Admirals führen sollte.

Aber es war dieses Schiff, dessen er sich am besten entsann: die Hyperion mit ihren vierundsiebzig Geschützen. Er war zu ihrem Liegeplatz in Plymouth gegangen, um ihr zum letztenmal Lebewohl zu sagen, wie er jedenfalls glaubte. Da lag sie, zerschlagen und von Kugeln aufgerissen, Takelage und Segel zerfetzt, die gesplitterten Decks von Blut befleckt. Es hieß, sie würde nie wieder kämpfen. Während sie sich bei schlechtem Wetter heimwärtsgequält hatte, sah es mehrmals so aus, als würde sie doch noch sinken. Als er sie im Dock so daliegen sah, hatte er fast gewünscht, sie hätte ihren Frieden auf dem Meeresgrund gefunden. Im weiteren Verlauf des Krieges, der sich verschärfte und ausweitete, hatte man sie zu einem schwimmenden Vorratslager gemacht. Mastenlos, ihre einstmals so belebten Batteriedecks mit Kisten und Kästen vollgepackt, war sie zu einem Teil des Arsenals geworden.

Die Hyperion war das erste Linienschiff gewesen, das Bolitho kommandierte. Damals wie heute war er im Herzen ein Mann der wendigeren Fregatten geblieben. Die Vorstellung, Kommandant eines Zweideckers zu werden, hatte ihn entsetzt. Aber er hatte trotzdem nicht gezögert, wenn auch aus anderen Gründen. Von einem Fieber heimgesucht, das ihn in der Südsee fast umgebracht hätte, war er an Land stationiert gewesen und hatte Mannschaften rekrutiert. Die Französische Revolution fegte wie ein Flächenbrand über den Kontinent. Als ob es gestern gewesen wäre, entsann er sich auch des Tages, als er sein Schiff in Gibraltar betreten hatte. Die Hyperion war alt und müde gewesen, trotzdem hatte sie ihn fasziniert, als hätten sie einander auf irgendeine Weise gebraucht.

Bolitho hörte das Trillern der Pfeifen und das Platschen, mit dem der Anker in dieses Gewässer fiel, das er so gut kannte. Bald würde sein Flaggkapitän weitere Befehle erbitten. So sehr er es auch versuchte, Bolitho vermochte in Kapitän Haven weder einen inspirierenden Kommandanten noch seinen persönlichen Berater zu sehen. Er war ein zu farbloser, sachlicher Mensch. Trotzdem wußte Bolitho, daß er Haven unrecht tat, denn er war nur wenige Tage vor der Überfahrt nach Westindien an Bord gekommen und hatte sich in den folgenden dreißig Tagen in seinen Räumen fast völlig isoliert, so daß sich sogar sein Bootssteurer Allday sorgte.

Das lag wahrscheinlich an Havens Verhalten bei ihrem ersten gemeinsamen Rundgang durchs Schiff an dem Tag, bevor sie in See stachen. Haven hatte es offenbar als merkwürdig empfunden, daß sein Admiral mehr zu sehen wünschte als nur seine Kajüte und das Achterdeck, ganz zu schweigen von seinem Interesse für die Batterien und den untersten Raum im Schiff, das Orlopdeck. Wie sollte Haven auch verstehen? Es war nicht seine Schuld.

Bolitho hatte Havens offensichtliche Unzufriedenheit mit diesem alten Schiff wie eine persönliche Kränkung aufgenommen. »Sie mag alt sein, Kapitän Haven, aber sie hat schon viele weit jüngere besiegt«, rügte er. »In der Chesapeake Bay, bei den Saintes, vor Toulon und in der Biskaya – ihre Verdienste im Kampf lesen sich wie eine Geschichte der Navy selbst!« Seine Reaktion war ungerecht gewesen, aber Haven hätte es besser wissen sollen.

Jeder Schritt auf diesem Rundgang hatte seine Erinnerungen wieder aufleben lassen. Die Gesichter und Stimmen paßten nicht mehr, aber das Schiff war noch immer dasselbe. Sie hatte neue Masten bekommen, auch die Kanonen, mit denen sie die Breitseiten von Lequillers Tornado erwidert hatte, waren zum größten Teil durch schwerere ersetzt, dazu leuchtende Farbe und sauber geteerte Decksnähte; doch nichts konnte ihm seine Hyperion entfremden. Er blickte sich um und sah sie wie zuvor. Dabei war sie immerhin zweiunddreißig Jahre alt. Als sie in Deptford von Stapel lief, war sie aus bester, abgelagerter kentischer Eiche gebaut. Aber die großen Tage des Schiffbaus waren für immer vorbei; heute waren die meisten Wälder ihres edelsten Holzes beraubt.

Ironischerweise war ihr großer Gegner Tornado noch neu gewesen, und trotzdem hatte man ihn vor vier Jahren zur Gefangenenhulk gemacht. Bolitho fühlte wieder sein linkes Auge und fluchte, als ein Schleier es zu trüben schien. Er dachte an Haven und an all die andern, die seinem alten Schiff Tag und Nacht dienten. Wußten sie, daß der Mann, dessen Flagge im Vortopp wehte, auf dem linken Auge fast blind war? Bolitho ballte die Fäuste, als er sich jenes Augenblicks entsann, da ihn Sand, von einer feindlichen Kanonenkugel verspritzt, an Deck warf und blendete. Dann beruhigte er sich wieder. Nein, Haven schien außer auf seine Obliegenheiten auf nichts zu achten.

Bolitho stützte sich auf einen der Stühle und grübelte. Soviel von ihm steckte in diesem Flaggschiff. Sein Bruder war auf dem Achterdeck gestorben, gefallen, um seinen einzigen Sohn Adam zu retten. Und der gute Inch, der es bis zum Ersten Leutnant der Hyperion gebracht hatte. Er sah ihn wieder vor sich mit dem offenen Grinsen auf seinem Pferdegesicht. Nun war auch er tot wie so viele. Wie Cheney – sie war ebenfalls über diese Decksplanken gegangen … Er stieß den Stuhl beiseite und trat verärgert an die Heckfenster.

»Sie haben gerufen, Sir Richard?«

Das war Ozzard, sein Steward. Was wäre das Schiff ohne ihn? Bolitho drehte sich um. Er mußte Cheneys Namen laut ausgesprochen haben. Wie oft und wie lange würde er sie noch so vermissen?

Er sagte: »Ich … Tut mir leid, Ozzard.«

Ozzard faltete seine Hände unter der Schürze wie Pfötchen und blickte auf die glitzernde Reede hinaus.

»Alte Zeiten, Sir Richard?«

»Aye.« Bolitho seufzte. »Wir sollten lieber in der Gegenwart bleiben.«

Ozzard hielt ihm den schweren Rock mit den glänzenden Epauletten hin. Draußen vor der Tür hörte Bolitho das Trillern der Pfeifen und das Knarren der Taljen, als die Boote ausgeschwungen wurden.

Landgang! Das war auch für ihn einmal ein Zauberwort gewesen.

Ozzard beschäftigte sich mit dem Rock, nahm aber keinen der beiden Degen aus dem Gestell. Er und Allday waren enge Freunde, obwohl manche sie eher für Feuer und Wasser hielten. Allday erlaubte es keinem anderen, Bolitho den Degen umzuschnallen. Er war wie das alte Schiff, dachte Bolitho, ein Herz aus bester englischer Eiche; wenn er einmal abtrat, würde keiner seinen Platz einnehmen.

Ozzard schien bestürzt darüber, daß er den alten Zweidecker gewählt hatte, obwohl er ein Schiff der Ersten Klasse hätte haben können. Auf der Admiralität hatten sie leise angedeutet, daß Hyperion, nach dreijähriger Reparatur und Ausrüstung wieder seetüchtig, sich von der letzten Schlacht trotzdem nie ganz erholen würde.

Merkwürdigerweise war es Nelson gewesen, den Bolitho niemals getroffen hatte, der die Angelegenheit entschied. Irgendjemand mußte dem kleinen Admiral geschrieben und von Bolithos Ersuchen berichtet haben. Nelson hatte Ihren Lordschaften mit der für ihn typischen Kürze in einer Depesche mitgeteilt: »Man gebe Bolitho jedes Schiff, das er verlangt. Er ist Seemann, kein Landmann!«

Es hätte »Nel« amüsiert, dachte Bolitho. Hyperion war bis zu ihrer Wiederverwendung vor wenigen Monaten eine ausgemusterte Hulk gewesen. Aber Nelson selbst hatte seine Flagge auf der Victory gesetzt, einem Schiff der Ersten Klasse, das er als eine vor sich hinfaulende Gefangenenhulk vorgefunden hatte. Seltsamerweise hatte er gewußt, daß nur sie als Flaggschiff für ihn in Frage kam. Soweit sich Bolitho entsann, war die Victory sogar acht Jahre älter als seine Hyperion. Irgendwie schien es nur richtig, daß die beiden alten Schiffe wieder auflebten, nachdem man sie trotz allem, was sie geleistet hatten, gedankenlos verstoßen hatte.

Die Tür öffnete sich, und Daniel Yovell, Bolithos Sekretär, trat verdrossen ein. Bolitho wurde wieder weich. Wegen seiner schlechten Stimmung war es für keinen von ihnen leicht gewesen. Sogar Yovell, rundlich, gebeugt und so penibel in seiner Arbeit, hatte sich während der vergangenen dreißig Tage sorgfältig auf Distanz gehalten.

»Der Kommandant wird gleich hier sein, Sir Richard.«

Bolitho schlüpfte mit den Armen in den Galarock und zwängte sich schulterzuckend in die bequemste Haltung.

»Wo ist mein Flaggleutnant?« Er mußte lächeln. Anfangs war es ihm schwergefallen, einen persönlichen Adjutanten zu akzeptieren. Jetzt, nach zwei Vorgängern, fand er sich leichter mit diesem hier ab.

»Wartet auf die Offiziersbarkasse. Danach -«, Yovells Schultern hoben sich, »– danach müssen Sie die örtlichen Würdenträger aufsuchen.« Er deutete Bolithos Lächeln als Wende zum Besseren, denn nach der einfachen Denkart seiner Landsleute aus Devon sollte alles so sein wie immer.

Bolitho erlaubte es Ozzard, sich auf die Zehenspitzen zu stellen und seine Halsbinde zurechtzurücken. All die Jahre war er vom Wort der Admiralität oder des jeweiligen Vorgesetzten abhängig gewesen, wo immer er sich auch befand. Es fiel ihm noch schwer zu glauben, daß diesmal keine übergeordnete Instanz zu fragen oder zufriedenzustellen war. Jetzt war er der ranghöchste Offizier. Natürlich würde sich am Ende der ungeschriebene Marinekodex durchsetzen: Wenn er erfolgreich war, würden andere das Verdienst beanspruchen. Lag er falsch, konnte er ebensogut gleich die Schuld auf sich nehmen.

Bolitho besah sich im Spiegel und schnitt eine Grimasse. Sein Haar war noch schwarz, abgesehen von der silbernen Strähne, welche die alte Narbe bedeckte. Die Falten in den Mundwinkeln hatten sich vertieft. Sein Spiegelbild erinnerte ihn an das Ölporträt seines älteren Bruders Hugh, das in Falmouth hing wie so viele ehemalige Bolithos aus dem großen grauen Steinhaus. Jetzt stand es bis auf seinen treuen Verwalter Ferguson und die Diener leer. Er unterdrückte einen plötzlichen Anfall von Depression.

Nun war er hier und hatte, was er sich gewünscht hatte: Hyperion. Sie wären beinahe zusammen gestorben.

Yovell trat beiseite, sein rotbäckiges Gesicht wurde wachsam. »Der Kommandant, Sir Richard.«

Haven kam herein, den Hut unterm Arm. »Schiff liegt vor Anker, Sir.«

Bolitho nickte. Er hatte Haven angewiesen, ihn nicht mit seinem Titel anzureden, es sei denn, die Etikette verlangte es. Die Kluft zwischen ihnen war ohnehin groß genug.

»Ich komme.«

Ein Schatten verdunkelte die Tür, und Bolitho entging nicht der Anflug von Ärger auf Havens Gesicht.

Doch Allday drückte sich am Flaggkapitän vorbei. »Die Barkasse liegt bereit, Sir Richard.« Nachdenklich betrachtete er die Degen in ihrer Halterung. »Den richtigen heute?«

Bolitho lächelte; Allday hatte zwar eigene Probleme, aber die behielt er für sich. Bootssteurer? Ein echter Freund wäre die bessere Bezeichnung für ihn gewesen. Sicherlich mißbilligte es Haven, daß ein Untergebener kommen und gehen konnte, wie es ihm gefiel.

Allday beugte sich vor und schnallte Bolitho den alten Familiendegen um. Die Lederscheide war schon mehrmals erneuert worden, aber der verfärbte Griff war noch derselbe und die blanke, veraltete Klinge so scharf wie eh und je.

Bolitho tätschelte den Degen an seiner Hüfte. »Noch ein guter Freund.« Ihre Augen trafen sich. Aller Einfluß seines Ranges zählte nichts im Vergleich zu ihrer engen Bindung.

Haven war mittelgroß, fast untersetzt, mit lockigem rotblondem Haar. Erst Anfang der Dreißig, hatte er doch schon das Aussehen eines seriösen Anwalts oder eines Kaufmanns in der Londoner City. Seine Miene drückte zurückhaltende Erwartung aus. Bolitho hatte ihn gelegentlich in seiner Kajüte aufgesucht und dort das kleine Porträt einer hübschen Frau mit lockigem Haar in einem Blumenkranz bewundert.

»Meine Frau«, hatte Haven entgegnet, aber in einem Tonfall, der weitere Fragen ausschloß. Ein seltsamer Mann, dachte Bolitho. Doch das Schiff wurde von ihm geschickt geführt, trotz der vielen neuen Leute und einer Überzahl von Landratten. Es schien aber, daß auch dem Ersten viel Verdienst daran zukam.

Bolitho schritt durch die Tür, an dem strammstehenden Seesoldaten vorbei und in das gleißende Sonnenlicht hinaus. Es war sonderbar, das Ruder verlassen und in Mittschiffsstellung festgelascht zu sehen. Auf See hatte Bolitho täglich seine einsamen Spaziergänge an der Windseite des Achterdecks absolviert, hatte sein kleines Geleit und die dazugehörende Fregatte beobachtet, während er über die abgenutzten Planken schritt ohne nachzudenken, den Geschütztaljen und Ringbolzen automatisch ausweichend.

Augen sahen ihn vorübergehen, um sich schnell abzuwenden, wenn er in ihre Richtung blickte. Damit mußte er leben, aber er würde es nie leiden können.

Nun lag das Schiff still. Taue wurden heruntergegeben, Decksoffiziere beaufsichtigten halbnackte Matrosen, damit das Flaggschiff des Admirals so schmuck aussah, wie man es erwarten konnte. Hoch oben im schwarzen Gewirr der Stage, Pardunen und festgemachten Segel bewegten sich perspektivisch verkürzte Gestalten und sicherten eifrig alles.

Einige der Leutnants gingen dem Admiral aus dem Weg, als er übers Achterdeck schritt, um herunterzuschauen auf die Reihen der Achtzehnpfünder, welche die Originalbatterie der Zwölfpfünder ersetzt hatten.

Geisterhaft tauchten Gesichter vor ihm auf, Kanonendonner übertönte die gebrüllten Anweisungen und das Geklapper der Blöcke. Die Decks schienen durch Einschläge wieder wie von Riesenkrallen zerkratzt. Darauf Männer, die fielen und starben und nach Hilfe flehten, wo es keine gab. Sein eigener Neffe Adam, damals vierzehn Jahre alt, mitten drin, bleich und doch wild entschlossen, als die kämpfenden Schiffe zu einem letzten Ringen zusammenprallten.

Havens Stimme riß Bolitho aus seinen Erinnerungen.

»Das Boot lieg bereit, Sir.«

Bolitho wies an ihm vorbei. »Wieso haben Sie keine Windhutzen aufriggen lassen, Kapitän?«

Warum konnte er es nicht über sich bringen, Haven mit Vornamen anzureden? Was war mit ihm los?

Der zuckte mit den Achseln. »Sie sind von Land aus kein schöner Anblick, Sir.«

»Aber sie fuhren den Leuten in den Batteriedecks frische Luft zu. Also hoch damit.«

Er gab sich Mühe, seinen Ärger zu unterdrücken, daß Haven nicht der Backofenhitze in den übervölkerten Decks Rechnung trug. Die Hyperion war hundertachtzig Fuß lang und trug eine Besatzung von sechshundert Offizieren, Matrosen und Seesoldaten. In dieser Hitze mußten sie sich wie doppelt so viele vorkommen.

Er sah, wie Haven dem Ersten Leutnant die Anordnung kurz weitergab. Letzterer warf Bolitho einen dankbaren Blick zu. Frische Luft!

Der Erste war auch so ein komischer Vogel. Mit über dreißig etwas alt für seinen Rang, war er schon Kommandant einer Brigg gewesen. Als man die Brigg auflegte, wurde seine Ernennung nicht bestätigt, man stufte ihn auf den alten Dienstgrad zurück. Er war schlank und im Gegensatz zu seinem Kommandanten ein Mann von sichtbarem Eifer und Enthusiasmus. Sein gutes, zigeunerhaftes Aussehen erinnerte Bolitho an ein Gesicht aus der Vergangenheit, er wußte nur nicht, an welches. Bei seinen Untergebenen war er anscheinend beliebt und alles in allem jene Sorte Offizier, der die Fähnriche nachzueifern strebten.

Unterhalb des schön geschwungenen Bugsprits waren die breiten Schultern der Galionsfigur zu sehen. Sie hatte sich ihm eingeprägt, als er das Schiff in Plymouth verlassen mußte. Hyperion war damals so angeschlagen und beschädigt gewesen, daß er sich kaum vorstellen konnte, wie sie davor ausgesehen hatte. Nur die Galionsfigur erzählte eine andere Geschichte.

Ihre Goldfarbe mochte Schrammen davongetragen haben, aber die stechenden blauen Augen unter der Krone aus Sonnenstrahlen starrten so anmaßend wie immer in die Welt. Ein muskulöser Arm streckte noch den gleichen Dreizack dem Horizont entgegen. Sogar von achtern wirkte der Anblick auf Bolitho vertraut. Hyperion, einer der Titanen, hatte die Schmach eines Lebens als Invalide abgeworfen.

Allday beobachtete Bolitho scharf. Er hatte den nachdenklichen Blick erkannt und erriet, was er bedeutete. Der Vizeadmiral war mit seinen Gedanken wieder mal ganz woanders. Ob er mit ihm übereinstimmte oder nicht, er hing an ihm wie an keinem anderen und wäre für ihn ohne Zögern gestorben. »Die Barkasse ist bereit, Sir Richard.« Gern hätte er hinzugefügt, daß die Bootscrew noch nicht perfekt war. Noch nicht …

Bolitho ging langsam zur Pforte. Das Boot lag unten längsseits. Jenour, sein neuer Flaggleutnant, saß schon darin, desgleichen Yovell mit einer Dokumentenmappe auf den fetten Schenkeln. Ein Fähnrich stand steif wie ein Ladestock im Heck. Bolitho vermied es, die jugendlichen Gesichtszüge zu studieren. Das war alles vorbei. Er kannte keinen auf diesem Schiff.

Schnell blickte er in die Runde und sah, wie die Pfeifer der Ehrenwache ihre Instrumente an die feuchten Lippen hoben, sah die Seesoldaten die Gewehre präsentieren. Er sah Haven und seinen Ersten Leutnant, dazu all die anderen anonymen Gesichter, das Blau und Weiß der Offiziere, das Scharlachrot der Seesoldaten, die gebräunten Körper der Seeleute. Am liebsten hätte er ihnen gesagt: »Ich bin hier zwar Admiral, aber die Hyperion ist noch immer mein Schiff.«

Er hörte Allday ins Boot klettern und wußte, daß er ängstlich auf ihn achtete, auch wenn er es verbarg, immer bereit zuzugreifen, falls sein Auge sich wieder verschleierte und er den Halt verlor. Bolitho lüftete den Hut, und sofort stimmten Trommeln und Pfeifen ihre lebhafte Weise an, die Royal Marines präsentierten die Gewehre, während der Degen ihres Majors grüßend funkelte.

Bolitho kletterte das steile Fallreep hinunter ins Boot. Sein letzter Blick auf Haven überraschte ihn: Die Augen des Kommandanten waren kalt und feindlich. Es würde gut sein, sich dessen zu erinnern.

Das Wachboot glitt heran und wartete, um die Barkasse durch die vor Anker liegenden Schiffe und den Verkehr der Hafenfahrzeuge zu geleiten.

Bolitho beschattete seine Augen und schaute zum Land. Wieder eine neue Herausforderung. Aber im Augenblick war ihm eher nach Flucht zumute.

II Ein Wiedersehen

John Allday lugte unter der Krempe seines Hutes hervor und sah die einlaufende Strömung das Wachboot aus dem Kurs drängen. Er legte die Pinne, und Bolithos frisch gestrichene grüne Barkasse folgte dem anderen Boot ohne eine Unterbrechung im Takt der Ruderer. Alldays Ruf als des Admirals persönlicher Bootssteurer war legendär.

Er sah über die Bootscrew hinweg, die Gesichter sagten ihm nichts. Das Boot selbst war von ihrem letztem Schiff, der Argonaute, einer französischen Prise, übernommen worden; Bolitho hatte es seinem Bootssteurer überlassen, eine neue Mannschaft auf der Hyperion zu rekrutieren. Allday musterte die Männer im Heck. Das waren Yovell, den man vom Schreibergehilfen zum Sekretär befördert hatte, und der neue Flaggleutnant. Der junge Offizier schien recht annehmbar, kam aber nicht aus einer seefahrenden Familie. Die meisten sahen diese besonders anstrengende Stellung als einen sicheren Weg zur Beförderung an. Für ein Urteil über Jenour war es noch zu früh, beschloß Allday. Auf einem Schiff, in dem sich sogar die Ratten fremd waren, tat man gut daran, keine vorschnellen Meinungen zu äußern.

Seine Augen blieben auf Bolithos breiten Schultern haften, und er versuchte die Besorgnis zu unterdrücken, die ihn seit ihrer Rückkehr nach Falmouth begleitete. Trotz der Schmerzen und des Blutzolls der Schlacht hätte es eine stolze Heimkehr sein sollen. Sogar die Verletzung von Bolithos linkem Auge schien weniger schlimm im Vergleich zu dem, was sie zusammen durchgemacht hatten. Das war vor ungefähr einem Jahr passiert, an Bord des kleinen Kutters Suprème. Allday entsann sich jedes einzelnen Tages, der qualvollen Gesundung, der moralischen Stärke des Mannes, dem er diente und den er verehrte. Bolitho hatte ihn immer wieder in Erstaunen versetzt, obwohl sie nun über zwanzig Jahre zusammen waren.

Sie kamen vom Hafen in Falmouth und hielten an der Kirche, die zu einem Teil von Bolithos Familiengeschichte geworden war. Generationen waren mit ihr verbunden, durch Hochzeiten und Geburten, durch Dank für die Siege auf See, aber auch durch gewaltsamen Tod. Allday war an jenem Sommertag am großen Portal der stillen Kirche stehengeblieben und hatte mit Erstaunen und Trauer gehört, wie Bolitho ihren Namen aussprach: Cheney …

Nur ihren Namen, nichts weiter; und doch hatte ihm das vieles erklärt. Allday hatte bis dahin geglaubt, es würde alles wieder gut, sobald sie erst das graue Haus erreicht hatten. Die schöne Lady Belinda, die zumindest im Aussehen so sehr seiner ersten Frau Cheney glich, würde es schon schaffen, Bolitho zu trösten, wenn sie erst das Ausmaß seines Schmerzes begriff. Vielleicht würde sie seine Qual heilen, die er nie erwähnte, die aber Allday nicht entging. Angenommen, das andere Auge würde in einer Schlacht ebenfalls verletzt? Die Angst so vieler Seeleute und Soldaten, als Krüppel unerwünscht zu sein, quälte auch Bolitho.

Alle hatten sie gewartet, um ihn zu begrüßen: Ferguson, der Verwalter, der einen Arm bei den Saintes verloren hatte, was schon eine Million Jahre zurückzuliegen schien; seine rotbäckige Frau Grace, die Haushälterin, und das andere Personal. Es gab Lachen, Hochrufe und eine Menge Tränen obendrein. Doch Belinda und die kleine Elizabeth waren nicht dagewesen. Ferguson sagte, sie hatte in einem Brief ihre Abwesenheit erklärte. Oft genug fand ein heimkehrender Seemann seine Familie in Unkenntnis über sein Kommen, aber hier hätte es in keinem schlimmeren Augenblick geschehen oder Bolitho härter treffen können.

Nicht einmal sein junger Neffe Adam, der nun die Brigg Firefly befehligte, war dagewesen, um ihn aufzumuntern. Er war an Bord zurückgerufen worden, um Ausrüstung und Trinkwasser zu übernehmen.

Aber Hyperion war nun die Gegenwart. Allday achtete auf den Schlagmann, dessen Riemen schlecht eintauchte und Spritzwasser übers Dollbord warf. Verdammte Stümper! Sie würden das eine oder andere noch zu lernen haben, und wenn er sich jeden einzelnen persönlich vornehmen mußte.

Die alte Hyperion war für sie keine Fremde, nur ihre Leute waren das. Entsprach das Bolithos Wünschen? Allday wußte es nicht. Wenn Keen hier Flaggkapitän gewesen wäre oder auch der arme Inch, hätten die Dinge besser ausgesehen. Aber Kapitän Haven war ein kalter Fisch. Dessen Bootssteurer, ein Waliser namens Evans, hatte ihm bei einem Glas Rum anvertraut, sein Herr hätte keinen Humor und ließe niemanden an sich heran.

Allday grübelte weiter über Bolitho nach. Wie er sich doch verändert hatte! Ein Schiff folgte dem anderen, sie befuhren verschiedene Meere, aber gewöhnlich blieb der Feind sich gleich. Und Bolitho hatte ihn immer wie einen Freund behandelt, wie einen, der zur Familie gehörte. Das hatte er einmal beiläufig gesagt, aber Allday hatte es wie etwas Kostbares im Gedächtnis bewahrt.

Es war schon seltsam, wenn man darüber nachdachte. Einige seiner alten Messegefährten hätten ihn vielleicht sogar damit geneckt, hätte der Respekt vor seinen Fäusten sie nicht zurückgehalten. Aber Allday wie auch Ferguson waren einmal in den Dienst des Königs gepreßt und auf Bolithos Schiff, die Fregatte Phalarope, gesteckt worden – kaum die rechte Basis für eine Freundschaft. Trotzdem war Allday seit dem Gefecht bei den Saintes freiwillig bei Bolitho geblieben, als dessen alter Bootssteurer Stockdale getötet wurde. Er war sein ganzes Leben Seemann gewesen, nur kurze Zeit hatte er an Land ausgerechnet als Schäfer gearbeitet. Er wußte wenig über seine Abstammung und die Leute, die ihn großgezogen hatten, was ihn mit zunehmendem Alter zuweilen beunruhigte.

Er studierte Bolithos altmodischen Nackenzopf, der unter seinem goldbetreßten Hut hervorsah. Noch war er rabenschwarz. Seine Erscheinung blieb jugendlich, so daß er manchmal irrtümlich für Adams älteren Bruder gehalten wurde. Sofern Allday es überhaupt wußte, hatte er das gleiche Alter: siebenundvierzig. Doch während er voller wurde und sein dickes braunes Haar graue Streifen bekam, schien Bolitho nicht zu altern. Allday kannte ihn von allen Seiten: als einen Tiger im Gefecht, aber auch als einen Mann, den es fast zu Tränen rührte, wenn er Schiffe und Menschen in einer Seeschlacht sterben sah.

Das Wachboot schwenkte unter dem ausladenden Klüverbaum eines hübschen Schoners durch. Allday beugte sich über die Pinne und hielt den Atem an, als er seine alte Wunde in der Brust brennen fühlte. Nur selten konnte er sie vergessen: die spanische Klinge, die wie aus dem Nichts gekommen war, und Bolitho, der ihn deckte, ihm das Leben rettete.

Die Wunde machte ihm Mühe, und es fiel ihm oft schwer, seine Schultern zu straffen, ohne daß Schmerz ihn durchschoß. Bolitho hatte ihm nahegelegt, an Land zu bleiben, wenigstens vorübergehend. Längst bot er ihm nicht mehr die Chance einer Freistellung von der Navy an, der er so gut gedient hatte. Denn er wußte, das hätte Allday fast mehr geschmerzt als die Wunde selbst.

Die Barkasse strebte der nächsten Anlegepier zu. Bolithos Finger umklammerten die Scheide seines alten Degens, den er zwischen den Knien hielt. So viele Gefechte hatten sie gemeinsam bestanden, so oft hatten sie sich gefragt, weshalb sie wieder einmal verschont geblieben waren, obwohl so viele andere fielen.

»Klar bei Bootshaken!« Allday beobachtete kritisch, wie der Bugmann den Riemen einzog, aufstand und mit dem bereitgehaltenen Haken nach der Pierkette tastete. In ihren geteerten Hüten und karierten Hemden sahen die Leute forsch und schmuck aus, aber es brauchte mehr als Farbe, damit ein Schiff segeln konnte. Auch Allday selbst war eine stattliche Erscheinung, obwohl er sich dessen kaum bewußt war, wenn er nicht gerade das Auge des einen oder anderen Mädchens auf sich zog, was öfter geschah, als er zugab. In seinem blauen Rock mit den goldenen Knöpfen, den ihm Bolitho spendiert hatte, und in seinen Nankingbreeches war er jeder Zoll ein alter Salzwasserbuckel.

Das Wachboot machte Platz, der verantwortliche Offizier zog aufstehend den Hut, während die Ruderer zum Gruß ihre Riemen hochstellten. Allday bekam einen Schreck, als sich Bolitho ihm zuwandte, eine Hand überm Auge, um es vor der Helligkeit zu schützen. Er sagte nichts, aber sein Blick war so deutlich, als ob er laut gerufen hätte: eine dringende Bitte, die alle anderen ausschloß. Allday war eine simple Seele, aber er erinnerte sich dieses Blickes noch lange, nachdem Bolitho die Barkasse verlassen hatte. Er machte ihm Sorge und rührte ihn zugleich.

Er sah, daß die Bootscrew ihn anstarrte, und brüllte: »Ich hab’ schon geschicktere Kerls als ihr aus’m Puff geschmissen. Bei Gott, nächstes Mal strengt euch lieber mehr an, sonst sollt ihr mich kennenlernen!«

Flaggleutnant Jenour stieg an Land und lächelte über den Fähnrich, der bei der Schimpfkanonade des Bootssteurers verlegen errötete. Der Flaggleutnant war erst einen Monat bei Bolitho, begann aber schon, die ungewöhnliche Ausstrahlung des Mannes, dem er beigeordnet war, zu begreifen. Wie für den Fähnrich war er auch für ihn ein Held.

Bolithos Stimme riß ihn aus seinen Gedanken. »Kommen Sie, Mr. Jenour, das Boot kann warten, der Krieg nicht.«

»Aye, aye, Sir Richard.« Jenour grinste und dachte an seine Eltern in Hampshire, die den Kopf geschüttelt hatten, als er ihnen seine Absicht eröffnete, eines Tages Bolithos Adjutant zu werden.

Bolitho sah Jenour lächeln und merkte, wie seine Melancholie zurückkehrte. Er wußte, was der junge Leutnant fühlte, weil er früher selbst so gewesen war. In der begrenzten Welt der Navy hing man sehr stark an Freunden. Wenn sie fielen, ging mit ihnen etwas verloren, und das eigene Überleben ersparte einem nicht die Trauer um ihr Verschwinden.

Bolitho blieb abrupt an der Treppe zur Pier stehen. Der Erste Leutnant der Hyperion war ihm eingefallen. Sein zigeunerhaft gutes Aussehen … Natürlich, es erinnerte ihn an Keverne, an Charles Keverne, einst sein Erster auf der Euryalus, der vor Kopenhagen als Kommandant gefallen war.

»Ist Ihnen nicht wohl, Sir Richard?«

»Verflucht noch mal, doch!«

Aber Bolitho drehte sich sofort um und berührte bedauernd Jenours Ärmel. »Entschuldigen Sie. Mein Rang bringt viele Vorrechte, doch schlechte Manieren gehören nicht dazu.«

Er stieg die Treppe hoch, während Jenour ihm nachstarrte. Yovell seufzte, als er schwitzend hinterherkletterte. Der arme Leutnant, er hatte noch eine Menge zu lernen. Man konnte nur hoffen, daß ihm die Zeit dazu vergönnt wurde.

Der große Raum war nach der Hitze draußen bemerkenswert kühl. Bolitho saß auf einem Stuhl mit steifer Lehne, nippte an einem Glas Rotwein und wunderte sich, daß er so kalt blieb. Leutnant Jenour und Yovell saßen an einem Nebentisch, der mit Akten und Folianten bedeckt war. Sonderbar, daß in einem anderen Teil desselben Gebäudes Bolitho einmal besorgt auf die Beförderung zum Kommandanten gewartet hatte.

Der Wein war gut und sehr leicht. Er merkte, daß sein Glas von einem farbigen Diener sofort nachgefüllt wurde, und nahm sich vor, auf der Hut zu sein. Bolitho genoß einen guten Schluck, doch war es ihm bisher leicht gefallen, dem verbreiteten Laster der Navy, der Trunksucht, zu entgehen. Es führte zu oft zur Schande und dem Kriegsgericht.

Er hatte es nur in jenen schwarzen Tagen in Falmouth, als er erwartungsvoll zurückkam, nicht geschafft. Trotzdem – was hatte er eigentlich erwartet? Wie konnte er bestürzt sein und verbittert über Belindas Kälte, wenn in Wahrheit sein Herz bei Cheney geblieben war?

Wie still das Haus dalag, als er ruhelos durch seine tiefen Schatten wanderte, mit einer Hand die Kerze vor den strengen Porträts hochhaltend, die er schon kannte, seit er so klein wie Elizabeth gewesen war.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, ruhte seine Stirn in vergossenen Weinlachen auf dem Tisch. Mit trockenem Mund bemerkte er die leeren Flaschen, konnte sich aber nicht erinnern, sie aus dem Keller geholt zu haben. Das Personal mußte Bescheid gewußt haben. Ferguson hatte ihn noch in Reisekleidung vorgefunden und war hin und her geeilt, um ihm zu helfen. Bolitho mußte die Wahrheit später fast mit Gewalt aus Allday herausholen. Er entsann sich nicht, ihn fortgeschickt zu haben, weil er in seinem Elend allein sein wollte, hörte aber, daß Allday die Nacht gleichfalls vertrunken hatte, in jener Taverne, wo die Wirtstochter immer noch auf ihn wartete.

Er hörte, daß der andere Offizier auf ihn einsprach. Das war Kommodore Aubrey Glassport, Direktor der Marinewerft von Antigua und bis zu Hyperions Einlaufen der ranghöchste Marineoffizier am Ort. Er erläuterte ihm die Standorte und unterschiedlichen Aufgaben der hiesigen Streitkräfte.

»Bei einem so ausgedehnten Seegebiet, Sir Richard, tun wir uns schwer, Blockadebrecher oder Piraten zu verfolgen und aufzubringen. Die Franzosen und ihre Verbündeten andererseits …«

Bolitho zog die Seekarte heran. Dieselbe alte Geschichte. Nicht genug Fregatten, zu viele Linienschiffe weggeschickt, um die Flotten im Kanal und im Mittelmeer zu verstärken. Über eine Stunde lang hatte er jetzt die Berichte durchgesehen, den tage- und wochenlangen Patrouillen zwischen den zahllosen Inseln die mageren Resultate gegenübergestellt. Gelegentlich riskierte ein wagemutiger Kommandant Leib und Leben, erschien mit seinem Schiff auf einem feindlichen Ankerplatz, brachte eine Prise auf oder veranstaltete ein schnelles Bombardement. Das las sich gut, trug aber wenig dazu bei, den überlegenen Feind ernstlich zu lähmen. Bolithos Mund wurde hart. Nur zahlenmäßig überlegen.

Glassport hielt Bolithos Schweigen für Zustimmung und redete weiter. Er war ein rundlicher, bequemer Herr mit gelichtetem Haupthaar und einem Mondgesicht, das mehr von gutem Leben zeugte als vom Kampf gegen die Elemente oder die Franzosen. Er sollte längst verabschiedet sein, wußte Bolitho, aber er hatte Beziehungen im Stützpunkt, also ließ man ihn hier. Seinem Weinkeller nach zu urteilen, unterhielt er ebenso gute Beziehungen zu den Zahlmeistern.

Glassport sagte gerade: »Angesichts Ihrer früheren Erfolge, Sir Richard, fühle ich mich geehrt durch Ihren Besuch. Bei Ihrem ersten Hiersein war Amerika wohl ebenfalls gegen uns aktiv? Mit vielen Freibeutern und auch mit der französischen Flotte.«

»Die Tatsache, daß wir uns mit Amerika nicht länger im Krieg befinden«, entgegnete Bolitho, »verhindert nicht zwangsläufig internationale Einmischung, auch nicht die zunehmenden amerikanischen Nachschublieferungen an den Feind.« Er legte die Karte aus der Hand. »In den nächsten Wochen wünsche ich mit jeder Patrouille Kontakt aufzunehmen. Haben Sie zur Zeit eine Kurierbrigg hier?« Er bemerkte Glassports plötzliches Erstaunen und seine Unsicherheit. Eine ruhige Existenz ging hier wohl zu Ende. »Ich möchte jeden Kommandanten persönlich sprechen. Können Sie das einrichten?«

»Ah, hm – jawohl, Sir Richard.«

»Gut.«

Bolitho ergriff sein Weinglas und beobachtete die Sonnenreflexe im Stiel. Er neigte es ein wenig nach links und wartete, fühlte Yovells Augen auf sich gerichtet. Und Jenours Neugier. Er fügte hinzu: »Man hat mir gesagt, daß sich Seiner Majestät Generalinspekteur noch in Westindien befindet?«

Glassport murmelte unglücklich: »Mein Flaggleutnant weiß genaueres …«

Bolitho stutzte, als sich das Bild des Glases zu verwischen begann. War der trübe Schleier diesmal schneller gekommen, oder hatte das ständige Drandenken …

»Meine Frage war einfach genug, glaube ich«, fuhr er auf. »Ist er noch hier oder nicht?«

Zitterte seine Hand? War er hartherzig, verärgert? Keines von beiden. Nur unsicher wie auf der Pier, als er Jenour angefahren hatte. Ruhiger sprach er weiter: »Er ist doch mehrere Monate hier draußen gewesen, glaube ich.«

»Viscount Somervell befindet sich noch in Antigua«, erwiderte Glassport und setzte defensiv hinzu: »Ich habe Grund anzunehmen, daß er mit dem Vorgefundenen zufrieden ist.«

Bolitho sagte nichts. Der Generalinspekteur konnte ihm eine zusätzliche Last bei seiner Aufgabe sein. Es schien absurd, jemanden mit so hochtrabend klingendem Titel zu einer Inspektionsreise nach Westindien zu schicken, wenn England, allein im Kampf gegen Frankreich und die Flotten Spaniens stehend, täglich eine Invasion erwartete.

Bolithos Instruktionen besagten klar, daß er Viscount Somervell ohne Verzögerung zu treffen hätte, auch wenn dies bedeutete, daß er sich sofort zu einer anderen Insel begeben mußte, Jamaika eingeschlossen.

Doch der Gesuchte befand sich hier. Immerhin etwas.

Bolitho fühlte sich müde. Er hatte die meisten Offiziere und Beamten des Stützpunkts kennengelernt, zwei Schoner besichtigt, die für die Navy umgebaut wurden, und war bei den Batterien gewesen, wobei Jenour und Glassport Mühe gehabt hatten, mit ihm Schritt zu halten.

Er lächelte schwach. Dafür büßte er jetzt.

Glassport wartete, bis er an seinem Wein nippte, und bemerkte dann: »Es gibt einen kleinen Empfang für Sie heute abend, Sir Richard …« Er unterbrach sich, als er in die grauen Augen blickte. »Kaum dem Anlaß angemessen, aber er wurde erst arrangiert, nachdem man Ihr … äh, Flaggschiff gemeldet hatte.«

Bolitho merkte das Zögern. Noch einer, der an seinem Schiff zweifelte.

Glassport mochte eine Absage befürchtet haben, denn er haspelte weiter: »Viscount Somervell erwartet Sie.«

»Verstehe.« Ein Wink zu Jenour. »Informieren Sie den Kommandanten.«

Als der Leutnant sich abmeldete, sagte Bolitho: »Mein Bootssteurer soll es ihm ausrichten. Sie bleiben bei mir.«

Jenour nickte. Er lernte heute eine ganze Menge.

Bolitho wartete, bis Yovell ihm den nächsten Stapel Papiere brachte. Glassport sah ihm beim Umblättern zu.

Dies also war der Mann hinter der Legende, ein zweiter Nelson, sagten manche. Doch alle Welt wußte, daß Nelson höherenorts nicht sehr beliebt war. Er war der richtige Mann, um eine Flotte zu führen. Notwendig. Aber hinterher? Glassport studierte Bolithos gesenkten Kopf, die Strähne über dem Auge. Ein ernstes, empfindsames Gesicht, dachte er, das man sich in den Gefechten, über die er soviel gelesen hatte, schwer vorzustellen vermochte. Er wußte, Bolitho war mehrmals schwer verwundet worden und am Fieber fast gestorben. Aber insgesamt waren das nicht viele Informationen. Ritter des Bath-Ordens, aus einer guten alten Seefahrerfamilie stammend – und England sah in ihm einen Helden: all das, was Glassport gern gewesen wäre und gehabt hätte. Warum war er nach Antigua gekommen? Es bestand wenig oder gar keine Aussicht für ein Unternehmen zur See, selbst vorausgesetzt, die einzelnen Flottillen wurden verstärkt und ein Ersatz für die …

Er erschrak, als Bolitho gerade diesen Punkt berührte, als könnten die grauen, zwingenden Augen Gedanken lesen.

»Die Spanier haben uns die Fregatte Consort weggenommen?« Es hörte sich wie ein Vorwurf an.

»Vor zwei Monaten, Sir Richard. Sie strandete unter Beschuß. Einer meiner Schoner konnte den größten Teil ihrer Besatzung abbergen, ehe der Feind bei ihr war. Der Schoner machte seine Sache gut. Ich dachte, daß …«

»Und der Kommandant der Consort?«

»Befindet sich in St. John’s, Sir Richard. Steht zur Verfügung des Kriegsgerichts.«

»Wirklich?« Bolitho erhob sich und wandte sich an den eintretenden Jenour. »Wir begeben uns nach St. John’s.«

Jenour schluckte hart. »Gibt es eine Kutsche, Sir Richard?« Hilfesuchend schaute er Glassport an.

Bolitho griff zum Degen. »Aber bestimmt zwei Pferde, mein Junge.«

Sein plötzlicher Eifer überraschte ihn selber. War er lediglich ein Ablenkungsmanöver von anderen Sorgen? »Sie sind doch aus Hampshire, richtig?«

Jenour nickte. »Jawohl, das heißt …«

»In Hampshire kann man reiten. Zwei Pferde – sofort!«

Glassport starrte vom einen zum andern. »Aber der Empfang, Sir Richard …« Er schien entsetzt.

»Der Ausflug wird mir Appetit machen.« Bolitho lächelte. »Ich bin rechtzeitig zurück.«

Bolitho musterte forschend sein Gesicht im Wandspiegel, dann strich er sich die lose Strähne aus der Stirn. Im Spiegel sah er auch Allday und Ozzard, die ihn besorgt beäugten, während sich Stephen Jenour nach ihrem Ritt das Hinterteil massierte.

Der Ausflug war heiß und staubig gewesen, aber zunächst unerwartet heiter. Allein schon die Gesichter der Passanten, als sie an ihnen vorüber durch den diesigen Sonnenschein galoppierten, waren sehenswert.

Nun war es dunkel, die Dämmerung setzte auf den Inseln früh ein. Bolitho musterte sich sorgfältig, während sein Ohr schon den Klang der Violinen und das dumpfe Gemurmel aus dem Salon auffing, in dem der Empfang stattfand. Ozzard hatte ihm frische Strümpfe von Bord gebracht, Allday den Repräsentationsdegen und ihn gegen das alte Erbstück, das Bolitho trug, ausgewechselt.

Bolitho seufzte. Die meisten Kerzen wurden durch hohe Sturmgläser geschützt, daher war die Beleuchtung nicht zu grell. So blieben vielleicht sein zerknittertes Hemd und die Schmutzflecken, die der Sattel auf seinen Breeches hinterlassen hatte, unbemerkt. Sie hatten keine Zeit gefunden, noch zur Hyperion zurückzukehren. Verdammter Glassport und sein Empfang! Bolitho hätte viel lieber in seiner Kajüte alles durchdacht, was der Fregattenkommandant ihm mitgeteilt hatte.

Commander Matthew Price war für die Führung eines so schönen Schiffes noch reichlich jung. Die Consort mit ihren sechsunddreißig Geschützen hatte sich zwischen einigen Untiefen vor Venezuela durchgewunden, als sie von einer Küstenbatterie unter Feuer genommen wurde. Unglücklicherweise stand sie so dicht unter Land, daß sie auf Grund geriet. Es war schon so, wie Glassport berichtet hatte: Ein Schoner hatte den Großteil der Besatzung abgeborgen, mußte sich aber davonmachen, als ein spanisches Kriegsschiff auf der Bildfläche erschien.

Commander Price saß in seinem Alter noch auf keiner Kapitänsplanstelle, und wenn das Kriegsgericht gegen ihn entschied, was sehr wahrscheinlich war, mußte er alles verlieren. Bestenfalls würde man ihn zum Leutnant zurückstufen. Der schlimmste Fall war nicht auszudenken.

Während Price in einem kleinen, regierungseigenen Haus die Verhandlung erwartete, hatte er viel zu bedenken. Nicht zuletzt, daß Gefangenschaft oder gar der Tod im Gefecht besser für ihn gewesen wären. Denn sein Schiff war wieder flottgemacht worden und gehörte nun zum Geschwader Seiner Allerkatholischsten Majestät in La Guaira auf dem spanischen Festland. Fregatten aber waren ihr Gewicht in Gold wert, und England bedurfte ihrer immer dringender. Als Bolitho noch im Mittelmeer diente, waren zwischen Gibraltar und der Levante nur sechs Fregatten verfügbar gewesen. Der Vorsitzende der Kriegsgerichtsverhandlung würde dies bei seinen Erwägungen nicht ignorieren können.