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Die Kinderärztin Dr. Martens ist eine großartige Ärztin aus Berufung, sie hat ein Herz für ihre kleinen Patienten, und mit ihrem besonderen psychologischen Feingefühl geht sie auf deren Sorgen und Wünsche ein. Die Kinderklinik, die sie leitet, hat sie zu einem ausgezeichneten Ansehen verholfen. Kinderärztin Dr. Martens ist eine weibliche Identifikationsfigur von Format. Sie ist ein einzigartiger, ein unbestechlicher Charakter – und sie verfügt über einen liebenswerten Charme. Alle Leserinnen von Arztromanen und Familienromanen sind begeistert! »Oh, Mist!« sagte Schwester Dorte, als sie am Eingang der Kinderklinik Birkenhain stand und in das plötzlich einsetzende Schneetreiben schaute. »Bis ich daheim bin, ist mein Haar aufgeweicht, sind meine Schuhe naß und meine Füße eisigkalt.« »Warten Sie doch noch, bis das ärgste Schneetreiben aufgehört hat. Bei diesem Wetter schickt man doch keinen Hund vor die Tür, viel weniger einen Menschen.« »Doch, mich. Ich wollte es mir heute daheim so richtig gemütlich machen, ein bißchen fernsehen und faulenzen. Und das werde ich auch tun, Schnee hin oder her.« »Wenn du willst, kannst du heute nacht bei mir bleiben, Dorte. Es sieht nicht so aus, als würde es aufhören zu schneien. Bei mir können wir es uns auch gemütlich machen.« Aber Dorte blieb standhaft. Wenn sie sich einmal etwas vorgenommen hatte, dann stand sie auch dazu. Und wenn es sich nur ums Faulenzen in den eigenen vier Wänden handelte. Schließlich hatte sie ihre kleine, hübsche Wohnung erst vor drei Monaten bezogen. Ihre Kolleginnen hatten die Köpfe geschüttelt und sie gefragt, aus welchem Grunde sie Miete bezahlen wollte, wenn sie im Schwesterntrakt der Klinik ganz umsonst in einem der hübschen Zimmer wohnen konnte. »Meine eigene Wohnung gibt mir das Gefühl der Selbständigkeit. Ich liebe meinen Beruf über alles, aber wenn ich dienstfrei habe, möchte ich alles vergessen und mich ruhig entspannen können«, hatte Dorte nur gesagt. Und dabei war sie auch geblieben, hatte das hübsche Appartement gemietet und es noch nicht eine einzige Minute bereut.
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2021
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»Oh, Mist!« sagte Schwester Dorte, als sie am Eingang der Kinderklinik Birkenhain stand und in das plötzlich einsetzende Schneetreiben schaute. »Bis ich daheim bin, ist mein Haar aufgeweicht, sind meine Schuhe naß und meine Füße eisigkalt.«
Martin Schriewers kam hinter dem Tresen in der Aufnahme hervor und schlug voller Mitgefühl vor:
»Warten Sie doch noch, bis das ärgste Schneetreiben aufgehört hat. Bei diesem Wetter schickt man doch keinen Hund vor die Tür, viel weniger einen Menschen.«
»Doch, mich. Ich wollte es mir heute daheim so richtig gemütlich machen, ein bißchen fernsehen und faulenzen. Und das werde ich auch tun, Schnee hin oder her.«
Schwester Trude, die auch gerade dienstfrei hatte, trat zu ihr und meinte:
»Wenn du willst, kannst du heute nacht bei mir bleiben, Dorte. Es sieht nicht so aus, als würde es aufhören zu schneien. Bei mir können wir es uns auch gemütlich machen.«
Aber Dorte blieb standhaft. Wenn sie sich einmal etwas vorgenommen hatte, dann stand sie auch dazu. Und wenn es sich nur ums Faulenzen in den eigenen vier Wänden handelte. Schließlich hatte sie ihre kleine, hübsche Wohnung erst vor drei Monaten bezogen.
Ihre Kolleginnen hatten die Köpfe geschüttelt und sie gefragt, aus welchem Grunde sie Miete bezahlen wollte, wenn sie im Schwesterntrakt der Klinik ganz umsonst in einem der hübschen Zimmer wohnen konnte.
»Meine eigene Wohnung gibt mir das Gefühl der Selbständigkeit. Ich liebe meinen Beruf über alles, aber wenn ich dienstfrei habe, möchte ich alles vergessen und mich ruhig entspannen können«, hatte Dorte nur gesagt. Und dabei war sie auch geblieben, hatte das hübsche Appartement gemietet und es noch nicht eine einzige Minute bereut.
Nur heute, bei diesem ausgesprochenen Hundewetter, hätte sie viel darum gegeben, wenn sie nicht bis zum anderen Ende Ögelas hätte laufen müssen.
Sie nickte Schwester Trude und Martin Schriewers noch einmal zu, stellte den Mantelkragen hoch und lief in das Schneetreiben hinaus. Schon nach ein paar Schritten konnte man nichts mehr von ihr erkennen. Der Schnee hatte sie sozusagen verschluckt. Die Sicht war bei diesem Wetter ohnehin gleich null.
Schwester Trude wandte sich Martin Schriewers zu. Sie hielt gern ein Schwätzchen mit ihm und seiner Frau Marike. Eben wollte sie kopfschüttelnd sagen, daß Dorte doch eigentlich ziemlich eigensinnig war, als Dr. Frerichs kam und ihnen zuwinkte.
»Sagen Sie nur noch, daß Sie bei diesem Wetter ausfahren wollen, Herr Doktor«, sagte Trude und sah ihn anklagend an. Hartmut Frerichs lachte leise auf und gab zurück:
»Aber ganz bestimmt will ich das. Außerdem ist es doch nicht so schlimm, denn ich fahre ja mit dem Wagen. Ich freue mich schon auf das Forellenessen bei den Wendels.«
Hartmut Frerichs hatte sich mit den Wendels angefreundet. Sie besaßen, etwas außerhalb von Ögela, sehr schön und idyllisch gelegen, eine Forellenzucht, zu dem auch ein Gasthof gehörte. Dr. Frerichs war zwar heute abend nicht mit den Wendels verabredet, aber er wußte, daß er auch so kommen konnte.
»Das bißchen Schneetreiben macht mir nichts aus. Und meinem Wagen auch nicht. Schließlich hat er gut funktionierende Scheibenwischer.«
Dr. Frerichs nickte Trude und Martin noch einmal zu, tippte sich verabschiedend an die Schläfe und verschwand nach draußen.
Gleich darauf konnte man hören, wie der Motor ansprang. Man sah das Licht der Scheinwerfer, als Frerichs den Wagen wendete, und dann waren die Rücklichter auch sehr schnell verschwunden, als er den Klinikhof verließ.
Schwester Trude schüttelte den Kopf.
»Manche Leute sind aber wirklich unbelehrbar, nicht wahr? Mir könnte man sonstwas bieten, ich würde mich dafür bedanken, bei diesem Wetter hinauszugehen.«
*
Es war wirklich nicht viel draußen zu sehen. Dr. Frerichs beugte sich unwillkürlich ein wenig näher zur Windschutzscheibe, als könnte er dann mehr daran erkennen. Der Scheibenwischer surrte leise, aber es schien so, als könne er mit den Schneemassen nur unvollständig fertigwerden.
Der junge Arzt überlegte gerade, ob er sein Verhalten, zu den Wendels zu fahren, nicht lieber verschieben sollte, als die schmale Gestalt vor ihm auftauchte, die ihm irgendwie vertraut war, obwohl man kaum mehr als die Umrisse von ihr erkennen konnte.
Aber diese Leichtfüßigkeit, diese ausgeglichenen, fließenden Bewegungen – das alles war ihm irgendwie vertraut.
Noch ehe er den Wagen neben der Gestalt angehalten hatte, wußte er, daß es sich um Schwester Dorte handelte, für die er – ganz heimlich, versteht sich – schwärmte. Eigentlich war es schon ein bißchen mehr als Schwärmerei – aber das ging schließlich niemanden etwas an.
Dorte sah erst ein bißchen erschreckt drein, als der Wagen so plötzlich neben ihr anhielt. Aber sie lachte erleichtert auf, als sie Dr. Frerichs erkannte, der jetzt die Beifahrertür öffnete und rief:
»Kommen Sie – steigen Sie schnell ein, ehe Sie völlig aufgeweicht sind.«
Das ließ Dorte sich nicht zweimal sagen. Aufseufzend ließ sie sich neben ihn gleiten und sagte erleichtert:
»Sie schickt mir der Himmel, Dr. Frerichs. Ich habe schon heimlich bereut, daß ich Trudes Vorschlag, heute nacht bei ihr zu bleiben, nicht angenommen habe.«
»Sie müssen Ihre neue Wohnung ja geradezu lieben, wenn Sie in diesem Wetter unterwegs sind.«
»Das stimmt.« Dorte lachte ihr frisches Lachen, das ihn jedesmal in heimliches Entzücken versetzte. »Da kann ich so richtig abschalten, faulenzen, gammeln, es mir gemütlich machen.«
»Klingt tatsächlich mächtig verlockend«, stimmte er zu und fuhr fort: »Wenn Sie mir sagen, wo sich Ihre Wohnung befindet, fahre ich Sie schnell hin und rechne damit, daß Sie mich zu einer Tasse Kaffee einladen.«
»Aber natürlich. Ich freue mich, wenn mich jemand besucht. Sie sind übrigens mein erster Besuch in meiner neuen Wohnung.«
»Sie machen mich immer neugieriger.« Hartmut fand es wunderbar, daß Dorte in seinem Wagen neben ihm saß. Und er freute sich noch mehr auf den Kaffee in ihrer Wohnung. Das Forellenessen bei Wendels hatte er schon wieder vergessen. Die Gelegenheit, noch ein wenig länger mit der heimlich angeschwärmten Dorte zusammen sein zu können, kam sicher so schnell nicht wieder.
Es dauerte kaum zehn Minuten, bis sie vor dem hübschen Zweifamilienhaus, in dem sich Dortes Wohnung befand, angekommen waren.
Leichtfüßig sprang Dorte hinaus und zur Haustür empor, öffnete und hielt sie einladend offen, als er ihr nachkam, nachdem er den Wagen abgeschlossen hatte. Das Schneetreiben war eher noch dichter geworden. Man konnte wirklich kaum die Hand vor Augen erkennen. Dorte schloß geschwind hinter ihm die Haustür wieder, lachte ihn erleichtert an und ging vor ihm die Treppe hinauf, schloß ihre Wohnungstür auf und ließ ihn an sich vorüber in die kleine Diele gehen.
Es war angenehm warm, wie er feststellte, als er sich aus dem Mantel geschält hatte. Er hatte erst Dorte geholfen, die sich nun einer der Türen zuwandte und sie aufstieß.
»Willkommen in meinen vier Wänden, Dr. Frerichs«, sagte sie feierlich und sah ihn auffordernd an.
Hartmut Frerichs trat ein und sah sich bewundernd um. Der Raum war groß und hell und mit raffinierter Sparsamkeit eingerichtet. Es paßte alles zusammen. Da war ein breite Couch, ein niedriger Couchtisch mit dicker Marmorplatte, zwei schwere Sessel, die zusammenpaßten, eine Stehlampe, die Dorte gerade anmachte, und ein alter, geschnitzter Schrank mit Butzenscheiben, durch die man die Kristallgläser sehen konnte, die Dorte darin aufgereiht hatte.
»Machen Sie es sich bequem«, sagte Dorte, ging in die kleine Küche und rief von dort zurück: »Der Kaffee ist sofort fertig.«
Es dauerte nur einige Minuten, bis sie zurückkam, die Tassen auf den Tisch stellte und eine Schüssel mit Keksen brachte. »Selbstgebacken«, sagte sie mit unverkennbarem Stolz in der Stimme. »Ich spiele, wenn ich Dienstschluß habe, mit Begeisterung Hausfrau und koche und backe für mein Leben gern.«
»Das ist selten. Ich meine, daß eine junge Frau wie Sie sich gern in der Küche beschäftigt.«
»Oh, haben Sie eine Ahnung!« Sie lachte ihn an, und er sah begeistert die beiden Grübchen, die sich dabei in ihren Wangen bildeten und ihrem Gesicht einen spitzbübischen Ausdruck gaben. »Wäre ich nicht Krankenschwester geworden, dann sicherlich Köchin oder doch etwas Ähnliches.«
Im Nu hatte sie Sahne und Zucker gebracht, der Kaffee war fertig, und sie schenkte ihn ein. Dann nahm sie ihm gegenüber Platz und sah sich lächelnd um.
»Verstehen Sie nun, daß ich mein kleines Reich so sehr liebe?« fragte sie. Frerichs nickte. Und dann sagte er etwas, was sie aufhorchen ließ:
»Ich beneide Sie. Sie haben etwas, auf das Sie sich den ganzen Tag lang freuen können. Alles, was mit dem Beruf zusammenhängt, können Sie vor der Tür lassen. Das finde ich großartig.«
»Ach, so einfach ist es mit dem Abschalten nicht. Man beschäftigt sich, ob man will oder nicht, doch noch mit dem Beruf, besonders dann, wenn es vielleicht um einen kritischen Fall geht, von dem man noch nicht weiß, wie er ausgeht. Aber ich finde, in einer gemütlichen Umgebung kann man sich viel einfacher auch mit den schwierigen Problemen auseinandersetzen.«
Der junge Arzt nickte. Der Kaffee duftete, die Kekse waren ausgezeichnet, die Wohnung gemütlich warm, und man fühlte sich so wohl, daß man vergessen konnte heimzugehen.
Ehe sie es sich versahen, unterhielten sie sich angeregt miteinander, und Hartmut war begeistert, daß Dorte die gleichen Interessen hatte wie er.
Es ging schon auf zehn Uhr, als er sich endlich schuldbewußt erhob und sie bittend ansah.
»Sie hätten mich schon viel früher an die Luft setzen sollen«, sagte er. »Aber es war gemütlich bei Ihnen, daß ich nicht gehen mochte.«
»Was hindert Sie daran, wiederzukommen? Ich könnte für uns kochen und…«
»Ist das eine ernstgemeinte Aufforderung?« unterbrach er sie hastig. Dorte lachte wieder und nickte. »Sie wissen doch – ich koche für mein Leben gern.«
»Gleich morgen?« wollte er wissen und sah aus wie ein Kind, das die Zeit nicht mehr abwarten konnte. Dorte nickte.
»Gleich morgen, wenn Sie mögen.«
»Vielleicht gelingt es uns, pünktlich dienstfrei zu haben. Dann können wir gemeinsam einkaufen, und ich würde mich sogar zum Kartoffelschälen anbieten.«
»Ihr Vorschlag, Dr. Frerichs, wurde soeben wohlwollend angenommen«, gab sie lachend zurück, begleitete ihn bis zur Treppe und sah dann heimlich hinter der Gardine zu, wie er in seinen Wagen stieg und davonfuhr.
Dorte lächelte noch, als sie im Bett lag und eingeschlafen war…
*
Sie spürten es beide am nächsten Morgen, als sie einander in der Klinik trafen: es war etwas zwischen ihnen, daß man nur ahnen konnte, das sie beide aber als durchaus angenehm empfanden, und sie waren sicher, daß sie es noch richtig auskosten konnten.
Das Lächeln, das sie einander schenkten, schien andere auszuschließen. Sie sprachen ausschließlich dienstlich miteinander, aber jedes Wort schien eine ganz besondere Bedeutung zu bekommen.
Beim Mittagessen in der Kantine sah Trude Dorte, mit der sie befreundet war, nachdenklich an.
»Wenn ich nicht ganz sicher wäre, daß es nicht so ist, würde ich behaupten, du bist verliebt.«
»Wie kommst du denn darauf?« wollte Dorte wissen, konnte es aber nicht verhindern, daß sie rot wurde. Trude hakte sofort nach. Blitzschnell ging sie im Geiste alle Männer durch, die in Frage kommen könnten. Aber es ging ihr wie den meisten Leuten – sie kam nicht darauf. Nicht einen einzigen Gedanken widmete sie Dr. Frerichs, der die Kantine betrat, als sie sie verließen, um wieder zur Station zurückzukehren.
»Ich meine ja auch nur«, sagte Trude. Sie war aufmerksam geworden und sagte zögernd:
»Wie findest du eigentlich Dr. Frerichs?«
»Liebe Zeit, wie kommst du denn auf den? Du bist heute ziemlich sprunghaft.«
»Ich weiß auch nicht. Mir ist aufgefallen, daß er doch eigentlich ein sehr attraktiver Mann ist, oder nicht? Mich wundert, daß er noch keine Frau fürs Leben gefunden hat. Ich stelle mir eine Ehe mit ihm gar nicht so langweilig vor.«
»Warum sagst du mir das?« Dorte lachte, aber das Lachen klang ein wenig belegt. Das schien Trude nicht zu merken, und so fuhr Dorte fort: »Meinst du nicht, du solltest ihm signalisieren, was du über ihn denkst? Er ist schließlich genau die richtige Adresse, oder?«
»Was fällt dir ein?« Trude lachte auch. »Stell dir nur vor, was er für ein Gesicht machen würde, wenn ich ihn merken ließe, daß ich mich für ihn interessiere.«
»Tust du das denn?«
»Was?«
»Dich für ihn interessieren.«
»Lieber Himmel, sei nicht solch ein Stockfisch, Dorte. Natürlich interessiere ich mich für ihn. Warum sollte ich mich nicht für einen attraktiven jungen Arzt interessieren. Das nutzt mir aber wenig, denn er scheint absolut uninteressiert zu sein. Oder kennst du ein weibliches Wesen, dem er schon einmal etwas mehr als höfliche Aufmerksamkeit geschenkt hätte?«
Merkwürdig und unangenehm, dachte Dorte, daß man immer rot wird, wenn jemand das Thema hervorkramt, über das man sich nicht unterhalten möchte, weil man sich noch unsicher fühlt.
»Nein, aber ich habe auch noch nicht darüber nachgedacht. Ich arbeite gern mit ihm zusammen, weil er höflich ist und nie die Ruhe verliert. Aber was er in seiner Freizeit macht, weiß ich natürlich ebenso wenig wie du.«
Ihre Wangen wurden immer heißer. Das konnte sie genau spüren. Und so sagte sie dann hastig:
»Tut mir leid, ich muß hoch. Wir sehen uns später noch.«
Trude war ein bißchen verblüfft, aber dann schüttelte sie nur den Kopf und ging zum Labor, um die Berichte abzuholen und zu Hanna Martens zu bringen, die darauf wartete, weil sie sie auswerten wollte.
Manchmal ist Dorte ganz schön desinteressiert, fand sie. Dabei ist ein wenig Klatsch doch furchtbar interessant, solange er nicht bösartig wird. Und genau dazu hatte Schwester Trude, wie wahrheitsgemäß berichtet werden muß, absolut kein Talent, denn sie war die Gutmütigkeit und Warmherzigkeit in Person, wenn sie auch manchmal gegen ihre unüberwindliche Neugierde ankämpfen mußte.
Der Tag verlief wie alle anderen. Es geschah nichts Aufregendes, es wurde kein Notfall eingeliefert. Operationen standen auch nicht auf dem Plan. Der Tag verlief in der gleichen Routine wie alle anderen auch.
Eine halbe Stunde vor Dienstschluß ließ sich Dr. Frerichs auf Dortes Station sehen. Er schaute sich vorsichtig um, ehe er die Schwesternküche betrat, in der sich Dorte eben aufhielt. Er lächelte sie jungenhaft und fröhlich an und fragte:
»Werden Sie pünktlich fortkommen?«
»Wenn nicht noch etwas Außergewöhnliches geschieht, ganz bestimmt.« Dorte lächelte ihm zu. »Ich muß aber beim Supermarkt einkaufen.«
»Fein, das machen wir dann zusammen. Ich freue mich schon darauf. Treffen wir uns am Parkplatz drunten, wo die Wagen der Klinikangehörigen stehen? Wir müssen ja nicht gleich hochoffiziell gemeinsam die Klinik verlassen.«
Damit deutete er an, daß nirgendwo der Klatsch besser blühte als in einer Klinik, wo jeder auf den anderen achtete und sich so seine Gedanken machte, wenn er mal etwas tat, was aus dem althergebrachten Rahmen fiel.
»Ist gut«, sagte Dorte einfach. Es war ihr recht, daß man nicht gemeinsam fortging, denn sie erinnerte sich noch gut an Trude, die sich dann gewiß ihre eigenen Gedanken machen und damit auch nicht hinter dem Berg halten würde.
»Den Pudding habe ich schon gekocht, ehe ich heute morgen herkam«, sagte Dorte noch. »Ich habe ihn auf den Balkon gestellt.«
»Fein. Ich freue mich. Pudding esse ich für mein Leben gern. Bis später.« Frerichs ging, und Dorte sah ihm lächelnd nach. Ja, auch sie freute sich auf heute abend. Aber das mußte man ja nicht gleich an die große Glocke hängen.
Daß ausgerechnet der leckere Schokoladenpudding, den sie auf den Balkontisch gestellt hatte, ihr zum Verhängnis werden sollte, konnte Schwester Dorte jetzt noch nicht ahnen. Und das war auch gut so, denn dann hätte sie sich bestimmt nicht so sehr auf den bevorstehenden gemeinsamen Abend mit Dr. Frerichs freuen können.
*
Und dann war es ausgerechnet Schwester Trude, die entdeckte, daß Dorte zu Dr. Frerichs in dessen Wagen stieg. Sie stand gerade wieder bei Martin Schriewers, der ihr ein Päckchen ausgehändigt hatte, in dem die Wolle war, die sie sich bestellt hatte.
»Da schau her!« sagte Trude und pfiff unmelodisch durch die Zähne. »Deshalb war sie so unruhig, als ich das Gespräch auf den schönen Hartmut brachte heute mittag.«
»Was meinen Sie? Was wollen Sie damit andeuten?« wollte Martin sofort wissen. Auch er war einem Schwätzchen nicht abgeneigt. Auf diese Weise erfuhr man doch immer, was sich in der Klinik alles so ereignete.
»Andeuten will ich gar nichts, nur feststellen. Und ich stelle fest, daß Dorte zu Dr. Frerichs in den Wagen steigt. Und es sieht ganz so aus, als sei das kein Zufall, sondern verabredet. Da schau her!« wiederholte sie, immer noch verblüfft. »Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet.«
Sie schob ihr Wollpäckchen ein wenig zur Seite und lehnte sich über den Tresen, sah Martin aufmerksam an und murmelte:
