Verlag: HarperCollins Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Alles Geld der Welt - John Pearson

Die Entführung des 16-jährigen Millionen-Erben Paul Getty schockiert Menschen auf der ganzen Welt. Als die Entführer 17 Millionen Dollar Lösegeld fordern, wendet sich Pauls Mutter Gail Harris an ihren Schwiegervater. Doch der milliardenschwere Unternehmer Jean Paul Getty weigert sich, für die Freilassung seines Enkels zu zahlen. Während Paul in der Gefangenschaft seiner Kidnapper immer grausameren Folterungen ausgesetzt wird, wartet die ganze Welt auf eine Reaktion der Familie Getty. Und Gail Harris ist nicht bereit, den Kampf um das Leben ihres Sohnes aufzugeben. John Pearson begibt sich in dieser Biografie auf die Spuren einer Familie, deren Reichtum Fluch und Segen für viele Generationen bedeutete. Bittere Fehden, unerwartete Wendungen und facettenreiche Figuren - dieses Buch nimmt Sie mit in die fesselnde Welt der Superreichen.

Meinungen über das E-Book Alles Geld der Welt - John Pearson

E-Book-Leseprobe Alles Geld der Welt - John Pearson

HarperCollins®

Copyright © 2018 by HarperCollins in der HarperCollins Germany GmbH

© 1995, 2017 by John Pearson Originaltitel: »All The Money In The World« erschienen bei: Macmillan, 1995, unter dem Titel »Painfully Rich«, erweiterte Neuausgabe William Collins, 2017 Published by arrangement with William Collins, an imprint of HarperCollins Publishers Ltd., London

Covergestaltung: HarperCollins Germany / Deborah Kuschel Coverabbildung: Motion Picture Artwork © 2017 Columbia Tristar Marketing Group, Inc. All Rights Reserved

ISBN E-Book 9783959677851

www.harpercollins.de

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

WIDMUNG

Für meine Frau Lynette, deren Liebe mir mehr bedeutet als alles Geld der Welt.

ZITAT

Geld wird niemals gebändigt werden. Solange es Menschen gibt, wird auch Geld existieren – oder der Mangel ebendessen. Geld beschäftigt den Geist immer, solange es einen vernünftigen Geist gibt.

Samuel Butler – die Notizbücher

EINLEITUNG

Jean Paul Getty war dreiundachtzig und hatte drei Faceliftings hinter sich. Das erste hatte er mit sechzig machen lassen, doch das letzte war fehlgeschlagen, sodass er ungeheuer alt aussah. Es hieß, er sei der reichste noch lebende Amerikaner, aber seit Kurzem wollte er nur noch, dass Penelope ihm aus den viktorianischen Abenteuergeschichten für Jungen von G. A. Henty vorlas.

Penelope Kitson – er nannte sie Pen – war eine groß gewachsene, gut aussehende Frau, die seit über zwanzig Jahren als engste Freundin und Geliebte an seiner Seite stand. Sie konnte überaus angenehm vorlesen mit ihrer klaren Stimme, die zu der Engländerin aus der Oberschicht passte, die sie nun einmal war. Getty besaß eine umfangreiche Sammlung der Bücher von G. A. Henty. Wahrscheinlich erinnerten sie ihn an die aufregende Kindheit, die er nie gehabt hatte – und ein Leben voller körperlich anstrengender Abenteuer, das er gern gelebt hätte.

Getty glaubte an die Wiedergeburt, aber er fürchtete sich vor dem Tod. Er war davon überzeugt, dass er in einem früheren Leben der römische Kaiser Hadrian gewesen war, und weil er in diesem, seinem jetzigen Leben so viel Glück gehabt hatte, befürchtete er, dass er es beim dritten Mal nicht wieder so leicht haben würde.

Getty wiedergeboren als Kuli, als Slum-Kind in Kalkutta? Könnte Gott einen so verqueren Sinn für Humor besitzen? Das erschien ihm als wahrscheinlich, und diese Aussicht erschreckte ihn.

Sein jüngster noch lebender Sohn war in Begleitung seiner Frau von Kalifornien nach London geflogen und hatte sich für mehrere Tage bei ihm einquartiert, um ihn dazu zu überreden, mit ihm in der gecharterten Boeing »zurück nach Hause« zu kommen. »Zu Hause«, damit war Gettys Ranch in Malibu gemeint, von der aus man den Pazifik sehen konnte. Doch der alte Mann litt unter großer Flugangst und hatte Malibu – oder die USA, seine Heimat – seit über zwanzig Jahren nicht gesehen. Was für ein Zuhause konnte das noch sein?

»Weißt du was, Pen? Sie wollen mich mitnehmen, weil sie glauben, dass ich bald sterben muss.« Diesen Fakt verkündete er im ausdruckslosen Tonfall des Mittleren Westens, der so klang, als würde er jede Silbe einzeln abwägen – damit schloss er das Thema wie ein Buchhalter ein Konto, das abgerechnet war. Der Milliardär J. Paul Getty blieb, wo er war.

Er weigerte sich inzwischen auch, ins Bett zu gehen.

»Im Bett sterben die meisten Leute«, sagte er und machte so klar, dass er nicht die Absicht hatte, dasselbe zu tun, wenn er es irgendwie verhindern konnte. Er lebte seit Kurzem in seinem Lieblingssessel mit einer Wolldecke um seine Schultern.

Für die Reichen ist es schwerer, dem Tod ins Auge zu sehen, als für demütigere Sterbliche, weil die Reichen so viel mehr zu verlieren und zurückzulassen haben – dieses große zugige Haus zum Beispiel. Es war zwischen 1521 und 1530 von Sir Richard Weston erbaut worden, einem Höfling von Heinrich VIII. Sutton Place war eins von vielen guten Geschäften, die Jean Paul Getty abgeschlossen hatte, als er es 1959 einem in Geldnot geratenen schottischen Herzog (Sutherland) abgenommen hatte. Es war am ehesten von allen Häusern, die er je besessen hatte, so etwas wie ein Zuhause. Und trotz aller damit verbundenen Unannehmlichkeiten und Umstände liebte er diesen Haufen roter Ziegel aus der Tudorzeit wirklich, mit all seinen siebenundzwanzig Schlafzimmern, mit seiner holzverkleideten Halle, die sogar eine Empore für eine Musikkapelle hatte, mit seiner eigenen Landwirtschaft und seinem eigenen Gespenst (Anne Boleyn natürlich, die zweite Ehefrau von Heinrich VIII., wer sonst?), alles in der exklusiven Gegend von Surrey gelegen, aber über die Autobahn nur dreißig Kilometer von London entfernt.

Und dann war da natürlich noch Gettys Löwe Nero, der in seinem Käfig vor dem Haus knurrte. Der alte Mann liebte Nero so sehr, wie er es sich überhaupt gestattete, jemanden zu lieben, und weil er ihn höchstpersönlich fütterte, würde Nero ihn vermissen.

Gleich nach Nero kamen seine Frauen.

»Jean Paul Getty ist priapeisch«, hatte Lord Beaverbrook einmal warnend zu seiner Enkeltochter Lady Jean Campbell gesagt.

»Was soll das heißen, Großpapa?«, fragte sie ihn.

»Allzeit bereit«, antwortete er.

Das war immer schon so gewesen. Seit seiner Jugendzeit in Los Angeles waren Frauen der einzige Luxus, den ein alter Geizkragen wie er sich nie verwehrte. Und er hatte seine Zeit mit ihnen genossen! Jung und alt, dick und schlank, Trommelmajorinnen und Herzoginnen, Prostituierte, Stars und Prominente. Noch bis vor kurzer Zeit hatte er riesige Dosen Vitamine und die sogenannte Sexpille H3 geschluckt, um seine Potenz zu erhalten. Jetzt war das alles vorbei, und es war nicht mehr der Sex, sondern das Gerücht über sein baldiges Ableben, das seine Geliebten zum Sutton Place führte.

Er war ihnen gegenüber nicht besonders großzügig – nicht mehr, als er sich selbst zugestand. Er ging höflich mit Frauen um, aber normalerweise hielten seine Gefühle nicht lange an.

Hatte all das Geld ihn glücklich gemacht? Der Gedanke, dass die Superreichen sehr wenig Freude an ihrem Wohlstand haben, ist sicher beruhigend für viele, und ein großer Teil von Gettys Beliebtheit ist zweifellos auf den Ausdruck gequälter Niedergeschlagenheit zurückzuführen, den er sich antrainiert hatte, um der Welt zu begegnen.

Gettys ehemaliger persönlicher Assistent, der berühmte Claus von Bülow, hat es einmal so formuliert: »Er sah immer so aus, als wäre er auf seiner eigenen Beerdigung.« Der kluge Claus fügte jedoch sofort hinzu, dass sein Chef im Geheimen hinter seiner trüben Miene das Leben durchaus genoss und dass dieser Kontrast das bildete, was er die fundamentale Komik an Gettys ganzem Leben nannte. Von Bülow hatte womöglich einen sehr speziellen Sinn für Humor, aber wenn man ihm glauben durfte, war Getty dazu in der Lage, in allem, was passierte, eine komische Seite zu erkennen.

Vielleicht stimmte das, und wir werden nie erfahren, was für ein lachhaftes Vergnügen der alte nachtaktive Spaßvogel in der Stille der Nacht von Surrey mit einem Rechnungsabschluss hatte.

Gettys Vermögen hatte surreale Ausmaße angenommen, und da das meiste davon sorgfältig angelegt war und dadurch ständig noch mehr Geld erzeugte, wusste nicht einmal Jean Paul Getty selbst, wie reich er wirklich war. Es sei nur so viel gesagt, dass sein Vermögen beinahe so groß war wie der damalige Jahreshaushalt der Provinz Nordirland, aus der seine Vorfahren stammten. Er besaß mehr, als er in einem Leben voller extravaganter Bedürfnisse hätte ausgeben können. Er hätte jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind in den Vereinigten Staaten einen Zehn-Dollar-Schein geben können und wäre trotzdem immer noch reich gewesen.

Natürlich gab es wenig, was unwahrscheinlicher gewesen wäre, denn im Gegensatz etwa zu John D. Rockefeller, der die Angewohnheit hatte, an jedes Kind, das er traf, ein frisch geprägtes Zehn-Cent-Stück zu verteilen, neigte Jean Paul nicht zu beliebiger Großzügigkeit. Tatsächlich war er Großzügigkeit abgeneigt, Punkt. Doch seine berühmte Knauserigkeit war nicht das, wonach sie vielleicht aussah.

»Das ist der Grund, wieso er so reich ist«, sagten die Leute. Aber sie irrten sich. Habsucht allein hätte niemals auch nur zu dem Bruchteil eines Vermögens wie dem seinen geführt. Gettys Geiz war weniger der Grund für seinen übertriebenen Reichtum als vielmehr ein Symptom für etwas bedeutend Interessanteres.

Die Wahrheit war, dass Jean Paul Getty ein leidenschaftlicher Mensch war, der es geschafft hatte, diese Leidenschaft vollständig der Anhäufung seines riesigen Vermögens zu widmen, genauso wie ein großer Komponist seine Seele in eine Symphonie steckt. Seine wahre Liebe galt nicht den Frauen, die waren zufällige Begegnungen, sondern dem Geld, das nichts Zufälliges hatte. Er bewies sich als treuer und romantischer Partner in seiner lebenslangen Liebesaffäre mit dem Reichtum. Er wachte eifersüchtig über sein Geld und sorgte über einen Zeitraum von mehr als sechzig Jahren dafür, dass es sich in riesigen Mengen vermehrte.

Seine Habsucht war ein zufälliges Nebenprodukt dieser Liebe. Wie könnte es jemand ertragen, das Objekt seiner Bewunderung zu verschwenden? Wie hätte er diese wunderbare Substanz vergeuden können, die ihm die größte Hoffnung auf Unsterblichkeit bot, als der Tod immer näher rückte?

Riesengroßer Reichtum umgab Jean Paul Getty wie ein Heiligenschein, der göttliche Eigenschaften ausstrahlte, die ärmeren Sterblichen nicht gewährt waren. Mit seinem Geld hielt er eine ständige Bewegung rund um die Welt in Gang, von den Sicherheitskräften mit ihren grimmigen Schäferhunden, die in der Dunkelheit um sein Haus umhertappten, über seine Ölraffinerien, die rund um die Uhr arbeiteten, und seine Tanker, die durch ferne Meere pflügten, bis hin zu seinen Ölquellen, die Reichtum aus der Tiefe des Meeresbodens und aus den entlegensten Weiten der Wüste pumpten.

Aber selbst die gottgleiche Macht, die sterblichen Milliardären durch ihren Reichtum verliehen wird, hat ihre Grenzen, und niemand konnte ihm den Schlussakt abnehmen, der von ihm gefordert wurde. Er war immer ein ruhiger, einsamer Mann gewesen, und in der Nacht des 6. Juni 1976 starb er ruhig und einsam, während er in seinem Lieblingssessel saß.

Der Tod stutzt jeden zurecht, und es war merkwürdig, wie unbedeutend Amerikas reichster Mann erschien, nachdem er einmal gestorben war. Seinem eigenen Wunsch gemäß wurde seine Leiche mit allen Ehren in der großen Halle von Sutton Place aufgebahrt, als wäre er ein Adliger aus der Tudorzeit. »Er hat sich immer gerne vorgestellt, dass er Herzog John von Sutton Place ist«, bemerkte eine seiner Geliebten. Die Herzogswürde war jedoch eins der wenigen Dinge, die er sich selbst mit seinem enormen Vermögen nicht kaufen konnte, und die einzigen Trauergäste, die an seiner Bahre Wache hielten, waren die Sicherheitskräfte, die selbst jetzt dafür sorgten, dass seine Leiche nicht gekidnappt wurde.

Später, ebenfalls seinem eigenen Wunsch gemäß, gab es einen Trauergottesdienst in der vornehmen anglikanischen Kirche von Saint Mark’s in der North Audley Street in Mayfair. Dieses Ereignis passte auf seltsame Art und Weise zu seinem Charakter. Ein anderer Herzog (von Bedford dieses Mal) hielt die Trauerrede vor einer vornehmen Gemeinde, die keine Träne vergoss; nur einer von Gettys noch lebenden Söhnen schaffte es trotz der schwerwiegenden Folgen seiner Heroin- und Drogensucht, an der Trauerfeier teilzunehmen – und der Vikar wurde nie für seine Dienste bezahlt.

Natürlich konnte man Jean Paul daraus keinen Vorwurf machen. Er hatte in der Zwischenzeit die Reise angetreten, vor der er sich stets gefürchtet hatte – per Luftfracht in einem Sarg im Frachtraum einer Boeing auf dem Weg nach Kalifornien –, und danach residierte er in einer Leichenhalle auf dem Forest-Lawn-Friedhof in Los Angeles, während sich die Familie mit den Behörden darüber stritt, wo man ihn bestatten sollte.

Doch es gab einen Bereich, in dem die Lebenskraft dieses unergründlichen alten Mannes lebendig blieb – in seinem Letzten Willen und Testament, das von seinen Londoner Rechtsanwälten ordnungsgemäß veröffentlicht wurde. Es war ein faszinierendes Dokument – sowohl hinsichtlich dessen, was nicht in ihm erwähnt wurde, als auch hinsichtlich seines Inhalts –, und es verstärkte das Geheimnis um die ganze undurchsichtige Beziehung zwischen dem Toten, seinem gigantischen Vermögen und den verschiedenen Mitgliedern seiner weit verstreuten Familie.

In einem Testament kann man denen, die man liebt, noch ein letztes Urteil mit auf den Weg geben, bevor man sich seinem eigenen stellen muss. Es war eine Gelegenheit, die Jean Paul sich nicht entgehen ließ – er selbst hatte ein Leben im Schatten des Testaments geführt, das sein eigener Vater vor einem halben Jahrhundert aufgesetzt hatte. Und genau wie Papa nutzte er die Gelegenheit voll aus.

Während der letzten zehn Jahre hatte Getty jedes Mal eine Änderung an dem gefürchteten Schriftstück verlangt, wenn sein Anwalt, der energische weißhaarige Lansing Hays, aus Los Angeles eingeflogen war, um ihn zu treffen. Jedes Mal wurde jemand der Liste der Begünstigten hinzugefügt – oder wütend von ihr gestrichen. Getty legte großen Wert auf Genauigkeit, und sein Testament wurde so mit der Zeit zu einem fein abgestimmten Ausdruck seiner Wünsche.

Er hatte sich nie übermäßig für einfache Leute interessiert, und die einfachen Leute, die zu seinem Leben gehörten, bekamen nur kärgliche Krümel von Amerikas reichstem Tisch. Léon Turrou, sein zuverlässiger Sicherheitsberater, und Tom Smith, der Masseur, der zur Hälfte amerikanischer Ureinwohner war und der in Gettys letzten Lebensjahren dafür gesorgt hatte, dass seine Schmerzen nicht überhandnahmen, sagten beide, dass er ihnen versprochen hätte, sich an sie zu erinnern, und es war bitter für alle beide, als sie herausfinden mussten, dass sie vergessen worden waren. Die Gärtner von Sutton Place bekamen drei Monatslöhne; der Butler, der ewig missgelaunte Bullimore, sechs, und sogar Gettys treue Sekretärin Barbara Wallace, die ihn seit gut zwanzig Jahren wie eine Glucke behütet hatte, konnte sich glücklich schätzen, dass sie 5000 Dollar erbte.

Wenn sie über ihn spricht, ist sie großzügiger ihm gegenüber, als er es jemals zu ihr gewesen ist. »So war er eben«, sagt sie. »Ich mochte ihn sehr gern, und was für mich zählte, war nicht das Geld, sondern die Erinnerung daran, für einen der außergewöhnlichsten Menschen gearbeitet zu haben, die ich je kennengelernt habe.«

Andere waren da weniger gnädig, denn er nutzte sein Testament auch, um deutlich zu machen, wie er über die Frauen in seinem Leben dachte. Seine Rechtsberaterin, die tugendhafte Miss Lund, bekam 200 Dollar im Monat – wahrscheinlich, damit es einen Nachweis dafür gab, was er von Tugendhaftigkeit hielt. Andererseits erging es der alles andere als tugendhaften Nicaraguanerin Mrs. Rosabella Burch wenig besser, also hatte er vielleicht auch ganz andere Gründe.

Die einzige Freundin, die wirklich von seinem Tod profitierte, war Mrs. Kitson, die etwa 850000 Dollar in Aktien von Getty Oil erhielt. In den frühen 1980er-Jahren verdoppelte sich der Wert der Getty-Oil-Aktie, sodass sie schließlich die einzige Frau, sogar der einzige Mensch der Welt war, die Dollar-Millionärin wurde, indem sie G. A. Hentys Werke vorlas.

Um es noch einmal zu betonen: Die Kargheit dieser persönlichen Zuwendungen passte voll und ganz zu seinem Charakter und sollte wahrscheinlich die Überraschung über dieses Dokument noch verstärken, über das so viel spekuliert worden war. Jean Paul Getty hatte nämlich in einer einzigen untypisch großen Geste beschlossen, sein persönliches Vermögen als Ganzes wegzugeben, ohne dass er daran weitere Bedingungen knüpfte und ohne den kleinsten Vorbehalt.

Er war immer schon ein Mann der hinterhältigen Überraschungen gewesen, und abgesehen von Lansing Hays hatte er niemandem auch nur den kleinsten Hinweis darauf gegeben, dass er die Fluttore zu seinem unermesslichen Geldreichtum einem völlig unvorbereiteten Erben zu öffnen gedachte – dem bescheidenen J. Paul Getty Museum in Malibu, das er ohne viel Aufsehen auf dem Grundstück aufgebaut hatte, auf dem seine Ranch stand, das er aber nie zu besuchen gewagt hatte.

Für ein Museum war die Erbschaft von Getty eine enorme Summe. Zum Zeitpunkt seines Todes wurde sein persönliches Vermögen mit einer Milliarde Dollar berechnet (heute zwei Milliarden, wenn man die darauffolgende Inflation miteinbezieht). Durch dieses Geld wurde das seltsame Museum, das er akribisch im Stil einer antiken römischen Villa am Strand des Pazifischen Ozeans erbaut hatte, über Nacht zu einer der reichsten Institutionen seiner Art in der Neuzeit.

Norris Bramlett, der persönliche Assistent des alten Mannes, stellte fest: »Das hier war seine Hoffnung auf Unsterblichkeit. Er wollte, dass man sich an den Namen Getty erinnert, solange unsere Zivilisation besteht.«

Diese Erbschaft war ebenso, und das wusste er genau, ein steuerlich ausgesprochen günstiger Weg, um eine große Summe Kapital abzutreten. In Kalifornien galt das Museum als gemeinnützig, und sofern die Museumsleitung jährlich mindestens vier Prozent des Kapitals in Neuerwerbungen investierte, würde die Bundessteuerbehörde der USA keine Steuern darauf erheben. Getty war immer instinktiv dagegen gewesen, Steuern zu zahlen – und im Gegensatz zu einfacheren Bürgern, denen es genauso ging, tat er das auch kaum.

Von diesen Umständen abgesehen gibt es jedoch keine Erklärung dafür, weshalb er sein Geld auf diese Weise hinterlassen hat und wieso den Kuratoren des Museums keinerlei Bedingungen für die Verwendung des Geldes auferlegt wurden. Als Armand Hammer, Gettys Konkurrent im Ölgeschäft, sein eigenes, viel kleineres Museum in Los Angeles baute, legte er alles bis ins Detail fest. Der Stahlbaron Henry Clay Frick sorgte dafür, dass es rechtlich so gut wie unmöglich war, in der Eingangshalle der Frick Collection in New York auch nur eine der Schusterpalmen auszutauschen – geschweige denn eins der Gemälde. Falls es den Kuratoren des J. Paul Getty Museums jedoch in ihrer Weisheit plötzlich einfallen sollte, die gesamte Sammlung zu verkaufen, um mit den Mitteln eine Sammlung von Fahrrädern anzulegen, wird das J. Paul Getty Museum unwiderruflich zu einem Fahrradmuseum.

Genau wie das Testament an sich wenig Licht auf die Gründe des alten Mannes für die Regelung seiner Hinterlassenschaften wirft, bleibt auch ein noch faszinierenderes Rätsel ungelöst: Was wird finanziell gesehen aus den Mitgliedern seiner Familie oder, wie er gerne sagte, der »Getty-Dynastie« – den Kindern und den Enkelkindern aus drei seiner fünf gescheiterten Ehen? Im Testament werden sie so gut wie gar nicht erwähnt; was also ist mit ihrer Zukunft? Hat er sie einfach vergessen, oder sind sie alle zusammen enterbt worden?

Als Archäologen die Gräber einiger der reichsten Pharaonen entdeckten, haben sie hinter der Begräbniskammer manchmal eine zusätzliche verborgene Kammer gefunden, die mit prächtigen Artefakten gefüllt war und in der der Geist der Verstorbenen wohnen sollte. Mit dem Geld, das Jean Paul Getty hinterlassen hatte, war etwas Ähnliches passiert. Es war typisch für die geheimnistuerische Vorgehensweise des alten Mannes, dass er im Versteck hinter seinem persönlichen Vermögen, das er dem Museum hinterließ, allmählich ein zweites, sogar noch größeres Vermögen aufgebaut hatte, das ein Trust verwaltete, der in seinem Testament nicht erwähnt wurde.

Dieser schwerreiche Trust war immer sauber von Gettys persönlichem Vermögen getrennt gewesen und war durch die Gewinne aus einem geheimen Spiel angewachsen, das er über vierzig Jahre lang mit der Welt gespielt hatte. Hier bewahrte er die ungeheuren Geldmengen auf, die gemäß den komplizierten Regeln, nach denen dieses Spiel gespielt wurde, an einige seiner Nachkommen weitergegeben wurden – und an andere mit Nachdruck eben nicht.

Der Trust war ursprünglich einmal gegründet worden, um seine furchterregende Mutter Sarah zu besänftigen, die ihn gut genug kannte, um zu wissen, dass er zweifelhafte Motive hatte. Später erfüllte er für Jean Paul Getty den Zweck einer ungeheuren steuerfreien Spardose. Seine Mutter bestand Mitte der 1930er-Jahre darauf, dass dieser Trust gegründet wurde, um die wirtschaftlichen Interessen ihrer Enkelkinder vor Gettys, wie sie fand, »verschwenderischen« Neigungen zu beschützen, und er trug passenderweise ihren Namen – der Sarah C. Getty Trust.

Es war schon merkwürdig, wenn der reichste Geizhals des ganzen Landes öffentlich als »Verschwender« bezeichnet wurde. Noch merkwürdiger war hingegen, dass er offensichtlich besessen davon war, das Trust-Vermögen immer weiter anwachsen zu lassen und so diesen erstaunlichen Berg von steuerfreiem Geld anzuhäufen. 1986, als das Vermögen schließlich zwischen seinen Begünstigten aufgeteilt wurde, belief sich der Wert des Trusts auf über vier Milliarden Dollar – seitdem hat sich das entstandene Kapital im Wert noch einmal mehr als verdoppelt.

Man hätte vielleicht denken können, so wie es offensichtlich Sarahs Absicht gewesen war, dass dieser Trust die Garantie dafür sein würde, dass ihre Nachkommen in den Genuss aller Vorteile und Annehmlichkeiten kamen, die Wohlstand jemandem bietet, der den steinigen Weg des Lebens noch vor sich hat: Freiheit von Angst und Sorgen, das Beste von allem, treue Freunde und – man mag es beinahe nicht mal flüstern – Glück.

Denken Sie lieber noch einmal nach!

Das große ungelöste Geheimnis von Gettys Vermögen ist, wieso es offensichtlich so viele seiner Nutznießer verschlungen hat.

Weshalb wurde dieses riesengroße Reservoir an Reichtum nicht nur zum größten, sondern auch zum zerstörerischsten Großvermögen unserer Zeit? Und warum, wenn Millionen aufgrund von Geldmangel sterben müssen und unzählige Millionen schuften, betrügen, morden, leiden und sich unterjochen, nur um einen armseligen kurzen Blick auf das Zeug werfen zu können, sollte etwas so Angenehmes wie Geld so viel Elend und Zerstörung bringen, wie es bei den Getty-Erben geschehen ist?

Die Anhäufung menschlicher Trümmer im Umfeld seines Vermögens begann noch zu Lebzeiten des alten Mannes. Einer seiner Söhne nahm sich drei Jahre, bevor Getty starb, das Leben. Zu dieser Zeit schien es so, als hätte ein anderer Sohn so ziemlich dieselben Absichten, nur dass er sie mit Alkohol- und Heroinsucht verfolgte. Ein dritter Sohn wurde schon als Kind enterbt und verbitterte im Laufe seines Lebens immer mehr darüber, wie schlecht sein Vater ihn behandelt hatte. Nur der vierte und jüngste Sohn führte ein nach normalen Maßstäben einigermaßen erfülltes Leben – doch der Preis dafür war, dass er sich von allem, was mit Getty Oil oder den anderen Geschäften seines Vaters zusammenhing, streng fernhielt.

Nachdem der alte Mann verstorben war, begann die nächste Generation, unter der Geißel seines Reichtums zu leiden. Gettys ältester Enkelsohn war von der italienischen Mafia gekidnappt worden, hatte dabei sein rechtes Ohr verloren und führte von da an ein Leben mit Drogensucht, Alkohol und anderen Ausschweifungen, die ihn am Ende beinahe komplett zerstörten. Seine Schwester litt schließlich an Aids.

Tatsächlich gab es in den Jahren nach Jean Paul Gettys Tod Zeiten, in denen die Familie auf Selbstzerstörung aus zu sein schien, Brüder stritten sich durch alle Gerichtsinstanzen um die riesengroße vergiftete Erbschaft. Ein Journalist schrieb in den 1980er-Jahren, der Name Getty sei inzwischen »ein Synonym für gestörte Familienverhältnisse«.

Große Vermögen können offensichtlich verheerende Folgen für die Erben haben – normalerweise liegt das daran, dass Menschen in sehr jungen Jahren mit viel zu viel Geld überschüttet werden. In der Familie Getty war die uneingeschränkte Geldgier jedoch nie die Wurzel des Übels. Keiner von J. Paul Gettys Söhnen wuchs verwöhnt und im Luxus auf – nicht einmal mit der Aussicht auf das Erbe riesigen Reichtums, genauso wenig wie seine Enkelkinder. Ganz im Gegenteil.

Balzac, der große Vermögen und das Chaos faszinierend fand, das diese in den neureichen Familien des zweiten französischen Kaiserreichs auslösten, glaubte, dass, in seinen eigenen Worten, »hinter jedem großen Vermögen auch ein großes Verbrechen steht«.

Doch sogar in dieser Hinsicht hätte er über die Gettys gestaunt. Denn auch wenn es bei der Entstehung von Gettys Vermögen ein Minimum an schmutzigen Geschäften und Betrügereien gegeben haben soll, gab es kein Verbrechen, das man wirklich als solches hätte benennen können – und schon gar kein »großes«.

Es stand allerdings etwas viel Faszinierenderes dahinter, das Balzac sicher gefallen hätte – die unendlich komplexe Persönlichkeit von Getty selbst. Die Geschichte seines Vermögens ist im Kern die Geschichte seines Lebens; die Widersprüche und Besessenheiten dieses extrem exzentrischen Kaliforniers waren immer der Schlüssel zu allen seinen Erfolgen. Sie waren sogar noch wichtiger für das mit Problemen belastete Vermächtnis, das er hinterlassen hat. Das geht sogar so weit, dass man die Dinge, die seinen Kindern und den Kindern seiner Kinder zugestoßen sind, als Teil von Jean Paul Gettys Vermächtnis betrachten muss. Einige seiner Nachfahren wurden von ihm zerstört; andere trugen zwar schlimme Narben davon, haben sich aber letztendlich mit ihm arrangiert; und einige Mitglieder der jüngeren Generation, denen sehr bewusst ist, was geschehen ist, versuchen noch immer, die Gefahren für ihre Zukunft auszugleichen.

Wie es dazu kommen konnte, ist eine außergewöhnliche Aneinanderreihung von Auswirkungen, die große Mengen Geld auf eine Gruppe von sehr verletzlichen Menschen haben können. Um sie zu verstehen, muss man mit der merkwürdigen Entstehung des Vermögens beginnen und mit dem Charakter eines einzelgängerischen, furchtsamen, puritanischen Frauenhelden, der sich selbst zum reichsten Mann von Amerika gemacht hat.

1. TEIL

1. KAPITEL –

VATER UND SOHN

Ein großes Vermögen und die Probleme, die es für seine Besitzer mit sich bringen konnte, waren nichts Neues für Jean Paul Getty. Er war bereits in der zweiten Generation Millionär – sein Vater George Franklin Getty hatte mit den Einnahmen aus dem Ölboom von 1903 in Oklahoma begonnen, das Familienvermögen aufzubauen. Aber genau, wie es bei einem großen Baum schwierig ist, sich den Schössling vorzustellen, aus dem er ursprünglich einmal gewachsen ist, verdeckt die Größe von Jean Paul Gettys Vermögen das viel kleinere Vermögen, aus dem es hervorgegangen ist, beinahe vollständig. Es verdeckt außerdem die Tatsache, dass Gettys Milliarden ohne seinen Vater und dessen Reichtum niemals möglich gewesen wären.

Als Jean Paul schon über sechzig war, reich wie Krösus und außerordentlich stolz darauf, dass er mit einer Herzogin, mit der Schwester eines Herzogs und mit einer entfernten Cousine des russischen Zaren schlief, hatte er die merkwürdige Angewohnheit, vor Menschen, die er besonders beeindrucken wollte, Teile aus Lincolns Gettysburg-Rede zu zitieren, die er auswendig kannte. Wenn er damit fertig war, erwähnte er beiläufig, dass Gettysburg ganz zufällig nach einem seiner Vorfahren benannt sei, einem gewissen James Getty, der William Penn persönlich das Land abgekauft hatte, auf dem die historische Stadt stand, und ihr dann seinen Namen gegeben hatte.

Es mag vielleicht seltsam klingen, dass der reichste Amerikaner den Drang verspürte, auf seine durch die eigenen Vorfahren begründete Kreditwürdigkeit hinzuweisen. Noch viel seltsamer ist jedoch, dass diese Geschichte gänzlich unwahr ist. Gettysburg wurde zwar nach einer Familie Getty benannt, doch Jean Pauls Vorfahren hatten keinerlei Verbindungen dorthin.

Noch wichtiger für unser Thema ist aber, dass die Geschichte seines Vaters solche erdachten Verbesserungen, derer der englische Hochadel sich zuweilen gern bediente, absolut nicht nötig hatte. Es war nämlich die Geschichte eines großen Erfolges, auf die ein Sohn, insbesondere ein Amerikaner, mit Recht sehr stolz hätte sein können. Andererseits hatte Jean Paul ganz persönliche Gründe für seine gemischten Gefühle seinem Vater gegenüber – und der Rolle, die ihre merkwürdige Beziehung für den aberwitzigen Erwerb des Vermögens gespielt hat.

Jean Paul wurde 1892 in Minneapolis geboren. Sein Vater George, ein mächtiger, gottesfürchtiger Mann, war zu diesem Zeitpunkt siebenunddreißig Jahre alt. Seine Mutter Sarah, geborene Risher – dunkle Augen, fest hochgestecktes Haar und ihrem unzufriedenen Charakter entsprechend heruntergezogene Mundwinkel – war drei Jahre älter. Sie hatte wohl holländische und schottische Vorfahren.

Die Gettys stammen ursprünglich aus Nordirland und kamen Ende des achtzehnten Jahrhunderts nach Amerika, wo sie die Schmelztiegel-Erfahrungen der Amerika-Einwanderer durchlebten. George begann sein Leben deshalb als Kind armer Bauern in Maryland. Sein Vater starb, als er sechs Jahre alt war, sodass der Junge mit seiner Mutter zusammen auf dem Feld arbeiten musste, bis ihn sein Onkel Joseph Getty, der in der Gegend ein berühmter Prediger von Mäßigung und Höllenfeuer war, nach Ohio zur Schule schickte.

George war ein kräftiger, hart arbeitender Junge und die Not, die auf den Tod seines Vaters folgte, weckte bei ihm den eisernen Willen, sich aus der Armut herauszuarbeiten. Gleichzeitig übernahm er von seinem Onkel Joe die strengen Gebote eines fundamentalistischen Christentums, ebenso wie einen lebenslangen Hass auf den Teufel Alkohol und den unerschütterlichen Glauben an eine erlösende Gnade Gottes, die die Menschheit aus Armut und Sünde zu retten vermag.

An der Universität von Ohio, wo er studierte, um Lehrer zu werden, traf er Sarah Risher zum ersten Mal. Sie hatte keinerlei Absicht, ihr Leben als Ehefrau eines Schulmeisters zu verbringen, deshalb rang sie George das Versprechen ab, Anwalt zu werden – und bot ihm an, von dem Geld aus ihrer Mitgift sein Jurastudium zu finanzieren.

Es ist angemessen, dass Sarah Gettys Name im riesengroßen Trust-Vermögen bewahrt wird, das das Schicksal ihrer Familie bestimmen sollte, denn während ihrer Ehe war es die scharfsichtige Sarah, die ihrem pflichtbewussten, hart arbeitenden jüngeren Partner immer wieder den Anstoß zum Geldverdienen und zum Erfolg gab.

1879, noch im ersten Jahr ihrer Ehe, legte George bereits sein Juraexamen an der Universität von Michigan ab, und Sarah drängte darauf, dass sie nach Minneapolis umzogen – wo ihr Ehemann seine juristischen Fähigkeiten dem Versicherungsgeschäft widmete und schnell vorankam. Als sie beide gerade über dreißig waren, besaßen George und Sarah ihr eigenes Haus im vornehmsten Viertel von Minneapolis, fuhren eine zweispännige Kutsche und galten in der boomenden Hauptstadt im Stern des Nordens, wie sich Minnesota nannte, als wohlhabende, einflussreiche Bürger mit einer vielversprechenden Zukunft.

Dieser Erfolg schwächte ihre puritanischen Überzeugungen keineswegs, sondern bestärkte die beiden Gettys noch mehr in ihrem Glauben. George hatte von seinem puritanischen Onkel Joe eine calvinistische Vorstellung von Gut und Böse übernommen, sodass er weltlichen Reichtum als Beweis für himmlische Gnade betrachtete. Gott belohnte gemäß der Überzeugungen dieses pragmatischen Glaubens diejenigen, die seinem Wort gehorchten – und zog diejenigen vor, die mit ihrem Lebenswandel dem Teufel und seinem Wirken abgeschworen hatten.

Als strenggläubige Methodisten waren George und Sarah ernsthafte Menschen, die sich und ihre Bedürfnisse verleugneten. George hatte mit Anfang zwanzig ein entsprechendes Gelöbnis abgelegt und blieb bis zum Ende seines Lebens strikter Antialkoholiker. Bis zu seinem fünfunddreißigsten Lebensjahr erschien sein Leben wie ein Lehrbuchbeispiel für die Vorteile einer christlichen Lebensführung. Er hatte auf Gottes Wort gehört. Er hatte im Weinberg des Herrn geschuftet. Jetzt war es für George so weit, sich, wie Hiob, einer Zeit der Prüfungen zu stellen.

Als man ihn zum reichsten Menschen seines Landes ausrief, war das Sepia-Foto eines kleinen Mädchens, dem er nie begegnet war, eins der wenigen Besitztümer, die Jean Paul Getty wirklich hoch schätzte. Das Mädchen hatte Korkenzieherlocken, eine große Schleife im Haar und einen seelenvollen Blick.

Es handelte sich um seine Schwester Gertrude Lois Getty, die 1880 geboren wurde, kurz nach der Heirat von George und Sarah, die jedoch während der Typhusepidemie im Winter 1890 in Minnesota gestorben war. Sarah hatte sich ebenfalls mit dieser schrecklichen Krankheit angesteckt, und obwohl sie wieder gesund wurde, litt sie danach unter beginnender Taubheit, die stetig schlimmer wurde, bis sie mit fünfzig schließlich stocktaub war.

Dass ihnen ihr einziges Kind, der »Sonnenschein der Familie«, genommen wurde, war für George und Sarah ein so schwerer Verlust, dass er ihren christlichen Glauben auf die Probe stellte. George war anscheinend derjenige der beiden, der stärker davon mitgenommen war, und er wandte sich eine Zeit lang dem Spiritismus zu, weil er seine Tochter wiederfinden wollte. Er steckte in einer schweren Glaubenskrise.

Als er diese schließlich überstanden hatte, waren seine religiösen Überzeugungen stärker als jemals zuvor, und er gab sogar den Methodismus auf, um sich zum weit strengeren Glauben der Christlichen Wissenschaft zu bekennen. Ihren Prinzipien folgte er bis zu seinem Lebensende.

Kurz danach erhielt George ein Zeichen, das zu bestätigen schien, dass Gott den Wechsel seiner Überzeugungen guthieß. Obwohl Sarah schon vierzig war und vorher nur ein einziges Mal empfangen hatte, bemerkte sie, dass sie schwanger war. Am 15. Dezember 1892 bekamen sie gleichsam als verfrühtes Weihnachtsgeschenk, das ihre Tochter ersetzen sollte, ihren Sohn.

Wie hätten die Gettys in all ihrer Dankbarkeit gegen Gott so ein Kind nicht liebevoll behüten können? George hatte außerdem noch weitere Gründe, sich über den neugeborenen Jean Paul Getty zu freuen. Er hatte in ihm schließlich einen Nachfolger, der den Namen weitertragen und die Mittel erben konnte, die er im lukrativen Versicherungsgeschäft in den blühenden Städten des Mittleren Westens ständig weiter ansammelte.

Sarah nannte ihr Kind John nach einem Cousin ihres Mannes aus der Familie Getty, doch es passte zu ihr, dass sie außerdem versuchte, dem Kind einen Hauch europäischer Kultiviertheit mitzugeben, indem sie es nicht John rief, sondern eben Jean. Mit der Zeit wurde dieser Name zum Initial J. zusammengestaucht, in J. Paul Getty. Innerhalb der Familie wurde sein Träger normalerweise mit Paul angesprochen. Es lag aber auch etwas Prophetisches darin, dass Sarah ihrem Kind diese persönliche Verbindung zu Europa mitgab, das sie nicht hätte erahnen können. Europa und seine Kultur zogen Sarahs Sohn ebenso magisch an wie viele andere Mitglieder der Familie in den Jahren, die noch vor ihnen lagen.

Die Gettys waren zwar eine wohlhabende Familie der Mittelschicht, doch das Leben mit zwei alternden, sittenstrengen Eltern, das vom Verlust ihrer Tochter überschattet wurde, bot wenig Geselligkeit oder Heiterkeit. Paul wurde verhätschelt und behütet, hatte jedoch eine einsame und lieblose Kindheit. Seine Mutter hielt ihn vom Kontakt mit anderen Kindern fern, weil sie sich vor neuen Infektionskrankheiten fürchtete. Außerdem behandelte sie ihren Sohn zwar überfürsorglich, achtete aber dennoch streng darauf, ihm nicht allzu viel Liebe zu schenken, für den Fall, dass sie ihn genauso verlieren sollte wie seine Schwester.

Jahre später erzählte Paul seiner Frau, dass er als Kind nie umarmt worden war – es hatte auch keine Geburtstagsfeiern oder Weihnachtsbäume gegeben. Sein einziges Interesse galt seiner Briefmarkensammlung, und sein bester Freund war ein Mischlingshund mit dem Namen Jip.

Diese klaustrophobische Kindheit hinterließ zweifellos ihre Spuren bei ihm. Er blieb für immer ein Einzelgänger, misstraute seinen Mitmenschen und behielt seine Gedanken und Gefühle für sich.

»Ich bin schon seit langer Zeit in der Lage, den Ausdruck meiner Gefühle umfassend zu kontrollieren«, schrieb er voller Stolz, als er bereits über achtzig war.

In seiner Kindheit beeinflusste ihn die Eintönigkeit des Lebens in dieser steifen kleinen Familie jedoch auch noch anderweitig. Er konnte die grauen Aussichten des puritanischen Amerikas im 19. Jahrhundert nicht passiv hinnehmen, sondern rebellierte im Geheimen. Sein ganzes Leben lang gab es immer einen Teil von ihm, der der Langeweile und den Einschränkungen eines häuslichen Alltags zu entkommen versuchte. Er fühlte sich nie ganz und gar wohl in der Familie. Stattdessen blieb er ständig in Bewegung und ließ sich bis ins hohe Alter nirgendwo dauerhaft nieder. Wenn er allein auf sich gestellt gewesen wäre, wäre Paul Getty vielleicht ein Herumtreiber geworden.

George Franklin Getty hatte allen Grund, glücklich zu sein, da sein Geschäft florierte, Gott besänftigt und sein Haus in Minneapolis in Ordnung war – vor allem, nachdem er plötzlich ein weiteres Zeichen himmlischen Wohlwollens erhalten hatte.

1903, als Paul zehn Jahre alt war, führte der Herr George nach Bartlesville, eine winzige Stadt, in der es nur ein Pferd gab und die rechtlich gesehen damals auf dem Land amerikanischer Ureinwohner in Oklahoma lag, wo er einen Versicherungsanspruch regeln sollte. Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, welche überwältigenden Folgen diese wenig aufregende Reise haben würde. Dank der überraschenden Ölfunde in Oklahoma befand sich Bartlesville am Beginn eines immensen Geschäftstreibens. Unter der unfruchtbaren Erde lagen einige der größten Ölvorkommen der gesamten Vereinigten Staaten. George war genau zur richtigen Zeit dort hingekommen, um davon profitieren zu können.

»Es gibt Männer«, schrieb sein Sohn, »die anscheinend ein beinahe unheimliches Gespür für natürliche Ölvorkommen haben. Ich bin geneigt zu glauben, dass mein Vater dazugehört hat.«

Vielleicht tat er das, aber zunächst war es nicht mehr als eine flüchtige Vermutung, die George dazu verleitete, 500 Dollar in ›Parzelle 50‹ zu investieren – die Pacht für die Ölförderrechte auf 1100 Morgen unberührter Prärie außerhalb von Bartlesville.

Doch der Herr hatte George genau an den richtigen Ort geführt. Als im Oktober desselben Jahres auf ›Parzelle 50‹ nach Öl gebohrt wurde, stieß man beinahe sofort auf das erste Vorkommen, und ein Jahr später sprudelten bereits sechs Ölquellen auf Georges Besitz. Der Preis für den Rohstoff lag zu der Zeit bei 52 Cent pro Barrel, und ›Parzelle 50‹ produzierte im Schnitt 100000 Barrel im Monat.

Abgesehen von der göttlichen Führung gab es noch einige weltlichere Faktoren für die schnelle Anhäufung von Georges Vermögen. Er verfügte bereits über erhebliche Kapitalreserven aus dem Versicherungsgeschäft; er kannte sich mit den Gesetzen aus, und er führte seine Geschäfte ehrlich und aufopferungsvoll.

In den nächsten drei geschäftigen Jahren machte George seine Firma, die er Minnehoma Oil nannte, zu einem florierenden Geschäft. (Der Name stammte nicht von einer romantisierten Jungfrau der amerikanischen Ureinwohner, sondern war schlicht die geschäftsmäßige Zusammenziehung der Worte Minnesota und Oklahoma.) 1906 war George Getty Millionär.

2. KAPITEL –

EINE EINSAME KINDHEIT

Paul war zehn, als er nach Bartlesville kam und zum ersten Mal einen Blick auf Georges berühmte Ölquelle auf ›Parzelle 50‹ warf. Er war zutiefst enttäuscht. Da er wusste, dass Bartlesville auf dem Land amerikanischer Ureinwohner lag, hatte er erwartet, auf Ureinwohner in ihren Zeltstädten zu treffen. Stattdessen kam er in eine improvisierte Stadt, die nach Öl stank und von Männern in schmierigen Overalls bewohnt wurde.

Aber es ist wohl eine prägende Erfahrung für jeden Jungen, wenn er dabei zusehen kann, wie sein Vater so leicht zu Reichtum kommt, und etwas, das er nicht wieder vergisst. Durch seinen ganz persönlichen Zugang zum Ölgeschäft wäre es Paul sicherlich nicht schwergefallen, es ihm gleichzutun – falls das jemals nötig geworden wäre. George hatte es von der Gründung von Minnehoma an als selbstverständlich betrachtet, dass sein Sohn in sein Geschäft eintreten und ihm letztlich in der Firmenleitung nachfolgen würde. Er legte seinem kleinen Sohn sogar nahe, mit seinem Taschengeld zwei Aktien von Minnehoma zu kaufen.

»Von jetzt an arbeite ich für dich«, erklärte er ihm, als er ihm die Aktienurkunden überreichte. Es war eine Angewohnheit von George, hausgemachte Weisheiten weiterzugeben. »Ein Geschäftsmann kann immer nur so gut sein wie die Informationen, die er bekommt«, war eine davon. »Lass deine Taten lauter sprechen als deine Worte« eine andere.

Aber während seiner Kindheit und Jugendzeit weigerte sich Paul, sich von den Worten seines Vaters begeistern zu lassen – oder vom Ölgeschäft, denn er hatte eigene Interessen, die seine Zeit vollkommen in Anspruch nahmen.

Später in seinem Leben sprach er von George immer mit einigem Respekt und mit Ehrfurcht. »Er war ein großer Mann und ein richtiggehender Philosoph«, erklärte er feierlich. »Er hat mir alles beigebracht, was ich weiß.«

Tatsächlich brachte Paul sich alles selber bei, was er wissen musste, und Vater und Sohn gerieten häufig aneinander. Sein Cousin Hal Seymour beobachtete: »Paul und sein Vater waren sich offenbar ständig im Weg, wenn sie beide zu Hause waren.«

Charakterlich war Paul seiner Mutter wesentlich ähnlicher als dem soliden George. Er hatte von ihr die herabhängenden Mundwinkel geerbt, genau wie ihre Rastlosigkeit und ihre verschlossene Natur; als er älter wurde, zeigte sich noch eine weitere Ähnlichkeit zwischen den beiden. Aufgrund ihrer Taubheit war Sarah besonders isoliert von der Außenwelt, und Paul folgte ihrem Beispiel, indem er mehr und mehr zu einem Einzelgänger wurde. Sogar im Klang seiner Stimme konnte man Spuren ihrer engen Beziehung erkennen. Die gemessene Ausdrucksweise, die eine Art Markenzeichen der Gettys war, eignete er sich in den Gesprächen mit seiner Mutter an, die schwerhörig war. Und genau wie seiner Mutter war ihm seine eigene Gesellschaft immer öfter genug. Cousin Hal erinnert sich aus dieser Zeit an ihn als »ausgesprochen eigenbrötlerisch, selbst für ein Einzelkind«.

Im Gegensatz zu seinen Eltern hielt er nicht besonders viel vom Christentum; seine einzige wahre Leidenschaft galt dem Lesen. Im Alter von zehn Jahren hatte er die Bücher von G. A. Henty für sich entdeckt, die ihm noch mit über achtzig so viel Spaß machen sollten.

Henty hatte als Autor von Abenteuergeschichten für Jungen eine ganze Generation von viktorianischen Schulkindern begeistert, indem er sie aus der Langeweile ihrer verstaubten Klassenzimmer in die farbenfrohesten Epochen der Geschichte entführte. Seine Geschichten wurden von den aufregendsten Figuren bevölkert. Under Drake’s Flag, With Clive in India, With Moore at Corunna: Selbst die Titel waren eine Einladung an ein einsames Kind, seinem isolierten, christlichen Elternhaus in Minnesota zu entfliehen und die abwechslungsreichere, viel aufregendere Welt dort draußen zu entdecken.

Nun, da George so schnell immer reicher wurde und oft auf Reisen in Oklahoma war, beschloss Sarah, dass es an der Zeit sei, noch einmal umzuziehen – von den weiten Feldern und eiskalten Wintern von Minnesota ins sonnige Kalifornien. Sie behauptete, dass sie gesundheitlich angeschlagen sei und deshalb Wärme und einen Tapetenwechsel brauche. Wie üblich stimmte George ihr zu.

Nachdem sie San Diego besucht und für provinziell befunden hatten, beschlossen die Gettys, ein Grundstück am gerade erst neu erschlossenen South Kingsley Drive zu kaufen, direkt an der Kreuzung zum Wilshire Boulevard, der noch nicht gepflastert war und außerhalb der Stadtgrenze von Los Angeles lag. Dort bauten sie ein Haus für sich.

Als Familie hatten die Gettys nur wenige enge Freunde, und dieser Umzug schnitt sie auch von denen ab. Sie tranken nicht und hatten keine Laster – und Sarahs weiter fortschreitende Taubheit trug dazu bei, dass die Familie sich isoliert vorkam. Es gab zu dieser Zeit noch keine leistungsfähigen Hörhilfen, und so war es schwer für eine Familie, in der die Mutter an einer so antisozialen Beeinträchtigung litt, ihrem Umfeld offen und freundlich entgegenzutreten. Also mussten sich die Gettys mehr als je zuvor auf sich selbst verlassen. Sie waren selbstgenügsame und zurückgezogen lebende Leute. Paul lernte diese Gewohnheiten früh, pflegte sie sein Leben lang und gab sie sogar an seine eigenen Kinder weiter.

George versuchte, mit seinem Sohn ebenso streng zu sein wie mit sich selbst, aber je anspruchsvoller George wurde, desto widerspenstiger reagierte sein Sohn. Er war eigensinnig, wie es häufig bei einsamen Kindern vorkommt, und George bildete sich wie so viele Eltern ein, dass die Lösung dieses Problems in mehr Disziplin zu suchen war. Deshalb wurde Paul, kurz nachdem sie nach Los Angeles gezogen waren, als Tagesschüler auf eine Militärschule in der Umgebung geschickt – die er unweigerlich hasste. Der Drill, das Marschieren, die Uniformen und die Disziplin waren nichts für ihn. Er blieb beinahe vier Jahre dort, schloss wenige Freundschaften, zeigte keinerlei Neigung für eine militärische Laufbahn und war dankbar für den Frieden und die Privatsphäre seines eigenen Zimmers im Haus am South Kingsley Drive, als er schließlich entkam.

Es war früher eine allgemein akzeptierte Tatsache der Erziehungswissenschaft, dass Jungen, die zu viel lasen und sich selbst überlassen blieben, der sexuellen Versuchung in besonderem Maße ausgesetzt waren. Auf Paul traf das sicherlich zu, und auch die grobe Disziplinierung in der Militärschule heilte ihn davon nicht. Er war so etwas wie ein Bücherwurm – seine Klassenkameraden nannten ihn Getty, das Wörterbuch –, und er weigerte sich so gut er konnte, an ordentlichen Gruppenaktivitäten wie Marschieren, Ausflügen in die Natur und jeder Form von Mannschaftssport teilzunehmen. Das Ergebnis war vorhersehbar. Mit seiner Liebe zu Büchern ging eine Besessenheit vom anderen Geschlecht einher, die er sein Leben lang nicht loswurde. Mit den sexuellen Affären hatte er endlich etwas gefunden, worin er gut war.

Vielleicht war es seine Art, mit dem anderen Geschlecht umzugehen, die immer ritterlich und charmant war. (Jemand sagte einmal, dass Paul niemals Nein zu einer Frau und niemals Ja zu einem Mann gesagt hätte.)

Oder vielleicht lag es auch daran, dass er einfach wusste, was er wollte, und was einen, wenn es um Sex und um Geschäfte geht, häufig ans Ziel bringt. Auf jeden Fall brüstete sich Paul offensichtlich schon vor seinem vierzehnten Geburtstag damit, dass er keine Jungfrau mehr war.

Falls das stimmte, war das eine größere Leistung für einen Jungen aus einer reichen, christlichen Familie in Kalifornien, als es heutzutage der Fall wäre. Nach den Maßstäben der Gettys war es außerdem eine ernst zu nehmende Sünde, die ihn auf Kollisionskurs mit allen brachte, die sich strikt an die puritanischen Glaubensregeln hielten, wie George und Sarah sie als richtig erachteten.

Paul ging seinem Vater zunehmend auf die Nerven – und umgekehrt. Eine Zeit lang studierte er Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Südkalifornien in Los Angeles, und danach sollte er eigentlich Jura in Berkeley studieren. Doch Universitäten waren offensichtlich nichts für ihn, und so kehrte er als von Grund auf unzufriedener Siebzehnjähriger an den South Kingsley Drive zurück.

Paul war in der Zwischenzeit zu Sarahs heiß geliebtem einzigem Kind geworden, ein Geschenk Gottes und ein Trost für ihre Taubheit und ihr zunehmendes Alter. Um ihn also nicht ganz zu verlieren, bemühte sie sich, seine Fehler zu ignorieren, und neigte dazu, in Auseinandersetzungen mit seinem Vater seine Partei zu ergreifen.

Als eine Art Köder – und eine Methode, ihn bei sich zu Hause zu behalten – sorgte Sarah dafür, dass er einen eigenen Eingang zu seinem Zimmer bekam, zu dem nur er selbst einen Schlüssel hatte. Es war typisch für Sarah, dass sie, nachdem sie das getan hatte, trotzdem etwas gegen die Freunde hatte, die er mit nach Hause brachte, aber es gab kaum etwas, das sie dagegen hätte tun können – ebenso wenig, wie sie und George nichts gegen das wachsende Interesse ihres Sohnes am Nachtleben von Los Angeles ausrichten konnten.

Ohne ihnen etwas davon zu sagen, lieh Paul sich immer öfter das Auto seines Vaters aus, einen eindrucksvollen, viertürigen, offenen Chadwick, den er lautlos aus der Garage rollte, sobald seine Eltern schliefen, und dazu benutzte, um mit seinen Freunden zusammen die Nachtlokale in der Gegend zu besuchen und Mädchen aufzugabeln.

Eines Abends, nachdem Paul mit Begleitern, die Sarah gar nicht gefallen hätten, eine Kneipe besucht hatte – und dort Mädchen kennengelernt hatte, die ihr noch weniger gefallen hätten –, kam es zu einer Katastrophe. Eins der Mädchen verschüttete Rotwein auf den Polstern der Autositze, und obwohl sie sich große Mühe gaben, alles wieder aufzuwischen, konnten sie gegen die Flecken nichts ausrichten.

Als George sah, was passiert war, muss ihm klar geworden sein, was los war – dass Paul sich die Familienkutsche nicht nur auslieh, um seinen nächtlichen Vergnügungen nachzugehen, sondern dass er außerdem noch seinem Lieblingsfeind, dem Teufel Alkohol, selbst zugesprochen hatte. Georges Reaktion auf diese Erkenntnis bestimmte den Tonfall der zukünftigen Beziehungen in der Familie Getty. Niemals störte väterliches Wutgebrüll den Frieden im South Kingsley Drive. Wie immer, wenn es um Paul ging, hielt Sarah ihn auch jetzt zurück, und es wurde kein einziges Wort über den Vorfall verloren.

Doch George hatte andere Wege, um seinem väterlichen Missfallen Geltung zu verschaffen. Das nächste Mal, als Paul versuchte, sich das Auto auszuleihen, nachdem seine Eltern zu Bett gegangen waren, musste er feststellen, dass eins der Hinterräder fest an einen in den Boden der Garage zementierten Ring gekettet war.

Als Sarah die Familie dazu überredete, die 3200 Kilometer nach Südwesten vom eisigen Minneapolis ins strahlende Los Angeles zu ziehen, war dieser Teil von Südkalifornien noch nicht das überbevölkerte Paradies am Ende des großen amerikanischen Regenbogens, das es heute ist. Seine goldenen Landschaften waren noch unberührt, sein Meer nicht verschmutzt, und das perfekte Klima, das hier das ganze Jahr herrschte, wurde noch nicht von den Produkten der Ölindustrie beeinflusst, die George sein Vermögen eingebracht hatten.

Die Gettys waren frühe Einwanderer aus dem Osten auf der Suche nach Glück – doch selbst hier wollte sich das Glück nicht einstellen. Das Naturvergnügen des Goldenen Staates war nichts für George und Sarah. Soweit es George, den engagierten Ölindustriellen, betraf, drehte sich das Leben noch immer um die Ölfelder über 1500 Eisenbahn-Kilometer östlich entfernt in Oklahoma. Sarah bedauerte, wie wenig Kultur und sonstige Vergnügungen Los Angeles zu bieten hatte. Dazu passte, dass das Haus, das das Paar gebaut hatte, eher einer Reminiszenz an die Alte Welt glich, anstatt ihrer Begeisterung für die Neue Welt Ausdruck zu verleihen.

Erst mit Mitte sechzig würde Paul sich dazu entschließen, einen eigenen dauerhaften Wohnsitz zu erwerben – den hochherrschaftlichen Tudorpalast Sutton Place. Und hier, zwischen den Orangenhainen des ländlichen Wilshire Boulevards, stand mit Sicherheit deren Vorgänger – ein Anwesen im Tudorstil, das Sprossenfenster, kitschige Giebel und frisch gebeizte elisabethanische Balken hatte. Es war ein Haus, wie es einem ausgedachten Vorfahren der Gettys hätte gehört haben können. Das bestimmende Grundelement seiner Architektur war Nostalgie.

Wenige Jahre nach ihrem Umzug, als George das Gefühl hatte, reich genug zu sein, um mit Paul und Sarah zu ihrer ersten längere Ferienreise aufzubrechen, fuhren sie nach Europa.

Es war eine Epoche, in der die Helden und Heldinnen in den Romanen von Henry James und Edith Wharton noch in der Überzeugung lebten, dass es nur in Europa wirklich zivilisiertes Leben zu entdecken gab. Europa war in diesen lange vergangenen Tagen für die amerikanische Elite die Urquelle von Geschichte, Kunst und echter Kultiviertheit.

Die Besessenheit von Europa war jedoch weit typischer für Millionäre von der Ostküste als für kalifornische Neureiche wie George und Sarah. Es ist auch interessant, dass die Gettys sich ausgerechnet zu dem Zeitpunkt auf die beschwerliche Reise nach New York und von dort weiter nach Europa machten, wo sie eine sorgfältig geplante, dreimonatige Rundreise durch alle wichtigen Hauptstädte vor sich hatten, als ehemals New Yorker Filmemacher damit begannen, die Straße hinauf in den Hollywood Hills eine Gegenkultur zu errichten, die Europa mit ihrer hausgemachten Vision von Amerika erobern sollte. Doch von diesem Augenblick an war es die Alte Welt und nicht die Neue, die die Fantasie von Paul Getty beflügelte.

Wie so häufig in dieser Familie ging die Initiative zu dieser Reise von Sarah aus. Wenn man George sich selbst überlassen hätte, wäre er damit zufrieden gewesen, sich um seinen Laden in Oklahoma zu kümmern. Sarah bestand jedoch darauf, und so machten sie sich auf den Weg – den berühmten offenen Chadwick nahmen sie mit aufs Schiff. Sie heuerten in Liverpool einen Chauffeur an, dessen Akzent sie kaum verstanden, und machten sich so schnell es ging auf den Weg nach Frankreich, entschlossen, so viel wie möglich zu erleben und zu sehen.

Die Reise der Gettys war eher dynamisch als genussorientiert – noch etwas, dessen Beispiel ihr Sohn später folgen sollte. In Paris wohnten sie vierzehn Tage lang im Hôtel Continentale – Lieblingsplatz von Handlungsreisenden und Geschäftsleuten aus der Mittelschicht – und nicht im Ritz, obwohl George sich dies mit Leichtigkeit hätte leisten können. Dann ging es weiter die staubigen Straßen entlang nach Monte Carlo, nach Rom, Genf und Amsterdam, ehe sie sich wieder auf den Weg zum Ärmelkanal machten, um sich London anzusehen und anschließend mit dem Linienkreuzer Aquitania nach New York zurückzukehren.

Für den jungen Paul mit dem lockigen Haar und den für jedes Mädchen, das er zu Gesicht bekam, geübten hellblauen Augen war diese holprige Reise eine prägende Erfahrung. Er liebte das Reisen, und er genoss besonders den Aufenthalt in Hotels. Den Reichtum und die Möglichkeit, in den europäischen Städten ein Abenteuer zu erleben, fand er aufregend. Aber die Anwesenheit seiner alten Eltern, die eine strenge Methodistin mit Hörproblemen, der andere ein antialkoholischer, moralinsaurer wiedergeborener Christlicher Wissenschaftler, muss ihn gehemmt haben. Der achtzehnjährige Paul Getty konnte es kaum erwarten, dorthin zurückzukehren und alle diese beeindruckenden Orte für sich allein zu erkunden.

Zurück im South Kingsley Drive, freute Sarah sich darüber, dass ihr rastloser Sohn sich für europäische Kultur interessierte, und es scheint so, als hätte sie trotz ihrer Angst, ihn zu verlieren, sein Bestreben, nach Europa zurückzukehren, unterstützt, nachdem er ihr erzählt hatte, dass er in Oxford studieren wollte.

George war weniger begeistert. Oxfords verträumte Giebel waren nichts für ihn, aber Sarah überredete ihn dazu, Paul eine angemessene Zuwendung zu geben – in Form eines Bankschecks in Höhe von 200 Dollar im Monat –, und im August 1912, nach einer kurzen Reise nach Japan, überquerte ihr zwanzig Jahre alter Sohn und Erbe noch einmal den Atlantik, diesmal allein.

Er reiste aufwendig, denn es handelte sich hier schließlich um die Fahrt eines verwöhnten Sprösslings aus einer amerikanischen Millionärsfamilie, die, wenn auch nur entfernt, an die großen Europareisen englischer Aristokratensöhne erinnerte, auf denen diese sich ein wenig Kultur und Wissen aneignen sollten, ehe sie nach Hause zu ihrer Erbschaft zurückkehrten. Diese Europareise sollte ihre ganz eigene, tief gehende Wirkung auf Paul entfalten – allerdings nicht in der Art und Weise, wie seine Eltern sich das vorgestellt hatten.

Es war von Anfang an ein beachtliches Unternehmen für einen eigenbrötlerischen, mehr oder weniger spießbürgerlichen jungen Amerikaner, allein auf eine solche Reise zu gehen. Doch genau wie mit seinen Frauen war Paul auch hier äußerst bewandert und selbstsicher, wenn es darum ging, zu bekommen, was er wollte. Er hatte George bereits dazu überredet, ihm ein Empfehlungsschreiben von einem seiner früheren Rechtsanwaltskollegen, William Howard Taft, zu erbitten, der zu der Zeit zufällig der republikanische Präsident der USA war. Und einmal in Europa angekommen, beschaffte er sich sofort einen gebrauchten Mercedes, bestellte sich bei einem Maßschneider in der Savile Row mehrere Anzüge und machte sich anschließend auf den Weg zum unwahrscheinlichen Ziel seiner Reise – der Universität von Oxford. Er kam im November dort an, als das Semester bereits begonnen hatte.

Oxford war vor dem Ersten Weltkrieg eine mehr oder weniger geschlossene Gesellschaft, und dieser unbekannte junge Amerikaner ohne gesellschaftliche Verbindungen brachte, nachdem er weder seine Studien in Los Angeles noch die in Berkeley abgeschlossen hatte, wenig Wissen und geordnete Bildung mit, nichts, was eine Empfehlung für ihn hätte sein können.

Glücklicherweise kam es darauf kaum an, da der Bildungsstandard von Studienanfängern in Oxford zu dieser Zeit beklagenswert niedrig war, und Paul war ohnehin nicht nach Oxford gekommen, um sich zu bilden. Genau wie Jay Gatsby wollte er etwas ganz anderes – das Recht, sich als Oxford-Absolvent zu bezeichnen, ein Ziel, das er mit seiner charakteristischen Zielstrebigkeit auch mehr oder weniger erreichte.

Dank des Briefs vom Präsidenten der USA wurde er zum Präsidenten des vornehmen Magdalen Colleges vorgelassen, dem gemütlichen Altphilologen Dr. Herbert Warren, der einige Zeit mit diesem beherrschten jungen Kalifornier verbrachte und ihm letzten Endes jemanden an seinem College als »Tutor« in Wirtschaftswissenschaften empfahl. Paul wurde ebenfalls nichtakademisches Mitglied der St. Catherine’s Society, die noch kein voll akkreditiertes Oxford-College war, ihm aber gestattete, die Vorlesungen zu besuchen, die ihn interessierten – etwas, was die Mehrheit der Studenten zu dieser Zeit kaum jemals tat. Eine Unterkunft in der Stadt zu finden war für ihn kein Problem.

Obwohl er später behauptete, er hätte zu seiner Zeit in Oxford »mehr oder weniger im Magdalen College gewohnt«, und darauf bestand, dass »die Männer im Magdalen College mich als einen der ihren angesehen haben«, war er weder Mitglied des Magdalen College noch der Universität Oxford. Das hielt ihn natürlich nie davon ab, stillschweigend anzudeuten, dass es so gewesen sei – und in späteren Jahren machte er einiges Aufhebens darum, dass seine Zeit am vornehmen Magdalen College ihm den heimlichen Aufstieg in den Schoß der britischen Oberklasse ermöglicht hatte.

»Der erste gute Freund, den ich am Magdalen hatte«, sollte er sich später mit Wehmut erinnern, »war der Bruder des derzeitigen Earl von Portarlington, George Dawson-Damer.« George wurde jedoch auf den goldenen zweiten Platz vertrieben von »seiner Königlichen Hoheit, dem Prinzen von Wales«, der zufällig auch gerade am Magdalen studierte. »Wir«, pflegte Getty beiläufig zu sagen, »haben einander David und Paul genannt, und uns verband eine enge, herzliche Freundschaft, die fast ein halbes Jahrhundert lang gehalten hat.«

Es ist nie völlig klar geworden, wie lange Paul in Oxford gewesen ist oder ob er das »Diplom« wirklich gemacht hat, wie er behauptete – und auch nicht, wie »eng und herzlich« seine lebenslange Freundschaft mit dem späteren König von England tatsächlich gewesen ist –, aber darauf kam es auch nicht an. Wichtig war, dass Paul in Oxford endlich eine Welt zu sehen bekam, die er ernsthaft bewunderte und beneidete. Einige seiner Freunde aus dem Magdalen College luden den reichen, jungen Kalifornier zu sich nach Hause ein, um gemeinsam mit ihm das moderne Freizeitvergnügen dieser Zeit zu genießen, das Edwardianische Wochenende, wofür sich alle Teilnehmer im Stil dieses Zeitalters verkleideten. Später sollte er voller Nostalgie darüber schreiben, dass die Häuser, die er auf diese Weise besucht hatte, »häufig hochherrschaftliche Landsitze waren, die in den letzten Zügen der Edwardianischen Ära gerade noch ihre Glanzzeit erlebten«.

In scharfem Kontrast zum einfachen, sonnigen Kalifornien und den schmierigen Ölquellen von Oklahoma gab es hier eine Welt voller Titel tragender Aristokraten, hochherrschaftlicher Häuser, großartiger Kunst – und wunderbar kultivierter Frauen. Dies war eine Welt, die für den Rest seines Lebens in seinem Kopf herumspuken sollte.

Es gibt im Grunde genommen nur zwei Arten von Snobs – Insider, die versuchen, die einfachen Leute »draußen« zu halten, und verzückte Außenseiter, die sich selbst einzureden versuchen, dass sie dazugehören. Paul gehörte mit Sicherheit zur zweiten Kategorie – und von nun an war es ein wichtiges Ziel seines Ehrgeizes, in dieser trügerischen, aber geweihten Welt der Titel, der Ehrerbietung, des alten Reichtums und der europäischen Königshäuser, auf die er am Magdalen einen kurzen Blick hatte werfen können, ehe es über ganz Europa dunkel wurde, sein Territorium abzustecken.

Nach seiner Zeit in Oxford hatte Paul es nicht besonders eilig, nach Kalifornien zurückzukehren. Er wurde zu einem zwanghaften Reisenden, bemühte sich ernsthaft um seine Flucht. Anstatt sich von der Eintönigkeit des Lebens im South Kingsley Drive herunterziehen zu lassen, setzte er sich lieber an das Steuer seines Mercedes und machte sich auf den Weg in die Stadt, die er zu seiner Lieblingsstadt erklärt hatte: nach Paris. Den Sommer verbrachte er in Russland, den Herbst in Berlin, und kurz vor Weihnachten war er in Wien, wo er den Jahresbeginn 1914 verbringen wollte, ehe er sich auf den Weg nach Ägypten machte.

Doch inzwischen war Geld zu einem Problem geworden – und das brachte ihn unweigerlich in einen Konflikt mit seinem Vater. Zweihundert Dollar im Monat bedeuteten, dass er nur mit sehr einfachen Mitteln reisen konnte, und auf jede Bitte um eine Erhöhung reagierte George ausgesprochen säuerlich, denn er war mittlerweile ziemlich verärgert über seinen missratenen Sohn, der sich in Europa »herumtrieb«.

Pauls Flucht dauerte jetzt schon über ein Jahr, und es war am Vorabend seines einundzwanzigsten Geburtstages – den er auf einem rostigen alten Kahn auf dem Weg nach Alexandria verbrachte –, dass sich seine Bitten um mehr Geld zu einem bitteren Streit mit seinem Vater auswuchsen.

George war ernsthaft empört über die, wie er es sah, »fortgesetzte Extravaganz und Genusssucht« seines Sohnes, deshalb setzte er ihn davon in Kenntnis, dass er die 15000 Aktien von Minnehoma Oil, die er auf Pauls Namen hatte ausstellen lassen, zurückziehen würde. Daraufhin erfolgte eine giftige Antwort von Paul, die einiges von der Wut und dem Unmut verriet, die er gegen seinen Vater empfinden konnte, wenn der ihm einen Strich durch die Rechnung machte.

Nachdem Paul in scharfem Ton verlangt hatte, die Aktien behalten zu dürfen, griff er George wegen seiner Knauserigkeit seinem einzigen Sohn gegenüber an – er erinnerte ihn daran, dass der Vater von William Randolph Hearst dem sogar den San Francisco Examiner überschrieben und ihm noch dazu das Gebäude des Zeitungsverlages geschenkt hatte, das mindestens drei Millionen Dollar wert war, als dieser einundzwanzig geworden war.

Verbittert fuhr er fort, dass er nicht vorhätte, sich »um sein Geburtsrecht betrügen« zu lassen, und stellte schließlich fest, dass die Haltung seines Vaters ihm keine Alternative ließe, »außer mit der ganzen Sache so umzugehen, wie ich mit einem Konkurrenten umgehen würde«.

Es sieht so aus, als hätte Sarah die Angelegenheit wieder einmal ausgebügelt. Schon bald darauf schrieb sie einen liebevollen Brief an Paul, in dem sie sagte, wie gern sie »fliegen würde, um ihn zu sehen«, und im Frühsommer hatte sie George bereits dazu überredet, noch einmal den Atlantik zu überqueren, um ihren nichtsnutzigen Sohn in Paris zu treffen, das Wiedersehen zu genießen und gemeinsam zurück nach Hause zu reisen.

Im Juni 1914 waren die Gettys wiedervereint und wohnten erneut im Hôtel Continentale; hier war es auch, dass Paul ihnen seine wahren Pläne für seine Zukunft eröffnete. Da er vorhatte, weiterhin zu reisen und die Vorzüge der kosmopolitischen Gesellschaft zu genießen, wollte er Diplomat werden – oder, falls ihm das nicht gelingen sollte, Schriftsteller.

Sarah hat ihn anscheinend unterstützt. George sagte gar nichts.

Auch wenn er seine Grenzen hatte, George Getty war keinesfalls dumm, und auf gewisse Weise verstand er seinen Sohn weit besser, als Paul sich selbst verstand.

Anstatt wertvolle Zeit und Geld zu verschwenden, indem er durch Europa reiste, sollte sein Sohn sich lieber sicher an dem einen Ort niederlassen, an den Paul ganz offensichtlich hingehörte – im Familienunternehmen, wo er das Geschäft kennenlernen, Entscheidungen treffen und zu seinem Nachfolger herangezogen werden sollte.

Die großen historischen Ereignisse kamen George zu Hilfe. In Frankreich und Deutschland stand der Ausbruch eines Krieges unmittelbar bevor, sodass Paul nicht im Herbst 1914 nach Europa zurückkehren konnte, wie er gehofft hatte, um Französisch und Deutsch für den diplomatischen Dienst zu lernen. Dadurch bekam George die Gelegenheit, ihm ein Angebot zu machen, von dem er wusste, dass Paul es nicht ablehnen konnte.

Es war ein Geschäftsvorhaben ohne Schnörkel, ein Kapitalanteil von 10.000 Dollar für Paul, mit dem der auf den Ölfeldern von Oklahoma sein Glück machen konnte, genau, wie er selbst es elf Jahre zuvor getan hatte. George betonte, dass es sich nicht um ein Geschenk handelte, sondern um eine Investition von Minnehoma Oil. Jeglicher Profit ginge direkt an das Unternehmen, aber Paul sollte dreißig Prozent Umsatzbeteiligung bekommen. Paul stimmte zu.

Die Bedingungen waren schwieriger geworden als damals, als George nach Bartlesville gekommen und gleichsam über den Ölreichtum von Oklahoma gestolpert war. Der Wettbewerb war härter, große Firmen wie Standard Oil waren dazugekommen, und es war viel schwerer für den einzelnen Glückssucher, eine Parzelle mit einem reichen Ölvorkommen zu finden, die Abbaurechte zu pachten und ein Vermögen zu machen. Aber da Oklahoma ein so ausgedehntes Gebiet umfasste, auf dem sich eines der größten natürlichen Ölfelder der USA befand, gab es noch immer neue Funde – und Vermögen – zu machen, falls jemand die nötige Entschlossenheit dafür mitbrachte. George war sich sicher, dass er Paul am Haken haben würde, sobald der einmal wirklich von Geld und Erfolg gekostet hatte.