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Als Erstes fällt an dem Fremden sein Hut auf, breitkrempig, das Band mit Silberscheiben benäht. Ein paar Falten zeichnen das braungebrannte Gesicht. Wach und aufmerksam blicken die dunklen Augen in die so vertraute und doch so fremdgewordene Landschaft. Heimliche Blicke treffen den Mann, der das nicht zu bemerken scheint, der aber in Wahrheit jeden dieser prüfenden Blicke wie einen Nadelstich empfindet. Noch hat ihn offenbar keiner erkannt! Aber es ist auch lange her. Achtzehn Jahre war er damals, heftig und leichtsinnig. Jetzt kehrt er heim, der Tobias Falk, nach zehn Jahren. Um bei Evi die Wahrheit herauszufinden über das, was damals geschehen war ...
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Seitenzahl: 115
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Evis eisernes Schweigen
Vorschau
Impressum
Evis eisernes Schweigen
Sie wollte ihr Versprechen nicht brechen
Von Toni Wendhofer
Als Erstes fällt an dem Fremden sein Hut auf, breitkrempig, das Band mit Silberscheiben benäht. Ein paar Falten zeichnen das braungebrannte Gesicht. Wach und aufmerksam blicken die dunklen Augen in die so vertraute und doch so fremdgewordene Landschaft. Heimliche Blicke treffen den Mann, der das nicht zu bemerken scheint, der aber in Wahrheit jeden dieser prüfenden Blicke wie einen Nadelstich empfindet. Noch hat ihn offenbar keiner erkannt! Aber es ist auch lange her. Achtzehn Jahre war er damals, heftig und leichtsinnig. Jetzt kehrt er heim, der Tobias Falk, nach zehn Jahren. Um bei Evi die Wahrheit herauszufinden über das, was damals geschehen ist ...
Ein sonniger und warmer Junitag war es, so gegen die Mittagszeit, als der große, breitschultrige Mann den ausgefahrenen Weg zum Dachsenhof hinaufstieg. Merkwürdig an ihm war der breitrandige, fremdartig wirkende Hut. Das Gesicht darunter war glattrasiert, von ein paar scharfen Falten gezeichnet, die auf Lebenserfahrung oder gar Lebenskampf schließen ließen.
Schiefergraue Augen musterten aufmerksam den uralten Hof, der am Ende des Hohlweges am Hang klebte, ein armseliges Anwesen, halb aus Feldstein, halb aus schwärzlich gewordenem Balkenholz gebaut, daran anschließend ein Stall und darüber der ebenfalls aus Balken errichtete Stadl.
Das Geräusch eines Holzhackers mischte sich in den Finkenschlag und den anderen Vogelgesang im ansteigenden Mischwald. Unterhalb des Ödhofes graste eine Kuh zwischen den alten Zwetschgenbäumen. Ein paar Hühner sonnten sich unter dem weitvorspringenden, mit Steinen beschwerten Dach.
Der Mann, der einen hohen, offenbar schweren Rucksack trug, blieb stehen, nahm den Hut ab und wischte sich den Schweiß aus der Stirn.
»Er lebte also doch noch, der alte Steffl«, murmelte er erfreut. »Ob er mich erkennt?«
Der alte Stefan Hunklinger spekulierte indessen darüber nach, ob er noch heute ins Dorf runtergehen und einkaufen sollte, weil allerhand fehlte, oder ob er den unbequemen Gang auf morgen verschieben sollte. Denn unter die Leute zu gehen war dem Stefan ein ausgesprochener Graus. Hier oben war ihm wohler. Irgendein verschrobener Vorfahr hatte sich vor zwei Jahrhunderten so hoch droben den Hof aus Feldstein und Baumstämmen errichtet und der Nachkommenschaft hinterlassen.
Die Hunklingers waren nie reich, nicht einmal wohlhabend, hungerten jedoch nicht und gaben sich Mühe, redlich durchs Dasein zu gelangen. Dass ab und zu ein Rehbock vom Kammerfenster aus geschossen wurde, um einen Feiertagsbraten zu kriegen, war noch lange kein Grund, die Hunklingers als Lumpenvolk zu bezeichnen. Es gab größere Lumpen im Dorf unten!
Jetzt sauste ein kleines, schwarz-weißes Hündchen mit Ringelschwanz aus der Hundehütte und fing zu kläffen an, blieb aber neben dem Holzhacker stehen, als wolle er ihn beschützen.
»Was hast du denn wieder, Bussi?«, fragte der alte Stefan den Hund. »Verbellst einen Fuchs? Ist das Ludervieh schon wieder da, um ein Huhn zu holen?« Der Alte schaute den Weg hinab und legte die Hand schirmend über die Augen. »Den kenn' ich net«, murmelte er. »Wird ein Tourist sein, der ein Glas Sauermilch haben will.«
Der Mann mit dem Rucksack kam heran, blieb stehen, sah den Alten an und fragte grinsend: »Kennst mich nimmer, Steffl, gell? Ist ja auch schon zehn Jahr her, dass wir uns gesehen haben!«
»Lass mich raten, wer du bist«, sagte Steffl und musterte das braune, gut geschnittene Männergesicht. Es kam ihm jetzt doch bekannt vor. »Ja mei, wenn mein Gedächtnis nur net so nachlassen tät'«, murmelte er und kratzte sich im Nacken. »Mit fünfundsiebzig auf dem Buckel ... Jetzt kenn' ich dich!«, rief er erfreut. »Du bist der Tobias Falk! Oder täusch' ich mich?«
»Du täuschst dich net«, bestätigte der andere. »Grüß dich Gott, Steffl! Lass dich umarmen, alter Freund!«
Die beiden so unterschiedlichen Männer umarmten einander und klopften sich die Rücken.
»Mei, ich kann's net glauben«, staunte der Stefan. »Aber du bist es wirklich! Der Tobi! Ja, ich weiß, dass du vor zehn Jahren verschwinden musstest, weil du mit deinem Bruder wildern warst und den Jager über den Haufen geschossen hast! Komm, leg den Rucksack ab ... gehen wir ins Haus! Mein Gott, der Tobi, der Tobi...«, wiederholte der Alte. Er konnte sich nicht beruhigen.
Denn mit dem Auftauchen des Tobias Falk wurden Erinnerungen aufgerührt, die damals ein Familiendrama heraufbeschworen hatten und an denen der alte Steffl zu einem guten Teil beteiligt war. Vor zehn Jahren war unweit des Ödhofes gewildert worden, plötzlich waren schnell hintereinander zwei Schüsse gefallen. Kurz darauf waren zwei rußgeschwärzte Gestalten am Hof erschienen.
Es waren die Brüder Tobias und Alois Falk, die gewildert hatten und mit dem Förster Anton Kirchmeier zusammenstießen. Er schoss als erster. Der Tobias knallte sofort zurück und sah nur noch den Förster zusammenbrechen. Dann waren die Brüder geflohen und hatten beim Steffl Rat gesucht, der ja früher auch fleißig gewildert hatte. Er riet, heimzugehen und abzuwarten. Kein Wilderer verrät den anderen!
Am nächsten Tag verschwand der ältere Bruder, der Tobias, weil Lois die Nachricht heimbrachte, der Kirchmeier liege schon im Totenhaus. Die Polizei forsche nach. Da hatte auch die Mutter dem Sohn geraten, die Flucht zu ergreifen, gab ihm Geld, und Tobias verschwand auf Nimmerwiedersehen. Niemand wusste, wo er sich aufhielt! Er schien verschollen! Jetzt war er wieder da. Nach zehn Jahren.
»Hast für mich ein Dach überm Kopf, Steffl?«, fragte der Heimkehrer beim Betreten des engen Hausflures.
»Freilich, freilich«, versicherte der Alte und ging in die schrecklich liederliche, unsaubere Küche. »Im Oberstock ist genug Platz für dich. Kannst bleiben, solang' du willst, Tobi!«
Steffl suchte die Schnapsflasche, in der noch ein Rest drin war, füllte zwei nicht ganz saubere Stamperl, stieß mit Tobi an und murmelte: »Der Herrgott segne deine Heimkehr!«
Dann räumte der Alte den Tisch ab, wischte mit einem unansehnlichen Tuch herum und setzte sich hin.
»Jetzt erzähl, Tobi«, drängte er. »Ich platz' schier vor Neugier! Schaust net übel aus! Es scheint dir in der Fremde net schlecht ergangen zu sein!«
Nachdem der Rest Obstschnaps eingegossen war, begann Tobis Falk zu erzählen. Die Flucht habe ihn weit durch das Land geführt, bis nach Hamburg, dort sei er dann nach Australien gefahren.
In Melbourne habe er Arbeit als Lastwagenfahrer gefunden, sei vier Jahre lang kreuz und quer durch das riesige Land gefahren, bis ihn ein glücklicher Umstand dazu brachte, vom ersparten Geld einen schweren Lastwagen zu kaufen und Unternehmer zu werden.
Glück habe er gehabt! Großes Glück sogar! Aber das Heimweh sei dann halt immer stärker geworden, und jetzt sei er wieder da ... nicht als Bettler, nein, gewiss nicht! Im Rucksackgepäck stecke schon mehr als nur Wäsche und Toilettenzeug!
»Steffl, ich bin zu dir gekommen, weil ich mich erst erkundigen muss, was daheim los ist«, sagte der Tobias zum Schluss. »Ich weiß gar nix ... ich hab ja nie geschrieben. Ich bin mit einem schlechten Gewissen heimgekommen ... verstehst! Ich will büßen!«
Stefan Hunklinger saß vornüber gesunken am Tisch, hatte die verarbeiteten, nie ganz sauberen Hände zusammengefaltet und blickte Tobias prüfend ins Gesicht – in ein Paar graue Augen, in denen Unruhe flackerte. Der Alte, in dessen Gesicht silberne Bartstoppeln Kinn und Wangen bedeckten, studierte eine ganze Weile den anderen, nickte dann und erwiderte: »Ja mei, Tobi... hättest doch mal heimschreiben sollen! Dann hättest du wahrscheinlich erfahren, dass deine Flucht unsinnig war.«
»Unsinnig?« Tobi sah den Alten betroffen an. »Wieso unsinnig? Ich hab doch den Kirchmeier erschossen!«
»Der lebt, Tobi! Er ist gesund und munter und geht – wie man hört – nächstes Jahr in Pension. Die Kugel, die du ihm damals draufgebrannt hast, hat nur den linken Lungenflügel ein bisserl gestreift. Nach seiner Genesung ist der Kirchmeier gleich vom Förster zum Oberförster aufgestiegen und vier Jahr' drauf zum Forstmeister. Dazu hast du ihm mit dem Bleikügerl verholfen!« Der Alte kicherte vergnügt, wurde aber gleich wieder ernst und beugte sich zu Tobi vor: »Es ist damals net mit rechten Dingen zugegangen, Tobi«, erklärte er. »Ich bin auch erst später dahinter gekommen, dass du von deiner Mutter und dem Lois reingelegt worden bist. Sie wollt', dass er den Hof kriegt! Und so ist's ja inzwischen auch passiert! Aber Glück scheint's dem Lois und deiner Mutter net gebracht zu haben!«
Tobi war ein beherrschter Charakter. Er hatte gelernt, nicht den Gefühlen nachzugeben, sondern zuerst den Verstand walten zu lassen.
Was er eben erfahren hatte, war in der Tat unglaublich! Kaum zu fassen!
Zehn Jahre lang schleppte er ein schlechtes Gewissen, einen vermeintlichen Mord mit sich herum! Quälte ihn die Angst, zur Rechenschaft gezogen zu werden, weil er sich verteidigen musste, weil er sich nicht einfach umlegen lassen wollte – diese Angst war immer geblieben. Oft träumte er davon, mit dem Lois zu wildern, auf einen Gamsbock anzulegen und – dass dieser Gamsbock plötzlich ein Mensch war – der Toni Kirchmeier! Man hatte ihn nach dem Schuss aufschreien hören, ins Gras sinken sehen! Und jetzt sollte er munter leben? Was für ein Hohn!
Tobi zog eine kurze, zerbissene Pfeife aus der Tasche seiner Schnürlsamt-Jacke, einen abgegriffenen Lederbeutel und ein Feuerzeug.
»Hm ... hm«, machte er nachdenklich, »das ist ja eine tolle Geschichte, Steffl ... mir brummt direkt der Schädel!« Tobi sog kräftig und paffte dicke Tabakwolken über den Tisch. Das faltige Gesicht des Alten nebelte sich ein. »Erzähl, Steffl, was ist daheim los?«, forschte Tobi.
»Deine Mutter geht fleißig beten«, antwortete der Alte bissig. »Wahrscheinlich bittet sie dem Herrgott ihre Sünd' ab. Dein Bruder, der Lois, ist mit der Evi Baumgartner verheiratet, die du ja auch kennst, gell?«
»Sie war damals achtzehn«, murmelte Tobi. »Und wie geht die Ehe?«
»Schlecht«, erwiderte der Steffl und roch an dem Tabak. »Ein Kind ist da, die Gundi, ein reizender Fratz. Ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.«
»Warum sagst du ›schlecht‹, Steffl?«
»Weil der Lois augenblicklich sitzt. Er ist beim Holzdiebstahl erwischt worden ... hat das Geschäft schon seit längerer Zeit betrieben. Ich weiß auch, dass er gewildert hat, aber erwischt haben sie ihn, als er einen Lastwagen mit Klafterholz gestohlen hat. Vier Monate hat's ihm eingebracht. Der Richter wollt' ihm keine bedingte Strafe geben, weil er schon eine hatte. Wegen einer Schlägerei im Wirtshaus. Deine Mutter hat viel aufgeladen bekommen. Sie büßt's, dass sie dich belogen und betrogen hat und dem Lois, ihrem Liebling, den Hof vermacht hat – statt dir! Der Herrgott lässt halt die Bäume net in den Himmel wachsen! Deine Heimkehr beweist's! Darf ich mir von deinem Tabak ein Zigarettl kurbeln?«, fragte er.
Tobi nickte abwesend. Was er gehört hatte, bestürzte ihn, warf alles um, was er sich vorgenommen hatte. Zehn Jahre Fremde, zehn Jahre abenteuerliches Leben schienen ihm plötzlich verdammt sinnlos!
Nein – doch nicht! Er hatte etwas erreicht! Er war kein Millionär, aber er brachte genug Geld mit, um sich eine sichere Existenz aufbauen zu können. Er kam heim, um herauszufinden, wie die Lage war – ob er überhaupt auftauchen und sich zu erkennen geben durfte! Er glaubte ja, dass ihm ein Verfahren wegen Mord oder zumindest wegen Totschlages anhing! Und nun so eine grenzenlose Überraschung! So ein Schlag ins Gesicht! Die Mutter eine Lügnerin, der Bruder ein Dieb!
Der Alte riss von einer alten Zeitung ein Stück ab und drehte sich geschickt eine Zigarette aus dem englischen Tabak.
»Ja, lieber Tobi«, bekannte er dabei, »du bist ganz schön aufs Kreuz gelegt worden. Was wirst du denn jetzt machen, hä?« Ein fragender Blick aus tiefliegenden blauen Augen huschte hinüber. »Willst du dreinschlagen, dass die Fetzen fliegen?«
»Nein«, erwiderte Tobi gedehnt, fügte dann rasch hinzu: »Nein, das gewiss net, Steffl. Ich will mich erst mal erkundigen, wie's sonst um den Hof bestellt ist ... wie's der Mutter geht. Irgendwie kann ich ihr net böse sein.«
»Das ist ein feiner Zug von dir«, lobte der Alte und beschäftigte sich hingebungsvoll mit dem Anfertigen des Tabakröllchens. »Du kannst bei mir bleiben, solange du magst. Wir werden uns gewiss gut vertragen.«
»Das glaub' ich auch«, erwiderte Tobi und grinste.
Eine halbe Stunde später begann er mit der Säuberung und dem Aufräumen einer Kammer, in der es nach Dörrobst, aber auch ein wenig nach Mäusen roch. Vom windschiefen Balkon aus konnte er über die Zwetschgenbäume ins Tal hinunterschauen und ein paar Häuser um den schlanken Kirchturm herum sehen, von dem das Mittagläuten erscholl.
Und dem Tobias Falk war es auf einmal, als würde die Glocke für ihn ein herzliches Willkommen, aber auch ein paar Sorgen einläuten, mit denen er zurechtkommen oder fertigwerden musste, bevor er wieder sesshaft wurde ...
***
Die Frau, die einen Korb voll gewaschener Wäsche in den Garten trug, war schlank, fast zierlich. Ihr braunes Haar hatte sie unter ein Kopftuch versteckt; eine Strähne stahl sich hervor und verlieh dem schmalen Gesicht einen mädchenhaften Reiz. Hinter ihr lief ein barfüßiges Kind von etwa vier Jahren, ein Mädchen, blond und mit den gleichen veilchenblauen Augen, wie sie die Mutter besaß.
»Ich will auch tragen«, sagte die Kleine. »Ich helf' dir, Mutterl.«
»Bist noch zu klein und zu schwach«, erklärte die Mutter. »Ich kann den Korb schon allein tragen.« Sie ging mit dem Kind durch ein offenes Zauntürl in den Garten. Obstbäume, viele Apfelbäume, ließen eine reiche Ernte erwarten. Zwischen drei Bäumen war die Wäscheleine gespannt.
Evi Falk begann, ein Wäschestück nach dem anderen anzuklammern, wobei die Kleine sich beeilte, der Mutter die Wäschestücke zu reichen.
»Wann kommt denn die Großmutter heim?«, fragte das Kind.
»Sicher mit dem Bus um vier Uhr«, erwiderte Evi und dachte an ihren Mann, der seit über drei Monaten im Gefängnis saß.
Noch vier Wochen, dann wurde er entlassen! Aber war's ihm eine Lehre? Besserte er sich? Und sie hatte damals vor fünf Jahren, als sie ihn auf dem Feuerwehrball wiedersah, geglaubt, es sei die große, glücklich machende Liebe!
Heute wusste sie, dass Lois ein haltloser, zu Gewalttätigkeiten neigender Charakter war – ein Mensch, der nur an sich selbst dachte!
