Alpengold 366 - Toni Wendhofer - E-Book

Alpengold 366 E-Book

Toni Wendhofer

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Beschreibung

Die Augen von Franz Zips werden schmal, in seinem bärtigen Gesicht arbeitet es.
»Jetzt hast du die Katz‘ endlich aus dem Sack gelassen«, stößt er hervor. »Du hast dir den Bart abnehmen lassen, um ihr zu zeigen, dass du der Jüngere bist, gell?«
»Mach dich doch nicht lächerlich!«, erwidert sein Bruder Viki spöttisch. »Als wenn‘s bloß um die Bärte ginge!«
In diesem Moment ist es dem Franz völlig klar, dass Viki sein Rivale ist. Die beiden Brüder stehen sich gegenüber wie zwei Kampfhähne ...

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Seitenzahl: 109

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Die Sünde auf der Alm

Vorschau

Impressum

Die Sünde auf der Alm

Warum die schöne Sennerin davonlief

Von Toni Wendhofer

Die Augen von Franz Zips werden schmal, in seinem bärtigen Gesicht arbeitet es.

»Jetzt hast du die Katz' endlich aus dem Sack gelassen«, stößt er hervor. »Du hast dir den Bart abnehmen lassen, um ihr zu zeigen, dass du der Jüngere bist, gell?«

»Mach dich doch nicht lächerlich!«, erwidert sein Bruder Viki spöttisch. »Als wenn's bloß um die Bärte ginge!«

In diesem Moment ist es dem Franz völlig klar, dass Viki sein Rivale ist. Die beiden Brüder stehen sich gegenüber wie zwei Kampfhähne ...

Hinter dem Friedhof der Gemeinde Ammerang ist die Böllerkanone aufgefahren. Jetzt ertönt der erste Böllerschuss für die entschlafene Lehrerin Berta Pfeifer – eine Ehrung, die sonst nur alten Veteranen zuteilwird. Anschließend kracht es noch zweimal so laut, dass die Tauben aufgescheucht werden und ängstlich umherschwirren. Papierfetzen segeln vor dem Schlund der Kanone durch die Luft. Dann geht unten am Friedhof die feierliche Zeremonie der Bestattung zu Ende.

»Leute, kommt zum Leichenschmaus«, sagt der Oberlehrer, dem der Regen vom Zylinderrand tropft und den schwarzen Anzug durchweicht. »Sie hat es so gewollt, unsere liebe Berta. Herr Pfarrer, Sie geben uns doch auch die Ehre, gell?«

»Aber ja, freilich.« Der schwerleibige Herr wischt sich mit dem Taschentuch das Regenwasser aus dem vollen Gesicht.

Der Friedhof von Ammerang leert sich langsam. Man redet respektvoll von der verstorbenen Lehrerin Berta Pfeifer. Sie war eine gute Seele und hinterlässt im Schulbetrieb eine Lücke, die bald geschlossen werden muss.

»Ist schon bekannt, wer ihre Nachfolgerin wird?«, fragt die Gimmlerbäuerin den Oberlehrer.

»Ja«, sagt Martin Hager zu ihr, »aus Traunstein kommt sie.«

»Eine junge oder eine ältere?«

»Eine jüngere ist's«, meint der Oberlehrer und geht zum Bürgermeister vor, der mit zwei Gemeinderäten zum Wirtshaus marschiert.

Auch die drei stämmigen Zips-Männer gehen stumm und mit verdrossenen Mienen heimwärts: Hermann Zips, der Vater, Franz, der fast vierzigjährige ältere Sohn, und Viki, der jüngere, der ehrliche Tränen vergossen hat, weil er am meisten an der alten Lehrerin hing, die er wie eine Mutter liebte.

»Ja, ja, Buben«, seufzt der alte Zips, ein baumlanger, magerer und weißhaariger Fünfundsechziger mit einem ledernen Faltengesicht, »jetzt ist die gute Berta also auch dahin, und mit ihr ist ein Stück alte Zeit gestorben. So kommt halt ein jeder an die Reihe.«

»Möchte nur wissen, wer jetzt ihre Nachfolgerin wird«, brummt der hünenhafte Franz, der ältere der beiden Brüder. Er trägt einen struppigen kohlschwarzen Bart, der ihm das Aussehen eines Räubers verleiht. Aber der Franz Zips ist gewiss kein Räuber. Den Bart hat er sich wachsen lassen, als ihn vor sechs Jahren eine gewisse Mali Strassegg treulos hintergangen und verlassen hat.

»Für mich ist die Berta, Gott hab sie selig, die beste Lehrerin der Welt gewesen«, erklärt der jüngere der beiden Brüder, der große, schlanke Viktor, der »Viki« genannt wird und der auch einen Bart trägt, aber einen beinahe roten.

Auch Viki mag von der Liebe nichts mehr wissen, weil er ebenfalls Pech gehabt hat. Das Madl, das er liebte und heiraten wollte, starb vor zwei Jahren an einer Lungenentzündung. Die Christl Schrobenhauser. Ihr Bild lebt noch immer in Vikis Herzen und ist durch kein anderes zu verdrängen.

So gehen also die drei Zipser nebeneinander den Fahrweg entlang. Schweigend streben sie dem Hof zu, der etwas außerhalb des Dorfes in der Wiesenau liegt, von einem Obstgarten eingeschlossen und von ein paar großen und alten Tannenbäumen bewacht und beschirmt.

Es sind wohlhabende Leute, die Zipser. Über dreißig Stück Vieh besitzen sie, mehr als hundertachtzig Tagwerk Grund und Boden, dazu noch den Bauernwald, der gutes Holz liefert. Man sieht schon von Weitem, dass der Hof in Ordnung gehalten wird.

Seit Martha, die Mutter, vor zehn Jahren starb, sind die drei Mannsbilder allein und ganz auf sich gestellt. Der Vater hat sich ebenso gut abgefunden wie die beiden Söhne, denn die Martha war zu Lebzeiten eine stets kränkelnde und nörgelnde Person und wollte weder dem Mann noch den heranwachsenden Buben ihren freien Willen lassen.

Man sollte meinen, dass den drei Mannsbildern nach dem Tod der Mutter alles über dem Kopf zusammengebrochen wäre, aber dem war nicht so. Es ging besser denn je weiter.

Die Pflichten jedes Einzelnen sind genau festgelegt: Der Vater sorgt für die beiden Haflingerrösser und den Wagenpark, und Franz ist für die Milchwirtschaft und Futtervorräte zuständig.

Viki ist das, was man »Mädchen für alles« nennt. Er kocht ausgezeichnet, er weiß auch, wie man die schmutzige Wäsche sauber kriegt, und versteht sich auf alle Hausarbeiten. Dabei kommt ihm sein angeborener Reinlichkeitssinn sehr zugute. Das Haus blitzt nur so vor Sauberkeit. Daran könnte sich manche Frau ein Beispiel nehmen.

Aber das Wichtigste und Schönste im Hauswesen der Zips-Männer ist die Harmonie, die unter ihnen herrscht. Nie gibt es einen Streit. Alles wird ruhig und behäbig geregelt. Wenn einer schlechte Laune hat, geht er den anderen aus dem Weg, bis er sich wieder gefangen hat.

Sorgen haben sie so gut wie keine. Seit sie sich darüber einig geworden sind, dass sie auch ohne Frauen leben und zufrieden sein können, betritt nur ganz selten ein Frauenzimmer den Hof.

Berta Pfeifer war die Einzige, die Zutritt hatte zu diesem Reich der Männerwirtschaft. Als ehemalige Lehrerin vom Franz und Viki durfte sie es sich erlauben, dann und wann zu Besuch zu kommen, Ratschläge zu erteilen und den drei Mannsbildern ein paar Manieren beizubringen.

Nun ist sie dahingegangen, die gute Berta Pfeifer. Die drei Zipser sind schon recht betrübt darüber, und aus lauter Trauer um die Verblichene gibt es heute zu Mittag auch nur Milchkaffee mit Schmalzbroten.

Das Läuten drüben im Dorf ist gerade verklungen, und die drei Zipser sitzen um den großen Ecktisch, als draußen etwas scheppert und eine Fahrradglocke bimmelt.

Die drei Männer heben gleichzeitig die Köpfe und horchen. Da klopft es auch schon an die Stubentür, und auf das »Herein« des Hermann Zips kommt der hagere Schulmeister, der Oberlehrer Martin Hager, herein.

»Mahlzeit miteinander«, grüßt er, den Hut abnehmend. Er klappt den Anzugkragen herunter und schüttelt sich wie ein Pudel, weil es noch immer regnet.

»Nimm nur Platz, Martin«, sagt der alte Zips.

»Möchte net lang stören«, murmelt der Oberlehrer, sich mit an den Tisch setzend. »Hätte nur was mit euch zu bereden. Vorhin waren ja zu viele Leute da. Ein schönes Begräbnis war's, gell?«

Die drei Zipser nicken einmütig und feierlich.

»Sie hat es sich ja auch verdient, die gute Berta«, murmelt der Oberlehrer.

»Magst du auch einen Kaffee?«, fragt Viki höflich.

»Nein, danke schön«, lehnt der Oberlehrer ab. »Ich muss gleich wieder rüber. Meine Frau wartet mit dem Essen.«

»Was hast du denn auf dem Herzen?«, fragt der alte Zips.

»Ja mei«, stößt der Oberlehrer seufzend hervor, »ich weiß net recht, was ihr dazu sagen werdet. Aber ihr wisst doch, dass die Berta – Gott hab sie selig – beim Girglbauern gewohnt hat.«

Die drei Zipser nicken wieder und schauen aufmerksam auf den Besucher, der etwas unruhig auf dem Stuhl herumrutscht.

»Der Girgl hat mir grad vorhin gesagt, dass er mit dem Aufstocken seines Wohnhauses nicht länger warten will«, fährt Martin Hager fort. »Morgen schon kommen die Maurer und die Zimmerer und fangen an. Nun ist's aber so: In drei Tagen trifft die neue Lehrerin ein. Ich weiß jetzt net, wo ich sie einquartieren soll. Beim Girgl geht's net, da ist kein Platz mehr. Der Umbau dauert sechs oder acht Wochen, hat er mir gesagt. Nun wollte ich halt euch fragen, ob ihr so freundlich wärt und die neue Lehrerin derweil aufnehmen wollt.«

Schweigen.

Der alte Zips lehnt sich zurück und streicht sich das kantige Kinn, Franz hat den Kopf über seinem Kaffeehäferl und kaut, ohne aufzuschauen. Viki reibt sich mit Daumen und Zeigefinger die schmale, etwas gebogene Nase, zupft dann an dem dichten roten Bart und blinzelt mit seinen hellgrauen Augen von der Seite nach dem verlegen dasitzenden und gespannt wartenden Oberlehrer.

»Ich weiß«, setzt dieser dann wie entschuldigend fort, »dass ihr unter euch bleiben wollt, aber ihr tätet mir und der ganzen Schule halt einen großen Gefallen, wenn ihr diesmal eine Ausnahme machen und die neue Lehrerin für ein paar Wochen bei euch aufnehmen könntet. Ihr habt doch genug Zimmer!«

»Das wohl«, murrt der Alte. Er schaut Franz und dann Viki an. »Was sagt denn ihr dazu, ha?«

Der Franz schiebt jetzt das Kaffeehäferl von sich.

»Wenn's nur für ein paar Wochen ist, warum net?«, meint er.

»Nur sechs, höchstens acht Wochen lang«, versichert der Oberlehrer sofort.

»Was ist denn das für ein Weiberleut?«, erkundigt sich Viki misstrauisch.

»Keine Ahnung«, erwidert der Hager. »Ich weiß nur, dass sie Herta Burger heißt und aus Traunstein kommt. Dort war sie zwei Jahre lang Lehrerin an der Volksschule. Es musste ja alles sehr schnell gehen«, erklärt der Oberlehrer den drei Zips. »Der Schulbetrieb darf net ins Stocken kommen, und ich kann nur für kurze Zeit die erste Klasse mit übernehmen. Ich bin ja auch nimmer der Jüngste«, stellt er fest.

Die drei Männer nicken verständnisvoll.

»Wenn es sich bloß um eine Gefälligkeit handelt, Martin«, sagt der alte Zips, »dann kannst du schon auf uns rechnen. Bloß ... du weißt, wie's bei uns zugeht. Von Weibern lassen wir uns in unseren Kram nix dreinreden! Gell, Buben?«, fragt er die Söhne.

Die beiden nicken kräftig.

»Also gut, Martin«, fährt der alte Zips fort. »Wir nehmen sie auf, wenn's net länger als sechs oder acht Wochen dauert.«

»Der Girgl ist gewiss bis dahin mit dem Umbau fertig«, versichert der Oberlehrer.

Man unterhält sich noch eine Weile über die Einquartierung. Martin Hager kann weder über Alter noch über die Herkunft der neuen Lehrerin etwas sagen. Dann spricht man noch eine Zeit lang über das Hinscheiden von Berta Pfeifer, und dann verabschiedet sich der Besuch wieder.

Viki bringt den Oberlehrer hinaus.

»Wann kommt sie?«, fragt Viki ihn.

»In drei oder vier Tagen«, erwidert Martin Hager und legte die Hände auf den Lenker seines Rades. »Ich bringe sie euch dann her.« Er bedankt sich noch einmal, steigt aufs Rad und fährt wieder zum Dorf zurück, das nur fünf Minuten entfernt liegt.

Der Vater und der Franz sitzen noch am Tisch.

»Ganz recht ist mir's net«, gesteht Franz mit mürrischer Miene. »Weiber bringen meistens nur Ärger und Verdruss ins Haus!«

»Wir werden ja sehen«, murmelt der alte Zips.

***

Im Tal von Ammerang wird das erste Heu gemacht. Das Wetter ist gut, und auf den Wiesen, die den quellklaren Bach säumen, wird fleißig gearbeitet.

Auch beim Zips rühren sich alle drei Paar Hände. Früh morgens haben die Männer gemeinsam gemäht. Dann ist Viki heimgegangen, weil er das Mittagessen zubereiten muss.

Es gibt heute Kartoffelsuppe, in die er ein mächtiges Stück Rauchfleisch getan hat. Viki steht mit umgebundener Schürze vor dem blitzblanken Herd, schmeckt die Speise mit Salz ab, tut ausreichend Pfeffer hinzu, kostet noch einmal und ist mit dem Ergebnis zufrieden.

Dann kann die Suppe noch eine Zeit lang allein kochen, und Viki geht in den Oberstock hinauf, um noch einmal in das Zimmer zu schauen, das er für die Einquartierung der neuen Lehrerin hergerichtet hat. Es ist das Zimmer, in dem er früher selbst gewohnt und geschlafen hat.

Die Fenster und die Tür führen auf den Balkon hinaus, man hat von dort aus einen schönen Blick zum Dorf hinüber und auf die Szenerie der über zweitausend Meter hohen Zacken und Felstürme des Geierjochs.

Irgendwo auf halber Höhe des malerischen Berges liegt die Alm des Zipshofes, wo sich das Jungvieh und ein Dutzend Schafe aufhalten, die erst im Spätherbst wieder heimgeholt werden.

Viki ist mit dem Aussehen der Stube zufrieden. Das hochbeinige Bauernbett im Alkoven ist frisch überzogen. Der bemalte Bauernschrank ist ausgeräumt und mit Zeitungspapier ausgelegt, und in der Waschecke ist der schöne Porzellankrug neben der Schüssel mit frischem Wasser gefüllt.

Wer weiß, wer da kommt!, denkt Viki. Wahrscheinlich so eine Magere mit einer Brille! Lehrerinnen sind ja meistens ziemlich schiach. Aber wenn's nur für sechs oder acht Wochen ist, kann es ihm ja egal sein, wer hier logiert! Sie darf bloß net in ihre Hausordnung einbrechen!

Viki geht wieder hinunter, schaut noch einmal in den brodelnden Suppentopf und zieht ihn auf die Seite.

Plötzlich hört er im Flur Schritte. Gleich darauf klopft es an der Tür der Stube, die neben der Küche liegt.

Das wird der Postler sein, denkt Viki und geht in die Stube.

Die Tür ist aufgegangen. Im nächsten Augenblick glaubt der Bursch, er sieht nicht recht: Da steht ein schlankes, rotblondes, grauäugiges Dirndl in einem grünen Trachtenkostüm, ein keckes Hütchen auf dem Kopf, und guckt den Viki genauso überrascht an wie er sie.

Hinter der jungen Person taucht das schwitzende Gesicht des Martin Hager auf, der zwei große und offenbar sehr schwere Koffer schleppt, die ihm die Schultern herunterziehen.

»Guten Tag«, sagt die Rotblonde und zeigt zwei Reihen akkurat gewachsener und schneeweißer Zähne.

»Grüß dich, Viki«, schnauft Martin Hager. »Da bringe ich euch die Einquartierung – die Herta Burger.«

Viki starrt noch immer die junge Dame an, die so um die Mitte zwanzig ist und den beschürzten Burschen belustigt betrachtet.