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Seit fünf Jahren sind Xaver und Gusti Pfluger nun verheiratet, und - falls das möglich ist - scheint ihre Liebe mit jedem Tag noch gewachsen zu sein. Nur etwas fehlt noch immer, um ihr Glück vollkommen zu machen: ein Kind. Und so trifft es die beiden wie ein Schlag, als sich bei einer Untersuchung herausstellt, dass dieser sehnsüchtigste Wunsch sich nie erfüllen wird. Gusti kann keine Kinder bekommen.
Wie ein Lichtblick erscheint in dieser schweren Zeit der überraschende Besuch ihrer jüngeren Schwester Hannah. Alle auf dem Hof hoffen, dass sie mit ihrem fröhlichen Wesen die Bäuerin aus ihrer unendlichen Verzweiflung reißen kann. Doch je länger Hannahs Besuch dauert, desto mehr zieht sich Gusti zurück - auch von Xaver, ihrem Mann ...
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Seitenzahl: 96
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Ihre schöne junge Schwester
Vorschau
Impressum
Ihre schöne junge Schwester
Als Hannah eine Ehe in Gefahr brachte
Von Toni Wendhofer
Seit fünf Jahren sind Xaver und Gusti Pfluger nun verheiratet, und – falls das möglich ist – scheint ihre Liebe mit jedem Tag noch gewachsen zu sein. Nur etwas fehlt noch immer, um ihr Glück vollkommen zu machen: ein Kind. Und so trifft es die beiden wie ein Schlag, als sich bei einer Untersuchung herausstellt, dass dieser sehnsüchtigste Wunsch sich nie erfüllen wird. Gusti kann keine Kinder bekommen.
Wie ein Lichtblick erscheint in dieser schweren Zeit der überraschende Besuch ihrer jüngeren Schwester Hannah. Alle auf dem Hof hoffen, dass sie mit ihrem fröhlichen Wesen die Bäuerin aus ihrer unendlichen Verzweiflung reißen kann. Doch je länger Hannahs Besuch dauert, desto mehr zieht sich Gusti zurück – auch von Xaver, ihrem Mann ...
Es ging auf die Mittagsstunde zu, und im städtischen Hofbräu waren die Bedienungen schon dabei, Essensportionen an die Gäste auszutragen. An einem der Tische, die durch Trennwände abgeteilt waren, saß ein hagerer, auffallend braungebrannter Mann und starrte mit ernster Miene vor sich hin. Ab und zu glitt sein Blick auf die Lokaluhr, die zwischen verstaubten Hirschgeweihen und Bockhörndeln an der Wand hing.
Jetzt kam eine Bedienung mit einem Tablett vorbei und fragte freundlich: »Na, Xaverl, willst du net doch noch Essen bestellen?«
»Nein, Fanni«, antwortete der Mann. »Ich wart', bis die Gusti da ist. Gar so lange kann's ja doch net mehr beim Doktor dauern.«
»Weswegen ist sie denn bei ihm?«, erkundigte sich Fanni Hübner, die ebenso wie Xaver Pfluger aus Sankt Lorenz stammte.
»Ach, wegen einer Frauengeschicht'«, antwortete der Mann beiläufig.
»Ist sie bei Professor Greiner?«, wollte die Kellnerin wissen.
Xaver nickte nur. Gar so viel wollte er über das, was er »Geschichte« nannte, auch nicht erzählen. Es war problematisch genug.
Seit fünf Jahren war er verheiratet, aber Kinder hatte er immer noch nicht. Einen Hoferben wünschte er sich nun mal. Mit einem Dirndl wäre er auch zufrieden gewesen. Der Professor hatte Gusti daher zu einer gründlichen Untersuchung einbestellt.
Der lebhafte Gästebetrieb hinderte die Bedienung daran, weitere Fragen zu stellen. Xaver war ein geduldiger Mensch. Wenn der Grund des Stadtbesuches nicht gar so ernst gewesen wäre, hätte das Warten am Tresen sogar Spaß bereitet. Das Bier war gut, und es gab viel zu beobachten. Kam er, Xaver, doch nur selten aus der Einöde heraus, wo die Pflugers seit drei Generationen daheim waren und sich problemlos vermehrt hatten.
Bloß beim letzten Pfluger klappte es nicht. Die Frage, ob es an ihm oder der Gusti lag, sollte heute beantwortet werden. Das war auch der Grund, warum Xaver keine Gesellschaft suchte und allein auf Gustis Kommen warten wollte.
Vom Wirtshaustrubel umwogt saß er da und trank sein Glas leer. Gerade als er es abstellte, kam eine hübsche Frau durch den Gang. Sie trug ein einfaches Trachtenkostüm mit einem etwas zu lang wirkenden Rock, der um ihre schlanken Beine schwang. Das Haar war im Nacken zu einem lockeren Knoten gebunden. Auffallend blass war das schmale Gesicht, viel zu ernst für eine Dreißigjährige und von einer heimlichen Sorge gezeichnet.
Sie lächelte schwach.
»Na, wie war's?«, wollte Xaver sofort wissen.
Sie hängte die Handtasche an die Stuhllehne, knöpfte die Kostümjacke auf und setzte sich zu ihrem Mann.
»Ich muss erst einen Schluck trinken«, sagte sie und griff nach der Maß. Nachdem sie ein paar erfrischende Züge genommen hatte, sagte sie leise: »Er hat gesagt, ich krieg' keine Kinder ... ich bin unfruchtbar. Ja, Xaver, so ist das mit mir.« Gusti strich sich mit einer nervösen Bewegung über die verdächtig schimmernden Augen. »Ein dürrer Baum bin ich, wie ich's befürchtet hab. Es soll ein Geburtsfehler sein, der sich auch net durch eine Operation beseitigen lässt, hat der Professor gesagt. Ich musst' immer nur denken: Kein Kind! Kein Hoferbe! Ich taug' zu nix mehr!«
Tränen liefen ihr die Wange hinunter. Xaver hatte sie nur ganz selten weinen gesehen.
Er griff nach Gustis Hand und tätschelte sie.
»Deswegen brauchst du net zu weinen, Frau. Wichtig ist, dass wir uns gernhaben. Ich verzicht' auf ein Kind, das kannst du mir glauben! Wir können immer noch eines adoptieren. Im Waisenhaus warten viele darauf, ein schönes Zuhause zu finden!«
»Aber der Hof, Xaver«, erinnerte sie ihn. »Was wird mal aus dem?«
Er nahm seine Hand zurück, sah Gusti belustigt an und fragte dann: »Ja, meinst du denn, ich denk' jetzt schon ans Sterben? Mein Leben ... unser Leben hat doch gerade erst angefangen! Ich erinner' mich noch ganz deutlich daran, dass wir uns vor dem Traualtar geschworen haben, in Freud' und Leid zusammenzuhalten und uns gegenseitig zu helfen, wenn dem einen etwas schiefgegangen ist!«
Gusti lächelte ein wenig. Ja, so war er, der Xaver: herzensgut und ihr zugetan wie selten ein Mann seiner Frau! Und sie erwiderte diese starken Gefühle! Es war damals eine Liebesheirat gewesen.
»Mir wird leichter zumute, Xaver«, gestand sie. »Als ich aus dem Krankenhaus ging, dacht' ich daran, mich vors nächste vorbeifahrende Auto zu werfen! So jämmerlich war mir zumute! Aber jetzt fang' ich wieder an, mich zusammenzureißen! Ganz stark sogar! Ich trink' dein Bier aus. Erlaubst du es?«
Er nickte zustimmend, und sie trank den Krug bis zur Neige aus. Dabei sahen die beiden sich an. Xaver war ein fesches Mannsbild: braunes Haar und blauäugig. Sein glattrasiertes Gesicht verriet einen ehrlichen Charakter.
Als Gusti ihn damals auf dem Schützenfest kennengelernt hatte, wusste sie mit absoluter Sicherheit, dass er der Mann ihres Lebens war. Aus einer Handwerkerfamilie stammend – ihr Vater war Installateur und wurde wohlhabend durch Daueraufträge –, musste sie die Bauernarbeit erst erlernen. Es bereitete ihr Freude. Auf dem Pfluger-Hof herrschte eine saubere Ordnung. Xavers Eltern lebten noch. Gusti verstand sich von Anfang an gut mit ihnen. Ohne die beiden hätte man sich um Dienstboten bemühen müssen. Aber der Vater war mit fünfundsechzig noch rüstig und konkurrierte mit der Mutter in Bezug auf die Gesundheit.
Nun mussten sie mit dem Problem Kinderlosigkeit fertigwerden!
»Weißt du was«, sagte Xaver nach einer Weile, »heute machen wir uns einen schönen Tag! Ich kauf' dir ein Kleid oder was du willst!«
Sie lehnte sich an ihn und lächelte beglückt.
»Ich möcht' mit dir in die Kirch' gehen und dem Herrgott danken, dass er mir einen so guten und verständnisvollen Mann geschenkt hat.«
»Das können wir auch machen«, erwiderte Xaver. »Jedenfalls soll's ein schöner Tag werden, Gusti.«
Sie küssten sich. Die Kellnerin, die die Rechnung brachte, blieb taktvoll stehen, lächelte und machte wieder kehrt, weil der Kuss der beiden so lange dauerte.
An diesem Tag fuhren Xaver und Gusti Pfluger erst um vier Uhr nachmittags nach Hause.
***
»In der Leiten« hieß es, wo die Familie Pfluger ihren Hof und Grundbesitz hatte. Zu dem aus grauem Feldstein erbauten Haus mit den zwei schönen Holzbalkonen und dem üppigen Blumenschmuck gehörten die umliegenden Hangwiesen und noch an die sechzig Hektar Äcker. Die Familie konnte von der Landwirtschaft gut leben. Nebenbei brachte der Holzschlag im Wald etwas ein. Das Ansehen der Pflugers war so gut, dass Xaver damit rechnen musste, bei der nächsten Bürgermeisterwahl als Kandidat aufgestellt zu werden.
Glücklicherweise verstand sich Gusti mit ihren Schwiegereltern sehr gut. Aus diesem Grund war es auch selbstverständlich, dass Xavers Eltern um die Sorge der jungen Eheleute Bescheid wussten und ebenso gespannt wie ängstlich auf das Ergebnis der ärztlichen Untersuchung warteten.
Es war schon ein arger Schlag, als sie nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus bei einer gemeinsamen Aussprache erfahren mussten, dass die Erwartung auf einen Hoferben ein für alle Mal vergessen werden musste und es dem Xaver und der Gusti überlassen blieb, später zu entscheiden, was aus dem Besitz mal werden sollte. Zunächst aber, so einigten sie sich, wollte man abwarten. Vielleicht geschah ein Wunder. Aber daran glaubte niemand. Das Leben musste weitergehen und durfte an der Hoffnung auf Kinder nicht scheitern.
»Die zwei sind arm dran«, meinte der Vater nach der gemeinsamen Beratung zur Mutter. »Sie müssen sich schon sehr lieben, wenn sie über diese schwere Enttäuschung hinwegkommen wollen.«
Die Mutter erwiderte: »Der arme Xaver. Er hat sich doch sehr ein Kind gewünscht.«
»Ja mei, wünschen und Wirklichkeit sind allweil zwei verschiedene Stiefel. Wenn kein Erbe kommt, wird der Xaver sich halt irgendwie umschauen müssen«, antwortete Korbinian Pfluger schulterzuckend.
Die Eheleute liebten einander wie zuvor. Mit keinem einzigen Wort wurde von Gustis Kinderlosigkeit gesprochen. Der Hof und die damit zusammenhängenden Arbeiten ließen es auch nicht zu, Trübsal zu blasen oder sich dem Kummer hinzugeben.
Den ganzen Sommer gaben sich Gusti und Xaver große Mühe, sich damit abzufinden, dass die alte Wiege, die den Pflugers für die Nachkommenschaft diente, auf dem Dachboden bleiben musste.
Xaver schien über diesen Verzicht leichter hinwegzukommen als Gusti. In ihr bohrte die Enttäuschung wie eine Krankheit. Es schien ihr wie Heuchelei, dass Xaver nie ein Wort darüber verlor, von gleichbleibender Freundlichkeit war und das Problem der Kinderlosigkeit einfach hinnahm, als sei es ihm egal, ob sie ihm einen Erben schenkte oder nicht.
Sie wartete darauf, dass er jetzt häufiger als sonst ins Wirtshaus oder zu Versammlungen ging oder dass er mit einem Rausch heimkam. Nichts von alledem geschah jedoch. Nichts ließ darauf schließen, dass er sich grämte oder sich wegen seines Erben Sorgen machte.
Eines Nachts dachte Gusti darüber nach, ob man ein Kind adoptieren, sich ein armes Waisenkind ins Haus holen und großziehen sollte. Dieser Gedanke schien die Lösung des Problems. Gusti versuchte sich vorzustellen, wie es sein würde, wenn ein blutsfremdes Kind in der Familie aufwuchs. Musste man da nicht fürchten, dass es Charakterfehler hatte, die sich nicht wegerziehen ließen? Konnte man überhaupt ein fremdes Kind so lieben wie ein eigenes?
Gusti versenkte sich derart in die Gedanken, dass sie plötzlich den Xaver wachrüttelte und ihn fragte, was er von der Idee halte, ein Waisenkind zu adoptieren.
Gutmütig und nachsichtig wie er war, nahm er ihr die Schlafstörung nicht übel und versuchte, ihren Vorschlag aufzugreifen.
»Ich bin gar net so drauf aus, ein Kind zu haben«, meinte er schließlich. »Lassen wir's, wie's ist, Gusti. Schlaf jetzt. Morgen ist wieder ein strammer Arbeitstag.«
Da umarmte die junge Frau ihren Mann.
»Du bist so gut zu mir, Xaver! Du bist der beste Mann der Welt! Ich verdien' dich gar net.«
Xaver spielte ihr keine Gleichgültigkeit vor – er hatte sich tatsächlich mit der kinderlos bleibenden Ehe abgefunden. Er war ein Gegenwartsmensch. Die Zukunft kam von selbst und ließ sich durch nichts aufhalten! An einen Erben zu denken, schien ihm vorerst noch als etwas Unnützes! Gusti musste genauso denken!
Aber sie tat es nicht. Sie verbohrte sich in den Gedanken, dass ihr Mann ihr heimliche Vorwürfe, sie deswegen nicht mehr lieben und sich Sorgen um einen Erben machen würde. Es war wie eine eingebildete Krankheit, die langsam von ihr Besitz ergriff.
Als die Föhnwinde am Hausdach rüttelten und der Frühling ins Land kam, schien aus der heiteren und lebensfrohen Gusti Pfluger eine alternde, mürrische Frau zu werden, die auf Äußerlichkeit keinen Wert mehr legte und sich mit Arbeit überlastete, als wolle sie eines Tages darunter zusammenbrechen.
Doch dann geschah etwas, das alles ändern und auch den Xaver aus seiner ruhigen Gleichgültigkeit aufrütteln sollte.
***
An einem strahlenden Samstag im Mai traf unangemeldet und völlig überraschend Gustis jüngere Schwester Hannah ein. Sie war gerade zwanzig geworden. Der Vater hatte ihr zum Geburtstag ein Motorrad mit dem dazugehörigen Dress geschenkt.
Gusti stand am Brunnentrog und schrubbte die Milchkannen, als ihre Schwester mit dem Motorrad vorfuhr.
Hannah nahm den Sturzhelm ab und lockerte ihr Haar.
»Da staunst du, gell?«, rief sie. »Ich komm' euch besuchen, Gusti! Hoffentlich ist's euch recht!«
