Alpengold 427 - Toni Wendhofer - E-Book

Alpengold 427 E-Book

Toni Wendhofer

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Beschreibung

"Lieber Max", schreibt die Anni. "Es tut mir leid, aber ich dich nicht heiraten. Du wirst es sicher verstehen und mir vergeben. Deine Anni"
Verzweifelt und fassungslos starrt Maximilian auf den Brief. "Wie kannst du mir das antun, Anni?", flüstert er mit gebrochener Stimme. "Gerade jetzt, wo ich dich am nötigsten brauche." Er stöhnt auf. "Jetzt gibt es keine Hoffnung mehr für mich, jetzt ist mein Leben zu Ende ..."

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Seitenzahl: 111

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Männertränen sieht man nicht

Vorschau

Impressum

Männertränen sieht man nicht

Wird Max die größte Enttäuschung seines Lebens je verwinden?

Von Toni Wendhofer

»Lieber Max«, schreibt die Anni. »Es tut mir leid, aber ich kann dich nicht heiraten. Du wirst es sicher verstehen und mir vergeben. Deine Anni«

Verzweifelt und fassungslos zerknüllt Max den Brief. »Wie kannst du mir das antun, Anni?«, flüstert er mit gebrochener Stimme und starrt auf seinen Beinstumpf. »Gerade jetzt, wo ich dich am nötigsten brauche.«

Er stöhnt auf. Dann sinkt sein Kopf auf die Tischplatte nieder, und die Welt rundum ist für den Max finster, kalt und leer ...

»Und wenn mit der Geschichte net bald Schluss ist, fahr ich dazwischen, und zwar so, dass sie dann ein Ende hat! Merk dir das! Solange du in meinem Haus bist, wird das gemacht, was dein Vater dir sagt! Basta!«

Mit krebsrotem Gesicht rennt Pankraz Schaubreiter in der Stube auf und ab. Seine unter dichten Brauen liegenden Augen schießen ebenso zornige wie drohende Blicke auf das hellblonde Madl, das am Tisch neben der Mutter sitzt und heiße Tränen weint.

»Mandl«, sagt jetzt die Kuni Schaubreiter, eine rundliche, gütig aussehende Frau, »tu doch net gar so arg rum hier. Erinnere dich bloß, wie's mit uns beiden damals war! Da hat mich mein Vater – Gott hab ihn selig – auch rausschmeißen wollen, als ich dich heiraten wollt! Und was war dann, ha?«

»Das gehört net daher«, raunzt Pankraz und wirft seiner Frau einen giftigen Blick zu.

»Es muss schon mal gesagt werden, Vater«, setzt die Mutter furchtlos fort. »Wenn ich damals das gemacht hätte, was mein Vater durchsetzen wollte, hättest du mich nie gekriegt! Aber ich bin dabei geblieben, dass du der beste Mann bist. Und ich hab's net bereut!«

Pankraz rennt weiter hin und her. Er ist wütend bis zum Hemdknöpfl rauf.

»Und ich leid's net, dass das Madl mit diesem Kerl rumzieht«, erklärt er, nun schon ein bisschen gemäßigter, weil ihm die Frau das Wasser abzugraben droht. »Das ist keine Partie für unsere Tochter! Sie soll einen Bauern heiraten, einen anständigen Burschen!«

»Aber der Peter ist doch ein anständiger Bursche«, verteidigt die Mutter das Glück der Tochter. »Ich weiß gar net, was du willst, Mann! Der Peter ist überall gut angeschrieben und hat als Schmiedegesell sein gutes Auskommen!«

»Ach, Mutter, sei stad«, lässt sich jetzt die Poldi vernehmen. »Es hat doch keinen Sinn. Der Vater hat halt mal was gegen den Peter, da kannst du nix machen!«

»Jawohl, ich hab was dagegen, wenn einer aus lauter Jux und Angabe in der Königsspitz rumklettert und sich absolut das Genick brechen will! Das ist Frevel, sag ich dir! Gottesversuchung ist das!«, donnert der Pankraz Schaubreiter und rollt die Augen, als wolle er die ganze Welt zu Klumpen hauen.

»Der Peter ist doch net der Einzige, der das Kraxeln im Blut hat«, kämpft die Mutter weiter. »Er ist der beste Bergsteiger weit und breit! Ich versteh's schon, dass die Poldi stolz auf ihn ist!«

Der Streit dauert jetzt schon seit einer halben Stunde. Da hat die bildhübsche Poldi mutig davon angefangen, von ihrem jungen Verhältnis zum Peter Rupf zu sprechen, von ihrer Liebe und von Peters ehrbarer Absicht.

Der junge Bursche kann ebenso geschickt ein Hufeisen schmieden wie die schroffste Felswand bezwingen. Überall gilt er als hochanständig, fleißig und liebenswürdig, und seit er den Teufelsfinger im vorigen Winter mit seinen zwei Freunden durchstiegen hat, ist der Peter so etwas wie eine Berühmtheit geworden.

Und gerade das ist es, was dem Vater so missfällt und ihn gegen den Peter stellt. Da riskieren – nach der Meinung des Pankraz Schaubreiter – junge Burschen für nix und wieder nix ihr Leben, bloß um anzugeben, um sagen zu können, sie hätten Schneid!

Der Pankraz ist aufgebracht, kommt an den Tisch heran und haut mit der Faust drauf, dass es nur so scheppert.

»Ich leid's net, dass mir so ein windiger Kerl ins Haus gebracht wird!«, schreit er. »Und wem meine Meinung net passt, der soll sein Bündel schnüren und die Haustür von draußen zumachen! Basta!«

Dieses Basta kennt die Kuni genauso gut wie die Poldi. Da kann man nicht dagegen an, das steht da wie ein Berg!

»Du bist schon ein rechter Treibauf«, sagt die Mutter und erhebt sich kopfschüttelnd, wendet sich an die Tochter und meint sanft: »Wein net, Madl! Überleg dir halt noch einmal alles!« Und zum Mann gewandt: »Dass dich's bloß net reut, Pankraz«, sagt sie ermahnend. »Aus unglücklicher Liebe ist schon viel Unglück erwachsen! Wenn sie ihn gernhat und meint, er sei der Richtige für sie, dann ...«

»Larifari!«, unterbricht der Pankraz sie wütend. »Solches Geschwätz mag ich net hören! An Liebeskummer sterben die wenigsten, ist meine Meinung, und für die Dirn möchte ich was Anständiges ausschauen! Einen Bauern muss sie heiraten, verdammt noch mal!«

Der Pankraz brennt sich seine Pfeife an und pafft der Frau den Rauch ins Gesicht.

»Überleg's doch, Weiberl«, fährt er fort, »in etwa einem halben Jahr kommt der Max vom Militär zurück und wird die Anni heiraten! Ich überschreibe ihm dann den Hof! So ist's doch abgemacht, gell! Für die Poldi bleibt net viel übrig. Ein bisserl Ausstattung und ein paar Tausend Euro. Was man halt aus dem Hof rausziehen kann! Mit den Ersparnissen lässt sich net viel anfangen!«

Die Schaubreiterin weiß genau, um was es ihrem Mann bei dieser Rede geht.

»Eine Schmiedewerkstatt kann sich der Peter Rupf von diesem Geld gewiss net anschaffen!«, sagt er da auch schon. »Vertan wird's Geld! Drum bin ich der Meinung, dass die Poldi – wenn sie schon heiratet – was Anständiges nimmt, und net so einen ... so einen ... äh ...«, unterbricht er sich ärgerlich, »ich will nix mehr davon hören! Der Rupf kommt mir jedenfalls net ins Haus!«

Kuni schweigt. Sie weiß, dass es jetzt wenig Sinn hat, ihren Mann weichzuklopfen. Irgendwie hat er ja auch recht! Das Mädel könnte schon eine gute Partie machen! Es gäbe genug Hochzeiter, die etwas aufzuweisen haben!

»Ja mei«, stößt die Schaubreiterin schließlich bekümmert hervor, »warten wir es halt ab. Aber ich möchte net dran schuld sein, dass die Poldi mal unglücklich wird oder uns beiden Vorwürfe macht, wir hätten ihr das Glück net vergönnt!«

***

Der junge Bursche, von dem die Rede ist, steht drüben am Ortsende von Sell in der Schmiede und behämmert im kräftigen Taktschlag mit dem Meister Höfer einen weiß glühenden Eisenblock, aus dem irgendetwas Nützliches werden soll.

In dem höhlenartigen Schmiedegewölbe, das nach Kohlenstoffmonoxidgasen und uraltem Ölzeug riecht, arbeitet der Peter Rupf nun schon, seit er aus der Schule gekommen ist, wohnt beim Meister Höfer und wird allzeit gut behandelt.

Der Franz Höfer ist recht stolz auf seinen Gesellen, weil dieser nicht nur ein ordentlicher Schmiedegeselle, sondern auch ein bekannter Bergkraxler ist. Immer wieder kommt es vor, dass der Peter Rupf die Lederschürze mit der Gamsledernen vertauscht und mit seinen Spezis irgendeine halsbrecherische Bergtour unternimmt. Fels- und Bergwände gibt's ja genug in der nahen Umgebung von Sell.

Das muntere Gehämmer in der Schmiedewerkstatt bricht jetzt ab. Meister und Geselle wechseln ein paar Worte über die Arbeit.

Plötzlich taucht unter der uralten offenen Schmiedetür eine schlanke blonde Mädchengestalt auf, schaut herein und winkt dem Peter zu.

Der lässt den Hammer fallen und geht zu dem Madl hin.

»Grüß dich, Poldi«, sagt er mit glänzenden Augen und rußgeschwärztem Gesicht, das trotzdem sympathisch und einnehmend wirkt. »Kommst du zufällig vorbei? Das ist aber nett von dir!«

Er spitzt den Mund und schiebt ihn ihr zu, aber sie weicht zurück,

»Ich muss etwas mit dir bereden, Peter«, sagt sie hastig. »Komm auf die Seite!«

Der Bursche folgt ihr zum Schmiedeschuppen und sieht jetzt, dass sie verweint und bekümmert ausschaut.

»Polderl, was ist denn passiert?«, fragt er besorgt.

»Ach«, erklärt sie, die Tränen niederkämpfend, »bei mir daheim hat's Krach gegeben. Ich habe dem Vater gesagt, dass wir zwei uns gernhaben, Peter.« Sie greift in den Ärmel ihres hübschen Dirndlkleides, zieht das Taschentüchlein hervor und wischt sich über die Augen. »Er leidet's net, dass wir zwei zusammenkommen, Peter. Geschrien hat er wie ein Ochs.«

Peter Rupf runzelt die Stirn und schaut sein Madl mitleidig und gleichzeitig auch zärtlich an.

»Und die Mutter?«, fragt er.

»Die steht schon auf unserer Seite, Peter«, erwidert Poldi und putzt sich ihr hübsches Näschen. »Der Vater will, dass ich einen Bauernlackl nehm, aber da täuscht er sich gewaltig! Eher geh ich ins Kloster! Ach, Peter!« Sie gibt ihm einen Kuss.

Der Bursch steht ganz still und duldet das warme Lippenpaar auf den seinen. Wie ein angeblasenes Schmiedefeuer brennt die Liebe im Herzen. Und jetzt will's der sturschädelige Pankraz Schaubreiter auslöschen!

Poldi lehnt sich an die Wand des Schuppens und schaut ihren Peter ebenso zärtlich wie traurig an.

»Behältst du mich trotzdem lieb?«, fragt sie.

Peter nickt eifrig. »Dass es net leicht sein wird, deinen Vater zu überreden, damit hab ich mich schon abgefunden, Poldi. Hauptsache ist, wir zwei stehen zusammen!«

»Bis an unser Ende, Peterl«, versichert sie mit einem verklärten Lächeln.

Und da stützt er die Arme gegen die Bretterwand des Schuppens, hält auf diese Weise die schlanke blonde Gestalt gefangen, neigt sich ihr zu und holt sich wieder einen inbrünstigen Kuss.

»Lehnt er mich ab, weil ich ein armer Schlucker bin?«, fragt Peter dann.

»Net nur, weil du arm bist, Peterl, sondern auch, weil du kraxelst.« Sie drückt wieder ihr Taschentuch gegen die Augen. »Ich könnte in einem fort heulen! Ich bin traurig wie noch nie in meinem Leben!«

Peter ist es auch, aber gar so finster und ausweglos sieht er die Geschichte denn doch nicht.

»Lass den Kopf net hängen, Poldi«, tröstet er und streichelt ihre Hand. »Wenn der Vater drauf besteht, dann lass ich die Kraxelei halt sein! Auf Ehre und Gewissen! Ich schwöre der Kletterei ab! Aber wie ich höre, spielt da auch meine Mittellosigkeit eine Rolle!«

Poldi nickt bekümmert.

»Hör zu«, sagt da der Peter, »ganz so aussichtslos ist die Sache auch net. Der Meister hat unlängst Andeutungen gemacht, dass er bald in den Ruhestand treten möchte. Es kann sein, dass er mir die Werkstatt verpachtet!«

Poldis tiefblaue Augen beginnen hoffnungsvoll zu strahlen.

»Wirklich?«, ruft sie lebhaft.

»Es ist freilich noch net fest und nix endgültig«, schränkt Peter ein, wirft einen Blick zur offenen Werkstatt und senkt dann die Stimme: »Die Meisterin ist noch dagegen. Sie will, dass er die Werkstatt verkauft! Sie ist ja hinterm Geld her wie der Teufel hinter der armen Seele, das ist bekannt!«

»Überall ist halt ein Haken mit dabei«, meint Poldi seufzend.

»Ich hoff, dass diesmal der Meister obenauf bleibt«, sagt Peter. »Außerdem drängt uns ja nix, Schatzl! Hab ich recht? Wir können es schon erwarten, gell?«

Sie nickt und schaut ihn hingebungsvoll an. Sie kennen einander schon lange, aber lieben tun sie sich erst seit dem Fasching. Beim Schützenball kamen sie zusammen, und seither brennen ihre Herzen lichterloh!

»Hat der Max wieder mal geschrieben?«, fragt Peter jetzt.

»Schon seit ein paar Wochen net mehr. Mutter macht sich schon Sorgen um ihn.«

»Vielleicht ist Manöver«, meint Peter.

Das Paar unterhält sich eine Weile über Poldis Bruder, den Max. Auch von der Anni Zenker wird gesprochen, dem Max sein Madl, mit dem er schon seit mehr als drei Jahren geht und die er nach seiner Rückkehr vom Militärdienst heiraten will.

Dann zieht der Peter die Poldi ein Stückl vom Schuppen weg zur hinteren Wand, und dort schmusen sie eine Zeit, bis ihnen vor Liebe der Atem ausgeht und Poldi meint, nun müsse sie wieder heim.

Viel leichter ist ihr nicht ums Herz geworden, aber gar so arg schlimm sieht sie die Dinge doch nicht mehr. Der Peter ist ja verlässlich und brav und wird in der nächsten Zeit auch nicht mehr die Felswände der Königsspitze hochklettern.

Dies hat er ihr beim Abschied in die Hand versprochen! Und daran glaubt sie auch, die hübsche Poldi, der die Leute freundlich begegnen und der die Burschen nachschauen!

***

Dass der Max sich schon fast acht Wochen lang nicht mehr gemeldet hat, hat einen ganz besonderen Grund. Vor einem Jahr wurde der baumstarke, ruhige Bursche zu den Gebirgsjägern eingezogen und brachte diese Zeit gut hinter sich. Aber dann passierte es plötzlich bei einer Übung, dass er von einem heimtückischen Muli, das mit Ausrüstung bepackt war, so unglücklich von einem Hufschlag getroffen wurde, dass man Max sofort ins nächste Spital bringen musste.

Als er aus der Narkose aufwachte, spürte er, dass ihm etwas fehlte: das rechte Bein. Bis über das Knie hatte man es ihm amputieren müssen. Der eisenbeschlagene Huftritt hatte das Knie zerschlagen, und die Ärzte sahen keine andere Möglichkeit mehr, als dem baumstarken, sonst kerngesunden Burschen das Bein abzunehmen.

Und weil Max schon immer ein ganz stiller, vielleicht auch ein wenig schwermütiger und in sich gekehrter Charakter war, sagte er seinen Leuten daheim kein Wort von dem Unglück, verbat auch den Ärzten und den militärischen Vorgesetzten, ihnen eine Nachricht zu schicken, und versuchte mit dem Unglück allein fertig zu werden.

In den acht Wochen heilt der Beinstumpf schon gut ab, aber der unglückselige Huftritt hat auch Max' Seele getroffen. Als Krüppel wird er vom ehrenvollen Dienst verabschiedet, bekommt zwar eine Rente in Aussicht gestellt, aber dieses Schmerzensgeld wiegt bei Weitem nicht das auf, was Max verloren hat.