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Wie ein Dieb schleicht sich Lorenz Ammer in die Kammer des neuen Knechts und fühlt sich dabei ziemlich mies. Hat er als Bauer solche Heimlichkeiten nötig? Andererseits hat Lorenz das Gefühl, dass der Rudolf ihm irgendetwas verschweigt. Eine innere Stimme warnt ihn vor dem neuen Knecht, obwohl der Rudolf unermüdlich auf dem Ammer-Hof schafft. Als Lorenz die Kammer wieder verlässt, weiß er tatsächlich mehr über den Rudolf. Er hat in dessen Brieftasche einen Entlassungsschein aus dem Gefängnis gefunden und das Foto eines bildhübschen jungen Madls mit blauen Augen und langen dunklen Haaren. Dieses Bild verfolgt den Bauern von nun an bis in seine Träume ...
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Seitenzahl: 110
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Heimatroman um eine Liebe, die lange im Verborgenen blühte
Von Toni Wendhofer
Wie ein Dieb schleicht sich Lorenz Ammer in die Kammer des neuen Knechts und fühlt sich dabei ziemlich mies. Hat er als Bauer solche Heimlichkeiten nötig?
Andererseits hat Lorenz das Gefühl, dass der Rudolf ihm irgendetwas verschweigt. Eine innere Stimme warnt ihn vor dem neuen Knecht, obwohl der Rudolf unermüdlich auf dem Ammer-Hof schafft.
Als Lorenz die Kammer wieder verlässt, weiß er tatsächlich mehr über den Rudolf. Er hat in dessen Brieftasche einen Entlassungsschein aus dem Gefängnis gefunden und das Foto eines bildhübschen jungen Madls mit blauen Augen und langen dunklen Haaren. Dieses Bild verfolgt den einsamen Bauern von nun an bis in seine Träume...
An einem frühen Junimorgen war es, als der Lorenz Ammer noch vor der Stallzeit auf den Traktor stieg, an dem der Grasmäher montiert war, und mit dem Anhänger aufs Kleefeld fuhr. Es lag ein Stück unterhalb des Hofes und grenzte an die Bachwiesen, die mit zum Hof gehörten und das Heu für die Winterfütterung sicherstellten.
Frischfutter wollte der wortkarge Lorenz holen, für die sechs Milchkühe und das Jungvieh bestimmt, das im blitzsauberen Stall stand.
Die Mutter war auch schon auf den Beinen und werkte im Stall herum. Nur der alte Knecht, der Gustl, der schon über vierzig Jahre auf dem Hof war und praktisch zur Familie gehörte, der lag noch im Bett.
Das heißt, Gustl war schon wach, konnte aber im Bett bleiben, weil er sich vor ein paar Tagen einen rostigen Nagel durch den Stallschuh in den linken Fuß eingetreten hatte. Jetzt eiterte die Wunde. Wenn es nicht besser wurde, musste wohl der Doktor geholt werden.
Auf dem Ammerhof fehlte seit knapp drei Jahren die Seele des Hofes: die Bäuerin.
Lorenz hatte seine gute Maria durch eine Lungenentzündung verloren, die sie sich im Winter zugezogen und dann nicht ernst genug genommen hatte.
Nur eine Woche hatte Maria gelitten, dann hatte das hohe Fieber sie umgebracht. Lorenz hatte geglaubt, die Welt müsse zusammenbrechen.
Noch jetzt, nach fast drei Jahren, begriff er nicht, dass der Herrgott so hart mit ihm umspringen und ihm das Liebste wegholen konnte. Lorenz war seiner Maria zu Lebzeiten immer treu gewesen, und diese Treue wollte er ihr auch übers Grab hinaus halten.
Der Traktor tuckerte ohne Eile den zweispurigen Fahrweg vom Hof zum Kleefeld entlang. Wenn der Lorenz auch ein schweigsamer Mensch war und wenn er auch sonst oft fast finster dreinschaute, so erfreute der frühe, noch schattige Morgen ihn doch.
Es bereitete dem ernsten Mann auch Freude, über den eigenen Grund und Boden zu fahren, der nach taunassem Gras und Frische duftete. Sein Blick schweifte über die grünen Anstiege und Hänge der Berge zur linken und rechten Hand.
Mit funkelndem Glanz stieg die Sonne über den Gipfel des Hausbergs und verscheuchte mit ihren langen Strahlen die letzten Schatten aus den Talwinkeln.
Im Mischwald rauften sich die Häher mit lautem Gekreisch, und ein paar Rehe, die in den Wiesen gefrühstückt hatten, flüchteten mit eleganten Sprüngen in die grüne Sicherheit des Waldes.
Jetzt tauchte das Kleefeld auf, das das Frischfutter liefern sollte. Kurz davor stand der uralte schwarze Balkenstadl.
Lorenz nahm den Fuß vom Gashebel. Das Tuckern des Traktors wurde langsamer.
Nanu? Da lehnte doch ein gepacktes Fahrrad an der Tür, mit Satteltaschen links und rechts. War das ein Radwanderer, der billig übernachten wollte? Oder ein Pennbruder? Man musste mal nachschauen, wer sich hier herumtrieb!
Lorenz stellte den Traktor ab und sprang herunter. Das Herrenrad sah neu aus. Offenbar fehlten Decke, Schlafsack oder Rucksack. Über dem Lenker hing lose ein Regenumhang.
Jetzt erst vernahm Lorenz ein kräftiges Schnarchen. Unwillig schüttelte er den Kopf.
Eine kurze Leiter ermöglichte es, in den oberen Stadl zu steigen, in dem noch vorjähriges Heu lag.
Zuerst sah Lorenz ein paar große, derbe Schuhe, dann zerknitterte Hosenbeine. Ein Mann lag im Heu und schlief. In seiner Umgebung roch es unverkennbar nach Schnaps. Jetzt gewahrte Lorenz auch eine Flasche neben dem Schläfer.
Noch während Lorenz überlegte, ob er den Mann weiterschlafen oder nach seiner Herkunft fragen sollte, brach das Schnarchkonzert ab.
Der Fremde bewegte sich, richtete den Oberkörper auf und guckte verschlafen um sich. Er hatte ein hageres Gesicht und rotblondes, wirr um den Kopf stehendes Haar. Ein paar blassblaue Augen musterten den Lorenz fragend. Dann schien der fremde Schlafgast beruhigt. Sein unrasiertes Gesicht verzog sich zu einem nicht unsympathischen Grinsen.
»Einen recht schönen Guten Morgen wünsch ich, Bauer«, sagte der Mann. »Du bist doch der Bauer?«
»Der bin ich wohl«, erwiderte Lorenz. »Und wer bist du?«
»Ich schreib mich Rudolf Geyer mit Ypsilon. Rudl nennen sie mich. Aus Sankt Aegyd im Allgäu stamm ich. Muss ich dir meinen Ausweis zeigen?«
Lorenz musterte den Fremden. Das halb offene Hemd war nicht mehr sauber, und die rostroten Bartstoppeln im Gesicht machten auch deutlich, dass der Heustadlschläfer offenbar in die Kategorie der Landstreicher gehörte.
»Kannst deinen Ausweis stecken lassen«, erwiderte Lorenz gutmütig. »Schlaf dich aus. Ich hab nix dagegen.«
»Darf ich fragen, wer mir das bequeme Quartier zur Verfügung stellt?«, erkundigte Rudl sich.
»Ich bin der Lorenz Ammer.« Eine Kopfbewegung deutete in Richtung des am Hügel liegenden Hofes. »Zünd bloß den Stadl net an, falls du Raucher bist, mein ich.«
»Dazu fehlt mir das nötige Taschengeld, Bauer. Bist früh dran mit der Arbeit.«
»Weil's bei mir heißt: Morgenstunde hat Gold im Munde! Schlaf deinen Rausch aus, Geyer mit Ypsilon«, meinte Lorenz lachend und ging zum Traktor zurück.
»He, brauchst du Hilfe?«, rief Rudl ihm nach.
Lorenz drehte sich um.
»Net unbedingt, aber wenn du aufgabeln willst, wär's mir recht.«
Da kletterte der Rudolf Geyer aus dem Heustadl. Er klopfte sich die Heuhalme vom Hemd und den zerknautschten Hosen und fuhr sich mit allen zehn Fingern durch den rötlichen Haarschopf.
»Bin schon dabei, Bauer!«, sagte er entschlossen. »Sich regen, bringt ja bekanntlich Segen!«
Lorenz drückte dem Burschen die Heugabel in die Hand.
»Dann ist auch ein Frühstück für dich mit dabei«, sagte er freundlich.
»Das hör ich gern, Bauer!«, meinte der Rudl. »Du siehst es einem an, wenn er Hunger hat und nix zum Beißen. Wenn ich am nächsten Wegkreuz vorbeikomme, werd ich für dich ein Vaterunser beten.«
»Beten ist allweil gut.«
Dem Lorenz gefiel der verhungert und heruntergekommen aussehende Kerl, weil er Humor hatte. Und zupacken konnte er auch, dieser Rudolf Geyer. Er ging recht geschickt bei der Arbeit vor, und Lorenz sparte dadurch ein bisserl Zeit.
Als drei Streifen Klee geschnitten und aufgeladen waren, gab der Lorenz das Zeichen zum Heimfahren.
Der Rudl stieg noch mal in den Heustadl und holte seine Decke und einen zerknautschten grauen Filzhut vom Heu. Schnell schüttelte er die Decke aus, rollte sie zusammen und schnallte sie auf den Gepäckträger des Rades.
Dann beeilte er sich, dem Traktor nachzufahren, der schon den ansteigenden Weg zum Hof hinauftuckerte.
***
Lorenz und seine energische, tüchtige Mutter, der man ihre fünfundsechzig Jahre erst auf den zweiten Blick ansah, waren beide der Meinung, an Rudolf ein gutes Werk zu tun.
Man konnte schließlich den fröhlichen Landstreicher, der auch bei der Stallarbeit zupackte und einige Kenntnisse bewies, nicht hungrig vom Hof gehen lassen und musste ihm auch ein paar Euro mitgeben.
Beim Frühstück, das man nach der Stallarbeit in der blitzsauberen Kuchl einnahm, erzählte der Rudl, dass er vom Leben weiß Gott nicht verwöhnt worden war.
Daheim in Sankt Aegyd habe er eine kranke Mutter, die sich als Putzfrau in der Volksschule etwas zur Hunger-Rente dazuverdiene. Er selbst sei wegen einer verunglückten Liebesgeschichte aus der Bahn geworfen worden.
Das Madl, das er sehr liebte, habe ihn mit einem anderen betrogen. Er sei nah daran gewesen, den Strick zu nehmen, aber die Mutter habe ihn davon abgehalten.
»Ich bin von Haus aus ein lustiger Mensch«, bekannte er glaubhaft. Und er erzählte, dass er von Beruf Schreiner sei, eine feste Anstellung aber noch scheue, weil der Liebeskummer noch nicht gänzlich überwunden sei. Den könne er nämlich am besten durch Herumfahren in der schönen Welt und durch immer wieder neue Eindrücke loswerden.
Es war schon recht interessant und auch unterhaltsam, dem Klagelied und der Lebensphilosophie des Rad fahrenden Landstreichers zuzuhören.
»Was meinst du, sollen wir ihn für ein paar Tage dabehalten?«, fragte Lorenz seine Mutter, als der Rudl schließlich mal aufs »Häusl« gehen musste. »Wenn er Schreiner ist, könnte er allerhand reparieren. Arbeit hätt ich genug für ihn.«
»Er macht keinen üblen Eindruck«, fand die Mutter. »Frag ihn halt mal, ob er dableiben und ein paar Euro verdienen will.«
Als Rudl wieder in die Küche kam und das hübsche Badezimmer lobte, das er auf einem Bauernhof nicht erwartet hatte, fragte der Lorenz ihn auch gleich.
»Hättest du Lust, ein paar Ausbesserungsarbeiten, die in dein Handwerk fallen, zu machen? Kriegst freie Kost und Unterkunft und hundert Euro auf die Hand. Ein paar Tage bloß«, schränkte Lorenz ein, als er die nachdenkliche, eher zu einem Nein als zu einem Ja neigende Miene des Mannes gewahrte. »Kannst wieder gehen, wenn du Lust hast.«
»Bei euch gefällt's mir«, gestand Rudl nach kurzem Überlegen und Abwägen. »Ich mach mich gern nützlich. Was braucht's denn?«, erkundigte er sich dann und erfuhr, dass zum Beispiel die Rückwand des Heustadls, die Wetterseite, mit neuen Brettern verschalt werden müsse und das Brettholz schon lange herumliege.
Rudl besah sich dann auch gleich den Auftrag und willigte schließlich mit einem Handschlag ein, alle Ausbesserungsarbeiten, die in sein Fach fielen, durchzuführen. Daraufhin wies ihm die Mutter im ersten Stock eine geräumige, behagliche Kammer mit Balkon und Blick auf das Dorf hinunter zu.
Und so kam es, dass der Rudolf Geyer, dessen Erzählung teils Dichtung und teils Wahrheit war, auf dem Ammerhof als eine Art Tagelöhner einzog, gleich an die Arbeit ging und schon nach vier Tagen damit fertig war.
»Wenn du mich haben willst, dann bleib ich, Bauer«, eröffnete er dem Lorenz, und sie kamen tatsächlich überein, dass Rudl auf dem Hof bleiben und zu den Schreinerarbeiten auch noch andere verrichten sollte.
Der ausgehandelte Lohn war sehr ordentlich, und die Bäuerin konnte so ausgezeichnet kochen, dass schon allein dies für Rudl ein Grund zum Bleiben war.
Drei Wochen gingen ins Land. Lorenz war sehr zufrieden mit Rudl und behandelte ihn bald wie einen Freund. Auch die Mutter fand den Familienzuwachs gut und sympathisch.
Nur der alte Gustl, der Knecht, der jetzt auch wieder laufen und arbeiten konnte, der hatte etwas gegen die Einquartierung des Fremden, der jede Arbeit und jeden Handgriff mit viel Gerede und Getue begleitete.
»Der Rudl hat etwas im Blick, was mir net gefällt, Lenzi«, sagte er zum Lorenz, der überall eigentlich nur »Lenz« oder »Lenzi« genannt wurde. »Aber ich kann mich ja auch irren. Warten wir's ab, wie er sich macht.«
Bei den folgenden Heuarbeiten bewies Rudl wieder, dass er geschickte Hände hatte. Beim Heuwenden arbeitete er wie ein Wilder und beim Aufgabeln auf den Wagen zeigte er erstaunlich viel Kraft. Lorenz kam fast nicht mit.
»Mach langsamer!«, rief er Rudl zu. »Kriegst keinen Cent mehr als ausgemacht!«
»Wenn du ein armer Schlucker wärst, tät ich bei dir auch ohne Lohn arbeiten!«, rief der Rudl zurück und lachte dabei übers ganze Gesicht, das durch das gute Essen frischer und runder geworden war.
Natürlich hatte er inzwischen erfahren, dass Lorenz immer noch seiner vor drei Jahren verstorbenen Bäuerin nachtrauerte und nicht den Mut fand, sich eine andere auf den Hof zu holen.
Der stille Wohlstand, der bei den Ammers herrschte, die fast penible Ordnung überall und Lorenz' gutmütige Wesensart imponierten dem heimatlosen Rudl, und er fühlte sich immer wohler und behüteter auf dem Hof.
Er spürte genau, wie er mit Lorenz und seiner resoluten Mutter umgehen musste, um bei ihnen einen Stein im Brett zu haben.
Vier Wochen gingen schnell dahin. Immer wieder gab es außer der Bauernarbeit noch etwas anderes zu tun. Hier war ein Tischbein festzuleimen, im Stall waren die Futterraufen zu reparieren, der verstopfte Brunnenabfluss musste gesäubert werden.
Ja, der Rudl konnte sogar den Elektromotor zu neuem Leben erwecken, der jahrelang verstaubt in einem Winkel des Werkzeugschuppens herumgelegen hatte.
Niemand freute sich mehr als Lorenz, dass er mit dem Rudl einen so guten Griff getan hatte. Und wenn Rudl nicht von sich aus einen Grund finden würde, um wieder weiterzuwandern, so war Lorenz längst zu dem Entschluss gelangt, ihn auf dem Hof zu behalten, solange es nur ging.
Bei allem Entgegenkommen, das Lorenz dem Rudl erwies, und bei aller Freundschaft, die sich zwischen ihnen entwickelt hatte, stellte Lorenz fest, dass er über seinen Helfer gar nichts wusste.
Dass der Rudl aus einem Ort namens Sankt Aegyd im Allgäu stammte, dort eine kranke Mutter hatte und dass er ein gelernter und auch recht geschickt hantierender Schreiner war, dies alles reichte nicht aus, um von ihm ein abgerundetes Persönlichkeitsbild zu bekommen.
Irgendetwas an ihm war recht undurchsichtig. Irgendetwas verheimlichte er. Verwunderlich auch, wie schnell er sich vom versoffenen, Rad fahrenden Landstreicher in einen brauchbaren und zuverlässig arbeitenden Menschen verwandelt hatte. Da stimmte doch etwas nicht!
***
