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Voller Angst und Trauer kehrt Selma nach Jahren in ihr Heimatdorf zurück, um an der Beerdigung ihrer Mutter teilzunehmen.
Was wird bloß der Vater sagen, wenn er sie plötzlich wiedersieht? Wird er sie von Neuem aus dem Dorf jagen wie damals, als sie gegen seinen Willen den Versicherungsagenten Herbert Schubert heiratete? Mein Gott, Selma hat schreckliche Angst, denn wenn der Vater sie nicht aufnimmt, hat sie kein Zuhause mehr. Zu Herbert, der ihr jeden Tag des Lebens zur Hölle werden lässt, kann sie nicht zurück.
Selma spürt, dass heute, am Tag der Beerdigung ihrer Mutter, die Entscheidung über ihre Zukunft fallen wird ...
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Der Mutter Tod hat sie versöhnt
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Impressum
Der Mutter Tod hat sie versöhnt
Selmas schwerer Weg zu Glück und Liebe
Von Toni Wendhofer
Voller Angst und Trauer kehrt Selma nach Jahren in ihr Heimatdorf zurück, um an der Beerdigung ihrer Mutter teilzunehmen.
Was wird bloß der Vater sagen, wenn er sie plötzlich wiedersieht? Wird er sie von Neuem aus dem Dorf jagen wie damals, als sie gegen seinen Willen den Versicherungsagenten Herbert Schubert heiratete? Mein Gott, Selma hat schreckliche Angst, denn wenn der Vater sie nicht aufnimmt, hat sie kein Zuhause mehr. Zu Herbert, der ihr jeden Tag des Lebens zur Hölle werden lässt, kann sie nicht zurück.
Selma spürt, dass heute, am Tag der Beerdigung ihrer Mutter, eine Entscheidung fallen wird, die über ihre Zukunft entscheidet ...
Der Tod der Bäuerin hängt wie ein dunkles Tuch über dem Leitnerhof. Heute Vormittag um zehn wird die Bestattung sein. Beim Postwirt ist der Saal hergerichtet für die Trauergäste, die am obligatorischen Leichenschmaus teilnehmen werden.
Wird sonst bei der morgendlichen Stallarbeit gelärmt, gepfiffen oder auch geflucht, so geht jetzt alles gedämpft und ohne Lärm vonstatten.
Der neue Knecht, der Roland Hopf, der seit vier Wochen da ist, putzt die beiden Haflinger mit besonderer Sorgfalt. Trine melkt die Kühe, und der Bauer, der Sebastian, ist beim Misten des Stalls. Er ist ein großer grauhaariger Mann, dem man die tiefe Trauer ansieht.
»Roland«, sagt er jetzt zu dem etwa dreißigjährigen Knecht, der gerade die Hufe der Rösser einfettet, »sieh zu, dass du rechtzeitig am Bahnhof bist. Der Zug kommt zehn nach achte an.«
»Ich werde pünktlich dort sein, Bauer«, erwidert der große, sehnige Bursche mit dem gebräunten Gesicht und den hellgrauen Augen. »Freust du dich denn, Bauer, dass deine Tochter heimkommt?«
Der ältere Mann nickt.
»Wird sie länger bleiben?«, will Roland wissen.
»Das weiß ich net«, lautet die Antwort. »Das ist net meine Sache.«
Der Bauer geht weiter und gabelt den Mist auf die Karre. Jetzt kommt Trine mit dem Melkeimer und schaut bekümmert auf den Bauern. Sie, die schon mehr als zwanzig Jahre auf dem Hof ist und die traurige Geschichte mit der Tochter Selma miterlebt hat, kann es sich erlauben, etwas zum Bauern zu sagen.
»Sei lieb zur Selma, Baschti. Sie wird ein schweres Herz und Gemüt heimbringen. Sie hing doch sehr an der Mutter, Gott hab sie selig! Vielleicht wär's besser, du würdest die Selma vom Bahnhof abholen. Net der Roland! Das schaut net so feindselig aus, Baschti.«
»Mir fehlt's an der Zeit«, erklärt der Leitner, »muss nach der Stallarbeit zum Postwirt wegen des Essens und dann noch einmal auf den Friedhof. Wenn's nur schon vorbei wär«, stößt er seufzend hervor. »Es ist ein harter Tag für mich.«
»Für uns alle ist es hart, Baschti«, sagt die Magd. Sie geht weinend zur nächsten Kuh, setzt sich hin und melkt.
Sie fehlt allen, die Anna Leitner. Ihr plötzlicher Tod hat eine Lücke hinterlassen, die sich kaum schließen lässt. Der sonst so rüstige und unverwüstliche Bauer ist seit drei Tagen ein hilfloses Kind geworden. Er fasst es noch immer nicht, dass seine Anna nicht mehr schalten und walten, dass sie nicht mehr neben ihm im Bett liegen und nicht mehr mit ihm schimpfen wird.
Es ist völlig ungewiss, ob Selma, die Tochter, die vor drei Jahren einen Ortsfremden heiratete, wenigstens die nächste Zeit bleiben und dem Vater ein wenig helfen wird.
Seit dem großen Familienkrach vor drei Jahren, als der Vater tobte, weil Selma den Versicherungsvertreter Herbert Schubert heiraten wollte, seit die Tochter aus dem Haus verstoßen wurde, ist der Name Selma aus allen Gesprächen verschwunden.
Der alte Leitner hat es ihr nie verziehen, dass sie sich gegen seine Wünsche auflehnte und diesen windigen Herbert Schubert heiratete, der mit flinker Zunge die Bauern aufs Kreuz legt und alles, was es nur gibt, versichert.
Natürlich ist es Trotz von dem Alten, dass er Roland zur Bahn schickt, anstatt selber die Tochter abzuholen.
Roland hat die ganze Geschichte von Trine erfahren und ist aus verständlichen Gründen neugierig, wen er da abholen und heimbringen wird. Er muss sich sputen, denn bis zur Bahnstation hinunter ist es, wenn die Rösser flink laufen, eine gute Stunde. Der Heimweg ist wegen der Straßensteigung noch länger, und um zehn findet die Beerdigung statt!
Gleich nach dem rasch genossenen Frühstück, bei dem es schweigsam zugeht, spannt der Roland die beiden Haflinger vor den Kremser und fährt los.
Die Pferde traben flink die sandige Bergstraße hinunter, und Roland hat bereits das sonntägliche Gewand an. Er sieht sauber und adrett aus. Je näher das Gefährt dem Bahnhof kommt, umso erwartungsvoller wird Roland. Ein paar Minuten vor Ankunft des Zuges hält das Gespann hinter dem Bahnhofsgebäude.
Roland putzt sich noch schnell mit dem Taschentuch über die staubig gewordenen Schuhspitzen, und dann wartet er auf den Zug.
Pünktlich nach Fahrplan trifft er ein. Es steigen nur ein paar Leute aus und gehen rasch davon. Ganz zum Schluss erst, als Roland schon meint, die Erwartete käme gar nicht, verlässt eine dunkel gekleidete, städtisch wirkende, schlanke Frau den Wagen und lässt sich vom Zugschaffner einen großen Koffer nachreichen.
Roland stellt fest, dass dies Selma Schubert sein muss. Genauso blond wie auf dem Bild, das ihm einmal Trine gezeigt hat, ist sie.
Er geht auf sie zu.
»Grüß Gott, Frau Schubert. Ich bin der Roland Hopf, der neue Knecht Ihres Vaters. Ich soll einen Gruß bestellen und Sie abholen. Das Gespann steht hinterm Bahnhof.«
Zwei große, mandelförmig geschnittene grünliche Augen, die eigentlich braun sind, mustern ihn rasch und gründlich. Selma ist eine sehr schöne Erscheinung. Ihre Gesichtszüge sind regelmäßig geschnitten, der blassrote Mund hat weiblichen Schwung und lächelt ein wenig.
Sie trägt ein modernes dunkles Kostüm mit knappem Rock, aus dem gut geformte Beine in schwarzen Strümpfen herausragen.
»Grüß Gott!«, sagt sie und nickt dem Mann zu.
Roland nimmt höflich den großen Koffer und schaut sie noch einmal an.
»Ich darf Ihnen zum Ableben Ihrer Mutter mein herzlichstes Beileid aussprechen, Frau Schubert«, sagt er dann.
»Danke«, erwidert sie.
Sie gehen schweigend zum Wagen. Roland lädt den Koffer auf. Er hat keine Gelegenheit, Selma auf den Kutschbock zu helfen. Sie erklimmt ihn rasch und elastisch, nimmt Platz und starrt geradeaus.
Die Heimfahrt beginnt schweigend.
»Wie trägt's mein Vater?«, fragt sie schließlich. Es ist das erste Wort, das sie an Roland richtet.
»Schwer, Frau Schubert. Es hat ihn arg mitgenommen.«
»Wie lange bist du denn schon auf dem Hof?«, fragt Selma ihn, das landesübliche Du anwendend.
»Fünf Wochen werden es jetzt«, gibt Roland zurück und lässt einen raschen Seitenblick über sie gleiten. »Ich war vorher auf einem großen Gut in der Nähe von Freising. Eigentlich stamm ich aus dem Inngau, aus der Gegend von Brannenburg.«
Sie nickt nur und schaut immerzu geradeaus. Lange bleibt es wieder still auf dem Fahrzeug. Die Haflinger ziehen kräftig und rasch, stampfen mit ihren kleinen Hufen die Bergstraße hinauf und nicken kraftvoll mit den weißlichen Mähnenköpfen.
»Werden Sie länger bleiben, Frau Schubert?«, wagt Roland zu fragen.
»Ja, wahrscheinlich«, sagt sie, aus ihren Gedanken aufschreckend. »Das heißt«, fügt sie hinzu, »falls mein Vater mich braucht.«
»Er braucht Sie, Frau Schubert.«
Selma dreht den Kopf und schaut ihn an.
»Weißt du, wie ich zu meinem Vater stehe?«, forscht sie mit leicht gerunzelter Stirn.
»Ja.«
»Und was reden die Leute?«
»Was halt so geredet wird in einem Dorf, Frau Schubert. Jetzt ist jedermann neugierig, ob Sie kommen, wie Sie ausschauen und ob Sie länger bleiben werden. Mir hat die Trine ein bisserl was erzählt, wissen Sie!« Er lächelt entschuldigend herüber.
»Ich bin darauf vorbereitet, dass alles auf mich schaut«, erwidert sie ebenfalls lächelnd. »Ich kenn unsere Leute, aber das ist wohl überall so.«
»Sicher«, murmelt Roland.
Er freut sich, dass sie länger bleiben wird. Sie ist ihm vom ersten Augenblick an sympathisch. Ihre Art hat etwas Zurückhaltendes, Herbes an sich, und doch spürt man, dass sie eine reife Frau ist.
Wie mag ihre Ehe sein? Trine hat erzählt, dass dieser Herbert Schubert ein sehr fesches Mannsbild sein soll, so fesch, dass man nicht daran glauben kann, er bliebe nur einer Frau treu!
»Wann ist die Beerdigung?«, fragt Selma.
»Um zehn«, erwidert Roland rasch.
Die junge Frau wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr.
»Da schaffen wir es schon«, meint sie. »Du brauchst die Rösser net anzustrengen.«
Selma sieht ihn wieder ein paar Sekunden prüfend an, und dann verfällt sie in tiefes Schweigen, das er mit keiner Frage zu stören wagt.
***
Im steifen schwarzen Anzug, der ihm schon erheblich zu eng ist, das dichte graue Haar mühsam gebändigt, den grauen Schnurrbart ein wenig gestutzt, so steht der Leitner in seiner Stube und kommt sich vom Unglück und vom Kummer eingekreist vor.
Er spürt, dass er alt geworden ist, spürt es seit drei Tagen. Ein Stück Leben ist von ihm weggegangen, als man die Anna mit den Füßen zuerst aus dem Haus ins Totenkammerl herrüberschaffte. Dort liegt sie nun.
Am liebsten ginge er in die Kammer, um sich hinzulegen, die Zudecke über den Kopf zu ziehen und zu schlafen. Aber da ertönt draußen auf dem Hof auch schon das Klappern von Pferdehufen und das Rollen eines Wagens.
»Baschti, die Selma ist da!«, ruft erregt die Trine von der Küche in die Stube.
»Ja, ja«, murmelt der Bauer und kämpft das Zittern in der Herzgegend nieder. Freundlich will er ihr entgegentreten, ihr die Hand geben und ihr in die Augen schauen! Aber nicht in die Arme will er sie nehmen, die Tochter, die mit daran schuld ist, dass die Frau so plötzlich hingestorben ist! Hat sie sich doch damals so schwer aufgeregt, dass sie sich legen musste, und seither ist ihr der Herzfehler geblieben!
Der Bauer geht hinaus, reckt sich im Flur und tritt aus der Haustür. Drüben steigt Selma vom Wagen, und jetzt kommt sie heran.
Seine Selma! Seine Tochter! Sie ist gekommen! Sie ist wieder da!
Alles, was war, fällt zu einer Nichtigkeit zusammen.
»Vater!«
»Mein Kind!«
Und er breitet doch die Arme aus, schließt sie an die Brust und legt die Wange auf das hellblonde Haar.
»Hast du eine gute Reise gehabt, Selma?«, fragt er bewegt.
»Ja, Vater.«
Sie schauen sich an.
Na also, denkt drüben der Roland, als er die Rösser ausspannt, scheint ja doch alles ins Lot zu kommen. So gehört es sich ja schließlich auch! Am Grab der Mutter müssen sie sich versöhnen.
»Komm, Selma«, murmelt der Leitner und geht mit der Tochter ins Haus.
Drinnen in der Stube steht die Trine im steifen Bäuerinnenstaat, obschon sie nur die Magd ist. Sie heult natürlich, wie es sich gehört, und fällt Selma um den Hals.
»Wie gut, dass du wieder da bist, Selma«, sagt sie schluchzend. »Wenn das die Mutter selig wüsst!«
»Lass uns allein«, befiehlt der Bauer.
Als die Magd draußen ist, schauen sich Vater und Tochter wieder an.
Alt ist er geworden, stellt sie fest. Es hat ihn schwer mitgenommen.
Und er denkt: Sie hat sich kaum verändert, höchstens, dass sie noch schöner geworden ist!
»Wir haben noch ein bisserl Zeit, Selma«, sagt er und schiebt der Tochter den Stuhl hin. »Du beziehst natürlich wieder dein Zimmer. Trine hat's schon hergerichtet für dich. Magst du etwas essen oder trinken?«
»Nein, danke schön, Vater.«
Er lässt sich hinter dem Tisch auf die Bank sinken und reibt sich mit den großen Händen das Gesicht.
»Tja, Selma«, murmelt er, die Hände vor dem Gesicht behaltend, »so vergänglich ist alles im Leben. Vor drei Tagen, just um diese Zeit, hab ich mit der Mutter noch darüber gesprochen, ob wir eine Truthahnzucht anlegen wollen, und jetzt ...« Er lässt die Hände sinken und schwer auf den Tisch fallen. »... und jetzt ist sie nimmer da. Ich fass es net, ich begreif's net, Kind.«
Selma weint in das Taschentüchlein. Sie weint leise, mit zuckenden Schultern.
»Es tut mir so leid, Vater.«
»Ja, mein Kind. Mutters Tod hat alles geändert, Selma. Hab ich doch jetzt nur noch dich. Wie lange kannst du leiben?«, fragt er in verändertem Ton.
Sie schnäuzt sich, wischt sich die Nase.
»Ich kann lange bleiben, Vater.«
Seine buschigen grauen Braunen schieben sich verwundert hoch.
»Heißt dass, dass du ...? Ist es doch so gekommen, wie Mutter und ich es dir damals prophezeit haben?« In diesen Fragen liegt kein Vorwurf. Es ist eine reine Feststellung.
Und Selma kann nichts anderes tun, als dazu zu nicken. Es stimmt ja, was eben vom Vater gesagt wurde! Die Ehe ist nach knapp drei Jahren gescheitert, sodass sich Selma entschlossen hat daheimzubleiben.
»Erzähl mir alles«, bittet der Leitner. »Ich seh's dir an, dass du unglücklich bist.«
Sie kämpft die Tränen nieder und schaut den Vater offen an.
»Herbert ist schon vor acht Wochen nach Norddeutschland gegangen«, sagt sie. »Er hat dort einen Versicherungsbezirk übernommen und wollte mich so bald wie möglich nachholen. Inzwischen aber ...« Sie murmelt es nur noch. »... inzwischen bin ich zu dem Entschluss gekommen, bei dir zu bleiben, Vater, das heißt, wenn du mich behalten willst.«
»Freilich kannst du bleiben«, versichert der Bauer und richtet den Blick forschend auf sie. »Hast du Sorgen, Kind? Ist manches doch so gekommen, wie wir es damals vorhergesagt haben?«
Selma schweigt dazu.
»Warum ist er net mehr bei seiner alten Firma?«, fragt er weiter. »Hat er krumme Geschichten gemacht?«
Nein, sie kann dem Vater nicht die Wahrheit sagen, dass Herbert fristlos entlassen wurde, weil er Inkassogelder unterschlug, und dass man alle Ersparnisse zusammenkratzte, dass Selma Kredite aufnehmen musste, um ihren Mann vor dem Zugriff des Staatsanwaltes zu bewahren.
