Als hätten die Engel im Sande gespielt - Doris Jannausch - E-Book

Als hätten die Engel im Sande gespielt E-Book

Doris Jannausch

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Beschreibung

Franziska weiß schon früh ganz genau, was sie später einmal werden will: Schauspielerin. An dem Tag, an dem Deutschland Russland den Krieg erklärt, besteht sie die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule in Aussig. Franziska ist überwältigt, allerdings nimmt ihre Familie zu ihrer Enttäuschung diesen Erfolg angesichts der politischen Ereignisse kaum wahr. Aber Franziska gibt nicht auf. Schon bald bekommt sie in Wien ihr erstes Engagement. Doch bevor ihre Karriere überhaupt beginnen kann, werden die Theater geschlossen. In den Wirren des Krieges kehrt Franziska zurück nach Teplitz. Und obwohl die Situation immer auswegloser wird, verliert sie eines nie: ihren ungebrochenen Willen zum Theaterspielen.

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Doris Jannausch

Als hätten die Engel im Sande gespielt

Roman

Für Günter

Von Dresden aus machten wir noch eine große Streiferei nach Teplitz, acht Meilen entfernt. Eine herrliche Gegend, besonders von dem nahegelegenen Schlossberg aus, wo das ganze Land aussieht wie ein bewegtes Meer von Erde, die Berge wie kolossale Pyramiden, in den schönsten Linien geformt, als hätten die Engel im Sande gespielt.

Heinrich von Kleist

Trüffelwurst und Tarnagurken

Franziska Buresch durfte nie auf die Straße, um mit anderen Kindern zu spielen. »Du bist unverträglich«, hieß es. »Du streitest zu viel.«

Doch das stimmte nicht. Franzi war nur schüchtern. Immer ein wenig kränklich. Ihre Schwester Irene hatte mit drei Jahren ausgesehen wie fünf. Franziska sah mit fünf aus wie drei.

In der geräumigen Diele mit den zwei Fenstern zum Hof und dem schwarz-gelben Kokosläufer spielte die junge Maria Buresch mit ihrer kleinen Tochter Operette. Sie ging oft und gern ins Theater, erzählte dem Kind von den Leuten mit den schönen Kleidern auf der Bühne, im grellen Scheinwerferlicht.

»Ich bin jetzt der Zarewitsch.«

»Was ist das ein – ein Zarewitsch?«

»Das ist der Sohn vom russischen Kaiser.«

»Gibt es denn einen russischen Kaiser?«

»Schon lange nicht mehr. Das Stück spielt in der Zeit, als es noch einen gegeben hat. Du bist also die Freundin vom Zarewitsch und musst Abschied von ihm nehmen, weil er dich nicht heiraten darf.«

»Warum denn nicht?«

»Weil – Herrgott, du stellst aber auch Fragen! – weil sie nur ein Mädchen aus dem Volk ist, darum. Aber du liebst den Zarewitsch, und nun musst du von ihm Abschied nehmen, für immer und ewig.«

Das klang wie ein Märchen, ein bisschen traurig. Aschenputtel zum Beispiel. Nur durfte Aschenputtel seinen Prinzen heiraten. Doch warum konnte der Zarewitsch das arme Mädchen nicht zu seiner Frau machen? Ging es in Operetten anders zu als in Märchen?

Maria verlor die Geduld, weil das Kind nicht aufhörte mit der Fragerei. Es kam ja auch nicht darauf an, ob und wann und warum! Auf die Szene kam es an. Und die wollte sie endlich spielen.

»Er kann das Mädchen nun mal nicht heiraten, weil er eben eine Zarin braucht. Eine Kaiserin. Kein armes Mädchen aus dem Volk. Also pass auf, Franzi: Wir geben uns die Hände, sehen uns tieftraurig an. Du sagst: ›Auf Wiedersehen, Zarewitsch, für immer.‹ Versuch’s mal.«

»Auf Wiedersehen Za-Zarewitsch für immer.« Franziska spürte, wie die Tränen kamen, weil der Abschied so traurig war. Um sie wuchs ein Palast aus Gold und Marmor. Heller, weißer Marmor wie die Kirche in Eichwald. Der Vater hatte sie ihr gezeigt, als sie noch klein war. »Leg mal die Hand auf den Stein!« Kühl fühlte er sich an, obwohl die Sonne auf ihn schien. »Man hat die Kirche nach italienischem Vorbild gebaut«, hatte der Vater erklärt. Warum sollte der Palast vom Zarewitsch nicht auch nach italienischem Vorbild gebaut worden sein?

Ach ja, der Zarewitsch! Er trug ein Gewand aus silberner Seide, auf dem Kopf eine Krone mit blitzenden Edelsteinen.

Wehmütig blickten sie sich in die Augen. Dann musste Franziska auf die Knie sinken und die Beine der Mutter umfangen.

»Ich kann dich nicht verlassen!«

»Geh!« Zarewitsch zeigte zur Tür, hochaufgerichtet stand er da. Der Kokosläufer stach in die Knie. Franziska erhob sich, ging mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf aufschluchzend zur Flurtür.

»Adieu, adieu.« Winken, Kusshand, raus ins Treppenhaus.

»Jetzt will ich der Zarewitsch sein!«

Die Szene wurde umbesetzt und wiederholt. Diesmal kniete Maria vor Franziska. Der Schlüssel drehte sich im Schloss, gleich darauf stand der Vater in der Diele: Knickerbocker (Muster: Pfeffer und Salz), Schillerkragen über der zur Hose passenden Jacke. Auch er noch ziemlich jung.

»Schon wieder Theater?«

»Nur noch die Szene zu Ende.«

Er stieg über die Hauptdarsteller, die voreinander knieten, ging in die Küche, stellte die Aktentasche ab, blickte sich enttäuscht um. Nichts auf dem Herd. Die Speisekammer leer. Er seufzte, beschloss Nachsicht zu üben, wartete geduldig, bis sich der unglückliche Zarewitsch von dem geliebten Mädchen getrennt hatte. Dann bat er freundlich um Spielpause.

»Nichts zu essen?«

»Franzi«, sagte die Mutter, »geh mal schnell rüber zu Frau Fraps.«

Frau Fraps war die Kaufmannsfrau. Sie hatte den Laden gegenüber im anderen Beamtenhaus der Bergarbeiterkolonie. Ein Laden kaum größer als eine Speisekammer.

»Was soll ich bringen?«

»Zehn Deka Trüffelwurst und eine Tarnagurke.«

Franziska hüpfte über das Kopfsteinpflaster des geschlossenen, im Viereck gebauten Hofes. Zu beiden Seiten aneinandergereiht die einstöckigen Häuser der Bergarbeiter. An den Schmalseiten – vorn zur Goethestraße und nach hinten zum Angerteich – je ein zweigeschossiges Beamtenhaus, etwas pompöser anzusehen, mit einem großen Tor, durch das man zum Eingang gelangte. Auch war der Hof nur zugänglich durch eines der Tore. Rechts und links winzige Vorgärten mit spärlichen Büschen, dazu Bäume mit runden, gestutzten Kronen. Spielende Kinder im Atriumhof. Bergarbeiterkinder, mit denen Franziska nicht reden durfte, denn sie waren »Rote«. Das musste etwas ganz Schreckliches sein, denn mit »Roten« gab man sich nicht ab. Komisch war nur, dass die Kinder überhaupt nicht rot aussahen.

Die roten Kinder ihrerseits wollten auch nichts mit Franziska zu tun haben. Sie riefen ihr freche Sachen nach, oft unanständige Worte. Franziska hatte Angst vor ihnen. Leider gab es in den zwei Beamtenhäusern außer ihr keine Kinder, nur noch unter ihnen im ersten Stock die Kraus Lisa. Doch die war schon alt, mindestens vierzehn. Sie wurde nicht mehr zu Frau Fraps geschickt, um – was zu holen?

Lieber Himmel, was war das nur?

Franziska drehte sich um. Aus dem Dielenfenster im zweiten Stock schaute die Mutter und winkte, als ginge das Kind auf eine Weltreise.

»Was soll ich bringen?«, fragte Franziska. »Was war das doch gleich?«

»Hast du das schon wieder vergessen!« Die Mutter schüttelte den Kopf. Die roten Kinder standen in einer Gruppe beieinander und lachten. Franziska hob die Schultern, ihr war plötzlich kalt, mitten im Sommer. »Zehn Deka Trüffelwurst und eine Tarnagurke«, wiederholte die Mutter. »Vergiss bloß deinen Kopf nicht.«

Die roten Kinder äfften nach: »Zehn Deka Trüffelwurst und eine Tarnagurke. Vergiss bloß deinen Kopf nicht, Franzilein …«

Gemeinheit. Die Mutter hatte gar nicht »Franzilein« gesagt. Franziska marschierte durch das Tor zum Hof hinaus, nach rechts in den Laden. Leute standen herum und redeten. Frauen mit vor der Brust verschränkten Armen, mit geblümten Schürzen. Das waren die roten Mütter der roten Kinder. Doch sie waren wenigstens nett zu Franziska.

»Wer kommt denn da?«, rief Frau Fraps erfreut und schüttete Mehl aus der Waagschale in eine Tüte. Verschwörerisches Blicketauschen mit den anderen Frauen, dann scheinheilig: »Wie heißt du denn?«

Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: »Ich heiße Franziska Buresch, wohne in Turn bei Teplitz, Goethestraße 1002, bin fünf Jahre alt und immer noch ledig.«

Schallendes Gelächter. Seit Jahren blieb das Sprüchlein dasselbe, nur das Alter änderte sich. Und fast immer Trüffelwurst und Tarnagurke. Manchmal auch ein Bückling in raschelndem weißem Papier. Der Vater sagte: »Bittling.«

Als Franziska schon zur Schule ging und Frau Fraps wieder mal vor versammeltem Publikum wissen wollte, wie sie denn wohl heiße, holte das Kind tief Luft, wollte nach altbewährter Methode antworten: »Ich heiße …«, brach ab und meinte achselzuckend: »Ach, das wissen Sie doch!«

Dies war der erste Schritt zur Reife.

Geige am Fenster

Maria Buresch hätte das Kind gern auf die Straße gelassen, doch dagegen sprachen mehrere Gründe: Anständige Kinder haben auf der Straße nichts zu suchen. Auch brauchte Franziska keine Freundinnen, dafür hatte sie ja die Mutter, nicht wahr. Konnte es eine bessere Freundin geben? Sie spielte Theater mit dem Kind, weil es ihr Spaß machte. Auch das Kind würde daran Gefallen finden, später, wenn sie älter war. Hinzu kam – und das war der dritte Grund –, dass Franziska sich mit den anderen nicht vertrug. Es gab oft Krach. Entweder war sie still oder hochfahrend. Das lag vielleicht an den Ohrenschmerzen. Der kleinste Luftzug löste Mittelohrentzündung aus. Seit dem Winter dreimal hintereinander. Ständig Watte in den Ohren, worüber die anderen lachten. Das ärgerte sie. Zu Hause war Franzi friedlich. Sie kauerte in der großen Wohnküche auf dem Sofa unter den Fenstern, die zur Goethestraße führten, und schmökerte in Märchenbüchern. Manche waren alt, schon vergilbt, noch aus Marias Kindheit und der ihrer Mutter. Die alten Bücher mochte Franziska besonders gern. Sie steckte die Nase zwischen die Seiten mit dem altmodischen Druck, schnupperte und sagte: »Das riecht ganz toll! Wie Museum und Kandiszucker.«

Maria stand am Küchentisch und bügelte. Es war schwül. Ein Gewitter lag in der Luft. Diese kleine Einzimmerwohnung, kaum auszuhalten! Beamtenhäuser sollten das sein, nur ein Schlafzimmer, groß zwar, auch die geräumige Diele mit den zwei Fenstern zum Hof, aber trotzdem: nur ein Zimmer!

Was hatte sie denn bisher von ihrem Leben gehabt? Mit sechzehn das erste Kind: Irene. Mit zwanzig kam Franziska. Und dabei hatte sie immer nur eines gewollt: zum Theater gehen. Maria war im Gasthaus aufgewachsen, im »Reclam« gegenüber der katholischen Kirche in Turn. Die Eltern hatten keine Zeit, sich um sie zu kümmern. Die Mutter kochte, der Vater machte den Ausschank. Das Dienstmädchen war für die Hausarbeit da. Fünf Fremdenzimmer gab es, die mussten in Ordnung gehalten werden. Dann die ältere Schwester Frieda. Doch mit Frieda konnte man sich nicht unterhalten. Die war fast taub.

Schön war es an den Wochenenden! Da wurde im großen Gasthaussaal Theater gespielt. Maria durfte zusehen. Das alles hatte sie nur dem großen Theaterbrand zu verdanken, das war eine spektakuläre Sache damals gewesen. Im Sommer 1917 brannte das Teplitzer Stadttheater bis auf die Grundmauern nieder, genau an Marias zwölftem Geburtstag. Am Abend vorher hatten sie noch Emmerich Kálmáns »Wo die Lerche singt« gespielt, und in der Nacht brach das Feuer aus. Fünf schreckliche, weil theaterlose Jahre folgten. Kurgäste und Einwohner fühlten sich verwaist. Also wurde weiter Theater gespielt: in Kinos und Gasthaussälen. Die Schauspieler gingen im »Reclam« ein und aus, sechs Jahre, bis das neue Theater eröffnet werden konnte.

Besonders beliebt war die Göringer-Truppe, die Burlesken und Operetten spielte. Der Star hieß Frank Worell. Er war der erste Tenor. Wenn er den »Vetter aus Dingsda« sang, sein schmetterndes »Gute Nacht, liebes Mädchen, gut’ Nacht« hören ließ, stand Maria mit angehaltenem Atem hinter der Bühne, bildete sich ein, er sänge nur für sie. Drehte er den Kopf in ihre Richtung, streifte sie sein Blick, blieb ihr Herz fast stehen. Doch er sah sie nie wirklich an, bemerkte sie nicht einmal.

Bis das Wunder geschah.

Freundin Mizzi holte sie eines Morgens ab, um mit ihr nach Eichwald zu fahren. In Eichwald wohnte Mizzis Tante, eine Gesangslehrerin, in einer vornehmen Villa hinter der weißen, im italienischen Stil gebauten Marmorkirche. Die Tante hatte die Mädchen für zwei Tage eingeladen. Mizzis Eltern besaßen eine Sauerkrautfabrik, hatten viel Geld, aber wenig Zeit für ihre einzige Tochter. Ebenso wenig wie die Gastwirtsleute Lößnitzer für Maria. Die beiden Mädchen schlossen Freundschaft, so verschiedenartig sie waren: Mizzi, drei Jahre älter, durchtrieben und mondän. Dazu die arglose, naive Maria, ohne Kenntnisse und festes Ziel. Sie waren einsam, wollten sich amüsieren, so oder so.

Mit der Straßenbahn, nein, der »Elektrischen« fuhren sie nach Eichwald hinaus, in weißen Chiffonkleidern und mit wippenden Florentinerhutkrempen.

»Da seid ihr ja endlich, Kinder«, begrüßte sie die Tante, ein ältliches Fräulein, das – wie sie behauptete – aus Prinzip nicht geheiratet hatte, möglicherweise aber auch aus Mangel an Gelegenheit.

Sie schliefen im großen Gastzimmer und fühlten sich wie im siebenten Himmel, bis die Kirchenglocken sie weckten.

Mizzi schob die schweren Brokatvorhänge zurück, öffnete das Fenster. Der Morgen war frisch und rein im Kurort Eichwald, am Fuße des Erzgebirges. Tief atmete sie ein. »Hör mal …« Da war noch etwas anderes als Glockengeläut und Vogelgezwitscher: der Ton einer Geige. »Merkst du was? Komm doch mal!«

Maria sprang aus dem Bett, lief mit bloßen Füßen zu Mizzi. Am Fenster der gegenüberliegenden Villa stand ein Mann und spielte Geige, halb verdeckt von den dichten Baumkronen. Der Mann spielte etwas Klassisches. Paganini oder so was, Maria kannte sich nicht so aus. Mizzi noch viel weniger. Ein Sonnenstrahl fiel auf dunkles, welliges Haar. Da erst erkannte sie ihn.

»Frank Worell«, stammelte Maria. »Wie kommt denn der hierher?«

»Mit einer Frau vielleicht«, vermutete Mizzi.

Doch Frank Worell hielt sich allein in Eichwald auf. Die Mädchen ließen ihn nicht aus den Augen, was gut zu machen war, denn die Tante hatte das Haus verlassen und wollte erst am Nachmittag zurückkommen. Das Dienstmädchen kochte und servierte. Gleich nach dem Mittagessen begaben sie sich wieder auf ihren Beobachtungsposten, sahen ihn aus dem Haus kommen, verfolgten ihn mit unterdrücktem Gekicher.

Frank Worell spazierte durch den Kurort, stieg den steilen »Herzprobeweg« hinauf zum kleinen Holzpavillon mit der Aussicht ins weite Tal. Goethe hatte einst hier gesessen, das verkündete eine Holztafel mit eingebrannter Schrift. Darunter:

»Über allen Gipfeln ist Ruh.In allen Wipfeln spürest dukaum einen Hauch.Die Vöglein schweigen im Walde …«

Gar nicht wahr. Die Vögel hatten Konzertstunde und befanden sich in Hochform. Kurz vor dem Pavillon wurde der Wald immer dichter, sie verloren Frank Worell aus den Augen.

»Wo ist er?«

»Er sitzt auf der Bank und liest.« Nur Mizzi wagte sich hinter dem Gebüsch hervor. Maria blieb zurück, mit schwachen Knien. Was nun? So tun, als sei man zufällig hier? Ihn ansprechen, seine Ruhe stören? Mizzi war zu allem bereit. Doch Maria drehte sich um und lief zurück, als sei die wilde Jagd hinter ihr her.

Am Nachmittag spielte er wieder Geige am Fenster. Als er geendet hatte, applaudierten die beiden Zuhörerinnen. Er ließ den Bogen sinken, sah herüber, lächelte, verbeugte sich. Mizzi setzte sich ans Klavier, spielte so laut sie konnte »Erklingen zum Tanze die Geigen«, während er mit Maria Blick in Blick am Fenster stand. Dazwischen die stille Straße und die rauschenden Bäume.

»Darf ich mit meiner Geige hinüberkommen?«, fragte er.

Maria nickte wortlos, weil ihr die Stimme versagte.

Er kam. Sie musizierten gemeinsam. Als Mizzi erneut die Geigen zum Tanze erklingen ließ, legte Frank Worell die seine auf den Tisch mit dem selbstgehäkelten Spitzendeckchen und tanzte mit Maria.

Dass er nicht sehr groß war, merkte sie erst jetzt. Doch es machte ihr nichts aus. Das glänzende, schwarzgewellte Haar verströmte leichten Pomadenduft. Ganz nah vor ihr nun das schmale, braun gebrannte Gesicht, die schwermütigen Augen. Er blieb stehen, nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und küsste sie.

Viel zu früh kehrte die Tante zurück. Es gefiel ihr nicht, dass die Mädchen Herrenbesuch hatten, doch als Frank Worell sie mit unfehlbarem Operettencharme überschüttete, lud sie ihn zum Kaffee ein. Sie lachten und freuten sich. Nur Maria saß ganz still dabei. Ein Märchen war Wirklichkeit geworden.

Mit Ungeduld erwartete sie das nächste Gastspiel der Göringer-Truppe. »Zarewitsch«. Frank Worell sang: »Hast du dort droben vergessen auf mich …«

Diesmal fasste Maria ihren ganzen Mut zusammen, das war allerdings nicht viel, doch er reichte aus, um in die Garderobe zu Frank Worell zu gehen. Sie klopfte. Ein unwirsches »Herein!«.

Er wandte das Gesicht über die Schulter, glänzend vor Abschminke.

»Was ist?«

»Guten Abend – Frank!«

Er zog die Brauen hoch, den Schminklappen in der halb erhobenen Hand. Erkannte sie nicht.

»So ein Zufall.« Sie lachte töricht, weil sie nicht weiter wusste.

»Zufall?« Er lächelte unverbindlich, noch immer voller Abschminke, die er nicht mal abwischte. »Wieso Zufall? Ich bin hier engagiert.«

»Und ich wohne hier!« Es war der mutigste Augenblick im Leben der Maria Lößnitzer. »Ich bin« – mit Stolz – »die Tochter des Hauses. Maria Lößnitzer.«

Auch der Name sagte ihm nichts. Vergeblich wartete sie auf ein Zeichen des Wiedererkennens. Er wandte sich dem halb blinden Spiegel zu, um sich endlich die Schminke aus dem Gesicht zu reiben. Er war erschöpft, wollte sein wohlverdientes Bier trinken. Und er schwitzte. Woher sollte er wissen, wie die Besitzer der jeweiligen Lokale hießen, in denen er auftrat? Außerdem ging er in der neuen Spielzeit ans Stadttheater Aussig. Wenn auch nur als zweiter Tenor, aber immerhin. Dann lag das Schmierentheater hinter ihm.

»Angenehm.« Er mimte im Sitzen eine Verbeugung, wollte sich nun umziehen. Raus aus den verstaubten Fundusklamotten. Doch das Mädchen stand noch immer vor ihm und starrte ihn erwartungsvoll an.

»Eichwald«, sagte sie leise. »Erinnern Sie sich an Eichwald?« Er dachte nach. Die Situation war peinlich.

»Ich bin öfter in Eichwald. Haben wir uns etwa dort kennengelernt? Helfen Sie mir bitte.«

»Geige am Fenster«, platzte Maria heraus. »Ich meine, Sie haben Geige gespielt und ich …«

»Aber ich übe gern am Fenster.« Noch immer polierte er sein Gesicht, nur warf er ihr jetzt hin und wieder entschuldigende Blicke zu. »Das inspiriert mich vor allem am frühen Morgen. O Gott, hoffentlich habe ich Sie nicht gestört?«

»Nein, nein, überhaupt nicht, wirklich …« Marias Hals war trocken. Tränen stiegen auf vor Wut und Enttäuschung. Und wie immer, wenn sie nicht weiterwusste, lief sie davon. In den Theatersaal ist sie nie wieder gegangen.

Rache an Trahusch

Um ein Haar hätte Maria das Oberhemd verbrannt. Auch noch das gute, wo doch Viktor nur zwei Stück besaß. Eines fürs Büro, das andere für Sonntag. Aber am Sonntag gingen sie oft wandern, ins Erz- oder Mittelgebirge, dann zog er gern sein kurzärmeliges Sporthemd an. Das war bequemer, weil er doch auch noch den Rucksack tragen musste. So blieb das Sonntagshemd dann frisch für das Büro.

Franziska kauerte noch immer lesend auf dem Sofa.

Sie las und las und las. Schade um ihre Augen!

»Wenn du willst«, Maria gab ihrem Herzen einen Stoß, weil es draußen so warm und sommerlich war, weil sie das Lachen der Kinder bis in die Küche hörte, »kannst du für eine Stunde runtergehen.« Franziska sprang auf, das Buch knallte auf die Erde. »Aber nur für eine Stunde!« Franziska fegte zur Tür. »Hast du Watte in den Ohren?«

Natürlich nicht. Also Watte. »Willst du deine Kugeln nicht mitnehmen? Sie spielen Kugeln auf der Straße.«

Die Kugeln waren klein und bunt, in einem prall gefüllten Säckchen. Murmeln hießen sie woanders. Doch in Teplitz und Umgebung sagte man eben »Kugeln« dazu, schlicht und einfach. Die Oberkugel nannte man »Glastacker«. Mit dem rollenden Glastacker mussten die in Reih und Glied aufgelegten Kugeln angestoßen werden, damit sie in das Loch rollten. Nicht so einfach! Franziska besaß einen besonders großen, schönen Glastacker. Er schillerte in bunten Regenbogenfarben. Wenn man ihn gegen den Himmel hob, funkelte die Sonne darin wie in einem Tautropfen. Nein, noch viel schöner.

Mit dem Absatz hatten die Kinder zwischen Gehsteig und Straße ein Loch gebohrt, hockten Kopf an Kopf drumherum und spielten also Kugeln. Die Püschel Helga war dabei, eine nette Kleine mit blonden Zöpfen. Ihre Eltern hatten das Milchgeschäft in der Nähe, in dem Helga nach der Schule helfen musste. Franziska beneidete sie glühend, denn nur zu gern hätte auch sie Milch aus der großen Blechkanne geschöpft, Butter mit dem auf einen Bogen gespannten Faden abgeschnitten oder Olmützer Käseln verkauft. Auch der Hübner Klaus hockte vor dem Loch, obwohl er nicht in der Goethestraße wohnte. Ein Hansdampf in allen Gassen, immer vorneweg mit dem Mund, wollte überall der Erste sein. Zögernd näherte sich Franziska der kleinen Gruppe am Straßenrand. Wieder hatte sie ein bisschen Angst, aber zum Glück waren es keine »roten Kinder«, außer einer kleinen Tschechin, die mitspielte. Sie hieß Trahusch und wohnte in der Bergarbeitersiedlung. Linkes, zweites Seitenhaus, Parterre. Der Vater war Bergarbeiter, ganz klar, wie eben alle, die da wohnten, mit dem Bergbau zu tun hatten.

Trahusch war eigentlich nicht mal so schlecht. Noch nie hatte sie Franziska etwas nachgerufen. Auch jetzt winkte sie ihr zu und sagte in gutem Deutsch: »Komm her, Franzi, spiel mit. Macht Platz.«

Der Hübner Klaus machte einen dummen Witz über die Watte in Franziskas Ohr, rückte aber zur Seite. Franziska holte das Säckchen mit den Kugeln, das »Sackl«, aus der Tasche, zeigte ihren Schatz mit Stolz. Wortloses Staunen über den schönsten aller Glastacker. Feierlich wurde er in Betrieb genommen.

Zweimal siegte Franziska, einmal Trahusch, was den Hübner Klaus maßlos ärgerte. Er schüttete Verachtung über die Mädchen aus und verzog sich vor sich hin schimpfend, um mit den Jungs, die an der anderen Ecke der Straße auftauchten, Fußball zu spielen.

Franziska sah ihm nach, schnitt eine Grimasse hinterher, Helga lachte, und als sie sich den Kugeln zuwandten, war der schöne Glastacker weg.

Es war, als sei die Sonne plötzlich untergegangen, am helllichten Tag.

»Mein Glastacker«, brüllte Franziska außer sich vor Entsetzen. »Du hast ihn, nur du kannst ihn haben! Du hast mir meinen Glastacker gestohlen!«

Trahusch machte ihr harmlosestes Gesicht, zeigte die leeren Handflächen, zog die Taschen aus der Schürze, auch sie waren leer.

»In deinem Kugelsackl«, schrie Franziska. »Leer es aus, los, mach schon!«

»Nee«, sagte Trahusch und grinste.

»Lass uns weiterspielen«, mahnte die sanfte Helga. »Ich borge dir meinen Tacker.«

Doch Franziska wollte nur ihren. Sie fiel über Trahusch her, die wehrte sich mit Geschrei. Es gab eine Keilerei. Fenster flogen auf, Kinder kamen angerannt. Im zweiten Stock des Beamtenhauses erschien Marias Kopf.

»Komm sofort rauf!«

Franziska gehorchte augenblicklich, stand auf, wollte losgehen. Da hielt Trahusch sie am Rockzipfel fest, streckte ihr die Hand entgegen und sagte, als sei überhaupt nichts passiert: »Da –!«

Der Glastacker.

»Ich hab’ dich doch nur ärgern wollen.«

Von da an durfte Franziska nicht mehr auf die Straße, obwohl sie nichts dafür konnte. Trahusch war schuld. Das fand Franziska ungerecht und brütete Rache. Eines Tages war es endlich so weit: Sie hatte eine Kanne Milch von Püschels geholt und traf Trahusch vor dem Eingangstor zum Hof, wo sie gelangweilt an der Mauer lehnte. Andere Kinder waren keine da.

»Komm doch mit zu mir«, schlug Franziska vor. »Ich zeige dir meine Märchenbücher.«

Trahusch mochte Bücher. Nur hatten ihre Eltern kein Geld, welche zu kaufen.

»Und deine Mutter?«, fragte sie.

»Geht gleich auf den Wochenmarkt, dann sind wir allein.«

Trahusch nahm Franziskas Einladung an. Maria stellte zwei Gläser mit grüner Waldmeisterbrauselimonade auf den Tisch, warf Franziska einen warnenden Blick zu und sagte: »Dass ihr euch aber gut vertragt, bitte schön. Ich bin bald wieder zurück.« Gern sah sie es nicht, wenn Franziska Kinder mit heraufbrachte.

Sie spielten in der Diele, sahen sich die Märchenbücher an, lasen sich gegenseitig daraus vor. Ab und zu wanderte Franziskas Blick zur Klotür. Die war, wie fast alle Türen dieser Art, von innen zu verriegeln, doch aus unerfindlichen Gründen steckte auch von außen ein Schlüssel.

Trahusch trank die Brauselimonade aus. Dann musste sie mal. Endlich! Kaum war sie hinter der Tür verschwunden, drehte Franziska den Schlüssel im Schloss herum. Trahusch rüttelte, klopfte, brüllte. Auch von der Toilette ging ein Fenster in den Hof – und das stand offen.

Maria Buresch hörte das Geschrei von Weitem, sah die erstaunten Leute an den Fenstern. Alle starrten sie hinüber zu dem braunen Beamtenhaus.

»Was ist denn los?«, erkundigte sie sich ahnungsvoll.

»In Ihrer Wohnung schreit ein Kind wie am Spieß«, antwortete eine Nachbarin, die ihre Fülle genießerisch in das Parterrefenster gebettet hatte. Sie hielt beide Hände vor den Mund, als sei sie soeben Zeuge eines schrecklichen Unfalls geworden. »Das muss zum Hof raus sein.«

Maria versuchte sich ein akustisches Bild über die gewaltige Lautstärke des Infernos zu machen, rannte die Straße entlang, die Treppe hinauf, stürzte in die Diele. Mit gekreuzten Beinen hockte Franziska auf dem Kokosläufer und lauschte dem Gebrüll mit verzücktem Gesicht, als höre sie Engelsgesang.

Wochenlang redeten die Mädchen nicht miteinander, sahen weg, wenn sie sich trafen. Trahusch pflegte provozierend vor sich hinzusingen. Doch als Franziska eines Tages vom Milchholen kam, stand Trahusch wieder vor dem Toreingang, trat ihr in den Weg.

»Da, schau!« In ihrer ausgestreckten Hand lag etwas Buntes, aufregend Schimmerndes: ein Superglastacker! Noch größer, noch schöner als der von Franziska. »Wenn du mir nicht mehr böse bist, schenk’ ich ihn dir. Zeigst du mir wieder deine Märchenbücher?«

»Wenn du mir auch nicht mehr böse bist?«

So wurden sie Freundinnen.

Der flotte Hecht

Wenn Viktor Buresch in seinem Büro saß, die Sonne durch das Blattgewirr vor dem Fenster auf den Schreibtisch fiel, bekam er Fernweh. Den Rucksack schultern und hinausmarschieren, lange Wanderungen machen mit Maria und Franziska, die meistens quengelte. Durst oder Hunger oder »Mir tun die Füße weh«, immer was anderes. Wandern ins Elbtal nach Schallan oder Sebusein oder Lichtowitz, an den Ufern der Elbe entlang, vorbei an den Hügeln mit den rosa und weiß blühenden Obstbäumen und den von Himmelsschlüsseln übersäten Wiesen. Gelbe Teppiche, die sich sanft im Wind bewegten. Oder wandern ins Erzgebirge nach Zinnwald oder Moldau, vielleicht sogar über die Grenze nach Geising und Altenberg, drüben in Deutschland. Wandern mit Knickerbockern und weißen Strümpfen, Maria und Franzi im Dirndl mit weißer Schürze und bauschigen Puffärmeln. Rasten am Waldrand, die Salami auspacken, die Tarnagurken, süßsauer und knackig, die Limonade trinken. »Aaaah« machen, sich lang ins Gras legen, die Hände hinter dem Kopf verschränken, hinaufstarren in den Himmel mit den weißen Wolken, den Wind in den Wipfeln hören und die summenden Hummeln. Nachher Blaubeeren in kleinen Krügen sammeln, abends mit Milch und Zucker essen.

Früher war er mit seinem Freund Mütz Edi gewandert. Oder sie hatten die Vergnügungslokale, die Gaststätten von Teplitz und Umgebung unsicher gemacht. Beide hatten sie eine Menge nachzuholen, denn mit neunzehn waren sie aus dem Krieg zurückgekommen, zum Glück unversehrt und mit ungebrochenem Schwung. Nun warf man sich in Schale und zog los. Für die Matura war es zu spät. Viktor fand sich mit dem Gedanken ab, den Rest seines Lebens in der Bergbaubehörde zubringen zu müssen, genau wie sein Vater, wie seine Brüder Toni und Leo. Wenn jemand in der Bergbaubehörde anrief, konnte er fast sicher sein, dass sich ein Buresch meldete. Darüber wurde viel gewitzelt.

Edi, semmelblond und schüchtern, war dem draufgängerischen Viktor völlig ergeben, ahmte ihn nach, so gut er konnte, denn Viktor war ein flotter Hecht, vor dem kein Mädchen sicher war. Er hatte sogar eine viele Jahre ältere, sehr attraktive Freundin in Berlin, eine gewisse Hetty Löwental, Besitzerin einer Schuhfabrik. Hetty wollte den hübschen Viktor gern bei sich behalten, aber nein, er musste unbedingt zurück nach Teplitz, weil er so sehr an seiner Familie hing: an den Eltern, bei denen er wohnte, an Leo und der kleinen Schwester Vicky, die fast noch ein Kind war. Möglicherweise wäre Viktor doch noch für immer nach Berlin gegangen, wäre bei Hetty geblieben, hätte in ihrer Fabrik einen höheren Posten angenommen, von dem er allerdings nichts verstand. Doch dann, unmittelbar vor der Entscheidung, lernte er Maria Lößnitzer kennen.

Er sah sie zum ersten Mal im alten Theatersaal vom »Reclam«, als sie sich ständig in der Nähe der Schauspieler herumdrückte. Das blutjunge Ding mit den etwas slawischen Wangenknochen, den dicken hochgesteckten Zöpfen, der geraden Nase und den überaus hellen Augen, nicht groß, dafür sehr zierlich, gefiel ihm. Sie hatte etwas Gewisses, er wusste selbst nicht, was es war. Doch sie blieb unnahbar. Alle Tricks versagten. Immer nur die Schauspieler im Kopf, die sich gar nicht um sie kümmerten! Regelmäßig war er mit Edi ins »Reclam« gegangen, um Billard zu spielen. Stundenlang saßen sie dort herum bei einem Glas Bier.

»Was wollen die zwei Schnösel?«, fragte Mutter Lößnitzer, eine gutmütige und ständig tätige Frau, die sehr an ihrer Tochter hing. »Die verzehren doch nichts.«

»Ach, die kommen wegen Maria«, antwortete Wenzel Lößnitzer, der das Bier einschenkte und sich dabei seine Gedanken machte. Doch Maria kümmerte sich überhaupt nicht um den jungen Buresch, so sehr er seine dunklen Haselnussaugen auch blitzen ließ.

Auf dem Korso sprach er sie endlich an. Sie spazierte mit ihrer Freundin Mizzi am Theater vorbei, hinab zum Kaiserbad und wieder zurück. Aus dem Pavillon im Kurgarten klang Musik. Die Mädchen hatten große wippende Hüte auf. Als ihn der Blick Marias traf, fasste er sich ein Herz und sprach sie an. Und wirklich, sie ließ sich überreden, ging mit ihm ins Café Fenstergucker. Mizzi blieb an ihrer Seite. Das ärgerte ihn. Doch er zeigte es nicht, er bot seine geschickte Redseligkeit auf, zeigte sich witzig und amüsant, brachte Maria zum Lachen und schließlich gelang es ihm, sie zu einem Ausflug zu überreden.

Am Sonntagmorgen wanderte er mit ihr hinauf zum Mückentürmchen. Vorbei an der sagenumwobenen Prokopikirche, uralt, »Betreten auf eigene Gefahr!«, durch das Bergstädtchen Graupen, ehemals reich gewesen durch das hier gefundene Zinn, immer wieder gezeichnet von dem Maler Ludwig Richter. Still lag der Ort mit seinen windschiefen Häusern zwischen den steilen Hügelhängen und träumte in der heißen Julisonne. Schweigend wanderten sie hinauf ins Erzgebirge, um sie der Duft des reifenden Getreides und der blühenden Wiesen. Beim Mückentürmchen angelangt, legten sie sich ins sonnenwarme Gras. Er umarmte sie, er küsste sie, und sie ließ es zu, dass er der Erste bei ihr wurde.

Es gefiel ihr sogar.

Weniger gefiel es ihr, dass sie schwanger wurde – mit kaum sechzehn Jahren. Sie hasste das Kind in ihrem Bauch, das sie wie eine Tonne aufschwemmte, sie hasste den Mann, der schuld daran war. Wollte ihn nicht mehr sehen. Eine Tochter kam zur Welt: Irene. Noch immer schickte Maria den hartnäckigen Viktor Buresch fort, so oft er kam. Mutter Lößnitzer hatte Mitleid mit dem unglücklichen jungen Mann, zeigte ihm heimlich das Kind, versuchte Maria umzustimmen, doch umsonst. Sie blieb bockbeinig. Wurde immer launenhafter. Schrie ihre ältere Schwester Frieda an, stritt mit dem Dienstmädchen, sprach nicht mehr mit der Mutter, wollte Irene nicht sehen. Mizzi kam längst nicht mehr, um sie zu gemeinsamen Unternehmungen abzuholen, und den Florentinerhut hatte Frieda in eine große Hutschachtel verpackt und auf den Dachboden gestellt, für immer und alle Zeit.

»Ich werde Maria heiraten«, erklärte Viktor seinen Eltern. »Irgendwann wird sie mich nehmen.«

Es gab Schwierigkeiten, man war nicht einverstanden.

»Eine Gastwirtstochter in einer alteingesessenen Beamtenfamilie – kommt nicht in Frage!« Und Vicky: »Ausgerechnet diese Lößnitzer! Ich bin mit ihr in die Schule gegangen. Sie war die Dümmste in der Klasse.«

Maria ließ sich schließlich doch überzeugen und heiratete den flotten Hecht Viktor Buresch, der sie so sehr liebte, dass er sogar mit Hetty Löwental Schluss gemacht hatte.

Viktor wohnte mit Frau und Kind vorerst bei den Eltern, im zweiten Stock des ehrwürdigen Mietshauses in der Stiegengasse, ganz in der Nähe des Turner Parkes, ehemals beliebtes Ausflugsziel prominenter Kurgäste, wie zum Beispiel Richard Wagner, der auf den Kieswegen vor sich hin komponierend spazieren gegangen war. Er hatte gerade den »Tannhäuser« beim Wickel, die Gegend inspirierte ihn dazu. So idyllisch aber war es längst nicht mehr. Man hatte abgeholzt, Häuser gebaut, sogar eine Kaserne. Doch die Stiegengasse war still geblieben; sie lag genau am Knotenpunkt der ineinanderlaufenden Ortsteile Turn, Schönau und des kurbeflissenen Teplitz. Gegenüber befand sich ein freier Platz, auf dem die Buresch-Buben früher Fußball gespielt hatten. Dahinter die Palme-Villa, ein schlossähnlicher Bau, den sich ein reicher Mann vor Jahren hatte errichten lassen.

Alles schön und gut, nur war die Wohnung zu klein für so viele Leute. Leo wohnte noch dort und natürlich Vicky. Zwar ging sie jeden Morgen ins Büro, doch wenn sie abends nach Hause kam, blieb kein Platz für sie. Die junge Familie hatte das Wohnzimmer zum Schlaf- und Aufenthaltsraum umfunktioniert, Leo die Rumpelkammer als gemütliche Junggesellenbude eingerichtet. Dort saß er meist mit seinem Freund aus dem Gymnasium, dem Lulatsch Georg Segal, diskutierte mit ihm über Gott und die Welt und wer weiß noch was. Für Vicky blieb nur die Küche, wo sie auch schlief.

Maria konnte, wollte sich nicht anpassen. Die Schwiegermama, eine resolute, große, sehr starke Frau, die in einer Laienaufführung in jungen Jahren die Germania verkörpert hatte und sich wohl unbewusst mit dieser Rolle bis an ihr Lebensende identifizierte, schwang kühn den Kochlöffel, mit dem sie einst ihre Jungs der Reihe nach zu verhauen pflegte. Sie wollte der Schwiegertochter die feine böhmische Küche beibringen: Krustenbraten, Semmelknödel, Tafelspitz. Doch Maria wollte nicht kochen lernen. Sie wollte reisen.

Also reiste Viktor mit ihr nach Berlin. Irene, das bildhübsche, aufgeweckte Kind kam in Friedas Obhut. Frieda widmete jede Minute dem kleinen, lebhaften Ding, doch einmal passte sie nicht richtig auf. Sie wollte die Wohnung sauber machen, stellte einen Eimer mit kochendem Wasser in den Flur, ging in die Küche, um Soda zu holen, während Irene »Flieger« spielte und mit ausgebreiteten Armen durch die Räume sauste. Sie sah den Eimer nicht, stolperte und fiel hinein, kam ins Krankenhaus, starb nach einigen Stunden, nicht älter als drei Jahre.

Als Maria und Viktor aus Berlin zurückkehrten, war alles vorbei. Nun erst liebte Maria das Kind, das ihr, wie sie meinte, das Leben zerstört hatte. Endlich nahm sie auch Viktors Liebe an, der kurz darauf mit ihr in die kleine Wohnung nach Turn zog, Goethestraße 1002. In das Beamtenhaus der Bergarbeitersiedlung. Doch ihr Hass richtete sich nun ganz auf die verzweifelte Frieda, das arme Wurm, die schuld war an dem Unglück und immer wieder in Selbstanklagen fiel: »Warum nicht ich? Warum das Kind?!« Frieda bekam Hausverbot, so sehr Viktor seine Frau umzustimmen versuchte. Oft erschrak er vor ihrem Hass, der sich gegen viele und vieles richtete. Auch gegen das Leben. Viktor war zahm geworden, kein flotter Hecht mehr. Und er machte Überstunden, um vor Marias unberechenbaren Launen, ihrem Pessimismus zu fliehen. Im Büro war die Welt in Ordnung. Dort traf er auch ab und zu Leo, den er sonst nur selten sah. Maria erlaubte ihm nicht, die Eltern zu besuchen. Alle, alle waren schuld an ihrem Unglück, ihrer zu früh beendeten Jugend.

Ein bisschen änderte sich alles, als das Ersatzkind für Irene kam. Am 30. August 1925 wurde Franziska geboren.

Das neue Kind

Das neue Kind war klein und mickrig. Es schrie wie am Spieß. »Es wird mal eine große Lunge bekommen und Sängerin werden«, prophezeite die Kinderschwester, als sie es der Mutter in den Arm legte.

An schönen Tagen fuhr Maria mit dem Kinderwagen nach Teplitz, um das Kurkonzert zu hören. Wenn sie merkte, dass die jungen Männer ihr nachsahen, seufzte sie. Auf der Theaterterrasse spielte eine Kaffeehauskapelle. Auch im Kurgarten war Musik im Pavillon. Der Park simulierte die Zufriedenheit vergangener Zeiten, doch Mizzi war nicht mehr da. Wo sie wohl stecken mochte? Vielleicht hatte sie geheiratet, wer weiß, einen reichen Mann, einen Millionär, wie sie es vorgehabt hatte. Marias Sehnsucht nach der Freundin wuchs. Einmal wieder mit ihr den Serpentinenweg hinauf zum Schlossberg spazieren, vor der Burgruine sitzen und ins weite Land sehen, hinüber zum Mückentürmchen. Oder nein, lieber nicht. Nicht zum Mückentürmchen. Dort hatte alles angefangen. Angefangen und aufgehört.

Als Franziska einige Jahre älter war und Trahusch kennengelernt hatte, das kleine tschechische Mädchen, ging Maria mit den Kindern zum nahegelegenen Angerteich, dessen Name tiefstapelte.

Der Angerteich war ein Natursee mit eiskaltem klarem Wasser. Mit Badekabinen und Liegebrettern, einem im Jugendstil erbauten Café mit Türmchen, das einem zusammengeschrumpften Schloss ähnelte. Zwischen dem Café und dem Haupteingang stand eine Bude, in der man Eis und Brauselimonade kaufen konnte, zum selber Zubereiten. Zuerst den grünen Waldmeisterwürfel ins Wasserglas werfen, mit dem langstieligen hölzernen »Stamperl« zerdrücken, dann das dünne, weiße Blättchen hineingeben. Wie das schäumte, wie das sprudelte! Eine duftende Fontäne schoss ins Gesicht. Tüchtig rühren, das »Stamperl« absaugen und die Limonade in einem Zug austrinken. Ein langersehnter Augenblick für Kinder.

In der Mitte des Sees befand sich eine kleine künstliche Insel, auf deren Brettern man sich sonnen und für die Rückkehr ans Ufer stärken konnte. An einer langen Stange ein bunt bemaltes Reklameschild: »Elida« stand in weißen Buchstaben auf blauem Grund, daneben das gemalte Bild einer wunderschönen Frau mit langen, blonden Haaren.

Für Franziska war die blonde Schönheit »Prinzessin Elida«. »Erzähl mir eine Geschichte von Prinzessin Elida«, bettelte Trahusch, wenn sie auf der Wiese saßen und über das Wasser hinüber zur Insel schauten. Immer neue Geschichten fielen Franziska ein. Oft ließ sie sich Worte nennen, zum Beispiel »Baum, Vogel, Vanilleeis, Amerika«, aus denen sie dann ein Märchen dichtete. In jeder Zeile musste eines der Wörter vorkommen. Auch andere Kinder kamen, um zuzuhören.

Neben der Gaststätte, halb schon auf der Wiese, gab es ein Plumpsklo. Zwei Kabinen, durch eine Bretterwand getrennt. Wenn man sich auf das Brett neben das Plumpsklo stellte, konnte man in die andere Kabine sehen.

Einmal schlugen sich Franzi und Trahusch die Bäuche voll mit Brause und marschierten nachher einträchtig in Richtung Bretterhäuschen.

»Aber nichts anstellen!«, rief Maria ihnen nach, weil sie wusste, wie wild ihre Tochter sein konnte. Nervös und hastig. Dr. Modelsee, der Kinderarzt gleich hinter dem Olympiakino, pflegte zu sagen: »Sie haben ein sehr nervöses Kind, Frau Buresch. Damit müssen Sie sich abfinden.«

Das angeblich nervöse Kind zog also mit der Freundin los. Sie fühlte sich frei und selbstständig, weil sie ausnahmsweise ohne Mutter gehen durfte.

Trahusch hockte in der Nebenkabine des Bretterhäuschens und war auffallend still. Nicht mal plätschern hörte man es.

»Trahusch?«, fragte Franziska vorsichtig. Keine Antwort. »Was machst du, Trahusch?«

Eine ungewöhnliche Frage für diesen eindeutigen Ort. Franziska kletterte auf das Brett, klammerte sich an die Trennwand, zog sich hoch. Sah Trahusch, wie sie bedächtig in den heruntergelassenen Badeanzug stieg.

»Huuu, huuu«, brüllte Franziska. Trahusch ließ den Anzug erschrocken los, schaute entsetzt nach oben, wo Franzis Augen und Nase zu sehen waren.

»Verschwinde!«, kreischte Trahusch, riss den Badeanzug hoch und angelte nach den Trägern, feuerrot vor Empörung. Franziska musste lachen, verlor die Kraft aus den Armen, ließ sich fallen, rutschte ab, verfehlte das Holzbrett und sank mit einem Bein in das Loch, in die weiche, warme, übel riechende Masse.

»Hilfe!« Die Masse nahm kein Ende, Franziska schrie wie am Spieß. »Hilfe, Trahusch, hilf mir raus …«

Zum Glück hatte sie die Tür nicht abgeriegelt. Trahusch kam, sah das Malheur, zuerst mit Entsetzen, dann mit Schadenfreude.

»Das hast du davon, ätsch, ätsch!« Es folgte die typische Bewegung: Zeigefinger rieb Zeigefinger, das bedeutete Auslachen. Franziska brüllte lauter.

»Ich komme da nicht mehr raus, Hilfe! Hol doch endlich meine Mutter!« Je mehr sie versuchte, das Bein herausziehen, umso tiefer versank es. Schließlich blieb sie regungslos stehen und weinte still vor sich hin.

Trahusch holte die Mutter, die noch ratloser war als Franzi. Was sollte sie tun? Tränen der Verzweiflung traten in ihre Augen. Viktor spielte mit den Freunden Fußball auf der Wiese. Wenn man ihn brauchte, war er nicht greifbar. Und dieser Gestank! Ihr wurde flau im Magen, doch sie nahm sich zusammen und befreite Franzi aus der anrüchigen Lage. Peinlich, mit dem heulenden Kind zum Teich zu laufen, umgeben von der sich weit verbreitenden Stinkfahne und den belustigten Zuschauern, die sich entsetzt die Nase zuhielten. Das Bein wurde im See abgewaschen, begleitet von den anzüglichen Kommentaren der Umstehenden, vor allem belacht von jungen Männern. Maria schrubbte mit hochrotem Kopf. Trahusch sah gespannt zu, den Mund von einem Ohr zum andern grinsend verzogen. Nur »Prinzessin Elida« sah in die andere Richtung und lächelte ungerührt.

Das Unrecht der Welt

Schön war es bei den Großeltern Buresch in der Stiegengasse. Wenn die drei Jahre jüngere Cousine Gisi da war, konnte man Theater spielen. Franziska erfand kleine Stücke. Als die »andere Großmama«, wie sie die alte Frau Buresch nannte, um sie von der Lößnitzer Großmama zu unterscheiden, ihren sechzigsten Geburtstag feierte, dachte sich Franziska ein besonderes Theaterstück aus. Eines mit zwei Akten. Es hieß »Das Unrecht der Welt«.

Die Familie war vollzählig versammelt. Sogar Onkel Karl, der älteste der Buresch-Brüder, hatte sich eingefunden. Er war Berufsoffizier, stationiert in Wiener-Neustadt. Dort hatte er die Tochter des Regimentsarztes kennengelernt, ein »Komtesserl« Bertha von Röcknitz, eine mollige, blonde, blauäugige Person, die er auf der Stelle heiratete und mit nach Teplitz brachte. Sie fügte sich in die Großfamilie ein, als hätte sie schon immer dazugehört. Franziska betrachtete ehrfürchtig den schönen Onkel in der Uniform. Groß und schlank war er, mit einem Oberlippenbärtchen in dem stolzen Gesicht. Aus Pressburg war Onkel Franz mit Tante Edith angereist. Das war lustig, denn Tante Edith hatte große, braune, leicht erschreckte Rehaugen und sprach mit leiser, fiepsiger Piepsstimme. Sie strich über Franziskas Haar und zwitscherte: »Na, mein Herzarl?« Oder sie nahm die Puppe Margit, betrachtete sie lächelnd und meinte: »Das Pupparl braucht ein neues Kleidarl!« Doch nie hatte sie ihr eines gekauft, denn Tante Edith war sehr sparsam.

Gisis Eltern, Tante Elli und Onkel Toni, waren auch dabei. Sie wohnten in Osseg, im Kohlengebiet.

Onkel Leo saß am Klavier und spielte den Einzugsmarsch. Seine sanften Augen blickten träumerisch hinter der dicken Brille auf das Notenblatt. Neben ihm saß sein Intimus, der »Lulatsch« Georg Segal, und lauschte andächtig. Viele Jahre war Georg in die Stiegengasse gekommen, um den Freund zu besuchen, bis er eines Tages merkte, dass Leos kleine Schwester Vicky kein Kind mehr war. Von da an kam er hauptsächlich ihretwegen. Er hatte ein halbes Jahr Ehe, eine Scheidung und sie eine unglückliche Liebe hinter sich. Zu dieser Zeit arbeitete Georg Segal als Angestellter in der Teplitzer Sparkasse, mit Aussicht auf den Beamtenstand. Als er Vicky fragte, ob sie seine Frau werden wolle, sagte sie »Ja«. Nun war Vicky Buresch seit einigen Monaten Frau Segal. Sie wohnten beide noch in der elterlichen Wohnung. Anfangs hatte Leo nicht gewusst, ob er über die unerwartete Wendung froh sein sollte oder eifersüchtig, doch dann entschloss er sich fürs Erstere, denn alle hatten einander lieb.

Abseits stand nur Maria, die sich nicht einfügen konnte.

Die Einleitung des festlichen Tages fand, wie gesagt, durch Klaviermusik statt. Onkel Leo spielte und sang »Tom der Reimer«, der am Bache saß und eine zufällig vorüberreitende, wunderschöne Frau für die Himmelsjungfrau hielt. Doch es war die Elfenkönigin. Wenn sie an den Zügeln zog, »dann klangen hell die Glöckelein«, was den armen Tom total willenlos machte. So verfiel er ihr für sieben Jahr.

Franziska durfte die Notenseiten umblättern, wenn Onkel Leo nickte und »Jetzt« sagte.

Das Wohnzimmer der Großeltern war durch eine breite Flügeltür vom Schlafzimmer getrennt, doch an diesem Tag hatte man laut Franziskas Regieanweisung einen roten Samtvorhang angebracht. Der konnte geschlossen und mittels einer goldenen Kordel aufgezogen werden, wie am richtigen Theater.

Es begann.

Franziska trat vor den Vorhang und verkündete: »Das Unrecht der Welt. Stück in zwei Akten«.

Onkel Leo spielte einen dreifachen Tusch. Onkel Georg zog den Vorhang auf.

»Aaaa«, machten die Zuschauer, die im Wohnzimmer Platz genommen hatten. Ein Ton des Mitleids mischte sich ein, denn Gisi, ein armes Kind, lag im Sterben, nur auf Lumpen gebettet. Franziska, die achtjährige Mutter, saß in der armseligen Stube und betete um das Leben ihres ausgehungerten Kindes. Gisis stramme Wohlgenährtheit versuchte sie durch ein umgelegtes mausgraues Tuch zu kaschieren. Mutter Franziska wand sich in Verzweiflung, weil sie kein Geld besaß, um einen Arzt zu rufen. Ein imaginärer Engel winkte dem Kind mit weißer Hand. Es starb. Arm, aber glücklich, weil geliebt.

Des Dramas zweiter Akt: Franziska hatte das Kopftuch mit einem riesigen Federhut vertauscht. Gähnend, gelangweilt betrat sie die Szene. Man konnte gleich erkennen, dass es sich hierbei um eine steinreiche Frau handelte. Nachdem sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden schauspielerischen Mitteln gezeigt hatte, wie reich und wie gelangweilt sie war, kam Gisi hereingesprungen, mit ihrem blonden, wirren Lockenkopf. »Mutti, Mutti, mir ist schlecht!«

Erschrocken befühlte Franziska die Stirn ihres Kindes und stellte mit wortreicher Verzweiflung fest, dass es hohes Fieber habe.

»Ich werde dem Kindermädchen Anna befehlen, dass es die berühmtesten Ärzte der Welt herbeiholt. Du legst dich sofort in dein goldenes Himmelbett im Marmorzimmer. Dort wartest du, bis die hundert Ärzte kommen.«

Das Kind der reichen Frau wurde wieder gesund. Gisi sprang umher und tat diesen Umstand den Zuschauern kund, freudig beklatscht von dem erleichterten Publikum.

Danach setzte Franziska den Hut ab, trat wieder vor den Vorhang und sagte feierlich: »Dies war das Unrecht der Welt.«

Applaus, Verbeugung.

Während sich Gisi nachher feiern ließ, stand Franziska auf dem Balkon, glücklich über den Erfolg. Der Großvater trat neben sie, strich ihr lächelnd über das glatte, sperrige Haar und überreichte ihr eine Rose aus dem Geburtstagsstrauß. Auch die andere Großmama gesellte sich zu ihnen, mit einem Schächtelchen in der Hand. Eine Armbanduhr war darin. Keine echte, aber mit schönem, himmelblauem Gummiband und aufgemalten Zeigern.

»Wie spät ist es darauf?«, fragte die andere Großmama. »Halb zwölf«, erwiderte Franziska und streifte das Gummiband über den dünnen Arm.

Diese Uhr war ihre erste Gage.

Gisi hatte eine mit rosa Gummiband bekommen, wurde geherzt und geküsst, jeder wollte sie umarmen, knuddeln und abbusseln. Man fand, sie sei putzig gewesen. Nur Onkel Georg schaute Franziska nachdenklich an. Sie merkte es, wurde verlegen, stand etwas steif und hölzern herum.

Er trat auf sie zu und sagte: »Nun haben wir ein junges Talent in der Familie.«

Es war das erste anerkennende Wort an diesem Nachmittag. Franziska stellte sich auf die Zehenspitzen und schlang die Arme um den geliebten Lulatschonkel. Tante Vicky sah es, schmunzelte, trat zu ihnen, umarmte beide.

»Wir drei«, rief sie lachend, »wir drei, was?«

Maria gefiel das nicht. Sie konnte keinen aus der Familie leiden, am allerwenigsten Vicky, die schon in der Schule unausstehlich beliebt gewesen war, weil sie gern lachte und manchen verrückten Einfall gehabt hatte. Unterhalten mit den anderen wollte Maria sich nicht, sie wusste so wenig, außer für Operetten interessierte sie sich für nichts. Sie fand, dass dies für ein Leben ausreichte. Und sie wollte nach Hause. Also rief sie Franziska zu sich, die sich nur zögernd von den Segals löste.

Maria stand bereits angezogen in der Tür. »Viktor!«

Das war kein Ruf, sondern ein Befehl, dem er augenblicklich nachkam, weil er wusste, dass mit ihren Launen nicht zu spaßen war. Die Verwandten merkten es, warfen sich Blicke zu, schüttelten unmerklich den Kopf, doch sie schwiegen, verabschiedeten sich freundlich.

Kurz vor den Stiegen, die hinab zur Parkstraße führten, drehte Franziska sich noch einmal um, sah zurück zum Haus der Großeltern. Tante Vicky und Onkel Georg standen auf dem behäbigen, steinernen Balkon und winkten nach.

»Auf Wiedersehen! Wie-der-se-hen!!!« Franziska hüpfte und winkte mit beiden Armen, was Maria ärgerte.

»Hör auf herumzukaspern!« Sie griff nach Franziskas Hand und zog sie weiter.

»Lass sie doch«, versuchte Viktor zaghaft einzuwenden. »Das Kind freut sich. Und es war doch auch recht hübsch, das alles.«

Maria überhörte den Einwurf, sagte nur: »Morgen wird sie wieder Ohrenschmerzen haben.«

Über das Theaterstück verloren die Eltern kein Wort.

Frieda

Frieda bewohnte das kleine, schmale Zimmer zum Garten der Gastwirtschaft hinaus. Wenn auf dem Rasen keine Wäsche zum Bleichen lag, ließ Großvater Lößnitzer die Hühner aus dem Stall. Dann durften sie im Gras herumscharren, nach Herzenslust gackern und Würmer suchen.

An der Hauswand wucherte Wein mit dichten Blättern und winzigen, sauren Trauben im Herbst. Franziska liebte es, dicht unter dem Weingerank zu stehen und schöne Worte daran zu hängen. Sie sagte langsam: »Wolke«. Oder »Glück«, ließ das Wort über die Zunge rollen und wiederholte mit Nachdruck: »Glück«, ohne sich was Bestimmtes darunter vorzustellen. Sonne vielleicht und keine Ohrenschmerzen haben und nicht in die Schule müssen. Oder sie sagte: »Kam-mer-zo-fe.« Das war etwas niedlich Knicksendes, mit weißem Häubchen und schwarzem Taftkleid, das beim Gehen knisterte.

»Kam-mer-zo-fe.«

Links unter Friedas Fenster zog sich eine halbhohe Mauer entlang, die den Garten vom Gelände der Lißner-Schokoladenfabrik trennte. Leise summten die Maschinen in der lang gestreckten Halle, doch das konnte Frieda nicht hören, weil sie fast taub war.

Ab und zu leistete Frieda sich ein wenig Luxus, ging ins Kino. Am liebsten ins »Apollo«, zwei Ecken weiter. Liebesfilme ansehen – das gefiel ihr. Das Taschentuch sogar im Finstern an die Nase gepresst, saß sie glücklich da und sah zu, tief durch den Mund atmend. Am liebsten sah sie Iwan Petrowitch mit dem glänzenden, schwarz gelackten Wellenhaar, dem vollen Gesicht mit den geschwungenen Lippen. Oder – noch ein bisschen Luxus – wenn Franziska kam, schickte sie das Kind hinüber in die Lißner-Fabrik, um für eine Krone Pfefferminzschokolade zu holen; das waren mindestens sechs dicke, weiß gefüllte Rippen, die sie gemeinsam aufaßen, lachend und schäkernd, weil keiner davon wissen durfte.

Frieda war für alle, auch für Franziska, nur »Frieda«, obwohl sie doch ihre rechtmäßige Tante war.

Frieda!

Von Geburt aus verwachsen, mit einem rechtsseitigen Buckel. Als junges Mädchen hatte Frieda ein bösartiges Nasenleiden bekommen, ein Arzt operierte sie, verpfuschte die Nase, musste sie ihr abnehmen, schnitt aus ihrem Oberschenkel ein Stück Fleisch und setzte es anstelle der Nase. Seitdem trug Frieda einen unförmigen Klumpen im Gesicht, und wenn sie sprach, klang ihre Stimme hohl. Dieses verunstaltete Stück Leben, dieser weibliche Glöckner von Notre-Dame, dem die Kinder spottend nachliefen, war Franziskas ganzes Glück.

Seit sie kein Hausverbot mehr hatte, durfte sie Franziska hin und wieder besuchen. Sie saßen dann auf kleinen Hockern an dem Kindertischchen, schauten sich Bilder an oder spielten Schwarzer Peter. Wer verlor, bekam einen Punkt auf die Nase. Es machte Franziska nichts aus, wenn sie einen Korken in die Asche des Küchenofens drückte und ihn dann dorthin setzte, wo Friedas Nase sein sollte.

»Lustig ist das Zigeunerleben, faria, fa-ri-aa«, sang Franziska durch einen selbst gedrehten Papiertrichter in Friedas Ohr, die mit verzücktem Gesicht lauschte und lauthals mitsang, wenn das »Faria-fariaa« kam.

»Geht’s denn nicht etwas leiser?«, brauste Maria dann auf und verbannte die beiden aus der Küche in die Diele, schloss die Tür. Frieda machte das Kind verrückt, man sollte etwas dagegen tun. Zum Beispiel damals die Sache auf der Drehscheibe, mitten in der Stadt!

Damals konnte Franziska noch nicht lesen. Sie saß mit Frieda an dem Tischchen und schaute sich Bilder im Teplitz-Schönauer Anzeiger an. Auch das Foto von dem Massenmörder K., wie er mit unbeteiligtem, stumpfem Gesicht im Gerichtssaal sein Todesurteil entgegennahm.

»Wer ist das?«, fragte Franziska.

Frieda sagte es ihr.

»Was machen sie mit dem?«

»Der wird dem Henker übergeben«, erwiderte Frieda.

»Und was macht der Henker mit ihm?«

»Der käppt’n«, antwortete Frieda im unverfälschten Turner Dialekt. (Der köpft ihn.) Diese schreckliche Tatsache beschäftigte Franziskas Fantasie Tag und Nacht. Sie träumte von dem kopflosen Mörder, erwachte schreiend und lebte in ständiger Angst, auch ihr könne einer den Kopf abschlagen.

An einem Samstagnachmittag ging sie wie üblich mit den Eltern in die Stadt. Auf der Drehscheibe begegneten sie einem stattlichen Mann in Uniform.

Franziska starrte ihn an. So einen hatte sie noch nie gesehen. »Was ist das für ein Mann?«, fragte sie laut, dass er es hören konnte. Er lächelte ihr augenblinzelnd zu.

Der Vater lächelte geschmeichelt zurück und erklärte ehrfurchtsvoll: »Das ist ein Käpten!«, worauf Franziska aus vollem Hals zu brüllen begann. Der Mann in Uniform zog ein enttäuschtes Gesicht und machte, dass er weiterkam. Leute blieben stehen. Was hatte das Kind? Es hielt sich die Arme schützend vors Gesicht und schrie wie am Spieß. Sie mussten umkehren und nach Hause gehen, waren sehr verärgert. Später erst erfuhren sie durch Frieda, weshalb das Wort »Käpten« auf Franziska eine derart aufregende Wirkung ausübte. Es dauerte eine Weile, ehe sie sich überzeugen ließ, dass ein Käpten zur See fahre und keineswegs zuständig sei für abgeschlagene Köpfe.

Frieda sollte wieder Hausverbot bekommen, Viktor Buresch schickte sie weg. Doch Franziska war ihr nachgelaufen und gab nicht eher Ruhe, bis sie sie zurückgeholt hatte. Ohne Frieda ging es nicht.

Auch am Heiligen Abend kam sie in die Goethestraße. Es gab Karpfen blau. Mit Hefeknödeln, Mandeln und Rosinen. Franziska verabscheute den weihnachtlichen Karpfen mit dem verzuckerten Fischgeschmack. Jedes Jahr tobte seinetwegen ein erbitterter Kampf. Tränen, Drohungen, Geschrei. Frieda litt mit ihr, wollte vermitteln, doch die Eltern hörten nicht auf sie. Um den Karpfen kam Franziska nicht herum. Er war für sie eine Art Dornenhecke, durch die man sich zur langersehnten Bescherung kämpfen musste. Zu dem neuen Buch! Die Nibelungensage. Franziska las, vergaß sogar Frieda für einige Zeit. Die Seiten des Buches dufteten herb, es fühlte sich fest und glatt an. Sehr eindrucksvoll das Bild auf dem Deckblatt: Wie Siegfried den Drachen tötete.

Die Eltern meinten, sie solle nur hübsch lesen und sich ein Beispiel an dem tapferen Siegfried nehmen. Leicht gesagt! Sollte sie auf einem feurigen Ross reiten und Drachen töten? Sie konnte sich doch nicht mal gegen einen leblosen Karpfen wehren.

Es kam vor, dass Franziska die dankbare Frieda mit einer eigens für sie entworfenen Zeitung überraschte. Herausgeber: F. B. Artikel: F. B. Erzählung: F. B. Gedicht: F. B. Kurzum ein journalistischer Einmannbetrieb mit dem begeistertsten Einmann-Lesepublikum, das man sich wünschen kann. Frieda las Zeile um Zeile mit gespannter Aufmerksamkeit. Das Gedicht »Die traurige Waldfee« lernte sie sogar auswendig. Die Geschichte »Ein neues Glück« rührte sie zu Tränen. Besonders aber freute sie sich über die erfundenen Kinoanzeigen: »Frieda und der Walfisch« oder »Fana, das Zigeunermädchen«. Die eifrige Leserin wollte nun aber auch noch den Inhalt der Filme wissen. Also musste Franziska sich obendrein die Handlung ausdenken, die sie mit dem bewährten Papiertrichter in Friedas Ohr posaunte.

Doch nach und nach kam Frieda seltener. Wenn Franziska sie besuchen wollte, war sie nicht zu Hause.

»Wo ist sie denn? Muss sie so viel bügeln?«

Großmama Lößnitzer tätschelte tröstend Franziskas Wange. »Sie kommt heute später. Bleib nur ein bissl da, setz dich her. Mach mal Platz, Wenzel.« Der Opa rückte mit seiner Zeitung auf dem Sofa beiseite und tätschelte die andere Wange der Enkelin, mehr pflichtgemäß als liebevoll.

»Willst du ein Fettenschnitterl?«, bot Großmama an. Sie stammte aus Saaz und sprach auch so, obgleich sie schon viele Jahre in Turn lebte.

Ein Fettenschnitterl mit Griefen (Grieben oder Grammeln) wollte Franziska immer. Viel lieber als Kuchen. Lieber sogar als Pfefferminzschokolade mit weißer Füllung. Als aber Frieda bei der dritten Fettenschnitte noch immer nicht zu Hause war, zog Franziska enttäuscht ab.

Was war los?

Franziska konnte es nicht wissen: Frieda hatte einen Mann kennengelernt. Einen jungen Mann mit glänzendem, schwarzem Wellenhaar und geschwungenen Lippen wie Iwan Petrowitch. Er hieß Josef Spatny. Eines Tages war er Frieda gefolgt und hatte sie angesprochen. Er formulierte deutlich, sie konnte jedes Wort von seinen schön geschwungenen Lippen ablesen.

»Ich bin sehr allein«, hatte der Spatny Josef gesagt und ganz traurige Augen gemacht. »Du bist auch allein, das weiß ich. Wollen wir uns zusammentun?«