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Eine beeindruckende literarische Wiederentdeckung von zeitgeschichtlichem Rang Vom Alltag während des Krieges inmitten der Diktatur handelt der 2. Band von Hermann Stresaus Tagebuchaufzeichnungen »Von den Nazis trennt mich eine Welt«, die 1939 mit dem Überfall auf Polen beginnen und im April 1945 mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Göttingen enden. Mit Kriegsbeginn verlegt Stresau seinen Wohnort nach Göttingen. Dort versucht er, abgeschnitten von den Nachrichten der Welt, aus den anhaltenden Jubelmeldungen der Nazis zu extrahieren, wie es wirklich steht. Dass in der deutschen Bevölkerung mit der Niederlage in Stalingrad und der zunehmenden Bombadierung ihrer Großstädte die anfängliche Siegesgewissheit in Mutlosigkeit umschlägt, kann aber auch die Propaganda nicht verdecken. Die Deportation der Juden ist für Stresau früh Gewissheit und hinter vorgehaltener Hand werden unter Gleichgesinnten zudem andere Kriegsverbrechen kolportiert. Es gibt Tage, an denen er gleichermaßen verzweifelt an deutscher Schuld und der Angst um das Leben der ihm nahestehenden Menschen. So verbindet sich der analytische Blick des Intellektuellen Stresau mit einer den Verhältnissen trotzenden, unerschütterlichen Menschlichkeit. Die tritt besonders zu Tage, als er verpflichtet wird, in einer Fabrik zu arbeiten, die auch Zwangsarbeiter aus Osteuropa und Frankreich beschäftigt.
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Seitenzahl: 621
Veröffentlichungsjahr: 2021
Hermann Stresau
Als lebe man nurunter Vorbehalt
Tagebücher aus den Kriegsjahren1939–1945
Herausgegeben und kommentiertvon Peter Graf und Ulrich Faure
Klett-Cotta
Das Frontispiz zeigt den Autor Hermann Stresau.
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
© 2021 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany
Cover: Anzinger & Rasp, München
unter Verwendung eines Fotos von © picture alliance
Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen
Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-608-98472-9
E-Book ISBN 978-3-608-11658-8
1939
5.9.39 [Göttingen]
11.9.39
15.9.39
17.9.39
18.9.39
22.9.39
1.10.39
12.10.39
1940
Göttingen, 5.1.40
6.1.40
7.1.40 Sonntag
9.1.40
10.1.40
11.1.40
15.1.40
17.1.40
18.1.40
22.1.40 (Montag)
25.1.40
26.1.40
30.1.40
31.1.40
1.2.40
6.2.40
9.2.40
15.2.40
19.2.40
28.2.40
29.2.40
10.3.40 (Sonntag)
16.3.40
26.3.40 (Dienstag nach Ostern)
30.3.40
6.4.40
7.4.40 (Sonntag)
10.4.40
14.4.40
24.4.40
30.4.40
5.5.40
8.5.40
10.5.40
11.5.40
12.5.40 (Pfingstsonntag)
13.5.40
14.5.40
17.5.40
20.5.40
28.5.40
22.6.40
24.6.40
8.7.40
4.8.40 (Sonntag)
25.9.40
26.9.40
28.9.40
5.10.40
10.10.40
13.10.40
20.10.40
28.10.40
5.11.40
14.11.40
21.11.40
3.12.40
4.12.40
9.12.40
1941
4.1.41
5.3.41
8.3.41
24.3.41
28.3.41
6.4.41 (Sonntag)
8.4.41
9.4.41
10.4.41
15.4.41
30.4.41
3.5.41
4.5.41 (Sonntag)
6.5.41
8.5.41
14.5.41
16.5.41
18.5.41 (Sonntag)
19.5.41
21.5.41
23.5.41
25.5.41
27.5.41
28.5.41
30.5.41
3.6.41
3.6.41 abends
4.6.41
5.6.41
6.6.41
15.6.41
16.6.41
18.6.41
21.6.41
22.6.41
22.6.41
23.6.41
24.6.41
4.7.41
5.7.41
6.7.41 (Sonntag)
8.7.41
9.7.41
11.7.41
12.7.41
14.7.41
15.7.41
17.7.41
18.7.41
19.7.41
20.7.41 (Sonntag)
22.7.41
25.7.41
26.7.41
28.7.41
30.7.41
2.8.41
4.8.41
5.8.41
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11.8.41
13.8.41
14.8.41
15.8.41
17.8.41 (Sonntag)
26.8.41
29.8.41
1.9.41
6.9.41
8.9.41
9.9.41
12.9.41
13.9.41
14.9.41
15.9.41
19.9.41
20.9.41
27.9.41
29.9.41
3.10.41
6.10.41
9.10.41
10.10.41
12.10.41 (Sonntag)
19.10.41 (Sonntag)
20.10.41
22.10.41
24.10.41
27.10.41
29.10.41
7.11.41
8.11.41
13.11.41
17.11.41
18.11.41
25.11.41
27.11.41
3.12.41
8.12.41
10.12.41
11.12.41
14.12.41
1942
3.1.42
11.1.42
17.1.42
19.1.42
24.1.42
27.1.42
2.2.42
12.2.42
13.2.42
15.2.42 (Sonntag)
17.2.42
20.2.42
21.2.42
27.2.42
21.3.42
26.3.42
28.3.42
31.3.42
4.4.42
6.4.42 (Ostermontag)
13.4.42 (Montag)
18.4.42
24.4.42
26.4.42 (Sonntag)
27.4.42
28.4.42
29.4.42
2.5.42
5.5.42
6.5.42
7.5.42
9.5.42
14.5.42
17.5.42
20.5.42
22.5.42
23.5.42
27.5.42
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31.5.42
2.6.42
4.6.42
5.6.42
7.6.42 (Sonntag)
10.6.42
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18.6.42
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3.9. - 27.9.42
28.9.42
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6.10.42
7.10.42
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2.12.42
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10.12.42
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1943
3.1.43
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28.1.43
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21.2.43 (Sonntag)
22.2.43
23.2.43
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6.3.43
14.3.43 (Sonntag)
17.3.43
21.3.43 (Sonntag)
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24.4.43
26.4.43
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18.5.43
19.5.43
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14.6.43 (Pfingstmontag)
18.6.43
20.6.43
21.6.43
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14.7.43
20.7.43
21.7.43
22.7.43
26.7.43
4.8.43
7.8.43
12.8.43
13.8.43
18.8.43
21.8.43
27.8.43
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5.10.43
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10.10.43 (Sonntag)
12.10.43
17.10.43 (Sonntag)
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29.10.43
7.11.43
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16.11.43
19.11.43 (Sonntag)
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23.11.43
26.11.43
27.11.43
28.11.43 (Sonntag)
2.12.43
6.12.43
8.12.43
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4.1.44
7.1.44
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23.1.44 (Sonntag)
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3.6.44
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13.6.44
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20.7.44
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1945
1.1.45
5.1.45
11.1.45
15.1.45
18.1.45
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17.4.45
22.4.45 (Sonntag)
25.4.45
30.4.45
4.5.45
5.5.45
11.5.45
Nachwort
Anmerkungen
1939
September 1939
Oktober 1939
1940
Januar 1940
Februar 1940
März 1940
April 1940
Mai 1940
Juni 1940
Juli 1940
September 1940
Oktober 1940
November 1940
Dezember 1940
1941
Januar 1941
März 1941
April 1941
Mai 1941
Juni 1941
Juli 1941
August 1941
September 1941
Oktober 1941
November 1941
Dezember 1941
1942
Januar 1942
Februar 1942
März 1942
April 1942
Mai 1942
Juni 1942
Juli 1942
August 1942
Oktober 1942
November 1942
Dezember 1942
1943
Januar 1943
Februar 1943
März 1943
April 1943
Mai 1943
Juni 1943
Juli 1943
August 1943
September 1943
Oktober 1943
November 1943
Dezember 1943
1944
Januar 1944
Februar 1944
März 1944
April 1944
Mai 1944
Juni 1944
Juli 1944
September 1944
Oktober 1944
November 1944
Dezember 1944
1945
Januar 1945
Februar 1945
März 1945
April 1945
Mai 1945
Nachwort
Editorische Notiz
Quellennachweise
Wir hängen am Radio und suchen Nachrichten aufzufangen. Der Warschauer Sender schickt Musik in den Äther, Symphonisches und dergleichen, dazwischen Meldungen, die regelmäßig mit »Uwaga, Uwaga!«[1] beginnen und unverständlich sind. Sonderbarer Eindruck. Krieg in Polen[2] und dazu diese Musik. Die Funktion des Radios, das als Geräuschkulisse nicht ausfallen darf.
Morgens müssen wir uns eine Zentnerlast vom Herzen schieben, um aufstehen zu können. Wir erheben uns sonst immer frisch und munter um 6 Uhr, selten später, aber jetzt ist’s das Gegenteil: ein furchtbares Gefühl nach dem Erwachen, ein unbeschreibliches Grauen, ein Alpdruck, man möchte die Menschheit verfluchen. Kaum weniger grauenhaft abends, wenngleich nicht so kraß, wenn wir, um ein wenig frischere Luft nach dieser Hitze zu schöpfen, nach den Kanalwiesen gehen. Kein Hauch in der Luft. Die Dämmerung über den schweigenden Wiesen, Lautlosigkeit. Im Südosten der rotglühende Stern, der Mars, und ein bitteres Gefühl in der Brust. Die Riesenhaftigkeit eines heraufbeschworenen Schicksals über Millionen, eines unmenschlichen Schicksals.
Inzwischen haben nun England und Frankreich den Krieg erklärt[3]. Da England die Garantie an Polen gegeben hatte, war das zu erwarten. Die ersten britischen Flieger über Hamburg.
Hitlers Rede vor dem Reichstag: wenn man das so hört und liest, »möchte es leidlich scheinen, allein –« ja, wenn einen nicht das Mißtrauen angesichts dieser Erklärung beseelte. Interessant die Ausführungen über den Pakt mit Rußland. Mit einem Mal, da Sowjetrußland seine Doktrin nicht nach Deutschland zu exportieren gedenkt, sieht Adolf keine Veranlassung mehr, »daß wir auch nur noch einmal gegeneinander Stellung nehmen sollen!« Der Pakt also schließt »für alle Zukunft« jede Gewaltanwendung aus. Adolf bezeichnete das als eine »ungeheure Wende für die Zukunft«, er erklärte sie für »endgültig«[4]. Der Reichstag jubelte ihm zu, als er verkündete, Rußland und Deutschland hätten sich einmal bekämpft: »Ein zweites Mal soll und wird das nicht mehr geschehen.« Molotows Rede, auf die Hitler bei dieser Gelegenheit hinwies, scheint sehr klar gewesen zu sein, jedenfalls merkt man eine gewisse nüchtern realpolitische Auffassung der Dinge insofern, als er offen von Verhandlungen mit den Westmächten sprach, auch militärischen, die zu nichts führten, angeblich vor allem wegen der Weigerung Polens, von der Sowjetunion militärische Hilfe anzunehmen, worin England Polen, nach Molotows Behauptung, sogar unterstützt haben soll. Die Standpunkte Englands und Frankreichs, sagte Molotow, seien von »schreienden Widersprüchen« erfüllt gewesen. Ganz offen behauptet er, die Engländer fürchteten von einem Pakt mit Rußland die Stärkung der russischen Position, woraus sich auch die polnische Haltung gegenüber der Sowjetunion ergäbe. Was den Pakt mit uns angehe, so seien unsere Beziehungen früher zwar gespannt gewesen. Aber Stalin habe nun einmal Frieden befohlen und vor den Kriegstreibern gewarnt, die gern »die Kastanien durch andere aus dem Feuer holen lassen«, d. h. Deutschland und Sowjetrußland gegeneinander hetzen möchten. Gewisse »kurzsichtige Personen« hätten sich in Rußland für die »einfältige antifaschistische Agitation« begeistert, aber Stalin habe eine glänzend gerechtfertigte Voraussicht bewiesen. Das alles klingt, noch im Hinblick auf vorteilhafte Wirtschaftsabkommen, durchaus vernünftig. Die Frage ist, wieweit unsere Herren gesonnen sind, den Vertrag zu halten. Man sollte meinen, diese Rückendeckung sei so kostbar, daß man sie unter gar keinen Umständen aufs Spiel setzen würde.
Wir haben, sagte Hitler, seit sechs Jahren über 90 Milliarden an den Aufbau der Wehrmacht gewandt. Er bezeichnet sie als die bestausgerüstete der Welt. Im übrigen möchte er der Umwelt versichern, daß es nie wieder einen 9. November in der deutschen Geschichte geben werde. »Ich habe wieder jenen Rock angezogen, der mir selbst der heiligste und teuerste war«, sagte er, »ich werde ihn nur ausziehen nach dem Sieg – oder – ich werde dieses Ende nicht erleben!«[5] Für den Fall, daß ihm was passiert, wird Göring sein Nachfolger, dann Heß.
In den Lüften herrscht hier über unserer Siedlung endlich Ruhe. Aber ich zöge den Radau vor, wenn Friede wäre. Leute werden einzeln eingezogen, meistens erhalten sie den Gestellungsbefehl nachts, d. h. der Amtsvorsteher persönlich fährt herum und trommelt die Leute aus dem Schlaf. Es sind auch Ältere darunter, Weltkriegsteilnehmer. Allerdings vorwiegend, wie es scheint, solche mit besonderen Fähigkeiten, Kraftfahrer und so.
Ich habe im Luftschutz zu tun: Schnellkurse. Jetzt soll man in zwei Stunden alles durchjagen, was vorher 10 Stunden beanspruchte.
(Aus Gretes Aufzeichnungen): Die deutschen Truppen sind in Warschau eingedrungen, um den Bug und die Weichsel tobt die Schlacht. Bis zur Weichsel ist Polen in deutschen Händen. Heute fiel seit Wochen der erste Regen, unser Garten war fast vertrocknet.
Heinz[6] ist noch in Frankfurt, wir sollen hinkommen, aber wir kommen hier aus finanziellen Gründen nicht los. Jeden Tag wache ich nach schweren Träumen zu der Tatsache auf, daß Krieg ist. Hermann wacht ohne Träume auf, fällt aber regelmäßig einer sehr deprimierten Stimmung anheim, die sich erst langsam im Laufe des Tages bessert.
Mit der Ernährung geht es noch. Fett und Zucker sind knapp. Hier gibt es wenigstens Milch nach Belieben, auch Quarkkäse. Die Stimmung der Bevölkerung ist mäßig.
War heute in Berlin. Mein Lektoratsverhältnis zu S. Fischer ist zum 1. Oktober gekündigt, da wir mit englischer und amerikanischer Literatur nichts mehr machen können. Überdies scheint man bei den Verlegern mehr und mehr mit einer Stillegung der Betriebe zu rechnen, d. h. mit totalem Kriege, Massenverpflegung und dergleichen. Wenigstens rechnet Suhrkamp damit, und es mag ja sein, daß höheren Orts so etwas erwogen wird. Die Stimmung in der Bevölkerung ist trotz der Siege alles andere als begeistert, eher gedrückt. Nur bei Aschinger am Potsdamer Platz[7] sah ich ein paar Spießbürger, die offenbar unter der Einwirkung mehrerer Schnäpse verwegene Redensarten machten. Das sind seltene Ausnahmen.
Dr. v. C.[8], den ich besuchte, war gleichfalls sehr bedrückt und pessimistisch. Erzählte, er sei am Abend vor der englischen Kriegserklärung in einer Gesellschaft von Wirtschafts- und Parteiführern gewesen, wo man zu seinem Erstaunen allgemein in bester Laune der Ansicht war, England werde nicht in den Krieg eintreten. Er war noch nachträglich entsetzt über diese Ahnungslosigkeit. Wir waren uns einig darüber, daß sich die Geschichte zu einem langdauernden Weltkrieg auswachsen werde.
Das Entsetzliche ist dabei die ohnmächtige Erbitterung, die in einem hochsteigt, wenn man an die Lumpen denkt, die das Feuer angezündet haben. Der britische Botschafter Henderson[9] soll von einer seiner letzten Unterredungen mit Hitler mit dem Ausdruck des Abscheus zurückgekehrt sein (»abhorring« soll er gesagt haben), da Hitler schließlich ausgebrochen sei: wie lange er denn auf »seinen Krieg« warten solle, er sei über fünfzig! Dr. R.[10] erzählte mir das, auch er bedrückt und eine böse Zukunft voraussehend.
Täglich hört man hier von diesem und jenem, daß er eingezogen sei, d. h. nachts oder gegen Morgen seinen Gestellungsbefehl bekam.
Wir haben soeben Tee getrunken, an der offenen Balkontür, und aßen Apfelstrudel dazu. Man muß sich das Leben noch ein bißchen angenehm machen. Draußen schüttelt der Wind die Bäume, Regenschauer sprühen vorbei.
Wir wissen noch nicht, was mit unserer Existenz wird und was wir machen sollen. Für den Winter wollen wir nicht hierbleiben. Die Hauptfrage ist die, wo und wie ich Geld verdienen kann. Die ständige Verbindung mit der Frankfurter Zeitung ist recht gut, reicht aber nicht aus. Wir überlegen, ob wir nach Frankfurt zu den Kindern oder nach Göttingen ziehen können, wo wir Freunde haben. Der Zustand hier in dieser Siedlung wird unmöglich. Außerdem meint Grete halb scherzhafterweise: Berlin wird russisch, Göttingen englisch, und wir ziehen englisch vor – wenn’s schiefgeht.
Ich soll mich, auf Empfehlung von Bekannten, bei einer Nachrichtenstelle der Wehrmacht vorstellen, auf Grund meiner paar Sprachkenntnisse, vielleicht öffnet sich mir da ein Pöstchen. Irgendwo muß ich mich unterbringen; da ich über keinerlei technische Fähigkeiten verfüge, werde ich vorläufig vielleicht nicht eingezogen werden und habe Frist, mich nach etwas umzusehen.
Wir erörterten auf einem Spaziergang zum Fleischer (um ein Pfund für uns und eventuell einen Hammelkopf für Jackie[11] zu ergattern) die möglichen Auswirkungen des Krieges. Nur so viel ist uns klar: daß das Zeitalter der Nationalstaaten zu Ende geht. Etwas Neues ist im Werden, wahrscheinlich die Zusammenfassung größerer Räume. Unter welchen Lebensformen sich das vollziehen wird, welche politischen Formen das zeitigen wird, das ist noch dunkel. Jedenfalls erleben wir eine Zeitwende, zu der es schwerlich eine historische Analogie gibt. Vielleicht nur diejenige vor 2000 Jahren – was sofort die Frage aufwirft, ob nicht auch das christliche Zeitalter zu Ende gehen wird. Aber diese Frage ist kaum zu beantworten. Das christliche Zeitalter, d. h. ein solches, das ideell wesentlich und einheitlich christlich bestimmt war, war mit der Renaissance zu Ende, dem Beginn der sogenannten »Neuzeit«, ohne daß man sagen kann, daß sich damit das Christentum verloren hätte. Aber es ist in eine andere Stellung geraten, eine bedrohte Stellung nachgerade: Was passiert, wenn man es bewußt über Bord wirft, das sehen wir hier, das haben wir erlebt und werden wir weiterhin erleben: es war ja, als sei mit der Machtergreifung Hitlers der letzte Boden ausgebrochen, auf dem man nach allgemein gültigen Prinzipien leben kann, den Prinzipien von Treu und Glauben, der Wahrheit mit einem Wort. Daher kommt der deutliche Eindruck, daß ein Regime auf einer solchen Bodenlosigkeit fortwährend »kämpfen« muß, um nicht sofort unterzugehen, wie ein Mensch im Wasser, der sich durch dauerndes Schwimmen am Leben erhalten muß. Siehe den Rußland-Pakt: man greift nach jedem Anhalt, der etwas Atemholen verstattet. Aber das ist schließlich eine Sache der Politik, die nur beweist, wie wenig an diesen säkularen »Ideen« dran ist. Es sind in Wirklichkeit keine Ideen.
Meine Vorstellung bei der Wehrmachtsstelle verlief ergebnislos, scheiterte eigentlich daran, daß ich nicht Offizier gewesen bin, trotz der Empfehlung durch Major W. Mußte gleich darauf, da eine Empfehlung durch denselben Herrn einlief, zu einer anderen Stelle, irgendeine Presseabteilung des Reichswehrministeriums oder wie sich das nennt, mit demselben Erfolg. Ich bin nicht sehr geeignet, mich selbst zu repräsentieren, und war daher von vornherein ziemlich skeptisch. Mich interessierte in dem Betrieb, wo ich eine Weile warten mußte, um dann von einem Herrn zum anderen gereicht zu werden, nur eins: die Typen der Offiziere. Offensichtlich bediente sich keiner von ihnen der nasolistischen Umgangsformen mit Überzeugung. In einem Zimmer erhob sich ein unglaublich vornehm aussehender Oberstleutnant mit Monokel (an der Tür las ich im Halbdunkel einen Namen aus dem Hochadel), der mit unnachahmlicher Höflichkeit, einem amüsanten Gemisch von Hochnäsigkeit und ausgesuchter Courtoisie Bescheid gab – ich dachte bei seinem Anblick unwillkürlich: wenn du deinen obersten Kriegsherrn, den ehemaligen Gefreiten, nicht aus Herzensgrund verachtest, genau wie deine Kollegen hier in diesem Bau, dann ist 2 mal 2 fünf, und trotzdem arbeitet ihr Herren hier wie die Berserker für ihn. Sonderbar …
Die Frankfurter Zeitung nimmt meine Feuilleton-Artikel gut auf. Zur Zeit unsere einzige Einnahme. Es soll demnächst neue Lebensmittelkarten geben, auch für Brot und Kartoffeln.
Unser Wald hier hängt voll von regenschwerem Dunst und sieht märchenhaft aus. Es würde mir doch schwer werden, ihn zu verlassen.
(Aus Gretes Aufzeichnungen): Hermann ist mit dem heutigen Tage aus dem Verlag S. Fischer ausgeschieden. Gestern aber kam eine Eilkarte von Noli[1] aus Göttingen, Hermann möchte sofort kommen, weil dort eine Stelle als Lektor für Englisch an der Universität frei sei, und so ist er heute früh abgereist. Wir wagen nicht zu hoffen, daß etwas daraus wird, vielleicht findet sich aber ein anderes bescheidenes Pöstchen, damit wir überhaupt dorthin kommen können. Dort herrscht die Luft, die ich am liebsten atmen möchte … Göttingen erscheint mir nach allem Unglück, das uns betroffen hat, wie ein Refugium. Die Kinder in Frankfurt haben uns herzlich eingeladen, aber jetzt muß sich erst die Göttinger Angelegenheit klären.
Finanziell sind wir ungefähr wieder in der Lage wie vor fünf Jahren, mit dem Unterschied, daß unsere chronische Geldknappheit uns nicht dazu kommen ließ, unsere Kleidung auf der Höhe zu halten. Mit unserem Schuhwerk, mit Wäsche usw. sieht es schlimm aus. Und jetzt gibt es Kleidung nur auf Bezugsschein, und es soll schwierig sein, einen zu erhalten. Sie sollen nachprüfen kommen, ob man auch wirklich Schuhe usw. braucht.
(Aus Gretes Aufzeichnungen): Gestern und vorgestern war ein Packer hier und hat alles für den Umzug fertig gemacht. Wir haben allerdings für den Umzug kein Geld, müssen also die Sachen hierlassen, stellen alle Möbel in ein Zimmer zusammen und vermieten das übrige. Auf Huuks[2] Empfehlung haben wir gute Mieter gefunden, ein älteres Ehepaar mit Tochter, die sich des Gartens annehmen werden. Jackie werden wir aber bei Huuk lassen müssen. Wir wollen auf alle Fälle nach Göttingen, obwohl aus der Lektorstelle nichts geworden ist, jedenfalls haben wir seit Hermanns Rückkehr nichts mehr davon gehört.
Wir sind beide deprimiert, wir haben so gut wie kein Geld, Hermann keine Stellung. Wie das werden soll, wissen wir beide nicht. Wenn in Göttingen nichts zu machen ist, fahren wir nach Frankfurt. Hier zu bleiben ist zwecklos, die Versorgung wird immer schwieriger, sowohl mit Lebensmitteln wie mit Kohlen, da die Siedlung zu abgelegen ist. Vor allem können wir hier nicht in der Einsamkeit bleiben.
Die Heere wälzen sich jetzt nach dem Westen, jetzt beginnt der eigentliche Krieg.
17 Grad Kälte, vor einigen Tagen waren es 20 Grad. In der Neujahrsnacht, als wir zur Johanniskirche gingen, begann es zu tauen, auf dem Rückweg von der Silvesterandacht fror es wieder. Der erste Kriegswinter scheint sehr streng zu werden.
Unsere Wirtsleute Gantler – wir haben hier ein möbliertes Zimmer mit Schlafkammer gemietet, in sehr hübscher Lage – klagen über Kohlenmangel, so daß wir in das enge Schlafzimmer verbannt sind, wo man sich kaum rühren kann. Sie selbst sitzen heute noch im Wohnzimmer, man könnte beinahe auf den Gedanken kommen, daß sie nur auf unsere Kosten sparen wollen. Die Alte brächte es fertig. Trotzdem sind wir froh, hier zu sein und nicht mehr in Schönwalde.
Der Krieg bietet Aussicht auf Erweiterung: Finnland als Anbau, Skandinavien einzubeziehen[2]; Kaukasus-Front gegen Rußland, englisch-französische Expeditions-Armee zu diesem Behuf in Vorderasien. Die Botschafter der Alliierten haben Moskau verlassen. Der russische Botschafter in Rom reiste ab, ehe er sein Beglaubigungsschreiben übergeben hatte, und der italienische Botschafter Roms in Moskau ist daraufhin abgefahren. Alles »Erholungsurlauber«[3].
Mietes[4] schicken aus der Schweiz irgendeinen Heu-Tee, den wir hier auch haben.
Wir haben hier alte Freunde wiedergetroffen und leben nicht mehr wie Eremiten. Meine Bemühungen um eine Stelle waren allerdings vergeblich. Die Lektorstelle sowohl wie eine Möglichkeit an der Universitätsbibliothek, aus beidem wurde nichts. Wenn man nicht Pg. ist, schließen sich die Türen eher, als daß sie sich öffnen, obwohl der Dekan der Philosophischen Fakultät wie der Direktor der Bibliothek keinen sehr nationalsozialistischen Eindruck machen. Man riecht das ja sehr bald heraus, wes Geistes Kind die Leute sind. In sechs Jahren gewinnt man Übung darin. Vorderhand sind wir aber, was Einnahmen anbelangt, etwas gedeckt. Denn als wir gerade sozusagen am ratlosesten waren, kam ein Angebot des Scientia-Verlages[5], ein Buch aus dem Amerikanischen zu übersetzen, O. D. Russels Buch über die Mitsuis, mit einem anständigen Honorar, das uns eine Weile über Wasser hält.
Las in Aldous Huxleys Ends and Means[6] – er meint einmal, daß das Ergebnis eines Krieges gegen den Faschismus der Faschismus im eigenen Lande sein würde. Das haben schon manche Engländer und Amerikaner gesagt. Ob sie recht haben oder nicht: jedenfalls unterminiert dieser Krieg nicht nur die letzten Fassaden der bürgerlichen Kultur, die Europa darstellt und immerhin erlauchte Ahnen hat, sondern auch die Ideologie derer, die ihr den Todesstoß versetzen. Insofern hat dieser Totentanz unechter Ideen immerhin sein Gutes. Der militärische Ausgang der Sache kann daher, geschichtlich gesehen, vergleichsweise nebensächlich sein. Denn am Ende werden alle auf den nackten und sehr harten Boden der Tatsachen zu sitzen kommen, was sehr ungemütlich sein wird, besonders für diejenigen, die das nicht voraussehen wollen oder können.
Heute morgen 12°. Windstill, herrliches Wetter. Erkundigung beim Spediteur wegen Umzug. Gingen nachmittags spazieren und sahen zwei Wohnungen in der Langemarckstraße, teuer und wenig anziehend. Wir hausen nun also im Schlafzimmer, wollten morgen König[7] bei uns haben, was jetzt natürlich nicht geht. König kommt Dienstag weg. Habe ihn, seit wir zurück sind, noch nicht gesehen. Bin im Arbeiten behindert, man braucht doch ein Minimum an Bequemlichkeit.
Heute kam der Vertrag mit Carl Heymanns Verlag[8] wegen des Mitsui-Buches zurück. Also abgeschlossen mit 1000,– RM Honorar, was ich nicht zu hoffen wagte. Grete triumphierte.
Brief an Pfeiffer. Er läßt nichts von sich hören. Geht ihm vielleicht schlecht.
Die Erzählung Eva und der Heimkehrer[9] kam heute unerwartet von der Buch- und Tiefdruckgesellschaft, haben sie gleich an den Weyrauch[10] geschickt, der offenbar nichts unternommen hat.
Nachricht in der Zeitung, daß Hore-Belisha[11] und Macmillan[12] (Informations-Minister) zurückgetreten sind. H.-B.: schade, man konnte aus seinem Namen (Horeb-Elisa) und seiner Abstammung so herrliches Kapital schlagen – »marokkanischer Jude«! Im übrigen unbekannt, warum die beiden verschwanden. Die englische Gewohnheit, die Ministerien offenbar Nicht-Fachleuten anzuvertrauen (H.-B. wurde das Handels-Ministerium angeboten, hat aber abgelehnt), mutet einen jetzt doch sonderbar an.
Abends um 9 Uhr 4° Kälte, also Milderung. Wir gingen nachmittags spazieren auf den Feldern; aus Westen zog eine Wolkenbank auf und ließ Wetteränderung vermuten. Dann begegneten wir Frau Kaltze, die berichtete, das Barometer sei gefallen. Und eben eilte Frau Gantler, die Alte, herbei, um die Freudenbotschaft des Temperaturanstiegs zu verkünden. Sie war ganz aufgeregt, als habe ein Erdbeben sich beruhigt.
War Vormittag bei König, der morgen nach Hannover abreist. Dieser feine Mensch ist alles in allem durch diese Zeit aus dem Kahn geworfen. Pfeiffer soll eine Bereitstellungs-Order erhalten haben, erzählte er. Sonderbar, daß Pfeiffer uns nicht schreibt; man ist das gewohnt, aber mir scheint oft, daß das in seinem Verhältnis zu uns begründet liegt. Das Gefühl, als seien wir ihm manchmal schwer zu ertragen.
Heute abend wieder 14 Grad Kälte, wie die Alte soeben jammernd verkündete. Schrieb heute an Ledig[13], Verlag Rowohlt, wegen der Erben des Schwertes[14] und schicke ihm morgen das Manuskript zu.
Aus der Zeitung folgender Ausschnitt:
Auf das tiefste getrübt …
Im Tageblatt wird der Rücktritt Hore-Belishas auf seine jüdische Rasse zurückgeführt, mit der Begründung, das »Weltjudentum« wolle sich nicht mit einem Genossen belasten, der den Krieg bisher erfolglos geführt habe. »Das feige Judentum ist nicht gewillt, mit der Verantwortung hierfür – einen Juden zu belasten.« So schreibt das Göttinger Tageblatt dazu. Die frühere demokratische Zeitung gibt’s natürlich nicht mehr. Es gibt hier zwei Zeitungen, das Tageblatt und die Nachrichten, letztere das Organ der Partei, aber in seiner Haltung vom ehemals deutschnationalen Tageblatt weit übertroffen.
Heute war Rabbow-Kreis[15] bei Lises[16]; Ehrenberg[17] las seine Metabiologie weiter vor, in dem gleichen monotonen Tonfall, der das Verständnis sehr erschwerte.
Hinterher zuerst großes Schweigen. Rabbow, in der Mitte präsidierend, begann dann etwas herauszugreifen – Glaube und Liebe, Du und Ich, verneinte das Es des schöpferischen Tuns. Eine alte Dame meinte auf dem barbarisch kalten Heimwege, Glaube und Liebe seien sehr schön, aber der Mensch müsse auch arbeiten – was Rabbows Einwand mit etwas nüchterneren Worten traf. Grete war das Ganze, d. h. die spirituelle Seite, ziemlich lächerlich; und man muß zugeben, daß etwas [unlesbares Wort] daran ist. Rabbow, der beinahe böse aussah, kündigte fürs nächste Mal an, daß man sich bei ihm einfinde, um etwas über »Kampf um Gott« zu vernehmen, und ersuchte, Bibeln mitzubringen. Ich erschrak fast. Im übrigen amüsant, so verschiedene Menschen zu sehen.
Abends 13° Kälte. An Milderung nicht zu denken.
Nachts steigt die Kälte wieder auf 25 Grad. Es gibt Kohlen! Aber unsere Wirte scheinen mit ihrem Lieferanten so schlecht zu stehen, daß sie keine Kohlen bekommen zu können behaupten.
Wenn doch die Natur ein Einsehen hätte und durch geeignete Maßnahmen ein Ende dieses absurdesten aller Kriege erzwänge! Aber ihre Mittel haben an Drastik viel eingebüßt, seit ihr jüngstes Kind ihr hinter die Schliche gekommen ist. Ehrenberg mag schon recht haben: der Mensch ist das Unwahrscheinlichste in der Natur, nichts war auf ihn angelegt. Aber er ist nun einmal da und muß selbst herausfinden, wozu er eigentlich da ist. Im Entscheidenden scheint er durchaus wider die Natur zu sein, wie Gott. Aber seit dieser weggedacht ist, ist das Rätsel noch größer. Denn welchen Sinn hat es, wider die Natur zu sein, wenn man nicht Gott ist, der »Schöpfer des Himmels und der Erden«. Dies ist der Mensch zweifellos nicht. Die Natur hat ihn doch irgendwie hervorgebracht, nicht umgekehrt. Vielleicht war’s ein Zufall; aber ein folgenschwerer Zufall. Denn in diesem ihrem Sohn kann die Natur sich selbst denken, sofern es wirklich ihr Sohn ist. Dies wiederum erscheint fraglich, weil die Natur selbst offenbar kein Bewußtsein ihrer selbst hat. Um dies durch Hervorbringung des Menschen haben zu wollen, müßte die Natur es schon haben, ein circulus vitiosus, der nun zweierlei offen läßt: entweder ist der Mensch ein Zufallsprodukt oder planmäßig erschaffen. Dies letztere aber brächte die Natur allein nicht zuwege. Dazu gehört ein planendes Wesen. Also Gott.
Die Kälte ist gebrochen. Seit Sonntagmorgen leichtes Tauwetter, bei dem man sofort die scharf erquickende Luft vermißt, die einem auf den Backen brannte und die Lungen ausfegte.
Im Hause Gantler zeitigte der Wetterumschlag Steigerung der bösartigen Stimmung. Morgens sah man den Alten wie einen gnomenhaften Dämon aus der Küche stürzen, mit Rutenhieben auf die Finger des Kleinen, der sich jämmerlichst bei seiner Mutter verkroch. Diese hat, wie Grete erzählte, den Vormittag geweint, sie scheuert und staubsaugt unsere Zimmer, küßte Grete die Hand und rief, daß ihr für sie (Grete) nichts zuviel und zu schwer sei. Es sind grotesk-schauerliche Verhältnisse. Die Alte ist ein Satan. Aber alles wäre unerheblich, wenn das Kind nicht dazwischen stünde und so verdorben wird. Aus dem von Natur gutartigen, durchaus intelligenten Jungen kann was Schlimmes werden, und Schuld daran trägt die unmögliche Frau und vor allem die Alte mit ihrer Rohheit.
Den Sonntagabend bei Rabbows. Friedlich angenehmer Abend.
Vormittags kommt öfter ein Kindergarten vorbei, und da habe ich die kleinen Spuze folgendes singen hören: »Auf der Insel lebt ein Lügenschwein, und das heißt Chamberlain!« nach der Melodie des Erika-Liedes[18].
Man möchte die Erwachsenen an den Ohren aufhängen und auspeitschen, wenn man sieht, was sie mit Kindern anfangen. Glücklicherweise haben Kinder etwas, das sie wenigstens einigermaßen schützt: ihre unbefangene Intelligenz, die den meist ahnungslosen Erwachsenen sehr gut durchschaut, sich durch Mimikry anpaßt oder durch Lügen schützt vor der Dummheit, der Brutalität, der Ich- und Geltungssucht dieser sonderbaren Lebewesen …
Gestern morgen 15°, heute abend 19° Kälte. Die Alte hebt ihren Jammer wieder an. Sahen heute eine Wohnung im Friedländer Weg, verzichteten aber darauf.
Heute morgen 26°.
Unser Wohnzimmer aber ist recht behaglich warm geworden, trotz des Kohlenjammers der Alten.
Morgens 25°, heute abend »nur« 16.
Zum Geburtstag von Heinz und Sophiechen eine Flasche Sekt, anderes soll noch kommen. Grete ist erkältet, wir gehen kaum aus. – Heute große Enttäuschung. Herbig schickte die Novelle zurück, Zusatz des salbungsvollen Weyrauch, daß sie »viel zu lang sei«. Wir hatten schon so damit, im wahrsten Sinne des Wortes, gerechnet.
Heute abend das III. Kapitel des 2. Teils[19] beendet und Grete vorgelesen.
Seit zwei Tagen Milderung, höchstens 9°. Der Wind schlug am Dienstag um. Heute starker Nebel.
Seit einigen Tagen milder. Die Kohlenversorgung soll jetzt von der Partei je nach dem wirklichen Bedarf geregelt werden. Niemand weiß, woran es eigentlich liegt, wahrscheinlich an den Transportverhältnissen. – Auf den Kriegsschauplätzen immer noch Stille.
Unsinniges Geschwätz von einer Flotte der Luftwaffe, die Truppen, Maschinengewehre und Ponies (!) in England landen sollen.
Brief von Reisiger[20] und seinen Nöten. Sympathischer Mensch. Las dieser Tage Jüngers Auf den Marmorklippen mit sehr gemischten Gefühlen. Die Thematik sagt unbedingt zu, und die Suggestionskraft dieser Phantasie besticht: trotz des relativ geringen Umfangs wirkt das Ding, als hätte es enorme Detonationskräfte in sich. Mich wundert beinahe, daß das durchgeht. Zunächst störte mich das panoramahaft Arrangierte der Szenerie, die Figuren, die sich, wie verkleidet, in einem unorganisch-unwirklichen Raum bewegen: sozusagen Europa in starker Diminuation, so daß man zu Fuß durch Kulturen geht, die Tausende von Kilometern sich ausbreiten … Bis mir aufging, daß man das Ganze lesen muß wie den Bericht eines Traums. Die überdeutlich lucide Klarheit, die manchmal Träume haben, wozu denn auch der enorme Alpdruck gehört. Vielleicht ist das überhaupt der Schlüssel zu Ernst Jüngers Werk: Traum, Romantik, aber mit lateinischer Klarheit der historischen Sicht.
Es ist grauenhaft, und es gehört eine große Tapferkeit dazu, das zu ertragen.
Noli borgte uns ein Buch: Aufzeichnungen einer russischen Krankenschwester[21] im vorigen Kriege, die im Lazarett Gesprächsfetzen russischer Soldaten aufnotiert hat, heimlich mitstenographiert, damit sie’s nicht merkten und unbefangen blieben. Darunter gibt es Erstaunliches wie dies: »Es kommt mir so vor, als ob ich die einfachsten Dinge nicht verstehe, als wären mir alle Worte fremd. Wenn ich Worte höre, z. B. Brot oder Tisch oder Hund, stehe ich wie ein Klotz da. Das Wort kommt mir so wunderlich vor, als wenn ich ein kleines Kind wäre und das Wort zum ersten Male hörte. Ich meine, das kommt alles vom hiesigen Leben. Der Krieg ist wohl kein Traum, aber auch kein richtiges Leben.« Was für eine tiefe und richtige Erfahrung! Oder dies: »Am meisten sehne ich mich hier nach den Vögeln. Ich bin ja ein Vogelfänger und Jäger … Aber hier gibt es keine Vögel. Ein Vöglein zwitschert hier nur ganz kurz und verliert wegen der Schießerei jede Lust an dieser Gegend. Für mich ist das Schweigen der Vögel wie ein Donner …« – »Wir machen so viel Ehrenbezeugungen, daß für uns selbst keine Ehre mehr übrigbleibt.« Und dies: »Behalte deine Gedanken für dich und dulde – das ist die einzige Wissenschaft. Die übrigen Wissenschaften dienen nur dazu, um alles um uns herum schöner zu machen, damit es angenehmer sei, über alles bei sich selbst zu denken. Das Wichtigste aber bleibt immer dasselbe. Man kommt ohne dies nicht durchs Leben, und wenn man noch so gut zu lesen versteht.« – »Es ist, wie wenn ein unsichtbares Netz ringsum gespannt wäre … Wir gehen sorglos umher, bis wir in dieses Netz geraten … Ist man aber hineingeraten, so ist es gleich um die Menschenseele geschehen.« – Was ist das für ein Volk, das derartiges zu denken imstande ist! Wie mag der Kommunismus darauf gewirkt haben, man weiß es nicht. Das ist es eben: in der Tiefe leben die Völker, die Menschen, und bleiben unerkannt, und es gibt kein System, das in diese Tiefe hinabreicht, mag es im übrigen so viel verändern als es will.
Heute morgen 6°. Bedeckter Himmel. Der Schnee liegt etwa 40 cm hoch, und es schneit immer wieder. Es ist einer dieser Winter im 10- bis 14-jährigen Turnus: 1917/18–1929/30–1939/40. Der nächste ist also in dem Jahre von Goethes 200jährigem Geburtstag zu erwarten.
Am letzten Sonntag machten wir herrlichen Schneespaziergang über Bismarckstein nach der Herberhäuser Bergleite, mit dem Blick ins Tal. Machten gestern Anstandsvisite bei Rabbows, die aber nicht zu Hause waren oder so taten.
Von Ledig (Verlag Rowohlt) eine sehr originelle Heiratsanzeige. Vorne Klein-Dorrit[22] und hinten die Bärenbraut[23]. Die Arbeit am Roman geht langsam, immer noch am IV. Kapitel des 2. Teils. Grete probiert einen historischen Roman aus der Zeit des Deutschen Ordens, wohl angeregt durch S. Undset[24]. Schrieb frisch drauflos, weiß nun aber nicht weiter.
Morgens 15° Kälte.
Heute abend bei Rabbows zu mitgebrachtem Abendbrot.
Gestern abend Rede Hitlers[25]; da wir kein Radio haben, konnten wir sie nicht hören. Zum Teil war sie eine Antwort auf Daladiers[26] Ankündigung eines »totalen Krieges«. Man kann gespannt sein, wie sich das ausnehmen wird – wenn nicht Daladier eine große Offensive von unserer Seite erwartet. Schnee und Kälte, die alles lahmlegen, lullen die Menschen in ein trügerisches Sicherheitsgefühl ein, als könnte es immer so weitergehen …
In der Frankfurter Zeitung stand eine Notiz, wonach russische Blätter, auch die Prawda, sich in unfreundlichen Tönen über die innere Lage Italiens, Abessiniens und vor allem über die Finnland-freundliche Haltung Italiens äußern. In gewisser Hinsicht stellt Italien jetzt das Zünglein an der Waage dar.
Die Verbote, ausländische Sender zu hören, sind erneut in Erinnerung gebracht worden, mit Zuchthaus- und Todesstrafe.
Übrigens vergeht kaum ein Tag, an dem nicht die Todesstrafe verhängt oder vollzogen wird: für Raub bei Verdunkelung, Betrug an Soldatenfrauen und Landesverrat und ähnliches. Einer Frau, die sich mit einem polnischen Gefangenen eingelassen hatte, schnitt der zuständige Kreisleiter persönlich die Haare ab.
Stimmt das? Zunächst muß man sagen, daß ihrer noch beträchtlich viele sind, die »zäh abseits verharren«. Sodann läßt sich weiterhin sagen, daß Hitler sehr recht daran tat, wenn er bei Kriegsausbruch es unterließ, das Volk um seine Zustimmung anzugehen: es hätte sich etwa mit 60–80 v. H. gegen den Krieg erklärt. Aber so kann man die Frage wohl gar nicht stellen. Es ist vielmehr so, daß das Volk, im ganzen genommen, keine Verantwortung mehr empfinden kann für das, was geschieht, und insofern allerdings ihm »alle Hände entgegenstreckt«: weil es nichts anderes weiß, als daß der Führer, wenn er etwas tut, auch wissen muß, warum und wozu er es tut. Die Verantwortung lastet auf ihm vollkommen eindeutig, also muß sich das Volk an ihn halten …
Anruf von Ledig, den mein Roman sehr zu interessieren scheint. Aber Suhrkamp hat vorläufig den Vortritt.
Immer noch schneidend kalt. Ostwind. In Belgien soll Tauwetter herrschen.
Heute ist Heinzens Geburtstag. Er und Sophiechen, sie sind das Glücklichste in unserem Leben.
Man erzählt sich jetzt, mit den Kohlen sei es »aus«. Es seien 300 Waggons mit Kohlen angekommen, die aber beschlagnahmt seien. Von wem und wozu, konnte man aus den Gantlern nicht herauskriegen. Die Alte meinte, das gäbe eine »Kohlenrevolution«. Die Alte sähe wahrscheinlich auch das Jüngste Gericht als einen Angriff auf ihre Privatbehaglichkeit an. Immerhin scheint es mit der Organisation der Kohlenlieferung nicht zu klappen. Von dem mit so viel Gerede umgebenen Versorgungsplan der Partei merkt man nichts mehr. Aber es kann auch sein, daß die Sache mit diesem Plan zusammenhängt.
Der gestrige Abend bei Rabbows sehr angenehm. Er ist doch sehr alt für seine 72 Jahre, wirkt wie 80. Eine gewisse Milde, wenn nicht Güte, auch Heiterkeit, aber alles doch sehr greisenhaft – nach 2 Stunden wird es ihm offenbar schwer.
Seit zwei Tagen Tauwetter, anfangs zögernd, dann durchgreifend, so daß der Schnee von den Dächern saust.
War vorgestern (Sonntagvormittag) bei Delfossens[1], die uns zu Donnerstagabend einluden. Von Pfeiffer keine Nachricht, auch Delfoss wußte nichts. König soll wieder da sein.
Die Zeitung macht ein großes Wesen von den U-Booterfolgen, die aber hinter denen des Weltkrieges sehr weit zurückstehen[2].
Ich kann das Wort aus Guardinis Dantebuch[3] nicht vergessen, von der sonderbaren, geheimnisvollen Fähigkeit dieses Zeitalters, Unwahrheit zu ertragen.
Wir haben zur Zeit Guardinis Buch über Pascal[4] zur Verfügung. Zum ersten Male eigentlich lese ich damit etwas, was mir bezüglich des Glaubens und des Christentums eine deutliche und geordnete Anschauung bietet. Ich verstehe das alles mit einem Mal.
Grete äußerte einige Scheu davor, ich könnte womöglich eine »Erleuchtung« bekommen. Ich muß darüber lachen, aber diese Scheu erklärt sich aus den abstoßenden Wirkungen, die wir hier und da an scheinbar »Erleuchteten« erfahren haben, die in Zungen zu reden beginnen und Worte trinken wie Wasser. Aber ich bin ziemlich gewiß, daß eine Erleuchtung, wenn ich sie je hätte, mich nicht beredsamer oder überhaupt viel anders machen würde. Höchstens ruhiger und anspruchsloser, aber bestimmt nicht verdreht. Das Entscheidende in jedem echten Glauben, meine ich, sei das Verwirklichende und nicht das Wort, so unentbehrlich dieses ist. Es kommt nämlich unter Umständen dazu – und unsere Zeit neigt dazu vor allen –, mit dem Wort eine Art Fetischdienst zu treiben, wie dies auf weltlichem Gebiet hundertfach geschieht und im protestantischen Sektenwesen ebenfalls und seit langem zu Hause ist (vielleicht liegt sogar im protestantischen Verhältnis zum Wort eine der Quellen der modernen politischen Wortgläubigkeit). Es ist, als seien dann die Worte mit einer Art Klebstoff behaftet: wer sie anrührt, kommt nicht mehr davon los. Mehr noch: so ein Wort kann zünden und Tatbestände schaffen, wie man es im politischen Leben allzu oft erfährt. Aber das alles ist nicht Glaube. Es ist eine Art Fetischismus, Aberglaube, und wieviel davon auch im religiösen Leben vorhanden ist, kommt wohl wenigen zu Bewußtsein.
So kommt es, daß der Mensch die säkularen Gedanken so leicht mit Ideen verwechselt und seine Glaubensfähigkeiten auf etwas richtet, was seiner Natur nach nicht Gegenstand des Glaubens sein kann.
»Ich glaube an Deutschland« – was heißt das? Ich bin Deutscher, dies zu sagen hat Sinn. Aber wie kann ich an Deutschland glauben, oder gar an ein »ewiges« Deutschland? Wenn ich genau weiß, daß Deutschland ebensowenig ewig ist wie Frankreich oder China? Aber diese Verewigung beherrscht die Sinne in einer Weise, die, konsequent durchgedacht, nur Grauen erregen kann. Wen soll nicht ein Grauen befallen, wenn er etwa Bainville[5] liest, der in dem deutsch-französischen Verhältnis keine andere Idee zu finden vermag als die, auf Kosten des Nachbarn zu leben, ein Gedanke, der Bainvilles deutschen Brüdern im Geiste denn auch wohl imponiert …
Von solchem Ideen-Ersatz bzw. Ideologien lebt die heutige Welt, und dieses Zeitalter hat zugleich die geschichtliche Funktion, sie sämtlich ad absurdum zu führen. Und Adolf der Große, ohne es im geringsten zu merken, führt den Prozeß am gründlichsten durch.
Es friert wieder. Nicht sehr stark, aber es erbittert einen sozusagen.
An solchen Tagen merkt man, wie einem der Kriegszustand zusetzt, und zwar vor allem der moralische Zustand. Wir hörten von einer »Instruktion«, die ein aktiver Offizier in Polen ausgegeben haben soll und, eben weil sie von anständigem Geiste getragen war, allerhand Rückschlüsse zuläßt. Mit einem Male sah man wieder das Trümmerfeld, das wenige Jahre geschaffen haben. Und wer baut das wieder auf? Der Offizier, der seine Leute ermahnt wie ein christlicher Ordensritter, wird sehr allein dastehen mit seiner Predigt gegen die Dämonen, und wenn diese sich erst getroffen fühlen, werden sie über ihn herfallen und ihn stillmachen.
Das eine steht fest: was Novalis von dem Sisyphus-Gewicht[6] sagte, das nicht der Anziehungskraft des Himmels anvertraut wird (in dem Aufsatz Die Christenheit oder Europa), bewahrheitet sich mehr und mehr. Dieser Krieg wird über mehr entscheiden als Tonnageziffern und »Lebensräume« (notabene Tonnageziffern: seit 5 Monaten sind 1,5 Millionen Tonnen versenkt)[7]. Er wird vor allem darüber entscheiden, ob es auf die Dauer gelingt, die inhumanen und antihumanen Instinkte ausschließlich durch säkulare Kräfte zu bändigen, und es wird sich zeigen, daß das nicht geht und daß ein Zustand, den man als halbwegs normal und gesund bezeichnen könnte, unter solchen Voraussetzungen nicht herzustellen ist. Dabei fragt es sich auch, ob die Gegenseite viel Grund hat, sich besser legitimiert zu fühlen. Wenn Deutschland unterliegt und eine solche Katastrophe die Rachegefühle allein schon der Juden entfesselt, so ist das nicht auszudenken. Erfahrungsgemäß pflegen in solchen Fällen die Leute, die genügend Vernunft und Besinnung besitzen, von den Besessenen an die Wand gedrückt zu werden. Am besten wäre es, die Partie ginge remis, und innere Veränderungen wären die Folge. Aber in dieser Richtung ist wenig zu hoffen, die Dinge sind schon viel zu weit gediehen, um noch einmal von menschlicher Einsicht zum Ausgleich gebracht zu werden. Es kann ein Zeitalter tiefer Verelendung werden, wenn nicht nach diesem, so nach dem nächsten Kriege, der dann heraufdämmert, wenn der sattsam bekannten Kurzsichtigkeit der Politiker hüben wie drüben nichts Besseres einfällt als bisher.
Gestern abend bei Delfossens. Es war sehr hübsch. Kamen erst gegen ½2 nach Hause. In der Nacht hatte es etwas geschneit. Auch alles gefroren und Ostwind.
Ledig-Rowohlt schrieb gestern, er hätte den Mut nicht, die Sache mit dem Roman auf sich zu nehmen.
Seit Tagen Nordwind und Kälte bis zu 17°. Starker Schneefall, so hoch wie vor dem Tauwetter.
Von Heinz und Sophiechen kam heute das letzte Geburtstagspaket: Photo-Apparat. Große Überraschung.
Grete geht jede Woche einmal zu Frl. Lehmann[8] und erholt sich dort in der angenehmen Atmosphäre.
Lese abends Schlözers Brief aus Rom[9], höchst amüsant. Ausgesprochenes Weltkind, klug ohne die sogenannte deutsche Tiefe, frisch und lebensvoll. Schon deshalb amüsant zu lesen, weil man halb mit Neid, halb geringschätzig zusieht, wie privat das Leben für diese Leute noch war.
Schlözer freut sich wie ein Schuljunge über die politische Krise des Kirchenstaats, genau wie über ein Schauspiel, schon weil er darüber berichten kann, »Stilübungen« machen darf. Das Individuum wird gar nicht betroffen und findet unendlich viel Muße und Kraft zu Exkursionen, Diners, Soireen etc. Weltanschauung gibt es nicht bei ihm, höchstens als ein ungesprochenes Reservat. Das gibt einen beneidenswert sicheren Blick, auch einen offenen Blick, und einen uns ganz unbekannt gewordenen Lebensgenuß. Aber es bleibt auch wieder Oberfläche. Wie Lisztsche Musik. Große Toleranz, aber zuviel Freude am bloßen Schauspiel.
Hier soll eine Frau, die bei Karstadt allerlei verlangte, was es nicht gab, auf den entrüsteten Ausruf: »Was gibt es denn überhaupt noch?« jetzt täglich zur Polizei gehen müssen und dort sagen: »Heil Hitler! in Deutschland gibt es alles!«
Feldherr – das fehlte noch!
Heute morgen 2½° Grad, abends 1° Kälte. Pfeiffer ist wieder hier, frisch und munter. Wird morgen wegen Tauglichkeit untersucht.
Der »Altmark«-Zwischenfall[10] in Norwegen scheint geeignet, ernsteste Folgen zu haben.
Seit Tagen herrscht endlich milder Vorfrühling. Die Schneemassen sind verschwunden. Unsere Wirtin Frau Gantler kann nachmittags die Heizung ausgehen lassen und wieder Klavier spielen: Chopin, Mendelssohn, Opern-Arrangements, alles gleich holprig.
Vom Roman sind 16 Kapitel[11] fertig. Las gestern abend, als das Ehepaar Delfoss und Pfeiffer hier waren, zwei Kapitel vor. Der Abend war im übrigen sehr angenehm und erfreulich. Um so unerfreulicher viele andere. Man hat Tage, an denen man die Weltgeschichte verfluchen möchte, besonders wenn man hört oder liest, was Herr Dr. Ley expektoriert. Er will Englands Weltmacht vernichten. Goebbels verkündigte seinerzeit ebenfalls: wenn einer sinken soll, dann England, sinke du!
Was führen die Leute, wenn man von ihren Propagandaparolen absieht, im Schilde? Mit einem Male spielen sie Vorkämpfer Rußlands. Denn daß Rußland, im Fall es ihnen wirklich gelänge, England zu »vernichten«, in erster Linie davon profitieren würde, liegt ziemlich auf der Hand. Denn dieser Krieg wird Deutschland auch im günstigsten Falle außerordentlich schwächen, und wenn Rußland dann als neutrale Macht am Ende dasteht, ungeschwächt, hochgerüstet, wird es einen gewaltigen politischen Druck ausüben können: Rußland, das bis vor kurzem von uns als der Weltfeind Nr. 1 hingestellt wurde …
Ich hörte heute den ersten Finkenschlag; er ließ ihn nur einmal hören, als sei er selber verdutzt darüber. Die Felder sind braun, vor einer Woche schimmerten sie in der Sonne noch wie weiße Seide. Die Luft ist diesig, und die Landschaft sieht aus wie eine Pastellzeichnung. Die Wege z. T. noch morastig. Aber diese Gänge sind immer sehr schön.
Mildes Wetter. Bewölkt und feucht.
Sahen heute eine Wohnung in der Baurat-Gerber-Straße, gegenüber von Delfossens[12]; Frau Delfoss hatte uns darauf aufmerksam gemacht. Die erste Wohnung, die paßt, nur müssen zwei Zimmer abvermietet werden, da sonst zu groß und zu teuer.
Allgemein bedrückte Stimmung bei den älteren Leuten, weil alles auf eine Frühjahrsoffensive hinzudeuten scheint. Ley redet, Goebbels redet, Hitler hat geredet, und aus allem klingen unverhüllte Drohungen hervor.
Napoleon sagte: Wer England vernichten will, muß sich Ägyptens bemächtigen[13]. Aber es ist schwer zu glauben, daß Amerika untätig zusehen wird, wenn es England wirklich an den Kragen geht.
Einige Ähnlichkeit mit Reformationszeitalter. Der Protest war berechtigt. Aber die Kirche hatte, auf die Dauer gesehen, das Spiel gewonnen und war Luther später nur dankbar, daß er sie »gerettet« hat. Für Deutschland aber kam eine böse Zeit, und die Kirche florierte. Wer sich mit einer solchen Weltmacht einläßt, muß wissen, was er tut.
Mildes Wetter mit kälteren Einfällen um 0°. Heute abscheuliches, trübes Wetter.
Der Roman ist im VIII. Kapitel. Das siebente kam erst gar nicht voran, verlief sich in falscher Richtung, dann fing ich wieder von vorn an, fand den richtigen Ton, und in 2 Abenden war’s fertig. Bis zum 20. März müßte der ganze 2. Teil fertig sein, da kommt einem die Vorfrühlings-Faulheit dazwischen.
König ist fort, Hauptmann geworden. Pfeiffer wird dieser Tage vielleicht auch geholt. Bei Delfossens ist die Frau krank, Grippe und Lungenentzündung.
Dieser Tage dramatisches Hin und Her wegen der Wohnung in der Baurat-Gerber-Straße. Sehr schön, sehr geräumig, sehr teuer (für uns). Schwanken, zufällig bietet sich zugleich eine andere, kleinere, geht wieder durch die Lappen, wir greifen nun zu, mit etwas schlechtem Gewissen, worauf Heinz in Aktion tritt, bis zu einem Eilbrief heut morgen um 8 Uhr. Wir haben die Sache rückgängig gemacht.
Heute war Heldengedenktag[1], Hitler hat gesprochen, soll nach Äußerung der Tochter unserer Wirtin »hinreißend« gewesen sein. Im übrigen weiß keiner sich vorzustellen, wie der Krieg weitergehen soll. Im Westen liegen sich die Gegner sozusagen auf Rufweite gegenüber: in der Maginotlinie und im Westwall[2]. Im letzteren sollen unsere Soldaten, wie Göring sich ausdrückt, so sicher sein wie in Abrahams Schoß. Verwunderlich, daß ein Nazi diesen alttestamentarischen Vergleich gebraucht. Göring hat übrigens auch versichert, er wolle Meier heißen, wenn auch nur ein feindliches Flugzeug sich in Deutschland blicken lasse. Verschärfte Spannung zwischen Italien und England wegen der deutschen Kohlenlieferungen. Italienischer Protest. Aber was kann dabei herauskommen?
Gestern gingen Kapitel VII und VIII an Brück[3] ab. Ferner eine Vorbemerkung zum Roman.
Brück: »– und verspreche mir eine starke Beachtung des Unternehmens …«
Suhrkamp: »– und dann weiß ich, daß die Leserwelt zu diesem Buch außerstande sein wird. Das letztere wird mir immer mehr klar.«
Brück war etwas in Sorge wegen Zensur: es gäbe wohl ein »Dogma«, das Hagen als Vertreter des bösen Prinzips, als »Schwarzalb« hinstelle. In einer Nachschrift: »Ich höre eben, daß die Auffassung der Hagen-Figur kein Dogma ist.«
Die Wohnungsfrage ungelöster als je, zumal Suhrkamp Andeutungen machte wegen Anstellung im Verlag, die mich wenig lockt.
Wetter wechselnd. Es war schon recht milde, dann wieder leichte Kälte und Schneeschauer.
Wir haben das Osterfest im Bett verlebt, Grete und ich. Donnerstagabend bei Lehmanns, wo musikalische Unterhaltung war, zog es mir schon in den Knochen. Am Freitagabend ging’s noch, am Sonnabend Fieber, und am Sonntag hatte auch Grete Fieber und hat es noch. Ich habe mich etwas berappelt, fieberfrei, aber sehr schlapp.
Konnte weder den England-Aufsatz[4] überarbeiten noch das IX. Kapitel des Romans fertig kriegen. Der Roman hat nun am Ostersonntag in der Frankfurter Zeitung begonnen. Bei einer Stelle dacht ich: das haben die doch in Frankfurt geändert! Das ist bestimmt nicht mein Wortlaut! Und wie ich nachsehe, ist er’s doch, und ich hätte fast schwören mögen, es sei »geflickt«!
Wetter milde. Gestern sollen’s 15° gewesen sein.
Einige Tage Nordwest mit Schneeböen. Recht kalt. Grete liegt noch mit Husten, geht aber leidlich. Stimmung bei beiden teilweise sehr bedrückt. Bei mir schon wegen mangelnder Arbeitslust und Fähigkeit. Quäle mich mit dem IX. Kapitel herum, das noch mal geschrieben werden muß, bei völlig flauer Einbildungskraft. Wenn die fehlt, ist man gar nichts. Und dieser blödeste aller Kriege.
Schöner Tag, aber ziemlich kalt, nach einigen wärmeren, regennassen Tagen. Infolge der Einführung der Sommerzeit[1] ist es jetzt um 9 Uhr noch dämmrig.
Schloß heute abend das IX. Kapitel, zum 2. Mal geschrieben, endlich ab. Brück schrieb recht ermunternd, was sehr gut war, denn die Grippe und sonstiges hatte uns gänzlich deprimiert. Es ist sonderbar: alles hängt davon ab und gestaltet sich, wie man gestimmt ist. Bei schlechter Verfassung schwärzeste Aussicht, bei guter erheblich heller, und gegen beide ist nichts zu sagen.
Las Niebelschützens Verschneite Tiefen[2], die gerade ankamen. Eine Geschichte, die das Gefühl der Menschheit in einem verletzt. Schrieb ihm darüber. Denn der Wille ist gut. Aber in Kategorien versteift: Zeit-Krankheit der Realitäts-Blindheit, oder vielmehr Mangel an absolutem Gehör für Zwischentöne des Wirklichen, der Tonarten. Aber der kann noch lernen.
Grete über Eitelkeit (nach Erwähnung Georges und ähnlicher Eingebildeter): dagegen kommen die zarten und feineren Düfte nicht auf, gegen den Stank der Eitelkeit, sie stinkt alles andere zunichte mit ihrem Stank.
Von Rabbow neulich eine stilisierte Absage: »Werte Freunde … aus der Ferne gegrüßt« usw. Die Mittwoch-Gesellschaft, wo ich vorlesen sollte, ist auf unbestimmt vertagt. Mir sehr recht.
Der Krieg: mehr denn je nichts Neues.
Grete hat notiert, daß es diese Woche 4 Eier gab, gegen die letzte Periode, vor 3 Wochen, ist das ein Ei mehr. An Gemüse gibt es nur Steck- und Mohrrüben – aber im ganzen geht es mit der Verpflegung, wenn man so mäßige Ansprüche hat wie wir, die wir seit Jahren daran gewöhnt sind.
Machten nachmittags einen Spaziergang auf den Hainberg, wo sich von der Vegetation noch nichts regt, anormaler Weise. Um so mehr regten sich Gruppen von Hitlerjungen, frisch, gesund und vergnügt. Man muß sagen, daß die Nazis, auf Kosten vieler Dinge, die Jugend aus einer weitgehenden Direktionslosigkeit hochgerissen haben. Mir gefällt zwar der Unteroffizierston gar nicht, den die kindlichen Kommandeure vielfach an sich haben, und wieviel, oder besser gesagt, wie wenig die Jungens in der Schule lernen mögen, das würde ich gern mal wissen: aber gesund und vergnügt sind sie. Und warum? Weil sie unter sich sind.
Das ist etwas, was ich auch ohne Nasolismus unbedingt beibehalten würde: die Jugend muß ihre eigene Republik bilden, die Erziehung durch die Eltern ist, wir sehen es immer wieder, so problematisch geworden, besonders in Familien mit nur ein oder zwei Kindern, daß man die Kinder nicht früh genug aus dem Hause bringen kann.
Sie gehören zusammen. Es muß ja nicht alles auf diesen verblödeten militärischen Ton abgestellt werden, so daß so ein 14jähriger Bengel sich einbildet, schon was zu sein, bloß weil er gut kommandieren kann, worin schon so mancher Esel große Fähigkeiten bewiesen hat. Was heute als Charakter bewertet wird, bedeutet im praktischen Ergebnis eher das Gegenteil. Und die politischen Hintergründe der HJ mit ihrer Verpflichtung, unter Umständen den eigenen Vater anzuzeigen …
Erziehend wirkt immer nur das lebendige Vorbild, da hilft keine Theorie. Wissen muß man nur, wozu man erziehen will. Der 14- oder 15jährige Scharführer kann nicht erziehend wirken, sondern bestenfalls als Dresseur, denn noch niemals haben Jungens einen Gleichaltrigen oder auch nur etwas älteren anders als mit skeptischer Kritik betrachtet. Autorität kann nur der Erwachsene gewinnen, der persönlich Ausgereifte. Und schon der hat es schwer, weil er der scharfen Beobachtungsgabe des Jugendlichen ausgesetzt ist. Aber wenn man so eine Kompanie HJ sieht, angetreten, vor der Front die kaum älteren »Offiziere«, wie diese das lässig-wichtige Gehabe ihrer militärischen Vorbilder nachahmen, um dann im Vollgefühl ihrer Macht (aber nicht ihrer Verantwortung) ihre Kommandos zu schmettern: dann tut es einem leid um die Jungens, die mit stumpfsinnigem Rekruten-Ausdruck strammstehen und wahrscheinlich, wenn sie ein bißchen Grips haben, bei sich denken: schrei nur, du Käsekopp …
Die Veröffentlichung der Warschauer Dokumente im Staatsverlag[3] war ja interessant. Man könnte danach annehmen, daß die Führung mit dem Eintritt Amerikas in den Krieg ohnehin rechnet, wenn man so indiskret ist. Außerdem möchte man wohl Roosevelts Wahl stören. Wir glauben keinesfalls, daß die USA England in einer gefährlichen Klemme sitzenlassen werden.
Auf unserer Seite einige Erfolge der Fliegerei. Auffallend, daß in letzter Zeit Meldungen von U-Booterfolgen ausbleiben. Im ganzen soll England bisher 10% seiner Tonnage verloren haben, in 7 Monaten. Danach könnte der Krieg etwa 5-6 Jahre dauern, bis England so viel Tonnage einbüßt, daß es nicht mehr mitreden kann. Die Westmächte wollen nun mit der Blockade aufs Ganze gehen.
In einem Bericht zu Polen las ich, daß die Russen in den ihnen zufallenden Gebieten viele »Bürgerliche« erschossen haben sollen. Das war in F. Lützkendorfs[4] Bericht »Deutsche Passion« in der Neuen Rundschau[5]. Es könnte ebensogut »Polnische Passion« heißen. Welche Nöte in der Welt: Polen, Finnland, wir, eine völlig ungewisse Zukunft, und das ganze Spiel in Händen von zwei geschickten, aber im tiefsten unverantwortlichen Leuten, die nicht im entferntesten imstande sind, das Spiel auch nur halbwegs nach den Regeln zu lenken, die für das sonstige Leben anerkannte Geltung besitzen, moralische Geltung!
Herrlicher Tag. Sonntag, wunderbare Sonne bei kaltem Südostwind. Wir gingen vormittags in den Wald, pflückten Leberblümchen, sahen Primeln und Anemonen die grünen Triebe aus dem braunen Fallaub herausstecken und die Knospen der Buchenzweige glänzen. Drei Bussarde in der Luft im Flugspiel, mit ihren gedehnten hellen Rufen in der luftdurchwehten Helligkeit. Wir verliefen uns etwas und gerieten aufs Kerstlingeröder Feld, aus dem man einen Truppenübungsplatz gemacht hat mit Verbotsschildern, Schießlöchern und Drahtverhauen.
Es war herrlich, im Freien zu sein, zumal man kaum Menschen begegnete. Das Land, Erde, Bäume, Felder, Höhen, geduldig und gut. Auf dem Rückweg, die alte Kehrstraße hinunter, erwies sich der früher so wunderbare Blick ins südliche Leinetal als versperrt durch die Zietenkasernen[6] – eher eine Zuchthausanlage von außergewöhnlich scheußlichen Gebäudeklötzen, und ich möchte wissen, welches Klotzgehirn sich das ausgedacht hat, den Platz so zu verschandeln, noch dazu mit einer Kavalleriekaserne am Hang eines Kalksteinberges, auf dem den armen Pferden ja die Hufe splittern müssen. Etwas Idiotischeres ist mir noch nicht vorgekommen.
Gestern, Dienstag, den 9.4., wurde Dänemark besetzt und Norwegen[7]. In Dänemark ohne Widerstand, in Norwegen gegen Widerstand. Im Morgengrauen wurde schon Kopenhagen besetzt. Das alles in phantastischer Geschwindigkeit.
Ich dachte, Hitler hätte feierlich versprochen, die Neutralität solcher Länder zu achten. Oder bezog sich das nur auf Belgien und Holland?
Wetter kühl und bewölkt.
Es ist immer noch kalt, wie sonst im Februar. Die ganze Vegetation ist um 2 Monate zurück.
Über Norwegen und das Ausland lauten die Nachrichten bis jetzt spärlich und unübersichtlich. Jedenfalls besteht dort, im Gegensatz zu Dänemark, aktiver Kriegszustand, zum mindesten ungeklärt. Von auswärtigen Blätterstimmen werden nur italienische und russische einigermaßen zitiert. Andere nur insoweit, als aus ihnen hervorgeht, daß man nach diesem Akt noch weitere erwartet. Holland? Belgien? Kein Mensch weiß.
Wir sprachen heute nachmittag, da Grete Guardinis Buch über Dostojewski[8] las, über die Frage der »religiösen« Völker. Dostojewskis Thesen sind ein außerordentlicher Beitrag zu der Geschichte dieser Periode, sofern der Begriff und das Wesen des »Volkes« darin als bedeutsam enthalten sind. Zweifellos ist dieser Krieg ein Kampf der Völker (obwohl sie selbst ihn nicht wollten, auch das unsere nicht, soweit man das Volk als solches anspricht), ein Kampf der Imperien: man könnte den Aufmarsch folgendermaßen skizzieren: der Westen, nicht eigentlich volkspolitisch orientiert, sondern eher gesellschaftlich – Deutschland, pangermanistisch im Glauben an den »Gott« des eigenen Volkes, aber darüber hinaus einen neuen Imperialismus beschreitend – Italien: Imperium im klassischen Raum der Antike – Amerika: mit Anzeichen und Ansätzen einer imperialen Idee, in der das Volk am ehesten mit dem entsprechenden Begriff der römischen civitas zu vergleichen ist. Schließlich Rußland: Glaubensantrieb eines echten Volkes, aber gespeist aus dem westlichen Marxismus. An sich sind die Bündnisse und Gegnerschaften so widerspruchsvoll und verwirrend wie nur möglich.
Diesem Widersinn entspricht es, wenn England und Deutschland, die beiden germanisch-protestantischen Mächte, miteinander im Kampfe liegen. Die Verständigung mit Rußland ist, in Ansehung dieser verdrehten Lage, das einzig einigermaßen Positive und würde es bleiben, wenn nicht vorher dieser hysterische Haß propagiert worden wäre. Alles in allem, es ist ein verworrenes Durcheinander, aus dem sich nur schwer ein geschichtlich faßbarer Sinn ablesen läßt.
Am tiefsten entscheidend aber ist folgendes: die »religiöse« Frage nach dem mächtigsten Volk. Und zwar religiös insofern, als zumindest sicher ist, daß die nur gesellschaftliche, »kapitalistische« Weltanschauung der westlichen Gegner, selbst wenn sie noch einmal das Feld behauptete, keine Zukunft hat. Die beiden romanischen Gebilde, Frankreich und Italien, spielen nun eine zweite und begrenzte Rolle, ihrer Eigenart entsprechend. Sie werden jedenfalls den Krieg nicht entscheiden. An sich sind die Bündnisse und Gegnerschaften widerspruchsvoll und daher verwirrend: im Grunde gehören Italien und Frankreich zusammen. Das englische Volk hat mit dem französischen gar keine Berührungsfläche. Es ist nur die Intelligenz – die Völker verstehen sich kaum (im vorigen Kriege: »Les sales Anglais!«). Der Kampf Englands und Deutschlands, wobei letzteres gegen den germanisch-protestantischen Norden steht, entspricht jenem Widersinn.
Warmes Frühlingswetter seit Tagen, und es grünt allenthalben, wenn auch noch mit Vorsicht: Birken und Lärchen zunächst.
Wir haben heute eine Wohnung zum 1. Juni gemietet, unerwarteterweise, Nikolausberger Weg 50. Das Ganze spielt sich in einer ganzen Reihe von Unwahrscheinlichkeiten ab, wie ein Schwank: ein Makler, namens Glorius, annonciert eine Wohnung, 3 Zimmer, ohne Adresse. Ich gehe hin, finde einen etwas muffligen Mann in einem mit lauter frommen Bildern geschmückten Zimmer. Er gibt die Wohnung an und verweist auf den Inhaber: und der ist kein anderer als der Vater unseres Freundes Hans Hennecke in Berlin. Wir: erschüttert, in das Haus von Henneckes Vater zu ziehen. Gehen am Sonnabend dennoch hin. Es stellt sich heraus, daß Henneckes schon ausziehen. Unangenehme Pause. Er: Impertinenz im Gesicht, sie gerissene Pragmatikerin. Die Wohnung sehr hübsch. Besitzerin Frau Staatsanwaltschaftsrat Hübener, zur Zeit in Hannover. Ich gehe zu Glorius, um mich als Reflektant zu melden. Glorius ist nicht da. Gehe nach 3 Stunden wieder hin. Inzwischen im Göttinger Tageblatt
