Aram Bela - F.H. Achermann - E-Book

Aram Bela E-Book

F.H. Achermann

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Beschreibung

Aram Béla, Sohn eines jüdischen Gross-Verlegers und Mitglied der Wiener High Society, ist mit der schönen Comtesse Noemi von Heilborn liiert. Eines Tages eröffnet er ihr, dass er die Verlobung um ein Jahr verschieben muss, um in Innsbruck zwei Semester Theologie zu studieren. Als Mitglied des "Reformklubs", einer internationalen Loge, ist der junge Aram vom Wunsch getrieben, einen endgültigen Beweis gegen die Lehren der katholischen Kirche zu bekommen, Nirgendwo kann er das notwendige Wissen dazu besser erwerben als bei einem Studium ihrer Lehren. In Innsbruck angekommen, macht er sich schon bald daran, Munition für seinen Beweis zu beschaffen. Er erlebt dort das einfache Leben, geprägt von Glauben und Traditionen. In den Tiroler Bergen lernt er auch die junge Agnes, die Tochter seiner Zimmerwirtin, und das Leben der einfachen Menschen kennen. Im Zwiespalt zwischen seiner "Mission" und dem, was er dabei erfährt, findet der junge Mann schliesslich zu seiner Bestimmung und zur wahren Liebe. Der Roman "Aram Béla" wurde 1924 geschrieben und mit dem Untertitel "Ein Roman der Tatsachen" versehen.

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Aram Bela

Aram BelaVorwort des HerausgebersEin merkwürdiger LebensplanNeruda der GroßmeisterNach Innsbruck - Eine Zukunfts-Vision Aram Bélas - Zola und LourdesNeue BekanntschaftenIn der Hofkirche - Die Eucharistie! - «Ich muss eine Hostie haben!»Persönliche Vorstellung bei den Jesuiten!Weißer SonntagErste Lesung: Über den Begriff des WundersZweite Lesung: Möglichkeit des WundersDer schwarze Sonntag: Hostienraub in der St. NiklauskircheDritte Lesung: Zweck des Wunders - LogenpläneNoemi auf Besuch! - Eine Frühlingsfahrt und deren FolgenVierte Lesung: Wirklichkeit des Wunders - Ein VersehgangFünfte Lesung: Die «Wunderbude» von Lourdes - Zolas EntlarvungEntscheidende Erkenntnis – Jerusalem - Neapel: Ein Wunder!Die vier Evangelisten als echt erwiesen - SelbstmordversuchIn Lourdes : Ave, ave, Maria !«Ich glaube an eine heilige, katholische Kirche!» - Eine SühnekommunionKlappentextImpressum

Aram Bela

Roman einer Bekehrung

F.H. Achermann

Neu herausgegeben von

Carl Stoll

Vorwort des Herausgebers

Vor etwa dreissig Jahren lernte ich die ersten Bücher von F.H. Achermann kennen. Mein Vater erzählte mir von dessen Abenteuerromanen aus der Urzeit, welche er selbst in meinem Alter verschlungen hatte. Sein Lieblingsbuch hiess “Der Totenrufer von Hallodin” und als der Walter-Verlag sich entschied, einige der Bücher wieder aufzulegen, erwarb ich diese und konnte sie ebenso wenig weglegen, wie es mein Vater etwa dreissig Jahre davor nicht konnte. Leider blieb die Zahl der neu aufgelegten Bücher klein und so begann ich in Antiquariaten die Ausgaben aus den Dreissigerjahren zu suchen und kaufen. Zwar war es zunächst mühsam die Frakturschrift zu entziffern, aber die vielen, spannenden Geschichten schienen mir den Aufwand Wert.

Inzwischen bin ich selbst ein gutes Stück älter und habe nicht nur die Abenteuer- und Studentenromane Achermanns kennen und schätzen gelernt, sondern auch manches Buch, was uns heute eher fremd vorkommt. So ein Buch ist Aram Béla. Es erschien auch mit dem Untertitel “Roman einer Bekehrung”. Das passt nicht mehr zu unseren modernen Lesegewohnheiten und eine Geschichte, in der ein jüdischer reicher junger Mann sich zum Katholizismus bekehrt und dabei ein böses Spiel einer Freimaurer-Loge durchkreuzt, ist nicht mehr unbedingt ein Werk, den ein Verlag in der Hoffnung, einen Bestseller zu veröffentlichen, publizieren würde.

Trotzdem habe ich mich entschlossen, meine editierte Neuauflage von Achermanns Werk mit diesem Roman zu beginnen, weil es wie kaum ein anderes seiner Bücher auch ein Portrait des damaligen Zeitgeistes und den kulturellen und soziologischen Hintergrund des Autors darstellt. Darüber hinaus handelt es sich bei “Aram Béla” um eine schöne, lesenswerte Geschichte, die eine ganz andere Dimension des Autors der urzeitlichen Abenteuerromane eröffnet.

Viel Freude mit Aram Béla,

Ihr Carl Stoll

Die vorliegende Ausgabe wurde vom Herausgeber sprachlich leicht an die heutige Grammatik und Orthographie angeglichen. Dabei wurden manche Helvetismen und womöglich heute nicht mehr allzu gebräuchlichen Redewendungen der Authentizität wegen bewusst beibehalten.

Ein merkwürdiger Lebensplan

«Saulus aber schnaubte nach Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn...”

(Apostelgeschichte 9, 1.)

Wien! Das singende, lachende, tanzende Wien!

Über die Aspernbrücke reitet ein vornehmes Paar: Aram Béla, der einzige Sohn des internationalen Börsenkönigs Gedeon Béla und Noemi von Heilborn, ein Stern erster Größe in der Welt der Eleganz und Schönheit mit asiatischem Einschlag. Sie kommen von einem Flugmeeting.

Aram Béla reitet einen Orlowtraber mit wundervoll gesetztem Hals und gereckter Kruppe, Noemi einen arabischen Schimmel mit durchschimmerndem Geäder und trippelnder Ungeduld.

Vor dem Urania-Theater zügelt sie wie unwillkürlich ihren hochaufbeißenden «Tänzer»:

«Aram, ich weiß etwas!»

«Klatsch?»

«Bitte!  Aber du darfst nach außen noch nichts davon wissen! Mama hat es mir als Geheimnis mitgeteilt: Papa wird uns zur Verlobung die Villa Morio’ kaufen!»

«Donnerwetter!»

«Aram, du lachst!  Und ich habe mich so närrisch auf dein Entzücken gefreut!»

«Pah! Was soll mir eine Villa, wenn ich dich habe! Die ganze Welt mag versinken, wenn mir nur mein Sternchen scheint!»

«Aram!  Du bist doch ein lieber Spitzbube! - Und was hast du nur?  Du hast etwas!»

«Ja!  Ich habe etwas!»

«Darf ich’s wissen?  Ich muss nämlich alles wissen. Aram!»

«Das weiß ich bereits!»

«Ist etwa deinem Papa die Bildung des Zeitungskonzerns gelungen? Ihm scheint ja restlos nichts unmöglich zu sein!»

«Der Konzern ist auf besten Wegen und im Zusammenhang mit ihm habe ich meinen Beruf erkannt!»

«Du?  Einen Beruf? Du wirst doch Börsianer wie dein Papa, ein Devisenmonarch!»

“Nein!»

Ah!  Was denn?»

Zeitungsredaktor!»

«Um Himmels willen!  Du wirst doch deine Frau anständig ernähren wollen?», schmollt sie mit reizender Ironie.

«Noemi! Millionen erben ist keine Kunst, sie verwalten lassen kein Meisterstück, sie vermehren keine Hexerei! Ich will . . . Noemi, gib mir deine Hand: Du sollst nicht nur einen Makler zum Manne haben; ich will», und da röten sich die Wangen seines kühn geschnittenen Gesichtes, «ich will den Namen Aram Béla mit feurigen Lettern in die Annalen unseres Jahrhunderts einbrennen!»

«Ich verstehe dich nicht!»

«Kurz und gut: Ich will mich an die Spitze des Zeitungskonzerns stellen und den Kampf aufnehmen mit den schwarzen ‘Infamen’!»

«Aram!  Aram!  Hier in Wien?»

«Hier in Wien, wo der Sozialismus wie Salat gedeiht und die Katholiken unter uns gesagt fürchterlich dumm sind!»

«Nimm es nicht zu leicht! Du wirst dir viele Feinde und Unannehmlichkeiten zuziehen und könntest es so schön haben!»

«-- Schön haben! Geboren werden, genießen und sterben!  Wie eine Käsmade.  Nein! Wenn ich einst am Grabe stehen werde, will ich auf ein Schlachtfeld zurückblicken, auf das Trümmerfeld des römischen Pantheons in Wien! Und die Millionen bleiben mir immer noch!»

«Du willst Revolution machen?»

«Vielleicht!  Jedenfalls will ich der schwarzen Hydra den Handschuh ins Gesicht werfen und mich weder von ihren Kronen noch von ihrem schillernden Schuppenkleide blenden lassen!»

«Du?  Ein ... Einzelner?

«Der Zeitungskonzern steht hinter mir, und um fachmännisch kämpfen zu können, hole ich die Waffen aus der Rüstkammer der römischen Kirche!»

«Aram. du schwärmst!  Weil du das Abiturium mit sämtlichen Punkten absolviert und die Welt des internationalen Großhandels kennen gelernt hast, glaubst du, die ganze Meute der römischen Welt auf dich hetzen zu müssen und zur Strecke bringen zu können? Nein, lieber Simson, diese Philister erlegst du nicht mit einem Eselskinnbacken! Besinne dich! Mit siebenundzwanzig Jahren sollte man das Leben etwas nüchterner nehmen!»

«O, ich werde furchtbar nüchtern und praktisch zu Werke gehen, und da hätte ich eine große Bitte an dich, meine liebe Noemi!»

«Schieß los!»

«Wir müssen unsere Verlobung um ein Jahr verschieben!»

«Verschieben?  Um ein Jahr?»

«Ich möchte noch zwei Semester in Innsbruck studieren!»

«Studieren?  Und was denn, ums Himmels willen?»

Wieder reißt die junge Comtesse ihren Araber unwillkürlich zurück, eine kurze Pause der ungekünstelten Überraschung, feuriger als die des Arabers blicken ihre schwarzen asiatischen Augen auf und ein klirrender Lacher, als käme er aus dem Schnabel einer Spottdrossel im Baume des Stadtparkes, den sie eben erreicht haben:

«Aram!  Mache kalte Umschläge! Du fieberst! Deine Wangen sind rot und deine Augen haben einen übernatürlichen Glanz! Gehe mir nur nicht noch zu den Franziskanern, sonst lassen wir dich als unzurechnungsfähig erklären und internieren!»

«Gottlob, Noemi! Mir fiel soeben ein Stein vom Herzen!»

«Dir?  Inwiefern?”

«Weil du die Geschichte von der fröhlichen Seite nimmst! Ich fürchtete schon, dir weh tun zu müssen!»

«Ah, richtig, daran habe ich noch gar nicht gedacht!  Im Ernst, Aram: Ist’s kein schlechter Witz?»

«Ein Witz?  Der heiligste Gedanke meiner Seele! Mein Lieben und meine Kraft gelten dem Kampfe mit der schwarzen Schlange! Nicht sterben will ich, bevor ich der römischen Sphinx die Larve von ihrer Fratze gerissen habe. Und wenn ich vor dem Ziel erlahme, so soll mir die Ruhe des Grabes versagt sein!»

Da senkt die Begleiterin ihr schwarzgelocktes Genienhaupt. Wenn Aram Béla so spricht, dann ist jede Einwendung überflüssig! Denn es gehört zum angestammten Familiencharakter der Bélas, ihr einmal gestecktes Ziel mit geradezu fanatischer Energie zu verfolgen.

«Katholische Theologie!», spricht sie wie zu sich selber, «Der Gedanke ist eigentlich großartig! Aber könntest du das nicht auch in Wien besorgen? Meines Wissens gibt es hier an der Universität ebenfalls eine katholische Fakultät, und da könnten wir uns doch verloben!»

«Ich will aber an die beste Quelle: zu den Jesuiten nach Innsbruck!»

«Gott, der Gerechte! Die kommen dir auf die Spur und erledigen dich mit Dolch und Gift!»

«Gerade hinter ihre Schliche will ich kommen!  Den geheimnisvollen Schleier ihrer Intrigen will ich zerreißen und die Scherben ihrer Sophistik ihnen vor die Füße werfen!»

«Aram mein Aram! So weh mir die Trennung tut: Ich muss dich bewundern und ich bin stolz auf dich!  Welch ein Lebensplan! Die katholische Kirche studieren, um sie zu vernichten! Aber ...»

«-  Es ist schon mancher an diesem Plane gescheitert, zu Grunde gegangen!»

«Wie mancher Pionier der Luft ist schon gestürzt, zerschellt, gestorben und verdorben und siehst du ihn dort oben, den König der Lüfte, den Adler des menschlichen Genius!  Ich werde nicht vom Pferde fallen, wie jener trunkene Narr von Damaskus!»

Schweigend reiten sie durch den Stadtpark.

Und durch die Baumkronen dringt das Surren eines Propellers.

Vor den herrschaftlichen Stallungen hilft er ihr galant vom Pferde und beugt sich über sie:

«Weißt du eigentlich, Blume von Hermon[1], wem ich dieses übermenschliche Opfer des einen Jahres bringe?»

«Dem Hasse?»

«Nein eher der Liebe. Ich will, dass du einst nicht nur zu einem ‘Geldjuden’ aufschauen sollst, wie die Gojim[2] sagen!»

«Also mir bringst du das Opfer, Aram?»

“ Ich schenke es dir!»

«Ich müsste mich selbst verachten, auf mein höchstes Ziel und meinen heiligen Hass verzichtet zu haben! Kämpfen will ich um den herrlichen Siegespreis wie Gedeon und Simson . . .»

«Und dieser Siegespreis bin ich. Ist er dieses Titanenkampfes wert, Aram Béla?»

«Oh Noemi! Kennst du nicht das herrliche Lied Solomons: «Ganz schön bist du, meine Freundin und ein Makel ist nicht an dir! Komme vom Libanon, meine Braut... Du hast mein Herz verwundet mit einem einzigen Blick deiner Augen, mit einer einzigen Locke deines Nackens! Wie schön sind deine...”

«Aram, sei vernünftig! Es schaut dort jemand aus dem Fenster!»

[1]                     Bergmassiv zwischen Israel, Syrien und Libanon

[2]                     Auch Goi oder Goj, hebräisches Wort für «Volk» oder «Nation», manchmal auch als Bezeichnung für Nichtjuden, oft abwertend gebraucht

Neruda der Großmeister

Im «Reformklub» (Gegensatz zum Zionistenklub) der internationalen Loge «Eos» ist heute Abend Herr Gedeon Béla, Arams Vater, der Mittelpunkt des Interesses: Wie kreisende Satelliten sind die Klubsessel der Bedeutendsten um ihn gruppiert:

«Das nenne ich gerissen!», meint ein Baron von Rotschild.  «Sakrament! Den Dunkelmännern auf das Dach zu steigen! Garantiert dem Konzern einen glänzenden Bestand! Da kommt er ja!

Heh dort, Teufelskerl von einem Jesuitenscholaren! Wie viel Gelübde willst du ablegen?»

Aram ist eingetreten! Aller Augen haben sich mit sichtlichem Wohlgefallen auf die breitschultrige, schneidige Gestalt im hellen Sportskleid gerichtet. Mit ruhigem Blick schreitet er auf den Baron zu: «Vorläufig eines, lieber Baron: nicht mehr zu küssen, bis ich den letzten Wechsel der römischen Hydra entdeckt, und meinen Anstand nicht zu verlassen, bis ich sie zur Strecke gebracht habe!»

Da erhebt sich der Stuhlmeister Neruda, ein ehemaliger tschechischer Theologe! Auf den Zehen schleichend, mit vorgestrecktem Kiefer, geht er auf den Eingetretenen zu:

«Aram Béla!», spricht er mit hochgezogenen Brauen.  «Ich sage dir nur eins: Nimm dich in acht vor den Jesuiten!»

Der kraftstrotzende Jungmann sucht seine Abneigung gegen den unheimlichen Wichtigtuer mir einem freundlichen Lächeln zu verhüllen:

«Herr Neruda! Ich glaube, Sie mit der Versicherung beruhigen zu können, dass ich nicht zu jenen Simpeln gehöre, die schon beim bloßen Wort ‚Jesuit’ Gänsehaut und Herzklopfen bekommen!»

«Mein lieber Herr Aram! Von allen Gefahren ist immer die unbekannte die größte!»

«Ich werde sie kennen lernen!»

Und es ist dabei so, als ob seine Zähne leise knirschten!

«Ja . . . hm . . . aber . . . wenn der schneidige ‚Theologe’ in Innsbruck als Millionärssohn auftritt . . . mit ... hm ... mit schönen Damen . . . spazieren geht ... da wird das Schwarzwild den Jäger bald wittern und kopfscheu werden!»

«Es soll allerdings Menschen geben, die ohne High Life und Weiber nicht leben können!  Für mich ist es selbstverständlich, dass ich als bescheidener Theologe auftreten werde, solange es notwendig sein wird!  Übrigens spielen bei mir die Jesuiten und die ganze römische Kanaille eine sekundäre Rolle!»

«Aaah ---?»

«In erster Linie will ich einmal wissenschaftlich einwandfrei wissen, wer der Prophet von Nazareth ist!»

Ein Zucken geht über Nerudas Indianergesicht:

«Ein Problem, mein lieber Béla, ein Problem!»

« Ein Problem?  Entweder lässt sich die Frage nach dieser Persönlichkeit wissenschaftlich lösen, dann gut! Dann ist eine Wundergestalt entlarvt! Oder sie lässt sich nicht lösen.  Dann ist er für mich – und dafür werd’ ich im Konzern besorgt sein –  auch für die Welt abgetan! Ein Drittes gibt es nicht!»

«Hm, hm!»

«Bitte?»

«Ja. Ja, ja! Du hast vollkommen recht. Aber wäre es vielleicht nicht doch besser, wenn du hierbliebest und das ganze System der römischen Theorie und Praxis an Hand von Lehrbüchern für dich allein studieren würdest, statt zu diesen siebenmal um sich selbst gewundenen Jesuiten zu gehen?»

«Aus Büchern? Der tote Buchstabe sagt mir nichts!  Das Papier nimmt alles an, aber ich will Wahrheit, rücksichtslose, steinharte Wahrheit! Und im Zweifel muss ich fragen, disputieren, mich belehren lassen können. Hat etwa der Großmeister Neruda Angst?»

«Um dich!»

«Pah!»

«Hm ... ja! Aram Béla. ich will aufrichtig sein. Du bist ja gewiss einer der intelligentesten Menschen, die ich je getroffen bitte, bitte, soll kein Kompliment sein!  Aber … hm, hm, ja, ja!  Ob du mit deiner geraden Ritterlichkeit und mit deinem, sagen wir es offen: mit deinem jugendlichen Draufgängertum den raffinierten Windungen dieser Kobras gewachsen sein wirst, das, hm ... ja ... ist eine andere ...»

«Ich verlache ihre Feindschaft, ich wünsche sie!»             

«Und hm ihre … Freundschaft??»

«Ihre Freundschaft?  Herr Neruda!  Wenn ich mit diesen Leuten Freundschaft schließe, so dürfen Sie mich ohne Voranzeige wie einen Hund zusammenschießen!  Gegen Freundschaft und Bekehrungsversuche habe ich außer meinem gesunden Menschenverstand noch eine andere, nie versagende Waffe!»

«Ah? Wirklich?»

«Meinen ehrlichen, versengenden Haß gegen den Apostaten von Nazareth ... Neruda! Mein Leben für die Entlarvung des gekreuzigten Fakirs und seiner ‚göttlichen’ Komödie!»

«Gott segne dich, mein Sohn!»

«Und Herr Papa!  Auch das ‘Geschäft’ wird nicht ausbleiben. Wie, wenn ich durch den internationalen Zeitungskonzern meine wissenschaftlich einwandfrei begründete ‚Wahrheit über den Nazarener’ und ‚die römische Völkernacht’ zu Millionen in die Welt schleudere wie ein elementares Trommelfeuer über den Vatikan und seine Heere?»

Eine verhaltene Glut leuchtet aus seinem Auge, seine Schläfen haben sich gerötet und mancher blasierte Logenmann, der den «Spleen» des jungen Millionärs im Geheimen bisher vielleicht verlacht hat, ist unwillkürlich aufgestanden, um sein plötzlich erwachtes Interesse durch ungewollte Bewunderung zu bekunden.

Und Neruda, der Großmeister der «Eos», hat seinen Arm um «seinen jungen Bruder» Aram Béla gelegt, und in leisem Entzücken flüstert er ihm zu:

«Ex Oriente lux!»

Nach Innsbruck - Eine Zukunfts-Vision Aram Bélas - Zola und Lourdes

Auf dem Wiener Westbahnhof steht der Schnellzug unter Volldampf. Überladene Dienstmänner keuchen her und der Zugführer, bereits mit der Pfeife in der Hand, muss den heranfiebernden Menschen sieben Mal das Gleiche sagen.

Noch promeniert dort Aram Béla ohne Kopfbedeckung mit der schönen Gräfin Noemi von Heilborn; sein Kupee trägt die Aufschrift: Reserviert für Herrn Aram Béla.

«Aram!», sagt sie noch leise und eindringlich, halb im Ernst und halb im Scherz, «dass du dich vor den Tiroler ‚Nudeln’, vor den verschiedenen Nandls’, ‚Resls’, ‚Zenzis’, und ‚Mariedls’ in Acht nimmst!»

«Noemi! Ich will dir etwas ganz leise ins Ohr sagen: Weißt du, wenn man daheim Champagner im Keller hat, so reist man nicht in fremde Länder, um Schnaps zu betteln!»

«Das will ich hoffen, Aram! Ich könnte es nicht ertragen! Falle lieber vom Glauben ab und werde Jesuit!»

«Aber, Blume von Libanon; dann hättest du mich wieder nicht!»

«Richtig! Daran hab’ ich nicht gedacht!  Aber, wenigstens hätte dich dann keine andere, und der halbe Schmerz wäre geheilt!»

«St. Pölten Linz Salzburg . . .!»

«Noemi! Schau: vor aller Welt will ich dich küssen, und damit bist du...”

«Deine Braut: Noemi von Heilborn! Aram! Jetzt könnte ich sterben!»

«Auf Wiedersehen!»

In Penzing hält der Schnellzug noch einmal, und da klopft jemand ans Fenster Aram Bélas: Neruda!

«Ich habe dir hier in aller Eile noch etwas zusammengestellt, mein lieber Aram!» Und damit überreicht ihm der Großmeister einen Brief mit der Adresse Aram Bélas.

«Der Zug pfeift ab!  Mit Glück, mein lieber ‚Antichrist’! Willst du mich auf dem Laufenden halten?»

«Gewiss!»

«Adjö!»

«Servus!»

Der Schnellzug rast durch die herrlichen Gefilde des Donautales von Nieder- und Oberösterreich.  Aram Béla sieht nichts davon, denn vor ihm liegt «Les trois villes“[1] von Emil Zola (Lourdes 1894. Rome 1896, Paris 1898). Plötzlich fährt er wie träumend auf und greift nach dem Briefe Nerudas. Er enthält einen Zettel mit der Aufschrift:

«Unerlässliche Grundlage der theologischen Bibliothek: Gotthold Ephraim Lessing: ‘Sieben Fragmente eines Unbekannten? ‘, David Friedrich Strauß ‘Leben Jesu’, 2 Bände., Ernest Renan: ‘Leben Jesu’ (Vie de Jesus). Harnack: ‘Das Wesen des Christentums’, Bernhard Weiß: ‘Leben Jesu’, Paul Wernle: ‘Jesus’.»

Dazu eine Reihe moderner Bibelkritiker!

«Hm! Stimmen denn die verschiedenen ‘Leben Jesu’ dieser Modernen in ihrer Auffassung und Begründung überein? Warum denn so viele?  Pah! So weit sind wir noch nicht! Ich will zuerst das ‘Positive’ und dann die Kritik!  Aber was hat er zum Abschied gesagt, dieser gerissene Neruda?  ‘Antichrist’ hat er mich tituliert! Ah! – meine Lebensaufgabe! Wer das Kartenhaus des Nazareners zusammenbläst und das römische Bollwerk zertrümmert, darf sich wohl füglich so nennen!

Und wenn meine Kraft versagt?

Wenn ich stürze?

Tausende sind gestürzt!  Soll das heißen, dass jeder stürzen muss?»

Tausende haben nach dem Adler geschaut, Hunderte haben ihr Leben der Bezwingung der Luft geweiht verlacht, verhöhnt, verspottet!  Die kühnsten Pioniere der Luft sind gestürzt, ruhmlos gestorben und verdorben, und . . .

Heute fliegt man!

Der menschliche Genius hat sich über die Erde erhoben und schwebt im Sonnenlichte des reinen Äthers! Hoch über dem lächerlichen Alltag!

Und – wird mir mein Flug nicht auch gelingen, wenn ich gegen den Betrug der römischen Baalspriester die ehrliche Wissenschaft und meine Millionen ins Feld führe?

Und weiter: Ist die Besiegung des Christentums nicht der Sieg des Judentums?

Sieg des Judentums mit Hilfe der Loge und der Millionen!

Sieg auf der ganzen Linie!

Eine geradezu maschiachische (messianische) Idee!

Ah!  Wenn ich ...

Wenn ich dieser Maschiach (Messias) wäre ...  sein könnte!

Und wenn dieser Antichrist in Jerusalem einzöge wie ein Judas der Makkabäer!»

Draußen ist es Nacht geworden. Und die Lichter der jagenden Wagen werfen ihre phantastischen Strahlenbilder in die Frühlingsnebel, die der Donau entsteigen und sie werden dem ekstatischen Auge Aram Bélas zur Fata Morgana: