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Es ist die tragische Geschichte der erst 17 - jährigen Bernadette Hasler, welche bei einer Teufelsaustreibung in Ringwil in der Schweiz getötet wird. Der katholische - Pater Josef Stocker und die "Heilige Mutter" - Magdalena Kohler wurden dafür im sogenannten "Teufelsprozess" von Zürich zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nicht im Mittelalter passierte diese grauenhaften Verbrechen, sondern unter grosser Medienaufmerksamkeit 1966 in der Schweiz.
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Seitenzahl: 97
Veröffentlichungsjahr: 2025
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In Erinnerung an meine Grosseltern
DAMALS 1966
EINSTIEG
WIE ALLES BEGANN
DIE NONNE STELLA
IM FRICKTAL
IN DER SCHWEIZ
SINGEN
DAS UMFELD
DAS JAHR - 1965
AUF TEUFEL KOMM RAUS
IM GERICHTSSAAL
Die Nichtigkeitsbeschwerde
Die Wiederholungstäterin
1988 – Sie tut es wieder!
55 Jahre später
DER TEUFEL IN MIR – 2026
15. Mai 1966
Als der exkommunizierte Pater Josef Stocker, mittlerweile Führer einer Sekte, an diesem Sonntagmorgen um 10 Uhr die «höchst sündige» Bernadette Hasler wecken wollte, lag sie – ihren zahlreichen schweren Verletzungen erlegen, die sie während einer «Teufelsaustreibung» erlitten, hatte - tot in ihrem Bett.
Von diesem Ereignis überfordert, ordnete die «Heilige Mutter» Magdalena Kohler an, die Familie der Verstorben solle sofort nach Ringwil kommen. Bald war man sich einig, dass die «Heiligen Eltern», also Magdalena Kohler und Pater Stocker, nicht mit diesem Tod in Verbindung gebracht werden durften, und daher sollte Bernadettes Vater, den Hasler, die tote Tochter nach Hellikon ins aargauischen Fricktal mitnehmen, dort einen Unfall inszenieren und die Schuld am Tod seiner Tochter auf sich nehmen. So war es jedenfalls vorgesehen.
Niemals durften die «Heiligen des Werks» in die Pflicht genommen werden.
Als sich die Haslers jedoch weigerten, da sie schon länger auf Distanz zu der Sekte gegangen waren, nahm ein anderes Sektenmitglied die alleinige Schuld am Tod des Mädchens auf sich. Der jüngste der Gebrüder Barmettler, aus Wangen bei Olten.
Er war ledig und hatte somit am wenigsten zu verlieren, meinte die Kohler.
Geboren im Fricktal
Meine Grossmutter, Alice Hasler wurde 1921 in Hellikon geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in diesem kleinen Dorf. Mit der vom Schicksal gebeutelten Familie der ermordeten Bernadette Hasler seien wir nicht verwandt, so betonte sie jedenfalls immer wieder, als sich die Ereignisse 1966 überschlugen und öffentlich gemacht wurden.
Allen voran berichtete die Boulevardpresse über den aussergewöhnlichen Fall, jedoch nicht nur sie.
Auch etablierte Zeitungen berichteten bis ins letzte Detail akribisch von den schrecklichen Ereignissen rund um die mörderische Sekte, angeführt von Pater Peter Stocker und Magdalena Kohler.
Von der Todesnacht in Ringwil bei Hinwil bis zum Prozess in Zürich, wo die tragische Geschichte ihren medialen Höhepunkt erreichte und ihr vorläufiges Ende fand, wurde alles der Öffentlichkeit zugetragen.
Auch die Eltern des getöteten Mädchens zeigten sich dem Schweizer Fernsehen gegenüber sehr offen und berichteten von dem grossen Opfer, welches ihre Bernadette gebracht habe. Nur so sei ihnen die Flucht aus der Sekte gelungen. Bernadette befreite sie von ihrer Abhängigkeit, für die sie bis dahin bereit gewesen waren, alles zu tun.
Wie wichtig der Fall von 1966 bis zum Prozessende 1969 genommen wurde, zeigen die immer wieder neuaufgelegten Berichte in den Zeitungen.
Als sich der Zürcher Teufelsprozess 2019 zum 50. Mal jährte, berichtete sogar der Spiegel in Deutschland darüber. Und der Stern schrieb darüber unter dem reisserischen Titel; «Die Exorzisten von Hinwil – Als die ‹Foltersekte› die ‹Teufelshure› bestialisch zu Tode prügelte».
In der Schweiz selbst gab es kaum eine Zeitung, die nicht erneut ebenfalls gross über die Grausamkeiten der sieben Täter in der besagten Nacht im Zürcher Oberland berichtete.
Nun aber zurück zu meiner Grossmutter. Es war ihr, wie erwähnt, sehr wichtig, meinte meine Mutter bei der Bearbeitung dieses Buches, dass wir nichts mit dieser Familie und dieser abnormen Sekte zu tun hatten.
Obwohl es den Namen «Hasler» von der Gemeinde Möhlin am Rhein bis ins Fricktal wie Sand am Meer gibt; man hat den Eindruck, dass jede dritte Familie in Hellikon so heisst.
Wahrscheinlich sind die vielen Hasler-Familien über mehrere Ecken tatsächlich alle miteinander verwandt.
Als Bernadette den Tod fand, war ich noch nicht geboren. Dass diese Geschichte aber immer aktuell geblieben ist und auch heute noch für Gesprächsstoff sorgt, hängt sicher auch damit zusammen, dass das Schlimme die Menschen immer besonders interessiert.
Dass die betroffene Bevölkerung nach einem so schrecklichen Ereignis aber wieder ihre Ruhe haben möchte, scheint verständlich zu sein. Man sehnt sich nach Normalität, versucht, verschwiegen mit so einer Geschichte umzugehen und möchte nicht mehr damit in Verbindung gebracht werden.
Ausserdem waren einige der Familien im Dorf aktive Mitglieder der Weltuntergangsekte, um die es ging. Und die Anführer, die sogenannten Heiligen Eltern, die über Interpol ausgeschrieben und gesucht wurden, residierten im Untergrund mehrere Jahre wie die Könige im Dorf. Tranken viele Flaschen Champagner wie Wasser und assen feine Speisen, fuhren mit dem extra für sie gekauften Mercedes ins noble Zürich.
Es war nicht die Rote-Armee-Fraktion, die in der Schweiz untertauchen musste, diese taten dies sicher auch, sondern es waren ein exkommunizierter katholischer Pfarrer und seine Geliebte, die sich für Höheres auserwählt hielten.
Den Mitgliedern ihrer Sekte predigten sie hingegen Enthaltsamkeit und Bescheidenheit. Im Dorf gibt es deswegen sicher immer noch eine Art Scham, jedenfalls bei den älteren Menschen.
Flugzeugabsturz in Dürrenäsch - 1963
Ein gutes Beispiel dafür, was extreme Verschwiegenheit zur Folge haben kann, ist der Flugzeugabsturz der Swissair SR 306 von Zürich nach Rom.
Als die Maschine im September 1963 bei Dürrenäsch im Aargau abstürzte und alle 80 Insassen, davon 43 aus dem Dorf Humlikon, den Tod fanden, konnte der Fernsehsender SRF auch 50 Jahre danach keine Person aus dem Dorf finden, die etwas dazu vor der Kamera erzählen wollte.
Der Dokumentarfilm lebte von Archivmaterial und involvierten Personen der Swissair und aus dem Nachbardorf sowie den Spezialisten der Aviatik.
Es war auch deshalb ein so trauriges Ereignis, weil die 43 Toten aus dem Dorf eine landwirtschaftliche Ausstellung in Genf besuchen wollten und für viele von ihnen dieser kurze Trip ihr erster Flug überhaupt war, ein damals noch seltenes und sehr besonderes Ereignis.
Das Dorf hatte damals 217 Einwohner und verlor nun auf einen Schlag ein Viertel seiner Mitbürger. Die grösste Tragik aber war, dass durch dieses Unglück 39 Kinder zu Vollwaisen wurden.
Auch deshalb war es mir ein Anliegen, keine Interviews in Hellikon im Dorf zu führen, niemanden auszuhorchen und anzusprechen und so nicht für Unruhe zu sorgen
Ich besuchte Hellikon mehrmals, schaute mir das Haus der Familie Hasler an, das erst seit kurzem leer steht, und stellte mir alles bildlich vor. Ich schloss die Augen und war sogleich in der Vergangenheit, im letzten Jahrhundert:
Ein Bauerndorf in den 1960er-Jahren, tief in der Nacht, der Nebel hängt ums Haus, es steigt ein älteres Ehepaar in ein Auto, kaum erkennbar in seinen zu weiten Mänteln, das dann erst gegen Morgen wieder zurückkehrte mit dem Fahrer aus dem Dorf, der jeder kennt: Josef Hasler. Wohin ging es diesmal? Bemerkte es jemand aus der Nachbarschaft? Es ist fast wie bei einem Krimi von Edgar Wallace. Doch Nebel hat es eigentlich in Hellikon selten, gilt doch das Fricktal als mehr oder weniger nebelfrei und ist der Sonnentempel vom Aargau. Hat jemand im Dorf den Aufbruch bemerkt? Wohl kaum, denn in einem so kleinen Dorf sieht man nichts, wenn man nicht will und viel, wenn man dann doch will.
Als das Schweizer Fernsehen wieder einmal ein Filmteam ins Dorf schickte, meinte der Nachbarsbauer, der das Interview beim Melken führte: «Man wusste schon etwas, sah den Hasler auch ab und an betend umhergehen im Haus, wahrscheinlich mit dem Gebetbuch in der Hand.» Am Schmutzigen Donnerstag dann, meinte der Bauer weiter, sei der Kantonspolizist Zumsteg vorbeigekommen und habe den Leuten noch gesagt, er werde dieses Nest jetzt auseinandernehmen. Aber als er wieder aus dem Haus kam, meinte er nur, er könne nichts ausrichten, er habe halt keine Befugnis.
Der internationale Haftbefehl von Interpol, der gegen das Sektenführerpaar Stocker und Kohler ausgestellt wurde, war wahrscheinlich in Deutschland hängen geblieben.
Weiter, meinte der Bauer, hätte er nie jemanden gesehen. Die seien wohl bei Wind und Nebel weit in der Nacht ausgeflogen, so habe es auch Josef Hasler zu ihnen gesagt.
Zweimal überkam es mich dennoch, und ich sprach zwei Frauen an zwei verschiedenen Orten im Dorf an. Aber ich erhielt nur die zu erwarteten Antworten:
«Lassen wir doch die alten Zeiten ruhen.» Und: «Ich weiss nichts davon.» Und das, obwohl diese zweite Frau, und zwar die ältere, mir zuvor erzählt hatte, dass sie in Hellikon aufgewachsen sei.
Es ist keine einfache Kost, die ich Ihnen hier zu lesen gebe. Doch möchte ich auch nichts beschönigen, sondern auch Gefahren aufzeigen.
Schaut man nämlich aus heutiger Sicht auf die Familie Hasler und ihre Geschichte, so kann man sich zwar kaum vorstellen, dass dies in einer solchen Naivität passieren konnte. Aber das Prinzip dahinter heisst einfach immer Angst.
Die gab es damals, und die gibt es heute.
Es ist die grosse Furcht vor dem Teufel, dem Bösen, dem Verlust und schlussendlich dem Tod, welcher nicht als Erlösung angesehen wird, weil es ja noch eine Hölle gibt.
Und dies ist die eigentliche Tragik: dass es trotz dem Glauben an Gott und ein besseres Leben nach dem Tod die Angst ist, die uns schon zu Lebzeiten die Luft abschnürt. Und die Erlösung, an die nur wenige glauben.
Heute, sollte man meinen, besitzen wir ein besseres, ein erweitertes Bewusstsein, um offen zu sein, mehr zu begreifen.
Und doch haben Verschwörungen wieder Hochkonjunktur, kaum weniger als im Mittelalter. Ich würde nun gern behaupten, dass es Zeiten gab, in denen es viel mehr Sekten hatte – Weltuntergangsgruppen, Gurus, die uns das Wunder auf Erden versprachen,
Kirchen und ihre Propheten, Seher und Retter, Heilige, die Wunder wirkten. Zeiten, in denen die Menschen naiv an Himmel und Hölle glaubten. Wenn ich mich aber heute umhöre und mitbekomme, welch abstruse Theorien verbreitet werden, dann scheint es mir kaum anders zu sein als anno 1967, als Magdalena Kohler behauptete, Gott spreche aus ihr.
Oder wie es war vor 150 Jahren? Oder gar 1'000? Seit das Corona-Virus die Menschen zusätzlich verunsichert hat, und ich sage bewusst «das Virus» und nicht die Massnahmen, scheinen die Verschwörungstheorien und die, welche sie verbreiten, sich vergnügt in dieser Nische eingerichtet zu haben. Es lohnt sich wieder, die Zeit ist reif, die Menschen sind empfänglich. Die Leidtragenden sind die Menschen, die zu Opfern werden.
Man könnte es belächeln, wäre da nicht die braune Gefahr und ihre Propaganda mittendrin – alles schon mal dagewesen und für die Demokratie eine echte Bedrohung. Man klagt mit skurrilen Geschichten über die angeblich despotische Regierung von heute und bemerkt nicht, dass man bereits unsere Werte gegen die der Diktatur ausgewechselt hat.
Da erscheinen mir die Umstände des «Werkes» des ehemaligen Priesters Stocker und der Heiligen Mutter Magdalena Kohler beinahe harmlos. Auf die meisten Menschen trifft das ja auch zu; für Bernadette und ihre Familie bedeutete es allerdings die Vernichtung ihrer ganzen Existenz und Zukunft.
Meine Grossmutter heiratete 1946 im Kloster Mariastein meinen Grossvater Heinrich Spreiter und nahm seinen Namen an. Einige Jahre zuvor, noch lange vor dem Skandal um die Sekte in ihrem Geburtsort, arbeitete sie als Haushaltshilfe in der Nähe des Kantons Freiburg. Mein Grossvater wiederum zog von Buchs im St. Galler Rheintal in den Jura und lernte neben seinem Beruf, er wurde Bäcker, auch gleich noch Französisch dazu. Irgendwo im «Welschen» haben sie sich dann getroffen.
Anfangs lebte die Familie Spreiter-Hasler noch eine Zeitlang in Hellikon. Die ersten zwei Kinder von insgesamt fünf sind im Spital Rheinfelden geboren; das älteste ist meine Mutter. Danach zogen sie weiter, durch die ganze Schweiz. Zuerst ins St. Galler Rheintal, nach Buchs, den Geburtsort meines Grossvaters. Nach einer Neuorientierung - Grossvater wollte zur Bahn - wurden sie ein Wirtspaar in Teufen im Appenzellerland, dann weiter ins Toggenburg, und arbeiteten schlussendlich bis 1980 in einem Berggasthof mit dem Namen Oberberg unterhalb der Ibergeregg. Meist waren die Wirtshäuser mit einer Bachstube zusätzlich ausgestattet. Die letzten 25 Jahre bewohnten sie eine kleine Zweizimmerwohnung in unserem Haus im Freiamt.
Schulhaus - 1865
