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Erst mit 45 erhielt der Autor die Diagnose. Sein Buch «Warum zum Teufel Ritalin?» ist eine Reflexion mit den Schattenseiten der Veranlagung und wie ein Leben ohne und mit Ritalin aussieht. Die authentische Schrift des gelernten Psychiatriepflegers ist ein Ratgeber für Eltern, denn ohne die richtige Therapie können sich Begleiterkrankungen wie Depressionen, Zwangsstörungen, Ängste und Panikattacken entwickeln. Suchtverhalten oder ein Burnout sind dann die Folgen «Ich bin angekommen. Nach all den Jahren, in denen sich meine Hyperaktivität negativ auf meine Lebensqualität ausgewirkt hat, ist mein Leben mit Ritalin heute wie ein Geschenk, das ich verspätet ausgepackt habe.»
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Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2021
Die Namen und Identitäten aller in diesem Buch erwähnten Personen wurden vom Autor geändert.
Copyright © 2020 Cameo Verlag GmbH, Bern
Alle Rechte vorbehalten.
Der Cameo Verlag wird vom Bundesamt für Kultur
für die Jahre 2021-2024 unterstützt
Co-Autoren: Franziska K. Müller, Dr. med. univ. Ilona Maier
Lektorat: Katja Völkel, Dresden
Redaktion: Peter Wäch, Cameo Verlag GmbH, Bern
Umschlaggestaltung: André De Carvalho, Cameo Verlag GmbH, Bern
Layout und Satz: Rafael Schlegel, Cameo Verlag GmbH, Bern
ISBN: 978-3-906287-93-5
eBook: CPI books GmbH, Leck
Vorwort
Warum ein Buch über ADHS?
Gefundene Freiheit
Ein Kinderleben
Alles wird anders
Das Muriels-Wedding-Syndrom.
Quo vadis?
Wanderjahre
Selbsttherapie
Vaterfreuden
Krisenmanagement
Der Schleier lichtet sich
Neue Ufer
Das gute Leben
Weiter, weiter, immer weiter
Wichtige Fragen rund um ADHS
Mein Dank
«Zum ersten Mal in meinem Leben empfinde ich Ruhe. Ich bin gelassen, halte mich aus, bin nicht mehr getrieben. Ich renne dem Leben nicht mehr nach, sondern stehe mittendrin. Meine Gedanken und Gefühle sind geordnet und können losgelassen werden. Ich sehe die Welt in Farben, nicht mehr nur Schwarz oder Weiß. Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein im Leben – in meinem Leben.»
– Stephan Rey
Stephan Reys Biografie ist eine typische Geschichte eines Menschen mit ADHS, sehr authentisch und farbig dargestellt. Sein Elternhaus konnte erstaunlich natürlich und gut mit ihm als Junge umgehen, doch in den höheren Schulstufen erkannte sein Umfeld, die Schule wie auch die weitere Verwandtschaft nicht mehr, was sein Problem war und hat so ziemlich alle Fehler gemacht, die man mit einem ADHS-Kind machen kann. Sie reagierten mit Regulierungen und Maßnahmen, sobald er sich «falsch» und unangepasst verhielt. Doch die normale Pädagogik mit Bestrafung greift bei diesen Kindern nicht, ja, sie schadet nur.
Bei Stephan Rey wurde erst im Erwachsenenalter die Diagnose ADHS gestellt, was für ihn wie eine Erleuchtung und Erleichterung war. Das Buch soll allen Menschen mit ADHS Mut machen, dass es nie zu spät ist, sein Leben unter dieser neuen Perspektive nochmals anzupacken und Freude an sich zu bekommen und auch genießen zu können.
Keine Fachperson könnte all diese Aspekte und Prozesse so anschaulich und einleuchtend beschreiben wie ein Betroffener selbst.
Möge das Buch vielen Menschen mit ADHS, jungen und älteren, Kraft geben und vor allem auch Eltern und Lehrer dazu auffordern, sich fachliche Hilfe zu holen, um im Umgang mit diesen speziellen Kindern erfolgreicher zu sein.
Dr. med. univ. Ursula Davatz, 4. Februar 2020
www.ganglion.ch
«Du kannst nicht wählen, wie du stirbst oder wann. Aber du kannst bestimmen, wie du lebst. Jetzt.»
– Joan Baez
Dem Entschluss, ein Buch schreiben zu wollen, ging meine ADHS-Diagnose voraus. Der Befund war für mich eine Erlösung! Vieles lichtete sich wie ein Schleier vor meinen Augen und ich konnte mein bisheriges fünfzigjähriges Leben endlich in eine neue und vor allem gesunde Relation stellen.
Ich bin im Sommer 1968 geboren und in einer Zeit groß geworden, in der die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) noch weitgehend unbekannt war in unserer Gesellschaft. Damals sprach man vom Psychoorganischen Syndrom (POS), das als Verhaltensauffälligkeit charakterisiert wurde und von dem man sogar sagte, es verlaufe progressiv. Meine Eltern begegneten meiner Andersartigkeit mit Toleranz und viel gutem Willen. Viele meiner Mitmenschen ließen mich jedoch wissen oder spüren, dass ich doch ein recht schwieriges Kind sei. Ich sollte mich benehmen, mich ruhig verhalten, weniger reden. Ich bemühte mich sehr, aber es ging einfach nicht. Selbst das Beten half nichts. In der Schule geriet ich ins Hintertreffen, mein Selbstwertgefühl litt entsprechend. Mit diesen Voraussetzungen startete ich in mein Erwachsenenleben, das über viele Jahre äußerst turbulent bleiben sollte.
Die Dunkelziffer an Erwachsenen, bei denen die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS/ADS, (noch) nicht diagnostiziert wurde, wird von Experten hoch eingeschätzt. Natürlich sind jene Generationen, die in einer Zeit aufwuchsen, in der noch niemand von dieser Eigenschaft sprach, überdurchschnittlich betroffen. Dies blieb nicht ohne Folgen, wie ich aus meiner jetzigen beruflichen Position als Pflegefachmann bestätigen kann: Bei vielen Männern und Frauen, die mit Depressionen, Zwangserkrankungen, Angststörungen und Panikattacken, Süchten oder mit einem Burnout leben, kann der Ursprung dieser Leiden durchaus in einer unbehandelten AD(H)S-Problematik liegen. Dass die Ursprungserkrankung in Wirklichkeit die Haupterkrankung ist, wissen weder die Patienten noch die behandelnden Ärzte. Leider wird die Nebendiagnose nur allzu oft mit Antidepressiva behandelt, während die Grunderkrankung, AD(H)S, ignoriert oder kategorisch ausgeklammert wird.
Je mehr ich mich mit der Thematik rund um AD(H)S befasst habe, desto wichtiger fand ich es, dass ein Betroffener selbst erzählt, was er in Zusammenhang mit AD(H)S erlebt hat. Es ist die Reflexion eines Lebens mit und ohne Diagnose, aber auch mit und ohne Therapien sowie Medikamenten. Es ist aber auch ein Appell an Eltern: Wenn Ihre Kinder einen begründeten Verdacht auf eine AD(H)S-Problematik aufweisen, sollten sie diesen Verdacht auf jeden Fall abklären lassen. Alles andere muss nicht, aber kann sich negativ auf die Zukunft auswirken. Die Sozialisierung und eine adäquate Schulbildung können von der Diagnose und den getroffenen Maßnahmen abhängen. Das gilt ebenso für das Wohlbefinden des betroffenen Kindes auf verschiedenen Ebenen und ebenso zur Prävention für spätere Begleiterkrankungen.
Heute sind Kinder in einer Welt zu Hause, in der die Zeit der Eltern ein zunehmend knappes Gut geworden ist. Der ständig wachsende Leistungsdruck, dem immer mehr Kinder ausgesetzt sind, aber auch der eingeschränkte Bewegungsraum in den Städten tragen dazu bei, dass im Zusammenhang mit AD(H)S von einer Zivilisationskrankheit gesprochen wurde. Heute weiß man, dass das eine falsche Annahme ist.
Und doch glaube ich, dass der bekannte Schweizer Kinderarzt Remo Largo auch recht hat, wenn er in Bezug auf Verhaltensauffälligkeiten Folgendes sagt: «Nicht die Kinder sind das Problem, sondern die Erwachsenen, die die Umgebung gestalten.» Aufgrund meiner eigenen Biografie weiß ich nur zu gut, wie verschiedenartig sich AD(H)S äußern kann und welchen Beitrag die Umwelt unter Umständen leistet.
Die ersten Jahre meines Lebens hatte ich Glück: Mit toleranten Erwachsenen und wenigen Regeln, die meinen Bewegungsdrang und mein unkonventionelles Verhalten einschränkten. Später erlebte ich leider das pure Gegenteil, und das hatte Konsequenzen für mein Leben. Wenn das Umfeld mit Überforderung reagiert und wenn in gleichem Maße Vorurteile vorhanden sind, die oft auf mangelnder Information beruhen, kann der Alltag für ein Kind mit AD(H)S zur wahren Belastung werden.
Im weiteren Verlauf meines nicht einfachen Lebens wurde ich schließlich mit dem Thema Ritalin konfrontiert. Nach einem fünfjährigen Prozess, der mit unzähligen Versuchen gespickt war, meine innere Unruhe und das Chaos in meinem Kopf zu bewältigen, war ich dazu bereit, dem umstrittenen Medikament eine Chance zu geben, und ich entschied mich für die Einnahme von Ritalin. Das Resultat ist für mich positiv, um nicht zu sagen: Es war überwältigend. Seit einiger Zeit bin ich gut eingestellt mit dem Medikament und mein Buchprojekt konnte dadurch Kapitel um Kapitel erweitert werden. Manche meiner Überlegungen mögen für Leserinnen und Leser ketzerisch erscheinen, andererseits kann ich als Betroffener laut aussprechen, was sich andere vielleicht nicht getrauen: Warum sollte ich verschweigen müssen, dass ein Medikament meine Lebensqualität signifikant steigert, während die Medikation mit anderen Präparaten wie z. B. Temesta, Xanax, Stilnox u. a. weit mehr Risiken birgt und die Mittel noch dazu abhängig machen? Anders gefragt: Warum ist Ritalin im Zusammenhang mit AD(H)S ein Tabuthema und warum sind es Benzodiazepine und Schlafmedikamente oft nicht?
Ritalin fällt in die Kategorie der Betäubungsmittel. Das ist aus meiner Sicht jedoch nicht der eigentliche Grund, warum es immer wieder verteufelt wird. Die Antwort ist simpel: Die wenigsten Menschen wissen, wie Ritalin bei Menschen mit AD(H)S wirkt und welche Nebenwirkungen es dann tatsächlich hat. Die Empörung rund um Ritalin ist laut und schrill. Während Nebenwirkungen in der Schulmedizin mehrheitlich ignoriert werden, muss die Psychiatrie und Neuropsychiatrie immer noch gegen enorme Vorurteile ankämpfen, und das gilt hier natürlich auch für die Medikamente, die eingesetzt werden.
Die Diskussion sollte sachlich und nicht ideologisch geführt werden. Natürlich hat jedes Medikament eine Wirkung und eine Nebenwirkung. Wirksamkeit und Nutzen müssen immer wieder aufs Neue überprüft werden. Verschreibungspflichtige Arzneimittel dürfen zudem niemals ohne Facharzt und eine vorhergehende Anamnese verordnet werden. Eine seriöse Behandlung von AD(H)S und möglicher Folgeerkrankungen schließt immer mehrere Therapiebereiche mit ein. Dazu gehören Ernährung, Bewegung, die Komplementärmedizin oder die Agogik. All diese Maßnahmen können eine Linderung bewirken und sie tragen auch dazu bei, dass die Medikation mit Ritalin die beste Wirkung entfalten kann.
In meinem Fall half mir das Medikament dabei, dass ich einerseits mehr am Leben teilnehmen und andererseits den Moment besser genießen kann. Ich bin heute mit mir selbst im Reinen, agiere im Gegensatz zu früher überlegt und bin innerlich ausgeglichen und ruhig. Und das ist ein großer Gewinn für mich, ein Zustand, den ich kaum in Worte fassen kann. Ich erhebe nicht den Anspruch, dass meine Erfahrungen für alle Gültigkeit haben. Und doch möchte ich nicht schweigen müssen.
Zusammenfassend kann ich sagen: Nach all den Jahren, in denen sich meine Hyperaktivität negativ auf meine Lebensqualität ausgewirkt hat, ist mein Leben mit Ritalin heute wie ein Geschenk, das ich etwas verspätet ausgepackt habe. Das klingt jetzt für einige vielleicht so, als hätte ich einen Werbevertrag mit einem bekannten Pharmakonzern. Ich kann aber mit gutem Gewissen behaupten, dass dem nicht der Fall ist und sich für mich auch keine anderen finanziellen Quellen erschlossen haben, um dieses Buch zu schreiben. Ich beschreibe lediglich die Erlebnisse eines Menschen – meine Erlebnisse – mit ADHS, wie ich mit (aber nicht nur) Ritalin einen Weg gefunden habe, mein Leben so zu leben, wie es für viele von Geburt an natürlich und selbstverständlich ist.
Stephan Rey, im Sommer 2020
Der Begriff «Kreativität» stammt vom lateinischen Wort «creare» ab, was in die deutsche Sprache übersetzt «schaffen», «gebären» oder «erzeugen» bedeutet.
Dahinter steht auch die entsprechende Motivation, bezogen auf den Bereich, in dem die Kreativität ausgelebt wird. Das kann in der Kunst sein, doch ist es natürlich in unzähligen anderen Bereichen möglich.
Kreativität wird nach Joy Paul Guilford (1897–1987), amerikanischer Psychologe und Intelligenzforscher, durch grundlegende psychische Merkmale erfasst: Problemsensitivität, d. h. im Erkennen, wo ein Problem besteht, die Fähigkeit, in kurzer Zeit viele Ideen hervorzubringen, Flexibilität, das Neuverwenden bekannter Objekte, Anpassen der Ideen an die Realität sowie Originalität.
Gemäß der Kreativitätstheorie des Psychologen Dean Keith Simonton (geboren 1948) von der University of California sind ungewöhnliche und unerwartete Erfahrungen ein wichtiges Merkmal von Menschen, die im Laufe ihres Lebens kreative Meisterleistungen vollbringen.
Das Kernsymptom Unaufmerksamkeit führt oft zum Abwandern der Gedanken (mind-wandering, der Autopilot ist eingeschaltet). Die während dieses Abdriftens aufkommenden Gedanken, betrachtet es man nun positiv, können zu neuen Ideen bzw. kreativen Einfällen führen.
Das andere Kernsymptom, die Impulsivität, macht Menschen mit ADHS spontaner, auch mutiger, sie haben eine gewisse Risikobereitschaft, sind begeisterungsfähig. Da sie manchmal die Grenzen nicht so gut spüren können, probieren sie eher Dinge aus, lassen sich auf Neues ein, sind offen und neugierig. Das fördert die Umsetzung von Ideen bzw. Kreativität.
Ein Problem ist häufig die Ausdauer. Wenn ein großes Interesse an einer Sache besteht, funktioniert die Konzentration besser und es gelingt entsprechend einfacher, eine Angelegenheit weiterzuverfolgen, man befindet sich dann im Flow-Zustand.
Es ist davon auszugehen, dass es unter den Künstlern, also Menschen mit großem kreativem Potenzial, nicht wenige gibt, die ADHS haben.
Die Landschaft zieht an mir vorüber. Ich sehe Salzkräuter, die der Wind als kugelartige Büsche über die rot gefärbte Wüste treibt. Am Horizont zeichnen sich bizarre Felsformationen ab, die das Death Valley so berühmt gemacht haben. Ich nehme diese Bilder intensiv wahr. Die innere Ruhe, die ich in diesem Moment empfinde, macht alles, was ich auf dieser USA-Reise erlebe, zu einer einzigartigen und nie da gewesenen Erfahrung.
Vieles, was bis vor kurzem ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, klappt jetzt problemlos. Ich reise in einer Gruppe in einem Bus und sitze pro Tag bis zu acht Stunden ruhig und zufrieden auf meinem Platz. Die Mitreisenden gehen mir nicht auf die Nerven. Ich fühle mich nicht gehetzt, und ich muss an einem Tag nicht zehn verschiedene To-do‘s auf einer Liste abhaken, die mit Sehenswürdigkeiten gespickt ist. Es sind Aktivitäten, die ich mir früher auferlegt habe, um der drohenden Langeweile und der daraus resultierenden inneren Anspannung zu entfliehen. Ich habe kaum mehr Angst, meinen Pass, die Schlüssel, das Gepäck oder irgendwelchen Krimskrams zu verlieren. Auch mein nahezu fanatischer Ordnungswille und der Hang, alles akribisch planen zu müssen, plagen mich nicht mehr. Noch vor kurzem hatte ich große Angst, dass etwas schiefgehen könnte, und die daraus resultierende Hektik war ein wahrhaft hässlicher Treiber. Ich genieße jeden Moment und fühle mich mit meiner Umwelt und mit mir selbst im Reinen. Ich spüre einen inneren Frieden und das ist eine einzigartige Erfahrung in meinem nun rund fünfzigjährigen Dasein.
Ich bin in meinem Leben weit herumgekommen in der Welt. Meine Reiselust begann, als uns ein Lehrer in der 4. Klasse Dias von seinem Südamerika-Trip vorführte und von seinen intensiven Erlebnissen erzählte. Da wusste ich sogleich, dass auch ich eines Tages den Machu Picchu sehen würde, die von den Inkas erbaute, hoch über dem Tal des Río Urubamba in den peruanischen Anden gelegene Stadt, die es mir unheimlich angetan hatte. Den ersten Trip unternahm ich 1992 allerdings nach Sumatra, während einer achtmonatigen Südostasienreise. Machu Picchu besuchte ich einige Zeit später im Jahr 1955.
Ich verbrachte viele Jahre meines Lebens in fernen Ländern und deren Kontinenten. Der letzte längere Trip dauerte fast zwei Jahre. Zusammen mit meiner damaligen Partnerin, der Mutter meiner 2008 geborenen Tochter, reiste ich auf dem Landweg über China und die Mongolei, weiter nach Vietnam, Thailand, Indien und schließlich nach Ägypten, Jordanien, Israel und wieder zurück.
Im Bus in Amerika sinnierte ich über diese zurückliegenden Reisen, die ich stets mit dem Rucksack unternommen habe. Ich folgte immer meinen eigenen Ideen, hatte große Pläne und wollte Abenteuer erleben. Eine organisierte Gruppenreise bedeutete für mich daher die Kulmination des Spiessertums, etwas komplett Unvorstellbares. Kaum war ich zurück von meinen Expeditionen, begann ich meist sofort wieder mit der Arbeit. Gleichzeitig sparte ich Geld, denn nur die Vorfreude, bald wieder auf Reisen gehen zu können, ließ mich die Eintönigkeit des Alltags in der Schweiz ertragen.
Andere Menschen reisen viel und gerne, weil sie sich für fremde Kulturen und Gebräuche interessieren. Sie besitzen beispielsweise die Toleranz, die Andersartigkeit anderer Völker richtig zu verstehen, oder sie finden in ausgedehnten Auslandsaufenthalten Ruhe und Zentriertheit. Eine Eigenschaft, die ihnen im oft zitierten Hamsterrad des Alltags womöglich abhandengekommen ist. Bei mir kamen weit mehr Gründe hinzu. Einer davon war, dass ich mich ganz einfach für das kleinere Übel entschied. Das klingt vielleicht despektierlich: Das Fremdartige und Unbekannte, mit all seinen zum Teil exotischen Varianten, lenkte mich nämlich von meiner inneren Unruhe ab und stillte gleichzeitig ein nie versiegendes Bedürfnis nach Abwechslung und Freiheit. Und das immer wieder aufs Neue, ohne dabei jemals zu echter Gelassenheit zu gelangen. Ein Attribut, das ich mir so sehnlichst wünschte.
Ich war auf meinen Reisen selten relaxt, sondern vielmehr ein Getriebener. Ich war nicht nur hyperaktiv, sondern vielfach auch gestresst und unruhig. Aus diesem Grund war ich nie allein unterwegs. Alleinsein bedeutete eine Konfrontation mit mir selbst, und das löste diffuse Gefühle des Unwohlseins in mir aus. In Gesellschaft fühlte ich mich eindeutig sicherer und irgendwie auch besser. Meine Reisebegleiter und Reisebegleiterinnen mochten meinem rasanten Tempo mitunter folgen. Andere wiederum legten sich gemütlich in die Hängematte und ließen mich mit akribischem Eifer all die fremden Städte und Landschaften rundherum im Alleingang erkunden. Ich wollte weiter, immer weiter. Auch auf Reisen, die mehrere Monate dauerten, verweilte ich selten länger als eine Woche an ein und demselben Ort.
Rückblickend betrachtet war mein Interesse für das Fremdartige meist oberflächlicher Natur. Ich konnte mich selten vertieft auf Menschen, Orte oder andere Kulturen einlassen. Ich befand mich in einem unglaublichen Erlebnisrausch, und ich wollte so viele Eindrücke wie nur möglich in mich aufsaugen. Ich war ganz vernarrt in Indien, weil ich dort in jedem Bundesstaat verschiedene Bedingungen vorfand, seien sie kultureller, religiöser oder klimatischer Natur. So war ständig für die nötige Abwechslung gesorgt. Die zum Teil chaotischen Bedingungen in manchen Schwellenländern stellten dennoch eine immense Belastung für mich dar. Diesbezüglich war Indien, aber auch Südamerika oder der Nahe Osten eine große Herausforderung für mich.
Man sollte denken, dass nur ein weltoffener und toleranter Mensch jahrelang fremde Länder bereist. Ich bin jedoch der beste Beweis dafür, dass es leider auch anders geht. Oder vielmehr ging. Ich war manchmal geradezu fixiert auf Nuancen, die mich triezten, und konnte mich maßlos über solche Nichtigkeiten aufregen. Heute schäme ich mich fast ein wenig dafür. Das verdeutlicht sich an ein paar Erlebnissen, die ich in Indien gemacht habe: Ein dortiger Beamter öffnete seinen Schalter nicht zur angegebenen Zeit, das Taxi fuhr an den falschen Ort oder die Hotelgäste waren zu laut, wenn ich schlafen wollte. Der oder die Schuldigen waren nach meinem Ermessen schnell gefunden: Warum will mir der Beamte etwas Böses? Macht der Taxifahrer etwa einen Extrabogen für mehr Kilometergeld? Hatten es die Hotelnachbarn auf mich persönlich abgesehen? Wurde mein besetzter Schlafplatz im Zug durch Indien etwa doppelt verkauft?
Ich war ein aufbrausender und impulsiver Zeitgenosse zu dieser Zeit, und ich hielt mich auf meinen Wegen nicht mit diskreditierenden Wertungen und unflätigen Urteilen zurück. Die Folgen meines Ungestüms waren dann lauthals ausgetragene Streitigkeiten mit Einheimischen, die nicht wussten, wie ihnen geschah. Je hektischer und chaotischer es an einem fernen Ziel war, desto mehr rieb mich das innerlich auf. Um mich zu beruhigen, hielt ich nicht etwa inne, nein, ich wurde noch aktiver und noch lauter! Und das bis hin zur Erschöpfung. Ich eilte sozusagen im Sauseschritt durch all die wunderbaren Länder und Kontinente, ohne zu wissen, was ich tief im Herzen suchte oder wollte. Manchmal kam ich wegen meines Fast-Forwards mit keinem einzigen Einheimischen in Kontakt und knüpfte folglich auch keine wertvollen Bekanntschaften. Obschon ich mich gut auf Englisch unterhalten kann, war ich bei Konversationen oft seltsam blockiert. Ich verhaspelte mich ständig, machte dumme Fehler oder verstummte von einem Moment zum anderen. Es ist sicher nachvollziehbar, dass ich nach solch einer Reise alles andere als ausgeruht in die Schweiz zurückkehrte. Nichtsdestotrotz plante ich bereits im Kopf die nächste Route.
Vor langer Zeit, also weit vor meiner Bustour durch die Vereinigten Staaten, wollte ich schon nach Kalifornien reisen. Doch die USA waren damals ein rotes Tuch für mich. Das lag zum einen an dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan und später an dessen Nachfolger George W. Bush. Es hatte aber auch mit der unkonventionellen Lebensweise der Amerikaner zu tun, die ich gelinde gesagt als fragwürdig empfand.
Meine Sehnsüchte und Träume, die ich mit Kalifornien verband, stammten aus meiner Jugend- und Hippiezeit. Ähnlich wie bei einer unerfüllten Liebe, die sich niemals dem Realitätstest stellen muss, blieben meine Vorstellungen romantisch verklärt. Das Monterey Pop Festival, Joan Baez, Bob Dylan, Golden Gate, Allen Ginsburg, Ashbury Road: Dieser «Summer of Love» fand 1967 statt, ein Jahr, bevor ich geboren wurde. Die Errungenschaften der darauf einsetzenden 68er-Bewegung prägten meine Jugend und die vielen Ansprüche an mein sehr bewegtes Leben. Kurz: Trotz diffuser Ressentiments bleiben die USA für mich eine Art gelobtes Land.
Wir alle haben den Wunsch auf Selbstverwirklichung und ein Leben außerhalb der strengen Konventionen. Glücklich werden, frei sein! «Die Freiheit ist ein wundersames Tier», singt der österreichische Liedermacher Georg Danzer, und weiter: «Man sperrt sie ein und augenblicklich ist sie weg.» Über Jahrzehnte habe ich diese Freiheit gesucht. Ich pilgerte mit Indien und Südamerika immer an die einschlägigen Strände, wo die Jugend die Freiheit vermutet. Das geschah so viele Jahre, bis ich längst nicht mehr jung war. Und die ersehnte Freiheit hatte ich trotz all meiner Reisen rund um die Welt niemals gefunden. Ich war ein Robinson Crusoe, der auf seiner eigenen kleinen Insel gefangen blieb.
Es wurde mir immer wieder gesagt, ja förmlich eingetrichtert: «Du lebst in einem der freiesten Länder dieser Welt!» Die Schweiz sei ein Land, das gut zu seinen Bürgern schaut und sie sei auch ein reiches wie sicheres Land. «Was treibt dich immer wieder weg?», wurde ich gefragt. Und ich antwortete stets mit demselben Mantra: «Es ist das Gefühl, in einem goldenen Käfig gefangen zu sein.»
Der Wohlstand und das Sicherheitsdenken meiner Landsleute hatte seinen Preis, und der war nach meiner Auffassung die Unfreiheit. Heute weiß ich, dass es nicht die Rahmenbedingungen waren, die meine persönliche Freiheit verhinderten. Die Gründe dafür lagen vielmehr tief in meinem Innersten, und ich werde in diesem Buch konkret darauf eingehen. Heute definiere ich Freiheit insofern, dass ich mir einiges im Leben zutraue. Ein Gefühl, das mir quälende Jahre zuvor gefehlt hatte.
Die Kraft, an sich zu glauben, hat einen enormen Einfluss darauf, wie Menschen ihr Leben gestalten. Wer über genügend Selbstvertrauen verfügt, muss sich nicht die ganze Zeit beweisen. Man weiß ganz einfach, dass man viel erreichen kann im Laufe seiner Erdenjahre. Dieses überaus starke Gefühl ist mit innerem Frieden verbunden, und diese Ruhe gibt mir heute das Gefühl von Freiheit.
Die neu gewonnene Freiheit stelle ich natürlich in Relation zu meinen vielen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Manche Weichen wären zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht anders gestellt worden, wäre meine Freiheit eine echte Freiheit gewesen. Aber ich bin auch ein rationaler Mensch und weiß zu gut, dass man das Rad der Zeit nicht zurückdrehen kann. Ich bin mit dem, was ich heute bin, im Großen und Ganzen zufrieden. Das kann ich allerdings erst mit 50 Lenzen auf dem Buckel so klar formulieren. Es ist schön, auch mit reifen Jahren erfahren zu dürfen, wie es dem eigenen Wohlbefinden dient, wenn man dem Leben nicht mehr nachrennen muss, sondern daran teilnehmen darf. Wenn die ständige Getriebenheit einer achtsamen Gelassenheit weicht, ist das eine Form von Gnade und Glückseligkeit. Die Welt ist plötzlich nicht mehr schwarz-weiß, und ich habe heute die Zentriertheit, die Komplexität des Daseins mit all ihren Schattierungen wahrnehmen zu dürfen. Es ist wie ein Befreiungsschlag: Wer seine Gedanken ordnen kann, der kann auch loslassen!
