16,99 €
Haunerting im Achental ist Schauplatz dramatischer Ereignisse, denn hier prallen – vermeintlicher – Fortschritt und Althergebrachtes aufeinander. Da ist auf der einen Seite die durch allzu moderne, ertragssteigernde Arbeitsweisen gequälte Natur, welche sich an den Dörflern rächt. Auf der anderen Seite gibt es genug Leute, die anscheinend immer noch im Vorgestern leben. Mit ihnen hat mancher etwas aufgeschlossener denkende Haunertinger seine liebe Not. Und schließlich lässt sich die Liebe auch nichts mehr vorschreiben, sondern geht ihre eigenen, unkonventionellen Wege. In der gelungenen Aufnahme aktueller Themen in die bewährten Muster des guten alten Bauernromans liegt das Erfolgsrezept der beliebten Heimatschriftstellerin Rosemarie Forstmaier.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2017
LESEPROBE ZU
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2006
© 2017 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto: © Michael Wolf, München
Satz: Leingärtner, Nabburg
eISBN 978-3-475-54653-2 (epub)
Rosemarie Forstmaier
Aufruhr im Achental
Haunerting im Achental ist Schauplatz dramatischer Ereignisse, denn hier prallen – vermeintlicher – Fortschritt und Althergebrachtes aufeinander. Da ist auf der einen Seite die durch allzu moderne, ertragssteigernde Arbeitsweisen gequälte Natur, welche sich an den Dörflern rächt. Auf der anderen Seite gibt es genug Leute, die anscheinend immer noch im Vorgestern leben. Mit ihnen hat mancher etwas aufgeschlossener denkende Haunertinger seine liebe Not. Und schließlich lässt sich die Liebe auch nichts mehr vorschreiben, sondern geht ihre eigenen, unkonventionellen Wege.
In der gelungenen Aufnahme aktueller Themen in die bewährten Muster des guten alten Bauernromans liegt das Erfolgsrezept der beliebten Heimatschriftstellerin Rosemarie Forstmaier.
Von den umliegenden Höhen aus betrachtet, schaute das kleine Dorf, das sich um das glitzernde Band der Ache zusammendrängt, noch gemütlich und unberührt aus. Die verstreut in der Talsohle und auf den sanft ansteigenden Hängen gelegenen Gehöfte vermittelten einen behäbigen, selbstzufriedenen Eindruck. Hier schien die Welt, die Natur noch in Ordnung zu sein.
Doch die Zeit war auch in Haunerting nicht stehengeblieben, schließlich konnte man ja nicht zurückstehen. Und dann brachten Maschinen und Modernisierung auch vieles an Erleichterung der oft mühevollen Arbeiten. Wozu gab’s denn sonst einen Fortschritt!
Aber schon meldeten sich auch in Haunerting Stimmen, denen dieser Fortschritt zu weit ging. Man fühlte sich mit diesem Kultivieren, Regulieren und Resopalisieren nicht mehr so recht wohl; leises Unbehagen schlich sich ein. Da war’s nicht verwunderlich, daß sich der eine oder die andere wieder zurückbesann, wie es früher war.
». . . was seh ich denn da, ha?« Die Augen der Dullinger-Berta bohrten sich förmlich in das harmlos aussehende Leinenbeutelchen. Diese grobschlächtige, zugleich herzensgute Frau wirkte geradezu furchterregend, als sie ihre hochschwangere Patientin anfauchte: »Diese Kurpfuscherin bring ich noch hinter Schloß und Riegel!«
Hastig und sehr verlegen versuchte die noch junge, doch schon verbraucht aussehende Bäuerin dieses ungewöhnliche Amulett, das sie an einer Schnur um den Hals trug, mit einem gemurmelten: »Schaden kann’s doch net« abzureißen.
»Aha, du meinst: doppelt g’näht hebt besser! Der Herr Dokta und die Hebamm mit ihrer g’lernten und g’studierten Kunst und die Kunzen-Mirl mit ihrer schwarzen, da muß es ja gutgehen.«
»Versteh doch, es ist ja bloß, weil’s diesmal ein Bub werden muß, und weil ich doch neulich vom Heuwagen herunterg’fallen . . .«
»Herr, du meine Güte!« empörte sich die Hebamme schnaubend, schüttelte den Kopf, auf dem das Haar zu einem eher praktischen als kleidsamen Knoten zusammengezirrt war. Doch plötzlich schlug ihr Ton um und wurde mitfühlend, als sie fortfuhr: »Du wirst auch dieses Kindl net austragen, wennst dich net besser schonst.«
»Aber die viele Arbeit, die Schwiegermutter . . .«
»Ich muß mit der Spitzlin ein ernstes Wörtl reden, daß sie dich net so umeinanderhetzt. – Und deinem Bartl kannst sagen, so ein Amulettl ist rein für gar nix, ob’s ein Bub oder Madl wird.« In ihrer sehr direkten, unverblümten Art setzte sie hinzu: »Wenn der Bäck in den Ofen bloß einen Laib einschiebt, nachher kann er hernach keinen Wecken erwarten. – Komm, Resl, jetzt laß mich horchen, ob dem zukünftigen Hoferben die Unvernunft seiner Anverwandten was g’schadt hat.«
Damit brachte sie ein Hörgerät aus ihrer geräumigen, vorsintflutlich anmutenden Tasche zum Vorschein. »Bist in der letzten Zeit wieder einmal beim Dokta g’wesen?«
»Naa, ich hätt gar keine Zeit g’habt«, gab die junge Bäuerin zu und beobachtete mit ängstlich gespannter Miene das undurchdringliche Gesicht der Hebamme, das trotz seiner Häßlichkeit Vertrauen einflößte.
»Mir scheint, es ist alles in Ordnung«, kam es aufmunternd von der Dullinger-Berta. »Aber wennst dich net schonst, nachher kann ich für nix garantieren. Und glaub fei ja net, daß dir dieses windige Amulett von der Kunzin wieder eine Fehlgeburt, wie die letzt, derspart!«
Da griff die junge Frau unvermittelt nach der Hand der Hebamme, und es brach verzweifelt aus ihr heraus: »Diesmal muß es ein Bub sein. Das tät mir der Bartl nimmer verzeihen, wenn’s wieder kein Hoferb wird. Er wartet so hart drauf.«
»Meinst net, Resl, daß es deinem Bartl gar net so draufankommt? Ich glaub eher, er ist froh, wennst du und das Kindl g’sund seids . . .«
»Naa, wir brauchen doch einen Buben für den Hof, und überhaupts . . .« Sie brach unvermittelt ab, denn sie las in den Augen der Dullingerin, daß diese Bescheid wußte. Verschämt fügte sie hinzu: »Wenn’s diesmal wieder danebengeht, macht sie mir das Leben vollends zur Höll.«
Ja, sie war schon eine weithin bekannte, ausgemachte Bißgurn, die alte Spitzl-Thekla. Selbst nach siebenjähriger Ehe verzieh sie es ihrem Sohn noch immer nicht, daß er gegen ihren Willen die Resl geheiratet hatte – eine, die mit leeren Händen gekommen war. Und der Bartl, ein ruhiger, friedvoller Mensch, konnte sich gegen seine Mutter nicht durchsetzen, die trotz ihres Alters immer noch zeterte wie in ihren besten Jahren.
Die Dullingerin hütete sich, darüber ein Wort verlauten zu lassen, nahm sich jedoch vor, sich unter vier Augen mit dieser berühmt-berüchtigten Schwiegermutter zu unterhalten. Derweil sie ihr Gerät in ihre abgewetzte Tasche einpackte, begütigte sie: »Jetzt laß dir nur den Gaul net scheu machen. Es wird schon alles werden. Paß nur auf, daß du dich bei der Arbeit net übernimmst! Und wennst Beschwerden hast, gehst zum Dokta, und ja nimmer zur Kunzin!«
Allzu streng ging sie mit ihrer Patientin nicht mehr ins Gericht, wußte sie doch, es war die reine Verzweiflung, die diese junge Bäuerin in die Arme dieser Kurpfuscherin trieb. Die Frau wäre womöglich auch einen Pakt mit dem Leibhaftigen eingegangen, hätte sie sich damit nur ihren Frieden und ein Quentchen Glück erkauft.
Als die Dullingerin dann schwerfällig die Stiege hinabpolterte – sie war todmüde, weil sie eine schlaflose Nacht hinter sich hatte –, kam auch schon die Altbäuerin aus einer Tür herausgeschossen. Sie bewegte sich trotz ihrer Leibesfülle so behende wie ein Rhinozeros. Gereizt fragte sie: »Sie wird doch net liegenbleiben, wo man eh vor lauter Arbeit net weiß, wo man z’erscht anfangt? – Naa, naa, naa, Dullingerin, was man heutigentags für ein G’schiß mit die Schwängern macht. Grad wie ein Krankes werden sie behandelt.«
»Ich fürcht’, Spitzlin, deine Schwiegertochter wird bald tatsächlich krank sein, wenn net ein wengl mehra Rücksicht g’nommen wird«, fiel ihr die Hebamme mit einiger Schärfe ins Wort. »Schau sie an, wie blaß und mager sie herschaut.«
»Ich hab’s ihm allweil g’sagt, dem Bartl, mit so einer halberten Portion ist nix aufg’richt. Daß eine Bäuerin zulangen muß, net von jedem Windl umblasen werden därf. Aber auf mich hat er ja net g’hört. No ja, jetzt wird er’s einsehen, wo er allweil noch auf einen strammen Buben wart’.«
In diesem Augenblick kamen zwei stämmige, bezopfte Dirndln von vier und sechs Jahren in den Hausflöz gestürmt und riefen bettelnd: »Großmutter, bittschön noch einen Rohrnudel!«
Und siehe da: das verkniffene Gesicht der Spitzl-Thekla zerrann zu einem Lächeln, als sie die beiden aufforderte: »Kommts in die Kuchl einer!« Darüber schien sie die Hebamme vergessen zu haben. No ja, zumindest ihre Enkel hatte sie ins Herz geschlossen: ihnen trug sie es nicht nach, daß sie – nur – Madeln waren.
Etwas versöhnt verließ die Dullinger-Berta das Haus. Gern hätte sie sich noch mit dem Spitzl-Bartl unterhalten, doch vom Bauern war weit und breit nichts zu sehen. So zwängte sie sich in ihren rostgesprenkelten, schon arg verbeulten Volkswagen und tuckerte vom Hof.
»Es ist halt ein Kreuz«, sagte sie sich und seufzte dabei tief auf. »Könnten’s die Leut so schön haben. Aber es ist was dran, wenn’s heißt: Unter jedem Dach wohnt ein anderes Ach!« Dies konnte wohl kaum jemand besser beurteilen als sie, die in so vielen Häusern ein- und ausging. Und doch hatte sie das viele Ach und Weh nicht abgestumpft, vermochte sie sich dem Kummer und Leid anderer nicht verschließen. Diese äußerlich so robuste Frau, die sich selbst gern ein altes Schlachtroß nannte, hatte sich ein Herz bewahrt, das sich für andere verströmte.
Auf vielen Feldern war die Krummeternte noch in vollem Gang. Doch diese Arbeit war längst nicht mehr so schweißtreibend für Mensch und Vieh wie früher. Schwere Traktoren ratterten über die Felder und lärmten durch das einstmals so stille Gebirgstal.
Die Dullinger-Berta bog in die Hauptstraße ein, die nur noch ein kurzes Stück, bis zum Achengrund hinaus, zum Talende führte. Am stattlichen Axthamer-Hof, zwischen Ache und Straße gelegen, fuhr sie vorbei. Sie war zu müde, um noch bei ihrer Freundin, der Lisbeth, vorbeizuschauen. Die Straße zog sich nun bis zum Dorf am rechten Ufer der Ache entlang. Hier waren Bautrupps, Kräne und Bulldozer am Werk; der Fluß, hier heraußen erst ein munteres, junges Gebirgswasser, wurde reguliert.
Eigentlich schade, daß man die Ufer begradigt, sie in ein steingemauertes Bett zwingt, die Achn! dachte sie. Aber wird schon sein müssen!
Die ersten Häuser tauchten auf, Neubauten. Auch Haunerting wuchs in die Breite. Gleich am Dorfbrunnen, von einer mächtigen Linde überschattet, bog sie in eine Seitenstraße ein. Sie mußte noch zum Doktor Heim, dem einzigen ortsansässigen Arzt. Mit ihm arbeitete sie von Anbeginn ihrer Hebammentätigkeit zusammen. Und das waren schon mehrere Jährchen, fast ein halbes Leben.
Noch nicht ganz so lang ging Fräulein Mia Stenzl ihrem Herrn Doktor als Sprechstundenhilfe zur Hand und hatte sich im Laufe der Jahre unentbehrlich gemacht. Darüber und vor lauter Bewunderung über ihren Doktor war das Leben allerdings an dieser schon ziemlich aus dem Leim gegangenen Mittvierzigerin vorbeigezogen. Doch sie benahm sich immer noch so, als ob für sie der Zug noch lange nicht abgefahren sei; sie tat, als wäre alles, was Hosen anhatte, hinter ihr her.
»Grüß dich, Stenzlin!« sagte die Hebamme wenig vornehm, als ihr auf längeres Läuten hin geöffnet wurde. »Habts ihr schon Feierabend? Ist er da?«
Fräulein Mia Stenzl zog sich unter dem weißen, stets zu engen Kittel, der sich über die properen Hüften spannte, verstohlen das verrutschte Korsett zurecht und schnaufte erschöpft: »Grad haben wir zug’sperrt«, womit sie eine besonders innige Vertrautheit mit dem Arzt anzudeuten versuchte.
Bei der Dullingerin war dies fehl am Platz, denn sie kannte sich hier zu gut aus. Die vor ihr hertrippelnde Mia mit einer resoluten Armbewegung beiseiteschiebend, trabte sie in die Ordination.
Doktor Heim, hager und wettergegerbt wie die Menschen dieser Gegend, begrüßte die Hebamme herzlich, beinahe kameradschaftlich, bot ihr mit bayrisch gefärbtem Dialekt einen Platz an.
»Jessas, Dokta, das war wieder eine Nacht. Der Wimmerin hab ich das achte Kindl g’holt«, berichtete die Berta, derweil sie sich schwer in einen Stuhl fallen ließ, die Füße mit den klobigen Schuhen weit von sich streckend. »Ein Bub ist’s und neun Pfund wiegt er. Einen Kopf hat er auf, daß ihm bereits der Hut von seinem Vattern paßt . . .« Doch dann winkte sie resignierend ab. »Ach, Dokta, was den einen in schöner Regelmäßigkeit daherkugelt, ob sie’s wollen oder nicht, bleibt den andern versagt. Ich war grad noch bei der jungen Spitzlbäuerin . . . Daß nur diesmal ja alles gutgeht, Sie wissen’s ja eh, wie hart sie auf einen Buben wartet, hat sie sich ein Amulett von der Kunzin umg’hängt. – Ich sag’s Ihnen gleich«, und hier wurde ihr Ton grimmig, »irgendwann zeig ich sie an.«
»Mein Gott, Dullingerin, wir zwei werden den Aberglauben auch nicht ausrotten. Ist es die Kunzen-Mirl nicht, so ist es halt eine andere, zu der die Leut rennen, weil unser Können leider auch begrenzt ist und wir keine Wunder vollbringen.«
»Aber solchene Scharlatane doch auch nicht, Dokta.«
»Manche Menschen müßten verzweifeln, wenn man ihnen auch noch den Glauben an ein Wunder nähme. Und solange die Kunzin keinen ernstlichen Schaden anrichtet, kann man ihr ohnehin nichts anhaben«, kam es beschwichtigend vom Arzt.
»Was heißt: keinen Schaden?« fuhr die Hebamme auf. »Sie lebt schließlich von der Dummheit der Leut, laßt sich gut dafür zahlen. So was ist doch strafbar, dafür g’hört sie eing’sperrt.«
»Du lieber Himmel, Dullingerin«, lachte er nur, »da müßten aber viel hinter Schloß und Riegel sitzen.«
Um diesem Gespräch, bei dem sie ihrem Herrn Doktor einmal ausnahmsweise nicht beipflichten konnte, ein Ende zu machen, wandte Mia Stenzl ein: »Mir ist eh unbegreiflich, wie man in unserer aufgeklärten Zeit, mit Telefon und Fernsehen, noch so abergläubisch sein kann.«
»Vielleicht ist es grad das, weil wir einsehen, daß wir mit all unserem Wissen und unserer Technik auch nicht glücklicher leben, weshalb man sich allenthalben wieder auf Altes und Althergebrachtes besinnt«, meinte dazu der Arzt nachdenklich.
Mit einem plötzlichen Schmunzeln kam es von der Hebamme: »Ein wengl was wird schon dran sein. Es nehmen ja auch die Hausgeburten wieder zu. Und vor nicht allzu langer Zeit hab ich befürchtet, arbeitslos zu werden.«
»Also eimal ganz ehrlich, Berta«, tat Fräulein Stenzl von oben herab, ordnete sich das hochgetürmte, kastanienrot »getönte« Haar, »ich würd mich in einer Klinik auch sicherer und besser versorgt fühlen.«
Damit war sie weit übers Ziel hinausgeschossen. Mit der Miene einer Bulldogge kurz vor dem Zubeißen bellte die Dullingerin zurück: »Die Frag stellt sich ja für dich nimmer«, womit sie Mias wundesten Punkt getroffen hatte.
Doktor Heim lenkte zwar sofort ab, wußte aber, daß das Verhältnis der beiden zueinander für einige Zeit wieder ziemlich gespannt sein würde.
*
Der Axthamer–Hias und sein Einziger, der Jörgl, schleppten Säcke mit Kunstdünger über den Hof zum Streuwagen.
»Meinst net, es langt schon, Vater?« stöhnte keuchend der schlanke, kaum zwanzigjährige Bursche.
Mindestens ebenso hart schnaufend, entgegnete der um die Mitte herum schon arg korpulente Axthamer: »Nix da, die hintere Achwiesn kann’s schon brauchen.« Ganz nach dem Motto: Viel hilft viel.
Auch der Jörgl dachte sich nichts dabei, außer daß er nun noch einen Zentnersack herbeischleppen mußte.
Bald darauf fuhr der Axthamer-Hias auf seinem schweren Traktor auf die frisch abgeernteten Wiesen hinaus, auf die bald, möglichst bald dank des guten Düngers, die Kühe zur Weide getrieben werden sollten.
Hier draußen, dem Talende zu, gab es weitab zur Linken nur noch den Spitzl-Hof und, schon auf einer Leite gelegen, den Pointner. Und natürlich, geradeaus vor ihm, im Achengrund drinnen, die Annemarie Kunz, seine ausgemachte Widersacherin.
Man sah vom Kunzen-Sachl, hinter einem Auwald versteckt, nur ein Stück vom roten Ziegeldach. Aber auch das war ihm ein Dorn im Auge, sogar ein ständig schwärender Stachel im Fleisch. Denn dieser letzte Zipfel da draußen hätte halt akkurat noch dazugepaßt, zum Axthamer-Hof, auch wenn die Böden schlecht und verschlampt waren. Aber so hartnäckig wie ein Zeck krallte sich die Kunzin auf ihrem herabgewirtschafteten Gütl ein, hockte darin wie die Kreuzspinne im Netz und war nicht herauszukitzeln. Nicht einmal dadurch, daß man an der Achenbiegung die Regulierung gestoppt, ihren sauren Boden ungeschützt gelassen hatte!
Aber da entdeckte der Axthamer plötzlich etwas, das ihn die ungeliebte Nachbarin vergessen ließ. Auf dem schmalzulaufenden Wiesenrain, zwischen Straße und Erlengebüsch, das den Regulierungsarbeiten nicht mehr zum Opfer gefallen war, stand, auf seinem Grund und Boden, ein grellbunt angemalter Kleinbus. Junge Leute, langhaarig und abenteuerlich gekleidet, wie man bereits von hier aus erkennen konnte, luden allerhand Zeug aus.
»Da legst dich nieder!« entfuhr es dem Schorsch. »Ich glaub gar, die schlagen da ihrene Zelte auf. – No, denen werd ich heimleuchten!« Er legte den Gang ein, trat aufs Gas, daß der Streuwagen hinter der schweren Zugmaschine ganz schön ins Hüpfen kam.
Es waren fünf junge Leute: drei Mädchen in merkwürdigen orientalischen Gewändern, lang und weitwallend, und zwei junge, bärtige Männer mit schulterlangem Haar. Ohne sich um den lärmenden heranpreschenden Traktor zu kümmern, wurden Decken und Schlafsäcke ausgerollt.
Der Axthamer brauste bis auf wenige Meter vor dieses sonderbare Völkchen, ehe er sein Gefährt zum Stehen brachte. Ohne sich von seinem hohen Sitz herabzubemühen, plärrte er ungehalten los: »Was soll denn das bedeuten, ha?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, befahl er: »Enker Glump könnt’s gleich wieder z’sammpacken. Auf meinem Grund und Boden wird net zeltelt. Ich laß mir doch von enk meine Wiesen net versaun, mit enkerm Abfall pflastern! – Naa, naa, da geht nix! Für sowas gibt’s schließlich einen Zeltplatz . . .«
»Mann, wo denn?« kam es nur schwach aufbegehrend vom älteren der beiden Männer, einem hageren, hohlwangigen Endzwanziger.
»Was weiß denn ich?« raunzte der Bauer ungnädig vom Traktor herab. »Wir, unser Dorf, sind net scharf auf solche Einrichtungen. Auf Leut wie euch, die ihren Saustall überall liegenlassen, die Gegend verschandeln, arbeitsscheu . . .«
»Mann, halt die Luft an!« kam es nun vom Jüngeren mit einem geradezu versöhnlichen Grinsen. Freundlich einlenkend fuhr er fort: »Wir lassen hier nichts liegen, machen keinen Mist, ehrlich. Wir wollen hier nur campen, für etliche Tage . . .«
Da mischte sich nun die ältere dieses gspaßigen Damenflors ein: »Mensch, reg dich nicht künstlich auf! Wir haben bestimmt mehr Verständnis für unsere Umwelt, ein stärkeres Bewußtsein für . . .«
Schon wußte der Axthamer, woher der Wind wehte, mit wem er es zu tun hatte. Noch während ihm der Gift siedendheiß aufschoß, tauchte im Erlengehölz die zaundürre, etwas gebeugte und auf ihren unvermeidlichen Hakelstecken gestützte Gestalt der Kunzen-Mirl auf.
Was diese Frau dazu bewog, hier einzugreifen, war klar: Sie wollte dem Axthamer eins auswischen. Denn für selbstlose Nächstenhilfe und Hilfsbereitschaft war sie nicht gerade bekannt.
»Mit dem großkopfeten Geizkragen brauchts enk net herumstreiten. Der Boden da g’hört sein, und er kann enk vertreiben. Aber daß er auch net allweil recht kriegt: kommts mit zu mir ummi! – Fahrts enkeren gspassigen Karrh ein Stückl weiter, über die Achn, nachher mag er plärren, soviel er will, es ist mein Feld! Ich hab nix dagegen, solangs mir keine Anständ machts.«
O, die alte Hex, die boshafte! durchfuhr es den Axthamer in hilfloser Wut. »Wart nur, Kunzin«, drohte er heiser, »über kurz oder lang zeig ich dir’s, wer da heraußen das Sagen hat! Du hast mich lang genug gfoppt mit deiner Hinterfotzigkeit! Das hat man von seiner Gutheit, daß man dich net längst aussigstaubt hat!«
»No ja, nachher kommts halt weiter!« sagte die Kunzin mit einem nun doch etwas nervösen Kichern. Mit dem Stecken über den Fluß weisend, fügte sie hinzu: »Da drüben, das kleine Sachl mit die mageren, sauren Felder herum, auf die der Großkopferte so scharf ist, g’hört mir. Da kann enk keiner vertreiben. – Wie lang wollts denn bleiben?« Diese Frage hatte argwöhnisch geklungen.
Die Antwort fiel recht vage aus, sie ging auch im erleichterten Hin und Her dieser merkwürdigen Gesellschaft unter, die sichtlich froh über das Angebot zu sein schien. Keiner, auch die Mirl nicht, wollte wahrhaben, daß es eigentlich recht widerwillig zustande gekommen war. Aber man mußte halt nehmen, was man kriegen konnte. Und darin stimmte man wiederum mit der Kunzin überein.
Blitzschnell (was verriet, daß man an raschen Aufbruch gewöhnt war) wurden alle Utensilien in dem abenteuerlichen mobilen Heim verstaut, wobei alle, außer einer feenhaft wirkenden Blondine, mit Hand anlegten. Dieses junge Mädchen, es mochte Mitte zwanzig sein, machte einen ziemlich entrückten, geistesabwesenden Eindruck.
Das fiel auch der Kunzin auf, die einigermaßen mißtrauisch fragte: »Was ist denn mit dera los?«
Da trat die Jüngste, ein sehr schlankes, dunkelhaariges Mädchen hervor und erklärte recht ungeniert in unverfälschtem Münchnerisch: »Das ist unsere Melanie. Sie ist ein wengl versponnen, aber sonst wirklich net unrecht. Ehrlich, da müssen S’ Ihnen rein gar nix denken. Sie richtet nix an. – Übrigens«, hier lachte sie entwaffnend, wobei ihre tiefblauen Augen wie Bergseen funkelten, »ich bin die Steffi! Das ist die Sandra und der Dirk; sie sind verheiratet. Und das ist der Jens, unser Maler und Mädchen für alles. Er weiß sich überall am besten zu helfen . . .«
Die Mirl wollte das alles gar nicht so genau wissen. Ungeduldig unterbrach sie Steffis Redeschwall: »Ja, ja, schon recht; von mir aus. Fahrts nur ummi, über die Achn. Dort könnts bleiben. Aber gell, Spitakel will ich fei keinen haben?!« Antwort drauf erwartete sie keine, denn sie hatte sich bereits umgewandt und marschierte, bei jedem ihrer wieselflinken, noch recht rüstigen Schritte auf den Hakelstecken gestützt, voran, auf die Brücke zu.
Es war Sandra, die »Frau« Dirks, die sich vielsagend an die von braunem Zottelhaar umkräuselte Stirn tippte und raunte: »Omannomann, die Alte ist ja total bescheuert! Nicht mehr ganz helle unterm Pony.«
»Halt die Klappe und sei froh, daß sie uns eine Bleibe verschafft!« wurde sie von Jens zurechtgewiesen. »Ich finde die Olle Klasse! Außerdem bin ich hundemüde und hab einen Riesenhunger.«
Dirk schien an dieser Maßregelung seiner Angetrauten keinen Anstoß zu nehmen, während sie selbst nur gelangweilt mit den hageren, unter dem fadenscheinigen Kleid knochig hervorstehenden Schultern zuckte.
»Sie ist bestimmt eine nette alte Oma«, glaubte sich Steffi noch einmal einsetzen zu müssen. »Wir Bayern sind halt ein wengl anders; rauhe Schale, weicher . . .«
»Und dieser rüpelhafte Macker vorhin?« wandte Dirk aufbegehrend ein.
Ungerührt kam es zurück: »Reg dich ab! Der hat halt Angst um seine Wiesn gehabt, daß wir vielleicht Schaden anrich . . .«
Geradezu angeekelt fiel er ihr ins Wort, belehrte sie aggressiv: »Und er, he? Richtet er keinen Schaden an, mit Gift, seinem verdammten Düngemittel, wie er die Natur ausbeutet!«
»Keinen interessiert im Augenblick dein ganzer Öko-Quatsch«, unterbrach ihn Jens, schob ihn kurzerhand in den Bus. »Ich hab nämlich Hunger! – Und Hunger schafft Feindschaft! Solltest du als Geschichtslehrer, wenn auch gewesener, doch eigentlich wissen.«
»Fast Geschichtslehrer«, konnte Steffi es sich nicht verkneifen zu berichtigen, da man es sie auch ab und zu spüren ließ, »nur« Friseuse gewesen zu sein.
»Was ist? Wollt ihr Stunk?« bellte Sandra wie eine gereizte Wölfin zurück, da man es gewagt hatte, Dirk etwas am Zeug zu flicken.
Plötzlich brach die feenblonde Melanie in ein befreiendes Lachen aus, war auf einmal aus ihrer Versponnenheit aufgewacht und sagte: »Herrlich, man fühlt sich bei eurem autoritären Gezänk wieder wie zu Hause! Sandra, du klingst wie Mama, nur drückt die sich vornehmer aus.«
»Melanie, du bist ein Schatz!« rief Jens aus, schneller als Sandra Luft holen konnte. »Und ich wette, du bist heller als wir alle zusammen!«
Gleich darauf setzte sich das knallbunte Gefährt schaukelnd und ächzend in Bewegung.
Es hatte halt jeder auch so seine Probleme mit diesem ach so vielgepriesenem Leben außerhalb unserer doch so verrotteten Gesellschaft, dieser Selbstverwirklichung – zumeist auf Kosten anderer!
*
Es waren viele grimmige Blicke, die der Axthamer-Hias zum Kunzen-Sachl hinüberschickte, während er seine Bachwiese düngte. Aus reiner Bosheit hatte die Mirl diese hergelaufene Bagasch, dieses Kommunengesindel – was das genau bedeutete, wußte er nicht, war ihm auch egal – bei sich aufgenommen.
Während der Arbeit war ihm so ziemlich alles durch den erhitzten Kopf gegangen, was er bisher über derlei Leute gehört und im Fernsehen gesehen hatte. Und bis er daheim ankam, hatte er den einschlägigen Wortschatz beieinander, der seine Bäuerin und seinen Sohn und Hoferben in ehrfürchtiges Staunen versetzte über sein überragendes und für sie überraschendes Wissen und die geradezu umwerfende Sprachgewandtheit.
»Lauter Aussteiger, Asoziale, Arbeitsscheue, die auf anderer Leute Kosten den Herrgott einen guten Mann und alle Zehne grad sein lassen«, wetterte er, nachdem er kurz erklärt hatte, was auf der Bachwiesn geschehen war. »Eine ganze Kommune, wo man eh weiß, wie’s da drunter und drüber geht. Eigentum wird ja heutigentags nimmer respektiert! Net einmal dem andern seine Frau! Aber so was nennen s’ nachher Selbstverwirklichung! Jeder mußt sich ausleben dürfen, weil s’ sonst einen Frust kriegen.« Den Zeigefinger drohend erhoben, fuchtelte er vor den verblüfften Gesichtern seiner Lisbeth und des Jörgl umher, als er unheilschwanger andeutete: »Ich möcht’s ja net wissen, was sie alles dabei haben. Von wegen Stoff und so . . . Man braucht ja bloß ins Fernsehn einischaun, nachher kann einem angst und bang werden. Und jetzt kommend zu uns aufs Land auch schon außer. Außijagen sollt man sie, eh sie sich einnisten. – Aber naa, die Kunzin muß sie auch noch bei sich aufnehmen!«
»Meinst net, Hias, sie sind bloß auf der Durchreis?« kam es beschwichtigend von der Axthamerin, einer adretten, recht hübschen Frau. »Und wer weiß, obst ihnen net unrecht tust?«
Sie wollen wissen, wie es weitergeht?Dann laden Sie sich noch heute das komplette E-Book herunter!
Besuchen Sie uns im Internet:www.rosenheimer.com
