Stürmische Tage des Schicksals - Rosemarie Forstmaier - E-Book

Stürmische Tage des Schicksals E-Book

Rosemarie Forstmaier

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Beschreibung

Sie sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht, die beiden Schallmoser-Brüder aus der Sägemühle. Die Vroni vom Gillitzer-Hof und der Tobias haben sich gern, aber Benedikt will das Mädchen für sich. Er begeht ein Verbrechen und setzt ein Gerücht in die Welt, das einen grundehrlichen Menschen in den Tod treibt. Wird es je ans Tageslicht kommen, welch große Schuld Benedikt auf sich geladen hat? Rosemarie Forstmaier erzählt in ihrem Roman mitreißend von Liebe, Hass und Leidenschaft.

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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LESEPROBE ZU

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2009

© 2017 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Titelfoto: © Michael Wolf, München

Lektorat: Petra Schnell, Stephanskirchen

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

eISBN 978-3-475-54647-1 (epub)

Worum geht es im Buch?

Rosemarie Forstmaier

Stürmische Tage des Schicksals

Sie sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht, die beiden Schallmoser-Brüder aus der Sägemühle. Die Vroni vom Gillitzer-Hof und der Tobias haben sich gern, aber Benedikt will das Mädchen für sich. Er begeht ein Verbrechen und setzt ein Gerücht in die Welt, das einen grundehrlichen Menschen in den Tod treibt. Wird es je ans Tageslicht kommen, welch große Schuld Benedikt auf sich geladen hat? Rosemarie Forstmaier erzählt in ihrem Roman mitreißend von Liebe, Hass und Leidenschaft.

Ein diesiger Spätsommerhimmel wölbte sich über den Gipfeln der steil aufstrebenden Berge, die das Tal nach Süden hin begrenzten. Die Sonne wärmte kaum noch, denn der Nachmittag ging allmählich in den Abend über. Der Wind, der von den Hängen herunterstrich, wurde merklich kühler.

Das kleine Mädchen mit dem blonden Zopf, das am Wiesenrain saß, zog das dünne Röckchen über die nackten Knie und schaute sehnsüchtig über die Köpfe ihrer friedlich weidenden Herde hinweg zum elterlichen Hof hinab. Das Kühehüten war für die kaum sechsjährige und springlebendige Gillitzer-Vroni eine furchtbar langweilige, doch recht verantwortungsvolle Aufgabe.

Ein gutes Stück von ihr entfernt arbeitete ihr Bruder. Der dreizehnjährige Hansi, er war schon ein kräftiger Bursche, schlug Zaunpfosten ein. Die dumpfen Schläge mischten sich in das melodische Geläut der Kuhglocken und in das hier heroben nur noch schwach vernehmbare Kreischen der Sägemühle, die, hinter einem Erlenholz verborgen, am Ufer der Weißach lag.

Da entdeckte die Vroni etwas, was ihre Aufmerksamkeit erregte. Über die Böschung, unter der sich die Weißach eingegraben hatte, die sich durchs Tal in die Ebene hinausschlängelte, kam der Schallmooser-Tobias herauf, der Jüngere der beiden Sägmüllerbuben. Er hatte sein Angelzeug bei sich und hielt geradewegs auf den Hansi zu.

Sie hätte nur allzu gern gewusst, was sich da drüben tat, wusste jedoch aus mannigfaltiger Erfahrung, wie wenig erwünscht sie dabei war.

»Ah, der Tobi«, begrüßte der Gillitzer-Hansi den um zwei Jahre Jüngeren. »Warst beim Fischen? Hast was gefangen?« Er stützte sich auf den schweren Vorschlaghammer, sichtlich froh, seine Arbeit unterbrechen zu können.

Mit einem Gesicht wie neun Tage Regenwetter murrte der Tobi verdrossen: »Es beißt nichts mehr so recht. Gefreut hat’s mich eh nicht.« Damit ließ er sich ins Gras nieder und schaute trübsinnig vor sich hin.

Der Hansi, der daheim schon fest zupacken musste, wusste längst, dass er seinen Schulwegkameraden nicht zu beneiden brauchte. Mitfühlend erkundigte er sich: »Hat’s wieder was gegeben? Mit dem Benedikt...?«

Der Elfjährige, ein schlanker, dunkelhaariger Junge mit tiefblauen Augen, gab mit bedrückt klingender Stimme zurück: »Nein, nicht direkt, allerdings ist er auch dafür.«

»Für was ist er? Herrschaftszeiten, was ist denn? Mir kannst es doch sagen, oder?«

»Fort muss ich, in die Schule, morgen.«

»Schmarrn, die Schule geht doch erst übermorgen ...« Der Hansi runzelte die Stirn. »Heiliger Strohsack, das hätte ich jetzt beinahe vergessen – du sollst ja ein Pfarrer werden!«

»Oder ein Doktor, sagt der Vater«, ergänzte der Tobi kläglich. »Der Benedikt meint, Pfarrer wär gescheiter, weil’s dann nichts kostet.«

»Kostet nichts? Warum?«

Mit einem Schulterzucken erwiderte der Sägmüllerbub: »So genau weiß ich das auch nicht.« Ihm schien dies in seinem Abschiedsweh auch einerlei zu sein.

»Wo musst denn dann hin?«

»Auf Burghausen.«

»Was, so weit? Warum denn ausgerechnet nach Burghausen?«

»Weil da die Tante Amalie wohnt, die sich ein wenig um mich kümmern und mich besuchen kann ...«

»Wie denn besuchen? Bist nicht bei ihr?«, entfuhr es dem Hansi betroffen und zugleich verständnislos.

»Nein ... ich muss doch ins Internat zu den Patres.«

»Ja, da verreck! Ins Kloster!«

Dass sich die beiden da in ihrer Unkenntnis in eine recht dubiose Vorstellung verfransten, machten Ratlosigkeit und Bekümmernis nicht gerade kleiner.

Den Hansi erfasste heißes Mitleid; er sah diesen armen Tropf bereits in eine schwarze Kutte gewandet, was ihn zu einem – wie er meinte – aufmunternden »Naja, gar so schlimm soil’s ja heutzutage in den Klöstern auch nicht mehr sein« verleitete.

Kein Wunder, dass es dem dermaßen Getrösteten einen merklichen Stich gab und er Mühe hatte, die aufsteigenden Tränen hinunterzuschlucken.

Indes hielt es die Vroni nicht länger aus, sie musste einfach wissen, was es bei den Buben Wichtiges gab, weil sie gar so nah beinander hockten. Und so schlängelte sie sich möglichst unauffällig an die beiden heran.

Als der Tobi sie sah, wischte er sich hastig und verstohlen mit dem Handrücken über die feuchten Augen und würgte den heißen Brocken, der ihm in der Kehle saß, gewaltsam hinunter. Ein Mädchen, auch wenn es noch so klein war, brauchte ihn in so einem kläglichen Zustand nicht zu sehen!

»Was willst denn du da? Pass lieber auf deine Kühe auf!«

Ohne auf den wenig einladenden Ton ihres Bruders einzugehen – Buben nahmen sich halt stets furchtbar wichtig – fragte die Vroni: »Meinst, ich darf heimtreiben?«

»Bist narrisch? Da musst schon warten, bis sie daheim läuten.«

Sie schien diese Antwort im Voraus gewusst zu haben; denn sie ließ sich völlig unbeeindruckt und wie selbstverständlich neben den Buben nieder. Die Buben schwiegen nun beharrlich, taten, als wäre sie Luft für sie. Schließlich brachte sie sich mit einem schelmischen: »Schau her, Tobi, was ich kann!« in Erinnerung. Sie verzog das Gesicht, lächelte breit und ließ einen ihrer vorderen Schneidezähne beeindruckend gefährlich wackeln.

»Hör auf! Schaust eh aus wie eine zahnlose Hexe«, wies ihr Bruder sie zurecht.

Unbeirrt fragte sie: »Ha, Tobi, meinst, er hält noch ein wenig?«

Dessen trübselige Miene hellte sich auf, als er dazu meinte: »Wenn du ihn noch länger so wackeln lässt, dann ist er bald heraußen.«

Erschrocken hielt sich die Vroni die Hand vor die Lippen: »Bis zum ersten Schultag hätte ich ihn schon noch gebraucht, weil sie mich sonst gewiss alle auslachen ...«

»Geh zu, du Dummerl«, fiel ihr der Hansi spöttelnd ins Wort. »Da wirst nicht die Einzige sein, die Zahnlücken ...« Er brach unvermittelt ab.

Man hörte vom Hof herauf das helle Läuten der Dachglocke.

»Ich darf heimtreiben. Stallzeit ist.« Die Vroni sprang auf.

»Jetzt musst dich aber tummeln, sonst rennen deine Kühe allein heim. – Jessas, und ich muss zuschauen, dass ich mit dem Zäunen fertig werde.« Damit erhob sich auch der Hansi, für den Pflichtbewusstsein bereits etwas Selbstverständliches war.

Nur dem Sägmüllerbuben schien es nicht zu pressieren; er blieb im Gras sitzen.

Die kleine Gillitzerin hatte ihren langen Haselnussstecken gefunden und schritt barfuß, sich ihrer Verantwortung durchaus bewusst, ihrer kleinen Herde voran. Es galt aufzupassen, dass keine der Kühe, den heimatlichen Stall witternd, plötzlich losrannte. Dann ging ihr die ganze Herde durch und daheim gab’s ein Mordsspektakel, was nicht verwunderlich war, denn die Milch stieg aus den prall gefüllten Eutern und sie ließen sich nur noch schwer melken.

Als die Vroni den Hof – das letzte Gehöft heraußen im Talwinkel – schon fast erreicht hatte, kam ihr die Maria entgegengehüpft, so wie stets, wenn sie guter Dinge war, heftig mit den Armen gestikulierend, unverständliche gurrende Laute ausstoßend.

»Jessas, geh weg! Du machst mir die Kühe scheu.«

Aber da erschien bereits der Pauli in der weit geöffneten Stalltür, rannte auf die Zwölfjährige zu und riss sie aus dem Weg. Nichts in Marias immer noch lächelndem Gesicht, den so seltsam leer blickenden Augen verriet, ob etwas davon in ihr krankes Gehirn gedrungen war. Sie entzog sich den gut gemeinten, sanften Ermahnungen des Knechtes und eilte mit ihren hüpfenden Schritten davon.

»Brav hast sie heimgebracht, die Kühe, Vroni«, lobte der Pauli das Mädchen, als sich die Tiere ungeduldig durch die Stalltür drängten.

Aus dem Inneren des Stalls hörte man die beruhigende, noch recht jung klingende Stimme der Bäuerin: »Langsam, Braune! – Nicht so damisch, Gamsei! – Geh nur, Lisi! – Da her, Sternei!«

Vroni lehnte den langen Haselnussstecken neben der niedrigen, schwarzbraun-verwitterten Stalltür, auf der mit Kreide immer noch gut lesbar geschrieben stand »19 K + M + B 60«, und sagte: »Ich schau, wo die Maria ist.«

Ihr mit den großen, schwieligen Hand übers Haar streichend, nickte der Pauli dem Mädchen auf munternd zu und murmelte: »Ja, kümmer dich ein wenig um sie.« Dabei erschien ein Lächeln in seinem breitflächigen, hässlichen Gesicht und machte es beinahe schön. »Weißt ja eh, dass man andauernd ein Aug auf sie haben muss.«

Nein, als ein gut aussehendes Mannsbild hätte man den untersetzten, etwas krummbeinigen Pauli mit dem rötlichen Borstenhaar ganz und gar nicht bezeichnen können. Und weil er dies wusste, war er von jeher der Weiblichkeit ausgewichen; es hatte ihn zu einem zurückhaltenden, sogar etwas linkischen Menschen gemacht. Wer ihn jedoch kannte, musste ihn mögen, denn es gab wohl kaum einen umgänglicheren, hilfsbereiteren und fleißigeren Menschen als ihn. Insbesondere die Kinder, die wie die Kletten an ihm hingen, fanden bei ihm stets Zuwendung und Ansprache.

Endlich entdeckte die Vroni ihre Ziehschwester. Die Maria lehnte an den Latten des Hausgartens, in dem die hohen, großblumigen Dahlien in den sattesten Farben glühten, und starrte angestrengt auf ihre fest geballte Hand.

»Hast was, Maria? Zeig her!«, bat die Vroni. »Komm, so lass halt sehen!«

Da öffnete die Maria die Faust; ein schwarz gepunkteter Marienkäfer lag in der Handfläche.

»Ein Frauenkäferl! Das musst wieder fliegen lassen! Das darfst nicht ...«

Das Käferchen hatte auf dünnen Krabbelbeinen zu rennen begonnen und breitete die Flügelchen aus. Doch ehe es losfliegen konnte, schlug die Maria mit der flachen Hand darauf.

»Bist narrisch! Schau, was du getan hast!«, kam es bestürzt von Vroni, die auf das zerdrückte Insekt starrte. Ganz das Gehabe und den Ton ihrer Mutter imitierend, fuhr sie zurechtweisend fort: »Jessas nein, mit dir ist es aber auch ein Kreuz! Was hast denn grad wieder angestellt! So was darf man doch nicht tun!«

Es blieb, so wie halt meistens, ungewiss, ob die Maria etwas begriffen hatte. Das ovale, recht hübsche Gesicht ausdruckslos, ließ sie sich widerstandslos von Vroni zum Brunnen führen und sich den gelblichen Fleck, den das zerquetschte Käferchen hinterlassen hatte, von der Hand abwaschen, was nicht ohne das sattsam bekannte: »Es ist halt ein rechtes Kreuz mit dir« vonstatten ging.

Nun ja, ein schweres Kreuz war es gewiss, das sich die Gillitzerischen mit der Verantwortung für dieses Kind aufgeladen hatten. Aber das hatte damals noch niemand absehen können.

Die Maria – von den Leuten mit grausamer Gedankenlosigkeit nur die dumme Maria genannt – lebte auf dem Gillitzer-Hof, seit sie vor zwölf Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Ihre Mutter, eine ledige Magd, war bei der Geburt ihrer Tochter gestorben; der Vater, ein herumziehender Taugenichts, hatte sich aus dem Staub gemacht.

Für die Gillitzer-Burgl – sie war damals jung verheiratet – und für ihre Schwiegermutter, die Altbäuerin, war es selbstverständlich gewesen, das arme, elternlose Kind mitaufzuziehen und auf dem Hof aufwachsen zu lassen. Man behielt die Kleine auch, als es sich nicht mehr übersehen ließ, dass sie bei ihrer schweren Geburt einen Hirnschaden davongetragen hatte, keinerlei Interesse an ihrer Umwelt zeigte und nicht lernte, sich verständlich zu machen. Die Burgl nahm sich aus Dankbarkeit für ihren gesunden, kräftigen Buben dieses hilflosen Geschöpfes an. Sie hätte es ohnehin nie übers Herz gebracht, die Maria abzuschieben, sie fremden Menschen zu überlassen. Sie gehörte zur Familie, als die Vroni geboren wurde. Und wie selbstverständlich lernte die Vroni schon sehr früh, auf die ältere Maria aufzupassen und für diese – so gut sie es konnte – mitzudenken.

Auch jetzt, als es nach getaner Stallarbeit Zeit zum Nachtessen war, schob die Vroni die Maria auf ihren Platz am großen Tisch in der Küche.

Die Gillitzer-Burgl, eine rundliche Mittdreißigerin, stand noch am Herd und hantierte mit den dampfenden Töpfen, als ihr Mann hereinkam, deutlich hinkend, sein linkes Bein nach sich ziehend. Kaum hatte er Hut und Joppe an den Türhaken gehängt, da erschien auch der Pauli. Erstaunt fragte der Knecht: »Ist der Hansi noch nicht daheim?«

»Was? Vom Zäunen noch nicht daheim?«, fuhr der Gillitzer sofort besorgt auf. »Das gibt’s doch nicht!«

»Jessas, der Bub wird sich doch nicht weh getan haben?«, kam es vom Herd her.

Daraufhin bemerkte die Vroni beiläufig: »Der ist höchstens mit dem Sägmüller-Tobi noch zum Fischen gegangen.«

»Wie kommst denn da drauf, wo’s doch bereits finster ist?«, fragte der Pauli kopfschüttelnd.

»Als ich die Kühe heimgetrieben habe, ist der Tobi mit seinem Fischzeug bei ihm gewesen.«

»Um Gott’s willen, Matthias, dem Buben wird doch nichts passiert sein!«, rief die Gillitzerin bestürzt.

»Ich glaub, ich geh, Bauer, und schau nach«, erbot sich der Pauli. »Das kommt mir jetzt schon ein bisschen komisch vor.«

Aber da hörte man ein Zuschlägen der Haustür und von der Burgl ein erleichtertes: »Gott sei Dank, er ist da!«

Gleich darauf betrat der Hansi, sichtlich schuldbewusst, die Küche und gestand verlegen: »Ich bin noch ein wenig beim Tobi geblieben.«

»Wo?«, wollte seine Mutter wissen.

»Na, halt draußen, auf unserer hinteren Wiese.« Als man ihn ungläubig anschaute, fuhr er stockend fort: »Er hat nicht heimgehen wollen, der Tobi.«

»Aha, er wird halt was ausgefressen haben«, meinte der Pauli verständnisvoll. »Was hat er denn angestellt?«

Alle außer der Maria, die mit ernster Entrücktheit auf ihren Teller starrte, warteten gespannt auf eine Antwort, während sich Hansis Lage merklich entspannte.

»Nichts, rein gar nichts! Aber er muss morgen nach Burghausen, ins Kloster, ein Pfarrer oder ein Doktor werden. Und er mag nicht fort, aber er muss.«

»Das wird auch nicht leicht sein für ihn«, meinte die Burgl verständnisvoll. »Fort von daheim.«

»Schau her, der Sägmüller lässt seinen Zweiten studieren! Na ja, der kann’s sich leisten«, sagte der Bauer und griff nach dem Brotlaib, der mitten auf dem Tisch lag. »Ein Doktor in der Familie macht sich immer gut.«

»Der Benedikt sagt, der Tobi sollte Pfarrer werden, weil das nichts kostet«, wusste der Hansi noch zu berichten. »Warum ist ein Pfarrer eigentlich billiger?«

Die Gillitzerischen warfen sich einen kurzen betretenen Blick zu, der Pauli hüstelte, aber eine Antwort erhielt der Bub auf seine Frage nicht. Seine Mutter drängte: »Jetzt setz dich endlich hin; das Essen ist fertig!« Und weil es den Anschein hatte, als wollte sich der Hansi noch nicht ganz zufrieden geben, fügte sie streng hinzu: »Und das nächste Mal kommst mir eher heim!«

In der Bauernstube des stattlichen Schallmooser-Hofes war der Tisch bereits gedeckt, doch keiner war anwesend. Draußen in der angrenzenden Küche, die viel zu groß war für die wenigen Bewohner des Hofes, hantierte die Fanny am wuchtigen Herd, einem Relikt aus der Zeit, als es noch Gesinde zu versorgen gab.

Die Fanny, eine korpulente Frau Anfang Fünfzig, behielt man als Einzige im Dienst, als sich der Schallmooser-Benno vor etlichen Jahren dazu entschlossen hatte, sich ganz auf das Sägewerk, das einträgliche Holzgeschäft zu verlegen. Er hatte die Zeichen der Zeit schon früh erkannt und vorausgesehen, dass dem Bauernstand große Veränderungen bevorstanden – dass man Arbeitskräfte bald schon nicht mehr bekommen und vor allem auch nicht mehr bezahlen konnte.

Ihm, der nie ein rechter Bauer gewesen war, hatte die Umstellung wenig bedeutet. Doch für die Franziska, seine Frau, war es der traurigste Tag ihres Lebens gewesen – und sie hatte wahrhaftig schon mehr als genug traurige Tage erlebt –, als das Vieh aus den Ställen gezerrt und fortgeschafft wurde. Ihr zog sich noch heute das Herz zusammen, wenn sie Zusehen musste, wie fremde Leute auf den verpachteten Wiesen und Feldern arbeiteten und ernteten, dem von Schweiß getränkten Boden vieler Vorfahren auch noch das Letzte abrangen. Es kümmerte jedoch keinen, was sie dabei empfand; sie durfte auch nicht klagen, denn hatte man nicht sein gutes Auskommen?

Die Fanny zog den Fleischtopf mit der brodelnden dunkelbraunen Soße hart an den Rand des Herdes, brummte etwas Unverständliches, als die Schallmooserin, eine kleine, magere Frau, ganz verstört zur Tür hereinkam. »Er ist nirgends aufzufinden. Überall hab ich nachgeschaut ...«

»Wenn nicht bald gegessen wird, dann ist mir das ganze Böfflamott* zerkocht, Bäuerin«, fiel ihr die Fanny – sie hielt starr an dieser Benennung fest – ins Wort. Dann beruhigte sie: »Er wird gleich da sein.«

In ihrer fahrigen, nervösen Art – die Schallmooser-Franziska wirkte stets wie gehetzt und verschreckt – jammerte sie: »Wo’s doch längst finster ist. Es muss ihm was passiert sein. Am Ende ist er ins Wasser gefallen und ...«

»Blödsinn!«, kam es etwas respektlos zurück. »Der Tobi schwimmt doch wie ein Fisch. Er wird halt noch irgendwo Auf Wiedersehen sagen, wo er doch morgen fort muss. Vielleicht beim Gillitzer droben. Na, und da wird er sich halt ein wenig verspäten.«

»Was sag ich denn bloß, wenn der Benno heimkommt? Dann ist gewiss sofort wieder der Teufel los. Er hat auch längst daheim sein wollen ...«

»Ja, höchste Zeit, weil sonst mein Böfflamott verkocht.« Dies schien der Fanny das größere Unglück zu sein.

Die Schallmooserin wollte wieder aus der Tür, horchte aber plötzlich auf. »Jessas, jetzt kommen sie vor dem Buben heim«, murmelte sie, als draußen ein Wagen anhielt und Türen schlugen.

Im Hausflur wurden Schritte laut, gleich darauf polterten der Schallmooser und sein Ältester herein, beides kräftige Mannbilder.

»Wo bleibt ihr denn so lang?«, kam es aufgeregt von der Franziska, die wie ein aufgeschrecktes Huhn hin und her irrte und bereits das unausbleibliche Donnerwetter erwartete.

Ohne die Frage zu beantworten, sagte der Schallmooser, nachdem er einen Blick in den Topf geworfen hatte: »Ah, ein Böfflamott!« Dabei klopfte er der Fanny anerkennend auf die massige Schulter. Dann warf er Hut und Jacke achtlos auf einen Stuhl, was ihm der Benedikt gleichtat.

Sofort raffte die Franziska die Kleidungsstücke auf und hastete damit davon.

Erst als man sich in der Bauernstube niedersetzte, fragte der Schallmooser: »Wo ist denn der Tobi?«

Sichtlich zusammenzuckend, musste seine Frau zugeben: »Er ist noch nicht daheim. Er wird aber gleich kommen ...«

»Noch nicht daheim?«, fuhr der Benedikt ihr grob ins Wort. »Was fällt denn diesem Lauser wieder ein, wo’s längst finster ist? Dem gehört das Lederzeug wieder einmal fest angestrichen, dass er weiß, wo der Wind her weht.«

»Was ist denn schon dabei, wo er doch morgen fort muss?«, wandte seine Mutter begütigend ein, obgleich sie vor Sorge schier verging.

»Wird höchste Zeit, dass ihm endlich Mores beigebracht werden«, brummte der Achtzehnjährige ganz in der Manier eines Erwachsenen; und sein Vater fand dies offensichtlich in Ordnung, denn er nickte beifällig.

Währenddessen hockte der Tobi fröstelnd und hungrig in einem stockfinsteren Heustadel. Sein ganzer Mut, anfangs noch angestachelt vom Zorn und vom Schmerz über den bevorstehenden Abschied, diese gewaltsame Trennung von daheim, war verraucht. Hilflosigkeit und Furcht stiegen in ihm auf.

Wie war er nur auf die Idee mit dem Davonlaufen gekommen? Wo sollte er denn hin? Freilich, wenn sie nur richtige Angst um ihn hätten, ob sie ihn dann vielleicht doch daheim bleiben ließen? Die Mama gewiss, ihr war’s ja eh nicht recht, dass er fortmusste. Aber der Vater halt und vor allem der Benedikt! Gegen sie kam man nicht an; keiner, auch die Mama nicht. Ob sich die Mama schon um ihn sorgte? Am Ende sogar weinte? Bestimmt.

Und bei dieser Überlegung kamen dem elfjährigen Buben wieder selber die Tränen, weil er sich so einsam und verlassen fühlte. Es gab wirklich und wahrhaftig gar niemanden und gar keinen, der ihm helfen oder beistehen konnte. Und es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als sich doch auf den Heimweg zu machen. Dass er dabei, schon vor lauter Furcht vor dem Heimkommen, sein Angelzeug vergaß, war verständlich.

Erst als der Tobi sich der Haustür näherte, fiel es ihm siedend heiß ein. Aber weil es ohnehin zu spät und alles einerlei war, nahm er sein angstzitterndes Bubenherz fest in beide Hände und marschierte tapfer vorwärts.

Der rettende Einfall, wie er sich möglicherweise doch noch aus der Schlinge ziehen konnte, kam ganz plötzlich. Fast so lautlos wie eine Maus huschte er durch den Hausgang, schlich die Stiege hinauf, die sich gnädig erwies, nicht einmal knarzte, und verschwand in seiner Kammer.

Die Schallmooser-Franziska hätte es wirklich nicht zu sagen vermocht, ob sie es nur in ihrem sorgenden Mutterherzen gespürt oder doch gehört hatte, dass sich draußen einer vorbeischlich. Gott sei Dank, er ist da! Es ist ihm nichts passiert!

Es kostete sie viel Beherrschung, nicht gleich aufzuspringen und nachzuschauen, warum sich der Tobi, der ihr Ein und Alles, ihre ganze Freude war und den sie nun hergeben musste, so verspätet hatte. Es gelang ihr sogar, ruhig zu bleiben, als der Benedikt, kaum dass er seinen ärgsten Hunger gestillt hatte, wieder zu sticheln begann: »Jetzt möcht ich schon wissen, wo sich der Rotzlöffel so lang herumtreibt. Nicht zum Essen heimkommen, wo gibt’s denn das? Weißt, Vater ...«

»Wenn du nur auf dem Kleinen herumhacken kannst«, fiel ihm seine Mutter mit ungewohnter Schärfe ins Wort.

»Himmelherrgott, hat man denn nicht einmal beim Essen seine Ruh!«, donnerte nun der Schallmooser.

Um Franziskas Lippen begann es verräterisch zu zucken. Sie schob ihren Teller zurück und hastete aus der Stube, während die Fanny ruhig weiteraß. Sie war derlei und noch weitaus Schlimmeres längst gewohnt; der Bauer war als Grobian bekannt, und er ließ seinen Unwillen meistens an seiner Frau aus. Für ihn zählte nur der Benedikt, der ihm in allem nacheiferte, zum Tyrannen geradezu erzogen wurde. Fanny hütete sich jedoch, sich in irgendetwas einzumischen. Denn wo sollte sie, die ihr Lebtag lang nur als Haushaltshilfe gearbeitet hatte, in ihrem Alter noch einen guten Platz finden!

Man war gerade mit dem Essen fertig, als die Schallmooserin zurückkam und mit überzeugender Erleichterung erklärte: »Ich hab mich ganz umsonst gesorgt. Der Tobi ist längst schon daheim; er hat sich niedergelegt, weil er ein wenig fiebert, nicht gut beinander ...«

»Merkst was, Vater?«, unterbrach der Benedikt sie mit einem gezwungenen Auflachen. »Er will dich leimen; er meint, er kommt damit durch, dass er morgen nicht fortmuss. Aber da hat er sich geschnitten. Gell, Vater?«

Damit hatte der Benedikt einen wunden Punkt getroffen, und der Schallmooser raunzte ungemütlich: »Da kann er Gift drauf nehmen! Ich lass mich doch nicht für dumm verkaufen.« Und weil er den tieftraurigen und zugleich bestürzten Ausdruck in den Augen seiner Frau sah, fügte er, nun doch etwas einlenkend, hinzu: »Gar so schlimm kann’s ja nicht sein.«

Dazu glaubte der Benedikt ein zynisches Lachen anbringen zu müssen. Doch gleich darauf bat er schmeichlerisch: »Könnt ich noch auf eine Stunde oder zwei den Wagen haben, Vater?«

Noch ehe der Schallmooser dazu etwas sagen konnte, entfuhr es der Franziska: »Jessas, Bub, wo du grad erst den Führerschein ...«

»Irgendwann muss er’s doch lernen«, wurde sie von ihrem Mann belehrt. »Wo willst denn noch hin?«

»Bloß zu meinen Freunden, Vater. Ich bin bald wieder daheim.«

Während dem Benedikt die Wagenschlüssel zugeschoben wurden, rumpelte er auch schon auf, denn er hatte es offenbar eilig. Gleichzeitig mit ihm verließ auch die Fanny, einen Stapel Geschirr tragend, die Stube.

»Meinst nicht, dass der Benedikt für sein Alter schon arg viel unterwegs ist?«, fragte die Schallmooserin, kaum dass sie und ihr Mann allein waren. »Ich hab immer ein bisschen Angst, dass ...«

»Um den Benedikt brauchst dich durchaus nicht zu kümmern, der weiß schon recht gut, was er tut«, wurde sie abgewiesen. »Zudem müssen sich junge Burschen die Hörner abstoßen. Das hat noch keinem geschadet.«

»Und wenn er an die Unrechte kommt? Er ist noch so jung ...«

Daraufhin meinte der Schallmooser mit einem stolzen Auflachen: »Der passt auf, dass er sich nicht reinlegen lässt.« Ein breites, schmutziges Schmunzeln in seinem Gesicht verriet, woran er dachte.

Versucht er jetzt, mit dem Buben wieder jung zu werden?, durchfuhr es die Franziska. Geht das jetzt alles wieder von vorne los?

Ein kaltes Frösteln lief über ihre Haut. Sie würde nichts aufhalten und verhindern können; sie hatte das ja nie gekonnt.

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