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Eigentlich gehört das Herz der jungen Leni, Tochter des Ochsenwirts, schon dem Verwalter Flori, aber ihre Eltern drängen auf die Hochzeit mit dem letzten Baron von Stögen aus Dengling, die der Familie einen finanziellen Vorteil verspricht. Helfen kann da nur noch der Großvater, der Leni mit schlauen und gerissenen Ratschlägen zur Seite steht. Auch ihr Bruder Franzl hat in Herzensangelegenheiten seine Not. Von seinem nächtlichen Stelldichein darf niemand etwas erfahren, obwohl er gerade jetzt ein Alibi für diesen Zeitpunkt bitter nötig hätte.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
LESEPROBE ZU
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2010
© 2017 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto: © Studio von Sarosdy, Düsseldorf
Lektorat und Satz: BuchBetrieb Peggy Stelling, Leipzig
eISBN 978-3-475-54650-1 (epub)
Rosemarie Forstmaier
Wirbelwind im Herbst
Eigentlich gehört das Herz der jungen Leni, Tochter des Ochsenwirts, schon dem Verwalter Flori, aber ihre Eltern drängen auf die Hochzeit mit dem letzten Baron von Stögen aus Dengling, die der Familie einen finanziellen Vorteil verspricht. Helfen kann da nur noch der Großvater, der Leni mit schlauen und gerissenen Ratschlägen zur Seite steht.
Auch ihr Bruder Franzl hat in Herzensangelegenheiten seine Not. Von seinem nächtlichen Stelldichein darf niemand etwas erfahren, obwohl er gerade jetzt ein Alibi für diesen Zeitpunkt bitter nötig hätte.
Vor etlichen Jahren noch war Dengling ein verschlafenes, wohl aber auch etwas hinterweltlerisches Bauerndorf gewesen. Doch auch hier hatte die neue Zeit viele wachgerüttelt, einige aufgeschreckt – und nun ging es aufwärts, wie manche meinten. Ein Gutteil hatte dazu der immer stärker aufkommende Tourismus beigetragen, obwohl man keine Attraktionen zu bieten hatte, die Berge sich nicht unmittelbar vor der Haustür erhoben. Man lag gewissermaßen an der falschen Seite der Autobahn – doch reizvoll war die Landschaft auch hier, und bei klarem Föhnwetter schienen die Gipfel zum Greifen nahe. Aber das noch etwas zaghafte Tröpfeln würde schon bald in einen warmen, anhaltenden Geldregen übergehen; so hoffte man.
Dieses Wunschdenken plagte den Wirts-Ahnl nicht, der auf seiner Bank an der Hauswand saß und sich die alten, spröde gewordenen Glieder von der Sonne durchwärmen ließ. Hin und wieder griff er nach dem steinernen Maßkrug, der neben ihm stand, genehmigte sich einen Schluck und blinzelte ein wenig sehnsuchtsvoll hinüber zum behäbigen Bauernhof, der durch den Wirtsgarten mit seinen breitästigen hohen Kastanien vom nobel herausgeputzten Gasthaus getrennt war.
Er hätte es zwar nie zugegeben, doch insgeheim wäre er viel lieber im Hof drüben gewesen, wo es bei den Knechten und Mägden gemütlicher zuging als hier. Aber diesen Gefallen tat er seiner Schwiegertochter nicht, grad weil sie ihn dorthin abzuschieben versuchte, ihn loswerden wollte. Er passte ihrer Meinung nach nicht mehr in die renovierten Räume.
Der Ochsenwirts-Ahnl lebte mit seiner Schwiegertochter, der Franziska Stinglhamer, in einem ständigen Partisanenkrieg, der meistens lautlos, aber hartnäckig ausgetragen wurde. Offene Feindseligkeiten kamen selten zutage, doch einer zwickte den anderen, wo es nur ging. Im alltäglichen, langweiligen Einerlei des Ahnl war das wie das Salz in der Suppe. Und es freute ihn diebisch, wenn er die Franzi wieder einmal auf Touren brachte.
Während der Alte so vor sich hin döste, kam der Ochsenwirt von der Ökonomie – wie der Hof auf Befehl seiner Frau nun genannt werden musste – herüber, wo er Nachschau gehalten hatte. Er trug einen hechtgrauen Trachtenanzug, eine grüne Samtweste und über dem stattlichen Bauch eine schwerbehangene Charivarikette, die bei jedem Schritt leise klirrte. Sich mit der Hand über die gerötete Stirn wischend, stieß er hervor: »Eine Hitz’ hat’s schon wieder!«
Nach dem Maßkrug greifend und ohne die faltigen Lider ganz zu öffnen, kam es schläfrig von seinem Vater: »Was musst dich denn auch aufzäumen wie ein Pfingstochs!«
Ächzend ließ der Ochsenwirt sich auf der Bank nieder und entgegnete leicht verstimmt: »Die Franzi mag’s halt nun einmal net, wenn ich daherkomm wie der Hausknecht. Ein Unterschied muss da schon sein.«
»So, so, meint die Deinige!« Der alte Mann grinste verschmitzt. »No ja, wenn das G’wand der einzige Unterschied ist …«
»Herrje, Vater, dass du keine Ruhe geben kannst, wenn’s um die Franzi geht! Andauernd musst auf ihr herumhacken und granteln.«
»Umkehrt wird auch ein Schuh draus. Ich bin ihr doch nimmer fein genug.« Der Wirts-Ahnl nahm einen weiteren Schluck, wischte sich langsam mit dem Handrücken über die weißstoppelige untere Gesichtshälfte.
Da schritt auf der Straße ein älterer Herr in etwas abgetragener, doch sehr korrekter Kleidung vorbei, was den Ochsenwirt zu einer ablenkenden und zugleich geringschätzigen Bemerkung veranlasste: »Schau, der Herr Heidenreich!« Obwohl er vor gebildeten, vornehmen Menschen einen schier ehrfürchtigen Respekt besaß, blickte er diesem alten Hagestolz, der gewiss einmal bessere Tage erlebt hatte, verächtlich hinterher. Denn der war nur ein armer Schlucker; demnach konnte es ja mit der vornehmen Bildung nicht allzu weit her sein.
Auch der Ahnl brummelte: »Wenn der jetzt die Orgel auch schon am helllichten Werktagvormittag malträtiert, nachher muss ich mich um ein ruhigers Platzl umschaun.«
Die Kirche lag gleich nebenan, und Herr Gottlieb Heidenreich fungierte dort als Organist und Leiter des Kirchenchores.
»Lang wird er net orgeln, denn heut ist Dienstag! Und gleich Mittag!«, meinte der wohlgenährte Ochsenwirt abfällig.
Obgleich auch der Ahnl mit dem überspannten alten Gockel nichts im Sinn hatte, fuhr er empört auf. »Sonst bist froh, wennst deine Fettbrocken, was sich bei uns Schlachtschüssel nennt, loswirst. Auch sein Geld stinkt net. Es kann sich halt net jeder …«
Der Gerechtigkeitssinn seines Vaters machte dem Josef Stinglhamer oft genug zu schaffen. Gereizt fiel er ihm ins Wort: »Mir stinkt’s halt, dass er unsereins wie einen Deppen anschaut. Das Nierenbratl kann er net vertragen, das ist ihm zu üppig, weil’s ein paar Markl mehr kost – aber die Schlachtschüssel haut er sich jedesmal rein, als ob er am Verhungern war.«
Ehe die beiden vollends zusammenrumpelten, kam die Leni angerannt und rief erleichtert: »Gott sei Dank, da bist ja, Vater! Wir suchen dich schon überall, die Mutter ist ganz aufgeregt. Bei der Post war ein Brief vom Baron dabei, und sie meint, das muss was Wichtiges sein.«
Überraschend behende sprang der Stinglhamer-Josef auf. Mit einem hastigen: »Ich komm ja schon!« eilte er davon.
Die Leni sah in ihrem hellen Dirndl reizend aus, so richtig frisch und direkt zum Anbeißen, das fand zumindest ihr Großvater, als er sie aufforderte: »Hock dich ein wengl her zu mir.«
Nach kurzem Zögern gestand sie: »Eigentlich wollt ich auf ein Sprüngl hinüberschaun.« Dabei wies sie in Richtung Hof, und leichte Röte färbte ihre Grübchenwangen.
Sich das stoppelige Kinn reibend, entgegnete der Ahnl schmunzelnd: »Dich zieht’s aber auffallend oft hinüber, seit der neue Verwalter da ist.«
»Ich weiß gar net, was du meinst«, gab die Leni gedehnt zurück.
»Ich mein halt bloß, dass der Flori durchaus ein jungs Mannsbild ist, das einem Madl ins Auge sticht. Ist ja auch gar nix Unrechtes dabei. Bloß …«, hier zögerte er, ehe er weitersprach, »… bloß deine Mutter wird da anderer Ansicht sein.«
Plötzlich klang von der nahen Kirche gedämpftes Orgelspiel herüber. Sekunden darauf hatte der Ahnl seinen Maßkrug in der Hand, verließ seinen sonnigen Platz. »Naa, für so eine Begleitung, da dank ich! Mir langt das Gedudel am Sonntag schon überall hin!« Damit schlurfte er davon.
»So wart doch, ich geh mit dir!«
»Halt dich net mit mir altem Krauter auf. Lauf zu und unterhalt dich mit dem Flori!«
Daraufhin wurde Lenis rundes Gesicht lang, und sie gestand kleinlaut: »Unterhalten ist gut! Er schaut mich ja kaum einmal an.«
»Angst vor deiner Mutter wird er halt haben. – Aber soweit ich mich zurückerinnern kann, hat das noch keinen Burschen auf Dauer abgehalten, wenn ihm ein Madl wirklich g’fallt.«
Wenn sie es doch nur wüsste, ob sie, Leni, dem Flori gefiel? Gemerkt hatte sie davon noch nichts.
Ehe der alte Mann um die Hausecke bog, schaute er sich kurz um und sah seine Enkelin zum Bauernhof hinüberhuschen. Er setzte sich auf eines der leeren Bierfässer, die hier an der Hauswand aufgereiht standen, und stellte seinen Maßkrug neben sich. Der Lärm aus der angrenzenden Wirtsküche störte den Ahnl weniger als Herrn Heidenreichs geistliche Musik. Bald begann er wieder vor sich hin zu dösen und seine Gedanken glitten zurück in vergangene Zeiten. Schuld daran war wohl dieser Brief des Herrn Baron.
Früher hatte die Familie von Stögen einen Großteil von Dengling besessen: eine Brauerei mit dazugehörigem Gasthof sowie eine Ökonomie mit einem reichen Grundbesitz an Feldern und Wäldern. Dazu gehörte eine prächtige Villa mit Türmchen und Erkern, in einem weitläufigen Park oberhalb des Dorfes gelegen, die man von jeher etwas großspurig das ›Schlössl‹ genannt hatte.
Auf großem Fuß hatte diese Familie gelebt, aber als die Zeiten sich änderten, war es mit ihr bergabgegangen. Die veraltete, schlecht geführte Brauerei rentierte sich nicht mehr; sie wurde geschlossen, das Sudhaus verfiel. Immer mehr Wald- und Bodenbesitz wurde verkauft, der Gasthof und die Landwirtschaft gingen in fremde Hände über. Nur das Schlössl war übriggeblieben.
Dahingegangen war auch das einstmals verzweigte Geschlecht derer von Stögen. Es gab nur noch einen Träger von Titel und Namen. Der letzte Nachkomme dieses im wahrsten Sinne des Wortes verarmten Landadels, Baron Johannes von Stögen, hatte sich in Dengling lange nicht mehr sehen lassen. Nun wartete man darauf, dass auch noch das Schlössl unter den Hammer kam.
Viel Respekt vor dem Namen hatte hier kaum noch einer, denn in jedem echten Bauern steckt eine tief verwurzelte Verachtung für denjenigen, der unfähig ist, eigenen Grund und Boden zu erhalten. Hinzu kam, dass man das blasierte, dünkelhafte Gehabe, dieses gespreizte Vornehmtun dieser Herrschaft noch in lebhafter Erinnerung hatte.
Auch der Wirts-Ahnl wusste noch, wie die Denglinger, ganz nach Feudalherren-Manier, mit der Kutscherpeitsche von der Straße gejagt wurden, wenn einem Stögen’schen Gefährt nicht sofort Platz gemacht wurde. Oh nein, dieser Herrschaft weinte heute keiner mehr nach!
Von den Denglingern hatte sich so mancher einen Fleck aus dem Besitz derer von Stögen herausgerissen, doch den Löwenanteil hatte der Ochsenwirt ergattert. Das verschwenderische Schluderleben derer von Stögen hatte den ehemaligen Pachtwirt und Metzger ungewöhnlich rasch in die Höhe gebracht. Eines darf man dabei freilich nicht vergessen: Fleißig und tüchtig, dazu noch gerissen, war der Stinglhamer schon immer gewesen; ihm war nichts geschenkt worden. Auch seine Frau hatte kräftig mit zugelangt und dem Personal scharf auf die Finger geschaut. Selbst der Ahnl und die Kinder waren von der Arbeit nicht verschont geblieben. Bis vor kurzem hatte die Leni noch die Gäste bedient, und dem Franzl, der den mächtig angeschwollenen Besitz einmal übernehmen sollte, blieb keine Zeit, das lustige Leben eines Wirtssohnes zu führen. Er, der Ahnl, konnte schon seit etlichen Jahren nicht mehr so recht, denn seine Kraft war verbraucht. Nur das Mundwerk, das ging noch so geschmiert wie eh und je, und dies war bei seiner Schwiegertochter auch dringend notwendig. Ihrer Meinung nach passte er nicht mehr so recht zu diesem Wohlstand, zumal er sich starrsinnig weigerte, sich einzufügen.
Natürlich war auch er stolz darauf, wie weit man es gebracht hatte. Dennoch stimmte es ihn nachdenklich, wie seinem Sohn und seiner Schwiegertochter der Wohlstand auf einmal zu Kopf stieg, wie aus einfachen, bescheidenen und arbeitsamen Leuten allmählich laute Wichtigtuer wurden, die sich sogar ihrer Vergangenheit schämten, denen Schein mehr als Sein galt.
Nur an seinen beiden Enkeln, dem Franzl und der Leni, konnte er sich freuen. Ihnen verbog der Reichtum keineswegs den Charakter, sie hatten sich ihre natürliche Art bewahrt – bis jetzt! Denn seit ihr Vater allzuoft den Ausspruch: ›Eine Bildung braucht der Mensch!‹ anführte, wurde an ihnen kräftig herumgemodelt und versucht, sie zu feinerer Lebensart anzuhalten.
Beim Franzl, mit seinen sechsundzwanzig Jahren ein ausgewachsenes, gestandenes Mannsbild, verschlug dies wenig. Er stand zudem zu fest im Geschirr, und beim Viehhandel und im Schlachthaus beim Wursten waren vornehme Manieren wenig angebracht. Da war seine Schwester, die Leni, schon weitaus gefährdeter, wie der Ahnl befürchtete.
Leni, nicht ganz zwanzig, stand immer noch unter der strengen Fuchtel ihrer Mutter, wagte kaum aufzumucken, geschweige denn eigene Wege zu gehen. Das Mädchen war zum Gehorsam erzogen, ordnete sich unter, ohne zu murren. Anscheinend gefiel es ihr ganz gut, wie nobel man sich seit kurzem oben, im ersten Stock, über der Wirtsküche, installiert und eingerichtet hatte; alles nur vom Feinsten – wie man meinte. Ansonsten stellte Leni durchaus keine gehobenen Ansprüche, erwartete vom Leben nichts Außergewöhnliches, schon gar nichts Großartiges. Sie legte gern in der Küche mit Hand an, auch bei größeren Arbeiten. Sie half zudem bei der Bauernarbeit mit. Der Stallgeruch störte sie nicht, obwohl ihre Mutter darüber die Nase rümpfte.
Wer sie so ansah, dieses hübsche, herzerfrischende natürliche Mädchen, fand an ihr kaum etwas auszusetzen; jedes Herumformen und Zurechtbiegen schien reinweg überflüssig. Sie redete, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Unberührt von jeglicher gehobeneren Schulbildung oder Bücherweisheit, war sie doch zum Praktischen erzogen und zur Arbeit angehalten worden. Dass sie einmal jemand sein würde – wie ihre Mutter nun auf einmal meinte –, hätte die Leni sich nie träumen lassen, und so recht konnte sie daran auch nicht glauben.
Der Ahnl musste über seinem Dahinsinnieren eingenickt sein, denn als sich schlurfende Schritte näherten, schreckte er auf.
Georg Hiermer, den man trotz seines Alters – er war über siebzig – nur den Schleifer-Schorschi nannte, war ums Hauseck gebogen.
»Ah, da bist, Seppi«, sagte er, schob sich den verbeulten speckigen Hut aus der Stirn und fuhr sich mit dem Handrücken unter der stets vom Schnupftabak schwärzlichen Nase vorbei.
Nein, einen appetitlichen Anblick bot er wahrlich nicht, aber er war ein Spezi des Wirts-Ahnl von Kindheit an.
»Geh, hock dich her zu mir, Schorschi! Drüben war’s mir zu laut, denn der Heidenreich orgelt wieder. Hast zum Franzl einigschaut?«
Der Schleifer-Schorschi nickte schmunzelnd, zog ein fettiges Päckchen aus seiner zerrissenen Joppentasche und schwärmte: »Da, schau – warmer Leberkäs! Und bei der Leni bin ich auch gewesen.« Damit brachte er eine Bierflasche zum Vorschein und nahm auf einem Bierfass Platz. »Magst ein Stückl?«
Die Hände seines Spezis, die zwischen den Fingern ebenso schwärzlich aussahen wie um die Nägel, ließen den Ahnl dankend ablehnen. Doch er ließ sich zu einer Prise Schnupftabak überreden; schon aus Gefälligkeit – und weil es die Franzi so grauste, wenn er schnupfte.
»Ist nimmer viel los jetzt«, meinte der Ahnl, während der andere mummelnd und schnalzend den dampfenden, saftigen Leberkäse verzehrte und fleißig aus seiner Flasche nachspülte. »Die meisten Gäst’ sind wieder abgereist, die Saison ist, Gott sei’s gedankt, vorbei.«
»Sind brave Kinder, der Franzl und die Leni«, kam es etwas undeutlich zurück. »Ja, ja, allweil schaut er auf mich, der Franzl – ein braver Mensch!«
So, wie meistens, wenn sie sich nicht über längst vergangene Zeiten unterhielten, redeten sie aneinander vorbei, hielt jeder seinen Monolog für sich. Das störte keinen, Hauptsache, man hatte einen zum Reden, und sie waren schließlich Freunde, die sich auch so verstanden. »Aber sie lasst mich nimmer in die Gaststuben eini, die Franzi. Sie sagt, ich tat die Gäst’ vertreiben«, meinte der Schorschi.
Plötzlich war der Ahnl ganz bei der Sache. »Bei mir tat sie es schon auch probieren«, entgegnete er grimmig. »Aber da hat sie sich geschnitten, da beißt sie auf Granit. Verbieten lass’ ich mir von ihr durchaus gar nix.«
»Recht hast, Seppi! Jeder muss sein eigener Herr bleiben, braucht sich von niemand was dreinreden zu lassen! Ich lass’ mir auch von keinem was vorschreiben.«
Dies klang zwar aus dem Mund eines armen Teufels, der auf Gemeindekosten in einer armseligen Kammer bei der Hiranklin hauste, die nicht gerade für Mildtätigkeit und Nächstenliebe bekannt war, etwas seltsam, aber ein letztes bisschen Stolz und Würde braucht der Mensch, und so stimmte ihm sein Freund ernsthaft zu: »Haargenau meine Red’, Schorschi! Nur nix g’fallen lassen!«
Während sich diese beiden so unterschiedlichen Alten, von denen gewiss jeder auf seine Art ein Schelm war, unterhielten, ahnte Frau Franziska Stinglhamer, dass Bedeutungsvolles auf sie zukam, und machte sich bereits erste Kleidersorgen.
Noch bis vor wenigen Jahren hatte die Ochsenwirtin ihrem Äußeren wenig Aufmerksamkeit geschenkt, hätte es als Zeit- und Geldverschwendung betrachtet. Dies hatte sich inzwischen jedoch gewaltig geändert.
Sie hatte ihre Vorliebe für schillernde, knisternde Seiden-Dirndl entdeckt, in die sie ihren üppigen, miedergepanzerten Körper zwängte. Das ergrauende Haar unter der dicken Zopfkrone, die ebenso falsch war wie die perlweißen Zähne, ließ sie zweimal wöchentlich ondulieren. Doch der Drang, schöner und vor allem vornehmer zu erscheinen, forderte auch seinen Tribut: Mit ihren Füßen hatte sie ein schier unüberwindliches Problem. Zu lange hatte sie nur ausgetretene Pantoffel getragen, sodass es nun äußerst schmerzhaft war, in engem Schuhwerk daherzutrippeln. Sobald sie sich unbeobachtet fühlte, befreite sie ihre malträtierten Füße von diesen Marterwerkzeugen.
Auch jetzt massierte sie sich ihre angeschwollenen Beine, was gar nicht sehr vornehm aussah, während ihr Mann immer noch in den Brief des Barons vertieft war.
»No, was ist? Was schreibt er?«, erkundigte sie sich schließlich ungeduldig.
Ein zufriedenes Schmunzeln glitt über sein Gesicht. »Er kündigt seinen Besuch an, mir, seinem früheren Pachtwirt!« Triumph schwang im Ton des Ochsenwirts. »Ja, ja, so ändern sich die Zeiten! Hast was, nachher bist was! Sogar für einen Herrn Baron von Stögen!«
»Und? Was meinst denn, hat sein Besuch zu bedeuten?«, fragte sie drängend, zwängte in ihrer Aufregung die Füße erneut in ihre peinigenden Schuhe, geradeso, als müsste sie den noblen Gast empfangen.
»Geld wird er halt wieder brauchen, unser Herr Baron.«
Und schon rumpelte es ihr atemlos heraus: »Meinst, er verkauft?«
Der Ochsen-Sepp, wie er halt leider immer noch von etlichen Leuten respektlos genannt wurde, fühlte sich ganz als Herr der Lage und erklärte gelassen: »Wird ihm nix anders übrigbleiben, wenn er das Schlössl net ganz verkommen lassen möcht’.«
Er räkelte sich in seinem wuchtigen Samtsessel und streichelte liebevoll seinen Bauch; eine Geste, die ihm bereits zur Gewohnheit geworden war. Im Geiste sah er schon die Gesichter der Denglinger vor sich, grün vor Neid. Er, der Ochsen-Sepp, als Schlossherr! Eine gewagte, aber berauschende Vorstellung.
»Jessas, wann kommt er denn, der Herr Baron?«
»End der Woch’«, antwortete er, worauf sie ihren Füßen mit einem erleichterten Aufschnaufen die Freiheit wieder gönnte.
Nun kam der Ahnl zur Tür herein, schaute auf den leeren Tisch und nörgelte: »Gibt’s heute keine Brotzeit?«
»Wennst es net derwarten kannst, musst dir halt in der Kuchl drunten was richten lassen«, schnappte seine Schwiegertochter. Gleichzeitig erschrak sie. Musste man am Ende diesen alten, schlampigen Krauter auch mitnehmen, wenn man ins Schlössl umzog?
Dass das höchstwahrscheinlich so sein würde, bewies die scharfe Zurechtweisung ihres Mannes. »Wahr ist’s! Es wär längstens an der Brotzeit. Der Vater wird Hunger haben!«
»Als ob’s bei uns sonst nirgendwo was gab«, murrte sie.
Ach, wie gern hätte sie den Alten zum Personal oder am besten gleich ganz in die Ökonomie hinüber verbannt! Aber in diesem Punkt war mit ihrem Mann nicht zu reden, auf seinen Vater ließ er nichts kommen, auch wenn er sich nicht selten selber über ihn ärgerte.
»Was hat’s denn so Wichtiges gegeben?«, wollte der Ahnl wissen.
Der Sepp konnte seinen Stolz nicht unterdrücken und erklärte mit geschwellter Brust: »Der Baron kommt zu mir.«
»Du hast doch wohl mit dem Schlössl nix im Sinn?!«, entfuhr es dem alten Manndl argwöhnisch.
»Warum net, Vater? Ob ich oder ein anderer …«
Der Ahnl fiel ihm mit heller Empörung ins Wort: »Man kann’s auch zu weit treiben! So eine maßlose Überheblichkeit wird net ungestraft bleiben. Hast jetzt ganz vergessen, wo du herkommst, wer du eigentlich bist? Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir bis in die späte Nacht eini gewerkt haben.«
Etwas betreten stieß der Stinglhamer-Sepp hervor: »Eben drum ist es doch nix Unrechtes, wenn man sich von seinem hart erarbeiteten Geld auch was leistet. Du verstehst das alles net, Vater.«
»Soviel versteh ich allemal, dass ein vormaliger Pachtwirt und Metzger sich net auf einmal als Schlossherr aufspielen darf«, hielt ihm sein Vater zornig entgegen. »So was heißt das Schicksal, das es allweil gut mit dir gemeint hat, herauszufordern. Man muss die Kirch’ im Dorf lassen. Du machst dich zum Gespött vorm ganzen Dorf mit deinem Malefizhochmut. Aber ich möcht’ wetten, schuld ist die Franzi! Gerade sie sollt’ sich dran erinnern, dass sie vor noch, gar net so langer Zeit den Kühen vom Angerbauern die Schwänz gewaschen hat und net mehr in eure Eh’ eingebracht hat, als was sie in einer Persilschachtel hat tragen können. Und jetzt ist ihr der Ochsenwirt nimmer gut genug!«
»Sie hat hart mitgearbeitet und Teil dran, dass es vorwärts gegangen ist«, wandte der Sepp beleidigt ein.
»Das streitet keiner ab«, knurrte der Ahnl, fügte jedoch noch im Davongehen hinzu: »Aber Dummheit und Stolz wachsen noch allweil auf einem Holz!«
Ihm war der Appetit auf eine gemeinsame Brotzeit mit dieser übergeschnappten Sippschaft – die sehr zu seinem Leidwesen die seinige war – gründlich vergangen. Er würde zur Fanny in den Hof hinübergehen und dort mitessen. Dort schaute ihn keiner strafend an, wenn ihm ein Brocken danebenfiel oder er seine Suppe ein wenig geräuschvoller aß.
Der Ahnl befand sich bereits auf dem Weg durch den Wirtsgarten, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass er ihnen, zumindest seiner Schwiegertochter, nur einen Gefallen tat. So weit durfte er es – Zorn hin, Wut her – nicht kommen lassen. Stattdessen musste er ihnen zeigen, dass er sich ihretwegen nicht umkrempeln ließ, sich auf seine alten Tage noch andere Manieren zulegte!
Er machte kehrt und schlurfte zurück.
*
Beim genaueren Hinschauen konnte man es dem Schöberlhof, einem mittelgroßen Bauernanwesen, schon ansehen, dass hier einiges im Argen lag, kein rechter Schwung herrschte und die richtige Ordnung fehlte. Die windschiefen Staketen um den Hausgarten waren notdürftig mit Drahtgeflecht ausgeflickt; allerhand Gerät stand in mehr oder weniger fragwürdigem Zustand herum. Aber so ging es halt her, wenn dem Bauern das Musizieren, das Singen und das Jodeln wichtiger war als seine Arbeit!
An diesem sonnigen Frühherbsttag pumperte und rumorte es im Hühnerstall, als wäre der Fuchs eingebrochen. Es war jedoch die junge Bäuerin, die die Behausung ihres Federviehs frisch auskalkte; eine Arbeit, die wegen der Enge in gebückter Haltung ausgeführt werden musste.
Plötzlich gab es ein Rumpeln und ein lautes Aufkreischen, das bis über den Hof zu hören war und die Irlbacher-Rosl, die soeben herangeradelt kam, erschreckt zusammenfahren ließ.
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