Sonne über dem Moor - Rosemarie Forstmaier - E-Book

Sonne über dem Moor E-Book

Rosemarie Forstmaier

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Beschreibung

Margrets einziger Schatz ist ihr zwölfjähriger Sohn Franzi. Vehement ignoriert sie die Annäherungsversuche ihres Großknechts Alois, der besessen ist von dem Wunsch, Bauer auf dem Moorhof zu werden. Auch die fromme Hauserin Sophie drängt auf eine Heirat, damit Margret dem unehelich geborenen Jungen einen Vater geben kann. Als Franzi den Großknecht zum Torfstechen begleitet, verschwindet er spurlos im Moor. Margret, fast wahnsinnig vor Schmerz, gibt Alois die Schuld am Tod ihres Kindes. Sie begibt sich auf die Suche ins Moor und verschwindet ebenfalls. Als schließlich die neue Hoferbin ihre Stelle antritt, passieren plötzlich seltsame Dinge ...

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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LESEPROBE ZU

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2010

© 2017 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Titelfoto: © Studio von Sarosdy, Düsseldorf

Lektorat und Satz: BuchBetrieb Peggy Stelling, Leipzig

eISBN 978-3-475-54646-4 (epub)

Worum geht es im Buch?

Rosemarie Forstmaier

Sonne über dem Moor

Margrets einziger Schatz ist ihr zwölfjähriger Sohn Franzi. Vehement ignoriert sie die Annäherungsversuche ihres Großknechts Alois, der besessen ist von dem Wunsch, Bauer auf dem Moorhof zu werden. Auch die fromme Hauserin Sophie drängt auf eine Heirat, damit Margret dem unehelich geborenen Jungen einen Vater geben kann.

Als Franzi den Großknecht zum Torfstechen begleitet, verschwindet er spurlos im Moor. Margret, fast wahnsinnig vor Schmerz, gibt Alois die Schuld am Tod ihres Kindes. Sie begibt sich auf die Suche ins Moor und verschwindet ebenfalls. Als schließlich die neue Hoferbin ihre Stelle antritt, passieren plötzlich seltsame Dinge ...

Das Moor, insbesondere das Hochmoor, ist eine Urlandschaft, die den Menschen gleichermaßen fasziniert wie abschreckt. Sehr dicht liegen Anziehungskraft und leises Grauen beieinander, so wie stets, wenn der Mensch sich auf trügerischem Boden befindet.

Wer beschreibt den Zauber einer Moorlandschaft im Frühling, wenn lichtgrüne, weißstämmige Birken sich in den golden schimmernden Tümpeln und Moorlöchern spiegeln, das flockig weiße Wollgras sich über grünschopfigen Riedbuckeln erhebt; wenn Mehlröschen und Erika erblühen – über allem der harzige Duft der Moorkiefern liegt und das Flirren und Summen unzähliger Insekten und seltene Vogelstimmen zu vernehmen sind.

Doch wie sehr verändert das Moor sein Gesicht, wenn abends graue Nebelschwaden aus sumpfigen Tiefen kriechen, sich wie zähes Gespinst um Gebüsch und Sträucher hängen, sie zu unheimlichen Wesen verändern; wenn das schaurige Klagen der Mooreule ertönt, der fluoreszierende Schein der Irrlichter gespenstisch in der Dunkelheit aufglüht. Dann, so erzählt man es sich noch heute, gehen sie um, die unheimlichen Moorweiber und Nebelfrauen; sie geistern als Irrlichter umher, die Seelen jener Bedauernswerten, die im Moor umgekommen sind, auf ihrer Suche nach Frieden in geweihter Erde. Aber nur selten gibt das Moor wieder her, was es einmal in seine unergründlichen Tiefen hinabgezogen hat.

Und doch haben Menschen es gelernt, mit dem Moor zu leben, damit umzugehen und es sich dienstbar zu machen. Trockengelegter Moorgrund gibt fruchtbaren Boden, bringt reiche Ernten; der Torfstich lässt sich in klingende Münze umwandeln.

*

Auch der Moorhof hatte die Seinigen seit Generationen ernährt, und seiner stattlichen Größe, seines behäbigen Aussehens nach zu schließen, nicht einmal schlecht.

Er lag am Rande des Moores, eine gute Wegstunde von Hochmoos, einem Bergbauerndorf, entfernt. Wie eine sattgrüne Halbinsel zog sich der urbar gemachte, fruchtbare Boden hinein ins rötlich-braune Hochmoor, das sich zwischen steil aufstrebenden Gipfeln erstreckte, vor undenklicher Zeit aus einem Gletschersee entstanden.

Ein fast enzianblauer Föhnhimmel spannte sich über die noch weiß überstäubten Berge, in deren schattigen Schrunden und Karen der Schnee gewiss noch meterhoch lag. Im Hochtal jedoch war der Frühling bereits eingezogen.

Dort schaukelten auf den Matten weißsternige Buschwindröschen im lauen Wind, der von den südlichen Hängen herabstrich. Die Luft war glasklar, die Schroffen der Berge schienen zum Greifen nahe, und der Ausblick reichte weit hinaus ins flache Land, bis die Ebene im Dunst verschwamm.

Über dem behäbig im Sonnenschein liegenden Moorhof herrschte ungewöhnliche Stille, eine geradezu feiertägliche Ruhe. Und doch war es ein ganz gewöhnlicher Werktag, und jeder ging seiner Arbeit nach. Nur, man tat dies weit weniger geräuschvoll als gewöhnlich, jeder versuchte, unnötigen Lärm zu vermeiden.

Oben in der großen Kammer im ersten Stock lag der Moorhofbauer und starb einen langsamen, doch unabwendbaren Tod.

Wohl am leisesten, fast so geräuschlos wie eine Natter, glitt die Sophie durchs Haus. Doch dies war von jeher ihre Art. Diese hagere, asketisch aussehende Mittfünfzigerin, mit ekstatischem Feuer im dunklen Blick, hatte – vor vielen Jahren schon – den allzu frühen Tod der Moorhofbäuerin miterlebt. Seit damals hatte sie das Kommando im Haus übernommen, war sie die Hauserin. Sie hatte noch immer das absolute Sagen, obwohl Margret, die Hoftochter und Erbin, längst eine erwachsene Frau war.

An diesem föhnklaren Frühlingstag, es ging auf Mittag zu, betrat die Sophie lautlos die große, geräumige Küche, verharrte wie überlegend in der offenstehenden Tür. Ihr kantiges, blasses Gesicht blieb ausdruckslos, während sie die junge Frau beobachtete, die mit dem Rücken zu ihr stand und in einer Schublade der langen Anrichte kramte.

Plötzlich sagte sie mit ihrer leisen und schnarrenden Stimme: »Man sollt’ um den Herrn Pfarrer schicken!«

Erschreckt fuhr Margret Bichler herum. »Jessas, du kannst einen aber auch erschrecken!« Sie musste tief durchschnaufen, ehe sie begütigend hinzufügte: »Es ist halt der Föhn, der dem Vater so zusetzt. Außerdem hab’ ich den Alois eh zum Doktor geschickt, damit er …«

»Das Seelenheil ist wichtiger! Wie soll er denn hintreten vor seinen Herrgott, wenn er net für die Ewigkeit gerichtet ist, hm?«

Die Moorhofertochter, eine etwas farblose, unauffällige Frau, Anfang Dreißig, kannte Sophies übersteigerte Frömmigkeit. Sie hatte sich längst daran gewöhnt. Mit einem resignierenden Aufseufzen wandte sie ein: »Wie oft soll er denn noch mit den Sterbesakramenten versehen werden? Was für Sünden kann sich denn so ein Schwerkranker, der sich eh nimmer aus dem Bett rühren kann, noch aufladen? Keine drei Wochen ist es her, seit ihn der Pfarrer versehen hat.« Man hörte es ihr an, dass sie für übertriebene Frömmigkeit nichts übrig hatte.

Da trat die Hauserin, die in ihrem strengen schwarzen Gewand noch unnahbarer wirkte als sonst, auf Margret zu, legte ihr die knochigen Hände auf die Schultern und drückte sie unnachgiebig in einen Stuhl. »Du weißt doch, ich mein’s nur gut. Hätt’ ich sonst mein ganzes Leben für euch, die Moorhoferischen, geopfert?! Man muss ihm das Sterben erleichtern! Und das liegt an dir. Mir ist, als könnt’ er net eher gehen, als bis er dich und den Hof in zuverlässige Hand weiß.«

Margret hätte sich gern aus dieser zähen Umarmung befreit, sie wusste, worauf die Sophie hinauswollte, und es war ihr unangenehm. Doch sie musste stillhalten zwischen den sehnigen Armen, die ihren Kopf mit der Kraft eines Schraubstocks umklammert hielten, gegen eine flache, harte Brust gepresst.

Beschwörend fuhr die Sophie fort: »Gesteh’s ihm wenigstens auf dem Sterbebett, wer der Vater von deinem Franzi ist! Und wennst ihn schon net heiraten kannst, diesen ehrvergess’nen Lumpen, der dich in die Schand’ bracht hat, nachher musst halt doch den Alois nehmen! Tu’s – deinem Vater z’lieb! Und dem Hof! Und deinem Buben …«

Sich mit einem heftigen Ruck befreiend, fiel ihr Margret ins Wort: »Du weißt genau, wie wenig sich mein Franzi mit ihm versteht, und überhaupt …«

Mit eiskaltem Blick hielt ihr die Hauserin unnachgiebig entgegen: »Er braucht eine starke Hand, der Moorhof einen Bauern und du deine Ehr’ wieder!«

Margret strich sich fahrig übers fahlblonde Haar, das sie zu einem schmucklosen Knoten zusammengesteckt trug, und sagte: »Ich tu’ nix Unrecht’s, arbeit’ von früh bis spät, zieh’ mein Kind auf …«

»Das keinen Vater hat! Herrgott, so denk doch an die Sünd’, die Schand’ …«

Bitter kam es zurück: »Ich hab’ sie neun Jahr’ ertragen, da wird sie mich jetzt auch nimmer umbringen.« Damit wandte Margret sich wieder der noch geöffneten Schublade zu.

Die Hauserin warf einen hilfesuchenden Blick zur Küchendecke hinauf und mahnte nochmals: »Der Alois ist so ein rechtschaffener Mensch, der nix als die Arbeit, die Sorg’ um den Hof im Kopf hat …«

›Ich könnt’ dir schon verraten, was er sonst noch alles im Kopf hat!‹, dachte sich Margret. ›Aber mir kann’s einerlei sein! Denn ihn nahm ich zuallerletzt!‹

»… wer weiß, was sonst aus dem schönen Sach’ wird?«

»Es dauert keine zehn Jahr’ mehr, da ist mein Franzi auch soweit. Ich versteh’ net, warum ich unbedingt heiraten soll, wo doch ein Hoferbe da ist? Noch dazu ein leiblicher!«

»Ein lediger!«, stieß die Sophie geringschätzig hervor. »Nach all die Jahr’, die er sich um alles angenommen hat, hätt’ der Alois schon eine andere Behandlung verdient …«

»Herrschaftseiten, wo sind denn bloß die Reißnägel?«, rumpelte es Margret ungehalten heraus; ihr ging dieser Sermon längst gründlich auf die Nerven.

»Die Reißnägel? Jessas, die sind in meiner Kammer. Mir ist das Bildl vom Heiligen Sebastian von der Wand … Wart, ich hol ’s gleich!« Schon huschte die Sophie aus der Tür.

Nachdenklich starrte die junge Moorhoferin ihr nach, bis sie schließlich kopfschüttelnd vor sich hin murmelte: »Herrgott, wie man sich nur so was Grauslich’s aufhängen kann! Man könnt’ sich ja im Finstern glattweg schrecken! Naa, ich dank’ schön!« Dabei überrann sie bei der Vorstellung des gemarterten Heiligen ein kalter Schauder. Was war die Sophie bloß für ein Mensch?

Die Tür wurde aufgestoßen, und die dralle, runde Gunda kam herein, sie trug eine Schüssel mit unansehnlichen, schon arg verschrumpelten Äpfeln unterm Arm. Mit einem bedauernden Lächeln begann sie: »Mehr hab’ ich leider nimmer z’sammenbracht, Bäuerin.« Damit stellte sie ihre Schüssel mit der kümmerlichen Ausbeute auf den Tisch.

Margret nickte dem sympathischen Mädchen mit dem netten Grübchengesicht dankend zu und erwiderte mit einem besorgten Aufseufzen: »Für einen kleinen Strudel langt’s allemal. Wer weiß, ob …« Sie konnte nicht weiterreden, wandte sich um und fuhr sich hastig über die Augen.

Tröstend kam es von der um wenige Jahre jüngeren Magd: »Es hat oft schon bös’ ausg’schaut, Bäuerin, und allweil hat er sich wieder herausgerauft, unser Bauer. Am End’ richtet ihn seine Leibspeis’ wieder z’samm. Weißt, der Föhn halt …«

»Ja, gelt, der Föhn! Das sag’ ich auch!«, kam es erleichtert von der Moorhofertochter. Auf die Schüssel weisend, fügte sie hinzu: »Hast Zeit, fängst gleich mit dem Schälen an?«

Sichtlich betreten gab die Magd zu: »Die Sophie hat gemeint, ich müsst’ die Geranienkästen …«

»Ach so, ja freilich«, gab sich die Hoferbin erstaunlich rasch zufrieden.

Es war halt nun einmal so eingeführt, dass es die Hauserin und nicht Margret war, die alles bestimmte, was den Haushalt betraf. Dass sich dies nicht stets zum Vorteil des Moorhofes ausgewirkt hätte, konnte keiner behaupten.

*

In gemächlichem Schritt zuckelte der Haflinger bergauf; hinter ihm rumpelte das Brucknwagerl mit den leeren Milchkannen.

Neben diesem Gefährt marschierte der Alois, ein grobschlächtiges Mannsbild, in blauer, geflickter Arbeitskleidung. Das derbe, fast etwas brutal wirkende Gesicht überschattete ein breitkrempiger Filzhut, den eine blaue Eichelhäherfeder schmückte. Unter dieser Krempe hervor, die ein Paar wasserhelle, fischige Augen fast verbarg, beobachtete er den Franzi, der auf dem Bock saß. Bald schon, das wusste er, würde ihm der Geduldsfaden reißen; lange schaute er diesem Hundsbuben, dem miserabligen, nicht mehr zu.

Der Franzi stützte sich mit dem rechten Fuß an der vorderen Planke des Wagens ab, akkurat dort, wo die lange Peitsche in der dafür vorgesehenen Halterung steckte. Und jedesmal, wenn das Gefährt über einen Stein holperte, half er mit dem Fuß nach, tippte den langen, elastischen Peitschenstiel an, sodass die geknotete Schnur über den breiten, glänzenden Rücken des Pferdes tänzelte. Dass dies nicht unabsichtlich geschah, verriet das versteckte und zugleich herausfordernde Grinsen in dem sommersprossigen Lausbubengesicht.

Der Haflinger schien allerdings zu wissen, dass diese Streiche nichts Besonderes zu bedeuten hatten. Doch bei jeder Berührung der Peitschenschnur zuckte sein goldbraunes Fell nervös.

Bei diesem Spielchen war nicht ganz sicher, wollte der Franzi den Haflinger oder den Alois ärgern?

Plötzlich jedoch gefror ihm sein Grinsen, als das Pferd, er hatte wohl doch etwas zu kräftig getreten, einen unerwarteten Sprung tat, sodass es ihn schier von seinem Platz riss. Sein Schulranzen, der neben ihm lag, landete dann bei den scheppernden Milchkannen.

Aber da war auch schon der Alois da, der ihn mit einer Hand vom Bock lupfte und unsanft auf die Erde stellte. Während er sich an Franzis linkem Ohrwaschel vergriff, stieß er zornig hervor: »Dir werd’ ich’s zeigen, Rotzbub’, elendiger! Du ärgerst mir den Maxi net noch einmal! Was fallt denn dir ein, ha?!«

Franzis kugelrunder Kopf, von dem das strohgelbe Haar borstig abstand, war im Nu genauso feuerrot angelaufen wie sein malträtiertes Ohr, und er plärrte: »Das sag’ ich aber meiner Mama, dass du’s weißt!«

»Von mir aus«, brummte der Alois, ließ ihn ziemlich unsanft los und fügte im Davongehen – er musste seinen Haflinger einholen – hinzu: »und jetzt kannst z’ Fuß heimtippeln!«

Schier berstend vor ohnmächtiger Wut, bückte sich der Bube und hob den nächstbesten Stein auf. Er hatte die Faust mit dem Stein bereits erhoben, als sich der Alois zufällig nach ihm umwandte, um zu sehen, wo er blieb. Kraftlos sank die Hand herab, der Stein fiel zu Boden.

»Trau dich ja net, Bürscherl!«, war alles, was der Großknecht sagte, ehe er seinem Gefährt folgte.

Der Franzi richtete sich an einem drohend gemurmelten: »Ich sag’s schon meiner Mama, nachher kann er was erleben!« wieder auf und trabte lustlos hinterdrein. Wie bequem wäre es auf dem Milliwagen gewesen!

Der Alois kümmerte sich nicht weiter um den Buben. Er führte seinen Haflinger am Zügel. Aufzusitzen wäre ihm, wenn’s bergauf ging, nie eingefallen.

Als man aus dem lichten Waldgürtel herauskam, über ihnen groß und stolz der Moorhof auftauchte, dessen viele Fenster wie Feueraugen im Sonnenschein glühten, ließ er den Maxi ein wenig kräftiger anziehen. Wie jedes Mal bei diesem Anblick, erschien ein geradezu hungriger Ausdruck in seinen wasserhellen Augen.

Auch er war bereits erspäht worden: von Gunda. Sie schleppte zusammen mit dem Lenzl die schweren Geranienkästen vors Haus, um die blassen Pflanzen erst wieder an Luft und Sonne zu gewöhnen. Wenn ihr Herz auf einmal schneller schlug, so lag das weniger an der Plagerei als an der unübersehbaren Erscheinung des Großknechtes.

Plötzlich entschlüpfte ihr ein deutlich besorgtes: »Jessas, da schau, Lenzl, der Franzi kommt ganz da drunten daher!«

Der hochaufgeschossene, schlaksige Jungknecht meinte mit einem schiefen Grinsen: »No ja, werden sie halt wieder über Kreuz mit’nander gekommen sein, unser Großer und unser Kleiner.« Mit etwas gedämpfterer Stimme – man hörte das Klappern von Geschirr durch die geöffneten Stubenfenster – fügte er hinzu: »Wunder wär’s keins. Ich könnt’ diesem Hundkrippi auch ab und zu den Kragen umdrehen.«

Gunda hatte keinen Zweifel, wer damit gemeint war. Sie warf jedoch einen ängstlichen Blick zu den Stubenfenstern hin, tippte sich mit dem Finger an die Lippen. Nun rief sie laut: »Bäuerin, der Alois und der Franzi kommen heim.«

»Essen ist schon fertig«, kam es aus der Stube zurück.

Mit der ganzen Dreistigkeit und Ignoranz seiner achtzehn Jahre sagte der Lenzl, in völliger Verkennung der Zusammenhänge, zur Stallmagd: »Kein Wunder, dass der Alois net Moorhofer wird, wenn er sich net einmal beim Kleinen behaupten kann. Wenn er der Bäuerin ihr Herzbinkerl net …«

Mit einer an ihr ungewohnten Schärfe fuhr ihm die Gunda über den Mund: »Was fallt dir denn ein, ha? Noch net ganz trocken hinter die Ohrwascheln, aber g’schwoll’n daherreden.«

Besonders viel Respekt schien der Jungknecht vor ihr nicht zu haben, denn er hielt ihr entgegen: »Unsereins hat auch Augen im Kopf.« Dazu setzte er ein wissendes Lächeln auf.

Gundas nettes, pausbäckiges Gesicht lief zornrot an. »So ein saudumm’s G’wäsch! Weißt denn net, dass sie mit’nander verwandt sind?«

»Aber bloß um sieben Ecken«, kam es ungerührt zurück.

Ehe Gunda zurückschnappen konnte, trat Margret aus der Haustür. Sie besah sich die winterfahlen Geranienstöcke, die glasigen Wassertriebe und meinte: »Damit ist kein Staat z’ machen. Da braucht’s viel Taubenmist, dass sie anschieben … Jessas, warum tippelt denn mein Franzi z’ Fuß hinterm Fuhrwerk her?« Bereits aus ihrem Ton war deutlicher Vorwurf herauszuhören.

»Er wird halt net haben aufsitzen wollen«, wandte die Gunda beschwichtigend ein.

»Geh zu! Wo ihm eh der Schulweg viel zu weit ist.« Damit ging die junge Moorhoferin den Heimkommenden entgegen.

Kaum dass sie außer Hörweite war, murrte die Stallmagd verächtlich: »Allweil dieses G’scherr mit diesem Hundsbuben! Er wär’ g’wiss anders, wenn er ab und zu eine saftige Tachtel einfangen tat’. Ich möcht’ net wissen, wo das noch einmal mit ihm hinführt.«

Der Lenzl, der nun eine für ihn unterhaltsame Auseinandersetzung zwischen dem Großknecht und der Bäuerin erwartete, sah sich zu seinem Bedauern getäuscht.

Die Sorge um den schwerkranken Vater ging vor, sodass Margrets erste Frage an den Alois war: »Was hat der Doktor gesagt?«

»Mama, der Alois hat …«, plärrte der Franzi mit dem Aufheulton einer Sirene.

Ungeduldig mahnte seine Mutter: »Psst, Franzi, jetzt net! Dem Großvater geht’s net gut.«

»Der Doktor sagt, dass er im Lauf des Tages heraufkommt und nachschaut. Aber er fürchtet, er kann net viel für den Bauern mehr tun. Die Tropfen hab’ ich von der Apothek’n mit’bracht …«

»Gib sie gleich her!«, fiel sie dem Großknecht ins Wort. »Er schnauft so hart.«

Ungerührt heulte der Franzi erneut auf: »Mama, der Alois hat mich …«

»Herrschaftseiten, jetzt sei endlich still!«, fuhr Margret ihn überraschend scharf an.

Der Alois sah sie erstaunt, beinahe ungläubig an, während es dem Buben glattweg die Stimme verschlug.

*

Die untergehende Sonne ließ die noch firnbedeckten Gipfel im Osten rosenrot aufglühen, legte einen goldenen Glast über das Hochtal, das Moor. Auch der Moorhof wurde noch einmal für kurze Zeit in gleißendes Licht getaucht, während im Osten die blauen Schlagschatten schon länger wurden, abendliche Kühle herab strich.

In der Stubenkammer herrschte sanftes Dämmerlicht, es milderte das erschreckende Aussehen des Schwerkranken, denn der Moorhofer schien nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen, er war bis zum Skelett abgemagert. Die gelblich verfärbte Haut verriet das schwere Leberleiden.

Übergroß erschienen die Hände an den dürren Armen, den knotigen Gelenken. Einstmals hatten sie schwere und schwerste Arbeit verrichtet, und nun lagen sie, in ihrer Größe und Untätigkeit merkwürdig befremdlich wirkend, auf der Bettdecke, zupften nur hier und da kraftlos, als wollten sie nach einem Halt suchen.

Freilich, er war ein alter Mann, in den Siebzigern. Und doch empfand es der Alois erschreckend, wie sehr Krankheit einen Menschen zu zeichnen und zu entstellen vermochte. Befangen stand er da, musste sich beherrschen, nicht von einem Fuß auf den anderen zu treten oder wieder umzukehren.

Seine Stimme klang unsicher und gepresst, als er schließlich hervorbrachte: »Bauer«, so hatte er seinen Dienstherrn von Anfang an genannt, trotz des vorhandenen weitschichtigen Verwandtschaftsgrades, »da bin ich. Du wolltest mit mir …« Er brach unvermittelt ab.

Die pergamentenen Lider öffneten sich, der eingesunkene Mund des Schwerkranken begann mühsam Worte zu formen, während er mit einem schwachen Heben der Hand seinem Besucher bedeutete, sich zu ihm zu setzen.

»Du sollst net reden, Bauer, wenn’s dich anstrengt«, sagte der Alois und nahm auf dem Stuhl neben dem Bett Platz.

»Es muss sein, Alois … Bleibt mir nimmer viel Zeit«, brachte der Moorhofer schwach, aber klar verständlich hervor. »Um den Hof geht’s. Lass ihn net im Stich …, net verkommen! Bleib da! Am End’ wird doch noch alles recht, mit dir und der Margret …« Er musste schwer atmend abbrechen, Kräfte sammeln.

Mit einem hilflosen Achselzucken gab der Großknecht resignierend zu: »Sie will halt nix von mir wissen. Wer weiß, ob sie mich überhaupt auf dem Hof lässt, wenn … wenn …, no ja, Bauer, wennst du einmal nimmer bist. Mir g’hört ja nix, ich hab’ nix zu sagen.«

Der Kranke schien ihn schon verstanden zu haben. Doch er wandte ein: »Ich will nichts schreiben, Alois …, möcht’ das der Margret net antun. Du verstehst …?«

Der Alois verstand zwar durchaus nicht, nickte jedoch pflichtschuldig, wobei sich seine Miene zusehends mehr verhärtete, mitleidloser wurde.

»Sie wird schon noch einsehen, was sie an dir hat, dass sie und der Hof dich brauchen. Denn für so eine Wirtschaft g’hört schon ein Mannsbild her, das sein Sach’ versteht. Das ist keine Weiberleutarbeit …« Wieder verließ den Kranken das letzte bisschen Kraft, musste er hart nach Atem ringen.

Es blieb unklar, ob Margret nicht an der Tür gelauscht hatte. Denn unvermittelt betrat sie die Kammer, entschied sofort: »Es ist besser, du gehst, Alois! Das Reden wird dem Vater zuviel, strengt ihn zu sehr an. Wenn’s ihm wieder besser geht, nachher kannst allweil wieder …« Weiter kam sie nicht. Ein geradezu durchbohrender Blick aus Alois’ Augen brachte sie zum Schweigen, als er an ihr vorüber aus der Kammer ging.

Am Fuße der Treppe erwartete ihn die Gunda und fragte ungeduldig, die braunen Augen ängstlich auf ihn gerichtet: »No und? Was hat er denn wollen von dir, der Bauer?« Dabei fasste sie ihn am Joppenärmel.

Er schüttelte ihre Hand ab, so als fühlte er sich belästigt, dann raunzte er abweisend: »Geht’s dich was an?!«

Gundas Gesicht wurde zu einer tief gekränkten Grimasse, kraftlos fiel ihr Arm herab. Tonlos, ein trockenes Aufschluchzen unterdrückend, hielt sie ihm entgegen: »Ich hab’ g’meint, wir g’hören z’samm?«

»Dass davon nie die Red’ gewesen ist, weißt so gut wie ich.« Er wollte davongehen, bemerkte aber noch grausam: »Ich hab’ mich dir nie aufgedrängt. Oder?« Ohne ihre Antwort abzuwarten, verließ er den Hausflur mit langen Schritten.

Da kam es zornig aus ihr heraus: »Aha, versteh’ schon. Ich bezweifle aber, dass sich die Bäuerin anders b’sinnt, wenn der Bauer nimmer ist. Warum soll sie dich nachher noch zum Moorhofer …?« Ein bitteres Aufschluchzen erstickte ihre Stimme, hastig barg sie das Gesicht in beiden Händen und verschwand hinter einer der angrenzenden Türen.

Sie musste mit ihrem Kummer ganz allein fertig werden. Es durfte ja niemand wissen, was zwischen ihr und dem Großknecht war. Wenn die sittenstrenge Sophie davon Wind bekam, war es mit ihrer Liebe, ihren Träumen und Sehnsüchten aus und vorbei. Sie würde, das stand fest, den Hof von einem Tag auf den anderen verlassen müssen. Die Hauserin duldere nichts Unmoralisches in ihrer Nähe, lag in einem ständigen Kampf mit der ›Erbsünde‹, das heißt, damit, was sie darunter verstand.

Freilich, in Augenblicken wie diesem, wenn ihr der Alois die Suppe wieder einmal gründlich versalzen hatte, fragte sie sich schon, ob es nicht ohnehin vernünftig wäre, sich anderswo nach einer Stellung umzuschauen. Ihr größter Herzenswunsch, von ihm doch noch geheiratet zu werden, schien erneut in weite Ferne gerückt zu sein.

Was half jedoch alle nüchterne Einsicht gegen Gefühle, die stärker als sie waren, gegen die sie sich nicht wehren konnte? Sie liebte diesen grobschlächtigen, zumeist auch oft noch recht frostigen Menschen nun mal.

*

Der Moorhof schien in einem Nebelmeer zu versinken. Die grauen Schleier, die vom Hochmoor herabkrochen, verwoben sich mit einer tief hängenden Wolkendecke. Ein feiner, aber anhaltender Nieselregen schluckte noch etliches des spärlichen Tageslichtes, ließ die Welt noch trister erscheinen.

Im Moorhof herrschte heute eine beklemmende, fast greifbare Stille. Der Geruch brennender Kerzen und schwerer Weihrauchduft zogen durchs Haus.

Der alte Moorhofer-Franz war seinem langen Leiden erlegen. Er hatte endlich heimgefunden in die Ewigkeit, wo seine Bäuerin längst schon auf ihn wartete. Und nun lag er, in seinem besten Gewand aufgebahrt, oben in der Stubenkammer; in den wächsernen Händen das schwarze Sterbekreuzchen, von brennenden Kerzen umrahmt.

Dieses Ende war für die Hofbewohner nicht überraschend gekommen. Und selbst Margret zeigte sich gefasst, nun, da ihr Vater von seinem langen, qualvollen Siechtum erlöst worden war. Viel Zeit, sich ihrem Schmerz hinzugeben, blieb ohnehin nicht. Um den Verstorbenen, so wie es Brauch war, ›richtig hinüberzurichten‹, gab es viele Vorbereitungen zu treffen.

Bereits vor Stunden war die Gunda ins Dorf hinuntergegangen, zur Leichenbitterin. Gewiss hastete die alte Ropfen-Mirl schon von Haus zu Haus, um die Leich’ einzusagen. Und gegen Abend würden sich dann Freunde und Bekannte, nach alter Sitte, zum Sterbe-Rosenkranz einfinden.

»Jessas, wo nur die Gunda wieder so lang bleibt?«, seufzte die Moorhofer-Margret auf und warf einen kurzen Blick aus dem Fenster.

Die Sophie füllte die bereitstehenden Weihwasserschüsselchen aus einem großen Steinkrug auf; geweihtes Osterwasser, das ihr nie ausging. Diese stets gefüllten Gefäße durften in keiner Stube, keiner Kammer fehlen, hatten ihren Platz gleich neben der Tür. Beiläufig erwiderte sie: »Sie wird sich halt wieder von einem End’ zum andern durchratschen.«

Ohne darauf einzugehen, fragte die Margret: »Hast du den Buben gesehen? Wo der grad wieder steckt?«

»Weit kann er net sein bei dem Sauwetter. Obwohl, bei ihm weiß man nie, was er grad anstellt.«

»Dass ihr allweil was an ihm aussetzen müsst!« Margret hatte Mühe, ihre Stimme zu beherrschen, leise zu sprechen, aus Rücksicht auf den Toten im Haus.

Ebenfalls gedämpft, doch gereizt schnarrte die Hauserin zurück: »Weil’s wahr ist. Aus den Augen darf man diesen Hundsbuben nie lassen. Möcht’ bloß wissen, von wem er das hat!« Dabei beobachtete sie die junge Frau mit scharfen, stechenden Augen. Als keine Antwort kam, fuhr sie fort: »Man kann sagen, was man will: So ein aufwachsender Bub’ braucht einen Vater, eine feste Hand. Mit dir allein wird er bald Schindluder treiben …«

»Ich bitt’ dich, Sophie, es ist jetzt net der Augenblick …«

Die Sophie hörte schon nicht mehr zu, verließ auf ihren merkwürdig geräuschlosen Sohlen, zwei randvoll gefüllte Weihbrunnschüsselchen tragend, die Küche.

Ratlos, gleichzeitig aber auch verängstigt und verstört, sah die junge Frau vor sich ins Leere. Trotz des gefestigten, selbstsicheren Eindrucks, den sie machte, schien ihr die Zukunft doch einiges Kopfzerbrechen zu bereiten.

Als dann gegen Abend die ersten Trauergäste eintrafen, waren es trotz des beschwerlichen, weiten Weges hier herauf, nur alte Leute, die dem Verstorbenen diesen althergebrachten Dienst erwiesen. So gespannt die Sophie auch jeden Ankommenden erwartete, außer zwei, nunmehr auch längst zu gestandenen Familienvätern ausgewachsenen Patenkindern des Moorhofers, war keiner unter fünfzig. Doch vielleicht ließ sich Franzis Vater bei der Beerdigung ausfindig machen?

Nach einem kurzen stillen Gebet in der Kammer des Verstorbenen, dessen Gesicht im Schein der Kerzenflammen gelöst, aber auch seltsam entrückt wirkte, versammelte man sich in der großen Bauernstube zum schmerzhaften Rosenkranz, der Totenlitanei.

An die zwei Dutzend Menschen fanden sich ein, und bald war im Hause nur noch das monotone Gemurmel der Betenden zu hören, abwechselnd die dunkleren Stimmen der Mannsbilder und der hellere Singsang der Weiberleute, aus denen deutlich Sophies ekstatischer Ton herauszuhören war.

*

Menschen, die fest eingebunden sind in den natürlichen Ablauf des bäuerlichen Jahres mit seinem Werden und Vergehen, Säen und Ernten, nehmen den Tod zwar als etwas sehr Schmerzliches, aber mit mehr Gelassenheit und demütig hin. Man findet sich mit dem Unabänderlichen schneller ab, denn es ist ein Teil jeglichen Lebens.

Auch auf dem Moorhof ging es nach dem Tode des alten Bauern unverändert weiter, bestimmten Jahreszeit und Alltag das Handeln und Arbeiten der Menschen, blieb die Zeit wegen dieses traurigen Ereignisses nicht stehen.

Wenn sich der Alois insgeheim vielleicht doch noch etwas Schriftliches vom Bauern erhofft hatte, wenigstens ein kleines Anrecht, das er bei der Margret geltend machen konnte, so sah er sich getäuscht. Nach all den Jahren treuer Dienste, in denen er für zwei geschuftet und gewerkt hatte, fühlte er sich nun – schließlich war man auch noch miteinander verwandt – recht schmählich übergangen. Er hätte sich jedoch lieber die Zunge abgebissen als dies zuzugeben. So fraß er auch diese Enttäuschung stumm in sich hinein. Nur, so ganz schien er die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben zu haben, dass ihn die Margret, wenn auch nicht aus Liebe, so doch am Ende aus Vernunft heiraten würde.

Als das Frühjahr in den Sommer überging, im Moor das Wollgras und der glitzernde Sonnentau blühten, die Wiesen um den Hof bunt gesprenkelten Fleckerlteppichen glichen in ihrer mannigfaltigen Blumenpracht, fasste sich der Kreglinger-Alois ein Herz und begann etwas umständlich: »In der Hinteren Filzen müsst’ der Torfstadel instand g’setzt werden. Jetzt hätten wir dazu noch Zeit, bis das Heu so weit ist, wir mit der ersten Mahd anfangen –«

Margret, sie wirkte in den schwarzen Trauerkleidern noch herber, auch älter, die soeben den Tisch deckte, hielt ein und wandte sich nach ihm um. Sie sah ihn verständnislos an, ehe sie entgegnete: »Seit wann fragst mich denn was wegen der Arbeit? Bisher hast auch g’wusst, was ansteht.«

»No ja, bisher hab’ ich ja auch den Bauern fragen können.«

»Als ob dir der Vater viel dreingeredet hätt’.«

»Jetzt ist es aber dein Hof. Könnt’ ja sein, du möchtest das eine oder andere anders haben.«

»Naa, naa, mach, was du für richtig hältst.«

Da fuhr es ihm heraus: »Nachher kannst mich ja gleich zum Bauern machen.«

Etliche Atemzüge lang war es unheimlich still in der Bauernstube. Nur das Ticken der Stockuhr war überlaut zu hören.

Obgleich sie verstanden hatte, fragte sie unsicher: »Wie meinst jetzt das?«

Zuerst ein krampfhaftes Räuspern, dann ein halb verlegenes, halb dreistes: »No ja, heiraten wir halt!«

Auf Margrets Wangen erschienen runde, hektisch rote Flecken, als sie sich hastig umwandte und das Besteckbündel klirrend auf den Tisch fallen ließ. So zornig, als wäre sie beleidigt worden, stieß sie hervor: »Was dir einfallt! Und das, kaum dass der Vater unter der Erd’ liegt! Wie …«

»Ich tat’ selbstredend warten, Margret«, wandte er schnell und schon voller Hoffnung ein. »Gar keine Frag’. Bloß, dass man weiß, wie man dran ist …«

»Wie du dran bist? Als ob’s darüber je den geringsten Zweifel gegeben hätt’! Ich hab’ nie einen Hehl draus g’macht, dass ich mit meinem Buben allein bleib’ …«

»Aber der Hof braucht …«

Unbeirrt fuhr sie fort: »In spätestens zehn Jahren ist mein Franzi selber der Bauer. Ein Hoferbe ist also da! Was will ich denn noch mehr? Naa, wirklich, Alois, mir ist net nach Heiraten. Und wegen dem Sach’ schon gleich gar net.«

Es war wohl ihre bestimmte Art gewesen, die ihm auch den letzten Hoffnungsschimmer zunichte gemacht hatte, denn mit jedem ihrer Worte war sein Gesicht länger geworden.

Nachdem er eine Weile blind vor sich hin gestarrt hatte, murmelte er niedergeschlagen: »Ja no, Margret, da kann man wohl nix mehr machen.«

Mit einem gezwungenen Lächeln meinte sie versöhnlich: »Geh zu, lass den Kopf net hängen! Es heißt doch: Wegen einer einzigen Staud’n verreckt keine Geiß! Es gibt doch soviel andere, jüngere Mädeln, die … Und wenn mich net alles täuscht, nachher wüsst’ ich sogar eine, die sofort und auf der Stelle ja …«

Ohne sie ausreden zu lassen, fiel er ihr ins Wort: »Möchtest mir den Hof net verpachten?«

»Ich? Dir den Moorhof verpachten? Wie kommst denn da drauf?«

»Du kümmerst dich ja kaum drum, überlasst alles mir. Da könnt’ ich ja gleich mein eigener Herr sein.« Seine wasserhellen, wie verwaschen aussehenden Augen bekamen einen geradezu lauernden, gierigen Ausdruck, während er sie beobachtete, auf ihre Antwort wartete.

Einigermaßen irritiert über dieses doch recht ungewöhnliche und unerwartete Angebot stand die Margret da und wusste nicht gleich, was sie darauf sagen sollte. Schließlich brachte sie verunsichert hervor: »Naa, du ich glaub’ net, dass damit viel aufg’steckt ist.« Entschiedener fuhr sie fort: »Naa, naa, ich kann da nichts Rechtes drin finden. Naa, wirklich, Alois, so was tat’ uns grad Verdruss bringen. Denn über kurz oder lang müsstest ohnedies …« Nun war sie es, die ihm den Rest des Satzes ersparen wollte.

Ohne sich so rasch zufrieden zu geben, hielt er ihr hartnäckig entgegen: »Du brauchtest keine Sorg’ zu haben, Margret, dass ich an Haus und Hof und Grund und Boden was verschlampen lassen tat’, bloß auf einen schnellen Profit aus wär’. Alles tat’ ich hüten, wie wenn’s mein Eignes wär’…«

»Und nachher müsstest es doch aus der Hand lassen. Glaub’ mir, das wär’ auch für dich kein gutes Arbeiten.« Sie blickte nachdenklich vor sich hin, ehe sie hinzufügte: »Ich seh’s ein, du willst was Eignes. Drum versteh’ ich’s, wenn du gehst, dir was suchst. Mit deiner Tüchtigkeit, deinem Fleiß …«

Sichtlich erschrocken entfuhr es ihm: »Nie könnt’ ich den Moorhof im Stich lassen!«

»No, no, no, als ob ich ihn z’grund richten tat’, den Hof, ohne dich.«

Seine Mundwinkel zogen sich verächtlich herab, sein Ton klang geringschätzig, als er hervorstieß: »Weiberwirtschaft!«

»Und? Es ist ja allweil noch mein Sach’!«

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